Geleistete Kunst und geschuldete Arbeit

Misreading Nietzsche (3)

Dieses Zitat Nietzsches aus seinem Text „Der griechische Staat“ sei kurz vorgestellt:

„Die Bildung, die vornehmlich wahrhaftes Kunstbedürniß ist, ruht auf einem erschrecklichen Grunde: dieser aber giebt sich in der dämmernden Empfindung der Scham zu erkennen. Damit es einem breiten, tiefen und ergiebigen Erdboden für eine Kunstentwicklung gebe, muß die ungeheure Mehrzahl im Dienste einer Minderzahl, über das Maß ihrer individuellen Bedürftigkeit hinaus, der Lebensnoth sklavisch unterworfen sein. Auf ihre Unkosten, durch ihre Mehrarbeit soll jene bevorzugte Klasse dem Existenzkampf entrückt werden, um nun eine neue Welt des Bedürfnisses zu erzeugen und zu befriedigen.

Demgemäß müssen wir uns dazu verstehen, als grausam klingende Wahrheit hinzustellen, daß zum Wesen einer Kultur das Sklaventum gehöre: eine Wahrheit freilich, die über den absoluten Wert des Daseins keinen Zweifel übrig läßt. Sie ist der Geier, der dem prometheischen Förderer der Kultur an der Leber nagt. Das Elend der mühsam lebenden Menschen muß noch gesteigert werden, um einer geringen Anzahl olympischer Menschen die Produktion der Kunstwelt zu ermöglichen. Hier liegt der Quell jenes Ingrimms, den die Kommunisten und Socialisten und auch ihre blasseren Abkömmlinge, die weiße Race der ‚Liberalen‘, jeder Zeit gegen die Künste, aber auch gegen das klassische Altertum genährt haben.“ (KSA 1, S. 767 f.)

Dieser Sachverhalt ist als „erschrecklicher Grund“ (diesen zumindest sieht Nietzsche, insofern ist er reflektiert genug, die Brutalität einer solchen Konzeption zu durchschauen) eben die unaufhebbare Tragödie, derer sich die griechische Gesellschaft zwar voll bewußt war, ohne dieses Faktum aber aufheben zu können und zu wollen. Nietzsche ontologisiert hier das geschichtlich Gewordene, das schlechte Gesellschaftliche als Unaufhebbares und Movens von Kultur. Zugleich wäre jedoch zu fragen, inwieweit hier nicht ein Grundmotiv sowie eine basale (arbeitsteilige) Funktionsweise bürgerlicher Gesellschaft von Nietzsche einfach nur in die Antike projiziert wird. Insofern stellt auch Nietzsches Lesart der Griechen lediglich einen weiteren, sozusagen diesmal mit negativen Vorzeichen versehenen Versuch des Denkens dar, die Griechen von der eigenen Zeit aus, im Sinne des „Eigenen“  zu interpretieren und festzuschreiben. Mit positiven Vorzeichen geschah dies ja von Winckelmann über Schiller und Hölderlin, wo das Griechische als das humanistische Idealbild im Raume stand, bis hin zu Heidegger, hier jedoch in einer noch etwas anderen Lektüre, die zugleich diese klassizistische Winckelmannsche Sicht auf die Griechen problematisierte und in Frage stellte. Andererseits: Schon bei Goethe, folgt man der Adorno-Deutung in seinem Iphigenie-Aufsatz, stellt sich ein gebrochenes Bild ein: Humanität geht nicht etwa von den listigen Griechen aus, sondern sie liegt am Ende in der Handlung Thoas, Iphigenie ohne Bedingung freizulassen, was Adorno unter dem Begriff des Taktes faßt. „Er (Thoas) darf, eine Sprachfigur Goethes anzuwenden, an der höchsten Humanität nicht teilhaben, verurteilt, deren Objekt zu bleiben, während er als ihr Subjekt handelte. Das Unzulängliche der Beschwichtigung, die Versöhung nur erschleicht, manifestiert sich ästhetisch.“ (Das heißt immanent im Stück selbst, Anm. Bersarin.). (Adorno, Noten zur Literatur, S. 509)

