Narziß und Pygmalion sowie die Emphase des Phantasmas

Fundamental-ontisch gestimmt durch die Heidegger-Lektüre, angeregt durch die Acedia und das Zeiner-Zitat in den ästhetisch verzückten, literarisch imaginierten Liebesbildern, sollten wir weiter über die Liebe schreiben –natürlich in ihrem ontischen Vorkommen. [Ich hätte beinahe, Logik des Unbewußten und in die Klammer gesprochen, geschrieben: in ihrer ontischen Verkommenheit] Nein, die Liebe ist kein Existential und sie ist nicht das Höchste von allem. Das Höchste bleibt die Kraft zur Imagination: den Anderen, die Andere als Bild zu bannen, sie dort einzufrieren wie die Schneekönigin im Spiegel der Vernunft die Welt in Eis erblickt. Die Andere wird immer die radikal Andere bleiben. Unaufhebbar. Allenfalls der kurze Blick der anderen, aus den Augen heraus, die Mimik vermag ein winziges freizusetzen und die Imagination in Gang zu bringen. Wie es schon Nietzsche schrieb, lieben wir am Ende in der Liebe mehr die Liebe selbst, jenes Gefühl der Liebe, als das Objekt, das diese Liebe auslöst.

„Man liebt zuletzt seine Begierde und nicht das Begehrte“, so schrieb es Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“.

Das Objekt ist zufällig gewählt: man trifft sie auf einer Party, im Kreise der Kollegen, an der Universität oder über das Internet. Die Anlässe gestalten sich ebenfalls vermittels des Zufalls: ein schönes Lächeln auf einer Gartenparty im September in Hamburg, ihr Bein, das sich an dem meinen reibt; oder zu einem späteren Zeitpunkt, einfach nur um eine andere Frau zu vergessen, die so schön die Beine reiben kann, und siehe da kommt eine andere. Auch die ist vergessen. Es gibt ihrer viele, und wer recht bei Sinnen ist und zu blicken und zu empfinden versteht, der könnte sich jeden Tag aufs neue verlieben. Es sind die Inszenierungen und das Spiel: Keiner wußte dies besser und konnte die Aspekte von Narziß und Pygmalion sowie der radikalen Emphase besser in eine Anordnung bringen als Kierkegaards Verführer aus „Entweder – Oder“, der sich aber nicht als ein Verführer im herkömmlichen Sinne verstehen mag:

„Wer ein Mädchen nicht derart zu bestricken weiß, daß sie alles aus dem Auge verliert, von dem man nicht möchte, daß sie es sieht, wer sich nicht derart in ein Mädchen hineinzudichten weiß, daß alles von ihr selber ausgeht, dieweil er es will, der ist und bleibt ein Pfuscher; (…) Ich bin Ästhetiker und Erotiker, der das Wesen der Liebe und die Pointe darin begriffen hat, der an die Liebe glaubt und sie von Grund auf kennt, und behalte mir nur die private Meinung vor, daß jede Liebesgeschichte höchstens ein halbes Jahr dauert und daß jedes Verhältnis zu Ende ist, sobald man das letzte genossen hat. All das weiß ich, aber ich weiß auch, daß es der höchste Genuß ist, der sich denken läßt, geliebt zu werden, inniger geliebt als alles auf der Welt. Sich in ein Mädchen hineindichten, ist eine Kunst, sich aus ihr herauszudichten, ist ein Meisterstück. Doch hängt letzteres wesentlich von ersterem ab.“

Was der Verführer in jenem Tagebuch – literarisch sublimiert, imaginiert und verdichtet als ein Text Kierkegaards – als Steigerung des Kierkegaardschen Ästhetikers betreibt, ist die perfekte Inszenierung einer Liebe, die lediglich der Selbstaffizierung dient und dabei doch die Fremdaffizierung erzeugt. Jene Cordelia wird, ebenso wie jener eigentümliche Verführer – im Grunde die Parodie des Don Juan – in dem Glauben leben, geliebt worden zu sein und nun aus eigenem Antrieb jenen Verführer verlassen zu wollen. In den Termini der Spieltheorie läßt sich von einer Win-win-Situation sprechen. Und es springt, wie so häufig, dabei auch noch ein Text heraus. Uns Bewohner des Grandhotel Abgrund erfreuen solche Texte. Die Wahrheit der Kierkegaardschen Inwendigkeit ist das Auswendige.

In solcher Ästhetik der Selbstaffektion und der Sublimierung kommt Liebe zu ihrem ästhetischen Punkt. Aber jenseits von Kinder, Kirche, Küche, Konfirmation. Für die, welche einfach und unmittelbar sowie in ihrer vermeintlich menschlichen Weise lieben, ist solches Spiel sicherlich ungeeignet, weil der Sinn für das Phantasma sowie der für die Ästhetik des Augenblicks fehlen. Für die aber, die die Schleier und die Verhüllungen, den Betrug und das Spiel im Spiel mögen, wenn durch die Wände hindurch oder über diese hinweg einander die Geschichten erzählt werden, bleibt immer der Reiz der Inszenierung, das Spiel von Nähe und Distanz: actiones in distans.

