Der Parlamentspoet oder vom Beruf des Dichters

Ich werde mich wohl, nachdem vor einigen Tagen bei mir das Buch „Texte und Materialien zur Geschichte der RAF“ eingetroffen ist und mich ästhetisch inspirierte, denn doch auch als Parlamentsprolet bewerben. Ich habe bereits mit einem ersten Entwurf für eine Bewerbung begonnen – sozusagen „Notizen aus der Begeisterung“:

Oh, Hohes Haus, oh reine Übersteigung
Oh Abgeordnete, vor dir eine Verneigung
Oh hohe Rede,
alter Schwede.

Schöne Frau in weißem Mieder,
Sehn wir uns nach der Debatte wieder?
Oder wirst Du an mir vorbei gar gungen?
Ein „Guten Tag!“ nur abgerungen.

Banknachbarin von der SPD
Wann ich dich jemals wiederseh?
Liebesleid auch in diesen Hallen.
Da tat sie mir gleich eine knallen:

„Du Chauvi, frecher Macho-Mann,
fäßt du mich an meim Mieder an!?
Das tue niemals wieder!“

Im Winter blüht kein Flieder.
So verlasse ich betrübt den Saal.
Voll stiller, grauer Liebesqual.

Oh holdes gutes Parlament,
Du schenktest mir die Liebesstunden.
Doch bleiben, ach, am Ende nur die bittersüßen Wunden.
In jenem, der vor Liebe brannte.

Vor Troja haben wir gefochten.
In Schnellroda zogen wir in Wachs die Dochten
Die Arbeiter gilt es zu befreien:
Sie stellten sich in unsere Reihen.

Da lacht die Frau im weißen Mieder:
„Deine Sozialromantik wieder!
Du schöner Mensch, der du lebst in alten Zeiten.
Soll ich Dich heute nach Haus begleiten?“

„Bin weder unbeweibt noch schön,
Kann gut allein nach St. Eglitz gehen
Ansonsten tuts der Fahrdienst auch
Das ist im Bundestag so Brauch.“

Zwar ist dies bisher bloß eine lose Folgen von Reimen, der Zug und die Geschichte fehlt hier noch. Aber da auch in Parlamentsdebatten vieles unvollkommen ist, denke ich, daß diese Zeilen denn eine gute Bewerbung als Parlamentspoet sind. Vorab für die Planung dieser Dichtlung läßt sich allerdings schon einmal sagen, daß sie getragen ist von Thomas Bernhards Menschheitskomödie „Das Rad der Geschichte“, wie er sie in „Der Theatermacher“ entfaltet. Diese epische Dichtung wird, wie die Illias, achtzehn Gesänge umfassen, aber multipliziert um die Zahl der magischen Sieben. Sie darf nur im Ganzen vorgetragen werden.

Aber Scherz und schiefere Bedeutung beiseite: Interessant wäre es zu sehen, was dieselben Leute sagen, die jetzt noch jubeln und die Idee knorke finden, wenn plötzlich Uwe Tellkamp oder Jörg Bernig ins Spiel kämen: da wird dann vermutlich von der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Katrin Göring-Eckardt der geteilte Mantel des barmherzigen Samariters ganz schnell in die warme Stube gebracht und aus ist’s mit Toleranz und Pluralität.

Wenn man freilich die Leute, die solchen Posten vorschlugen, ernst und beim Wort nimmt und den Gedanken tatsächlich aufgreift, daß es bei diesem Posten nicht um einen Staatsdichter geht, weil es nicht die Regierung selbst ist, sondern das Parlament mit seinen verschiedenen Parteien, das einen Dichter „bestellt“, also kein „Staatsdichter“, dann könnte jede Fraktion, die im Parlament in Fraktionsstärke sitzt, für sechs oder sieben Monate einen solchen Poeten vorschlagen. Und wenn der Dichter annimmt, dann wird er eben jener Parlamentspoet. Das können so unterschiedliche Dichter sein wie Juli Zeh, Dietmar Dath, Monika Maron, Ursula Krechel, Jörg Bernig, Rainald Goetz, Uwe Tellkamp, Navid Kermani, Martin Mosebach, Karen Duve, Thea Dorn, Jenny Erbenbeck. Das wären dann in der Tat unterschiedliche Stimmen und vielleicht kommt sogar was Brauchbares heraus. Aber ob man das wirklich in dieser Weise braucht, bleibt fraglich, zumal sich ja immer schon und eh manche Dichter ins Getümmel des Alltagspolitischen geworfen haben.