Nein, es soll vermittels dieses einleitenden Nietzsche-Zitats keineswegs Nietzsches Philosophie im ganzen schlechtgeredet werden. Aber es muß zumindest der (politische und gesellschaftliche) Boden einer solchen Philosophie genannt werden und im Bewußtsein bleiben. Bei aller Genialität der Gedanken Nietzsches und bei aller (oft jugendlich-pubertären) Verzückung, die sich bei der Lektüre Nietzsches bei manchem einstellen mag, bei aller (unkritischen) Affirmation, die in der Rezeption oft zu beobachten ist, sind diese Töne in seinen Texten, die ich ja bereits im zweiten Misreading-Text beschrieb, immer wieder einmal in das Gedächtnis des Enthusiasten zu rufen, um hier die Bruchstellen dieser Philosophie zu sehen.

Die politischen Konsequenzen solcher Texte Nietzsches sind nicht gering anzusetzen. Und nicht erst seit kurzer Zeit erschallt in den Feuilletons dieser neuerdings erhobene vornehme Ton immer lauter, auf den „Kritik und Kunst“ immer wieder aufmerksam macht und ihn entlarvt.

Natürlich, wir kommen in Laufe der Nietzsche-Lektüren auch zu einem nicht ganz so schlimmen, ja sogar hoch interessanten Nietzsche. Aber als Vorspiel muß solches zunächst einmal genannt werden, um die Ambivalenz dieses Denkens herauszustellen. Und darin besteht ja auch der Verdienst des Taureck-Buches „Nietzsche und der Faschismus“, daß er, ohne pauschal zu verdammen, doch sehr gute Linien der Differenzierung und Abgrenzung gezogen hat.

Doch die Differenz, diese Kluft, die sich in dem Text Nietzsches zeigt und eben auch der Ausdruck der bürgerlichen, kapitalistischen Gesellschaft ist, wird so einfach nicht aus der Welt zu schaffen sein. Man darf den Antagonismus nicht ontologisieren, doch auch die Aufhebung desselben geht nicht so einfach vonstatten, wie man es sich vielleicht wünschen möchte; ihn utopistisch fortlügen mittels überspannter Begrifflichkeiten von Kreativität, die ein jeder (potentiell) in sich trägt, um Zustände bzw. Antagonismen zu überwinden, sollte man schon gar nicht. Wie gesagt: im Proletarier, der heute allerdings keiner mehr sein will, und auch im Angestellten steckt nicht das bessere Bewußtsein, schon gar nicht das vom Ästhetischen. Denn es ist, gegen die Beuyssche Utopie gesprochen, nicht jeder Mensch ein Künstler. Solche Position bedeutet zwar eine Entgrenzung, aber damit zugleich auch die Entleerung des Begriffes von Kunst.

Auf diese Dinge bzw. die Verfehltheit solcher Argumentationsfiguren hat im Zusammenhang mit der Literarisierung der Philosophie Arthur C. Danto in seiner Kritik an der Dekonstruktion, aber auch nach der Frage, was ein Kunstwerk eigentlich zu einem Kunstwerk macht, ganz gut hingewiesen. (Siehe hierzu: „Die Verklärung des Gewöhnlichen“, aber auch der Aufsatzband „Die philosophische Entmündigung der Kunst“.) Wenn alles Kunst ist, ist eben zugleich nichts mehr Kunst, weil die Perspektive der Differenz fehlt. (Wie weit Danto die Dekonstruktion, zumindest die der Derridaschen Prägung, hier richtig im Blick hatte, steht auf einem anderen Blatt.)

Auch wäre darüber nachzudenken, inwieweit eigentlich eine Wendung wie „Sein Leben zum Kunstwerk machen“ überhaupt noch mit rein ästhetischen Kategorien kompatibel ist. Sieht man einmal von (ästhetischen) Ausnahmeerscheinungen wie dem gerade verstorbenen Dash Snow (als einem Überbleibsel von Pop-Art) ab, bei dem Leben und Kunst auf eine eigenwillige und traurige Weise konvergierten, so ist diese „Ästhetik der Existenz“ zunächst einmal in einem sehr allgemeinen Sinne von Aisthesis (auch als wahrnehmbare Stilisierung, etwa um Zeichen und damit Abgrenzungen sowie soziale Distinktionen zu setzten) zu verstehen. Aber ich schweife hier vom politischen Nietzsche ab; wenngleich diese Dinge durchaus einiges mit seiner Philosophie zu schaffen haben.

