Zum christlich-jüdischen Abendland. Sowie ein kurzer Blick auf den Briefwechsel zwischen Adorno und Gershom Scholem

Es gibt von zwei Seiten ausgehend eine mehr als problematische Anlehnung ans Judentum: Einmal von der islamophoben Front her, jener Achse der Guten, die beständig von den ewigen christlich-jüdischen und westlichen Werten salbadert, um damit das andere Element auszusondern, während deren Vorfahren nicht müde wurden, eben jene Juden samt ihrer Lebensweise, ihrer Kultur und Religion auszurotten. Auf der anderen Seite findet sich eine eigentümliche Form des politischen, ästhetischen oder philosophisch motivierten Philosemitismus, der eher von der politischen Linken kommt. Sozusagen das Bedürfnis, eine Schuld abzutragen, die die Vorfahren dieser Menschen auf sich luden. Nun grinst der Ostjude in den Karikaturen nicht mehr breit, feist und widerlich mit Hakennase und großen Ohren, wie in der faschistischen Propaganda, sondern es lächelt in der Imago der Rabbiner sanft und fein.

Während das Judentum, das sich für die erste Position wesentlich im Staat Israel manifestiert, für deren Propaganda lediglich als beliebige Spielmarke fungiert – meist mit vollständiger Unkenntnis jüdischen Lebens und deren Lebenswirklichkeiten behaftet –, dient das Judentum insbesondere der zweiten Partei als eine Projektionsfläche eigener Sehnsüchte und Regungen. Das und insbesondere die Haltung des „Nie wieder!“ ist mir einerseits nicht unsympathisch, führt aber in dieser unidirektionalen Sicht zu Problemen und Ausgrenzungen anderer Art. Sofern diese Haltung zugleich nicht kritisch sich reflektiert, wird sie problematisch und vereinnahmend. Der Nicht-Jude ist nun einmal kein Jude – da kann er anstellen, was er will. Im Juden manifestiert sich in dieser Sicht das Andere.

Dieses Anders-Sein erwirkt aber wiederum Zuschreiben und Fixierungen: gleichsam ein ontologisch-anthropologisches Paradigma. Zwischen diesen Positionen changierend: Der Staat Israel. Da gerät dann innerhalb dieser mehr als komplexen Dimensionen manches durcheinander, und die Kritik an den Repressionen des Staates Israel gegen Araber/Palästinenser wird allzu flugs und leichtfertig als Antisemitismus gedeutet. Derart werden die Kategorien und Begrifflichkeiten verwechselt und Differenzen innerhalb eines komplexen Feldes unterschiedslos gemacht. Antisemitisch ist eine Kritik an Israel dann, wenn das, was Israel mit den Palästinensern macht, als intrinsische Eigenschaften der Juden gedeutet wird. Aber was Israel politisch veranstaltet, ist nicht typisch jüdisch, sondern es handelt sich um Machtausübung eines Staates. Leider ist jener Antisemitismus nicht nur in der BRD wirksam und virulent.

Zum deutsch-jüdischen Dialog in den 60er Jahren in der BRD schrieb Adorno in seinem Briefwechsel mit Gershom Scholem am 22. Juni 1965 von Frankfurt am Main nach Jerusalem:

 „Schon wenn man ein Wort wie jüdisch-deutsches Gespräch hört nach dem Geschehenen, kann es einem übel werden, und es ist die einfache Wahrheit, daß es ein solches Gespräch nie gegeben hat, und daß die sogenannten größten Deutschen wie Kant und Goethe Dinge geschrieben haben, die sich nun doch ausnehmen wie die Scheite, welche das alte Weiblein zum Scheiterhaufen des Hus herbeischleppte. Es ist von einer wahrhaft abgründigen Ironie, daß die Teilnahme am Judentum qua Judentum, und nicht etwa an einzelnen jüdischen Figuren, erst jetzt in Deutschland sich stärker ausprägte, nachdem es dort keine Juden mehr gibt.“ (Th. W. Adorno/Gershom Scholem: Briefwechsel 1939 – 1969)

