Peter Trawny „Heidegger-Fragmente. Eine philosophische Biographie“ – Heideggers Gift, Heideggers Gabe (2)

Als ich Peter Trawnys „Heidegger-Fragmente“ zu lesen begann, dachte ich, daß man knapp 300 Seiten in drei Tagen bewältigen könne. Dem war nicht so. Man muß diese wunderbare Heidegger-Hinführung langsam lesen. Man sollte manche Passage mehrfach lesen, zurückspringen und den Sätzen sowie der Sache nachdenken. Insofern ist dieses Buch eine adäquate Weise, sich Heidegger zu nähern, nämlich das, was Heidegger unter Denken versteht, nachzuvollziehen, Performanz mithin: nicht einfach einen Stoff abhaken, nicht bloß sich an einem Text der Philosophie pflichtschuldig abarbeiten, ihn sich aneignen wie Famulus Wagner und als Buch dann lehrhaft vermitteln, sondern den Text eines Philosophen zum Sprechen bringen. Im Fremden das Eigene finden, mit Heidegger-Hölderlin gesprochen, und vor allem neugierig auf jenen Denker zu machen – sofern man ihn noch nicht kennt. Dies ist Peter Trawny, der an der Bergischen Universität Wuppertal lehrt, gut gelungen.

Eine interessante Form des Symphilosophierens geschieht da bei Trawny. Und dieses Verfahren, über einen Philosophen nachzudenken, wirft zugleich einen neuen Blick auf die in der Philosophie etablierte Rubrik der Einführung und zeigt, wie man solch eine Einführung als Hinführung auch ganz anders und das heißt auf eine unkonventionelle Weise gestalten kann. Trawny begibt sich abseits der abgetretenen Pfade der philosophischen Einführungen in das Denken eines Philosophen. „Eine philosophische Biographie“ heißt hier eben, das Leben eines Denkers auch als Philosophie zu nehmen. Mit Heidegger, zuweilen auch gegen ihn und darüber hinaus zu denken. Das Buch wagt etwas, es weicht von den üblichen Schemata ab, indem es nicht einfach die Aspekte von Heideggers Philosophie nach Themen geordnet darlegt und dazu ein paar biographische Eckdaten abschreitet.

In diesem Sinne sind es, wie es der Titel sagt, Fragmente, die Trawny liefert, Bruchstücke, und dieses Auf- und Ausfalten nach Motiven und Szenen unterscheidet diese philosophische Biographie von einer herkömmlichen. Trawny erzählt nicht von Alpha bis Omega durch. Wir finden verschiedene Themen, die teils leitmotivisch angespielt werden und in variierter Anordnung auftauchen. Mit Adorno gesprochen ein kaleidoskopisches Verfahren, wo einzelne Muster wiederholt aufscheinen, aber kombiniert mit anderen Mustern doch wieder eine neue Gestalt bilden. Da es sich bei Leitmotiven zugleich um kompositorisch eingesetzte Mittel handelt, trifft hier der Begriff Assoziationen nur unzureichend. Die Abfolge der Aphorismen und Fragmente unterliegt einer Ordnung.

Welche Motive spielt Trawny an? Es sind die Landschaften als Regionen des Denkens, die Frage nach dem Verhältnis von Geschlecht und Wahrheit – wie es Nietzsche fragte, daß vielleicht „die Wahrheit ein Weib“ sei, „das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehn zu lassen“ und wie dieses Motiv ebenso bei Heidegger auftaucht, was zugleich die Frage nach seinen Liebschaften einschließt und auch die nach der entfernten Widmung an Dory Vietta in den „Beiträgen zur Philosophie“. All das geschieht nicht als Blick durchs Schlüsselloch, sondern Trawny zeigt, wie bei Heidegger Leben und Denken in einer Korrespondenz stehen. Und daß – auch mit Derrida gedacht – solche vermeintlichen Nebensächlichkeiten wie eine entfernte Widmung in einem Hauptwerk, das vielleicht beim Schreiben durchaus auch von bestimmten Menschen und Umständen inspiriert ist, philosophisch genommen vielleicht doch keine Nebensache ist, sondern eine Scharnierfunktion besitzt. Sein west im Detail. Namensentzug ist Seinsentzug, würde ich fast überspitzt ergänzen wollen. (Für mich war dieser Umstand des entwendeten Namens einer der spannendste Teil des Buches und da hätte ich gerne mehr gelesen. Auch in Safranskis Heidegger-Biographie fand ich dazu nichts.)

Zu solchen Blickachsen gesellt sich ebenso Courbets „Der Ursprung der Welt“, die „Krise der Philosophie“ als Grenze des Denkens, Heideggers Kritik der Öffentlichkeit, Motive wie Ereignis, Sprache, Denken und Ding kreuzen und spiegeln sich. Die alten Antipoden des 20. Jahrhunderts, Heidegger und Adorno, treten unter der Rubrik „Gutedel und Äppelwoi“ auf. Jenes Rätsel über ein nie zustande gekommenes Gespräch und eine Auseinandersetzung, die sich viele bei einer Flasche Wein gewünscht hätten, die aber zu jener Zeit unmöglich war. Ebenso die Frage nach dem Proletariat, der Praxis und nach Marx.

Was Trawny in variierenden Anordnungen an Heidegger zeigt, weist auf einen zentralen Aspekt von Philosophie: daß diese nämlich mehr ist als bloßes Registrieren dessen, was der Fall ist. Erkennen selbst ist bereits eine abgeleitete Form:

„Das ‚Sein‘ entzieht sich dem Erkennen, kann von ihm nicht erfasst werden. Positive Wissenschaften und Philosophien, die sich als Wissenschaft verstehen, unterliegen einer déformation professionelle, die sie unfähig macht, das Unbekannte zu betrachten. Sie brauchen Resultate, d.h. Erkenntnisse. Heideggers Aussagen, dass die Wissenschaft nicht denke, bedeutet zugleich, dass das Denken nicht erkenne.“

Trawny spielt solche und andere Motive zwar an, reizt sie aber nicht derart zu Tode, daß dem Leser eine Philosophie mit Erklärungen und Fremdreferenz zugekleistert wird und es nur noch das zu entdecken gibt, was der Interpret vorstellt. Sondern vielmehr bleibt durch solches Fragment-Verfahren beim Lesen genügend Raum, über solche Motive und Aspekte der Heidegger-Philosophie selbständig ein Stück des Weges nachzudenken und an manchen Stellen auch Trawny zu widersprechen oder in einen (fiktiven) Dialog zu treten. Das Buch gar beiseite zu legen, jenes Nichtidentische und jenes Seyn in ein Spiel zu bringen oder zu fragen, was die Frage nach dem Wesen der Technik mit der technischen Entfaltung der Produktivkräfte zu schaffen hat. Abschweifendes Lesen.

Seine Leidenschaft für Heidegger verbirgt Trawny dabei nicht: es ist der Text von Heidegger „eine faszinierende, zunehmend schwierigere Lektüre.“ Und daraus resultierte ein ganz eigenes Buch zu Heidegger, wie Trawny im Vorwort schreibt. Wer es freilich im Gang der Hinführung zu einem Denker konventioneller wünscht, der nehme Trawnys 2016 im Klostermann Verlag erschienenen Heidegger-Einführung.

Nach der Lektüre dieser Heidegger-Fragmente schaue ich verwundert aus meinem Altbaufenster in meiner beschaulichen berliner Altbauwohnung heraus, im städtisch-bürgerlichen Altbauviertel, und bemerke, wie sehr in einer Großstadt doch die Weite und der Horizont und die Landschaft fehlen. Obwohl Trawny kaum nur die Heideggersche Lebenslandschaft, also den Schwarzwald, zeichnet und auch die legendäre Hütte in Todtnauberg nicht überstrapaziert wird, versetzt sich der Leser doch immer wieder in diese Heideggersche Denklandschaft des Schwarzwaldes hinein – so wie auch die Gedichte Hölderlins nicht ohne Griechenland, sprich den oberen Lauf der Donau und die Region zwischen Bodensee und Neckar zu lesen sind. Vielleicht hängt Philosophieren in der Tat auch an den Orten. Oder wie Walter Benjamin es für Kant und im Hinblick auf Baudelaire schrieb:

„Kants Umschreibung des Erhabenen durch ‚das moralische Gesetz in mir und den gestirnten Himmel über mir‘ hätte so von einem Großstädter nicht konzipiert werden können.“

Willem van Reijen formulierte diesen Gegensatz bezüglich Heidegger und Walter Benjamin in einem Buchtitel: „Der Schwarzwald und Paris“. Was als Titel auch für ein revolutionäres Denken stehen kann, jenseits von rechts und links und die alten Ort- und Ordnungsschemata überwindend. Diese Ortsgebundenheit von Denken, hier ganz wörtlich als „wohnen“ verstanden, ist eine Beobachtung, die Trawny auch bei Heidegger macht, und zwar nicht einfach nur für seine vielfach zitierte und oft auch belachte Schwarzwaldhütte in Todnauberg.

