„Beischlafdiebstahl“

Heute freilich, kurz vor einer Krankheit stehend, die sich noch nicht recht traut auszubrechen, die sich aber ankündigt – durch ein langsam sich steigerndes Ermatten, was ja philosophisch durchaus als eine angenehme Passivität gedeutet werden kann, als Zurückfließen in die Natur; etwa so, wie in Adornos ungeheurem Aufsatz zur „Iphigenie“ dargestellt, jene „verteufelt humane Iphigenie“, dieses Stück, in dem sich die Gewalt des Mythischen zur Darstellung bringt: „Hoffnung ist das Entronnensein des Humanen aus dem Bann, die Sänftigung der Natur, nicht deren sture Beherrschung, die Schicksal perpetuiert.“ (NzL, S. 513) – heute also finde ich in meinem Blog die Suchbegriffe „unklarer weißer fleck im auge“, was mich an das Kranksein gemahnt, und beischlafdiebstahl“. Und ich bekenne: nie habe ich mir einen Beischlaf gestohlen, ich habe mir das alles immer redlich erworben und erarbeitet. Mühselig, hart, mit vollem Einsatz, mit dem mir zu Gebote stehenden Esprit, aber immer ehrlich.

Ich vermag nicht zu sagen, wie es mir morgen geht. Es sind von den Symptomen her dieselben Schwächezeichen wie seinerzeit Januar 2008 beim Pfeifferschen Drüsenfieber (Kusskrankheit, auch: Epstein-Barr-Virus). Auch die Leberschmerzen und den trockenen Husten erachte ich als Symptome. Den Hinweis, diese Dinge kämen vom sylvesterlichen Alkohol, halte ich für verfehlt. Eine Reise nach Mallorca half damals sehr gut. Ich erinnere mich beim Thema Erkrankung auch gerne an die Lektüren Nietzsches, wo er in fast jeder Vorrede oder Einleitung zu seinen Büchern von irgend einer Krankheit sprach, die er entweder im Begriff war zu bekommen oder von der er genesen war. Wenn ich an Nietzsches Ende und die Ursache desselben denke, so hoffe ich sehr, daß ich mit so Begriffen und den damit korrespondierenden Realien wie „Beischlafdiebstahl“ nur in guter Weise konfrontiert werde. Sie, liebe Leserinnen, können mit angenehmen Bildzuschriften womöglich zu meiner Genesung beitragen.

Der dritte spaßige Suchbegriff heute „entweder du heiratest und bereust es oder …“ läßt – andererseits – gleichzeitig nichts Gutes ahnen. Vielleicht aber auch doch, käme es von der Richtigen, der einzig Begehrten. Leider werden auch die Kopfschmerzen stärker. Die Ästhetik der Krankheit, wenn man im Zustand diese leichten Benommenheit durch seinen Altbau schreitet, in die Bibliothek, an den Bücherwänden entlang und jenes wunderbare Buch von Roland Barthes sich greift: „Ist das erste Geständnis einmal abgelegt, besagt ein ‚ich liebe dich‘ nichts mehr; es greift lediglich auf rätselhafte Weise (so leer ist sie!) die alte Botschaft wieder auf (über die diese Worte wahrscheinlich nicht hinausgehen). Ich wiederhole sie, ungeachtet aller Angemessenheit; sie läßt die Sprache hinter sich, verflüchtigt sich, wohin?“ (S. 136)

„Als Proferation ist ich-liebe-dich kein Zeichen, sondern spielt gegen die Zeichen. Wer nicht ich-liebe-dich sagt (wessen Lippen sich kein ich-liebe-dich entlocken läßt), ist dazu verurteilt, die multiplen, unsicheren, zweifelhaften, kargen Zeichen der Liebe auszusenden, ihre Indizes, ihre ‚Beweise‘: Gesten, Blicke, Seufzer, Anspielungen, Ellipsen: er muß sich deuten lassen; er wird von der reaktiven Instand der Liebeszeichen beherrscht, ist der dienstbaren Welt der Sprache eben darin entfremdet, daß er nicht alles sagt (Sklave ist, wer sich die Sprache beschneiden läßt, wer nur mit Mienenspiel, Gesichtsausdruck, Blicken sprechen kann).“ (R. Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, S. 144)

Warum werden wir in den Stunden der nahenden Krankheit so schwach?