Es ist also dieser von Nietzsche zunächst einmal ganz affirmativ festgestellte Sachverhalt der arbeitsteiligen Gesellschaft so festzuhalten als das, was es ist. Insofern gehörte Nietzsche, wie Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ zu recht schrieben, zu den schwarzen Schriftstellern des Bürgertums, der diesem einen Spiegel vorhielt, indem er das, was er vorfand, sozusagen übersteigernd und überspannt ins antike Griechenland projizierte und dort wiederzufinden glaubte. Für den privilegierten Individualisten Nietzsche war es in dieser Phase seines Denkens eine Notwendigkeit, daß es welche gab, die dazu da waren, die Bordrunden zu bezahlen, wie es mein Blog-Kollege Hartmut so schön formuliert.

Schließen wir also mit einem Zitat und lassen hier Rüdiger Safranksi sprechen:

„Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht nicht überflüssig darauf hinzuweisen, daß Nietzsche seine tragische Weltanschauung auch tagespolitisch bekundete: Er ist gegen eine Arbeitszeitverkürzung – in Basel von 12 auf 11 Stunden pro Tag; er ist für Kinderarbeit, in Basel waren ab 12 Jahren 10–11 Stunden am Tag erlaubt; er ist gegen Bildungsvereine für Arbeiter. Allerdings soll man, so meinte er, die Grausamkeiten nicht zu weit treiben: dem Arbeiter muß es immerhin erträglich gehen ‚damit er und seine Nachkommen gut auch für unsere Nachkommen arbeiten‘ (2, 682; WS)“ (Rüdiger Safranski, Nietzsche, S. 148)

2 Gedanken zu „Geleistete Kunst und geschuldete Arbeit

  1. Das ist ja alles schön suggestiv, und dass Nietzsche den Gestus des elitären Sacks auch kultivierte, okay; aber wo hat das denn mit gesellschaftlichen Realitäten zu tun?

    Da landet zum einen man doch auch schnell beim Umkehrschluß, nimmt man das Eingangszitat Nietzsches mit Horkdorno als Anlaß, die These zu formulieren, dass Nietzsche „zu den schwarzen Schriftstellern des Bürgertums, der diesem einen Spiegel vorhielt, indem er das, was er vorfand, sozusagen übersteigernd und überspannt ins antike Griechenland projizierte und dort wiederzufinden glaubte“, und das wäre dann die chinesische Kulturrevolution.

    „Für den privilegierten Individualisten Nietzsche“, das nähert sich ja schon fast derer Rehtorik an, pardonnez-moi.

    Und wo ist denn das so, von reichen Erben wie Dash Snow mal abgesehen? Dass es eine Handvoll Künstler gibt, die sozusagen indirekt von Ausbeutung profitieren, indem das anderswo Abgesaugte in Portiönchen zu ihnen weiter gereicht wird, die Daniel Richters, Neo Rauchs, und wie heißt noch, der jetzt auf Trinidad lebt, Peter Doig meine ich, und solche, das kann man denen ja schlecht vorhalten. Daniel Richter hat dann auch konsequent Buback-Records gerettet, weil da eben noch kreativ gewerkelt werden konnte.

    Liegt ja auch nur daran, dass nichts a priori so schön knapp ist wie ein Original-Gemälde. Das ist ja der eigentliche Witz an den Preisen für Warhols Kunstwerke, dass er sich in der seriellen Produktion darüber lustig machte.

    Ansonsten gibt es noch die, die öffentlich-rechtlich subventioniert über Stipendien, Subventionen etc. sich finanzieren, auch und gerade an Theatern und Opern, und da wird die Argumentation gegen Nietzsche schnell zu einer Variante dessen, was die Liberalen schreiben – also entweder „Weg damit, die leben nur auf Kosten der Steuerzahler“ oder eben „Wenn die schon auf Kosten der Steuerzahler leben, dann sollen sie wenigstens was machen, was den Massen gefällt“, und dann geht ganz viel Kohle an die „Stars“ im Opernbetrieb und die MomA-Ausstellung, also genau in jene Eventisierung, die doch ansonsten zu recht beklagt wird.

