An den EU-Außengrenzen (Dokumentarisches)

In 3sat Kulturzeit gab es am 21.7.2009 einen sehr sehenswerten Bericht über den Künster Gerald Steven Pinedo. Er dokumentiert das Schicksal der in Italien und Spanien ankommenden Flüchtlinge aus Afrika. Seine Mittel, diese Dinge zur Darstellung zu bringen, sind die Photographie und Video. Diese Bilder sind sehr eindringlich und teils bedrückend. Gegenstände sind dort zu sehen, die auf den erbärmlichen Flüchtlingsbooten bei der Überfahrt von den Flüchtlingen benutzt wurden; Kleidungsstücke ohne Träger werden gezeigt. Es ist eine reine Objektwelt, ohne die dazugehörigen Menschen. Dingliches, zu dem man sich die passenden Geschichten selber denken darf.

Aber auch Portraits und dokumentarische Photographien zu den Geschehnissen an Land gibt es zu sehen. Hier liegen wesentlich die Mittel der Photographie als ästhetisches Medium, uns das zu zeigen, was wir nicht sehen und nicht wahrhaben wollen. Im Bereich des Dokumentarischen konvergieren Ästhetik und Politik, besser als dies jedes Kunstwerk kann. Photographie und Film sind als ästhetische Formen die geeigneten Mittel, solche Dinge abzubilden, ohne dabei in den Kitsch des Kunstwerks zu verfallen oder das Elend im Kunstwerk bereits wieder zu überhöhen, indem man etwas ausspricht oder zeigt, was in der Sprache der (bildenden) Kunst nur als Inadäquates kommuniziert werden kann.

Das Erschreckende, was man an diesen Bildern sich vergegenwärtigen sollte, sind nicht nur die entwürdigenden Umstände der Überfahrt und die unwürdigen Bedingungen der Aufnahme in den Ländern der EU-Außengrenze, die in diesen Photographien zur Sprache kommen, sondern implizit, obwohl gar nicht gezeigt, daß wir selbst, als Europäer, maßgebliche Verursacher dieser Verhältnisse sind.

Es ist eine bedrückende Situation. So hießt es in dem Bericht:

„Wer ankommt, hat Glück. Viele von denen, die es nicht schaffen, sterben, weil sie sich auf hoher See verirren. Noch immer gelten 2253 Menschen allein vor den Kanaren als verschollen. In Interviews hat Pinedo die Eindrücke der Flucht gesammelt. Die meisten der Boat People, die Pinedo getroffen hat, sind nicht vor Verfolgung geflohen. Es sind Armutsflüchtlinge, kleine Fischer, die von ihrem Fang nicht mehr leben konnten. ‚Hunger ist auch eine Form von Krieg,‘ sagt Pinedo. ‚Es gibt hier in Europa ein großes Missverständnis, was diese Menschen betrifft. In Wirklichkeit leben wir doch auf Kosten von Afrika, auf Kosten der Armut dieser Menschen.‘“

Nein, es sind zum großen Teil keine politisch Verfolgten, die da vor unserem Türen stehen. Dennoch ist der Hunger, der diese Menschen an unsere Tische treibt, zu einem großen Teil durch Europa und die USA verursacht.

Dringend sei in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf das Buch von Harald Welzer „Klimakriege“ hingewiesen (ich habe es in drei längeren Essay sehr ausführlich besprochen), der eben maßgebliche Ursachen für solche Migrationen nennt und insbesondere unsere (moralische) Blindheit demgegenüber sowie die Mechanismen, dies auch noch zu rationalisieren, analysiert.

Und wie gesagt: wir warten bereits auf die ersten Intellektuellen, die ersten Journalisten, die es uns als Notwendigkeit verkaufen, daß auf diese Boote geschossen werden müsse, weil unser eigenes Boot bereits zu voll wäre. Auch hier wird der Bezug auf Argumentationsfiguren im Stile Nietzsches nicht allzu entfernt liegen.

Harald Welzers „Klimakriege“ (3. Teil)

Warum wir das, wogegen wir vor 20 Jahren
protestiert haben, mittlerweile normal finden

„Aus der Völkermordforschung wissen wir, wie schnell
die Lösung sozialer Fragen in radikale Definitionen
und tödliche Handlungen übergehen kann,
und so etwas abzuwenden, wird eine Probe darauf sein,
ob Gesellschaften aus der Geschichte lernen können oder nicht.“

Harald Welzer

IV Shifting baselines

Woher kommt diese „Apokalypseblindheit“? Weshalb wissen wir in unserer westlichen Moderne (oder Spätmoderne, Transmoderne, Postmoderne?), die wir eigentlich über das Potential kritischer Reflexion verfügen, die Zeichen der Zeit nicht nur nicht zu deuten, sondern wollen sie gar nicht erst bemerken? Wollen wir das nicht sehen, was momentan vor sich geht; können wir das womöglich gar nicht sehen? Vom Standpunkt des Futurum exactum betrachtet, (Welzer widmet ihm ein kleines Kapitel), den wir als denkende Wesen einnehmen können – und auch die Option des Möglichkeitssinns steht uns zu Gebote, um erweiterte Perspektiven zu gewinnen – sollten wir darüber nachdenken, ob wir eine Welt in diesem Lichte wirklich wollen. Vielleicht können dieser Blick vom Futurum exactum her und der Möglichkeitssinn Mittel abgeben, unsere Referenzrahmen zu überprüfen und zu hinterfragen. Es erfordert dies freilich einen Raum und Resonanzboden für Reflexion sowie einen öffentlichen Diskurs. Diesen könnten die Medien zwar liefern, doch scheint ihnen nicht viel daran gelegen. Ich rede hier nicht einmal vom Privatfernsehen oder den öffentlich-rechtliche Medien, dem „Spiegel“ (dem Sturmgeschütz der Akklamation) und ihren bewußt eingesetzten Narkoseprogrammen. Hier ist nichts zu erwarten. Aber wenn nicht einmal mehr Zeitungen wie die „Zeit“ oder Tageszeitungen wie die „Süddeutsche“ oder die „Berliner Zeitung“ einen leisen warnenden Ton anstimmen können, dann liegt etwas im argen. Ach, so schlimm wird es schon nicht kommen, so hört man allenthalben sagen. Na, mal sehen. Eine Wette möchte ich darauf nicht eingehen. „Du mußt Dein Leben ändern“, wie das neue Buch von Sloterdijk heißt? Möglicherweise nein, sondern: „Du mußt nur die Laufrichtung ändern!“vielleicht eher und mit Kafka ganz pessimistisch in den Raum gesprochen. Doch hierzu zum Ende hin mehr.

Wann eigentlich beginnen soziale Katastrophen? Welzer beschreibt in Anlehnung an Jared Diamonds „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“, jedoch mit ganz anderer Zielrichtung, die soziale Katastrophe auf der Osterinsel und wie es möglich ist, daß eine Kultur Dinge veranstaltet, die bis zur Selbstpreisgabe desaströs sind, ohne daß in der Gesellschaft ein Bewußtsein darüber herrscht oder sich Widerstand regt. Wenn im öffentlichen Diskurs bemerkt wird, daß Dinge sich geändert haben und schwerwiegende Folgen sich einstellen werden bzw. bereits eingestellt haben, ist es meist zu spät.

„Die soziale Katastrophe der Osterinsel beginnt nicht, wenn der letzte Baum gefällt wird, sowenig wie der Holocaust mit der Installierung der ersten Gaskammer in Auschwitz anfängt. Soziale Katastrophen beginnen dort, wo falsche Entscheidungsrichtungen eingeschlagen werden – also dort, wo Distinktions- und Statusregeln auf den Osterinseln den Verbrauch von Holz für die Skulpturenproduktion fordern oder dort, wo wissenschaftlich begründete Annahmen über die Ungleichheit von Menschen in Deutschland den Rang von Gesetzen und Verordnungen erhalten.“

Genau dieser Aspekt ist es, den Welzer auf den Punkt bringt und wo er, vollkommen richtig, insistiert: Wir müssen einen (sozialen) Blick entwickeln für solche Angelegenheiten, und wir benötigen ein Sensorium für soziale Katastrophen. Es ist hierbei eine ganze Gesellschaft gefordert. Dies kann man vollkommen neutral festhalten, ohne in Alarmismus und Angstkommunikation zu verfallen.

