Ein Diez, ein Kracht, ein Heidegger

Der Kritiker mit der Kritikerbrille, Georg Diez, denn ohne eine Faschings-Kritikerbrille ist man kein Kritiker, schreibt auf SpOn über Heidegger. Kann das gutgehen? Nein, kann es nicht. Bereits in der „Zeit“ fiel Diez durch Unkenntnis, Laxheit und Gefasel auf: Literatur als Befindlichkeitsübung für Subjektive. Vollends disqualifizierte Diez sich, indem er Christian Krachts Roman „Imperium“ als von einer rassistischen Weltsicht durchdrungen bezeichnete und Kracht selber als Türsteher rechter Gedanken brandmarkte. Kracht schrieb in den 90ern „Faserland“, mit Georg Dietz befinden wir uns im Faselland. Kracht mag balancieren und spielen, er probiert aus, geht an Grenzen, und er verhält sich als Literat im Sinne der Gesinnungswächter politisch nicht eindeutig. Die Aufgabe von Literatur ist es nicht, politisch Stellung zu beziehen, sondern sich ihrem Gegenstand zu widmen: Der Realität und ihren Tücken oder einer unerhörten Begebenheit nachzulauschen, die Welt, die in eine spielerische oder sehr ernst Anordnung gebracht wird, in die Schrift zu bringen, oder aber es macht in einem Text, wie in „Die Marquise von O…..“, eine oder einer Bekanntschaft mit sich selbst.

Nun also greift Diez die Heidegger-Debatte auf, darin insbesondere Heideggers Antisemitismus. Daß man es bei manchen Menschen im Privaten mit Rotz und Dreck, mit nicht sehr angenehmen, mit einfachen und primitiven oder unehrlichen Menschen zu tun hat, entdeckt mancher zu spät erst. Heidegger war – das ist die harmlose Variante – nicht bloß konservativ, sondern deutsch-nationalistisch, und er war vermutlich, wie auch der frühe Thomas Mann, antisemitisch eingestellt. Auf viele Studenten und auch Studentinnen wirkte Heidegger anziehend in seinem Gestus, in seiner Philosophie, die das trocken Akademische des Neukantianismus weit hinter sich ließ; Heidegger faszinierte in seiner Art des Vortrags. Alles in allem: Unkonventionell, wenn er in Skifahrerkleidung statt im Anzug den Hörsaal betrat. Wahrscheinlich wäre Diez in den 20er Jahren Heideggervorlesungsteilnehmer, weil es modisch schmückt, unkonventionell zu sein. Statt Adidas-Jacke Skianzug.

Nun macht Diez einmal wieder auf aufgeregt – im Sinne des „Aufregungsjournalismus“. Diez geht es nicht um eine Position, sondern um eine Form des gesinnungshaften Posens. (Nein, nicht die Stadt in Polen.) Ja, dümmlicher Polemik, wie wir sie bei Diez finden, kann man sich nur mit Polemik näheren.  Diez schreibt:

„So wurde schon 2009 Emmanuel Fayes Buch ‚Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie‘ abgetan. Nichts Neues, hieß es auch damals: philosophisch mangelhaft, oberflächlich und damit implizit auch irgendwie undeutsch sei das, was der Franzose Faye da über diesen so ‚einflussreichen‘ Denker schreibt.“

Diez macht es wie immer in seinem Schreiben: er lenkt das Denken in eine bestimmte Richtung: „undeutsch“ und das soll wohl nach sich ziehen, daß alle, die Heideggers Text nach wie vor für wichtig halten, deutsche Nationalisten sind. Wer bitte schrieb von „undeutsch“, wenn es um eine Kritik an Fayes‘ Buch geht? Es ist lediglich alles das, was Fayes schrieb, nicht ganz neu. Diese Debatte gab es bereits in den 80er Jahren mit Farías und Habermas als Kritiker Heideggers. Ganz zu recht. Und es gibt immer noch einen konservativen Heideggerianismus, der diese Bezüge und Verstrickungen Heideggers leugnet oder herunterspielt. Daran soll kein Zweifel gelassen werden.

Daß ein Text und ein Schriftstellerleben, ein Werk und eine Existenz zwei Paar Schuhe sind, der Text sich von seinem Schöpfer ablöst und ein Eigenleben führt – mag der Text noch so sehr durchdrungen vom Leben sein –, geht nicht in den Kopf von Diez hinein; unermüdlich bezieht er in schlechter Unmittelbarkeit das eine auf das andere, und so unterlaufen Diez dann eben solche Fehllektüren wie bei Kracht. Da kann man einmal wieder sehen, was geschieht, wenn die Einfalt des unmittelbaren Lesesubjektes die Sätze eins zu eins übernimmt. Diez hielte vermutlich Kafka für einen folternden Sadisten, wenn er seine „Strafkolonie“ gelesen hätte. Und umgekehrt bezieht er die Biographie Heideggers auf den Text und liest diesen einzig unter dieser Optik. Daß unter einem solchen eingeengten Blick Verkürzungen des Textes und Fehllektüren hinter der Kritikerbrille nicht ausbleiben können, liegt nahe.

Es schreibt Diez:

„Wenn man nun wieder über die hässlichen Seiten seines Lebens redet, sollte man deshalb endlich auch wieder über die hässlichen Seiten seines Denkens reden, über das Raunende, Sektenhafte, Vernunft- und Menschenfeindliche, über die Sprachklumpen, den so dumpfen wie verführerischen, weil so einfach wie schwer verständlichen Technologie-Ekel, seinen Hölderlin-Kult auch und überhaupt die immer noch herumgeisternde Art von geistesaristokratischer Arschlochmentalität.“

Vermutlich sind Diez auch Hölderlin, auch Kleist und Schiller verdächtig, weil sie im Faschismus gerne zitiert wurden. Dem Grund für Heideggers Kritik am Subjekt und am Begriff der Technik kommt Diez nicht ein Stück nahe. Er insinuiert und überträgt im Modus der Unterstellung unidirektional ein Leben auf einen Text. Daß die Sprache Heideggers womöglich auch einem anderen Moment noch als dem Blut-und-Bodenhaften geschuldet sein könnte, darauf kann Diez hinter seiner Kritikerbrille nicht kommen. Sie ist beides: sehr der Scholle verbunden und zugleich einen anderen Raum öffnend.

Ja, man kann und man muß Heidegger kritisieren. Und zwar anhand seiner Texte. Adorno tat das in verschiedenen Aufsätzen sehr ausführlich, indem er Heidegger beim Wort nahm. Doch es bleibt, unabhängig von Heideggers Verstrickungen in den Faschismus, eine Faszination des Textes, der sich selbst Theoretiker wie Herbert Marcuse, der sicherlich der Parteinahme für den Faschismus unverdächtig ist, nicht entziehen konnten. Diesem Text der Philosophie, der die Frage nach dem Sinn von Sein stellte, diesem Faszinosum Heidegger gilt es nachzugehen und dort, im Text selber weiterzufragen. Es sind gerade die Ambivalenzen, die das Denken antreiben und in andere Richtungen bringen können.

Was ist es, was viele Denker, insbesondere solche aus Frankreich, an Heideggers Text in den Bann zog, und was war das für ein Ton, den Heidegger traf? Das Denken der Metaphysik, die Struktur einer Struktur freizulegen und die abendländische Oppositionsbildung samt ihrem Dualismus auf eine philosophische, phänomenologische Weise zu hinterfragen und ihre verdeckten Voraussetzungen in den Blick zu bringen: daß wir in einer Struktur gefangen sind, die uns bis ins Detail, bis in die Lebensregung hinein konditioniert. Heidegger stellte die Frage nach dem Fundament und dem, was darunter liegt. Anders als Adorno und Horkheimer freilich, die in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ ebenfalls das abendländische Subjekt und seine Philosophie in die Kritik bringen, denkt Heidegger zum einen nicht mehr in den Termini der Aufklärung, die für ihn der zu überwindenden Metaphysik und der Technik einer universellen Machbarkeit angehören, und er scheidet zudem jeglichen Begriff von konkreter Geschichte aus seinem Denken aus. Die geschichtliche Konstellation und überhaupt jegliches Geschehen, das sich innerhalb der Geschichte zuträgt, bleibt ihm bloßer Abdruck einer irgendwie übergeordneten Geschichtlichkeit und kann nur als darauf Bezogenes gedacht werden. Zwar ist es nicht falsch, den Historismus über Bord zu werfen – das tut auch Walter Benjamin in seinem Text „Über den Begriff der Geschichte“ –, aber Heidegger vermag es nicht mehr, Geschichte noch in einem irgendwie materialistischen Sinne zu fassen. Doch die Methode Heideggers, den Grund des abendländischen Denkens freizulegen und zugleich den Blick auf ein anderes Denken hin zu öffnen, das bleibt auch diesseits und jenseits von Heideggers Faschismus eine Aufgabe der Philosophie. Philosophen wie Jacques Derrida haben sich an dieser Methode immer orientiert.

„und vor allem gilt es zu verstehen, wie sich Heideggers Denken so tief in 20. Jahrhundert bohren konnte, bis weit hinein in die Postmoderne, und was das genau bedeutet.“ Da allerdings hat Dietz Recht. Er selbst kommt in seinem Lamento aber dieser Frage denkbar unnah. Wieder einmal bewahrheitet sich, was seit der Gründung der „Bild am Montag“ gilt: Der „Spiegel“ besitzt kein Feuilleton. Bloße Polemik, Parteinahme und Politikposing werden dem Text Heideggers nicht gerecht. Ebenso wenig wie sich die Texte Benns oder Jüngers auf den Faschismus reduzieren lassen. Von den Filmen Leni Riefenstahls ganz zu schweigen: Die gesamte Pop-Kultur des Westens bis hin zur Sportreportage bedienten sich bei ihr. Und auch der Totalitäts-Pathos der Band „Laibach“ wäre ohne die Bildsprache von Riefenstahl nicht denkbar. All diese Werke haben etwas Verstörendes, sie deuten auf einen Geist der Zeit, auf ein Denk- und Gesellschaftssystem, aber es steckt zugleich ein Faszinosum in diesem Werken. Der Ästhetisierung der Politik kann man, wie im Falle Riefenstahls, mit Benjamin gesprochen, die Politisierung der Ästhetik entgegensetzen – nur geht diese für die Ästhetik meist schlecht aus, während es die Ästhetisierung der Politik (eben als Werbung und Marketing) leicht hat. Nur selten und in ihren besten Werken, wie bei dem Filmen Eisensteins, kommen bei dieser Politisierung der Ästhetik wunderbare Werke heraus, die die Grenzen des Films erweitern. Anders herum können Werke rassistischen Inhalts wie etwa David Wark Griffith „The Birth of a Nation“ trotzdem ästhetisch bedeutungsvoll sein und aufs weitere eine Wirkung ausüben.