„Die Philosophie ist für ihn eine endliche Denkform, die an einen Ort und an eine Zeit gebunden bleibt. Sollte ein Philosoph behaupten, die Bindung an Ort und Zeit überwinden zu können, wäre ebendiese Behauptung immer noch an Ort und Zeit gebunden. Für Heidegger spräche noch nicht einmal ein Gott für alle …“

„Philosophen leben an Orten, in Landschaften, in denen sie Anstöße für ihr Denken empfangen. Die Beschäftigung mit einem Denker ist immer auch eine mit einem Ort, seinem Am-Ort-Sein. Nietzsches Sils-Maria, Benjamins Berlin, Hannah Arendts New York, Sartres Paris, Adornos Amorbach und Frankfurt, Sloterdijks Karlsruhe – das Denken hat an diesen Orten stattgefunden.“

Landschaft, Ortschaft und Denken gehören zusammen, wir erinnern uns, und das liegt von Heidegger nicht allzuweit entfernt, an Celans Dankesrede anläßlich des Bremer Literaturpreises 1958, die er mit der Überlegung zum Denken und zum Danken eröffnet – Begriffe, die auch bei Heidegger 1952 in seiner Vorlesung „Was heißt Denken“ eine Rolle spielen – sowie dem damit korrespondierenden „Andenken“. Dort spricht Celan von jener Landschaft, aus der er stammt, der Bukowina: dort, wo „ein nicht unbeträchtlicher Teil jener chassidischen Geschichten zu Hause war, die Martin Bubner uns allen auf deutsch weitererzählt hat (…) es war eine Gegend, in der Menschen und Bücher zu Hause waren.“ Man achte auf die Reihenfolge und auf das Tempus des Verbes „sein“. Zu dem Zeitpunkt, als Celan jene Bremer Rede hielt, waren diese Menschen in dieser Landschaft nicht mehr zu Hause. Sie sind tot.

Wie also Heidegger lesen? Seine Verstrickungen ins NS-System verschweigen? All das macht Trawny nicht. Er beschönigt nicht, und er verteufelt nicht, um dadurch sogleich die gesamte Philosophie Heideggers bequem entsorgen zu können. Kein dualer Schematismus, aber auch kein Sowohl-als-auch, man kann es nicht austarieren. Trawny schreitet nicht durch diese Widersprüche und Brüche hindurch, sondern er nimmt sie beim Wort, nennt zugleich die düsteren Seiten Heideggers. Wie schon in „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“:

„Die Frage, ob die antisemitischen Passagen der ‚Schwarzen Hefte‘ einen Abschied von Heideggers Denken notwendig nahelegen, scheint keineswegs abwegig zu sein. Wer mit Heidegger philosophieren will, muss sich über die antisemitischen Implikationen bestimmter Gedankenzüge im Klaren sein.“

Es wird auch in den Heidegger-Fragmenten das Problematische nicht eskamotiert. Es ereignete sich eine „Verwundung des Denkens“ so Trawny in seinem Buch zu den „Schwarzen Heften“. Und dieses Motiv greift er auch in seinen „Heidegger-Fragmenten“ immer wieder in Anspielungen auf: Das beginnt bereits damit, daß die Fragmente mit der Überschrift „Apokalyptisch“ beginnen. Kriegsende 45, in Trümmertagen. Und das Motiv dieser Krise – biographisch wie politisch – wird variiert, etwa unter der Überschrift „Antisemitismus-Diskussion“, wo Trawny die Position Donatella di Cesares zum „metaphysischen Antisemitismus“ kritisiert und ebenso unter der zunächst zynisch anmutenden Überschrift „Auschwitz und Haribo“, wo es um Heideggers Bremer Vorträge von 1949 geht, darin wir einen zunächst zynischen und ungeheuerlichen Vergleich finden: Ackerbau sei die „jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern […]“.

Auch solche Widersprüche, solche (vermeintlichen) Ungeheuerlichkeiten müssen mitgedacht werden. Trawny nimmt Heideggers Philosophie als das, was sie ist: Mehr als nur einen Text aus dem Philosophiekorpus, den man seziert oder als Lehrgebäude betritt. Auch Widersprüche können zum Denken reizen. Ebenso denkt Trawny also das Zusammenspiel von Denken, Arbeit und Leben bei Heidegger mit:

„Diese Einheit von Arbeit und Leben, diese Lebens-Arbeit als Arbeits-Leben, verwandelt Leben und Arbeit in etwas Drittes, durchaus Künstliches. Kunst vielmehr als Wissenschaft ist Heideggers Biotop. Der Denker erscheint als ein Mensch, der sich die Philosophie auf die Haut tätowiert. Er ist eigentlich kein Mensch mehr, weil er das Menschliche als Problem fasst. Das gilt für Heidegger wie sonst nichts. Er bewegt sich in der Welt wie fleischgewordenes Denken selbst. Wir haben seine Texte als Spur; der Abwesene gehört zu ihr.“

Insofern betreiben sowohl Heidegger wie auch Trawyn das, was man vielleicht – in Absetzung zum Begriff Wissenschaft – als Theorie bezeichnen kann: sich in ein Ungedecktes zu begeben, in Konstellationen zu erzählen, die in ihrer Abfolge eine bestimmte Perspektive auf eine Philosophie liefert. Oder schlicht mit Roland Barthes auf einen Begriff gebracht ist es bei Trawny die „Lust am Text“, die man aus seinen Auseinandersetzungen mit Heidegger herausliest. Dieses freie Moment macht die Fragmente so lesenswert. Daß die Texte eines Philosophen sinnlich besetzt und mit Leidenschaft gelesen werden können, ohne dabei ins Privatisimum zu gleiten. Dies zeigen Trawnys „Heidegger-Fragmente“. Das „Adyton“ Heideggers – so ein anderer Buchtitel von Trawny – kann zwar von uns betreten werden, aber es hat dieser Zutritt einen Preis. Und wer diese Hinführung zu Heidegger liest, weiß hinterher, daß es eben nicht darum gehen kann, einen Text handhabbar zu machen oder ihn in Bernstein zu konservieren und damit zu töten, wie „die Lordsiegebewahrer des Heideggerʼschen Denk-Werks, die die reine Lehre zu Tode konservieren.“

Was wir bei Trawny nicht finden, ist die Verklärung Heideggers. Philosophie ist kein Maßband, das die Größe eines Denkers quantifiziert, um dann eine Büste in der Asservatenkammer der großen Philosophen auszulagern, und ebensowenig erzählt Trawny bloß anekdotische Schnurren. Kein Glorienschein wird von ihm gezündet, sehr wohl aber springt etwas von diesem Faszinosumsfunken Heideggers auf den Leser über. Lesen ist ein erotischer Akt. Gerade weil man mit einem Anderen konfrontiert ist, der einen in die Frage stellt. Diesen unmittelbaren-biographischen, wie auch den philosophischen Bezug zu Heidegger macht Trawny deutlich, und es endet das Buch mit einem schönen, privaten Dank – bei Alkohol in einer Berliner Bar. Großstädtisch-unheideggerianisch, man denke nur an jenen Aufsatz „Schöpferische Landschaft: Warum bleiben wir in der Provinz?“ als Kontrastfolie. Darin sich auch ein Berlinbezug findet.

Es liegt nach dieser Lektüre am Leser, aus Heideggers Textgebirge eigene Funken und Analysen zu schlagen.

Peter Trawny: Heidegger-Fragmente. Eine philosophische Biografie, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018, ISBN 9783103972993, gebunden, 320 Seiten, 25,00 EUR

95 Gedanken zu „Peter Trawny „Heidegger-Fragmente. Eine philosophische Biographie“ – Heideggers Gift, Heideggers Gabe (2)

  1. Das ist eine Reaktion auf einen Vortrag, sagt aber nichts über die Philosophie Heideggers im ganzen oder inhaltlich zu speziellen Aspekten. Davon ab, daß es sich hier eher um eine Bewertung des emotionalen Gehaltes eines Vortrags handelt. Solches gesprochene Wort lebt immer auch von der Performance.

  2. Bersarin zitiert Trawny: „Der Denker erscheint als ein Mensch, der sich die Philosophie auf die Haut tätowiert. Er ist eigentlich kein Mensch mehr, weil er das Menschliche als Problem fasst. Das gilt für Heidegger wie sonst nichts. Er bewegt sich in der Welt wie fleischgewordenes Denken selbst. Wir haben seine Texte als Spur; der Abwesene gehört zu ihr.“ – Soviel ich weiß war Heidegger nicht in psychiatrischer Behandlung wg. seiner Abneigung gegen Tattoos.

    Ok – solche Sätze wirken ein wenig forciert und in ihrer ostantativen Heidegger-Ferne endlich zu nah – und deshalb unbeholfen.

    Es gibt unproduktivere Reaktionsformen auf die Übervater-Problematik, ich weiß, ich weiß.

  3. Ja, der Satz ist forciert und er pointiert sozusagen das performative dieser Philosophie als Bild. Daß diese etwas mit dem Leben zu tun hat und eben auch mit ihrem Urheber.

  4. Bersarin, ich wollte sagen, dass Trawnys Satz weniger etwas von Heidegger als vielmehr etwas von Trawny verrate. – Anders ausgedrückt: Trawny will wirken, und dafür scheut er sich nicht einmal davor, den abgestandendsten (und verlogensten) Zeitgeist von „Tattoo You!“ flott zu machen.

  5. Na ja, wir sind und leben ja nun einmal in der Gegenwart. Und Trawnys Zugang zu Heidegger in diesem Buch ist bewußt subjektiv bzw. persönlich gewählt, um auch etwas von der eigenen Lektüreerfahrung deutlich zu machen. Deshalb ist das Buch vom Stil her ja anders geschrieben als etwa seine Heidegger-Einführung bei Klostermann.

  6. In der Tat giebt es einen Karnevalshit von de Räuber namens „Wer hat mir die Rose auf den Hintern tätowiert?“. Mehr kann ich in diesen Tagen intellektüll nicht beitragen, sorry.

  7. Oh, Karneval ist gar nicht so unpassend, weil der bei Trawny ebenfalls vorkommt und da eine schöne Heidegger-Anekdote bzw. eine Heidegger-Parodie zum Karneval vorkommt.