Bei solchem Wandel in den Werthaltungen und solcher Veränderung von Normen innerhalb einer Gesellschaft handelt es sich um sozialpsycholgische Mechanismen, für die Welzer den Begriff der „shifting baselines“ verwendet, welchen er der Umweltpsychologie entnimmt (S. 214). Menschen halten immer jenen Zustand ihrer Umwelt für den „natürlichen“, der mit ihrem Lebens- und Erfahrungshorizont zusammenfällt (S. 214), und Menschen verändern sich mit mit ihrer Umwelt in ihren Wahrnehmungen und Werten gleitend, ohne daß sie dies jedoch selber bemerken (S. 16). Shifting baselines sind insofern auch dafür verantwortlich, was wir für normal halten und was nicht (S. 217). Man denke etwa an die Systeme der Überwachung: Die Generation, welche in diesem Jahrzehnt Kind ist, wird Videokameras, Gentests und biometrische Daten für ein normales Prozedere halten, und die Abfrage persönlichster Daten ist für diese Generation selbstverständlich. Wissen und Wahrnehmen hängen auf das engste zusammen:

„Denn Einmaligkeitsereignisse werden in der Regel gerade deshalb nicht wahrgenommen, weil sie neu sind, man also das, was geschieht, mit den verfügbaren Referenzrahmen zu erfassen versucht, obwohl es sich um ein präzedenzloses Geschehen handelt, das selbst erst eine Referenz für spätere vergleichbare Ereignisse liefert.“ (S. 219)

Hierin eben liegt eine Erklärung dafür, warum wir nicht wissen, daß wir nichts wissen; wir schauen mit unserem uns zur Verfügung stehenden Blick und sehen ohne zu sehen. (Ein ganz aktuelles Beispiel für ein Sehen ohne zu sehen, sind die gegenwärtigen Umwälzungen und die Weltwirtschaftskrise. Bei einigen scheint noch rein gar nichts angekommen zu sein.)

Kann man dieses Verhalten als moralischen Vorwurf an die Subjekte und die Diskurse herantragen? Man kann diese Dinge zunächst einmal nur konstatieren und muß sich überlegen, was dies als Konsequenz bedeutet. Welzer zitiert hinsichtlich dieser Problematik den Soziologen Norbert Elias, welcher es als „eine der schwierigsten Aufgabe der Sozialwissenschaften bezeichnet, die Struktur des Nichtwissens zu rekonstruieren, die zu anderen Zeiten vorgelegen hat.“ (S. 220) Ich halte diese Rekonstruktion (nicht nur in bezug auf die anderen, vergangenen Zeiten, sondern auch hinsichtlich der unseren Zeit) für extrem wichtig, um dadurch ein Begreifen dessen, was gegenwärtig geschieht, vermittels Analogieschluß zu forcieren und den blinden Fleck sichtbar zu machen. Foucaultsches und Luhmannsches Instrumentarium schadet dabei als Rüstzeug und als Zusatz zu dem bereits verwendeten Mitteln keineswegs. Man müßte nur (insbesondere bei Luhmann) die Perspektive ein wenig variieren.

Welzer zeigt anhand des Ausgrenzungs- und Verfolgungsprozesses der Juden im nationalsozialistischen Deutschland (Welzer hat zu diesem Feld umfangreiche Forschung geleistet) und an anderen Beispielen ausführlich, wie Mechanismen der Wahrnehmung und Interpretation von sozialen Tatsachen funktionieren und die Beteiligen dabei nicht einmal merken, was vor sich geht. Diskursive Moralphilosphie, in solcher Perspektive, kann nur scheitern und appelliert ins Nichts hinein, was schon Schopenhauer wußte. Aber auch individualistische, auf moralischer Intuition oder die Kraft des Subjekts beruhende Positionen werden es schwer haben, ein Korrektiv abzugeben. Insofern stellt Welzer fest:

Angesichts des Phänomens der gleitenden Referenzpunkte wird man sich auch angesichts ganz anderer Problem- und Veränderungslagen nicht der Illusion hingeben wollen, ihre moralischen Überzeugungen würden Menschen schon an irgendeiner Stelle eines gegenmenschlichen Prozesses innehalten und zum Besseren zurückkehren lassen. Das geschieht oft selbst dann nicht, wenn dieser Prozess selbstzerstörerisch zu werden droht.“ (S. 230 f.)

Für eine Moralphilosophie sind dies allerdings düstere Aussichten. Es haben sich die Ethik und die Philosophie überhaupt diesen Einsichten jedoch zu stellen. Allein schon aus dem Grund, daß unsere Zukunft und die Art und Weise, wie wir und nachfolgende Generationen zukünftig leben wollen, davon abhängt. Hier ist das Projekt der Aufklärung absolut weiterzutreiben. Welzer insistiert darauf, und sein Buch ist hierzu ein gewichtiger Beitrag.

V. Ökologische Kommunikation

Die ökologischen Probleme sind nicht neu: Bereits in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Bericht des „Club of Rome zur Lage der Menschheit“, den „Grenzen des Wachstums“ gab es erste Warnungen und Hinweise (S. 110). Daß die sozialen Folgen der ökologischen Probleme bis heute kaum oder zu wenig diskutiert werden, steht in krassem Gegensatz zum Alter der ökologischen Debatte, so Welzer. Und dies ist richtig: Selbst in den frühen 80er Jahren auf dem Höhepunkt der Ökologiebewegung in der BRD bis hin zu Tschernobyl wurde zwar sehr viel über die Probleme und ihre Folgen gesprochen, doch weder in der internen Debatte der verschiedenen Gruppierungen und Strömungen, noch in jenem medialen Grunddiskurs, der etwa Begriffe wie Smog und Waldsterben ubiquitär machte, tauchten die sozialen Folgen richtig auf.

Mit Luhmann könnte man hier natürlich (systemtheoretisch) einwenden, daß ein System eben nur das kommunizieren kann, was es aufgrund seiner Differenzierung zur Umwelt und seiner systemimmanenten Binnenunterscheidung kommunizieren kann. Alles andere wäre eine Überforderung des entsprechenden Systems. So wird, vereinfacht gesagt, niemand vom System des Rechts Kunstwerke erwarten und vice versa. Doch ist es nur bedingt hilfreich, wenn es um Lösungen geht, ex negativo zu argumentieren, was nicht geht. Wenngleich die Luhmannsche Position schon eine erste Erklärung darüber abgeben mag, warum bestimmte Themen eben nicht kommuniziert werden können. Hier gilt es, Dinge fruchtbar zu machen.

Was die ökologische Debatte betrifft, sei nur auf seine Arbeit „Ökologische Kommunikation“ von 1986 hingewiesen. Ich wäre gerne noch intensiv darauf eingegangen, doch kann hier nicht der Raum dafür sein. Lesenswert ist dieses Buch jedoch, wenngleich es nicht unumstritten ist und problematische Punkte enthält. Ein Zusammen- und Gegenlesen mit Welzer wäre aber spannend. (Eine Luhmann dekonstruierende und gegen den Strich verfahrende Lektüre allemal.) Und es wäre für die hier skizzierten Probleme womöglich eine Ergänzung um Luhmann sinnvoll, wenngleich dies nicht unbedingt im Theorieansatz Welzers gegründet liegt und Luhmannsches Theoriedesign dem Denken Welzers eher entgegensteht: Sind es doch für Welzer nicht Strukturen und Diskurse, sondern es muß aus jener Welt der Strukturen zurückgefunden werden zu Strategien, mit denen „soziale Wesen“, mithin Subjekte, versuchen ihr Dasein zu bewältigen. (S. 44) Hier gilt es nach Welzer, die Potentiale des Subjekts zu entfalten. (Inwieweit in solchem Ansatz auch Probleme liegen, kann ich hier nicht weiter behandeln; dies ist ein Aspekt für sich, der unter dem Titel „Subjektphilosophie“ besprochen werden müßte; es wird aber in diesem Jahr Aufsätze zur Postmoderne und zum Poststrukturalismus geben, zumal anläßlich des 25. Todestages von Michel Foucault in diesem Jahr. Dieser darf nicht unkommentiert bleiben.)