Es gibt Texte, die von Menschen geschrieben wurden, die wir für moralisch nicht integer halten. Dumm und unidirektional ist es, den Text auf seine Urheber zu reduzieren oder die politische Gesinnung eines Textes abzufragen. Einen Text kann man nur anhand seiner Struktur, seines Gemachtseins, seiner darin enthalten These oder seines Gehaltes – mithin als Text selbst – kritisieren. Kein Text, kein Werk fällt vom Himmel. Aber jeder Text, jedes Werk führt ein Eigenleben. Es positivistisch auf seinen Schöpfer zu reduzieren, ist der Schulfall von Banauserie und Ausdruck des Amusischen. Das Leben eines Menschen unterliegt ebenso vielfältigen, jedoch ganz anderen Kriterien als ein Text.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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43 Antworten zu Ein Diez, ein Kracht, ein Heidegger

  1. viktor schreibt:

    Herrn Diez kannte ich gar nicht, sein Pamphlet ist wirklich übel. Mich erstaunt immer wieder die Dreistigkeit, ohne den Hauch von Kenntnis Meinungen zu haben. Egal.
    Als kleine Ergänzung, insbesondere für die, denen Heidegger eher unbekannt ist: Es ist natürlich richtig, dass Heidegger eine konkret materielle Prüfung seines Geschichtsdenkens an historischen Tatsachen schuldig bleibt. Ihn interessiert nur die „Geschichte des Seyns“ (GA Bd. 69). Zu zwei Komplexen hat er sich aber näher geäußert, nämlich der Macht und der Technik.
    Insbesondere seine Beschäftigung mit der Technik in ihrem spezifisch neuzeitlichem Auftreten verdient Beachtung, und von diesem Ansatz sind auch starke Impulse ausgegangen. Friedrich Kittlers Studien zur Mediengeschichte, um nur ein prominentes Beispiel zu nennen, beziehen sich implizit und explizit sehr stark auf Heideggers Ansatz. Wer sich also eher für eine konkretere und vielleicht für den Einstieg etwas lesbarere Anwendung interessiert, kann dort fündig werden.
    Ansonsten und in Bezug auf die Diskussion zu „in hoc signo“ scheint mir, dass wir doch im Wesentlichen d’accord sind.

  2. Bersarin schreibt:

    Diese Art des Herangehens an einen Text, wie Diez es macht, ist symptomatisch – insbesondere für den Spiegel. Wenn Diez Heidegger wenigstens mit Esprit entgegengetreten wäre!

    In der Diskussion zu „In hoc signo“ gehen wir in wesentlichen Punkten d’accord. Was die Geschichte betrifft, schreibe ich noch etwas im Hinblick auf Benjamin und Heidegger.

    Die Kritik, die Heidegger ansetzt (gerade in bezug auf die Technik) und das Verhältnis von Dichtung und Denken, kann ich in manchem Punkten teilen, insbesondere vermittels der Texte Derridas fällt es mir leichter. Heideggers Sound, seinen Stil versuche ich in ein anderes Sprechen zu bringen. Dennoch bleibt, wenn ich Heidegger lese jener Auspruch von Bloch, den er in einem Gespräch mit Adorno über die Utopie äußerte: Etwas fehlt. Hier steht mir die Kritische Theorie Adornos und Benjamins sowie die Positionen Foucaults und Derridas sehr viel näher.

    Instruktiv sind auf alle Fälle Deine Literaturhinweise. Und es zeigt sich darin, daß es sich durchaus lohnt, sich mit Heidegger zu beschäftigen. Und sei es nur ex negativo.

  3. JimKnopf13 schreibt:

    Der Diez scheint mir noch in anderer Hinsicht symptomatisch zu sein. Solche Texte „X und Antisemitismus“ oder „X und Nationalsozialismus“ gehen meistens schief. Und nicht nur im Spiegel-Feuilleton. Besonders wenn sie sich (auch) auf die Zeit vor (oder während) der NS-Zeit beziehen. Da geht es dann letztlich immer nur um Entweder/Oder. Entweder Müllhalde oder Absolution. Entweder alle Texte verneinen oder „nein, DER war doch kein Antisemit, geht gar nicht, der schreibt doch so schön…“ etc. etc.

    Da kommt bei Diez also nicht nur Heidegger unter die Räder, sondern auch die Antisemitismusfoschung, die doch auch ein Wörtchen mitzureden hätte… Und über diese schwierigen (und heiklen) Dinge spricht man doch besser vom Diskurs ausgehend, nicht von der Empörung über die Texte eines Einzelnen. (was, das ist dann ja selbstverständlich, nun nicht M.H. entschuldigen soll!!)

  4. Bersarin schreibt:

    Die Schwierigkeit besteht darin, daß wir diese „Schwarzen Hefte“ bisher nicht kennen. Insofern ist das, was Diez macht, die wohlfeile Journalistenempörung. Nicht anders arbeitet auch die Bild-Zeitung und überhaupt die Boulevardmedien. Genau dorthin gehört Georg Diez.

    Die zwei Seiten in der „Zeit“ vom 27. Dezember über Heidegger halte ich deshalb journalistisch für gelungen, weil sie sich einer komplexen Angelegenheit von mehreren Seiten nähern. Schön wäre es, wenn die „Zeit“ in ihrem Feuilleton häufiger wieder zu solcher Qualität zurückkehrte.

    Natürlich kann man sagen, daß in gewissem Sinne der mutmaßliche Antisemitismus Heideggers symptomatisch für diese Zeit ist und die Grenzen zwischen eliminatorischem Antisemitismus und einem solchen des Stammtisches oder des Vorurteils sind meist sehr fließend. In der richtigen Konstellation werden, wenn es ans eliminieren geht, die meisten schweigen oder wegsehen.

  5. JimKnopf13 schreibt:

    Den Zeit-Artikel habe ich nicht gelesen. Aber ja, genau, das ist eine typische Empörungshaltung – die aber durchaus nicht nur in BILD und Spiegel stattfindet. Die gibt es – in anderem – Gewand auch auf wissenschaftlichen Tagungen.

    Und ich würde ja eben nicht die Entschuldigung vorbringen: Das war zeittypisch, also entschuldbar. Das ist nur Stammtischgerede, also entschuldbar. Wer soll denn da entschuldigen können? Aber auch: wie soll man anklagen – als Deutscher? Wenn es nur böse Einzelne sind, ist der Zeigefinger eben schnell erhoben. Oder andersherum schnell eine Entschuldigung bei der Hand. Aber genau diese beiden – einfachen Wege – Wege sind eben nur Auswege.

    Die Spannungen aushalten, will fast niemand. Den obigen Text darf man gerne ausnehmen, aber Diez und viele andere dann sicher nicht.

  6. Bersarin schreibt:

    Was die Schuld betrifft, die Deutsche im Dritten Reich auf sich geladen haben, so sehe ich diese zunächst einmal unter dem Blick des Juristen: Es sind viel zu wenige für das, was sie taten, bestraft worden. Und viel zu spät. Die Auschwitzprozesse finden 1964 (also genau vor 50 Jahren) statt. Zwanzig Jahre nach Auschwitz!

    Etwas anderes ist das Mitläufertum. Dieses läßt sich kaum juristisch ahnden, wohl aber moralisch. Und gegen das Wegschauen und dieses Wir-konnten-ja- nicht-anders ist gegenanzugehen und zu fragen: Wo warst Du Opa?

    Interessante Studie dazu auch von Harald Welzer: „Opa war kein Nazi“

    Von Martin Heidegger hat man nach jenen 12 Zufallsjahren kein Wort des Bedauerns, kein Nichts vernommen. Nur das Sein raunte. Und dies ist Heidegger mit schöner Regelmäßigkeit vorzuhalten. Der Sound des Seins kann die Shoah nicht übertünchen.

  7. viktor schreibt:

    Kleine Ergänzung dazu: In den frisch erschienenen Bänden zum Ereignis-Denken (GA 73.1 u. 2) beklagt sich Heidegger in einer Nachkriegsnotiz über das „Geschimpfe“ auf die zwölf Jahre. Ich habe die Stelle jetzt nicht zur Hand, aber seiner Ansicht nach hatte die Diskussion einfach nicht das Niveau, dass ihm eine Äußerung sinnvoll erschienen wäre. Nicht nur kein Bedauern, sondern sogar noch ein Erheben kann man daraus lesen. Er hat das nur für sich geschrieben, er musste also sich selbst wohl auch überzeugen, trotzdem kann man das nur widerlich nennen.
    Ziemlich sicher werden solche ‚Stellen‘ – nicht im isolierenden Sinne als Fremdkörper gemeint, sondern als Quellenbelege für die historische Einordnung – in größerer Zahl in den Heften auftauchen. Sonst hätte Trawny nicht schon im Vorfeld diese Rezeptionserwartung geschürt. Er selbst ist von den aktuellen deutschen Philosophen der m. E. Produktivste in der Spur Heideggers, muss also selbst etwas schockiert sein.
    Der ‚Skandal‘ ist da wohl unvermeidlich, und es ist eben nur bedauerlich, dass am lautesten wieder alle die Unberufenen und Unbescholtenen schreien werden, die weder von Philosophie etwas verstehen noch mit historischer Einordnung sich groß aufhalten. Daran haben sie auch kein Interesse, sie wollen eben nur schreien, um gehört zu werden und sich selbst zu hören. Diez macht da schon einen ‚guten‘ Anfang.

  8. JimKnopf13 schreibt:

    @viktor: Danke, für die Einordnung!
    @bersarin: Vollkommen Einverstanden!
    Aber: M.H. ist mittlerweile tot. Und meine Großväter sind es auch. Da will ich zunächst versuchen zu verstehen – weder Freispruch noch Verdammung. Natürlich muss das offen gelegt werden, natürlich muss man dann über Schuld, Mitschuld, Nebenschuld oder was weiß ich sprechen. Aber mein vorrangiger Wunsch ist hier: Verstehen, also Differenzierung, also Einordnung.

  9. summacumlaudeblog schreibt:

    Wo klickt man: Die Diskussion gefällt mir?

    Im Ernst: Das eine ist Heidegger und sein spezieller Fall. Das andere das damalige akademische Klima, von dem Heidegger eben auch ein Ausdruck ist.

    Die immer schwierige Frage nach der Schuld besteht möglicherweise darin, dass wir das Klima ebenso machen wie wir von ihm auch gemacht werden. Hinterher will man nur der Gemachte sein, die Geschichte passivisch durchlitten haben. Den aktiven Part – na, schweigen wir darüber…. So etwa argumentieren die Apologeten irgendwelcher Berühmtheiten (Heidegger, Benn bis zum Schreibverbot, vieler vielzuvieler Mediziner). Gerade bei den Medizinern wird deutlich, dass sie eben nicht nur passive Gefangene des zeittypischen, eugenischen Denkens waren sondern ebenso aktive Gefängniswärter, die die Befreiung des Denkens verhinderten.

    Ich will weder mit den Schreihälsen zu tun haben, die lediglich personale Schuldzuweisungen posaunen (dann wäre Heidegger unschuldig, weil er ja niemanden ermordet hat!!!), noch auch mit den reinen Strukturalisten, die einseitig die Zeitbedingtheit betonen und stillschweigend behaupten, es gäbe daraus keinen Ausweg. Man sieht schon: Die Frage berührt unser Fundament. Erfahrungsgemäß ist aber das POP-Feuilleton der ungeeignetste Ort, solche Fragen zu diskutieren.

  10. ziggev schreibt:

    Informative und lehrreiche Eingangstexte Zu Heidegger! Ich hätte allerdings eine Frage (jetzt kommt erstmal eine lange „Vorrede“).

    Du weißt ja, ich bin dilletantischer Minimalist, und, ach, wie gerne würde ich mir den ehrwürdigen Titel eines „Reduktionisten“ meinen zubilligen zu dürfen. Aber nein, dazu müsste erst einmal zu reduzierendes „materalisiert“ sein, wenn ich so sagen darf.