14 Gedanken zu „„Beischlafdiebstahl“

  1. Du bist heute aber prima drauf trotz Ermattung ;-) – super!

    (Habe mich erst nicht getraut, unter diesem Eintrag zu kommentieren, um keine Frauen zu vertreiben; habe mich nur gefreut, dass wir fast zeitgleich ganz Ähnliches in verschiedenen Threads geschrieben haben. Und freue mich auch schon auf Deinen Text zur Euro- und Ethnozentrismuskritik bei Derrida.)

    Und ansonsten natürlich gute Gesundung!

  2. Vielen Dank. Du kannst hier in diesem sehr besonderen Threat natürlich kommentieren; ob Frau ob Mann spielt keine Rolle. Deshalb war die anfängliche Scheu falsch. Ich hoffe, daß ich ein wenig genese, um dann mit Derrida weiterzumachen. Momentan lese ich noch einmal die Ausführungen Foucaults zum Iran, weil ich unserem Freund El_mocho/Willy drüben bei Hartmut in „Kritik und Kunst“ klarmachen will, daß es sich bei Foucault kaum um einen Unterstützer des Ajatollah Khomeini handelte. Aber das wird zwecklos sein; so sinnlos, wie ihm Foucault nahezubringen.

    Aber es ist ganz interessant, denn dadurch bin ich dazu gekommen, auch Foucaults kleineren Schriften und Zeitungsartikel zu lesen. Zwar bettlägerig, aber noch lesefähig.

  3. Ich habe zu der Foucault-Iran-Nummer, bei der es sich nun tatsächlich um eine denunziatorische Unterstellung handelt, mal was längeres geschrieben, ich weiß nur nicht mehr, in welchem meiner drei Blogs :-( …

    Der Fall ist ja, dass er, um mal was anderes zu machen, als Journalist unterwegs war zu einem Zeitpunkt, da gar nicht klar war, wohin die Reise geht, auch den beteiligten Iranern nicht – Chinaski, Exi-Iraner, hat neulich noch eindrucksvoll beschrieben, wie zunächst alle gegen den Schah kämpften, und sich erst allmählich Entsetzen darüber breit machte, dass es unter den Ayatollahs viel schlimmer noch wurde. Das war mehr oder minder die Sicht der Dinge bei den meisten emanzipatorischen Kräften damals.

    Inmitten dieser Gemengelage versuchte Foucault nun, mal nicht als Philosph, Historiker der Wissenssysteme oder sonstwie Theoretiker zu schreiben, sondern ganz journalistisch aufzubereiten, was er da wahr nimmt, sieht und erfährt. Er zeigte sich sehr beeindruckt von der Power, die Spiritualität entfachen kann, wenn sie politisch wird – und beeindruckend ist das ja selbst bei den übelsten Evangelikalen, nur eben Scheiße. Aber gerade um das Vermeiden des Urteils- und Meinungsjournalismus ging es ihm, was recht amerikanisch gedacht ist – wenn ich das jetzt alles richtig in Erinnerung habe.

    Inwiefern das nun mit seinem Werk sich verknüpfen lässt, ist wohl eine offene Frage – wenn er Gefangeneninitiativen die Möglichkeit zu Verlautbarungen erkämpfte, hat er das aber auch nicht getan, um zugleich „Mörder! Mörder!“ bei eben diesen zu schreien oder denen Referate von „Überwachen und Strafen“ abzuverlangen.

    Die rückblickenden Verlautbarungen, die ja auch in den sehr frühen 80ern formuliert wurden, habe ich jetzt nicht mehr auf dem Zettel. Klar ist aber, dass damals niemand für den Schah sein konnte.

  4. So ist es. Ich lese gerade bei Eribon diese Dinge nach und habe mir Foucaults Texte dazu auch noch einmal durchgelesen. Etwas Gutes haben solche Debatten: man beschäftigt sich mit diesen Dingen einmal wieder. Das schiebt mir nun zwar wieder den Derrida nach hinten, aber vielleicht koppeln sich die Dinge ja.

    Wenn Du den Link zu Foucault findest bzw. wenn das noch zugänglich ist, kannst Du ihn hier ja mal posten.

    Genau das ist das Nervige: es werden von einem Foucault-Nicht-Kenner zwei oder drei Brocken herausgegriffen und es wird denunziatorisch auf den Autor gewälzt. Ich bin sicher nicht als Sartre-Schüler verschrien, käme aber kaum auf die Idee, seine Reisen in die UdSSR gegen seine Philosophie auszuspielen.