Ich halte, um es kurz zu fassen, diesen teils sehr subjektzentrierten Ansatz Welzers, wenn man ihn verabsolutiert und als Königsweg begehen möchte, für eine Verknappung, denn es beraubt sich eine umfassende Theorie doch durch das Abschneiden der strukturellen und diskurstheoretischen Elemente ihres besten Instrumentariums zur Analyse, wenn es darum geht Zusammenhänge erst einmal deskriptiv zu erfassen oder gar Erklärungen dafür zu finden, warum bestimmte Themen von bestimmten gesellschaftlichen Subsystemen wie Recht oder Wirtschaft eben nicht oder erst unter bestimmten Bedingungen kommuniziert werden können. Hier bietet die Systemtheorie durchaus Erklärungen an, ohne daß man beim Nachdenken darüber sogleich zum Strukturfunktionalist werden müßte.

VI. Ausblicke

Vielfach wirft „Klimakriege“ bezüglich seiner Themen die Netze sehr weit aus. So werden Themenfelder wie der Nationalsozialismus und (islamischer) Terrorismus unter dem Kapitel „Veränderte Menschen“ sehr ausführlich behandelt, um die hier wirkenden Mechanismen der Verschiebung von Wahrnehmung und Interpretation der sozialen Realität aufzuzeigen. Dies geschieht, um die oben skizzierte Theorie der „shifting baselines“ und deren Implikationen zu verdeutlichen und so bei (möglichen) Zukunftsszenarien Handlungsmuster zu antizipieren. Welche Optionen würden gewählt, wie sehen Möglichkeiten des politischen Handelns aus, wenn der Westen einem noch mehr ansteigenden, unaufhaltsamen Strom von Umweltflüchlingen ausgesetzt sein wird und der Druck an den Außengrenzen der EU zunehmend steigt? Noch mögen wir es als unmenschlich empfinden, Flüchtlinge in kaum schwimmtauglichen Beförderungsmitteln im Meer einfach ertrinken zu lassen, anstatt sie zu retten (obwohl dieses Ertrinkenlassen schon vielfach geschieht); noch erscheint es uns als absurd und dem europäischen aufgeklärten Geist widersprechend, daß Patrouillenboote der Grenztruppen auf Flüchtlingsboote schießen, um sie zur Umkehr zu bewegen, und bewußt den Tod von Menschen in Kauf nehmen. Bei einem veränderten Referenzrahmen jedoch, wenn der Druck im Kessel steigt, erscheinen solche Lösungen gar nicht mehr so abwegig. Schnell setzt die Gewöhnung und Erleichterung über diese endlich ergriffenen Maßnahmen ein. Und es werden sich ausreichend Journalisten sowie Intellektuelle finden, die dieses Vorgehen nicht mehr nur beschweigen, sondern explizit gutheißen werden.

 Natürlich sind diese Annahmen erst einmal spekulativer Natur, und der wohlmeinend Abwägende, für den Ruhe die erste Bürgerpflicht und Tugend ist, wird entgegnen, daß diese Szenarien und die daraus resultierenden Handlungsfolgen nicht zu beweisen seien und der Hypothesencharakter des Konstruktes (und auch des Buches von Welzer) doch sehr stark sei. Es werde hier zudem sehr Unverbundenes und Disparates wie der Genozid in Ruanda und der Holocuast zusammengebracht mit der Wahrnehmung von Südkalifornischen Fischern bezüglich der Überfischung des Pazifiks. Es mögen diese von Welzer geschilderten Zukunftsaussichten so sein oder auch nicht, wir wissen es eben nicht, was in der Zukunft geschieht, das ist vollkommen richtig. (Korrekt muß man sagen: die möglichen Aussichten, denn Welzer antizipiert nichts und stellt nichts als soziale Tatsache dar, was nur spekulativer Natur ist.) Daß aber Menschen auf Freiheitsrechte verzichten zugunsten von Sicherheit, kann man bereits an der gegenwärtigen Debatte über die Gesetze zur Bekämpfung von Terrorismus ablesen.

Solches läßt sich zunächst einmal ganz neutral konstatieren. Denn daß ein Staat Maßnahmen gegen terroristische Bedrohungen trifft, ist legitim, da es die Pflicht eines Staates ist, seine Bürger gegen Terrorismus zu schützen (siehe Teil 1 dieses Essays, am 30.3.). Zu Fragen bleibt aber dabei, was solche Maßnahmen für die Formen sozialen Zusammenlebens und für die Art, wie Gesellschaften Dinge zukünftig wahrnehmen und bewerten, bedeuten.

Es sollte nicht zu viel Vertrauen in die Stabilität von Werten sowie in Normalitäts- und Zivilisierungsstandards gelegt werden (S. 239). Denn mit der Zuspitzung von Problemlagen geht meist ein schleichender Wandel dieser Werte und der Gewichtung von Werten einher. Bestes Beispiel ist hier der Umgang mit persönlichen Daten, mithin das Recht auf informationelle Selbstbestimmung: Brach bereits Jahre vor der Volkszählung von 1987, die im Vergleich zum Umgang mit Daten in der heutigen Zeit harmlos zu nennen ist, noch ein Sturm der allgemeinen Entrüstung auch bei denjenigen aus, die nicht unbedingt „links“ zu nennen sind, so bleibt in unserer Zeit eine Reaktion aus angesichts des heutigen Umgangs mit persönlichen Daten im Zeitalter des Internet und der verstärkten Überwachung. (Siehe hierzu etwa die Ausführungen Welzers S. 234 – 238.) Anhand solcher Beispiele zeigt Welzer sehr gut auf, wie die Theorie der „shifting baselines“ funktioniert. Wir glauben, ganz dieselben geblieben zu sein und dennoch haben sich unser Referenzrahmen und unsere Wertmaßstäbe unmerklich ein Stück verschoben.

So kann man abschließend festhalten, daß dieses Buch viel erreichen möchte und zugleich mit der Adlerperspektive über die Dinge gleitet. Insofern ist es ein wissenschaftliches Buch, welches sich nicht nur an das wissenschaftlich gebildete Fachpublikum, sondern an eine breitere Allgemeinheit wendet. Verstehen kann dieses Buch beim Lesen jeder. Es wird nicht mit Begriffen herumgeschwurbelt und epigonaler Diskursklamauk betrieben (nichts gegen Derrida, Foucault, Deleuze, Barthe: dies ist eine ganz andere Liga als jene nachbetenden Signifikantenreiter. Hier weiß ich mich gewiß mit meinem Blogkollegen Hartmut einig, dem ich manche Anregungen aus seinem Blog „Kritik und Kunst“ verdanke.)

Klimawandel beschränkt sich nach Welzer nicht nur auf das Absterben von Wäldern (und damit einhergehender Bodenerosion), das Abschmelzen von Gletschern und auf andere meteorologische Phänomene, sondern es entwickeln sich daraus ganz eminente politische und soziale Folgen, die mit dem bloßen Blick auf diese klimatischen Ursachen noch lange nicht hinreichend erfaßt sind. (S. 110) Dies stellt Welzer vollkommen richtig heraus. Die Auseinandersetzung mit dem sozialen Folgen und eine politische Debatte stehen hier noch aus. Ich hatte dies im zweiten Teil des Essay bereits angesprochen. Ein sehr wichtiger Punkt stellt für mich dar, daß Welzer diese Probleme nicht individualisiert, wie dies von Politikern einer bestimmen Provenienz gerne getan wird. Es reicht nicht aus, auf bestimmte Produkte oder weite Flugreisen zu verzichten. Dies dient lediglich der Selbstberuhigung und ist naiv, wenn solches Verhalten nicht zugleich mit einer Reflexion auf umfassende Mechanismen begleitet ist. (Insofern ist eben kein Mensch von der Philosophie entbunden, sondern vielmehr zu ihr verpflichtet.)

Bei den im Buch angesprochenen Problemen geht es Welzer zudem nicht um monokausale Erklärungen für die neuen Klimakriege, da „Gewaltkonflikte (…) immer ein Produkt mehrerer paralleler und ungleichzeitiger Entwicklungen (sind)“ (S. 111). Das Niveau der Theorie muß hinreichend komplex sein, um das Feld zu erfassen.

Das Buch entwirft, dies muß man ganz hart sagen, Katastrophenszenarien, von denen man sich wünscht, daß sie nicht eintreffen mögen, so Welzer. Doch steht es zu vermuten an, daß diese Szenarien eintreffen werden, wenn der Schlaf der Vernunft anhält. Die Folgen des Klimawandels „werden nicht nur die Welt verändern und andere Verhältnisse etablieren, als man bislang kannte, sie werden auch das Ende der Aufklärung und ihrer Vorstellung von Freiheit sein. Aber es gibt Bücher, die schreibt man in der Hoffnung, dass man Unrecht hat.“ (S. 17, Hervorh. von bersarin.)