Sören Kierkegaard zum 200. Geburtstag samt einem kleinen Ausguckfenster hin zu Karl Marx, dessen 195. Geburtstag wir heute begehen

Die Selbstzerknirscher unterkomplexer Critical Whiteness-Diskurse, die Hypermoralisierer beständiger Selbstbefragung, jener linke Pietismus, der nicht links ist, sondern im Grunde einer rein christlichen-(fundamentalistischen) Tradition entspringt und jene protestantischen Selbstgeißeler, die nicht mehr in politischen Begriffen, sondern in rein moralischen Selbstaffektions- oder Kommunikationsdiskursen wirken: Finde den vor Gott nicht Gefälligen in mir selbst, finde den eigenen Rassisten, den Heteronormativen in mir selbst, denn wir sind erbsündenmäßig und per se schuldig („Das Erbauliche, das in dem Gedanken liegt, das wir gegen Gott immer unrecht haben.“): Alle diese dürften an diesem Tag ein wenig mitfeiern, denn Sören Kierkegaard hat heute Geburtstag. Kierkegaard – der große Selbstbefrager. Einerseits.

Andererseits trennen natürlich Welten jene JammererInnen moralisierenden Schwachfugs und den individualtheologischen Philosophen aus Kopenhagen. Geboren in einem Kaufmannshaushalt, religiös erzogen, wuchs Kierkegaard in Kopenhagen auf – eine Stadt, die er nur selten verlassen sollte. Er studierte Philosophie und protestantische Theologie, seine Dissertation trug den Titel: „Über den Begriff der Ironie mit ständiger Hinsicht auf Sokrates“.

Ist es eigentlich ein Zufall, daß die Schriftstellerin Aléa Torik – zusammen mit der Russin Olga – in der Kopenhagener Straße wohnt? Nein. Denn auch Kierkegaard schrieb unter Pseudonymen, erfand sich, in der Konstruktion konsequent verschiedene Schriftstellerexistenzen, trieb sein Spiel mit der Identität und der Herausgeberschaft, sei es bei dem Werk „Die Krankheit zum Tode“, das von Kierkegaard zwar herausgegeben, aber von einem Anti-Climacus verfaßt wurde (die Anti-Klimax als Gegenbewegung zur Dialektik klingt da bereits heraus), bei „Furcht und Zittern“ von Johannes de Silentio, „Der Begriff der Angst“ wiederum wurde von einem Vigilius Haufniensis verfaßt oder hinreichend komplex und verschachtelt in seinem wohl bekanntesten Buch „Entweder – Oder“: Ein Herausgeber Namens Victor Eremita gibt die Papiere des Ästhetikers (abgekürzt A) und des Ethikers heraus, der vermutlich, so der Herausgeber, Wilhelm heißt, der aber doch besser, weil der Name am Ende ungewiß bleibt, mit B abgekürzt wird. Zudem ist im Teil des Ästhetikers jenes „Tagebuch eines Verführers“ enthalten, bei dem aufgrund der Amoralität jener Aufzeichnungen sogar der leichtlebige Ästhetiker A sich der Autorenschaft verweigert, sondern vielmehr nur als Herausgeber dieses Teils sich in Szene setzt, wobei wiederum der Herausgeber Victor Eremita bemerkt, daß es sich bei dieser Geste bloß um einen alten Novelistenkniff handele, gegen den er selbe jedoch nichts einzuwenden habe. Wir sehen: Die Konstruktion von Subjektivität und Individualität in Kierkegaards Werk verläuft über den Modus von Spiel und Inszenierung doch weit komplexer als man es mit dem herkömmlichen Begriff von Individuum konnnotiert. Die Konstruktion der Pseudonymität trägt das Werk Kierkegaards. Die Wendung „jener Einzelne“, die Kierkegaard sich eigentlich auf seinem Grabstein gewünscht hätte, erweist sich in der Lektüre als doch sehr viel dialektischer und verwobener als es zunächst den Anschein hat.

Man kann Kierkegaards Denken teils als eine Auseinandersetzung mit der Philosophie Hegels verstehen, dessen Text er vielfach in die Kritik nahm – teils auch persiflierend: man denke nur an jene Dialektik des Entweder-Oder: Heirate und du wirst es bereuen, heirate nicht und du wirst es auch bereuen. Kaum ist diese Bewegung noch eine Dialektik zu nennen, sondern vielmehr erinnert dieser Schwebezustand zwischen Verzweiflung und Hohn an die Echternacher Springprozession sich in sich selbst verstrickender Subjektivität. Dialektik verbleibt in sich selbst als Möbiusschleife, sie steigert sich nicht mehr als Spirale auf, sondern kreiselt, verschlingert und verdreht sich. Und bereits der Beginn von „Entweder – Oder“ formuliert das Verhältnis und die Konstitutionsbedingungen von Innen und Außen und zieht diesen Gegensatz auf die Ebene des Subjekts selbst.