  8. Trawny wirft, um nochmal mit den Stones und nun halt auch De Räuber zu reden – Rosen auf Heideggers Arsch im Grab (cf. „Dead Flowers“). Diese Aktion allerdings sehr nah am von Heidegger doch sehr negativ gesehenen Man gebaut, wie ich finde.

    Naja: Und Heidegger und Karneval wundert mich ooch jezze, denn in Baden heißt das Ding Fasnacht, bitt’schön, oder halt Fasnet oder Fassenacht, aber kaum einmal Karneval. Jedenfalls nicht früher, und sicher nicht in der Heidegger-Gegend Südbaden zwischen KN (mit der Heidegger-affinen Psychiatrischen Klinik Reichenau und dem ebenfalls Heidegger-affinen Sanatorium Bellevue (=psychiatrische Privatklinik) in Kostanz‘ Nachbarstadt Kreuzlingen, ehedem, die das segensreiche Wirken von Holländer Vater (Psychiater) und Sohn – nachmaliger Kunstmaler, interessant!, sah – Holländer Vater starb dieser Tage. Er wurde 92 Jahre alt), und halt Freiburg, einschließlich Todtnau und Todtmoos und Meßkirch und Wilflingen und Krauchenwies und dem Fleckviehgau usw. – super Gegend. Heute Walser- und Stadler-Land. Früher Abraham a Sancta Clara -…und Hermann der Lahme – usw. Gegend. Heinrich Seuse – ist „quite easily“ (M. Jagger) der Anmutigste von all‘ diesen Schreibern – ich war heute am Seuse-Brunnen in KN – mit dieser Seuse-Inschrift: „Tue jeder soviel er kann und sorge nicht, ob es genug sei. Das Urteil darüber überlasse er Gott“).
    Perfekt.

  9. Na ja, man muß Heidegger nicht als Götzen anbeten. Denn genau diese Idolatrie kritisiert er ja gerade in seinem Buch.Es geht ihm eben nicht um die „Lordsiegebewahrer des Heideggerʼschen Denk-Werks, die die reine Lehre zu Tode konservieren.“

    Zum Karneval, Dieter Kief: da kommt es darauf an, wo die Parodie stattfand. War es im Rheinraum, dann ist es Karneval, und es hängt weiterhin davon ab, ob die alemannische Fastnacht Büttenreden kennt. Denn um eine Büttenrede als Parodie handelte es sich.

  10. Weil Karneval ist und wir unsere Sünden beichten sollen, muss ich hier und heute zugeben, dass mir das Subjekt des Feldwegs beim ersten Lesen verkehrt erschien. Vielleicht hatte ich mir nicht vorstellen können, dass der deutsche Philosoph den Weg als Du ansprechen könnte, jedenfalls habe ich mir zunächst einen Menschen vorgestellt, der aus dem Hofgartentor zum Ehnried läuft. Wer läuft? Ein Mann, kein Weg, der würde verlaufen. Wem schauen die alten Linden nach?, dem weggehenden Mann, nicht einem Weg. Leuchten kann auch ein wandernder Mann, trägt er einen hellen Trenchcoat zwischen den Saaten, doch begann ich stutzig zu werden. Im Nachhinein mag ein Feldweg eher leuchten denn ein Mensch, für den zudem notwendige Bedingungen erfüllt sein müssen oder eine. Auf den Wald zu biegt wieder eher ein Mensch denn ein Weg, obwohl. Grüßen tut natürlich ein Mensch, warum sollte ein Weg, das wäre vermessen, schwärmerisch. Spätestens gegen Ende klärt sich das offen gebliebene Ziel des Personalpronomens, welches zuvor zumindest einschränkend insofern wirkte, als es die Hälfte des Himmels (Mao Zedong) ausschloss, weil es ER heißt, nicht SIE. Gegen Ende, wie gesagt, kehrt der Weg, heißt es hier klaro, zurück zum Hofgartentor.

  11. Der Tattoo-Trwany reitet auf den Rossen des Zeitgeists, und das ist doch unheideggersch im höchsten Grade, gerade weil es so ranschmeißerisch ist. Ein Veganer lobt die Wurstfabrik.

    Ja, was war denn nun die „Heidegger-Anekdote“?

  12. holio – Der Feldweg ist schön, auch weil das ein sehr schönes Thema ist. Das mit dem Personlapronomen ist mir nicht aufgefallen – oder ich hab’s wieder vergessen.

  13. @ holio: Eine interessante, andere Perspektive, die auf das Subjekthafte dieses Feldweges weist. Allerdings bedarf dieses Weg-Subjekt des Menschen. Oder wie Heidegger in seinem George-Text in „Unterwegs zur Sprache“ zitiert: „So lernt ich traurig den verzicht:/Kein ding sei wo das wort gebricht.“ Dieses Zur-Sprache-bringen findet sich dann auch in seinem ersten Essay dieses Bandes „Die Sprache“ – und eben auch in „Der Feldweg“. Dieser Feldwege-Text allerdings ist arg an der Grenze, auch hin zum sprachlichen und denkerischen Kitsch. Da liegt sicherlich eines der Probleme. Es ist ein Text auf der Grenze. Der die Moderne nicht mehr denken kann oder möchte und eine Welt imaginiert, in der lauter, Hirten, Bauern, Schäfer und Handwerker leben.

    Was sich hier zudem weiterhin berührt: ein Vormoderne und ökologisches Bewußtsein. In gewissem Sinne haben wir hier auch einen „grünen“ Text:

    „Wohl verringert sich rasch die Zahl derer, die noch das Einfache als ihr erworbenes Eigentum kennen. Aber die Wenigen werden überall die Bleibenden sein. Sie vermögen einst aus der sanften Gewalt des Feldweges die Riesenkräfte der Atomenergie zu überdauern, die sich das menschliche Rechnen erkünstelt und zur Fessel des eigenen Tuns gemacht hat.“

    Was jenen Verzicht betrifft, so muß man freilich auch den Umweg sehen, den Heidegger beschreitet:

    „Alles spricht den Verzicht in das Selbe. Der Verzicht nimmt nicht. Der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen. Der Zuspruch macht heimisch in einer langen Herkunft.“

    @Dieter Kief: Wie geschrieben und wie auch bei Trawny zu lesen: Dieser schreibt ein Buch für die Gegenwart und nicht fürs Vergangene: eine Möglichkeit eben, mit Heidegger umzugehen. Was die Tätowierungen betrifft: Sie sind nichts Neumodisches, sondern uralte Zeichen. Man lese Ulrike Landfester: „Stichworte. Tätowierung und europäische Schriftkultur“.

    Was jene Anekdote betrifft: Trawny spricht in diesem Buch auch von der Fastnacht und er nennt dort das Buch „Philosophie und Fastnacht“ über die Brüder Martin und Fritz Heidegger. Darin dann auch die Anekdote über die Heidegger-Hörerin und Heidegger-Ex-Geliebte Margot Prinzessin von Sachsen-Meiningen, die in einer Fastnachtsrede das „Fassende des Faßbaren“, also Heidegger parodiert. Sehr gut sogar. Nachzulesen hier:
    https://books.google.de/books?id=2stWDwAAQBAJ&pg=PT276&lpg=PT276&dq=Heidegger+Parodie+%22Das+Fassende+des+Fa%C3%9Fbaren%22&source=bl&ots=PdFDlMBUNx&sig=ACfU3U39-pfic_pI0y1tSiEiUalkiZmrgg&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwj36dTY6OXgAhUCZ1AKHSXNAMcQ6AEwAHoECAMQAQ#v=onepage&q=Heidegger%20Parodie%20%22Das%20Fassende%20des%20Fa%C3%9Fbaren%22&f=false

  14. Ahh – sagt‘ ichs nicht: Fasnacht!, Bersarin, Fasnacht, bei heidegger imm Fassenacht oder halt Fasnacht oder in gottes namen Fastnacht, – – – l!!

    Und ich sagte nix über Tattoos an sich, sondern über Tattoos als zeitgeistige Signale, wie die Glimmer twins Jagger/Richards sie auf „Tatto You“, einem sehr verlogenen Album, schon abgegriffen haben – und das war, es ei zugestanden, freilich schon im letzten Jahrtausend; deshalb sind die Stones eben auch nachweislich unsterblich, weil sie jetzt schon durch das zweite Jahrtausend wehen – und noch immer weiter wehen werden, so uns Hiedegger mit seiner unsäglichen Atomkraft nicht noch auf irgendeinem Feldweg, ausgerechnet, das ist doch komplett unlogisch, aber gut: In die Quere kommt, oder halt sonst ein Machetenträger, ne. Oder halt die Fäust‘ von irgendeinem sonstigen Kraftox, das sind ja ebenfalls dann tödliche Werkzeuge… Sag‘ ich jezze.

    Und danke für den Link!!

  15. Ja, Tattoos, aber die kann man Trawny nun eben nicht vorwerfen, denn er schrieb ein explizit auf sein eigenes Denken, auf die Gegenwart bezogenes Buch. (Wobei eben Tattoos mich genauso und eigentlich sehr viel stärker in Trawnys Kontext an jene Einwohner in Polynesien erinnern, wo Tattoos tatsächlich das Leben abbilden und keine zufälligen Szene- und Status-Zeichen sind, wie im Westen.

    Fastnacht und Karneval sind in der Tat unterschiedliche, aber die lokalen Differenzen entziehen sich einem Norddeutschen. Mir gefallen halt die alemanischen Fastnachtsmasken gut, aber es ist ein mir fremdes Brauchtum. Womit sich wieder einmal zeigt: Heimat hat viel mit der Örtlichkeit zu tun und weniger mit Deutschsein.