Es wird Kriege gegeben haben: Es bleibt zu fragen, wie dieser Punkt aussieht, von dem aus wir, nachdem diese Kriege (vielleicht) einmal zu Ende sind, sagen werden, daß es Kriege gegeben hat, falls es sich nicht um zukünftige Kriege handelt, die, wie heute schon im Kongo, von verschiedenen Kriegsindustrien auf Dauer gestellt sind, um mit ihnen beständige Profite zu erzeugen.

Welzer hat jedoch mit seinem Buch eine Spur gelegt, der es zu folgen, und einen Rahmen gesetzt, den es mit der detaillierten Forschung auszufüllen gilt. Was nun ansteht, das ist die Kärnerarbeit der Geisteswissenschaften wie der Soziologie, der Politikwissenschaften und der Philosophie (aber auch der Jurisprudenz und der Rechtsphilosophie/-theorie) und den Naturwissenschaften, auf diese Anforderungen zu reagieren und konkrete Theorien auszuarbeiten. Wir werden uns der Fragen stellen müssen, wie eine Gesellschaft aussehen wird und aussehen kann, die etwa mit massiven zunehmenden weltweiten Flüchtlingsströmen umgehen muß.

Doch diese Theorien werden allesamt nichts nützen, wenn es damit einhergehend nicht auch eine Politik gibt, die dafür sorgt und es für absolut notwendig und dringlich erachtet, daß die Erkenntnisse aus solchen Theorien zugleich umgesetzt werden müssen. Denn es genügt nicht, um hier Marx‘ 11. Feuerbachthese anzuzitiern, die Welt bloß zu interpretieren und in der Theorie die Problematik zu durchdringen, sondern diese Welt muß zugleich verändert werden. Es gilt, Praktiken zu entwickeln, ohne dabei aber die Möglichkeiten von Politik (utopistisch im schlechten Sinne) zu überfordern, denn leider ist der gleichzeitig auch ideologisch gebrauchte Satz nicht vollkommen falsch, daß Politik die Kunst des Möglichen sei, was aber nicht bedeutet, dabei den Möglichkeitssinn auszuschalten. Es geht also um ein Konzept der kleinen Schritte. (Hoffen wir nur, daß für diese noch die Zeit reicht.) Wie Veränderungen trotzdem möglich sein können, wenngleich nur langsam, hat die Entwicklung hinsichtlich des ökologischen Bewußtseins gezeigt. Heute haben auch die Parteien, die früher nicht gerade als Vorreiter ökologischer Themen bekannt waren, ökologische Themen im Programm. Diese sind, bei aller Oberflächlichkeit, doch Bestandteil des gesellschaftlichen Diskurses geworden. Dies hat jedoch eine lange Zeit gebraucht.

Daß sich Politik mittelfristig ändert, läßt sich für Welzer etwa über eine „Erhöhung der Kommunikations- und Teilhabechancen“ an Debatten und und Entscheidungen über zukunftsrelevante Fragen innerhalb einer Gesellschaft erreichen (S. 270). Denn eine Gesellschaft, „die größere Teilhabe und höheres Engagement erlaubt, ist besser in der Lage, dringende Probleme zu lösen, als eine, die ihre Mitglieder gleichgültig läßt.“ (S. 271) Es wird hier eine dritte Moderne gefordert, die bewußt die Strategie einer reflexiven Moderne einschlägt. Inwieweit dieses Konzept aber tragen mag und nicht bloß frommer Wunsch bleibt, dies sieht auch Welzer. Insofern gibt es noch ein zweites Kapitel „Was man tun kann und was nicht II“, das ein eher düsteres Szenario hinsichtlich der Zukunft bereithält. Der Hoffnungsraum ist hier klein wie die durch Hartz IV zugewiesenen Wohnungen.

So möchte ich zum Schluß die letzten Sätze dieses instruktiven und mehr als wichtigen Buches, das ich jedem zum Lesen empfehlen möchte, zitieren:

„Auch auf diese Weise lässt sich der Prozess der Globalisierung beschreiben ­– als ein sich beschleunigender Vorgang sozialer Entropie, der die Kulturen auflöst und am Ende, wenn es schlecht ausgeht, nur noch die Unterschiedslosigkeit bloßen Überlebenswillens zurücklässt. Das allerdings wäre die Apotheose jener Gewalt, zu deren Abschaffung die Aufklärung und mit ihr die westliche Kultur den Schlüssel gefunden zu haben glaubte. Aber von der neuzeitlichen Sklavenarbeit und der gnadenlosen Ausbeutung der Kolonien bis zur frühindustriellen Zerstörung der Lebensgrundlagen von Menschen, die mit diesem Programm nicht das Geringste zu tun hatten, schreibt die Geschichte des freien, demokratischen, aufgeklärten Westens eben doch seine Gegengeschichte der Unfreiheit, Unterdrückung und Gegenaufklärung. Aus dieser Dialektik, das zeigt die Zukunft der Klimafolgen, wird die Aufklärung sich nicht entlassen können. Sie wird an ihr scheitern.“ (S. 278)

Es ist dies eine bittere Aussicht. Doch werden wir uns ihr irgendwie stellen und uns vor allem aber zu ihr verhalten müssen.

Harald Welzers „Klimakriege“, Teil 2

 „Dunst ist die Welle
Staub ist die Quelle!
Stumm sind die Wälder
Feuermann tanzet über die Felder!“
(Theodor Storm, Die Regentrude)

 

II. Der Schlaf der Theorie und Prognostisches

Es wird Kriege und Konflikte, Morde und Genozide geben, von denen wir heute noch nichts ahnen, und dies womöglich in Regionen, wo wir es eigentlich nicht für möglich gehalten haben. „Die mit der Erderwärmung einhergehenden Raum- und Ressourcenkonflikte werden in den nächsten Jahrzehnten fundamentale Auswirkungen auf die Gestalt der westlichen Gesellschaften haben …“ (S. 22). Daß solche Klimakatastrophen wie das Ansteigen der Meeresspiegel nicht nur in (teils instabilen) Dritt- oder Schwellenländern ein ungeheures und ungeahntes Konfliktpotential entfalten können, sondern auch in den hochentwickelten Ländern zu einem Umkippen der sozialen Ordnung und der Sicherungssysteme führen kann, dies hat – zumindest im Ansatz – die Überschwemmungskatastrophe von New Orleans gezeigt. (S. 112) Eine Katastrophen wie der Hurrricane „Katarina“ und die damit verbundenen Folgen für New Orleans weisen eine Richtung: So wurde durch die Zerstörung der Stadt und die Abwanderung von 250 000 Bewohnern durch diese Katastrophe nicht nur eine neue Sozialstruktur implementiert, sondern die Stadt hat zugleich eine neue politische Geographie erhalten (S. 42 f.). Insofern ist die Bezeichnung „Naturkatastrophen“, so Welzer völlig falsch: es handelt sich hier aufgrund der Vorkommnisse um soziale Katastrophen. (Zudem ist die Natur, so Welzer, kein Subjekt,, das handeln kann und es ist ihr egal, ob der Meeresspiegel ansteigt oder nicht und ob Tier- und Pflanzenarten aussterben oder sich weiterentwickeln.)

Auch ist der Krieg im Sudan, ich nannte diesen bereits im ersten Teil des Essays, für Welzer nur ein Vorspiel und ein Vorblick in die Zukunft. Wenn nun (zukünftige) Gewalt immer häufiger als probates Mittel der Auseinandersetzung erscheint und wenn Klimakriege und soziale Katastrophen deshalb unausweichlich werden, weil mit der zunehmenden Erderwärmung eine Veränderung der Lebensbedingungen einhergeht und Ressourcen wie Ackerland und Wasser knapp werden, dann stellt sich die Frage, worauf solche Thesen basieren. Denn leicht ist der Vorwurf in der Welt, daß hier lediglich Angstkommunikation erzeugt werden soll, daß es sich um einen überspannten Öko-Fundamentalismus handelt oder lediglich ein weiteres Modethema medial hochgekocht werden soll, so wie man es in den achtziger Jahren mit den Themen Waldsterben oder Smog tat. Man kann darüber lange streiten, wenngleich dieser Streit angesichts der Situation, in welcher wir uns befinden, relativ widersinnig ist.