Was Kierkegaard insbesondere von seinem großen Antipoden Hegel trennte, das ist die Auffassung von Wahrheit. Das Subjekt steht zunächst außerhalb der Wahrheit, nicht anders als nach Kierkeegaard der Mensch ebenfalls einsam vor Gott steht. Diese kaum noch philosophische zu nennende Wahrheit, die sich nur innerhalb einer eigenen Existenz im Grunde noch bezeugt, läßt sich nicht in ein objektives Wissen überführen, sondern sie steht im Verhältnis zum Subjekt selbst und entfaltet sich zuallererst in diesem. Dabei verneint Kierkegaard jedoch weniger die Möglichkeit objektiver Wahrheit, sondern es geht ihm in seinem Denken vielmehr darum, diese Wahrheit mit den Möglichkeiten des Subjekts kompatibel zu machen: nur als erkannte Wahrheit ist es Wahrheit, so ließe sich diese Position erkenntnistheoretisch überspitzen. Dem Subjekt kann es dabei nur noch vermöge jenes Augenblicks, jenes kairos, jenes (undialektischen) Sprunges glücken, in der Wahrheit zu sein. Die Arbeit und die Logik des Begriffes bei Hegel, in der ja bereits ein Moment von kommunikativer Rationalität wirkt, reicht lange nicht mehr hin, weil es sich in der Diktion Kierkegaard nur noch um das trockene Prozedere einer durchrationalisieren Wissenschaft handelt.

Wahrheit aber ist für Kierkegaard existential, sie läßt sich in keine abstrakte Form des Wissens oder in (transzendentale) kommunikative Rationalität überführen – und insofern ist als einziger Vermittlungsmodus hin zum Subjekt dann die von Adorno so genannte „Konstruktion des Ästhetischen“ erforderlich. Daß – nebenbei – Habermas keine einzige Zeile zu Kierkegaard schrieb, dürfte in diesem Rahmen wenig verwundern. Kaum ein Philosoph dürfte dem Denken von Habermas fremder sein als der Text Sören Kierkegaards. Wobei sich in Kierkegaards Text dann durchaus jener Weg hin zum Ethischen zeigt, damit sich die Aporien und selbstbezüglichen Reflexionsschleifen des Ästhetikers überhaupt noch auflösen können. Kierkegaard ist in bezug auf das Ästhetische, das Ethische samt dem Sprung hin zum Religiösen vielschichtig zu lesen, und es ist nicht beim individualreligiösen Kierkegaard, der den Protestantischen Offiziellen und den Kirchenoberen ein Dorn im Auge und ein Stachel im Fleische war, stehenzubleiben.

Philosophie tritt bei Kierkegaard als Individualphilosophie auf, denn alles, was im Leben eines Subjekts von Bedeutung ist, geschieht nach Kierkegaard in der Einsamkeit und allein: Der Mensch liebt allein, hofft allein, quält sich allein und in letzter Konsequenz stirbt er allein. Dieser Bezug aufs rein Subjektive müßte im Grunde der Hegelschen Kritik purer Unmittelbarkeit und des Dies-da verfallen. Aber etwas ganz anderes geschah in der Bewegung der Philosophie: Vom Begriff geschichtlicher und gesellschaftlicher Vermittlung philosophischer Begrifflichkeiten abstrahierend, gerieten Kierkegaards Texte zum Auslöser einer philosophischen Stoßrichtung, die man unter dem Titel Existentialphilosophie zusammenfassen kann: Ob dies nun unausgesprochen bei Heidegger geschah, bei Jaspers oder Sartre. Slogans wie „Entscheidung“ und „Entschlossenheit“ machten jargonhaft Furor. Bei dem Schriftsteller Albert Camus taucht diese Dialektik von Vereinzelung und Entäußerung dann – zur Zeit der Pariser Existenzialphilosophie im Sartreumkreis – als Begriffspaar solidaire – solitaire wieder auf und ebenso liest sich der „Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde“ als ein Text, der an Kierkegaard Begrifflichkeiten anknüpft. Und Camus nennt ihn darin ja auch ganz direkt. „Kierkegaard, vielleicht der fesselndste von allen, tut wenigstens teilweise mehr als das Absurde nur zu entdecken. Er lebt es.“ (A. Camus)

In diesem Sinne exponiert Kierkegaard in seinen Texten die heraufziehende Moderne – sei es die ästhetische als auch die gesellschaftliche. Die Vereinzelung des Subjekts, sein monadologisch-monologischer Charakter gerät (scheinbar) zur Existenzform. Und es bleibt zugleich der Trug konstitutiver Subjektivität und Individualität als Motor. In solchem Denken, das sich rein aufs Subjekt kapriziert, schwingt ein großes Stück Ideologie und zugleich aber auch Wahrheit mit, und dieses Schillern macht Kierkegaard auch für die heutige Zeit noch interessant. Selbst in der „Negativen Dialektik“ Adornos ist diese Möglichkeit einer sich entfaltenden Subjektivität, die mehr ist als bloßes Allgemeines und die jenes schlechte Allgemeine tilgen möchte, herauszulesen: Den Trug der Subjektivität mit den Mitteln des Subjekts zu sprengen.