    Na ja, der Feldweg ist eine Art Denktagebuch, aus der „Erfahrung des Denkens“. Wenn man will, kann man das auch mit Adornos Amorbach-Skizzen vergleichen – wobei eben zu Adorno zugleich auch Frankfurt und die Großstadt gehören, also deutlich weltgewandter und in der Moderen.

    Interessant ist bei Heidegger vor allem der ökologische Aspekt und er spürte früh das Entsetzliche, das von der Atomkraft ausging. Sein Schüler Hans Jonas machte dann mit dem „Prinzip Verantwortung“ Heidegger für ein ökologisches Denken fruchtbar. Auch hier, im Sinne eines Eingedenkens an Natur als Freiheit des Geistes könnte man an Adorno anknüpfen. (Und im Badischen gab es ja eine starke ökologische Bewegung. Man denke an Walter Mossmann und an die Kämpfe um die AKWs Wyhl, Fessenheim und das Chemiewerk in Marckolsheim: Deutsche und Franzosen gemeinsam. Auch das kann Heimat sein Heimat in Differenz. Die andere Wacht am Rhein.

  16. Dass Heimat nichts mit Deutschsein zu tun hätte kann mir keiner erzählen. Hätte auch Heidegger schrecklich – oder halt beschränkt – „gefunde“.

    Ich bestreite mit mords Effet, dass Trawny in Sachen Tattoos über sich schreibt. Er versucht sich einfach interessant zu machen, das ist was ganz anderes, bittschön. Dieser Tattoo-Abschnitt ist schmöckerisch, hilft nix. Tattoo You war bei den Stones schon schmöckerisch – und ethno-ranscheißerisch von mir aus grad‘ au no, wenn Sie schon auf Samoa oder was bezug nehmen – Snakt Pauli, ’ne.

    Gottzack!

    Aber das Karneval-Zitat ist eine Trouvaille, Hut ab Mr. Trawny! Wenns ernst wurde, begab Heidegger sich, vor die Wahl gestellt, lieber in die Depression als in dei Bütt, also musste er die Beziehung zu der frevlerischen und witzigen Prinzessisn Margot – mit Sicherheit unter Schmerzen!! – einstellen. Bloch hat das sehr gut verstanden: Diese Psychodynamik in Richtung Depression. Heidegger nicht so gut, also ist er in die Psychaitrische Klinik abgebogen, zuzeiten.

    Er hats aber auch schwerer gehabt, weil er nun mal geglaubt hatte, den Führer führen zu sollen. Dass man ihn dafür in der Deutschen und Französischen Nachkriegszeit nicht komplett geschlachtet hat, öffentlich, war eine riesen Leistung!

    Die Erkenntnis, dass die Atomkraft nicht so ohne ist, weniger, die pfiffen wirklich die Spatzen von allen Dächern.

    Sehr sehr gutes Buch über die badischen Proteste aus Reporter-Sicht- und überhaupt ein großartiges Buch: Felix Huby: SPIEGEL-Jahre. Ich kann es nur empfehlen. Es liest sich au no super-flüssig. Heidegger und Augstein wandeln natürlich auch darin herum.

  17. Deutsch ist vieles und Unterschiedliches. Heimat nicht, Heimat ist etwas Spezifisches. Ich sehe mich als Deutscher, gerne sogar und mit Glück, manchmal ein wenig wie Hölderlin; meine Heimat aber ist der Norden. Was habe ich mit dem Bayern zu schaffen, was mit der Fastnacht? Da sind mir die holländischen oder dänischen Bräuche näher. Heimat kann nur die Region sein, sofern man sie denn mag und so aufgewachsen ist, daß es schön für einen war. Heimat ist ein fluider Begriff. Der der Nation nicht. Sie umfaßt unterschiedliche Menschen als Staatsbürger, gut hegelianisch oder mit Habermas gedacht, die, um Böckenförde ergänzt, auf der Basis bestimmter allgemeiner Überzeugungen sich zu einer Nation vereinen. Stiftend ist hier sicherlich auch die Sprache. Aber eben nicht nur, wie z.B. die Schweiz uns zeigt.

    Heimat ist der Nahbereich, die Region. Das mag für einen Norddeutschen noch der Harz sein. Vielleicht auch ein Urlaubsort wie der Rhein. Aber was ist, wenn die Urlaubsort in Süditalien lagen? Da klafft es schon wieder. Es kann also auch das Heimat sein, wenn man öfters dort war. Deutschland ist ein Land, es hat mit (unterschiedlichen) Kulturen zu tun, bietet Heimat für viele. Mancher wurde aus seiner Heimat im alten Osten vertrieben, kam irgendwo im Westen in Deutschland an und wurde doch nie ganz heimisch. Es fließen hier also viele Bestimmungen mit hinein, die analysiert und differenziert werden wollen. Heimat hat viel mit Gefühlen und Emotionen zu tun. Deutschland sicherlich ebenso, aber im staatsbürgerlichen Sinne ist es klar abgegrenzt. Durch eine Rechtsordnung, durch das Grundgesetz, durch Sprache und politische Prozesse.

    Was das Tattoo betrifft, würde ich an Ihrer Stelle die Trawny-Passage deutlich entspannter lesen. Zumal tätowieren eben auch heißt: Etwas auf oder in die Haut einzuschreiben. Und in diesem Sinne hat auch das Tattoo mit dem Leben zu tun. Meist wird es aus einem bestimmten Anlaß gestochen.

    Politisch ist Heidegger sicherlich brisant und biographisch nicht einfach zu fassen. Aber auch das macht ihn spannend. Ebenso wie bei Brecht in anderer Weise.

    Ansonsten danke für den Buch-Tip. Ich meine, von diesem Buchtitel auch schon einmal gehört zu haben.

  18. Mit Deutschland als Heimat ist es zumindest deutlich komplizierter als ein regionaler Heimatbegriff, der mit dem lebensweltlichen Bezug und unserer konkreten Biographie zu schaffen hat – sofern man nicht gerade Zirkus- oder Diplomatenkind ist oder das von Manangern, die durch die Weltgeschichte gejagt werden.

  19. Heimat muss doch nicht einfach sein, Bersarin. Wenn ick in Ballin bin, jezze, ha ick durchaus schon ruck zuck diese Nähe zu irgendwelchen Leuten erlebt – un‘ dit wa‘ für mich ein Heimat-Gefühl, keene Frage, wa? Und dit passierte mir ooch in Wien, aba janz sicha. Aber das ganze Heimat-Ding i s t graduell, auch klar, insofern kann ich Ihnen zustimmen.

    Noch’n Buch: Deutschland, Versuch einer Heimkehr – Hermann Peter Piwitt.

    Huby hat eine wirklich ergreifende autobiographische Trilogie hingelegt, die vieles an zeitgenössischer Literatur ruhig überragt; außer mir schreibt kaum einer darüber, auch nicht hier, wenn ich recht sehe.

    Auch stilistisch sind die Huby-Bücher bemerkenswert, übrigens: Huby kann zen-mässig klar erzählen. Keine Schnörlkel. Ein Ereignis.

    SPIEGEL-Jahre ist der dritte Band. Heimat(!)jahre und Lehrjahre sind die beiden anderen Bände. In den letzten Jahren ist inix belletritisches hierzulande erschienen, was mich so bewegt hätte.

    Huby ist auch interessant in Zeiten von Spiegel und Relotius und überhaupt den Relotiusiaden der letzten Jahre. Huby ist in dieser Debatte eigentlich unersetzbar, weil er aus der Innperspektive des Spiegel-Redakteurs nicht zuletzt am Beispiel des Ba-Wü-Anti-Atom-Protests (!) und des RAF-Terrors beschreibt, wie nahe die Schreiber oft (!) an den Fake-news sind, und was es für einen Aufwand darstellt, diese Klippe zu umschiffen.

    Wenn der Spiegel nicht intellektuell total erschöpft wäre (Weidermann packt das nicht, und sonst ist da auch keine – Elke Schmitter ein Totalausfall auf diesem Gebiet, aber natürlich auch Nils Minkmar und wer noch alles – da kam und kommt nix. Die halten alle nur den Blick gesenkt und hoffen, irgendwie bis zur Rente noch durchzukommen, wie es scheint. Für manche könnte das knapp aber werden…).

  20. Na ja, ich arbeite eh noch an einem Heimattext. Demnächst. Gegen die linke Unverbindlichkeit (auch als Internationalismus) und diese seltsame Destruktion und ebenso gegen einen nationalistisch verorteten Begriff von Heimat, der sich rein völkisch versteht.

    Interessant in diesem Kontext übrigens die Baskische Linke, die sich extrem auf ihr Eigenes kapriziert und dabei politisch doch links und solidarisch ist, ohne anderes auszugrenzen.

  21. @Manager: Habe da einen Kunden, dessen erstes Kind wurde in England, das zweite in Tokyo, das dritte in Tichuana geboren. Was ist bei solchen Leuten Heimat?

  22. Da, wo jeweils das Kind aufgewachsen ist und mit welchem Ort es Bezüge und angenehme Lebensszenen verbindet. Insofern ist Heimat ein offener undauch weiter Begriff. Ich denke allerdings, daß solche Fälle im Kontext der Bundesrepublik und auch anderer Länder eher selten sind.

  23. @che2001
    Diese Leute verstehn sich oft als Weltbürger. Es gibt eine ganze Reihe von denen in den Schweizerischen Metropolen, die dort z. B. stets englisch reden. Ganze Parties gibt es, wo nur englisch geredet wird. Die angeheit´rateten (oft asiatischen, sehr schönen) Ehefrauen lernen gar kein Deutsch mehr und steuern durch den Zürcher alltag wie Fremde. Die bekommen von der Schweiz nur ihresgleichen mit.