 Dieser Briefwechsel zwischen Adorno und dem Judaisten Gershom Scholem (geboren als Gerhard Scholem), der 1923 aus Deutschland nach Palästina übersiedelte, um dort als Jude leben und lehren zu können, bietet interessante Einblicke in eine besondere Form des „deutsch“-jüdischen Dialogs, der von Frankfurt und Jerusalem her geführt wurde. Adornos Philosophie läßt sich nur bedingt auf das Judentum zurückführen – anders als die Philosophie Walter Benjamins. Motive jüdischen Denkens wird man bei Adorno nur über Umwege eruieren können. Allenfalls über den Begriff des Messianischen, wie er ihn etwa am Ende seiner „Minima Moralia“ verwendet und wie er in einigen Motiven in den „Meditationen zur Metaphysik“ anklingt. Diese unterschiedlichen Perspektiven, die dennoch nahe beieinander liegen, insbesondere über den Begriff der Negativen Dialektik und des Nichtidentischen bei Adorno und den Erforschungen jüdischer Mystik sowie der Kabbala bei Scholem, geben ein Bild zweier kritischer Intellektueller. Untergründige Folie ihres Schreibens bleibt das faschistische Deutschland sowie eine restaurative BRD. Ebenso aber die Fragen der Philosophie. Scholem wie auch Adorno tauschen sich über ihre philosophischen bzw.. judaistischen Projekte aus; zudem liefert dieser Briefwechsel Zeugnis von den Bemühungen, eine erste Ausgabe der Schriften Walter Benjamins in der BRD erscheinen zu lassen. Ohne die Anstrengungen Adornos und Horkheimers sowie die Arbeit von Scholem wäre die Philosophie Walter Benjamins in der BRD in Vergessenheit geraten oder zumindest doch wesentlich später erst „entdeckt“ worden. Soviel als knapper Abstecher zum deutsch-jüdischen „Dialog“.

Über Bersarin

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3 Antworten zu Zum christlich-jüdischen Abendland. Sowie ein kurzer Blick auf den Briefwechsel zwischen Adorno und Gershom Scholem

  1. summacumlaudeblog schreibt:

    Bravo! Weitergehender Kommentar folgt. Das Kreieren eines christlich-jüdischen Abendlandes auf Kosten des Islams ist im Angesicht der jahrhundertlangen Ausgrenzung der Juden in Europa doch einigermaßen komisch. Ich habe allerdings den Eindruck, dass von „jüdischer Seite“ da nicht so recht mitgemacht wird. Später mehr.

  2. summacumlaudeblog schreibt:

    So nun mit mehr Zeit:
    Das christlich-jüdische Abendland (CJA) ist die neue, erweiterte, gewissermaßen europäisch entschärfte VBariante der deutsch-jüdischen Symbiose ausden 90er Jahren.Die Intention dieser Konstrukte ist absolut deckungsgleich: Historische Entlastung. Aber alleine hält der gehemmt-aggressive Philosemitismus die Hemmunbg nicht aus: Was kommt da gelegener, als über einen behaupteten, gemeinsamen Feind zueinander zu finden? Fortan heißt es CJA gegen den kulturlosen Islam. Woihlfeiler gehts nimmer. Aber ich schrieb es schon: OIrgendwie habe ich den Eindruck, dass sich unsere Konservativen Philosemiten da ein wenig verrechnet haben.

    Die Historie deckt auch nicht die Behauptung. Die Vertreibung der spanischen Juden 1492 trieb sie v.a. in das Osmanische Reich, wo sie gerne aufgenommen worden sind. Und schon beim ersten Kreuzzug verband sich Islamophobie mit Judenhass. Auf dem Weg zur „Befreiung“ Jerusalems wurde in den jüdischen Vierteln des Rheinlandes schon einmal geübt, wie das so geht: Eine Stadt entvölkern. Juden wurden über weite Strecken der Geschichte im CJA bestenfalls geduldet. Eine gemeinsam aufgebaute, europäische Welt der Kultur, wie es das Narrativ mit Namen CJA postuliert, ist auch mit der Lupe nicht zu finden. Im 20. Jhd. dann in Mitteleuropa schon einmal gar nicht. Sollte der Islam als Feind wieder ausfallen oder marginalisiert sein, wird der dominante Teil des CJA das J sehr schnell wieder vergessen haben. Um das zu sehen benötigt man keine delphiischen Gaben. Der gesunde Alltagsverstand reicht dafür völlig hin.

  3. Bersarin schreibt:

    Dieses christlich-jüdische Abendland ist eine der größten Unverschämtheiten. Nicht weil da etwas zusammengedacht wird, was in der Tendenz – einer eher traurigen freilich – zusammengehört, sondern weil hier eine Eigenentlastung von Jahrhunderte lang währenden Progromen betrieben wird, um einen neuen Gegner ins Visier zu nehmen. So zu tun als wäre der Jude der feinste Buddy der Europäer gewesen, entbehrt nicht eines gewissen Chuzpe.

    Richtig ist, daß sich die jüdische Seite dagegen teils zur Wehr setzt.

    Ein besonderes Phänomen sind sicherlich noch einmal die sogenannten Antideutschen. Jedoch kenne ich mich in dieser Ecke der linken Bewegungen nicht sehr gut aus. Der seinerzeit noch auf dem antideutschen Ticket reisende Pohrt, wollte damals in die israelische Armee aufgenommen werden und dort dienen so schrieb che mal irgendwo, wurde aber und naturgemäß zu recht abgelehnt. Der Staat Israel wartet sicherlich nicht auf durchgeknallte Freaks, und die Zeiten der Interbrigaden sind nun einmal vorbei.

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