Die Beispiele aus der jüngsten Geschichte, die Welzer anführt, zeigen jedoch, daß die Katastrophenszenarien nicht unbedingt herbeiphantasiert sein müssen. (Doch hierzu später mehr.) Und zugleich zeigt Welzers Buch, daß das Problem ein grundsätzliches ist. Es reicht nicht aus, auf eine Flugreise zu verzichten oder weniger Auto und mehr Fahrrad zu fahren. Es ist dies nur eine (falsche) Individualisierung des Problems; solche Änderungen individuellen Verhaltens gehen nicht an die Wurzeln heran und sind insofern unzureichend, weil sie im globalen Rahmen kaum etwas bewirken. Sie sind zwar löblich, dienen aber eher dem eigenen Gewissen. Und etwas zynisch kann man hinzufügen: sie dienen auch dazu, über das Grundproblem nicht weiter nachdenken zu müssen, und so stellt solches Verhalten oft auch eine Strategie der Kompensation dar, um es sich in einer Nische gemütlich und kuschelig zu machen und die anstrengenden Mühen des Nachdenkens sowie der Theorie zu umgehen.

Was die Klimafolgen betrifft, welche Naturereignisse und ökologischen Szenarien sich auf der Erde ereignen können, wenn die globale Temperatur um 2 ° Celsius ansteigt, so mögen dies die naturwissenschaftlich ausgebildeten Experten diskutieren. Es gibt hier genug Planspiele und Modelle, die den Klimawandel simulieren, und die Naturwissenschaften sind nicht nur mitten in einer Diskussion, sondern auch in ihren Theorien äußerst produktiv.

Bei den Sozial- und Kulturwissenschaften dagegen herrscht, so Welzer, ein eigentlich unangemessenes Schweigen, als ob sie diese Probleme nichts angingen und Phänomene wie „Gesellschaftszusammenbrüchen, Ressourcenkonflikten, Massenmigrationen, Sicherheitsgefährdungen, Angst, Radikalisierung, Krieges- und Gewaltökonomie“ (S. 45) nicht in ihrem Zuständigkeitbereich liegen.

Die Geisteswissenschaften, die Anstöße vermitteln könnten, insbesondere die Disziplin der Philosophie und Soziologie hüllen sich zu dem Thema der Gewaltfolgen und den Möglichkeiten von Konflikten in Schwiegen. So sagt Welzer in einem (überhaupt sehr lesenswerten) Interview auf SpOn:

„Das ist ja das Problem, dass die zuständigen Wissenschaften solche Entwicklungen in den letzten Jahren völlig verpennt haben. Die beschäftigen sich mit Diskursen und Metaproblemen, mit hochkomplexen Foucaultschen Theorien oder mit der Kulturgeschichte des Fahrstuhls. Sie bekommen aber nicht mit, wenn eine ganze Hemisphäre unterzugehen beginnt, so wie 1989 der Ostblock. Damals ist die Gesellschaftstheorie praktisch zum Erliegen gekommen.“

In solchen Sätzen steckt leider viel Wahrheit, und es ist ein Makel, aber zugleich auch eine Herausforderung für die Theorie. Denn die Geisteswissenschaften haben, anders als die Naturwissenschaften, im Hinblick auf die Klimafolgen noch keine Konzepte in bezug auf die daraus resultierenden Konflikte. Welzer versucht nun, auf diesem Terrain mit seinem Buch „Klimakriege“ Abhilfe zu schaffen, zumindest jedoch heuristische Mittel bereitzustellen und ein Bewußtsein für diese Probleme zu vermitteln.

Ein klein wenig jedoch muß man die Geisteswissenschaften und die ihnen zu Gebote stehenden Möglichkeiten in Schutz nehmen: Sie sind nicht gut für Prognostisches angelegt und eignen sich kaum für den Blick in die Zukunft. Dies weiß natürlich auch Welzer. Doch etwas Substantielles liefern die Geisteswissenschaften in der Regel erst post festum. Die Soziologie kann deviantes Verhalten von Crash-Kids oder die plötzliche Zunahme von Suiziden bei Jugendlichen im nachhinein gut erklären, aber nicht vorhersagen, wann es wieder einmal so weit ist, daß diese Phänomene signifikant auftreten. Sehr gut kann man die Strukturen sowie die Verhaltens- und Rationalisierungsmuster von Tätern etwa während der NS-Zeit untersuchen (Welzer hat dies in seinen Büchern ausgiebig getan), schwierig jedoch ist es, zu sagen, wann solches zukünftig wieder einmal geschehen wird. Erst im zeitlichen Verzug setzt dann die Analyse ein, und so wußte schon Hegel in den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, daß die Eule der Minerva erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt, wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt und eine Gestalt des Lebens alt geworden ist.

Bezüglich dieses prognostischen Aspektes liegt insofern ein grundsätzliches Problem vor. Selbst eine Wissenschaft wie die Ökonomie, die zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften angesiedelt ist und die sich mathematischer Modelle wie der Statistik und der Wahrscheinlichkeitsrechnung bedient, kann nur schwer die Folgen vorhersagen, die sich aus einem bestimmtem wirtschaftlichen Handeln ergeben könnten. Es ist dieses Schweigen im Grunde Ausdruck methodischer Hilflosigkeit.

Doch trotz dieser Schwierigkeit sollte es nicht unversucht gelassen werden, den Rahmen der Geisteswissenschaften auszuweiten und zu ändern, denn hinsichtlich der Gewaltfolgen, die sich sich aus den Klimafolgen heraus ergeben, hat Welzer in seinem Buch einige handfeste Argumente und Beispiele zur Hand, um unsere Normalitätserwartungen, daß alles so bleiben möge wie es ist, und unsere Blindheiten zu erschüttern: Und man kann es nicht oft genug, litaneiartig fast, wiederholen und sagen und warnen:

Es gibt für Europa und den nordamerikanischen Kontinent kein Grundrecht darauf, in kriegsfreien Zeiten zu leben, und es ist die keine unumstößliche Gesetzlichkeit, daß für uns Frieden und (weitgehend) demokratische Verhältnisse herrschen.

Diese letzten 64 Jahre im westlichen Europa und Noramerika sind eine sehr besondere Epoche. Für uns ist sie Normalität. Im Blick der Geschichte, welche über Jahrtausende reicht, wird diese Epoche einst eine winzige Fußnote gewesen sein.

Welzer versucht, in seinem Buch einen gangbaren Weg zu finden; so geht es ihm nicht einfach darum, „eine Untersuchung über zukünftige Kriege und Gewaltkonflikte rein prognostisch anlegen zu wollen, weil sich soziale Prozesse nicht linear entwickeln – man kann heute nicht wissen, welche Wanderungen das Auftauender Permafrostböden in Sibirien in Gang setzten wird …“ (S. 15) Vielmehr beruhen die (möglichen) Zukunftsszenarien, die öffentliche Beunruhigung hervorrufen werden, auf Daten und Forschungsergebnissen über Geschehnisse aus der Vergangenheit (S. 16). Es wird also von Bekanntem auf Unbekanntes geschlossen und hochgerechnet, wodurch die Geisteswissenschaften ein methodisches Sensorium für Veränderungen entwickeln könnten. Wieweit ein solches Vorgehen wissenschaftstheoretisch legitim ist, müßte man in einer Kritik vielleicht gesondert beurteilen. Ich vermute jedoch, daß hier einige Schwierigkeiten liegen, die es verhindern, eine Theorie argumentativ „wasserdicht“ zu machen.

Was man den Sozial- und Kulturwissenschaften jedoch zumuten kann, ohne daß sie sich dabei auf ein prognostisches Terrain begeben müßten, ist, daß sie Theorien und Strategien zu entwickeln haben, wie etwa mit den Folgen von sozialen Katastrophen als Effekte des Klimawandels, wie mit Gesellschaftszusammenbrüchen oder failed states umzugehen sei. Zudem sind diese Dinge nicht rein theoretische Probleme, die im abstrakten Raum schweben und deren Lösung ästhetischer Selbstzweck ist, sondern sie sind eminent praktischer Natur, weil, etwas pathetisch gesprochen, von ihnen unsere Zukunft abhängt; insofern erfordern diese Probleme dringend Lösungen.