    Lebensmodel: Zur Arbeit nach London pendeln. Zum Wochenende in Zürich – wegen der Lebensqualität – und weil es billiger ist (35 Sfr/qm Kaltmiete, z. b. – satt 80 in London für schlechtere Wohnungen).

    Ich nenne die die Globaltrottel. Ich bin halt gemein. Ich weiß, dass diese oft sehr langweilig sind, weil ihre Lebenswelt oft verlreichsweise sehr arm ist.

  24. Zu meiner Lebenswelt gehören die Unternehmen VW, Bosch und BASF, und da sind solche Leute nicht selten. Der betreffende Kunde ist mit einer jungen schönen Japanerin verheiratet.

  25. Kenne auch einen Arzt der in Kiel lebt und zum Arbeiten nach Schweden pendelt weil er die Arbeitsbedingungen für angestellte Kliniksärzte in Deutschland so scheiße findet.

  26. War mal ein paar Tage in Buenos Aires, Argentinien. Von da aus bin ich weitergereist nach Bolivien, wo eich einen deutschen Freund, der da lebte, besucht habe.

    Die übrigen Südamerikaner mögen die Argentinier nicht sonderlich (und erzählen mit Vorliebe Witze über sie). Ich habe dann die einheimische Freundin meines Freundes gefragt, was sie eigentlich gegen die Argentinier haben, die ich als nette Menschen kennen gelernt habe? Worauf sie sagte: „Das sind oberflächliche Menschen, sie haben keine Wurzel in der Erde.“ Genau das war ihre Formulierung: No tienen una raíz en la tierra.

    Die Argentinier sind auch fast ausschließlich Nachkommen europäischer Einwanderer aus Italien und Spanien und halten sich den anderen Latinos für kulturell überlegen.

    Die von Che beschriebenen Menschen sind ein ganz junges Phänomen der gehobenen Mittelschicht, sowas gibt es nur in westlichen Großstädten. Ich finde die eher peinlich.

  27. Nun ja, zumindest zeigen alle diese Phänomene, daß in einer durchkapitalisierten Welt, in der immer noch die Arbeit den Takt gibt, unterschiedliche Lebensweisen und Lebenswelten existieren. Aufgabe der Demokratie ist es, diese auszutarieren und ein Grundsystem an Überzeugungen zu schaffen, so daß eine Vielzahl an Menschen diesen Streit im Pluralismus für wichtig halten und das Gegenüber eben nicht als Feind sehen, den es irgendwie auszuradieren gilt, sondern als Gegner, den man mit Worten „bekämpft“, um in der Arena des Politischen halt auch Stimmen zu sammeln. Am besten mit Argumenten. Für seine Lebensweise ist jeder selbst verantwortlich. Wer gerne reist, soll das tun, und das Beispiel des Arztes zeigt gut, daß solches Reisen eben auch mit Lebens- und Arbeitsbedingungen und dadurch mit sozialen Verhältnissen zu tun hat – insofern ein wichtiger Hinweis von che. In diesem Falle ist halt auch das Lebensprivate in diesem Sinne (in anderen wiederum nicht!) politisch.

  28. Bersarin – alles ok.
    Der Dissens geht danach los – wie verorten sich diese Leute, z. B. gegenüber den einheimischen Schweizern? Und umgekehrt.
    Und für mich geht er da los, wo ich entscheide, wo ich hingehe und wo ich dazugehören will, und wen ich interessant finde – – – und wen eben nicht. Das sind auch ästhetische Dinge.

    Ansonsten – immer wenn hier erzählt wird, wenn erfahrungen weitergegeben werden in interessanten Kontexten, spricht mich das besonders an. Insofern: Danke!

    Top-Buch über die Verwurzelten in den Appalachians: Joe Bageant – Deer Hunting With Jesus.

  29. Ja, wir müssen diese Pluralität mitdenken. Jemand, der sich in vier Ländern Europas verortet, wird sich vermutlich eher als Europäer begreifen. Ich halte dieses Modell nicht für erstrebenswert und ich halte es auch für politisch eher naiv, wenn das Resultat das Aushebeln des Nationalstaates ist – insbesondere eines doch relativ gut funktionierenden Sozialstaates wie der BRD – bei aller Kritik, die man daran üben kann. Wozu solche Mega-Gebilde führen, konnte man am Reich der Habsburger (sprich k.uk.) sehen und an Jugoslawien. Aber auch an Spanien: den Basken, den Katalanen und auch in Großbritannien wird der letzte Fitzel vom Empire zerfallen, wenn die erstmal aus der EU raus sind. Ich denke, die Schotten sitzen, warten ab und trinken Tee. Oder Whisky.

    Sicherlich ist diese Frage der Zugehörigkeit auch eine ästhetische Frage. Ich sehe mich als Deutscher, meine Heimat ist der Norden. Aber diese Fragen sind immer auch ins Politische eingebettet. Und nach den Erfahrungen von Faschismus und der roten Diktatur in Ostdeutschland und auch im Kontext eines erodierenden und sich in Banal-Debatten immer mehr überheizten Gemeinwesens sollten wir sehen, was es an Deutschland und seiner politischen Landschaft eben auch Bewahrenswertes gibt. Ich setze in diesen Fragen inzwischen, ganz mit Adorno, auf politische Evolution und eine sozusagen schleichende Emanzipation. List der Vernunft, mit Hegel gedacht. Ich würde in diesem Kontext übrigens mir wünschen, daß die SPD irgendwie ein neues Personal findet und vielleicht einmal wieder zur Raison kommt und solche wie Heiko Maas, Scholz, Nahles zum Teufel jagt.

  30. @“Die von Che beschriebenen Menschen sind ein ganz junges Phänomen der gehobenen Mittelschicht, sowas gibt es nur in westlichen Großstädten. Ich finde die eher peinlich.“ —- Diese Großstädte heißen Wolfsburg, Hildesheim und Salzgitter oder Ludwigshafen und die beschriebenen Menschen sind teils über 60. Die Schweiz ist für mich fürs Bergsteigen interessant, ansonsten weiter weg als Ägypten. Mit ägyptischen Linken oder kurdischen Peshmerga verbindet mich mehr als mit deutschen Spießern, Bayern oder Baden-Württemberg sind für mich gefühltes Ausland, Dänemark oder Niederlande nicht, Sachsen-Anhalt oder der Schreistaat Faxen sind für mich mental weiter weg als Andalusien.

    Ach ja: Fühle mich als Terraner.

  31. Ich habe ja auch immer gedacht ich wäre ein Weltbürger, zufällig in Deutschland geboren, und hätte ansonsten nichts deutsches an mir. Ist aber nicht so, die Prägungen durch die Herkunft sind tiefer als man denkt. Und man bemerkt das nur im Ausland, und zwar nicht in den Kreisen der globalen Oberschicht, Universitäten, Ministerien, Großunternehmen. Mein obern erwähnter Freund hat für die Bundesanstalt für Geowissenschaften gearbeitet in verschiedensten Ländern Südamerikas und mich immer eingeladen, ihn zu besuchen. Er hatte eine Wohnung, wo ich untergekommen bin, und i.d.R. eine einheimische Freundin; Südamerikanerinnen mögen blonde Männer.

    Und in jeder südamerikanischen Großstadt gibt es eine Bar, wo sich die dort lebenden Deutschen treffen, ebenso eine für die Engländer, Amis usw. Man hat in der Fremde eben das Bedürfnis auch mal unter seinesgleichen zu sein, und über die anderen zu meckern, ihre Unzuverlässigkeit und Korruption usw. Und über die ewige Wärme, die sich nie ändert, und das es kein vernünftiges Brot gibt usw.

    Ist ja bei uns auch nicht anders; wo kommen denn die vielen Shisha-Bars und syrischen Imbissläden her? Die türkischen Männer sitzen genauso in ihren Teestuben zusammen wie die Deutschen in ihrer Bar in Asunción/Paraguay. Gleich und gleich gesellt sich gern, das gilt nach wie vor.

    Dass es die globale Oberschicht in Wolfsburg, Salzgitter und Wilhelmshaven gibt, glaube ich gerne, sind ja auch alles Sitze vonm großen Unternehmen. Salzgitter hat übrigens inzwischen einen Zuzugsstop für Flüchtlinge verhängt, weil es dort bereits eine große arabische Diaspora gibt, die offenbar Probleme bereitet.

    https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/braunschweig_harz_goettingen/Ein-Jahr-Zuzugsstopp-in-Salzgitter-Ein-Erfolg,zuzugsstopp100.html

  32. Als Terraner wird man nur leider keine effektive Politik machen können. Und am Ende lebst auch Du hier in diesem Staat und profitierst von seinen mehr oder weniger vorhandenen Freiheiten. Leute wie Adorno haben das in der BRD relativ schnell gecheckt. Auch gegen die Ideen der Studenten. Deshalb Adornos Aufsatz zu Theorie und Praxis, deshalb sein Anfang der Negativen Dialektik. Insofern kann zwar jeder fühlen wie er mag, und mir ist halt das türkische, migrantische Kreuzberg eher ein Graus und ich möchte in solchen Verhältnissen, wo ich fremd im eigenen Land bin, nicht wohnen, aber das sind Privatdinge. Das Gemeinwesen, die Gemeinschaft hier konstituiert sich darüber hinaus. Und das bedeutet oft: Ein Aushandeln von Interessen und leider in vielen Dingen langsam mahlende Mühlen.

  33. @ El Mocho: Diese Subgesellschaften und Abkoppelungen sind dann ok, wenn sie irgendwie im System noch integrierbar sind. Geschieht das nicht, dampft und kracht es im Kessel. In Chemnitz konnte man das gut sehe: da brodelte es vor dem Messermord bereits heftig und lange, weil ein kleines Klientel von jugendlichen Flüchtlingen Dauerstreß machte und niemand die Eier in der Hose hatte, dort mal den Sack zuzumachen.