    Aber als Modell würde ich mir zuallererst den reduktionistischen Naturalismus wählen, ne Prise Logizismus hinzu, das hätte eigentlich für den Anfang ausreichen müssen. Aber selbst dort anzulangen hat mir nicht leicht zu überwindende Schwierigkeiten bereitet.

    Sei schlau, bleib dumm! Das wäre ein Motto. Aber selbst den Tor vermag ich nur unzureichend zu geben. (Hierzu sei übrigens wärmstens das kleine Büchlein: Eine kleine Geschichte der Lüge – Von Odysseus bis Pinocchio von der venezianischen Proffesorin für mittelalterliche Philosophie Maria Bettetini empfohlen. Shakespeare, Swift, Wilde, Erasmus von Rotterdamm, Dante, Boccaccio, … bis hin zu der in der Kultur der amerikanischen Ureinwohner gut dokumentierten Gestalt des Trixters, mit seinen verschiedenen Namen, die auch in Afrika, wie es scheint, sehr präsent ist, nur für uns Europäer leider (fast) nur mündlich überliefert, es wird wirklich niemand ausgelassen, und vielleicht sei mir diese abgedroschene Phrase erlaubt, es bleibt kein Auge trocken. Sehr gelehrig und aber zugleich kurzweilig zu lesen. Woody Allen wird allerdings nicht genannt. Erasmus – eines meinder Idole – kommt natürlich zu Wort, das Lob der Torheit, und, so will sich dieses Büchlein verstehen, wenn ich nicht irre, das Lob der Lüge, denn die Kunst des Lügens ist heutigentags ein klein wenig verlorengegangen.)

    Entgegen der Anforderung des Nörglers, zuerst einmal die Tradition richtig zu kennen, verfolge ich also die sich dumm stellende Maxime des Ignoranten: bevor ich z.B. Kants erkenntnistheoretisches Werk mir zu Gemüthe führe, möchte ich folgtende Frage beantwortet haben: Stellt sich diese Frage überhaupt? So lächerlich es klingt: Ist das überhaupot intuitiv einsichtig, sich Kants Fragen zu stellen? Wenn ich eine Photographie mit dem visuellen Eindruck etwa einer Alpenlandschaft vergleiche, wie ich sie zu sehen gemeint habe, dann stellen sich eklatante Differenzen heraus. Jedes Kind versteht, dass die simple Wahrnehmung keine Abbildung der Dinge an Siche sein kann.

    Desh. mein Faible für den Reduktionismus und die Wissenschaftstheorie. Ein paar Regularitäten zur Erkenntnisgewinnung – Empirie! – und Ende der Durchsage!

    Das verbindet sich freilich mit einer sinnlich-lebensfrohen Einstellung.

    Und deshalb auch die große Sympathie für Husserl.

    Langer (ächtz) Rede kurzer Sinn also, ich hätte eine Frage. Vorausgeschickt vielleicht, dass ich mich ausdrücklich für diese Blogeinträge zu Heidegger bedanken möchte. Habe ich in meinem persönlichen Lexikon, das ich auf meinem Computer anlege, unter ‚Heidegger‘ abspeichert. Den ZEIT-Artikel habe ich noch nicht gelesen : aber zusammen mit dem Interview und dem FAZ-Artikel ist das ja geradezu ein Krimi!

    Spanned – aber leider nicht wirklich unterhaltsam, weil das Thema Antisemitismus nun mal ein echt ekliges ist und bleibt.

    Meine Frage also: Gibt es etwas wie „Heidegger für Anfänger“? Um erstmal die Grundzüge zu verstehen. Wie es etwa gibt „Kant für Anfänger“ oder vielleicht gar „Kant für Dummies“ ? Mir ist natürlich klar, dass der oder die Autorin eines solchen Werkes vor fast unüberwindlichen Schwierigkeiten stehen würde, weil Heidegger ohne Berücksichtigung seines sprachlichen Duktus´ sich wohl kaum referieren können lassen würde. Aber hat irgendjemand diesen Versuch auf zufriedenstellende Weise dennoch unternommen ? Ich wäre für einen Tip ziemlich dankbar.

    Kannst Du Dir also vorstellen, dass man Heidegger zusammenkochen kann? Z.B. habe ich den Kunstwerkaufsatz vor Jahren mal gelesen. Ergebnis: (fast) nix verstahn. Bis darauf, dass jeder die Bilder von van Gogh zu kennen meint. Mir schien aber die Kritik des Dingbegriffs am verständlichsten zu sein, dort, wo Heidegger sich – ich meine – auf Heraklit bezieht. Ich hoffe, ich liege jetzt nicht vollkommen daneben. Du merkst, ich tendiere eindeutig zum „Zurück zu den Griechen“. (Oder wenigstens Mittelalter und/oder Renaissance-Philosophie)

    Oder von Husserls berühmter Descartes-Kritik ausgehend. – Gewissermaßen Heidegger ohne Heidegger. Denkbar? Vorstellbar? Gibt´s das?

    In meiner Welt muss eine Philosophie rekonstruierbar sein. D.h., prinzipiell in eine andere Sprache übersetzbar. Diese Bedingung muss eine Philosophie erfüllen. Sonst wäre sie in der Tat „bloß“ Dichtung. Lässt sich also Heidegger ohne Heidegger-Sound rekonstruieren? Das wäre meine Frage.

    Zweckdienliche Hinweise werden mit großen Lauscherohren vernommen werden.

  11. ziggev schreibt:

    Nachtrag: Unübersetzbarkeit ist für mich ein Synonym für Bedeutungslosigkeit.

  12. viktor schreibt:

    @ Ziggev u. bibliographischer Nachtrag
    Obwohl ich hier nicht angesprochen bin, gebe ich meine Empfehlungen zu Literatur über und von Heidegger.
    Eine neuere, eher chronologisch-biographische Annäherung – neben dem unvermeidlichen, aber nicht ganz schlechten Safranski – ist von Alfred Denker: Unterwegs in Sein und Zeit, Klett-Cotta 2. A. 2012. Hier liegt der Schwerpunkt in einer Einbettung des Werks ins Leben. Die wichtigsten Schriften werden vorgestellt, das Spätwerk aber eher kursorisch behandelt. Das Denken wird hier aber sehr von außen behandelt, zwar verständlich, aber die eigentliche Attraktivität bleibt unklar.
    Eine Einführung in H.s Denken ist von Oliver Jahraus: M. H. Eine Einführung. Reclam 2004. Jahraus ist Literaturwissenschaftler und Luhmann-Spezialist. Nicht sehr leicht zu lesen, aber m. E. die Einführung, die am besten den Sound Heideggers, die Denkbewegung in eine ‚terminologisch saubere‘ Sprache übersetzt.
    Ebenfalls lesenswert, aber eher Schwerpunkte markierend ist die Einführung von Günter Figal, die im Juhius-Verlag in der Reihe Einführungen in diversen Auflagen erschienen ist. Figal ist als Nachfolger auf H.s Lehrstuhl derzeit der ‚offizielle‘ Heidegger-Exeget. Seine Vorlesung „Heidegger in der Moderne“ ist als Podcast auf der Website der Uni Freiburg verfügbar. Figal hat auch das Heidegger-Lesebuch bei Klostermann – dort erscheint auch die GA, in der Roten Reihe die preiswerteren Einzelausgaben – herausgegeben, das nicht schlecht ist.
    Der beste Weg zum Selbststudium sind m. E. die „Wegmarken“ von Heidegger selbst. Das ist eine Aufsatzsammlung, die Studien von 1919 bis in die sechziger Jahre beinhaltet. Es beginnt mit einer Rezension zu Jaspers und endet mit Kant und dem Sein. Da sind alle Etappen markiert und der Sound entwickelt sich erst im Verlauf, man hat also gute Chancen, sein Crescendo mitzugehen.
    Für Figals Einführung, Jahraus und die Wegmarken muss man zusammen etwa 40,- investieren und hat m. E. das beste Starterpaket.
    Nebenbei: Unübersetzbarkeit ist eher ein Zeichen von Bedeutungsüberschuss, wie die Lyrik beweist.

    Bibliographischer Nachtrag zu meinem Posting oben über Heideggers ‚Reue‘, da Zitationen aus dem Gedächtnis nur Nietzsche erlaubt sind:

    M.H.: Zum Ereignis-Denken, hg. v Peter Trawny, GA 73.1 u. 2, 2013. Dort Bd. 2, S. 1179:

    „16. Der Untergang
    Wir – die Wenigen Europäer des Geschicks – bringen uns nun auch noch um die Gelegenheit des Untergangs – man wirft das Drohende seiner schon geschehenen Jähe zu mit einer Unmasse von leeren Neuordnungen und Optimismen und verhüllt sich dieses würdelose Geschäft durch ein ständiges Geschimpfe auf die letzten 12 Jahre und ihre Greuel. Die Handlanger zu diesem Geschäft gehen nicht aus.“

    Ein weiterer Beleg für die ‚Vergangenheitsbewältigung‘ dort auf S. 1018:

    „Das Hitlerregime kam im Verlauf seiner Entwicklung dahin, die aufkommenden Gemeinheiten als solche auch zu verkünden.
    Die Heutigen sind sogar zu feig, ihre eigenen Gemeinheiten auf sich zu nehmen.“

    Laut Herausgeber (Nachwort, S. 1495) stehen diese Notizen im sachlichen und zeitlichen Zusammenhang mit den „Schwarzen Heften“. In diesem Band, der sonst nur philosophische Überlegungen und nichts zur Zeitgeschichte zu bieten hat, sind sie sehr isoliert, geben aber wohl schon mal den Tenor vor, den man zu erwarten hat.

  13. Bersarin schreibt:

    Danke, summacumlaude, das sehe ich genau in dieser Weise. (Wobei ich den Begriff der Strukturalisten allerdings ein wenig anders fassen würde.)

  14. Bersarin schreibt:

    Victor hat es mir vorweg genommen: Auch ich hätte die Einführung aus dem Junius Verlag empfehlen. Figal stellt Heidegger relativ gut dar – zumindest in dem Buch „Heidegger. Phänomenologie der Freiheit“. Ansonsten das Buch von Rentsch „Martin Heidegger und das Sein zum Tod“ bei Piper, sofern noch lieferbar. Safranski ist sehr umfassend, gut zu lesen, populärwissenschaftlich eben. Ich denke aber, daß dieses Startpaket, das Victor empfahl, gut ist, um dann in den Heidegger einzusteigen. Am besten ist es aber, Heidegger selber zu lesen. Denn am Ende ist es so: wer die Primärliteratur nicht versteht, wird am Ende auch in der Sekundärliteratur nicht weiterkommen. Ich würde zudem die Lektüre von „Sein und Zeit“ empfehlen. Am besten in einer Lesegruppe mir Freunden, weil sich in der Diskussion manches erschließen kann. Jeder liest in wechselnder Reihenfolge einen Absatz, dann werden die Absätze von dem jeweils Vorlesenden kurz dargestellt, zusammengefaßt und dann kann man Fragen stellen, diskutieren, dann der nächste Absatz und nach ca. 1 ½ Stunden vielleicht noch eine Abschlußdiskussion zum Gelesenen. Das macht die Heidegger-Gruppe einmal in der Woche. Und nach zwei Jahren habt ihr „Sein und Zeit“ intus.