 

III. Sozial sinnhaftes Handeln

Für Welzer ist es absolut notwendig, aufzuzeigen, was  soziale Katastrophen für eine Theorie der Gesellschaft tatsächlich bedeuten (S. 35). Denn hier liegt ein eklatanes Mißverhältnis vor zwischen den Katastrophen, die sich im 20. Jahrhundert ereigneten, und den Theoriebildungen, die sich sich daraus ergeben haben. Geschichtstheorie und politische Theorie haben bisher, so Welzer, kaum Theoriekonzepte entwickelt, und die wenigen Denker, die sich mit dem Verhältnis von sozialen Katastrophen und Gesellschaftstheorie befaßten, sind rar. „Dabei haben gerade die sozialen Katastrophen des 20. Jahrhunderts in aller Deutlichkeit gezeigt, dass ethnische Säuberungen und Völkermorde keine Abweichung vom Pfad der Moderne darstellen, sondern als soziale Möglichkeiten mit modernen Gesellschaftsentwicklungen erst entstehen.“ (S. 35)

Solche Katastrophen sind nicht das ganz Andere der Moderne, ihr perverser Alp oder der „Zivilisationsbruch“ und „Rückfall in die Barbarei“ – Welzer zitiert hier Dan Dinners gleichnamiges Buch und aus Adornos/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ -, sondern sie sind integraler Bestandteil der Moderne, was ja bereits Adorno/Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ ausgiebig untersucht haben. Diese fatale Dialektik der Moderne muß man in den Blick bekommen, wenn man begreifen will, welche (verhängisvollen) Möglichkeiten in der Zukunft lauern.

Welzers Analyserüstzeug, um mit diesen Problemen und Anforderungen umzugehen, ist die Sozialpsychologie und die Soziologie. Und so ist ein zweiter Grundgedanke Welzers aus einer Theorie der Handlungsrationalität bzw. der Sinngebung von Handlungen abgeleitet: nämlich das Phänomen, daß es Menschen immer wieder gelingt(Völker-)Mord und Moral in eine für Außenstehende verblüffende Übereinstimmung zu bringen, ohne daß ein Rest an Scham oder Schuldgefühl bei den Tätern vorhanden wäre. Gründlich räumt Welzer dabei mit dem Vorurteil auf, daß solches kollektives Morden aus Aggression und in bestimmten Epochen auftretenden Bluträuschen geschähe und eine anthropologische, wenngleich irrationale  Konstante sei. Welzer geht es vielmehr darum, die „Herstellung sinnhafter Referenzen“ (S. 38) beim Töten zu untersuchen, die dem Genozid immanente Rationalität aufzuzeigen und dabei festzuhalten, daß Gewalt historisch und sozial spezifische Formen hat und in ebenso spezifischen Kontexten der Sinngebung stattfindet (S. 39). Diese „spezifischen Kontexte der Sinngebung“ arbeitet Welzer etwa an den Bespielen des Genozids in Ruanda oder dem Holocaust heraus. Welzer steht hier ganz in der Tradition einer Max Weberschen Soziologie, wie dieser sie in den „Soziologischen Grundbegriffen“ formuliert: 

„§ 1. Soziologie (…) soll heißen: eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will. ¸Handeln´ soll dabei ein menschliches Verhalten (einerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven Sinn verbinden. ¸Soziales´ Handeln aber soll ein solches Handeln heißen, welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist.“

Es geht auch bei solch sozialen (abartigen) Prozessen wie einem Genozid durchaus um den, nach Weber, mit solchen Handlungen verbundenen subjektiven Sinn, den sich die Handelnden stiften. Insofern heißt dieses Kapitel bei Welzer völlig folgerichtig „Töten macht Sinn“. Dies mag zunächst widersinnig klingen, doch wenn man sich Welzers Untersuchungen genauer ansieht und sich mit dem Gebiet der Gewaltforschung befaßt, wird man schnell gewahr werden, daß die Täter nicht außerirdisch böse Monstren sind, sondern oftmals der nette, fette Opa oder Vater von nebenan, die ihre Handlungen in einen für sie selber und ihre Angehörigen kohärenten Referenzrahmen einbinden können. Dies eben macht ja auch die Schwierigkeit aus, zu begreifen, was geschehen ist und was noch wird geschehen können. Daß eben beunruhigt so: es ist nicht, wie es uns mancher Film darstellt, der schon äußerlich kalte und extrem böse amoralische SS-Mann, der mit den Wassern des Nietzscheismus gewaschen ist und einen Schäferhund als beständigen Begleiter hat, sondern es sind Menschen, die mitten unter uns weilen und die neben ihrer Arbeit in Polen bei den Polizeibataillonen ansonsten zu Hause treusorgende Familienväter sind.

Nicht ganz zuzustimmen ist dabei Welzers These, daß die gesellschaftswissenschaftlichen Deutungsintrumente nicht geeicht sind partikulare Sinnsysteme wie etwa ein Konzentrationslager zu erfassen, die zwar nach außen hin sinnlos erscheinen, aber in ihrer Binnenlogik in Sinnsysteme eingebunden sind, weil diese Deutungsinstrumente an rationalen Handlungsmodellen orientiert sind (siehe S. 36). Webers Soziologie etwa geht es eben um jenen „subjektiv gemeinten Sinn“, den er ganz klar von einem objektiven Sinn scheidet. (Siehe hierzu etwa „Wirtschaft und Gesellschaft“ S. 1 f.) Insofern ließe sich gerade mit Webers Konzept bestens soziales Handeln in verschiedensten Gesellschaftsformationen untersuchen und Totalitarismusforschung betrieben, insbesondere auch vermittels seiner Herrschaftssoziologie (man denke nur an seine Ausführungen zur „Charismatischen Herrschaft“).

Aber auch Adorno/Horkheimer haben, nicht nur in ihrer „Dialektik der Aufklärung“, die die Herrschafts- und Verfallsgeschichte von Subjekt und Subjektivität beschreibt, auf der Makroperspektive einiges geleistet. Und diese Liste läßt sich um einige Namen ergänzen, ob man nun so unterschiedliche Bücher wie Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ nimmt, Daniel Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“, Richard Sennets „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität“ oder „Der flexible Mensch“. Natürlich haben alle diese Autoren sich nicht mit dem von Welzer skizzierten Problemzusammenhängen auseinander gesetzt, weil diese Probleme relativ neu sind, doch liegen hier Arbeiten vor, an die die Forschung und mithin die Geisteswissenschaften anknüpfen und die sie für ihre Theorien fruchtbar machen können.

Das Schweigen der Theorie, das Welzer zu recht beklagt, ist darin gegründet, daß den Geisteswissenschaften (spätestens seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts)  systematisch jede Form kritischer Theorie ausgetrieben wurde. Sie fristet ein Nischendasein.

Im dritten und letzten Teil des Essays werde ich auf Welzers Theorie der shifting baselines eingehen und dann eine abschließende Bewertung zu Welzers Buch geben.

Zu Harald Welzers „Klimakriege“ ­– Klimakatastrophe oder Angstkommunikation? (Teil 1)

Es wird Krieg gegeben haben Oder: Die zukünftige Konjunktur des Futurum exaktum

I. Vorbemerkungen

Nein, zu warm war dieser Winter diesmal nicht. Nein, Stürme gab es das letzte Jahr auch nicht so viele wie die Jahre zuvor, und die Niederschlagsmenge, die im März fiel, war im Großraum Brandburg-Berlin ganz in Ordnung. Der Bauer kann nicht klagen. „Wenn es doch nur im Sommer nicht wieder so trocken wird, Frau Heinze.“ „Na wat denn, Frau Kruptschek, wenn sie in meinem Urlaub wieder mal nicht richtig meine Balkonpflanzen jießen und nur dit trockene Jestrüppzeuch zurückbleibt, dann kann dit ja och nüscht werden. Schiebmse dit man nich auf die Hitze.“

So richtig merken wir bei uns noch nichts von den beständig angekündigten klimatischen Veränderungen. Und Nachrichten senden ihre Berichte nur spärlich aus den Regionen, die weit entfernt liegen und wo sich (mögliche) Klimakatastrophen abspielen. Allenfalls Vorboten und Zeichen zeigen sich. Der mediale Diskurs ist momentan auf anderes gepolt. Wie sagte es einst Karl Valentin: Wie passend ist es doch eingerichtet, daß in der Zeitung immer genau das drinsteht, was in der Welt so passiert.