Es sei in diesem Zusammenhang einer Dialektik (oder eines Spiels) von Individuum und Gesellschaft, von Subjekt und Objekt darauf hingewiesen, daß am heutigen Tage ebenfalls Karl Marx seinen 195. Geburtstag hat. Ein interessanter Gegensatz innerhalb der Philosophie des 19. Jahrhunderts tut sich da auf: einerseits die Bestimmung von Gesellschaft und dem gesellschaftlichen Leben des Menschen über die Begriffe der (politischen) Ökonomie samt ihrer immanenten Kritik; Marx leistet – sieht man von seinen frühen Schriften einmal ab – eine Funktionsanalyse und zeigt, wie und auf welche Weise der Laden läuft und die immergleiche Scheiße sich perpetuiert und zugleich ihrem Begriffe nach doch wandelt und neue Ausprägungen annimmt. Andererseits, wie im Text Kierkegaards, eine Immanenz des Subjekts, ohne daß da erkennbar ein Außen bzw. gesellschaftliche Vermittlung noch wirkte; die Widersprüche verlagern sich ins Subjekt selbst und werden diesem angekreidet. Adorno sprach im Zusammenhang mit Kierkegaard von der „objektlosen Innerlichkeit“:

„Die Bewegung, welche sie vollzieht, aus sich heraus und in sich den ‚Sinn‘ wiederzuerlangen, bedenkt Kierkegaard mit dem Terminus Dialektik. Diese kann von Anbeginn nicht als Subjekt-Objekt-Dialektik gedacht werden, da inhaltliche Objektivität nirgendwo der Innerlichkeit kommensurabel wird. Sie trägt sich zu zwischen der Subjektivität und deren ‚Sinn‘, den sie in sich enthält, ohne in ihm aufzugehen, und der selber nicht aufgeht in der Immanenz von ‚Innerlichkeit‘. Die Verwandtschaft solcher Dialektik mit der mytischen ist Kierkegaard nicht entgangen.“ (Th. W. Adorno, Kierkegaard. Die Konstruktion des Ästhetischen)

Kierkegaards wohl bekanntestes Werk „Entweder – Oder“ endet mit folgendem Satz:

„Frage dich und und höre nicht auf zu fragen, bis du die rechte Antwort findest; denn man kann eine Sache viele Male erkannt, die Wahrheit desselben anerkannt haben, man kann eine Sache viele Male gewollt und versucht haben, und doch, erst die tiefere innere Bewegung, erst des Herzens unbeschreibliche Erregung überzeugt dich davon, daß das, was du erkannt hast, dir gehört, und daß keine Macht es dir rauben kann; denn nur die Wahrheit, die erbaut, ist Wahrheit für dich.“

Daraus ist leider die Erbauungsphilosophie samt einer Philosophie als Lebens- und Subjektoptimierungskunst geworden, die es nicht mehr vermag, vom narzißtisch-selbstverzückten Subjekt samt seinen Regungen abzusehen. „Zwischenmenschliche Beziehungen“ oder das „echte Gespräch“ halten dann fürdahin als Phrase und Jargon der Eigentlichkeit her. Im Grunde – im säkularisieren Zeitalter – ein herabgesunkener Kierkegaard, Kierkegaard zum halben Preis, weil die Bezüge zur protestantischen Theologie ausgeklammert wurden.

Was bei Kierkegaard im Rahmen ästhetischer Selbstverstrickung und in jenem „Fuchsbau der unendlich reflektierten Innerlichkeit“ als „Konstruktion des Ästhetischen“, in dem ein Subjekt sich pseudonomysiert und vervielfältigt, als eine Form des Ästhetischen noch funktioniert, gerät im Feld des Gesellschaftlichen auf die schiefe Bahn, und insofern ist Adornos Hinweis in seiner Habilitationsschrift zu Kierkegaard der richtige, mithin der dialektische Umgang, sich im Gewebe seiner Texte wie folgt zu bewegen: „ihn zu stellen gibt es kein Mittel, als ihn bei den Worten zu nehmen, die, als Fallen geplant, endlich ihn selber umschließen. Die Auswahl der Worte, deren stereotypische, nicht stets geplante Wiederkehr zeigen Gehalte an, die selbst die tiefste Absicht des dialektischen Verfahrens noch lieber verstecken als offenbaren möchte.“

Ankündigungen, Versprechungen, Verheißungen

Heute keinen Text, heute nichts. Morgen bespreche ich dafür die Photo-Ausstellung von Larry Clark und am Wochenende gibt es die erste Sichtung zur documenta.

Über Kassel ist alles gesagt und geschrieben, was gesagt und geschrieben werden mußte. Es bleiben nur die Bilder, welche ich auf Proteus Image als zweiten Teil der Serien präsentiere.