Freilich: Ich hege bei einigen Leuten, die diesen Posten vorschlugen, nur leider den Verdacht, daß es da gar nicht um unterschiedliche Stimmen und unterschiedliche ästhetische Ausarbeitungen geht, sondern daß vielmehr die Stimmlage in etwa so ausfällt wie der Spielplan des Berliner Gorki-Theaters, ein Buch von Max Czollek oder eine Kolumne von Stokowski. Zudem habe ich den Verdacht, daß es hier vielmehr um ein Projekt von Alimentierung für eine bestimmte Richtung von Künstlern geht. Das muß nicht so sein, aber die Gefahr ist doch vorhanden und schnell werden die üblichen Verdächtigen um die Futtertröge sich scharren. Mit dem Amt eines Stadtschreibers kann ich mich in vielerlei Weise anfreunden. Mit dem des Parlamentspoeten nicht. Und das nicht etwa, weil es von der DDR her und von anderen damaligen Zeiten einen schlechten Klang hat, sondern aus ästhetischen Gründen. Ganz zu recht schreiben Dana von Suffrin und Tijan Sila in ihrem lesenswerten Artikel in der SZ vom 10.1.2022:

„Wir glauben an eine unabhängige Kunst: Wir Künstler sind nicht systemrelevant und wollen es auch nicht sein. Wir wollen als Künstler keine Verantwortung in einem Staat tragen. Künstler liefern selten eine zuverlässige moralische oder politische Orientierung. Sie sind keine Maskottchen, sie sollten auch keine Symbole werden, auch nicht für ein kleines Honorar. Das bedeutet nicht, dass Künstler und Kunst keinen Einfluss auf gesellschaftliche politische Prozesse nehmen können, aber sie müssen sich nicht fortwährend bewähren oder sich durch behauptete Systemrelevanz eine Daseinsberechtigung erschwindeln. Kunst muss nicht unmittelbar politisch nutzbar werden.“

Und weiter heißt es darin im Blick auf die Knete:

„Wir stehen morgens auf, heften am Monatsende unsere Gehaltsabrechnungen in Leitzordnern ab und sammeln Rentenpunkte. Abends schreiben wir dann an unseren Büchern, die, ehrlich gesagt, nicht viel gelesen werden, aber wir lieben und brauchen das Schreiben eben. Wer Schriftsteller sein möchte, verbringt wenig Zeit damit, sich zu fragen, wieso und wozu – es ist nun mal ein Bedürfnis, manchmal sogar ein Zwang. Was man sich als Schriftsteller hingegen oft fragt, ist, wie – wie soll man dem Bedürfnis nachgehen, wenn die Welt sich immer weniger für Literatur interessiert? Wir bekommen hin und wieder einen Vorschuss und werden für Lesungen bezahlt, aber ein sicheres Einkommen ist das nicht. Deshalb sind wir auf ihn angewiesen: den Brotberuf – und das ist so in Ordnung. Um das schreiben zu können, worauf man Lust hat, darf man nicht finanziell auf Literatur angewiesen sein. Nur so entzieht man sich der Not, in seinem Werk Debatten hinterherzurennen und Sujets zu bearbeiten, weil man glaubt, dass sie die Öffentlichkeit interessieren. Um schreiben zu können, was man selbst braucht, braucht man einen Beruf. Gedichte für Politiker zu schreiben ist allerdings keiner, aus gutem Grund.“

