Narziß und Pygmalion sowie die Emphase des Phantasmas

Fundamental-ontisch gestimmt durch die Heidegger-Lektüre, angeregt durch die Acedia und das Zeiner-Zitat in den ästhetisch verzückten, literarisch imaginierten Liebesbildern, sollten wir weiter über die Liebe schreiben –natürlich in ihrem ontischen Vorkommen. [Ich hätte beinahe, Logik des Unbewußten und in die Klammer gesprochen, geschrieben: in ihrer ontischen Verkommenheit] Nein, die Liebe ist kein Existential und sie ist nicht das Höchste von allem. Das Höchste bleibt die Kraft zur Imagination: den Anderen, die Andere als Bild zu bannen, sie dort einzufrieren wie die Schneekönigin im Spiegel der Vernunft die Welt in Eis erblickt. Die Andere wird immer die radikal Andere bleiben. Unaufhebbar. Allenfalls der kurze Blick der anderen, aus den Augen heraus, die Mimik vermag ein winziges freizusetzen und die Imagination in Gang zu bringen. Wie es schon Nietzsche schrieb, lieben wir am Ende in der Liebe mehr die Liebe selbst, jenes Gefühl der Liebe, als das Objekt, das diese Liebe auslöst.

„Man liebt zuletzt seine Begierde und nicht das Begehrte“, so schrieb es Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“.

Das Objekt ist zufällig gewählt: man trifft sie auf einer Party, im Kreise der Kollegen, an der Universität oder über das Internet. Die Anlässe gestalten sich ebenfalls vermittels des Zufalls: ein schönes Lächeln auf einer Gartenparty im September in Hamburg, ihr Bein, das sich an dem meinen reibt; oder zu einem späteren Zeitpunkt, einfach nur um eine andere Frau zu vergessen, die so schön die Beine reiben kann, und siehe da kommt eine andere. Auch die ist vergessen. Es gibt ihrer viele, und wer recht bei Sinnen ist und zu blicken und zu empfinden versteht, der könnte sich jeden Tag aufs neue verlieben. Es sind die Inszenierungen und das Spiel: Keiner wußte dies besser und konnte die Aspekte von Narziß und Pygmalion sowie der radikalen Emphase besser in eine Anordnung bringen als Kierkegaards Verführer aus „Entweder – Oder“, der sich aber nicht als ein Verführer im herkömmlichen Sinne verstehen mag:

„Wer ein Mädchen nicht derart zu bestricken weiß, daß sie alles aus dem Auge verliert, von dem man nicht möchte, daß sie es sieht, wer sich nicht derart in ein Mädchen hineinzudichten weiß, daß alles von ihr selber ausgeht, dieweil er es will, der ist und bleibt ein Pfuscher; (…) Ich bin Ästhetiker und Erotiker, der das Wesen der Liebe und die Pointe darin begriffen hat, der an die Liebe glaubt und sie von Grund auf kennt, und behalte mir nur die private Meinung vor, daß jede Liebesgeschichte höchstens ein halbes Jahr dauert und daß jedes Verhältnis zu Ende ist, sobald man das letzte genossen hat. All das weiß ich, aber ich weiß auch, daß es der höchste Genuß ist, der sich denken läßt, geliebt zu werden, inniger geliebt als alles auf der Welt. Sich in ein Mädchen hineindichten, ist eine Kunst, sich aus ihr herauszudichten, ist ein Meisterstück. Doch hängt letzteres wesentlich von ersterem ab.“

Was der Verführer in jenem Tagebuch – literarisch sublimiert, imaginiert und verdichtet als ein Text Kierkegaards – als Steigerung des Kierkegaardschen Ästhetikers betreibt, ist die perfekte Inszenierung einer Liebe, die lediglich der Selbstaffizierung dient und dabei doch die Fremdaffizierung erzeugt. Jene Cordelia wird, ebenso wie jener eigentümliche Verführer – im Grunde die Parodie des Don Juan – in dem Glauben leben, geliebt worden zu sein und nun aus eigenem Antrieb jenen Verführer verlassen zu wollen. In den Termini der Spieltheorie läßt sich von einer Win-win-Situation sprechen. Und es springt, wie so häufig, dabei auch noch ein Text heraus. Uns Bewohner des Grandhotel Abgrund erfreuen solche Texte. Die Wahrheit der Kierkegaardschen Inwendigkeit ist das Auswendige.

In solcher Ästhetik der Selbstaffektion und der Sublimierung kommt Liebe zu ihrem ästhetischen Punkt. Aber jenseits von Kinder, Kirche, Küche, Konfirmation. Für die, welche einfach und unmittelbar sowie in ihrer vermeintlich menschlichen Weise lieben, ist solches Spiel sicherlich ungeeignet, weil der Sinn für das Phantasma sowie der für die Ästhetik des Augenblicks fehlen. Für die aber, die die Schleier und die Verhüllungen, den Betrug und das Spiel im Spiel mögen, wenn durch die Wände hindurch oder über diese hinweg einander die Geschichten erzählt werden, bleibt immer der Reiz der Inszenierung, das Spiel von Nähe und Distanz: actiones in distans.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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4 Antworten zu Narziß und Pygmalion sowie die Emphase des Phantasmas

  1. JimKnopf13 schreibt:

    Nur eine Anmerkung zu Ihrem Text (der den Verführer dankenswerterweise ernst nimmt, was ja selten genug geschieht): Cordelia verlässt J. nicht aus eigenem Antrieb. Er dichtet sich eben nicht heraus aus diesem Verhältnis, was diese ungeheuren Briefe Cordelias, die dem Tagebuch vorangestellt sind, belegen sollen.
    Natürlich: Doppelbödigkeiten wohin man sieht: Wer diese Briefe ins Zentrum einer Deutung stellen will, könnte behaupten. Cordelia ist die Dichterin geworden. Und ihr Schmerz ist ein ästhetisch genossener – so wie Kierkegaard es am Anfang von E/O entwirft. (Aber auch das trifft nur zu, wenn es sozusagen einen harten „Cut“ gibt.)