Aber vielleicht doch ein wenig Kierkegaard zum Abschluß – es paßt so gut und im Schauder der Zeit, wie pathetisch:

„Alles Erlebte tauche ich hinab in die Taufe des Vergessens zur Ewigkeit der Erinnerung. Alles Endliche und Zufällige ist vergessen und ausgelöscht. […]

Da gedenke ich meiner Jugend und meiner ersten Liebe – als ich mich noch sehnte; jetzt sehne ich mich nur nach meiner ersten Sehnsucht. Was ist Jugend? Ein Traum. Was ist Liebe? Des Traumes Inhalt.“
(Sören Kierkegaard, Entweder – Oder)

Ich denken, dies hätte ich selber nicht schöner und besser formulieren können. Erst in der zweiten Reflexion offenbaren und zeigen sich die Dinge, die Aspekte, die Phänomene des Lebens. Wir hingegen, wir lesen Beckett, Kafka, Roland Barthes „Die helle Kammer“. Und machen die Photographien unseres Lebens zu alldem.

Philosophie und Literatur (Teil 2)

„Das Leben sei eine Maskerade, erklärst Du, und das ist Dir ein unerschöpflicher Stoff zum Vergnügen, und noch ist es niemandem gelungen, Dich zu erkennen; denn jede Offenbarung ist immer eine Täuschung, so nur kannst Du atmen und verhindern, daß die Leute auf Dich eindringen und die Respiration beeinträchtigen. Darin hast Du Deine Tätigkeit, Dein Versteck, zu bewahren, und das gelingt Dir, denn Deine Maskerade ist die rätselhafteste von allen; Du bist nämlich nichts und bist immer nur im Verhältnis zu andern, und was Du bist, bist Du nur durch dies Verhältnis. Einer zärtlichen Hirtin reichst Du schmachtend die Hand und bist im selben Augenblick in aller möglichen Schäfersentimentalität maskiert; einen ehrwürdigen geistlichen Vater betrügst Du mit einem Bruderkuß usw. Du selbst bist nichts, eine rätselhafte Gestalt, auf deren Stirn geschrieben steht: entweder – oder; …“ (S. Kierkegaard, Entweder-Oder, S. 706 f., München 1988)

So schreibt der Ethiker B. an den Ästhetiker A. – einseitig geführte Korrespondenzen. Eine kunstvoll gefügte Geschichte, die sich als Literatur lesen läßt und zugleich Philosophie ist; ein Buch, welches vielfältig fiktionalisiert, perspektivisch verfährt. Ein Buch, indem es fast wimmelt von Personen, die jeweils die Schriften eines anderen herausgeben oder auffinden, um sie der Lektüre zugänglich zu machen. Das mündet zum Ende des ersten (ästhetischen) Teils in „Das Tagebuch des Verführers“, welches sogar jenen Ästhetiker A., der diese Schriften bzw. Briefe findet und herausgibt, schaudern läßt, ihm gar einen Schritt zu weit geht in dieser kalten, mitleidlosen Unmoral.

„Nicht nur in Komödien, auch in der Wirklichkeit ist es schwierig, ein junges Mädchen abzupassen; man muß seine Augen hinten und vorne haben.“ (S. 463)

Diese Geschichte im „Tagebuch des Verführers“ besitzt eine Dimension, die den Ausdruck des Kafkaesken vorwegnimmt, aber es verweist in manchem genauso auf Hawthornes „Wakefield“ (nebenbei: eine der genialsten und eigentümlichsten Erzählungen in der Literatur). Was geschieht im Tagebuch? Die Handlung ist schnell umrissen: Ein Mann mit dem Namen Johannes, der gezielt eine Frau verführt und die Gefühlen dieser Frau instrumentalisiert, steuert, dorthin biegt, wo er sie haben möchte, dabei detailreich in eigenen, privaten, also nicht öffentlichen Aufzeichnungen darüber berichtet, was sich abspielt, die Regungen und Steigerungen aufzeichnet. Er inszeniert – innerlich unbeteiligt –, daß sich jene Frau in ihn verliebt: raffiniert, intelligent, verführerisch. „Sich in ein Mädchen hineinzudichten, ist eine Kunst, sich aus ihr herauszudichten, ist ein Meisterstück. Doch hängt das letztere wesentlich von dem ersteren ab.“ (S. 429)