    Kants Frage in der KdrV ist: Wie sind synthetische Urteile a priori möglich? Und es geht ihm um die Reichweite einer Metaphysik, die sich über Zusammenhänge zu urteilen anmaßt, die ihr nicht zustehen.

    Heidegger ohne Heidegger: das wäre vielleicht Derrida.

    „… weil das Thema Antisemitismus nun mal ein echt ekliges ist und bleibt.“ So ist es. Und das macht die Angelegenheit so schwierig und klebrig. Eine interessante, wenngleich zu kritisierende Philosophie. Einerseits. Andererseits: Die von Victor zitierten Sätze sind da schon unglaublich: Es ist der vorgeschobene Tiefsinn der Wenigen, die Ranküne der Gehobenen gegen die Viel-zu-vielen vorgebracht. Zum Glück beseitigte Hitler wenigstens einige der Viel-zu-viel wird sich Herr Heidegger im stillen Schwarzwaldkämmerlein gedacht haben. Die großartigste Heidegger-Beschimpfung der Literatur findet sich übrigens bei Thomas Bernhard in „Alte Meister“.

    Unübersetzbarkeit heißt nicht Bedeutungslosigkeit. Es heißt: das Andere als Anderes in seinem Eigensinn. (Davon abgesehen, daß es die simulierte Übersetzung gibt, die sich etwas selbst in der Phantasie übersetzt: gavagai kann die Bezeichnung für ein Pferd sein oder eine asiatische Baumart.)

  15. ziggev schreibt:

    @ bersarin, @ viktor …

    vielen Dank für diese überreiche Beschenkung mit zweckdienlichen Hinweisen zur Einführungslektüre!

    … muss mich erstmal da durcharbeiten.

    ich bin zwar ein vehementer Verteidiger der Erst- oder Erstoriginallektüre; aber bei Heidegger strecke ich wohlweislich und vorsorlich die Waffen; gerade Angesichts der jüngsten Antisemitisumsvorwürfe bin ich nun mal einfach vorsichtig …

    thanx

  16. ziggev schreibt:

    Und jetzt erst ob! mit miesgelaunter Miene wandere ich, wie M.H., durch nordhamburger Naturlandschaften. Jetzt erst recht ! Je miesgelaunter, desto besser! Glaubst Du („du“) etwa, ich würde irgendjemanden grüßen? Nein, mieslaunigst wandere ich durch die genannten nordhamburger Naturlandschaften. Mit dem bezeichnenden misstrauischen Heideggerblick. So ist es, und so wird es fürderhin sein.

    Natürlich, wenn Du irgendwann in der Umgebung eines nordhamburger Naturschutzgebietes einem schlechtgelaunten einsamen Wanderer begegnest, der mit mies verzogerner Mine Dich dennoch überfreundlich grüßt, dann bist Du mir begegnet.

  17. Bersarin schreibt:

    Heidegger verdüstert? Heidegger wanderte durch das Süddeutsche, das Alemanische. Inwieweit prägen Landschaften das Denken?

  18. ziggev schreibt:

    m. E. ist Heidegger deshalb erwähnenswert, weil er den Begriff der Alétaja, die Lichtung, die Unverborgenheit noch einmal aufs abendländische Tapet gebracht hat. Trotzdem hatte er notorisch üble Laune, wenn er durch – meinetwegen allemannische – Gebiete wanderte. Manchmal bin ich mehr mit Arno Schmidt und damit mit A. Schopenhauer in nördlichen Gefilden unterwegs. Manchmal eben sehe ich auch die „Lichtungen“ – mit oder ohne H.

  19. ziggev schreibt:

    klar, Schopenhauer ist mehr sächsisch und im nährstoffarmen märkischen Boden zu verorten. Ist wohl eher Deine Gegend, nähe Berlin. (Und die meiner Vorfahren.)

  20. Bersarin schreibt:

    Schopenhauer ist zunächst einmal in Danzig geboren, er reiste viel durch die Welt, lebte in Hamburg, Göttingen, Weimar, Berlin, wo er Vorlesungen parallel zu Hegel hielt. Das bekam ihm nicht gut: waren bei Schopenhauer 5 Zuhörer, so hielten sich im Hörsaal Hegels hunderte Menschen auf, die dem bedeutendsten Philosophen der letzten 10 Jahrhunderte lauschten. Schopenhauer hatte jedoch Hegel gegenüber einen Vorteil: er besaß den richtigen Riecher fürs Verschwinden. Wäre auch Hegel von Berlin fortgegangen, hätte ihn nicht die Cholera ereilt. Schopenhauer zog nach Frankfurt, spazierte dort mit seinem Pudel, den er „Atman“ nannte, was soviel wie Weltseele bedeutet. Wenn Schopenhauer mit diesem Pudel böse war, dann schimpfte er ihn Mensch.

  21. ziggev schreibt:

    aber das ist jetzt echt cool, von mir ahnungsloserweise nix zu Hegel, dass jedoch Schopenhauer seinen Pudel „Atman“ nannte, wusste ich nicht ! Eine Freundin von mir, eine überzeugte Osho-Anhängerin und südamerikanische Kommunistin, deren Buch ich übersetzen durfte (Ullstein Verlag), „taufte“ ihren Sohn auf diesen Namen: Atman ! Atman, ein brillianter Gitarrist und einer der wenigen Menschen, die ich heute noch zu meinen Freunden zählen darf, irgendwo unweit von Brasilia im bras. Dschungel ohne Hebamme oder so geboren. Eigentlich der einzige. Der Unterschied zw. Brahman und Atman ist nicht leicht zu verstehen, „Weltseele“ trifft es wohl ganz gut, in Hegels Vorlesungen zur Ästhetik ein paar Hinweise. „Mein“ Atman fürchtet sich übrigens im Dunklen. Ja, das ist einer meiner besten Freunde, wie gesagt, eigentlich der einzige. Ich überlege noch, ob ich ihm erzähle, dass ausgerechnet der Philosoph, der zuerst mit (wie ich finde: gelungenen) Buddha-Übersetzungen ins Deutsche aufwartete, seinem Pudel denselben Namen gab.

  22. ziggev schreibt:

    ich möchte aber glaubhaft versichert haben: wir sind nie einander Feind oder würden uns ‚Mensch‘ schimpfen.

  23. Bersarin schreibt:

    Man kann von Hegel und von Schopenhauer gar nicht genug sprechen: also: ruhig erzählen!

  24. freumich schreibt:

    Ich habe auf spiegel.de auch mit diskutiert und war entsetzt, wer sich da alles ohne Herz und Verstand über Heidegger in Bezug auf diese schwammige Gesinnungslast zum Thema äussert, die ihm so viele aufbürden zu müssen glauben und viele auch lustvoll aufzubürden bereit sind.Das liegt natürlich auch am entsprechenden Niveau des Dietz-Artikels. Was ich zu dieser Frage, ob Heidegger nun und wenn ja inwieweit, wann und in welcher Form…einmal sagen möchte: Diese Diskussion interessiert mich eigentlich gar nicht mehr wegen Heidegger selbst, denn da bin ich mir schon sicher, was ich von ihm zu halten habe. Mich interessiert jetzt nur noch das Phänomen, daß sich mit Heidegger wieder ein neues Objekt gefunden hat, um über Nazis, Antisemiten oder „völkisches Denken“ sich gegenseitig in die Haare zu geraten, je nach Niveau.
    Einer hat dazu eine, wie ich finde, ganz witzige Bemerkung gemacht: „unseren täglichen Adolf gib uns heute“… Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß die Deutschen immer noch unter einer kollektiven Zwangsneurose in Bezug auf die NS-Zeit und Hitler leben. Ich will das nicht zum Vorwurf machen, aber dieser Umstand sollte doch meiner Meinung nach noch einmal tiefer hinterfragt werden. Ich meine: haben wir denn mit der Dämonisierung von Hitler und seinen direkten Gefolgsleuten und dem angeblich „anfälligen“ Deutschen Volk wirklich schon alle Gründe dieses schrecklichen Geschehens abgeleuchtet? Müßte man nicht auch vielmehr diese zeitliche Gegend auch geopolitisch ableuchten? Ich meine, da ist doch noch allerhand, was in den Massenmedien bis heute unterm Teppich gekehrt verblieben und was nur bei diesem oder jenem investigativen Buchautor zu erfahren ist! Ist diese Heidegger -Dritte Reich- Diskussion nicht auch wieder nur ein Manöver, um die Schuld ganz allein in die damalig ansässigen deutschen Köpfe zu verweisen?

  25. Bersarin schreibt:

    „Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß die Deutschen immer noch unter einer kollektiven Zwangsneurose in Bezug auf die NS-Zeit und Hitler leben.“ Richtig: was nie bestraft und gesühnt, bewältigt und juristisch angegangen, worüber sich im kollektiven Bewußtsein nie richtig Gedanken gemacht wurde als plötzlich die Juden verschwanden („ja, wo laufen sie denn?“), was beständig nach hinten geschoben wurde, das kehrt am Ende als Verdrängtes und damit als Neurose wieder. Die herzneurotische Kleinfamilie in ihrer schweigsamen Spießigkeit konnten wir bis in die 80er Jahre hinein erleben.

    [Von der Verleumdungs- und Lügenkampagne des verschlagenen Adenauers und der Post-NSDAP CDU gegen Willy Brandt, den sie Herbert Frahm nannten, mal ganz zu schweigen.]

    Wo immer wieder die jammerlappigen Abwiegler angetanzt kamen, die als Herrenmenschen antraten und als deutsche Mordbrenner aufhörten, da müssen in der Tat die Neurosen folgen, die sich dann auch in solchen Kommentaren zu Wort melden: „Also irgendwann muß doch auch mal Schluß damit sein!“: Als ob diese Typen je nur eine Minute sich mit der Shoah, mit dem millionenfachen Mord an Sinti und Roma, an Schwulen und Lesben, an Sozialdemokraten, Christen, Kommunisten, an Juden aus allen Ländern Europas auseinandergesetzt hätten.

    Schmiertypen wie Heidegger haben den Mund gehalten, aber der Sound des Seins sühnt eben nicht die Shoah. Diese kann durch gar nichts gesühnt werden. Nicht einmal durch den berechtigten Anflug der Flieger von Bomber Harris. Dann kommt sofort wieder der deutsche Jammersound, und aus Jung-Siegfried wird der lächerlich greinende Schrumpfgermane. Aber wie gesagt: wer Wind sät, wird Sturm ernten: Nun Volk steh auf und Sturm bricht los. Genau. Feuersturm in Dresden, und der ungebändigte, tiefe Mut der Roten Armee bis nach Berlin. Die Deutschen habe sehr viel Glück gehabt, daß sie von der Sowjetarmee relativ zuvorkommend behandelt wurden. Nach dem, was die faschistische Armee in der Sowjetunion anrichtete, hätte die Reaktion auch anders ausfallen können.

    Die Schuld liegt bei denen, die die Befehle zum Mord gaben, sie liegt bei denen, die fleißig mittaten: da, wo der nette-fette und ach so harmlose Familienvater im Reserve-Polizei-Bataillon 101 anschaffen ging. Die Schuld liegt bei denen, die ohne zu fragen wegschauten, als die jüdischen Nachbarn abgeholt wurden. Sie liegt bei denen, die ihren Rassismus sowie ihren Antiziganismus bis heute reproduzieren. 67 Jahre nach dem Mord an Roma und Sinti wird ein Denkmal in Berlin errichtet. Bitte auf der Zunge zergehen lassen: Siebenundsechzig Jahre. Gegen all diese Dinge ist die Frage nach Heidegger in der Tat eine Petitesse.

