An den EU-Außengrenzen (Dokumentarisches)

In 3sat Kulturzeit gab es am 21.7.2009 einen sehr sehenswerten Bericht über den Künster Gerald Steven Pinedo. Er dokumentiert das Schicksal der in Italien und Spanien ankommenden Flüchtlinge aus Afrika. Seine Mittel, diese Dinge zur Darstellung zu bringen, sind die Photographie und Video. Diese Bilder sind sehr eindringlich und teils bedrückend. Gegenstände sind dort zu sehen, die auf den erbärmlichen Flüchtlingsbooten bei der Überfahrt von den Flüchtlingen benutzt wurden; Kleidungsstücke ohne Träger werden gezeigt. Es ist eine reine Objektwelt, ohne die dazugehörigen Menschen. Dingliches, zu dem man sich die passenden Geschichten selber denken darf.

Aber auch Portraits und dokumentarische Photographien zu den Geschehnissen an Land gibt es zu sehen. Hier liegen wesentlich die Mittel der Photographie als ästhetisches Medium, uns das zu zeigen, was wir nicht sehen und nicht wahrhaben wollen. Im Bereich des Dokumentarischen konvergieren Ästhetik und Politik, besser als dies jedes Kunstwerk kann. Photographie und Film sind als ästhetische Formen die geeigneten Mittel, solche Dinge abzubilden, ohne dabei in den Kitsch des Kunstwerks zu verfallen oder das Elend im Kunstwerk bereits wieder zu überhöhen, indem man etwas ausspricht oder zeigt, was in der Sprache der (bildenden) Kunst nur als Inadäquates kommuniziert werden kann.

Das Erschreckende, was man an diesen Bildern sich vergegenwärtigen sollte, sind nicht nur die entwürdigenden Umstände der Überfahrt und die unwürdigen Bedingungen der Aufnahme in den Ländern der EU-Außengrenze, die in diesen Photographien zur Sprache kommen, sondern implizit, obwohl gar nicht gezeigt, daß wir selbst, als Europäer, maßgebliche Verursacher dieser Verhältnisse sind.

Es ist eine bedrückende Situation. So hießt es in dem Bericht:

„Wer ankommt, hat Glück. Viele von denen, die es nicht schaffen, sterben, weil sie sich auf hoher See verirren. Noch immer gelten 2253 Menschen allein vor den Kanaren als verschollen. In Interviews hat Pinedo die Eindrücke der Flucht gesammelt. Die meisten der Boat People, die Pinedo getroffen hat, sind nicht vor Verfolgung geflohen. Es sind Armutsflüchtlinge, kleine Fischer, die von ihrem Fang nicht mehr leben konnten. ‚Hunger ist auch eine Form von Krieg,‘ sagt Pinedo. ‚Es gibt hier in Europa ein großes Missverständnis, was diese Menschen betrifft. In Wirklichkeit leben wir doch auf Kosten von Afrika, auf Kosten der Armut dieser Menschen.‘“

Nein, es sind zum großen Teil keine politisch Verfolgten, die da vor unserem Türen stehen. Dennoch ist der Hunger, der diese Menschen an unsere Tische treibt, zu einem großen Teil durch Europa und die USA verursacht.

Dringend sei in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf das Buch von Harald Welzer „Klimakriege“ hingewiesen (ich habe es in drei längeren Essay sehr ausführlich besprochen), der eben maßgebliche Ursachen für solche Migrationen nennt und insbesondere unsere (moralische) Blindheit demgegenüber sowie die Mechanismen, dies auch noch zu rationalisieren, analysiert.

Und wie gesagt: wir warten bereits auf die ersten Intellektuellen, die ersten Journalisten, die es uns als Notwendigkeit verkaufen, daß auf diese Boote geschossen werden müsse, weil unser eigenes Boot bereits zu voll wäre. Auch hier wird der Bezug auf Argumentationsfiguren im Stile Nietzsches nicht allzu entfernt liegen.