Es ist die harte Maskerade des Ästhetikers, dem im Genuß alles gleich gut ist, dem sich im Genuß die Dinge verzehren. Der Wert der Dinge bemißt sich darin, inwieweit sie Genuß bereiten und dazu dienen, mit Raffinesse die Sinneslust zu steigern. Diesen Ästhetiker nun muß man sich im strengen Sinne des Wortes aber vielmehr als einen Aisthetiker vorstellen. Denn auch das Kunstwerk fungiert dem Aisthetiker einzig als ein Für-ihn-seiendes, es dient dem Verzehr, die Intention aufs Objekt ist um des Subjekts und seiner Steigerung willen. Der Überschuß und der Exzeß sind solipsistisch erkauft, die Ökonomie der Verausgabung in der Verführung dient dem Erhalt und der aisthetischen Steigerung des Selbst. In diesem Don Juanschen Sinne ist der aisthetischen Ästhetiker präreflexiv, sein Umgang mit Kunst ist kulinarischer Natur, anders als der Faustische Ästhetiker, der den Augenblick mit der Reflexion zu paaren weiß. Beim Verführer Johannes ist es eine Zwischenstellung: Sowohl Selbstgenuß im höchsten und im perfiden Sinne, gepaart mit der Reflexion darüber, die sich aber an der eigenen Reflexionslust derart selbstreferenziell ergeht, daß auch jene Reflexion lediglich dazu dient diese unendliche Lustmaschinerie im Gang zu halten.

Eine Frau mit Namen Cordelia wird Schritt für Schritt und mit Überlegung verführt, liebeshörig gemacht. Am Ende diese Genusses, der – wie ein jeder – endlich ist, bleibt der Überdruß an dieser Frau zurück. Sie wird fallen gelassen. Aber damit nicht genug: „Es wäre doch wirklich wissenswert, ob man etwa nicht imstande wäre, sich derart aus einem Mädchen herauszudichten, daß man sie so stolz machte, daß sie sich einbildete, sie selbst sei des Verhältnisses überdrüssig. Das könnte ein recht interessantes Nachspiel geben, das an sich psychologisches Interesse hätte und nebenbei einen mit manchen erotischen Beobachtungen bereichern könnte.“ (S. 521)

Es geht in dieser Weise der Reflexion nicht mehr um den/die Andere(n) in irgend einer Form, nicht einmal ex negative im Willen zur Qual (etwa bei de Sade) oder als Anlaß einer Wette, wie in de Laclos Briefroman „Les Liaisons dangereuses“, sondern die reine Selbstmächtigkeit samt der unbändigen Freude an einer ästhetisch-raffinierten Selbstpraktik gibt das Kriterium des Handelns ab. Die Operationen des Verführers sind die vollkommene Onanie.

An jenes Tagebuch aus dem ästhetischen Teil schließen sich im zweiten Teil die Passagen des Ethikers B an.

Aus vielfältigen Textstücken sind die Papiere von A. zusammengesetzt, und sie sind unsortiert, bedürfen der Ordnung durch einen Herausgeber. Die Texte des Ethikers sind übersichtlich, leicht zugänglich, da es sich um geordnete Briefe an A. handelt. Sie sind teils moralisierenden Charakters, schon vom Titel, so überschrieb B. einen Brief mit dem Titel „Die ästhetische Gültigkeit der Ehe“ oder über „Das Gleichgewicht zwischen dem Ästhetischen und dem Ethischen in der Herausarbeitung der Persönlichkeit“

„Was Du gern hast, ist die erste Verliebtheit. Du verstehst es, Dich in eine träumende, liebestrunkene clairvoyance zu versenken und in ihr zu verbergen. Du umspinnst Dich gleichsam ganz und gar mit dem feinsten Spinngewebe, und nun sitzt Du auf der Lauer. Aber Du bist kein Kind, kein erwachendes Bewußtsein, und Dein Blick hat deshalb etwas anderes zu bedeuten; doch damit bist Du zufrieden. Du liebst das Zufällige. Das Lächeln eines hübschen Mädchens in einer interessanten Situation, ein erhaschter Blick, dem jagst Du nach, das ist ein Motiv für Deine müßige Phantasie. Du, der Du immer so groß damit tust, ein Beobachter zu sein, Du mußt Dir gefallen lassen, daß Du zum Entgelt selbst Gegenstand der Beobachtung wirst.“ (S. 528)

Eine mediale Situation, die sich im Fortgang steigert, gar filmisch, photographisch gerät, ein neues optisches Medium, das in dieser Situation nicht nur zufällig zitiert wird. Ein Szenerie der Blicke, eine Achse. Solche Situationen sind nur in der Großstadt möglich: sei es Paris, sei es Kopenhagen; anschließend an das obige Zitat heißt es:

„Ich will Dich an einen Fall erinnern. Ein junges hübsches Mädchen, neben dem zu zufällig [denn dies muß natürlich hervorgehoben werden, Du kanntest weder ihren Stand, noch ihren Namen, ihr Alter usw.] bei Tische saßest, war zu spröde, um Dir einen Blick zu schenken. Einen Augenblick lang warst Du unschlüssig, ob es bloße Sprödigkeit sei, oder ob es sich nicht ein wenig Verlegenheit darein mische, die, richtig beleuchtet, sie in einer interessanteren Situation erscheinen zu lassen. Sie saß einem Spiegel gegenüber, in dem Du sie sehen konntest. Sie warf einen verschämten Blick hinüber, ohne zu ahnen, daß Deine Auge dort schon Wohnung genommen hatte, sie errötete, als Dein Auge dem ihren begegnete. Dergleichen bewahrst Du genau auf wie ein Daguerreotype und auch so schnell wie dieses, für das man bekanntlich sogar bei schlechtem Wetter nur eine halbe Minute benötigt.“ (S. 528)