  5. Gute Besserung! – Manchmal wirkt so eine Krankheit als Metamorphose. 1989/1990 lag ich mit einem Virus im Bett, der den Gleichgewichtsinn ausschaltete. Die Welt schwankte. Im TV wurde Ceausescu erschossen. Wankend. Alles war verändert, als ich wieder stand. Auch mein Denken.

  6. Danke, liebe Melusine Barby. Diese Krankheit, die hätte ich glaube ich auch gerne gehabt. Der Traum jedes Ästhetikers. Das ist doch wirklich ein Erlebnis, wie sich Politik und Privatheit in einer besonderen Konstellation paaren, und dies gehört aufgeschrieben oder multimedial inszeniert. In meinen wilden Zeiten hätten wir beide dabei den größten (aisthetischen) Spaß haben können. Hast Du bei Dir im Blog daraus schon eine Geschichte gemacht? Wenn ja, dann verlink das hier doch. Ich läse es gerne.

  7. Ja, man soll einen Riesling nur mit einem Schraub- oder Glasverschluß kaufen.

  8. …oder ihn in ungewohnter Großzügigkeit mal zur Abwechslung seinem guten, alten capbretonischen Vermieter überlassen.

  9. An dieser Geschichte schreibt mein Kopf schon länger. Aber bis zur Hand (also Stift und/oder Tastatur) ist es noch nicht gelangt. So Anfänge ja – die dann aber nicht funktionieren. Es ist sonderbar: Selbst wenn so ein Erlebnis selbst schon in der „Realität“ quasi „ästhetischen Gehalt“ hat, kann es nicht direkt in einen Text verwandelt werden. Man muss einen Ton finden und eine Struktur, die zeigen, wie dieses Bild wankt :http://www.n24.de/media/import/afp/afp_20091225_12/photo_1261738469401-1-0.jpg und mit ihm mein Weltbild (aber keineswegs, weil dieser Mann oder diese Frau bzw. der „Kommunismus“, den sie vertraten mir nahe gestanden hätte). Es ginge drum, zu zeigen (ohne es zu erklären), wie die Gemütlichkeit sich auflöst, mit der man sich in Fundamentalopposition zwischen den Blöcken behaglich-punkig eingerichtet hatte. Dann wurden die wirklich erschossen und es sah sich wie ein grandioses antikes Schauspiel an, einerseits, und andererseits waren sie so grotesk banal und provinziell, verhetzt und verraten wie zwei Bauern, an denen der Weltgeist vorbei reitet (bloß, dass der ja nicht mehr ritt, sondern eine Fernsehkamera bediente). Es war unglaublich blöd und tragisch zugleich, albern und rührend, gerecht und bescheuert.
    Du siehst, ich habe einfach keine Ahnung, wie das zur „Geschichte“ werden kann.

  10. Ja, genau dieses Bild. Sehr gut beschrieben. Das, was Du hier tatest, war doch schon ein guter Anfang.

  11. lieber Bersarin,

    ich wuensche eine schnelle genesung! war ja selber lange genug krank und kann es nachvollziehen. ich hoffe, von der „Richtigen, der einzig Begehrten“, kommt jetzt die ersehnte aufmerksamkeit … nicht nur im fiebertraum die lieben fraun ;)|
    eine krankheit zwingt endlich zum innehalten, denn in der regel ist man zuvor zu schnell galoppiert. das pferd versucht mitunter, sich dem galopp durch wegrennen, ausfallen auf die vorderhand oder sogar durch kreuzgalopp zu entziehen… und der mensch…

  12. Vielen Dank, liebe Irisnebel. Nein, nein, das sind nur so Texte um nichts, ins Nichts geschriebene Texte. Versuche. Die letzten Versuche eines alternden Mannes ;-)

    Man muß die Dinge mit den Augen Becketts sehen.

    Ich hoffe, daß die Erkrankung bei Dir nichts Ernstes war. Bei mir ist es der Epstein-Barr-Virus. Ich hatte das schon einmal, aber der kommt immer wieder. Insbesondere bei mir, wenn es kalt ist.

    Viele Grüße und wenn die Krankheit noch nicht auskuriert ist, natürlich gute Besserung.

  13. Also, verkorkten Riesling kann der gerne haben. Wir fahren da noch einmal hin und verkaufen ihm den als ausgesuchte deutsche Spezialität. In einem Land, in dem „Birnen, Bohnen und Speck“ gegessen werden, ist es für einen Franzosen doch auch möglich, daß man einen guten Riesling von der Korkeiche trinkt. Ob der gute Mann sich wohl noch an Deinen zahlreichen Zeichnungen freut, die Du ihm überlassen hast?

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