Von dem Begehren danach alimentiert zu werden, und dem Heranschleimen an Fördergelder einer bestimmten Gruppe aus dem Bereich der identitären Linken will ich hier gar nicht einmal sprechen: da wo nicht Dichtung, sondern die richtige politische Haltung überwiegt – das wäre ein weiteres Thema. Und diesen Satz kann man gar nicht oft genug betonen: „Wer Schriftsteller sein möchte, verbringt wenig Zeit damit, sich zu fragen, wieso und wozu – es ist nun mal ein Bedürfnis, manchmal sogar ein Zwang.“ Man sollte ihn manchen Leuten und Leutinnen aus der Fraktion „Mingeln, Jammern, Klagen“ übers Bett tapazieren. Ja, vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt, dreckigen, stinkenden Musenschweiß. Und viele wollen zwar, aber wenige schaffen es – auch dies sollte jedem Autor, jedem Dichter, jedem Künstler klar sein. Und oft ist der Betrieb gerade zu den besten ungerecht. Kunstmachen ist ein Wagnis – auch finanziell. Und es bedeutet teils auch Lebenseinschränkung. Etwas, das viele heute nicht gerne mehr hören: Verzicht auf bestimmte Dinge, weil nämlich Zeit zum Schreiben ein kostbares Gut ist.

Furchtlos bleibt aber, so er es muß, der Mann
Einsam vor Gott, es schützet die Einfalt ihn,
Und keiner Waffen brauchts und keiner
Listen, so lange, bis Gottes Fehl hilft.

Das ist das Ende von Hölderlins Ode „Dichterberuf“. Sicherlich kein hilfreicher Rat. Eigentlich gar keiner. Man kann solches Dichten (binnenästhetisch genommen) auch in den Rat „An die jungen Dichter“ fassen, ebenfalls von Hölderlin und wie am Tone unschwer zu hören, aus einer anderen Zeit:

Lieben Brüder! es reift unsere Kunst vielleicht,
Da, dem Jünglinge gleich, lange sie schon gegährt,
     Bald zur Stille der Schönheit;
          Seyd nur fromm, wie der Grieche war.

Liebt die Götter und denkt freundlich der Sterblichen!

Haßt den Rausch wie den Frost! Lehrt und beschreibet nicht!
     Wenn der Meister euch ängstigt,
          Fragt die grosse Natur um Rath.

6 Gedanken zu „Der Parlamentspoet oder vom Beruf des Dichters

  1. WItzig, dass dieser Vorschlag aus Deutschland kommt. In Österreich ist ja längst der Staat nicht nur Stipendiengeber, sondern Subventionator (Staat hier als Oberbegriff; es kann auch ein Land sein, eine Gemeinde, eine Stadt). Das führt merkwürdigerweise ja nicht unbedingt dazu, dass man „Staatsschriftsteller“ hat, d. h. die mit öffentlichen Geldern aufgepeppelten üben sich ja sehr wohl ausudernd in entsprechender Staats- und Regierungskritik.

    Bei Frau KGE habe ich den Eindruck, dass sie einen Trostpreis braucht, weil sie nicht Bundespräsidentin wird (die Grünen haben sich – warum auch immer – für den bestehenden ausgesprochen). Dass ausgerechnet diese Gender-Ideologin nun für „Poesie“ eintritt, wäre ein Fall für Helmut Dietl gewesen. Schade, dass es ihn nicht mehr gibt.

  2. Na immerhin ist mit ihr wieder jemand aus der Familie Göring in der Politik aktiv. Wieso das eine Genderideologin sein soll weiß ich allerdings nicht, den Begriff doch bitte nicht inflationär verwenden. Allerdings ist der Steinmeier doch selber Parlamentspoet genug mit seiner Erbauungslyrik. Ein Parlamentsprolet fehlt freilich.

  3. Weiß ich nicht. „Spatz*innen“ für den grammatisch richtigen Plural von „Spatzen“ ist nicht wirklich gelungen. Und auch ansonsten eine entsetzliche Phrasendrescherin. Auf dem Niveau von: der geteilte Mantel des barmherzigen Samariters.Da sollte man ihr vielleicht einmal mit der St. Martinslaterne den Weg ausleuchten. Und in der Flüchtlingskrise von 2015 der Satz, daß uns Menschen geschenkt würden, zeugt auch nicht von herausragender politischer Intelligenz.

  4. Göring Eckard hat keine abgeschlossene Berufsausbildung, nur ein abgebrochenes Theologiestudium. Sie verdient heute ein Vielfaches von dem, was sie bekommen hätte, wenn sie evangelische Pastorin geworden wäre. Was für eine Karriere.

  5. Das Problem ist weniger die Bezahlung, sondern von wem das Amt besetzt ist. Und da ist eben nicht jeder Kandidat gleich gut geeignet.

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