„Entweder – Oder“ mag auch für den philosophisch kaum Gebildeten in der Lektüre Faszination ausüben. Es ist ein Zwischenwerk, der Text lebt wesentlich vom Stil, von seinen Sprachfiguren; von seinem Gehalt her ist es keine hineingepreßte Thesenprosa oder Thesenphilosophie, die sich literarisch maskiert. Diesen Text aber rein als Literatur zu rezipieren, führt am Gehalt vorbei. Adorno schreibt, als Auftakt, in seiner Habilitationsschrift über Kierkegaard:

„Wann immer man die Schriften von Philosophen als Dichtungen zu begreifen trachtete, hat man ihren Wahrheitsgehalt verfehlt. Das Formgesetz der Philosophie fordert die Interpretation des Wirklichen im stimmigen Zusammenhang der Begriffe. Weder die Kundgabe der Subjektivität des Denkenden noch die pure Geschlossenheit des Gebildes in sich selber entscheiden über dessen Charakter als Philosophie, sondern erst: ob Wirkliches in die Begriffe einging, in ihnen sich ausweist und sie einsichtig begründet. Dem widerspricht die Auffassung von Philosophie als Dichtung. Indem sie Philosophie der Verbindlichkeit nach dem Maße von Wirklichem entwindet, entzieht sie das philosophische Werk der adäquaten Kritik. Nur aber in Kommunikation mit dem kritischen Geiste vermöchte es geschichtlich sich zu erproben. Daß gleichwohl fast allen im eigentlichen Verstande »subjektiven« Denkern beschieden war, als Dichter eingereiht zu werden, erklärt sich mit der Gleichsetzung von Philosophie und Wissenschaft, die das neunzehnte Jahrhundert vollzog. Was an Philosophie dem Wissenschaftsideal sich nicht einordnete, ward unterm Titel der Dichtung als kümmerlicher Anhang nachgeschleift. Von wissenschaftlicher Philosophie ward gefordert, daß ihre Begriffe sich konstituierten als Merkmaleinheiten der darunter befaßten Gegenstände. Wenn aber die Kantische Konzeption der Philosophie als Wissenschaft von Hegel erstmals umfassend formuliert worden ist im Satz, ‚daß die Erhebung der Philosophie zur Wissenschaft an der Zeit ist‘, so fällt gleichwohl seine Forderung nach wissenschaftlicher Begrifflichkeit nicht zusammen mit der nach eindeutiger Gegebenheit der Begriffe als der von Merkmaleinheiten. Die dialektische Methode, der in aller Hegel-Feindschaft Kierkegaards Werk gänzlich zugehört, hat vielmehr ihr Wesen darin, daß die Klärung der Einzelbegriffe, als deren vollständige Definition, erst von der Totalität des ausgeführten Systems aus und nicht in der Analysis des isolierten Einzelbegriffes geleistet werden kann. In der Vorrede zur ‚Phänomenologie‘, die das herausstellt, hat Hegel ausdrücklich des Scheines von Dichterischem gedacht, der jeglichem philosophischen Beginn anhaftet. (Th. W. Adorno, Kierkegaard. Konstruktion des Ästhetischen, S. 9 f. in: GS Bd. 2)

Sören Kierkegaard – „Ein ekstatischer Vortrag“

Als Part gegen Hegel habe ich im letzten Text zum Thema „Dialektik und Poststrukturalismus“ Kierkegaard kurz angeführt. Um diese Fußnote nun zu vervollständigen, zitiere ich eine längere Passage aus „Entweder – Oder“, und zwar „Ein ekstatischen Vortrag“, der die Dialektik des Anfangs konterkariert. Ich folge im Text weitgehend der deutschen Übersetzung von Heinrich Fauteck. Es dünkt mich, daß es die beste ist. Mögliche mitlesend Philologen und des Dänischen Kundige möchte ich bitten, hierüber nicht mit mir zu streiten und insofern auch nicht über dieses Detail zu kommentieren, da es für den Gang der Dinge eher unwesentlich ist. Ich halte diese Übersetzung vom Duktus der Sprache her für gelungen; sie nimmt das Motiv des Vortrags gut auf.

Inwieweit nun Kierkegaard dem Text Hegels gerecht werden kann, steht freilich auf einem anderen Blatt. In „Entweder – Oder“ überwiegt natürlich, insbesondere im Ersten Teil, in den Briefen und Texten des Ästhetikers, der poetische Ton. (Daß ich das Tagebuch des Verführers ausgesprochen schätze, dies muß ich wohl niemandem verraten.)