    Welche Bücher meinen Sie? Ich halte Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“ in bezug auf den eliminatorischen Antisemitismus für ein instruktives Buch. Darin sind wir sicherlich einig, wenn es um die Fragen der Schuld und der Sühne geht. Oder? Auch darin, daß die Auschwitzprozesse viel viel zu spät stattfanden. Dank mutiger Männer wie Fritz Bauer! Oder?

  26. freumich schreibt:

    @Bersarin, Sie haben mich scheinbar nicht verstanden. Übrigens: Sie nennen Hegel und Schopenhauer so ehrfürchtig zusammen in einem Atemzug, aber wußten Sie, daß Schopenhauer Hegel zutiefst veachtet hat und warum? Das wäre in diesem Zusammenhang der Streitigkeiten über diese und jene Philosophie auch interessant! Und interessant wäre es auch, den Anschuldigungen gegen Heidegger jeweils ganz genau nachzugehen, auf die sich dieser braune Ruch gründet, der ihm so emsig nachgetragen wird! Ich allein habe da nach wenigen Klicks schon zwei fragwürdige Gestalten ausmachen können: Viktor Farias und G. Scheit. Warum ist eigentlich Verleumdung in der Öffentlichkeit nicht strafbar? Über tote große Geister fällt man auch deshalb gern her, weil die sich nicht mehr wehren können! Haben Sie zum Thema Weltpolitik schon einmal Noam Chomsky gelesen oder F. William Engdahl oder Antony Sutton? Warum wird so wenig darüber diskutiert? Noch nicht einmal in diesem Forum, oder hab ich das übersehen?
    Was bitte wird Heidegger eigentlich explizit vorgeworfen? Wer hat denn Hitlers Partei mit Geldern unterstützt, genauso, wie die die rassistische Eugenikforschung in Deutschland, wer hat das ZyklonB produziert, wer hat die Infrastruktur für die durchorganisierte Judenverfolgung geliefert? Na? Hatte etwa Heidegger mit diesem Gesindel und deren Denkart irgend etwas zu tun? Nein, im Gegenteil, er hat vor diesen gewarnt! Er hat sich gegen die Technisierung der Welt gestellt! Natürlich sind die schlimmsten Täter nicht bestraft worden, genauso wie die schlimmsten Täter auch heute nicht bestraft werden! Das Dritte Reich war aus meiner Sicht nur eine Vorübung für das, was noch kommt! Und ich glaube, daß Heidegger das genau gewußt hat! Will man ihm zum Vorwurf machen, daß er sich nicht hat köpfen lassen? Es ist doch nach der Hitlerzeit im Ganzen moralisch nichts besser geworden! Im Gegenteil haben wir jetzt den offen klaffenden Raubtierkapitalismus, der mörderischer kaum noch werden kann! Es breitet sich ein „Reich “ auf diesem Planeten aus, das an Bestialität dem sog.3. in nichts nachstehen wird,nur, daß es flächendeckend sein wird und man ihm durch Emigration nicht mehr entfliehen kann! Das mag keine schöne Zukunftvision sein, aber ich halte sie für realistisch. Und niemand wäre glücklicher als ich, wenn sich dies als reine Verschwörungstheorie herausschälen würde! Aber bisher haben sich diese leider immer nur bestätigt!

  27. viktor schreibt:

    @ freumich

    Heidegger sind konkret genau drei Dinge vorzuwerfen, die gut dokumentiert sind. Die letzte quellengesättigte Studie stammt von Holger Zaborowski (Eine Frage von Irre und Schuld, Fischer Verlag), es besteht keine Notwendigkeit mit Obskuranten wie Farias einen Popanz aufzubauen, den man dann billig widerlegen kann.

    1. Heidegger hat mit dem Beginn des Rektorats die Säuberungspolitik an der Universität unterstützt. Sein Verhalten gegenüber seinem Lehrer Husserl war schlicht schäbig.
    2. Heidegger hat sich der politischen Illusion hingegeben, dass der Nationalsozialismus eine auf geschichtlicher Grundlage stehende Erneuerungsbewegung sei. Es war weit weniger Intelligenz nötig, als er sie unzweifelhaft besaß, um die Nazis als die antisemitische Mörderbande zu erkennen, die sie war.
    3. Heidegger hat nach dem Weltkrieg moralisch völlig versagt. Er und gerade er war völlig unfähig, eine angemessene Reaktion von Reue zu formulieren. Stattdessen hat er sich hinter einem arroganten, raunenden Verschweigen verschanzt.

    Das Verhältnis zwischen Ideologie und Heideggers Philosophie ist weit komplexer, als sie es hier diskutieren. In den diversen Debattenbeiträgen der jüngsten Zeit haben wir es hier zumindest in Ansätzen versucht. Heidegger als Technikverweigerer zu sehen, ist jedoch sachlich einfach falsch, zeigt Ihre Unkenntnis der Texte. Offensichtlich besitzen Sie aber nicht einmal Grundkenntnisse der Philosophiegeschichte, sonst würden sie das Schopenhauer-Hegel-Verhältnis, das nun wirklich jedem bekannt ist, nicht mit einem pseudobewanderten „Wussten Sie“ einleiten.
    „Nach der Hitlerzeit ist moralisch nichts besser besser geworden“? Ist die Beendigung des industriellen Massenmords kein moralischer Fortschritt? Genau dieses Einebnen von grundlegenden moralischen Kategorien, das Beerdigen von Schuld unter dem Berg des Seins, das war Heideggers Versagen.

  28. Bersarin schreibt:

    @freumich
    Doch, ich habe Sie sehr genau verstanden, und ich sehe auch die Ecke, aus der Sie kommen.

    Was Heidegger vorzuwerfen ist, das habe ich in meinem Beitrag und in meinen Kommentaren geschrieben. Und auch hier: https://bersarin.wordpress.com/2013/12/30/in-hoc-signo-vinces-sieg-heil-sieg-heidegger-heideggers-antisemitismus/
    Oder wie bewerten Sie das Gutachten über Richard Hönigswald? Und kommen Sie jetzt bitte nicht mit der üblichen Phrase: Aber das haben doch alle gemacht. Bitte nennen Sie mir doch kurz die Textstellen, in denen Heidegger vor den Faschisten gewarnt hat. Als er von der inneren Größe des Nationalsozialismus sprach? Oder als er der Beerdigung seines Lehrers Husserl aus dreckigem Opportunismus fernblieb? Oder wenn er in seinem Text „Warum bleiben wir in der Provinz?“ einem Agraridyll huldigt, das sprachlich und von der Ideologie her nahe an der Grenze zum Kitsch liegt? Das alles freilich bedeutet nicht, sich nicht mehr mit Heideggers Philosophie, mit seinen Texten zu beschäftigen. Die Notwendigkeit sich mit Heideggers Denken auseinanderzusetzen, betonte ich bereits.

    Sich mit denen, die Zyklon B herstellten zu beschäftigen, schließt nicht aus, sich auch mit Heidegger zu beschäftigen, dem in einem juristischen Sinne keine Schuld nachzuweisen ist. Nur geht es im Zusammenhang mit dieser Heideggerdebatte eben nicht um Zyklon-B-Produzenten und KZ-Bauunternehmer. Sehr wohl aber um eine Mitschuld und ein großes, langgedehntes Schweigen. Und das ist als Person der Öffentlichkeit, die Heidegger war, anders zu werten als wenn Rüdiger Lehmann schweigt. Eigentümlich: die Personen die am laufenden Band ansonsten nicht genug salbungsvoll, salbadernd, hoheitsvoll ihren Nationalstolzdreck absondern können, sind mit einem Male so unendlich seinsmäßig gestimmt schweigsam.

    Interessant aber, daß Sie alles mit allem in einen Topf verrühren. Es geht hier nicht um Chomsky, sondern um Heidegger. Wenn es sich erweisen sollte, daß Chomsky für eine Diktatur eine Rektoratrede hielt, so können wir in einem anderen Threat auch gerne darüber sprechen. Es geht hier nicht um das universelle Sein und die Verwindung der Metaphysik, und kaum auch ist die abendländische Metaphysik von Platon über Aristoteles, von Thomas über Descartes und bis hin zu Hegel für die Massenmorde der Faschisten verantwortlich zu machen. Das hättet Ihr Relativierer der Shoah wohl gerne: die böse Technik und das Ge-Stell und die Metaphysik waren es! Oder aber: Hitler als Reaktion auf die Sowjets und dann ist mit einem Male alles gar nicht mehr so furchtbar. (Außer für die aus den deutschen Städten und Dörfern Deportierten versteht sich.) Wer in solchen Dimensionen denkt, der denkt nicht, sondern fabuliert. Heidegger selbst pflegte bei solche Phrasendreschern wie Sie es sind, in seinem Seminar zu sagen: „Geben Sie Kleingeld.“ Dieses hätte man sich freilich auch von ihm selber gewünscht. Paul Celan hat 1967 bei seinem Besuch in Todtnauberg vergebens auf ein einziges Wort gewartet. Schuld und Verstrickungen sind konkret und nicht nur ins Seinsgeschick gerückt. Heideggers Technikkritik ist zu einem großen Teil (aber nicht nur!) reaktionäres Bauerntum. Lesen Sie Adorno und die Kritische Theorie, wenn Sie eine Kritik der Technik haben möchten, die nicht-regressiv vorgeht!

    „Das Dritte Reich war aus meiner Sicht nur eine Vorübung für das, was noch kommt!“ Sie haben noch gar nicht auf meine Frage zum Goldhagenbuch, zu Opa mit dem Maschinengewehr und seinen Genickschüssen sowie Vorgehen des netten-fetten Vaters in der UdSSR geantwortet. Von Auschwitz als Metapher für die Vernichtungslager ganz zu schweigen. Ich denke, wir arbeiten erst mal schön ein Thema nach dem anderen ab. Und wenn wir dann damit fertig sind, kommen wir zu Ihren eigentümlichen Thesen, die man mit ein wenig Phantasie bereits als Holocaustleugnung auslegen kann. Ich kann mich nicht entsinnen, daß – trotz vielfacher Verbrechen, Massaker, ethnischer Säuberungen und Massenmorde in dieser Welt – bisher ein derart industriell durchgeführter, durchgeplanter, auf allen Ebenen durchrationalisierter Massenmord industriell ausgeführt wurde. Innerhalb dieser Tötungsdiskurse gibt es durchaus qualitative Unterschiede. Diese nebeln Sie ein. Insofern ist ihre Argumentation mehr als durchsichtig. Sie relativieren die Shoah im Hinblick auf ein abstraktes Weltgeschehen, für das sie bisher leider nur ein Raunen geliefert haben. In einem Punkt gebe ich Ihnen aber recht: Wer vom Kapitalismus nicht reden will, der sollte vom Faschismus schweigen. Diese Zeilen schrieb Max Horkheimer.

    Wenn Sie im übrigen meinen Blog gründlich gelesen hätten, dann wissen Sie, wie es um das Verhältnis Hegel – Schopenhauer bestellt ist und auf welche Weise hier Philosophie gelesen wird. Insofern könne Sie sich solche neunmalklugen Anmerkungen in den braunen Hintern stecken.