    In Köln damals bei den Grabschattacken und den sexuellen Übergriffen zu Sylvester durch Nordafrikaner, warnte übrigens schon lange vorher die alteingesessene Marokkanische Gemeinde die Polizei und wies auf erhebliche Probleme, die es mit jungen Zugereisten aus Marokko und anderen Maghreb-Staaten gibt. Wollte niemand wissen.

  34. Mich im migrantischen Kreuzberg zu bewegen habe ich keine Probleme, mir ist das nurdeutsche Eisemhüttenstadt oder sind die kleinen Käffer im Osten der Graus, überschreite ich die Grenze nach Sachsen-Anhalt, womit jetzt nicht Magdeburg gemeint ist sondern die kleinen Dörfer habe ich das Gefühl mich im Ausland, wenn nicht in Feindesland zu befinden. Das habe ich in Krüzbürg oder Ehrenfeld oder Walle nicht. Ich hatte allerdings auch keine Probleme damit als einziger Deutscher in einer kurdischen Firma zu arbeiten oder als alleinreisender Deutscher in arabischen Ländern unterwegs zu sein.
    BTW Dabei habe ich allerdings einen speziell gestrickten Freundeskreis. Nachdem ein Kumpel der die Strecke Paris-Dakar gefahren war im Senegal ein paar Leute kennengelernt hatte luden die ihn später nach Marseille ein wohin sie inzwischen ausgewandert waren. Er war in dem ganzen Viertel scheinbar der einzige Weiße. Er ging mit seinen schwarzen Kumpels in eine Kneipe in der jeweils zur Hälfte Nordafrikaner und Schwarze waren. Da kamen zwei französische weißer Flics herein mit Fahndungsfotos und gingen von Tisch zu Tisch. Niemand redete mit ihnen, sie wurden wie Luft behandelt. Als sie wiederf rauskamen hatte man ihrem Streifenwagen die Räder abmontiert.

    Als er diese Story erzählte fand man das allgemein in erster Linie cool.

  35. Mich in Kreuzberg zu bewegen, sei es zum Photographieren oder weil ich dort ins Drei Schwestern gehe, bereitet mir ebenfalls keine Probleme. Ich möchte dort nur nicht nicht wohnen. Um nichts in der Welt, nicht einmal,wenn man mir dafür pro Monat einen 1000er bezahlte. Es ist ein verrotteter Bezirk, um nicht zu sagen ein Slum. Die Bezeichnung Görlitzer Park ist ein Hohn, es ist das kein Park, sondern eine Brache, die mit dealenden Schwarzen teils bevölkert ist. Und es ist mir ein Rätsel, weshalb Menschen ihren Bezirk derart verwahrlosen lassen. Die Dörfer im Osten können schön sein, je nachdem, wo man sich befindet. Sachsen ist herrlich, nette, freundliche Leute, wenn man da mit offenem Herzen hinkommt. Sicherlich gibt es vereinzelt auch dort auf dem Land mit einigen Leuten Probleme, nicht anders als in Kreuzberg, wo Türken und Kurden ihre Konflikte austragen. Was die Rechten in bestimmten Regionen betrifft, hat sich viel getan. Es gibt auf manchen Dörfern eine starke Antifa-Szene. Hängt also sehr davon ab, wo man ist. Aber das Verhältnis Stadt/Land ist nochmal ein gesondertes Problem.

  36. ich habe mich allerdings den letzten Sommer (Balkonferien), wie es hatte kommen müssen, tatsächlich mit Heidegger beschäftigt. Allerdings mehr unter Fragestellung, warum Edith Stein ihm nicht zu folgen vermochte – oder ihn missverstehen musste?

    Anhang zu Endliches und Ewiges Sein, I. MARTIN HEIDEGGERS EXISTENZPHILOSOPHIE:

    3. Ist die Analyse des Daseins ausreichend als Grundlage, um die Frage nach
    dem Sinn des Seins angemessen zu stellen?

    Hedwig Conrad-Martius sagt von Heideggers Vorgehen, es sei, »wie wenn mit ungeheurer Wucht
    weisheitsvoller Umsicht und nicht nachlassender Zähigkeit eine durch lange Zeiträume ungeöffnete und fast nicht mehr öffenbare Tür aufgesprengt und gleich darauf wieder zugeschlagen, verriegelt und so stark verbarrikadiert wird, daß ein Wiederöffnen unmöglich scheint«. Er habe mit seiner »in
    unnachahmlicher philosophischer Schärfe und Energie herausgearbeiteten Konzeption des menschlichen Ich den Schlüssel zu einer Seinslehre in Händen, die – alle subjektivierenden, relativierenden und idealisierenden Gespenster verscheuchend – mitten hinein und zurück in eine wahre kosmologische und gottgetragene Welt« führen konnte. Er setzt »das Sein zunächst und zuerst in seine vollen und ganzen Rechte ein«, wenn auch nur an einer Stelle: am Ich. Er bestimmt das Sein des Ich dadurch, daß es sich »auf das Sein versteht«. Damit ist der Weg freigemacht, um – unbeirrt durch die »kritische« Frage, wie das erkennende Ich über sich selbst hinaus gelangen könne – dieses zum menschlichen Sein selbst gehörige Seinsverständnis auszuschöpfen und so nicht nur das eigene Sein, sondern auch das Sein der Welt und das alles geschöpfliche Sein begründende göttliche Sein zu fassen. Stattdessen wird das Ich auf sich selbst zurückgeworfen.“

    O je. Wieder „auf sich selbst zurückgeworfen“! Ich weiß nicht, irgendwie muss ich eine gewisse existentialistische Grundstimmung unbewusst aufgesogen haben, so dass etwas wie „die Existenz kommt vor der Essenz“ mich nur noch langweilte, als ich zuerst davon las. So What? Sollte es irgendwelche „großen Erzählungen“ wirklich je gegeben haben, die die ganze Story anders erzählten?

    Oder Heideggers „Sein zum Tode“. Ging es noch billiger? Diese ganzen Todeskünstler aus dem Pop-Bereich oder – jetzt noch mal auf andere Weise Ernst machen – der Konzept-Kunst?

    Wild entschlossen habe ich also angefangen, nachzulesen – wie gingen eigentlich diese „Meta-Narrative“? … Letztlich führte mich Heidegger zurück zu Aristoteles (Natorp Bericht). Bei Aristoteles eine sehr sonderbare selbstbezügliche Struktur im 6. Kapitel der Nikomachischen Ethik. ganz abgesehen von dieser phänomenologischen Sound! Von hier aus können wir weitergehen zur philosophischen Anthropologie, Plesner, Scheler … Heidegger selbst sit gar nicht so interessant

  37. Bei Heidegger sollte man tunlichst die Auslegungen beiseite stellen und sich dem Text selbst zu wenden. Was manchmal zum Verständnis helfen kann, sind Kommentare. Die Ausführungen von Hedwig Conrad-Martius sind nur bedingt hilfreich und ich denke nicht, daß der Ich-Bezug, den sie aufmacht, bei Heidegger wirklich auf die Sache des Denkens bei Heidegger geht. (Aber zum Beurteilen wäre eh eine längere Textpassage nötig und auf was sie sich konkret bei Heidegger bezieht.) Ich halte das zumindest für eine sehr eigenwillige und spezifische Interpretation.

    Heideggers „Sein zum Tode“ muß man allerdings von „Sein und Zeit“ her nehmen und nicht als Slogan nur im Raum lassen. Dann wird es, wie bei allen Begriffen von Heidegger, die man aus dem (Kon)Text reißt sinnlos und man hält leere Spielmarken in der Hand. Oder wie Heidegger die Studenten in seinem Seminar belehrte, wenn sie es im Seminar ihrem Meister nachtun wollten: „Hier wird nicht geheideggert!“, so Heidegger.

    Ansonsten: Bei Heidegger muß man verschiedene Textphasen und Textarten unterscheiden. Zum einen seine Vorlesungen und auch die von Dir genannten zu Aristoteles, da kann man teils viel zur Philosophie lernen. Und dazu seine explizit philosophischen Werke. Ich versuche es demnächst, mich Heideggers „Sein und Zeit“ von seinen frühen Freiburger Vorlesungen her, also ab 1919, zu nähern. Wo man – sozusagen – einen recht luziden Blick auf Heideggers frühes Unterfangen, also das vor der sogenannten Kehre, bekommt.