Wenn man aber einmal vom Modischen der Themen und des Diskurses absieht, so erschien letztes Jahr ein Buch, welches aus der Vielfalt an Stimmen und Stimmungen herausragte, weil es unaufgeregt und sachlich Wesentliches zu sagen hat und den Anstoß für eine noch völlig ausstehende Debatte in den Geisteswissenschaften gibt, und zwar insbesondere in den Politik- und Sozialwissenschaften, aber auch der Philosophie, was etwa (universalistische) Gerechtigkeitstheorien betrifft. Doch dazu später mehr. Zudem liefert dieses Buch vielfältige Argumente dafür, weshalb bei dem Thema des Klimas Natur- und Kulturwissenschaften zusammenarbeiten sollten und müssen. Das Klima, welches man für gewöhnlich als naturwissenschaftliches Phänomen betrachtet, hat eminente soziale Folgen und wird, wenn es sich verändert, Gesellschaften radikal umpolen, so eine der Grundthesen des Buches. Auf die (möglichen) Konsequenzen möchte das Buch von Welzer einen Blick werfen.

Es sei auch gleich vorweg gesagt: Es handelt sich hier um ein bemerkenswertes und fundiertes Buch, welches ein heuristisches Werkzeug abzugeben hat für weitere ausstehende Forschungen der Politik- und Sozialwissenschaften. Es werden hier Standards gesetzt, die nicht mehr unterschritten werden können, wenn es um die argumentativen Zusammenhänge und die Vorgaben, wie zu forschen sei, geht.

Dabei ist es vollkommen nebensächlich, ob es sich bei diesem zunehmenden Anstieg der durchschnittlichen Erdtemperatur nun um einen anthropogenen, also um einen durch Menschen gemachten Effekt handelt oder ob die Klimaschwankungen auf natürliche Weise verursacht sind, so Welzer. Die Debatte darüber ist ein Scheinproblem und wird auf dem Gefechtsplatz der Nebensächlichkeiten ausgetragen. Denn die in diesem Buch beschriebenen sozialen Folgeprobleme werden so oder so auftauchen. Und deshalb ist eines sicher: Es wird Krieg gegeben haben. Allerdings muß man hinzufügen, daß diejenigen, welche eine anthropogene Verursachung der steigenden globalen Temperatur leugnen, zunehmend weniger werden. Sinnvoll ist es insofern schon, davon auszugehen, daß diese Probleme durch Menschen, insbesondere in der Vergangenheit durch die Industrienationen verursacht wurden.

Eine zusätzliche Ungerechtigkeit (und eine Fortsetzung unseres kolonialen Erbes) ist es, daß dabei, diejenigen Länder, die am meisten zu den Emissionen beitragen, in der Regel den geringsten Direktschaden davontragen bzw diesen sehr viel besser abfedern können, wenn etwa Überschwemmungen oder Waldbrände auftreten, während umgekehrt die ärmsten Länder kaum zu Emissionen beitragen, aber dennoch am meisten unter den Folgen zu Leiden haben. (S. 10)

Welzers Buches setzt als Hauptthese einen direkten Zusammenhang von Klimawandel und neuen Kriegen1 an und will sich mit der zentralen Frage beschäftigen, wie Klima und Gewalt zusammenhängen (S. 14). Denn häufig werden uns Kriege, Auseinandersetzungen und Konfliktherde in anderen Teilen der Welt unkritisch als etwas dargestellt, was sie gar nicht sind. Systematisch findet in vielen Medien eine Verschleierung und ein Verschweigen von Ursachen statt. So wie etwa die Schiffsentführungen in den Gewässer am Horn von Afrika bzw. vor Somalia unkritisch als kriminelle Akte organisierter Banden dargestellt werden. Selten wird auch der Grund hierfür erwähnt. Denn tatsächlich handelt es sich bei den Entführern teils um Fischer, deren Fanggründe von ausländischen Fischflotten leergefischt wurden. Diesen Menschen wurde, mit anderen Worten, ihre Lebensgrundlage entzogen. So haben sie sich – ganz kapitalistisch – auf eine lukrative andere Tätigkeit verlegt,woraus dann – auch ganz kapitalistisch angegangen – gleich ein ganzer Wirtschaftszweig wurde. Oder ein Krieg wie im Sudan wird uns als Auseinandersetzungen von Ethnien oder von religiösen Gruppierungen nahegebracht. Es handelt sich bei diesem Konflikt/Krieg in Darfur aber nicht, wie die Medien vielfach glauben machen wollen, um einen Konflikt von verschiedenen Ethnien (dies ist nämlich nur ein sekundärer Aspekt), sondern aufgrund der Versteppung und der Ausbreitung der Südsahara im Westsudan geht es um den Zugang zu Ressourcen wie Land und Wasser. Dieser Konflikt, welcher das Resultat klimatischer Veränderungen ist, gibt ein pars pro toto ab, denn: „Der Blick in den Sudan ist ein Blick in die Zukunft“, schreibt Welzer (S. 25).

Es werden die Welt noch viele solcher Kriege erwarten, erst recht dann, wenn der Druck im Kessel steigt und Ressourcenknappheiten nicht mehr am Verhandlungstisch gelöst werden können, weil kaum noch Ressourcen vorhanden sind. „Gewalt findet unter Handlungsdruck statt und fordert Erfolge. Bleiben diese aus, werden neue Gewaltmittel ersonnen, die immer wieder angewendet werden, wenn sie sich als effizient erwiesen haben. Und Gewalt ist innovativ, sie schafft neue Mittel und Verhältnisse.“ (S. 12) Diese ganz wesentlichen Ausführungen Welzers zum Gewaltdiskurs pointieren eine Entwicklung, die uns erwarten kann und deren Folgen für uns noch unabsehbar sind.

Mit den zunehmenden Konflikten kann weiterhin eine Veränderung einhergehen, die für uns wohlstands- und demokratieverwöhnte Europabewohner nur schwer vorstellbar und erträglich ist: daß nämlich aus der Sicht eines Historikers des 22. Jahrhunderts „das ganze westliche Gesellschaftsmodell mit all seinen Errungenschaften von Demokratie, Freiheitsrechten, Liberalität, Kunst und Kultur …“ (S. 13) nur noch als deplaziert erscheint, ein seltsames, gestrandetes Relikt aus grauer Vorzeit: Es wird Demokratie gegeben haben. Dies sei schwer vorstellbar? Nein, das ist es leider nicht.

Demokratie in der westlichen Welt ist nicht durch ein unverrückbares Naturgesetz garantiert und verbrieft. Und die Annahme ist irrig, daß Demokratie, nur weil sie schon so lange da ist, wohl nicht so schnell verschwinden wird. Ihr Verschwinden kann schneller gehen, als wir es denken können. Denn anhand der Theorie von sich verschiebenden Referenzrahmen und shifting baselines zeigt Welzer an zahlreichen Beispielen sehr eindringlich, wie sich Wert- und Moralvorstellungen unmerklich verschieben können, ohne daß die Bewohner einer System- und Lebenswelt dies überhaupt wahrnehmen. Nicht nur die Klimawirkungen durch die „schrankenlose Vernutzung fossiler Energie“ erzeugen Unwägbarkeiten in der Entwicklung, sondern auch die „Grenzen des Wachstums“ bringen das westliche Modell an seine Grenzen. Es entstehen Konsequenzen, mit denen keiner gerechnet hat.

Es ist dazu nicht einmal der große böse Unbekannte von außen nötig, um diese Abschaffung zu leisten. Die Teilnehmer einer Gesellschaft betreiben dies vielfach selbst und betrachten die Verschiebungen als selbstverständlich. Worum es sich hierbei handelt, sind Prozesse, die sich einerseits intrinsisch abspielen und andererseits einem kollektiven Impuls folgen. Harald Welzer ist nicht umsonst Sozialpsychologe, und er schildert diese Prozesse, die zu einer Veränderung von Wahrnehmung führen, sehr präzise. Als Beispiel für solche unmerklichen Verschiebungen sei hier nur im Zusammenhang mit dem 11.September 2001 der Verzicht auf Freiheitsrechte zugunsten von Sicherheit genannt. Wir haben uns schleichend an Dinge gewöhnt, gegen die mancher vor 20 Jahren mit Vehemenz protestiert hätte.
 