    Glaube auch nicht, dass man die Frage nach der „Ästhetik der Existenz“ los wird, wenn man a.) vergißt, was damit einst kristisiert wurde, nämlich eine Reduktion des Selbstverhältnisses auf Wahrheitsfragen hinsichtlich des in einem regierenden Sexus und b.) wenn man sich gleich mit Beuys und Arthur C. Danto (der übrigens ein hervorragendes Buch über Sartre geschrieben hat) auf die Frage stürzt, was ein Kunstwerk oder ein Künstler sei.

    Die Positionen vergessen ja Zeitlichkeit, was kurioserweise bei diesen Fragen immer vergessen wird, die so gestellt werden, als ginge es darum, etwas zu konstatieren, nicht, sich auf eine mögliche Zukunft hin zu enwerfen, existentialistisch gesprochen, und da kommt es dann auf die Medien an, im Rahmen derer man das tut, dieses Entwerfen.

    Agiert man an wissenschaftlicher Erkenntnis orientiert, bleibt man eh stehen; setzt man das Normative prioritär, wird man ekliger Bessermensch und Volksumerzieher wie die meisten Neoliberalen, und die Ästhetik schleicht sich bei denen dann über eine selstame Heroisierung der „Eigenverantwortung“ ein; läßt man Raum für Fantasie, Vorstellungskraft, Imaginäres, Poesie, eben ein nicht-regelgeleitetes und vor allem auch dem Funktionalen sich entziehendes Verhältnis zu Welt, dann hat man noch ’ne Chance (allerdings auch die, Amokläufer oder Serienkiller zu werden).

    Die sich aus letzterer Perspektive ergebende Moral ist dann in der Relation zwischen solchen Selbstverhältnissen anzusiedeln und hat diese reziprok zum Ziel, und mit der kann man reale, ökonomische Verhältnisse und ihren durchschlagenden Funktionalismus dann gerade KRITISIEREN; weil sie jeglichen Freiraum diesbezüglich völlig eindampfen und stattdessen per Hartz IV und Bachelor-Studium ALLES funktional kolonisieren.

    Glaube übrigens, dass die „arbeitsteilige Gesellschaft“ auch weiterhin Quell der möglichen Solidarität ist, genau deshalb ist die Massenarbeitslosigkeit ja auch weiterhin GEWOLLT von deren Profiteuren, nicht nur des Ungemachs.

    Diese bestverdienenden Monaden, die wie Fettaugen auf der Suppe schwimmen, sind doch seltenst die Künstler, sondern Typen wie Martin Hoffman, der jetzt Intendant der Berliner Philharmoniker wird, und nicht der virtuose Geiger in dessen Orchester, der seine Kunst ja auch nur arbeitsteilig vollbringen kann.

    Das sind diese Juristen und BWLer, die sich überall draufsatteln, nicht die Künstler, und wenn diese Apparatschiks und Prediger der Systemimperative dann genug Geld gescheffelt haben, reicht’s auch für den Meese über dem Sofa.

    Man geht bei der oben vorgenommen Darstellung ja auch diesem Geniekult, der einsam in seinem Kämmerchen sitzt, auf den Leim – selbst Thomas Mann hat sich von Adorno bei seinem Dr. Faustus beraten lassen, soweit es um Zwölftonmusik ging (kam ein faszinierender Briefwechsel bei raus). Als hätten nicht schon Tizian und Michelangeo ihre Assistenten gehabt.

    Wären die einer Genossenschaft organsiert gewesen, hätte ich das aber auch besser gefunden ;-) …

  2. Danke für den ausführlichen Kommentar. Meinem Text handelte aber gar nicht so sehr vom allgemein Gesellschaftlichen, etwa daß die Kunst sozusagen von Steuergeldern lebt und daß eine Kluft zwischen Kunst und Arbeit besteht, die es aufzuheben gälte. Und auch nicht darum ging es mir, daß es (viele oder wenige, je nach Perspektive) Künstler gibt, die von Ausbeutungsverhältnissen profitieren. Sondern mir ging es in dem Text primär um das Problematische und Ambivalente der Philosophie Nietzsches, das sich in solchen Denkfiguren eben zeigt. Sozusagen eine textimmanente Lektüre der Schrift.