  38. Ja, das würde ich begrüßen, „Sein und Zeit“ vom Kriegsnotsemester 1919 her und ff her zu lesen und dann davon hier, bei Dir! – Verrückterweise stieß ich auf die betreffenden Vorlesungen, weil mir Parallelen der buddhistischen Satipatthana (Achtsamkeit) zur aristotelischen Phronesis (Buch VI, Nikomach. Ethik) oder Saphronesis (Besonnenheit) aufgefallen waren, als ich die betreffende Lehrrede des Buddha im letzten Frühjahr (einschließlich Kommentar von Nynaponika) las. Ich fürchte zwar, dass der Kommentar länger wird, als beabsichtigt, aber in aller Kürze: als ich mich etwas umschaute, gewann ich den Eindruck, dass Heideggers Auseinandersetzung mit Aristoteles in jener Zeit nicht nur zentral für „Sein und Zeit“ ist, was aus den von mir konsultierten Quellen hervorging – es scheint, dass Heidegger seine Terminologie aus seinen Aristoteles-Übersetzungen gewinnt –, sondern dass sich von hier aus, also umgekehrt, ein besseres Verständnis Aristoteles´ (Begriffs der Phronesis) anbahnen könnte, ohne sich auf Heidegger als einzigen Interpreten verlassen zu müssen. – (Eine Verzweiflungstat wie Polical Correctness scheint sich ja nicht mehr auf solche Selbstverständlichkeiten wie einen höflichen Umgang miteinander verlasen zu können glauben — ich vermute zurecht — — aber hieraus den Schluss zu ziehen, dass, weil mit PC der Höflichkeit ihre einzige Grundlage, auf der sie fußt, die der Selbstverständlichkeit, entzogen wurde in Form von dogmatisch verfassten Verhaltensregeln, nun, diese falsche Voraussetzung übernehmend, auf alle selbstverständliche Regeln der Höflichkeit verzichtet werden könne, würde eben jener Phronesis (oder „sittlichen Einsicht“, wie es in meiner Übersetzung heißt) zuwiderlaufen. Einer der Gründe, aus denen ich mich hier für Aristoteles interessiere.) –

    zu Conrad-Martius/Stein, welche letztere sie hier zitiert: ich habe das hier mal reinkopiert, um zu illustrieren, in welche Richtung es bei Stein geht. Vermutlich zitiert sie aus Existenzielle Tiefe und Untiefe von Dasein und Ich (1934/35). Es wäre in der Tat zu überprüfen, warum Conrad-Martius hier in ihrer Heidegger-Kritik vom Ich anstelle vom Dasein spricht.

    Ich finde es legitim, sich einem Philosophen zunächst von seinen Kritikerinnen her zu nähern, hier Conrad-Martius (34/35), Stein (36/37). Zumal wir es mit Zeitgenossen zu tun haben. Abgesehen davon, dass ihr Hauptwerk, Endliches und Ewiges Sein, zwischen den Zeilen von einer intensiven Auseinandersetzung mit Heidegger zeugt, liegt ihre explizite Kritik an Heidegger eher als Entwurf vor, und in einer Reihe von sachlich begründeten Fragen. Die obige Stelle setzt sie wie folgt fort:

    „Heidegger begründet sein Ausgehen von der Analyse des Daseins damit, daß man nach dem Sinn des Seins nur ein Seiendes fragen könne, zu dessen Sinn ein Seinsverständnis gehöre. Und weil das »Dasein« nicht nur für sein eigenes Sein Verständnis habe, sondern auch für andersgeartetes, darum müsse man mit der Daseinsanalyse beginnen. Folgt aber nicht
    aus dem Begründungssatz gerade das Entgegengesetzte?

    Wie gesagt, ich finde es nicht falsch, zunächst die kritischsten Kritiker der Elche zu befragen, die dazu noch Zeitgenossen waren und einander persönlich kannten. So endet Stein den vorletzten Absatzs wie folgt:

    „Es würde sich lohnen, das Verhältnis Heideggers zu Aristoteles und zur Scholastik aus der Art, wie er zitiert und deutet, einmal in einer eigenen Untersuchung gründlich nachzuprüfen. Das kann hier nicht unsere Aufgabe sein.“ – da sind wir wieder im Kriegsnotsemester 1919 …

  39. Das sind viele Aspekte, ziggev. Ja, ich denke ebenfalls, daß man bei Heideggers Lektüre über Aristoteles vieles von diesem wie auch von Heideggers Philosophie selbst lernen kann und daß Heidegger sich an den Termini der abendländischen, antiken Philosophie entlangbewegt. Denn es geht ihm ja, unter anderem, in dieser Lektüre und Kritik darum, wie im Übersetzen dieser Termini sich ein bestimmtes Denken etablieren konnte. Das fängt an mit der Umdeutung der griechischen Begriffe selbst und ihrer Übertragung dann ins Lateinische.

    „Vielmehr verbirgt sich hinter der anscheinend wörtlichen und somit bewahrenden Übersetzung ein Übersetzen griechischer Erfahrung in eine andere Denkungsart. Das römische Denken übernimmt die griechischen Wörter ohne die entsprechende gleichursprüngliche Erfahrung dessen, was sie sagen, ohne das griechische Wort. Die Bodenlosigkeit des abendländischen Denkens beginnt mit diesem Übersetzen.“ (Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerks)

    Der ungeheure Erfahrungsraum der indischen Antike sowie ihrer Texte ist ein Thema für sich und ich denke, daß da im Vergleich, im Austausch, im Einfluß wie auch in der Differenz vieles zu entdecken gibt. Wieweit es sich bei jenem indischen Denken tatsächlich um Philosophie im abendländischen Sinne handelt, vermag ich nicht zu sagen. Aber gerade im Denken Heideggers, der diese abendländische Verengung des Philosophierens zu überwinden (oder eher, zu verwinden?) trachtet, spielt dieses Übersteigen indirekt sicherlich ebenfalls eine Rolle – wobei Heideggers Bezug in jener zunächst antiken, vorsokratischen Geschichte und dann überhaupt abendländischen Geschichte steht. Heidegger schreibt:

    „Hölderlin jedoch ist, wenn er die »Heimkunft« dichtet, darum besorgt, daß seine »Landesleute« in ihr Wesen finden. Dieses sucht er keineswegs in einem Egoismus seines Volkes. Er sieht es vielmehr aus der Zugehörigkeit in das Geschick des Abendlandes. Allein auch das Abendland ist nicht regional als Occident im Unterschied zum Orient gedacht, nicht bloß als Europa, sondern weltgeschichtlich aus der Nähe zum Ursprung. Wir haben noch kaum begonnen, die geheimnisvollen Bezüge zum Osten zu denken, die in Hölderlins Dichtung Wort geworden sind …“ So Heidegger in seinem Text „Hölderlin und das Wesen der Dichtung“.

    Nebenbei: In Ostasien, in Japan insbesondere existiert eine starke Heidegger-Rezeption und es finden sich bei Heidegger ebenfalls Bezüge und Texte zur ostasiatischen Philosophie des Zen-Buddhismus.

    „Ich finde es legitim, sich einem Philosophen zunächst von seinen Kritikerinnen her zu nähern, hier Conrad-Martius (34/35), Stein (36/37).“

    Legitim mag es sein, nur ob es richtig ist, steht auf einem anderen Blatt. Ich bin ein Verfechter davon, zunächst die Primärtexte zu lesen. Wer den Originaltext nicht versteht, begreift im Grunde auch nicht, was in der Sekundärliteratur geschrieben wurde oder worauf sich konkret ein Kritiker bezieht und wie man das in Relation zum Kritisierten setzen kann. Meist erhält man bei Sekundärliteratur und insbesondere bei der Kritik eines Philosophen einen Referenzrahmen übergestülpt und bekommt den ursprünglichen Autor dann nur noch unter der Optik des Kritikers präsentiert. Das führt leider sehr oft zu Horizontverengungen. Man lese einschlägige Marx- oder Heidegger-Kritiker – da kommt teils Haarsträubendes zum Vorschein, da faßt man sich nur noch an den Kopf. Gut auch zu sehen, an der Heidegger-Kritik, die ihn auf seine Rektoratsrede und einige wenige Passagen in den Schwarzen Heften einengt oder an Marxlesern, die Marx für die Übel der Welt vom Stalinismus bis zur DDR verantwortlich machen. Und selbst bei Theoriethemen wie der Wertlehre würde ich zunächst mal zur Lektüre der einschlägigen Stellen bei Marx raten und den Kopf dort rauchen zu lassen.

    Um sich also Conrad-Martius oder Stein angemessen und das heißt dann auch ihre Kritikarbeit würdigend zu nähern, ist unbedingt die Lektüre und das Verständnis der Originaltexte von Heidegger geboten. Und ich denke mit den frühen Vorlesungen ist ein guter Anfang gemacht. Vor allem, weil man von dort her auch jene sogenannte „Kehre“ bei Heidegger versuchen kann zu verstehen. Ob ich freilich dazu komme, darüber hier zu schreiben, weiß ich noch gar nicht. Ich will man schauen.

  40. ich sehe aber eigentlich keinen Grund, nicht mit daiostischer Skespsis/Heiterkeit im Sinne eines wu-wei sich gesellschaftlichen Zwängen zu entziehen, also jenem Schlachtfeld von Kritik und Gegen-Kritik, auf welchem man sich mölgw. dazu veranlasst sehen könnte, „Stellung“ zu beziehen, wenn sachlich dazu eigentlich gar kein Anlass gegeben ist.