    Die autobiographische Pointe liegt ebenso auf der Hand (wenn man dem folgen will): Kierkegaard deutet an, er habe sich aus seinem Liebesverhältnis mit Regine herausdichten wollen. Diese Lesart, so darf man vielleicht annehmen, wollte Kierkegaard bei Regine Olsen provozieren. Er sei der Verführer, der sie bestrickt habe, und das Verhältnis musste enden – das herausdichten aus dem Verhältnis hat dabei nur so halb geklappt (aber das ist ja auch die Schwierigkeit, die Kunst!). Auch Johannes ist es aber nicht gelungen. Er deutet nur diese Möglichkeit immer wieder an. Vorerst bricht er die Beziehungen ab.

    Entsprechend ist, glaube ich, die Formulierung „Parodie des Don Juan“ nicht ganz glücklich gewählt. Aber das ist meine Haarspalterei, die ich zu entschuldigen bitte.

    PS. Ist das Zitat selbst übersetzt?

  2. Bersarin schreibt:

    Was Kierkegaard betrifft, möchte ich Ihnen widersprechen: das (Auto-)Biographische hat sich in einen Text verdichtet. Denn Kierkegaard und Olsen sind tot. (Jede Autobiographie ist sowieso bereits eine Umschrift dessen, was nicht schreibbar ist: das eigene Leben.) Private Liebesdinge sind privat, sie interessieren mich nicht. Der Intention oder der Biographie Kierkegaards nachzugehen, halte ich in bezug auf einen Text für wenig zielführend, denn es handelt sich um zufällige Lebensumstände, die zudem unendlichen Interpretationen unterliegen. Vielmehr geht es darum, den Text in seinen Schichten, auch denen die zunächst vergraben daliegen, zu sichten. (Fast hätte ich geschrieben: zu dekonstruieren, auf seinen blinden Fleck hin.) Ich interessiere mich für die Diskurse der Liebe, insbesondere den literarischen Diskur. Es geht mir um eine Theorie der Bilderzeugung im Liebesdiskurs. Jedes Lieben bedeutet: Bilder zu entwerfen. Der Liebesdiskurs von Kierkegaard transformiert sich in einen Text. Ebenso wie bei Kafka.

    Den Verführer lese ich als Parodie des Don Juan, weil er sich als Erotiker in einem ästhetizistischen Sinne sieht. Anders als der durchaus genußsüchtige, aber eben auch tragische Don Juan. Nicht zu vergessen, daß Kierkegaard in „Entweder Oder“ in den Notizen des Ästhetikers über Don Juan schreibt und dem „Tagebuch“ ein Zitat aus dem Don Juan voranstellt. Aber über diese Sicht läßt sich sicherlich streiten.

  3. JimKnopf13 schreibt:

    Dass die autobiographische Lesart hier nicht eben gut ankommt, hätte ich mir denken können. Ich hatte gehofft, den Widerspruch mit meinem „wenn man dem folgen will“ abzuwehren…
    Da kann ich Ihnen gar nicht widersprechen. Das Autobriographische ist eher etwas für die Allzuneugierigen.
    Aber trotzdem: Bei Kierkegaard liegt es vielfach so auf der Hand – und ist zugleich so unerreichbar durch seine Maskierungen, Pseudonyme etc. Ich hätte auch schreiben können, seine für Regine Olsen intendierte Lesart ging gründlich schief. Man sah in ihm nicht diesen Verführer über den er schrieb.
    Trotzdem: bei Kierkegaard gibt es schon eine Ebene der Textstrategie, er verfolgt Ziele, zumindest behauptet er das, auch in veröffentlichten Texten. Das lässt sich dann auf die Texte zurückprojizieren, und natürlich lässt es sich wunderbar – wenn Sie mögen – dekonstruieren.

    Meine Haarspalterei war auch noch missverständlich. Das ist schlecht. Ich meinte vor allem das Wort „Parodie“, das nicht glücklich gewählt ist. Eher eine Don-Juan-Variation vielleicht. Denn dem Spielerischen der Parodie würde ich entgegenhalten wollen, dass es eben auch möglich ist, den Verführer als einen geradezu satanischen Egoisten zu lesen – und dann ist das mit dem „Herausdichten“ nicht nebensächlich. Denn hätte er sich aus der Liebesgeschicte elegant herausgewunden, würde diese egoistische Lesart in sich zusammenbrechen (dann würde ich dem Parodistischen zustimmen).

  4. Bersarin schreibt:

    Durchaus läßt sich Kierkegaard auch biographisch lesen: Die Betonung liegt aber auf dem Lesen. Es ist im Grunde auch diese Biographie und der Rückbezug aufs Leben ein weiterer Text, der neben Kierkegaards wunderbarem Schleierspiel – auch mit dem Pseudonymen – steht.

    Es stimmt allerdings: Der Verführer wäre auch als satanischer Egoist interpretierbar. Dem folge ich. Es schreibt ja sogar der Ästhetiker, daß er dem, was der Verführer an Notizen zurückläßt, nicht zu folgen vermag: trotz des Ästhetizismus.

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