    Vielleicht ist Nietzsches Denken gerade deswegen so überaus interessant, weil dort, in seinen Texten, so viel Widersprüchliches, Schillerndes liegt: Passagen, die ich für philosophisch genial halte, paaren sich mit Sätzen, die einen Ungutes ahnen lassen, wie eben jenem Plädoyer für eine arbeitsteilige Sklavengesellschaft. Diese Doppelbödigkeit im Blick zu behalten, ohne sogleich in die wüste Verdammung oder die unheilvolle Überhöhung (von links und von recht her) zu verfallen, war das eigentliche Thema meines Textes. Deshalb auch mein Verweis auf Taurecks Nietzsche-Buch, der hier einen sehr guten Blick auf Nietzsche hat. Natürlich kann man dies auch auf die Jetztzeit übertragen. Denn die bürgerliche Gesellschaft funktioniert in der Tat immer noch arbeitsteilig. Und diese Arbeitsteiligkeit hat durchaus ihre guten Seiten

    Weniger ging es mir um den heutigen Kunstbetrieb. (Zu diesem, auf den ich weder in seinen subkulturellen pseudolinken Strukturen noch in seiner Event-Kultur-Variante gut zu sprechen bin, sogleich mehr.) Dabei würde ich Nietzsches Verhalten bzw. sein Denken nicht unbedingt als den Gestus eines „elitären Sacks“ bezeichnen. Nietzsche ist vielmehr ein Kind seiner Zeit. In seiner Epoche und den Epochen davor sowieso war die Produktion von geistigen Gütern, also von Kunst und Philosophie, einer bestimmen Schicht/Klasse/Gruppe (man setzte den entsprechenden Term, je nach verwendetem soziologischen Referenzrahmen) vorbehalten. Eine Änderung setzte wohl im 20. Jhd ein, als Kunst massenkompatibel wurde und sich vermehrt Menschen an die Produktion von Philosophie und Kunst machten.

    Was die Ästhetik der Existenz anbelangt, so ist dies sicherlich ein vielschichtiges Projekt, das raumübergreifend sowohl in der Ästhetik selbst als auch in der allgemeinen Philosophie, aber genauso in der Soziologie angesiedelt ist. Diese Frage darf und soll man keineswegs loswerden. Lediglich vor einer gewissen Überästhetisierung des Phänomens möchte ich warnen und auch davor Sätze wie „Sein Leben zu einem Kunstwerk machen“ sozusagen als Parolen zu gebrauchen. Es wurde damals manchmal allzu umstandslos und unvermittelt im Munde geführt. Dies hat mich aber damals schon an dem Gebrauch mancher Sätze aus Adornos Texten gestört: Wenn die dann plötzlich an die Wände von Universitäten, so als Parolen gesprüht, quasi wie Handlungsanweisungen dastanden.

    Was es mit dem Sichentwerfen auf sich hat: dies dürfte nicht ganz leicht zu beantworten sein, zumal man zunächst den Ausdruck „sich“ ins Denken nehmen müßte.

    Zum allgemeinen Gesellschaftlichen: Ich würde es diesen von Dir genannten Künstlern nicht vorhalten, daß sie in Ausbeutungsverhältnissen leben, und zwar auf der Seite der Profiteure, denn das tue ich ja genauso, dies tut jeder hier in Deutschland (sogar der Hartz IV-Empfänger, auch wenn dies zunächst wenig plausibel erscheint). Und unsere/meine fröhlichen (damals sogar noch bohemienen) Tanzeinlagen zahlen insgesamt andere, denn sonst würden wir nicht allesamt gesättigt hier sitzen. Ich will nun gar nicht pathetisch werden, aber wenn ich zeichnen könnte, so sähe die Karikatur von Europa und den USA so aus, daß diese an mehreren reichlich gedeckten Tische (es sind natürlich auch einige Katzentische dabei) vornehm speisen, während diese Tische mit ihren vier Beinen auf den Bäuchen von afrikanischen und asiatischen Menschen stehen.