  29. Bersarin schreibt:

    Und im übrigen: ich wünsche hier eine sachliche Debatte über Heidegger. Genauso dämlich wie das Kritikerbrillenlamento von Schwafel-Diez ist es, Heidegger als verfolgte Unschuld vom Lande, als einen von vielen und als unermüdlichen Warner vor den Gefahren des Faschismus hinzustellen. Ein Mann vom Lande mag Heidegger sein, unschuldig ist er nicht. Und wenn Heidegger in seiner Bremer Rede die Ähnlichkeit von Agrarindustrie und den KZs nennt und beide aufs selbe Prinzip zurückführt, dann ist das eine grobe, fahrlässige oder aber eine mit bedacht gewählte Simplifizierung und Relativierung.

    Daß es ein Prinzip der Technik gibt, wo jegliche Qualität in Quantität umgemünzt wird, ist lange keine Erklärung für das, was sich in jenen 12 Jahren in Deutschland abspielte.

  30. freumich schreibt:

    Ich möchte an dieser Diskussion hiernach wahrscheinlich nicht mehr weiter teilnehmen. Das mit dem „braunen Hintern“ hat mir genügt. Das hat mich direkt an Dietz erinnert. Sie machen es ja auch nicht anders! Gehässigkeit sollte überall vermieden werden und ganz speziell, wenn man sich über seine gegenseitigen weltanschaulichen Sichtweisen austauschen möchte. Ich hatte mir von diesem blog mehr versprochen, weil er in Der Berliner Zeitung empfohlen wurde. Wie naiv von mir! Die Bemerkung über Hegel-Schopenhauer mag auch naiv gewesen sein insofern, als ich nicht bedacht hatte, daß hier Philosohie-Analyse betrieben werden will oder betrieben wird. Bei mir ist es halt so, daß ich mich von Herzen einem Philosophen zuwende oder auch von ihm abwende. Und wenn ich Schopenhauer mag, dann kann mich Hegel nicht gleichermaßen interessieren. Und ich glaube auch, daß man eine Philosophie nicht allein mit dem Kopf verstehen kann, wenn man ihren Erdenker, bzw. „Erfühler“ von Herzen ablehnt. Deshalb finde ich es auch krank, zu glauben, man könne das Werk getrennt von der Person beurteilen. Von dem, was über Heidegger kolportiert wird, weiß ich vermutlich viel weniger, als Sie. Aber das, was ich bisher weiß, hat mir genügt, um für mich zu wissen, was ich von ihm zu halten habe und was nicht. Daß er z.B., wie Sie schreiben, in seiner Bremer Rede die Ähnlichkeit von Agrarindustrie und den KZ’s nennt, finde ich ganz im Gegensatz zu Ihnen keine grobe oder fahrlässige und auch keine mit Bedacht gewählte Simplifizierung und Relativierung, sondern schlicht die Wahrheit. Daß Sie das anders sehen, kann demnach nur daran liegen, daß Sie das Leiden von Tieren nicht berührt und daß Sie deshalb die Parallelität nicht sehen können. Für mich fängt aber Rassissmus – genau wie vermutlich für Heidegger schon dort an! und wenn Sie in der Geschichte nachschauen, werden wir da von nicht wenigen Persönlichkeiten eskortiert, die in unserer Kultur hohes Ansehen genießen und deren Wert für die Menschengesellschaft vermutlich auch Sie nicht in Abrede stellen würden! Es gibt in der Literatur sogar die Theorie, daß der Rassissmus mit der Domestizierung der Tiere begonnen habe. So erlebe ich immer wieder, wie gerade diese Dinge, die dem Heidegger vorgeworfen werden, mir ihn nur umso glaubwürdiger machen! Sorry, aber ich kann mit dieser Hassgeladenheit wirklich nichts anfangen und sie entsetzt mich auch! Sie halten mich nun wahrscheinlich mindestens für dumm. Ich kann Sie und will Sie nun auch nicht mehr davon abhalten. Aber Sie haben mir einmal mehr eine bitter Lehre erteilt! Ja, es hat mir wehgetan und ich kann und will in dieser Hinsicht auch nicht unempfindlich werden. Ich halte nichts vom „Sachlich-Sein“, weil wir keine Sachen sind, sondern von Natur aus empfindsame Säugetiere.

  31. Bersarin schreibt:

    Herr freumich, wie Sie zur Philosophie stehen, das ist ihre Sache. Allerdings ist Philosophie keine Angelegenheit der Meinungen, der bloßen Leidenschaft, der persönlichen Präferenz, auch fungiert sie nicht als Wellness-Hotel fürs Säugetier-Ich, sondern es geht um Texte, um Fragen, um Antworten und Problemzusammenhänge. Und in diesem Falle kann ich Fragen von Schopenhauer mit Fragen von Hegel zusammenlesen. Zudem kann ich das Ungedachte ihrer Texte mitdenken, Texte vergleichen, Gemeinsamkeiten und Trennendes herausarbeiten. Philosophie ist nicht wie eine Geschmackswahl im Restaurant oder wie der Faible für Automarken: der eine mag BMW, die andere Alfa Romeo. Schopenhauer fällt zwar in der Gesamtsicht hinter Hegel ab. Aber trotzdem läßt sich z.B. Schopenhauers Kunstphilosophie, sein Willenskonzept und seine Mitleidsethik weiterdenken.

    Wenn Sie Text und Person von Autoren nicht trennen möchten, dann haben Sie das, was sie nicht wollen: einen von Rassetheorie, nationalem Konservatismus und von Blut-und-Boden-Ideologie durchseuchten Heidegger. Dem ist aber nicht so. Die Fragen von „Sein und Zeit“ sind nach wie vor Fragen, die man stellen kann. In Frankreich hat darauf am wirkungsmächtigsten Jacques Derrida „Antworten“, nein: Konstellationen gefunden.

    In Ihrem Ton traten Sie als einer jene Relativierer auf, die der Shoah den Charakter eines singulären Ereignisses absprechen, frei nach dem Motto: alle sind schlecht, alle machen Fehler, und irgendwann waren mal die Deutschen dran: als wirke da irgendwo hinterm Himmel ein abstrakter Gesamtwille, der die Welt durchwirkt. Nach Auschwitz aber ist diese Welt eine andere geworden. Und insofern ist es mehr als berechtigt von einem Zivilisationsbruch nach Auschwitz zu sprechen und daß nach Auschwitz der Kategorische Imperativ ein anderer geworden ist: daß sich so etwas wie Auschwitz nie mehr wiederholen dürfe.

    Die Agrarindustrie mag zwar auf den selben Prinzipien der Rationalisierung beruhen wie Auschwitz. Aber auch die Erfindung der Zentralperspektive sowie die medizinische Entdeckung und Bekämpfung des Tuberkuloseerregers beruht dann in ihrer Logik auf diesem Prinzip. Dabei unterschlagen Sie jedoch die qualitativen Differenzen. Und in Ihrer ach so famosen Gleichsetzung, relativieren sie damit eben die Shoah. Hühner werden einer Fabrik nicht wegen ihrer „Rasse“ eingepfercht oder weil sie „unwerte“ Hühner sind, sondern weil es um billige Fleischproduktion geht. Juden jedoch wurden in den Vernichtungslagern vergast, von den Sonderkommandos erschossen, weil sie Juden waren: aufgrund ihrer „Rasse“, was als Vorkommensmerkmal und Begriff übrigens bereits idiotisch ist. Ansonsten hätte man nämlich ihre Arbeitskraft ausgenutzt. Das tat man aber nicht: der Antisemitismus der Deutschen war, mit Goldhagen gesprochen, ein elimintorischer. Darauf aber, auf diese Feinheiten sind Sie auch in Ihrem dritten Beitrag nicht eingegangen. (Davon einmal abgesehem, daß sich dieses Grauen im Grunde in keinerlei Rationalisierung und Erklärung mehr einbetten läßt: jeglicher Referenzrahmen, den Wissenschaft setzt, bleibt immer nur ein hilfloser Versuch, davon zu sprechen, wo man eigentlich verstummen müßte.)

    Wehleidig aber können Sie klagen und jammern, wie ungerecht Sie behandelt werden. Es ist mit Euch die immer gleiche Leier. Jene Tierschützer im übrigen, die von Hühner-KZs und von Hühner-Auschwitz sprechen, gehören in meinen Augen dem gleichen Kaliber an wie Rechtsradikale. Oder aber sie sind in ihren Gleichsetzungen schlicht und ergreifend fahrlässig-dumm. Mehr Möglichkeiten sehe ich da nicht. Auschwitz taugt nicht als Argument gegen Massentierhaltung. Es mag zwar einen Hühner-Hugo geben, aber keinen Hühner-Hitler. In solchen Gleichsetzungen beweist sich kein Mitleid für Tiere, sondern schlichtes Gemüt. Und das ist noch die freundlichere Lesart.

    Es geht hier nicht um die Haßgeladenheit, sondern um die Fähigkeit zu differenzieren. Wenn Sie die massenhafte, mit gigantischem Verwaltungsaufwand durchgezogene Deportation, die Vergasung, Verbrennung, Vernichtung von Menschen mit Hühnermastanlagen gleichsetzen, dann ist dies eine mehr als bezeichnende Haltung.

  32. freumich schreibt:

    Ich brauche nur den letzten Satz Ihrer Antwort herauszugreifen, um daran zu klären, daß Ihr vermeintlich sauberes, klares Denken und Differenzieren keines ist, sondern weiterhin nur ein unklares Wüten. Man sollte das Denken anderer nicht versuchen, verstümmelt darzustellen, sondern man sollte trotz allen Widersprüchen immer wieder versuchen, den anderen Menschen in seiner Ganzheit zu erkennen. Was sie hier wollen, ist nur, Ihre aus meiner Sicht völlig irrsinnige Beschuldigung gegen mich aufrecht erhalten, die schon als Begrifflichkeit (braune Gesinnung)überhaupt keine feste Kontur hat, sondern wie ein Schwamm alles aufnehmen kann, was Sie nicht verstehen oder akzeptieren wollen und deshalb anderen zur Last legen. So bequem darf man es sich nicht machen. „Das Fragen ist die Frömmigkeit des Denkens“. Es geht heute nicht nur um „Hühnermastanlagen“ , sondern darum, daß der ganze Globus überzogen ist von „Tierfabriken“ und Fließbandschlachthäusern und daß eine Tierart nach der anderen ausgerottet wurde und wird. Und weiter geht es darum, daß die ganze Erde durch die Agrar-und andere Industrien vergiftet und verseucht wird. Und die pharmazeutische Industrie mit ihren lukrativen Arzneimittelerfindungen mit den vielen Nebenwirkungen(Penicillin bringt z.B. ersteinmal das natürliche Abwehrsystem zum Erliegen, indem es die gesamten Darmbakterien abtötet – ich möchte in meinem Leben nie wieder Penicillin einverleibt bekommen) tut ihr Übriges zur Vernichtung der Erde und der von und auf ihr erzeugten und genährten Lebewesen. Ich finde derlei Auseinandersetzungen wie hier menschenunwürdig und traurig und das hat nicht nur mit „Wehleidigkeit“ zu tun, wie Sie es ausdrücken möchten, sondern gleichermaßen auch mit der Offenheit, Einsicht zu nehmen und zu gewinnen. Das richtige Differenzieren ist genauso wichtig, wie es wichtig ist, nicht den Blick auf das eine Ganze zu verlieren, was Leben bedeutet und uns als Geschöpfe dieser Erde eint. Ich wünsche mir eine Rückkehr zur Ehrfurcht vor dem Leben und dem Lebewesen Erde und eine daraus hervorgehende allgemeine Ächtung des Blutvergiessens.