Zwischenspiel Terrorismus: „Keep on Rockin‘
in a Free World“ 

Nebenbei bemerkt: es geht hier nicht darum, gegen einen (durchaus existenten) Terrorismus (dieser ist kein Simulacrum, die Türme sind, unabhängig von der medialen Inszenierung und Vernutzung, durchaus real eingestürzt, und [islamischer] Terrorismus ist auch nicht das Resultat und Konstrukt einer jüdisch-amerikanischen Weltverschwörung) sich wehrlos zu zeigen. Im Gegenteil: Ein Staat steht in der absoluten politischen Pflicht, seine Bürger so weit wie möglich und auch bestmöglich zu schützen. Die Frage ist nur, wie dies geschieht und wie sich hierbei Wahrnehmungsmuster ändern und Dinge aufgrund einer Güterabwägung aufgegeben werden, die vorher als erstrebenswert erschienen. Der Terrorismus und der Anti-Terror-Kampf haben den Blick verändert.

Doch hinsichtlich dessen,wie sich die Spirale der Gewalt weiter hochschrauben wird, können sich westliche Gesellschaften einer Sache gewiß sein, und diejenigen, die im Umgang mit den Systemen der Überwachung und dem Einsickern dieser Systeme in unsere Gesellschaft als Selbstverständlichkeiten – teils zu recht – das allerschlimmste befürchten, ohne dabei die Dialektik von Notwendigkeit, Demokratieverlust und Möglichkeiten der Bewahrung von Demokratie in den Blick zu bekommen: ihnen sei gesagt: Diese (radikal-islamischen) Kräfte, die absolut zu bekämpfen sind, werden keine einzige Regung, keinen Aspekt unserer Lebens und unsres Systems dulden. Die, denen unsere tolerante Gleichgültigkeit, unser analytisches Verständnis, unsere desinteressierte Toleranz gilt, warten vielleicht nicht unbedingt darauf, aber sie werden keine sich bietende Gelegenheit ungenutzt lassen.

Wer „die“ sind? Der politische Islam, aber auch weitgehend säkulare arabische Staaten wie Syrien und der (damalige) Irak sowie die palästinensischen Autonomiegebiete haben jene Menschen mobilisiert: Die Bilder der Jubelnden und Feiernden aus den arabischen und persischen Großräumen, die gezeigt wurden, als jene Türme im September einstürzten, sind eben keine Ausnahme, wie manche es darstellen wollen. Auch die Kundgebungen in Ländern, in denen ansonsten keine Demonstration erlaubt ist, zum damaligen Karikaturenstreit zeigen ein leicht zu mobilisierendes Potential; und sie zeigen zudem, wie schnell und blitzartig Themen, die in westlichen Medien verhandelt werden, umgepolt und benutzt werden können, um Konflikte zu erzeugen, und zugunsten eines Gewaltdiskurses umgelabelt werden. Diese instrumentell mobilisierten Massen meinen es nicht nur ernst, sondern machen es auch, wenn es sein muß und man sie läßt. (Es muß aber gar nicht einmal so weit aus Europa heraus gegangen werden, sondern es reicht die teilnehmende Beobachtung bei einer palästinensische Anti-Israel-Demonstration in Berlin oder Paris, um die Potentiale an Haß zu sehen, die sich leicht instrumentalisieren lassen.)

Daß ihr Haß Gründe hat und die andere (düstere) Seite der westlichen Moderne ist und mit dem kolonialen Erbe zusammenhängt, das wir mit uns tragen, sei geschenkt. Wir werden diese Gründe so schnell weder aufklären noch beseitigen können. Die Carl Schmittsche Freund/Feind-Unterscheidung, die von jenen islamischen (politischen) Kräfte gezielt benutzt wird und die der politischen Linken Anathema ist, obgleich sie selber damit implizit und ungewußt beständig operiert, spiegelt sich automatisch zurück und muß zwangsläufig zum symmetrischen Bestandteil westlicher Handlungsrationalität werden. Hierin liegt das aufschaukelnde Element solcher Konflikte, selbst dann, wenn man versucht, ihnen pragmatisch zu begegnen. Diese Aporie stellt auch Welzer korrekt heraus, so daß Gewalt zunehmend als (selbstverständliche) Lösungsmöglichkeit von Problemen fungiert. Doch wird sich seine Sichtweise vermutlich von einem strategischen-politischen Blick, welcher sich mit der Terrorismusforschung und -bekämpfung beschäftigt, unterscheiden, da es Welzer um Lösungen gehen wird, die konfliktvermeidend sind.

Insofern ist hier auch – am Rande gesagt – der Ansatz, der bei der Ausstellung „Embbeded Art“ (in der Berliner Akademie der Künste) gewählt wurde, zu kritisieren. Er simplifiziert in seinen Thematisierungen des Überwachungs- und Strafdiskurses die Problematik dieser Techniken. Die meisten der Werke sind (politisch-philosophisch gesehen) unterkomplex. Und darin gerade besteht ja die Schwierigkeit zwischen Scylla und Charybdis hinduchzusegeln und jene Dialektik ausbalanciert zu bekommen: Eine (gewollte?) schleichende Erodierung von Freiheitsrechten, die zu einem unmerklichen Abgleiten ins Totalitäre führt (als erodierende europäische Demokratie sei hier Italien paradigmatisch genannt), zu vermeiden und gleichzeitig einer terroristischen Bedrohung zu begegnen, die es gleichfalls darauf anlegt, Modelle von Demokratie (auch sozialistischer Demokratie!) insgesamt in den Orkus zu jagen vermittels Selbstmordattentätern, auf die im Paradies dann 72 Jungfrauen warten, was für viele Männer eine lockende Versuchung darstellen mag. (Und diese Denkmuster sind nicht von einer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ angefressen, was sich – zunächst einmal – als Handlungsvorteil erweist.)

Zu recht erwähnt Welzer hier, daß das Selbstmordattentat im Diskurs der arabischen Welt eine Neuerung darstellt, die es vor zwanzig Jahren in diesem Extrem noch nicht gab und an die sich die Bewohner dieser System- und Lebenswelt gewöhnt haben. Auch eine Form der shifting baselines. Die betroffenen Familien haben für diesen Tod Weisen der Rationalisierung gefunden. Neben dem Geld und dem gestiegenen Sozialprestige für die Familie wird, so Welzer, die Todesnachricht über das Ableben des Selbstmordattentäters (Welzer nennt diese zu recht „menschliche Bomben“) nicht bei den Todesanzeigen, sondern unter der Rubrik Hochzeitsanzeigen verbreitet. So haben in der arabischen Welt menschliche Bomben die Flugzeugentführung sowie das klassische Sprengstoffattentat (als Gewaltdiskurs der siebziger und achtziger Jahren) abgelöst, ohne daß dieser Paradigmenwechsel groß in den Blick gerückt ist. Und auch der Westen hat seine Reaktionsmuster angepaßt und an dieser neuen Form von Terrorismus ausgerichtet. Dazu gehört auch die Erzeugung von Angstdiskursen durch (konstruierte) Bedrohungsszenarien. Diesen Punkt zu konstatieren, heißt wiederum und im Umkehrschluß nicht, daß alles an Terror staatlich inszeniertes Simulacrum ist. Terroristische Bedrohung ist real. Es gibt Terrorismus.

 Ich werde mich in nächsten Essay weiter mit Welzers Buch beschäftigen und eine Darstellung und Analyse geben. Ich bitte diesen kleinen Exkurs zum Terrorismus zu entschuldigen, aber er stand bezüglich der Ausstellung „Embedded Art“ noch aus.

 

(1) Dabei sei es in diesem Zusammenhang erst einmal in der Diskussion hintenangestellt, ob die Unterscheidung zwischen neuen und alten Kriegen, wie sie etwa Mary Kaldor in ihrem Buch „Neue und alte Kriege“ und Herfried Münkler in seinem interessanten Buch „Die neuen Kriege“ ansetzen, triftig ist oder nicht. Ich werde wohl demnächst noch einiges zu den Begriffen Krieg und Gewalt veröffentlichen. Es ist dies aber ein Themenblock für sich, den ich nicht auch noch und zusätzlich in den umfagngreichen Welzer-Essay mit aufnehmen möchte.

 

Harald Welzer, Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird. Fischer Verlag, 19,90 EUR, 336 Seiten, ISBN 978-3-10-089433-5

Für ein Sachbuch im allgemeinen Wissenschaftsbereich hat dieses Buch ein sehr hervorragendes Register (ausführliches Sachwort- und Personenverzeichnis) und vor allem ein gutes Literaturverzeichnis. Dies ist leider bei vielen Büchern nicht selbstverständlich. Lediglich die Gliederung der Kapitel ist zu rügen, weil sie unzureichend strukturiert ist. (Man hätte besser in der Form I., 1. a) usw. strukturiert.)