Sicherlich ist das Konzept der Hegelschen Philosophie sehr viel mehr der Aufklärung verhaftet, weil eben nichts draußen bleibt und jeder Part vermittelnd mitgenommen wird. Niemand und nichts muß in der Hegelschen Theorie auf der Strecke bleiben. (Den Begriff „Aufklärung“ verwende ich in einem positiven Sinne; dies muß man ja – leider – mittlerweile dazuschreiben, weil er zunehmend pejorativ gebraucht wird; insbesondere von den Jüngern einer falsch verstandenen Postmoderne.)

Nun aber zu Kierkegaard und seinem Text „Ein ekstatischen Vortrag“

„Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen, heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen; entweder du heiratest oder du heiratest nicht, du bereust beides. Lache über die Torheiten der Welt, du wirst es bereuen; weine über sie, du wirst es auch bereuen; lache über die Torheiten der Welt oder weine über sie, du wirst beides bereuen, entweder du lachst über die Torheiten der Welt oder du weinst über sie, du bereust beides. Trau einem Mädchen, du wirst es bereuen; trau ihr nicht, du wirst es auch bereuen, trau einem Mädchen oder trau ihr nicht, du wirst beides bereuen; entweder du traust einem Mädchen oder du traust ihr nicht, du wirst beides bereuen. Erhänge dich, du wirst es bereuen; erhänge dich nicht, du wirst es auch bereuen; erhänge dich oder erhänge dich nicht, du wirst beides bereuen; entweder du erhängst dich oder du erhängst dich nicht, du wirst beides bereuen. Dies, meine Herren, ist aller Lebensweisheit Inbegriff. Nicht in einzelnen Augenblicken nur betrachte ich, wie Spinoza sagt, alles aeterno modo; vielmehr bin ich beständig aeterno modo. Das, glauben viele, seien sie auch, wenn sie, nachdem sie das eine oder das andere getan haben, diese Gegensätze vereinigen oder vermitteln. Doch dies ist ein Mißverstand; denn die wahre Ewigkeit liegt nicht hinter einem Entweder-Oder, sondern vor ihm. Ihre Ewigkeit wird daher auch eine schmerzliche Zeit-Sukzession sein, da sie an der doppelten Reue zu zehren haben werden. Meine Weisheit ist also leicht zu verstehen; denn ich habe nur einen Grundsatz, von welchem ich noch nicht einmal ausgehe. Man muß zwischen der nachfolgenden Dialektik des Entweder-Oder und der hier angedeuteten ewigen unterscheiden. Wenn ich also hier sage, daß ich nicht von meinem Grundsatz ausgehe, so hat dies seinen Gegensatz nicht in einem Davon-Ausgehen, sondern ist lediglich der negative Ausdruck für meinen Grundsatz, das, wodurch er sich selbst begreift im Gegensatze zu einem Davon-Ausgehen oder einem Nicht-davon-Ausgehen. Ich gehe nicht von meinem Grundsatz aus; denn ginge ich von ihm aus, würde ich es bereuen, ginge ich nicht von ihm aus, würde ich es auch bereuen. Sollte es daher dem einen oder anderen unter meinen hochverehrten Zuhörern so vorkommen, als ob an dem, was ich sagte, doch etwas dran wäre, so beweist er damit nur, daß sein Kopf für die Philosophie nicht geeignet ist; sollte es ihm scheinen, daß Bewegung in dem Gesagten sei, so beweist dies dasselbe. Für diejenigen Zuhörer hingegen, die imstande sind, mir zu folgen, obwohl ich keine Bewegung mache, will ich nun die ewige Wahrheit entwickeln, durch welche diese Philosophie in sich selbst bleibt und keine höhere zugesteht. Wenn ich nämlich von meinem Grundsatz ausginge, so würde ich nicht wieder aufhören können; denn hörte ich nicht auf, so würde ich es bereuen; und hörte ich auf, so würde ich es auch bereuen usw. Nun aber, da ich nie ausgehe, kann ich jederzeit aufhören; denn mein ewiger Ausgang ist mein ewiges Aufhören. Die Erfahrung hat gezeigt, daß es für die Philosophie keineswegs besonders schwierig ist, anzufangen. Weit entfernt: sie fängt ja mit nichts an und kann somit jederzeit anfangen. Was hingegen der Philosophie und den Philosophen schwerfällt, ist das Aufzuhören. Auch dieser Schwierigkeit bin ich entgangen; denn falls jemand glauben sollte, daß ich, indem ich jetzt aufhöre, wirklich aufhöre, so beweist er, daß er keine spekulative Begabung hat. Ich höre nämlich nicht in diesem Augenblicke auf; sondern ich habe bereits damals aufgehört, als ich anfing. Meine Philosophie hat deshalb die vortreffliche Eigenschaft, daß sie kurz und daß sie unwidersprechlich ist; denn wenn jemand mir widerspräche, so dürfte ich wohl recht damit haben, ihn für verrückt zu erklären. Der Philosoph ist also beständig aeterno modo und hat nicht, wie der selige Sintenis, nur vereinzelte Stunden, die für die Ewigkeit gelebt sind.“ (Sören Kierkegaard, Entweder – Oder, München 1975, S. 49 ff.)