  33. Bersarin schreibt:

    Anscheinend fällt es Ihnen schwer, Unterscheidungen zu treffen. In diesem Text geht es nicht um Penicilin und Hühnermast, sondern um juristisch zu ahndende Verbrechen und um Martin Heideggers Äußerungen zum Faschismus. Dazu haben Sie sich in Ihrem ganzheitlichen Menschenbild, das mir eher selektiv und auf einem Auge blind erscheint, nicht ein einziges Mal geäußert. Oder wie beurteilen Sie die Äußerungen Heideggers in seiner Rektoratsrede, wie lesen Sie das Gutachten über Richard Hönigswald? Hatte Heidegger zu Husserls Beerdigung nur eine kleine Virusinfektion und konnte deshalb nicht kommen oder war es der Opportunismus? Und wie bewerten Sie – so ganz ganzheitlich von Text und Mensch und Tier und hin zum Torfkopf gefragt – diese Äußerungen Heideggers? Schweigen und Verschweigen scheint mir hier die Frömmigkeit des Denkens zu sein. Die, die ansonsten gar nicht genug salbadern können und raunen und reden, sind mit einem Male merkwürdig befindlich schweigsam, wenn es um den Faschismus und die latenten Tendenzen geht. Ist die Schweigsamkeit in bezug auf den Faschismus auch ein fundamentalontologisches Existenzial?

    Herr Freumich, Sie werfen hier Nebelkerzen! Und mittlerweile habe ich nicht nur den Verdacht, daß Ihre Äußerungen nicht nur eine latente, sondern auch eine manifest antisemitische Tendenz aufweisen – nämlich durch Verschwiegen. Ausführlich können Sie über Tiermastanlagen schreiben. Kein Wort verlieren Sie zu Auschwitz. Eigentümlich oder? Gelegenheiten zum Klarstellen hatten Sie genug. Solche Pappenheimer wie Sie sind mir im übrigen auch in anderen Themen-Zusammenhängen in den SpOn-Diskussionsforen bekannt.

    Im übrigen wären Sie in anderen Blogs mit solchen Äußerungen nicht einmal freigeschaltet worden.

  34. Bersarin schreibt:

    Und noch etwas: ich hätte nicht üble Lust, über Ihre Beiträge hier mich sezierend wie Karl Kraus zu beugen und sie dem Spott anheimzugeben. Angefangen bei solch inhaltsleeren und nichtsagenden Phamphletphrasen wie „Ich wünsche mir eine Rückkehr zur Ehrfurcht vor dem Leben und dem Lebewesen Erde und eine daraus hervorgehende allgemeine Ächtung des Blutvergiessens.“ Die Wahrheit aber ist konkret. Wir reden hier über den Fall Heidegger und nicht über eine abstrakte Menschenliebe, die Sie hier vorgeblich propagieren. Anscheinend aber gilt die nur für einige. Manchen wurde sie verwehrt, Herr Heidegger hätte es nach Buchenwald oberhalb von Weimar und nach einigen anderen Stätten – auch in seiner Wohnortnähe – wissen können. Heidegger hat es vorgezogen, darüber zu schweigen, und was die „Schwarzen Hefte“ hergeben, wird wohl ein weiteres Licht werfen.

  35. freumich schreibt:

    Wieder brauche ich nur ein einziges Segment Ihres Textes herauszugreifen, um klarzustellen, daß Sie anderen vorwerfen, was Sie bei sich selbst übersehen. Sie waren es doch, der das Penicillin hier in den Ring geworfen hat als Beispiel für eine Ihrer Meinung nach unerlässliche und lebensfördende Errungenschaft durch die Forschung. Ich habe das doch nur aufgegriffen! Was traurigerweise wie auch hier in Internet-Foren zuhauf stattfindet, ist reines „Argumentations-Wressling“ . Man kann anderen Menschen argumentativ durch Verdrehung ihrer Motive alles unterstellen, wenn man es denn unbedingt möchte. Sie möchten Heidegger und wohl mit ihm auch mir unterstellen, daß wir den Holocaust gar nicht so schrecklich gefunden hätten wie Sie mit der Begründung, da wir es z.B.wagen, Massentierhaltung mit KZ’s zu vergleichen. In Wirklichkeit ist es doch aber so, daß Sie die Massentierhaltung im Gegensatz zu den KZ’s akzeptieren können, weil das Leiden von Tieren im Vergleich zum Leiden des Menschen für Sie keine oder kaum eine Bedeutung hat. Dabei übersehen Sie völlig den Zusammenhang zwischen der traditionell eingeübten Gefühllosigkeit und Grausamkeit gegenüber Tieren mit der auch auf die eigene Art übergreifende explodierenden Grausamkeit!
    Von der Psyche her ist es uns Menschen gar nicht möglich, eine klare Trennungslinie zu ziehen zwischen diesem und jenem Töten oder Missbrauchen! Von Mördern wissen wir, daß sie damit Schwierigkeiten haben und von mir selbst weiß ich, daß ich im umgekehrten Sinne damit Schwierigkeiten habe, d.h. nicht damit leben kann, zu akzeptieren, daß für meine Ernährung , mein Leben,andere empfindsame Lebewesen gequält und getötet werden. Wenn Sie diese Lebenseinstellung als „braun“ bezeichnen müssen, ist das Ihr Problem.
    Abschließend möchte ich noch sagen, daß mir die Art, wie hier auch wieder von Ihnen, geäussert, das Böse und die Bestialität des Menschen möglichst ausschließlich im Dritten Reich verordnen zu wollen, völlig unverständlich ist und ich sie tatsächlich in keiner Weise teilen kann, ja für gefährlichen Irrsinn halte! So, als sei Hitler damals grundlos aus der Kiste gesprungen, um bis zu seinem Tode mit seiner Gefolgschaft „das Böse“ zu betreiben und nun wäre alles gut, wenn nicht die Ihrer Meinung nach „geistigen Unterstützer“ wie z.B. Heidegger durch ihre „braun angehauchte Philosophie“ immer noch weiter „das Böse“ insgeheim in der Welt weiter verbreiteten! Was aber an Verheerung und Lebensverachtung wirklich heute in der Welt geschieht, tritt bei Ihnen anscheinend alles zurück hinter dieser von Ihnen und Ihresgleichen zusammenfantasierten „insgeheim durch Leute wie Heidegger immer noch weiter schwelenden braunen Gesinnung“.
    Für Ihre völlig aus der Luft gegriffenen „Antisemitismus- Diagnose“ für mich möchte ich nun aber doch noch eine klare Begründung von Ihnen! Wie kommen Sie darauf, mir „Antisemitismus“ zu unterstellen und, sorry, was verstehen Sie eigentlich genau darunter? Diese beiden Fragen würde ich doch noch gern von Ihnen präzise beantwortet bekommen! Das dürfte doch für Sie ein Leichtes sein, so wie Sie alles zu durchblicken und zu überschauen sich hier anmaßen! In Bezug auf die Juden kann ich Ihnen aus meinem Leben nur noch verraten, daß es mir immer wieder aufgefallen ist, daß meine „Leblinge“ aus der Geschichte unserer Kultur in den meisten Fällen Juden waren. Über diese Tatsache habe ich mir immer wieder Gedanken gemacht, bin aber bisher zu keiner abschließenden Erklärung gelangt.

  36. Bersarin schreibt:

    Wenn man in der Sache nichts Substantielles beizutragen hat, dann schreiben manche eben, es ginge ums Rechthaben.

    Schön für Sie, daß Ihre Kultur-Lieblinge Juden waren. Mich erinnert dieser Satz an Methusalix‘ Statement: Ich habe nichts gegen Fremde, einige meiner besten Freunde sind Fremde. Diese Fremden aber sind nicht von hier.

    Sie gehen nicht auf meinen Text ein: Dies hier war kein Beitrag zu Penicillin oder zur Massentierhaltung, sondern das Beispiel sollte zeigen, daß aus einer bestimmten Form von Rationalität Gutes und Schlechtes gleichermaßen entspringen, und insofern ist es unsinnig, alles in einem Topf zu verrühren, ohne das doppelter Moment von Aufklärung zu benennen.

    Es geht in diesem Beitrag primär um Heidegger und nun geht es darum, Ihnen nachzuweisen, wie Sie in einer Tour die Nebelkerzen werfen, um in Hinblick auf Heideggers Antisemitismus und seine billigende Inkaufnahme der Shoah nicht sich äußern zu müssen und um hier Ihre Weißewestewäsche zu veranstalten. [Niemand sagt übrigens, daß das Böse ausschließlich im faschistischen Deutschland seinen Ort habe, und daß Massentierhaltung per se gut sei.] Dieser Beitrag jedoch handelt von Heideggers Verstrickungen in den Nationalsozialismus, nicht vom Antisemitismus in Polen, in Frankreich, in Rußland und nicht vom Gesamt-Bösen dieser Welt, das als Seinsvergessenheit die Welt durchwest, um es in einer Vulgärheideggerterminologie zu schreiben. Und ebensowenig geht es hier um die Theodizee oder um Leibniz und Voltaire. Wenn Sie über diese Dinge diskutieren wollen, machen Sie das in Ihrem eigenen Blog.

    Heidegger hatte, selbst wenn man sein Verhalten vor dem NS-Staat und auch währenddessen mit wohlwollenden Augen betrachtet und ihn lediglich als völkisch-nationalsozialistischen Konservativen betrachtet ab 1945 genug Zeit sich irgendwie zu diesen Vorkommnissen zwischen 1933 und 1945 zu äußern. Adorno z.B. tat dies reichlich. Heidegger jedoch relativiert in seiner Bremer Rede, die schlicht eine Unverschämtheit und das Gerede eines Überzeugungstäters ist. Plötzlich kommt der deutsche Faschismus vom Himmel gefallen, in einem Atemzug mit der Agrarindustrie genannt. Ich sehe denn doch einen Unterschied zwischen dem millionenfachen Mord an Menschen und der Massenzucht von Runkelrüben. Daß Sie diesen nicht sehen, spricht Bände.

    Insofern bleiben Sie bitte beim Thema Heidegger und der Nationalsozialismus und schwadronieren nicht um die Welt und den Rest des Universums. Immer noch nicht haben Sie meine Fragen zu Heideggers Verhalten in meinem Kommentar von 12:42 Uhr beantwortet. Immer noch steht es aus, wie Heideggers Schweigen zu beurteilen ist. Wie stehen Sie denn dazu, mal unabhängig vom Gewese des Bösen im Geist der Technik, das einfach nur eine konservative Technikkritik darstellt, wie wir sie seit Klages und Spengler kennen?

    Wenn Sie weiter nichts zur Heidegger-Debatte beizutragen haben, dann bleiben Sie bitte fern. Sofern Sie in Ihrem nächsten Beitrag nichts direkt zu Heidegger zu sagen haben, ist die Diskussion beendet.