    Wobei ich allerdings abschließend sagen muß, (das wird jetzt etwas hart und neoliberal klingen, aber ich bin politisch nicht festgelegt, insofern erlaube ich es mir, auch wenn jetzt alle auf mich böse sind) daß ich gegen eine übermäßige Alimentierung der Kunst bin. Ich meine hier weniger den großen Betrieb wie Theater, Museen oder Oper, die brauchen solche Gelder allein wegen ihrer Strukturen. Denn anders als der Schriftsteller oder der Maler, müssen diese Betriebe Darsteller, Bühnenarbeiter, Regisseure usw. bezahlen. Aber insbesondere für diesen individuellen, (selbstgewählten) Bereich gilt es: entweder jemand kann damit sein Geld verdienen oder er kann es nicht. Wenn er es nicht kann, dann muß er/sie eben auf andere Weise sein Geld herbeischaffen. Individualtätige Künstler wie Schriftsteller, Maler, Photographen könnten dies mittels einer Erwerbsarbeit tun, sofern welche da ist.

    Und hier lobe ich mir den diesjährigen Bachmannpreisträger Jens Petersen, der halt als Arzt arbeitet und zugleich Schriftsteller ist. Sicherlich ist dies ein steiniger Weg, aber man beschreitet den Weg des Künstlers ja nicht des Geldes, sondern der Sache wegen. Ich mache mir die Mühe, diesen Blog zu betreiben, nicht deshalb, weil ich dafür ein monatliches Salär erhalte. Wenn dann am Ende trotzdem bei dem einen oder der anderen etwas Pekuniäres rumkommt, so wie bei Tellkamp jetzt, der ja auch Arzt war, so ist das umso besser. (Auffallend, die vielen Mediziner in der Literatur.)

    Daß aber fast jede Stadt einen – wie sie meint – bedeutenden Literaturpreis zu vergeben hat (das geht dann hin bis zu irgendwelchen Stadtschreiberpreisen mit obskuren Ortsnamen, die sich Max Goldt oder Helge Schneider ausgedacht haben könnten) und daß die Preise und Gelder derart inflationär fließen, entwertet nicht nur die Preise, sondern meist auch die Arbeit des Schriftstellers. Werden diese Gelder privat bereitgestellt, so ist mir dies eigentlich egal. Sind sie aus Steuermitteln, so fängt die Angelegenheit an fragwürdig zu werden.

    Von all dem Küngel und dem Gemauschel, das da bei solchen Preisen und Fördergeldern hinter den Kulissen abgeht, wenn alle an die Fördertöpfe (resp. Futtertröge) wollen, all dem Geschiebe und dem Lobbyismus, gerade von solchen Leuten, die, sobald sich so etwas in der Politik oder Wirtschaft zuträgt, am lautesten rufen „Haltet den Dieb, da ist er, da ist er“, davon will ich nicht einmal reden. Das eben meinte ich oben mit pseudolinken Strukturen. Eine solche sich dann obendrein oft subkulturell gebärdende Kulturschickeria, für die die Andersdenkenden dann nur noch die Spießer sind, ist mir mehr als suspekt. Und bei solchen Leuten bin ich nach wie vor der Meinung, daß sie auf dem Rücken von Heinz und Helga Subotnik leben. Hier haben Fördergelder und inflationär ausgeschriebene Preise nichts zu suchen. Entweder ich finde einen Verleger oder einen Galeristen oder ich finde keinen. Dann muß ich es eben alleine oder im Kollektiv selber in die Hand nehmen.

    Diese subventionierten Betriebe wie Museen oder Theater muß und soll es sicherlich geben. [Über Interna, Fehlläufe, kaum sparsamen, sondern verschwenderischen Umgang mancher Regisseure („Sind ja nur Staatsgelder, mach das komplette Bühnenbild man nochmal neu.“) und über Umverteilungen innerhalb der Institutionen dort wird man aber sicherlich reden müssen.] Auch sehe ich genauso diejenigen, die im Lichte stehen und „wie Fettaugen auf der Suppe“ schwimmen. Aber die Kritik an den einen schließt meines Erachtens die Kritik an den anderen nicht aus.

    Spaßiger Apercu noch zum Ende hin: Ausgerechnet die diesjährigen Festspiele in Bayreuth standen auf der Kippe, weil das nichtkünstlerische Bühnenpersonal den in Bayern üblichen Tariflohn will. Fast wären die Bayreuther Festspiele ausgefallen. Wenn das Nietzsche und Wagner erlebt hätten.

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