4 Gedanken zu „An den EU-Außengrenzen (Dokumentarisches)

  1. Ich teile Deine abschließende Befürchtung und auch den mit Emphatie gepaarten Schrecken angesichts des Dokumentierten als auch die politische Verantwortungszuweisung als als auch die Aufforderung „Dokumentiere!“.

    Aber muss das denn gleich zu einer solchen Conclusio führen:

    „Photographie und Film sind als ästhetische Formen die geeigneten Mittel, solche Dinge abzubilden, ohne dabei in den Kitsch des Kunstwerks zu verfallen oder das Elend im Kunstwerk bereits wieder zu überhöhen, indem man etwas ausspricht oder zeigt, was in der Sprache der (bildenden) Kunst nur als Inadäquates kommuniziert werden kann.“

    Als gäbe es nun nur den „Kitsch den Kunstwerkes“ oder die „Überhöhung des Elends“ in demselben … dann dürfte es auch nur Sachbücher, aber keine Romane geben.

  2. Dank für Deinen Beitrag. Nun: von den drei Lesern, die meinen Blog lesen, kommmentierst Du viel, was mich sehr freut. Wahrscheinlich wirst Du irgendwann der einzige Kommentator sein. (Es sei denn, ich erfände fiktive Kommentatoren und schriebe mir meine Kommentare selbst, was ja eine elegante postmoderne Lösung wäre, zumal das „ich“ nicht nur einer, sondern mit Rimbaud gesprochen, viele sind. Überhaupt sind wir hier, wenn man Derrida trauen darf und seiner Einleitungskarte in „Die Postkarte von Sokrates bis Freud und jenseits. 1. Lieferung“, immer zu mehreren.)

    Doch zu Deiner Kritik:

    Natürlich können sich auch die übrigen Künste mit solchen Dingen befassen. (Und in der Tat: insbesondere der Roman scheint mir hier geeignet.) Die Frage ist hier w i e die Künste es machen. Ich werde zu dem Punkt, den Du schreibst, hier in den nächsten Tagen einen Beitrag schreiben, da die Antwort (erwartungsgemäß) etwas länger ausfällt. Ich hoffe, dies wird Dich dann etwas mehr zufrieden stellen als dieser kurze Text, der der fehlenden Zeit geschuldet ist.

  3. Das Thema als solches, also Dokumentation und deren Möglichkeit versus Formen der Dramatisierung, Poetisierung, Stilisierung etc., was alles falsch formuliert ist, weil ich an den Gegensatz nicht wirklich glaube, aber irgendwie ja doch, entwickelt sich bis hin zum einem Arbeitsrechtsverfahren (oder von diesem ausgehend?) gerade zu sowas wie einem sowohl unterschwelligen als auch offenbaren Lebensthema bei mir, auch deshalb die Kommentarfreude ;-) … ist aber, glaube ich, auch noch schwieriger bei Bewegtbildern zu diskutieren als bei der Photographie, aber da lasse ich mich auch gerne eines Besseren belehren.

  4. Ja, auf alle Fälle schwieriger bei bewegten Bildern (Zeitkunst) zu diskutieren. Was aber leider im Umkehrschluß nicht heißt, daß es bei stehenden Bildern (Raumkunst), resp. Photographien einfach wäre.

    Den Gegensatz zwischen dem Dokumentarischen und den Formen der Dramatisierung würde ich jetzt auch nicht als absoluten aufmachen wollen. Das wäre ein simples Herangehen an die Sache, zumal es unterschlagen würde, daß auch die Dokumentation von den Dramatisierungen, sprich von bestimmten Effekten und Stilmitteln lebt. Etwas vereinfacht gesagt: die ästhetische Methode muß sich (wie ja auch in der qualitativen Sozialforschung) nach der Sache richten.

    Ich würde aber versuchen, zum Wochenende hin, wo etwas mehr Zeit da ist, zu diesen Strängen etwas zu schreiben, was unter dem Titel „Politische Kunst“ laufen wird. Dies mag dann vielleicht auch meine etwas apodiktischen Äußerungen erklären helfen.

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