  37. freumich schreibt:

    Außer, daß ich mich hier so abschätzig behandelt fühle wie ein Jude unter Nazis, habe ich zu Ihrem Problem mit Heidegger tatsächlich nichts mehr beizutragen. Positives darf man über ihn ja hier nicht berichten! Sie Sind doch auf meine Einwände noch viel weniger eingegangen, wie ich auf Ihre. Zum Beispiel mein Hinweis auf die Unterstützung der Nazis von Amerika aus und Autoren wie Antony Sutton und F. William Engdahl, die darüber schrieben, sind Sie gar nicht erst eingegangen.
    Wahrscheinlich wollen Sie sich mit solcher Literatur und den darin enthaltenen genau belegten Geschichtsdaten gar nicht erst auseinander setzen, weil dann vielleicht Ihr bisheriges fest gezurrtes Geschichtsbild ins Wanken kommen könnte. Zur finanziellen Unterstützung der Nazis und der rassistischen Eugenik-Forschung von Amerika aus, die man jetzt Genetik nennt, haben Sie auch nichts verlauten lassen! Wenn man von heute aus über Heidegger urteilen will, muß man sein zeitgenössisches reales (politisches)Umfeld auch bereit sein, mit allen Facetten zu betrachten. Sind Sie selbst sich eigentlich so sicher, daß Sie damals von Anfang an alles durchschaut hätten und wenn ja, dann kein Blatt vor den Mund genommen hätten? Selbst bei der weißen Rose war es ein Mißgeschick, daß sie beim mutigen Flugblattverteilen beobachtet wurden und nicht direkter Wille, geschnappt zu werden.

  38. Bersarin schreibt:

    Ich messe Sie an Ihren Äußerungen und an Ihrer Argumentationsstrategie. Die Ihre ist – gewollt oder ungewollt, das lasse ich dahingestellt – die der NPD sowie ihrer Absplitterungen in den Foren von SpOn. Jude unter Nazis, genau dieses Muster. Aber noch einmal: es geht hier um Heideggers Engagement für den NS-Staat. Und nicht um die Machtergreifung Hitlers und seiner willigen Helfer, die sicherlich nicht in den USA zu finden sind. Ihre Ecke ist die revisionistische Geschichtsschreibung sowie billigster Antiamerikanismus. Mehr nicht.

  39. ziggev schreibt:

    mit Kenntnissen zu Adornos Heidegger-Kritik in anderen Werken kann ich nicht aufwarten. Bekannt aber wenigstens sind mir seine diesbezüglichen Einlassungen in „Noten zur Literatur“. Ist allerdings nun fast 10 Jahre her, dass ich diese Stelle gelesen habe. Desh. kann ich diese Stelle nur unvollkommen wiedergeben.

    Es geht nämlich um ein Heidegger-Zitat. Dabei handelt es sich um eine Schilderung eines Erlebnisses Heideggers, der berichtet, wie sich der Blick eines Bauers aus der Gegend, wo er dazumals lebte, sich in den seinen schob. Kurz gesagt, es begegnete der Blick Heideggers dem eines Bauerns. Nichts gegen dieses Berufsstand. Hieraus nun aber wollte Heidegger „philosophisches“ ableiten; was, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

    Aus dem simplen Vorkommnis eines Blickkontakts wollte Heidegger, als Philosoph!, nun also großartig etwas ableiten, folgern!

    Entsetzt genug von diesem befremdlichen Angriff auf den common sense war Adornos Reaktion geradezu erleichternd: Er wischt das einfach weg, indem er sinngemäß sagt: so geht das nicht. Wir sind hier irgendwo, jedenfalls nicht mehr im Feld der Philosophie. Sinngemäß, soweit mich meine Erinnerung nicht trügt und wie ich es damals auffasste.

    Er wischt das also schlicht und einfach weg und fährt fort im Text, wie ich erleichtert feststellen konnte. Erleichtert natürlich auch deswegen, weil ich mich nun nicht weiter mit solchem, wie mir selbstverständlich schien, offenkundigen Unsinn auseinandersetzen musste.

    Aus dem Artikel in der Berliner Zeitung: „Denn die entscheidende Frage ist, ob der Antisemitismus Heideggers auch sein Werk hinfällig macht.“

    Das kann ich natürlich nicht entscheiden. Ich bin aber ein großer Fan der neuerlichen Entwicklung in der Philosophie, die gerade auch die Tiere und das Verhältnis von uns Menschen zu diesen Wesen in den Blick nimmt, wobei ich damit nicht Singer meine. Und hier findet insbesondere Heidegger sogut wie keine Erwähnung. Wir haben inzwischen etwas, das sich „Tierphilosophie“ nennen könnte. Dieselbe kommt aber seit etwa 10 Jahren vollkommen ohne Heidegger aus. Den Vegetarismus zu diskutieren, ist eine noble Angelegenheit. Andererseits ist bekannt, zu welchen eugenischen Resultaten Singer kommt. Bekannt ist aber auch das Bild von den drei Affen, von denen einer sich die Ohren, einer die Augen und der letzte den Mund zuhält. Es stammt aus Asien und besagt weniger „nix hören, nix sehen, nix sagen“, sondern soll die Scham der Tiere über das menschliche Treiben veranschaulichen.

    Angesichts der nun angekündigten Enthüllungen über H´s Antisemitismus und der Tatsache der Shoa jetzt aber mit Tierphilosphie zu kommen, mit Massentierhaltung, ist einfach schamlos und eklig.

    Adorno ist in „Noten zur Literatur“ Heidegger gegenüber noch höflich, indem er´s einfach wegwischt und sinngemäß kundtut: so geht das einfach nicht!

    freumich, akzeptieren Sie einfach, dass der verehrte bersarin angesichts einer solchen Frecheit, gerade angesichts der derzeitigen Debatte, etwas direkter vorgeht!

    Nochmal BZ: „… die entscheidende Frage ist, ob der Antisemitismus Heideggers auch sein Werk hinfällig macht.“

    Darum geht´s u.A. Als die Faktenlage noch anders war, konnte es sich Adorno noch leisten, etwas höflicher zu sein, einfach sagen, so geht das nicht! Und schon an „Jargon der Eigentlichkeit“ ist abzulesen, dass er sich in der Tat zumindest mit „Sein und Zeit“ intensiv auseinandergesetzt hat.

    Jetzt ist die Fakenlage aber anders! Die Frage stellt sich, ob nicht H. insgesamt Makkulatur geworden ist!

    Bersarin bekommt nun mal einfach schlechte Laune, wenn jemand, bevor diese Frage entschieden ist, mit angeheideggerten Philosophemen aufwartet, die, wenn wir sie ernstnehmen würden, sie eben vorentscheiden zu wollen trachten – oder jedenfalls dazu geeignet sind.

    Was Sie bersarin vorwerfen, dass er sich gemütlich sein Süppchen kocht und sich wahllos jemanden herauspickt, der etwas ihm ungenehmes schreibt, bloß um dann die üblichen „Todschlagargumente“ anzubringen – was tun Sie denn bitte anderes, wenn sie ihm unterstellen, es ginge ihm um „Argumentations-Wresstling, wie wir es aus allerhand aus dem Ruder gelaufennen Foren-Diskussionen kennen? Das ist wirklich billig!

    Bersarin möchte eine sachliche Diskussion und er kann eine solche als mit der Materie Vertrauter auch verlangen.

    Hier müsste die Philosophie Heideggers diskutiert werden. Nur anhand einer solchen kritischen Diskussion könnte sich die Möglichkeit eröffnen, vorsichtig sich einer Antwort anzunähern, die besagen könnte: Ok., das sind die ‚basics‘, das und das kann stehenbleiben.

    Wir können nicht einfach hingehen, aus Heidegger ein paar „Schlussfolgerungen“ ziehen, die genannte Technikkritik, um damit diese Diskussion, die gerade erst begonnen hat, unterbinden zu wollen. Was ist das für ein seltsames Unterfangen, angeheideggert ein paar globale Philosopheme zu verbreiten, die dazu geeignet sind, eine sachliche Diskussion zu vernebeln, dann aber, ohne zurückgehen zu wollen, nämlich zur Sache, das von bersarin ernsthat betriebenes Bedürfnis, die Sache zu diskutieren, in ein schlechtes Licht zu bringen zu suchen, nur weil er sich etwas polemisch ausgedrückt hat?

    Es gibt hier nur eine Diagnose, bersarin hat´s ausgesprochen.

    Das sehe selbst ich als Heidegger-Sachfremder, dass das so nicht geht. Hier liegen die Gründe, die Motivationen tatsächlich etwas im Dunklen. Es gibt gar keinen Zweifel: Bersarins Misstrauen ist berechtigt!

    Dadurch jedoch, wie Sie aber vorgehen, wird eine sachliche Diskussion ins Unklare gebracht und vernebelt. Eine ärgerliche Reaktion vom bersarin, dem an einer sachlichen Diskussion gelegen ist und die, wie bewiesen, mit ihm möglich sein dürfte, darf Sie einfach nicht erstaunen. Die geheuchelte Entrüstung Ihrerseits ist einfach deplaziert.

    Stattdessen zu unterstellen, ihm ginge es um einen läppischen Foren-Diskussions-Gerangel, ist einfach unter der Gürtellinie der hier angestrebten Diskussion.

  40. Bersarin schreibt:

    Ich lasse, freumich, im übrigen Ihre Kommentare nur deshalb hier im Blog, damit geneigte Leserin, geneigter Leser sehen können, auf welche Weise Lobbyarbeit und Holocaustrelativierung funktionieren. Von der Art des Vorgehens schon sehr interessant: Auf keine der Fragen, die ich in bezug auf Heidegger und seine Denunziationsgutachen und andere Fakten stellt, wird geantwortet, sondern es werden krude Thesen aufgestellt und in langsamer Operation wird versucht, die Angelegenheit in das eigene revisionistische Fahrwasser zu bringen.

    Herr Freumich hat sich bis bisher nicht in keinem Wort zu Heidegger und zu dessen Verstrickungen in den Nationalsozialismus geäußert, zu keiner meiner Fragen, die ich im Hinblick auf Heidegger betreffende Fakten stellte, geantwortet, geschweige, daß er ein Wort zur Shoah gefunden hat. Dies halten wir als Resultat der Debatte fest.

    Die Massentötung von Menschen wird mit der Massenzucht von Runkelrüben in eins gebracht. Handelt es sich bei Herrn freumich gar um die Wiederauferstehung von Baldur Springmann? Wir hoffen es nicht.

  41. Bersarin schreibt:

    Für freumich, ist nun freumichnichtmehr und die Diskussion beendet. Gerne kann er die Schuld der Amerikaner am Holocaust diskutieren und den US-Amerikanischen Antisemitismus sowie die Verstrickungen von Henry Fords Sohn. Nur eben nicht hier in diesem Blog. Antisemitismus und kruder Antiamerikanismus haben hier keinen Platz.

    Sollte Herr freumich jedoch vorher einige Beiträge zum deutschen Antisemitismus sowie zu Hitlers willigen Vollstreckern und Helfern, zu den Mengeles und Eichmanns, zur kräftig mittuenden Intelligenzija – von Heidegger bis Carl Schmitt, von Riefenstahl bis Breker – zum netten-fetten Vater im Polizeibataillon 101 schreiben, so können wir hernach gerne die Verstrickungen der Amerikaner diskutieren.

  42. summacumlaudeblog schreibt:

    „Antisemitismus und kruder Antiamerikanismus haben hier keinen Platz.“ darüber freue ich mich

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