    Damit, sich mit einer Kritik (kritischen Stellungnahme) zu beschäftigen, muss ja nicht einhergehen, fahnenschwenkend ins andere Lager überzuwechseln; Anhänglichkeiten solcher Art sind selbstverständlich zu vermeiden – schon weil sie meist affektbedingt bedingt sind — bei Buddha wie bei Aristoteles spielen Affekte eine Rolle. Bei Buddha geht es zunächst darum, sie zu beobachten – wodurch sie schwächer werden -, bei Aristoteles darum, eine besondere, verfestigte Grundhaltung zu entwickeln, aus der nicht durch Affekte gesteuertes Handeln möglich wird, die aber nicht zu erreichen ist, wenn dies nicht gelingt (seltsame Zirkularität). Ob bei Buddha von einer „Haltung“ im abendländischen Sinne gesprochen werden kann, ist wohl fraglich, gemeinsam ist aber beiden, dass hierzu keine Geschicklichkeit abgefragt zu werden braucht oder hinreicht oder ein Handeln i.S. des Hervorbringens; eher spielt „Besonnenheit“ eine Rolle, die von Situation zu Situation zum Tragen kommt, und dass wir es nicht mit einer Methode zu tun haben, die letztlich gelehrt werden könnte. In Abgrenzung zur wissenschaftlichen Erkenntnis geht es bei Aristoteles weniger um diese als darum, wer wird sind; bei Buddha, wenn sie eingetreten ist – was er als Erkenntnis im nüchternen Sinne auffasst – ums „Nicht-Sein“ (Erlöschen). —

    Was nun Heideggers berühmte These von der „Bodenlosigkeit des abendländischen Denkens“ betrifft, ist es vielleicht weniger hilfreich, den Heidegger von 1937 zu befragen, damit er seine These noch einmal wiederholt. Worin wir uns (wie schon angemerkt, übrigens mit E. Stein) ja einig sind: höchst interessant wäre hier, den Heidegger der 20er Jahre zu befragen. Hieraus würde ich mir manchen Vorteil / wie auch besondere Schwierigkeit erwarten: wir dürften uns nicht mehr mit Feld-Wald-und-Wiesen-Übersetzungen der Texte Aristoteles´ zufriedengeben, wenn wir Heideggers Reflexionen/Übersetzung folgen wollen. Wir bekämen Einblick, wie und warum er zu jenen „Wortschöpfungen“ gelangt ist, die auch in S&Z Eingang gefunden haben. Seine oft dunkel anmutende Sprache, die das Verständnis nicht immer zu erleichtern vermag, könnte nach solcher Rekonstruktionsarbeit möglw. etwas aufgehellt werden. Zugleich könnte der Verdacht geklärt werden, dass Heidegger nicht nur dunkel klingt, sondern auch verdunkelt. Wir hätten energeia, phronesis, teleion, … und sophrosyne, wie es richtig heißt (von mir oben falsch für Besonnenheit)

    Übrigens sind manchmal englische Übersetzungen einfacher zu lesen.

    Die Beschäftigung mit einer Kritik sollte ja auch dazu dienen, ihren „Bezugsrahmen“ zu untersuchen: sind innerhalb seiner die Bedingungen transparent, unter denen er selbst wieder kritisierbar ist? – Heidegger stellt für die Beschäftigung mit seiner Kritik den „Bezugsrahmen“ ja selber erst her (unbenommen, dass dies erforderlich gewesen sein könnte wg der Originalität seines Unterfangens). Dies wiederum könnte zu eine Lektüre Heidegger (früh) gegen Heidegger (post Kehre) führen usw.

    Das muss natürlich auch für die Beschäftigung mit einer kritischen Stellungnahme zu Heidegger gelten. Ohne affektive Anhänglichkeit oder Widerwillen (Rekoratsrede). Der Bezugsrahmen Steins ist nun denkbar klar. Einerseits formuliert sie hinreichend deutlich ihre Fragen an Heidegger, die ihrerseits auf ihrer – zugegeben recht knappen – Rekonstruktion von Heideggers Vorgehen in S&Z fußen, dem sie immer bis zu einem gewissen Punkt zustimmt, so dass ihre Fragen selbst wieder auf ihre Tauglichkeit zu untersucht werden können; andererseits besteht kein Zweifel, dass es es sich um eine phänomenologisch gefärbte Onto-Theologie handelt.

    D.h. – wir können uns jetzt sogar in den Gegenstand von Heideggers Kritik vertiefen; gewissermaßen in die Scholastik nach Aristoteles und nach Heidegger. Die Philosophie des Mittelalters werde in „eigentümliche(r), grimmig-verächtliche(n)“ als überflüssig für eine Auseinandersetzung behandelt, als jener Irrweg, der als Topos der „Bodenlosigkeit des abendländischen Denkens“ eine beachtliche Karriere hingelegt hat. Dabei hat der systematisch und gründlich vorgehende der hl. Thomas bereits als dritte Weise, das Wahre zu definieren Hilarius angeführt: dass „das Wahre das sich offenbarende und erklärende Sein sei (manifestationem et declarationem esse)“ (Quaestiones disputatae de veritate, I. Quaestio Die Wahrheit).

    Die klassische Indische Philosophie kannte die verschiedensten Positionen, bis hin zu reinem Materialismus, Parallelen zu Hegels Herr und Knecht Kapitel, Sprachphilosophie, religiöse Spekulation, formalisierte Argumentationsregeln …

    Anregend fand ich dieses Interview (mit Jonardon Ganeri)

    https://www.3ammagazine.com/3am/artha-india-and-the-global-preoccupation-of-philosophy/

  41. „jenem Schlachtfeld von Kritik und Gegen-Kritik“

    Na ja, Philosophie hat schon auch etwas mit Kritik und Argumentation zu tun bzw. zunächst mal mit dem Verstehen, sofern man einen anderen Text liest oder sich in eine andere Philosophie hineindenkt. Denn das, was einer selbst annimmt, und das, was da in einem Text steht, weicht oft voneinander ab. Das heißt nicht, daß es einen absoluten Sinn des Textes gibt, Philosophie lebt von den Deutungen, aber es existieren richtige und falsche Lesarten. Und dies zu sichten, ist Gegenstand der Kritik. Etwas anderes ist eine Philosophie als Haltung und Praxis. Das also, was wir auch beim späten Heidegger finden. Der das dann nicht mehr Philosophie nennt, zumindest nicht als Philosophie im herkömmlichen abendländischen Sinne. In solcher Frage der Praktik, dem Spiel von Kennen und Können einerseits und andererseits der kritischen Lektüre unterschieden sich womöglich abendländische und östliche Philosophie. Egal aber, wie man es nimmt: das Schöne an all diesen Formen ist, daß es unendlich viel zu entdecken gibt.

    Was nun Heideggers Sprache und auch sein späteres Denken nach der Kehre betrifft – was man freilich auch als das andere oder das wesentlichere Denken Heideggers bezeichnen kann –, so läßt sich mit Heidegger dieses sagen:

    „Darum ist es ratsam, vor allem auf den Weg zu achten und nicht an einzelnen Sätzen und Titeln hängenzubleiben. Der Weg ist ein Weg des Denkens. Alle Denkwege führen, mehr oder weniger vernehmbar, auf eine ungewöhnliche Weise durch die Sprache.“
    In diesem Sinne könnte man auch von einer Performanz des Denkens sprechen. Daß also der Modus der Darstellung den der einzelnen Wörter und Sätze übersteigt.
    Die Rektoratsrede könnte man nun freilich auch als eine Gründungsrede für eine ganz andere Form von Universität lesen, die in der Philosophie nicht einfach dem bloßen Wissenserwerb dient, so daß man als Student nach einem Punktesystem irgendwelcher Anzahl nachjagt oder daß Forscher irgendwelche Exzellenzclustercluster bilden müssen. Mit solchem Fordern einer anderen Universität steht Heidegger in bester Tradition Schellings. Dennoch bleibt diese Phase und manche Sätze in Heideggers Privatnotizen ein Problematisches – ohne freilich seine Philosophie darauf zu reduzieren. So wie man Sartres philosophisches Denken ebenfalls nicht auf sein Verhältnis zu Castro, Mao oder Stalin reduzieren kann, sondern in diesem Politischen ebenso auch einen Umstand der Zeit entdecken muß und vor allem aber die Eigenständigkeit der Denkdimension Sartres m Auge zu behalten hat. Die ist wesentlich. Nicht anders vielleicht als bei jenem von Dir vielzitierten Osho.

    „Seine oft dunkel anmutende Sprache, die das Verständnis nicht immer zu erleichtern vermag, könnte nach solcher Rekonstruktionsarbeit möglw. etwas aufgehellt werden.“

    Das sehe ich ähnlich und da verbinden sich die Ebenen miteinander. Das Verdunkeln bei Heidegger (und da bezieht er sich ebenso auf Heraklit, den man auch den Dunklen nannte) hat etwas mit seiner Philosophie zu tun. Wenngleich die Heiderggerschen Begriffe wie Entbergen, Verbergen, Unverborgenheit ansonsten keine Fremdwörter oder uns unbekannte Wörter wären. Heidegger gibt ihnen freilich einen anderen Dreh. Das macht die Sache einerseits spannend, erfordert aber andererseits ein gehöriges Maß an Studium. Insofern: Ja, mit den frühen Texten beginnen.

    Was ansonsten die Kritik eines Textes betrifft: am Ende kommt man um das Original nicht herum. Nichts gegen Stein: aber auch in dieser Lektüre und Kritik muß man am Ende doch den Bezug zu Heidegger wiederherstellen. In kritischer Absicht sicherlich. (Zumal leider Philosophen oft die denkbar schlechtesten Kritiker anderer Philosophen sind, weil jene sich dieser oft eher als Steinbruch bedienen: Siehe Heidegger bei Husserl. Husserl soll nach „Sein und Zeit“ ein klein wenig entsetzt gewesen sein, daß das Phänomenologie sein soll.) Nein, Philosophieren hießt nicht Affirmieren und alles durchwinken, sondern sie erheischt Kritik – im etymologischen Sinne von Unterscheiden.

    Kleine Anekdote nebenbei: Am herrlichsten ist Heideggers Bruder Fritz, der in einem Interview mit seinem trockenen Humor sagte, er habe Heidegger in einigen wesentlichen Fragen doch einige wesentliche Ratschläge für seine Philosophie gegeben. Manche sagen, jener Fritz sei der wahre Philosoph gewesen.

    Viel zu schreiben und zu sagen wäre zu Martin Heidegger, allerdings steht dieses Jahr eher im Zeichen des großen Antipoden von Heidegger: nämlich Theodor W. Adorno: 50. Todestag, von den linksradikalen Studenten mittelbar umgebracht, am Ende. Und das wichtigste in diesem Rahmen: 50 Jahre Ästhetische Theorie dann, 2020.

  42. meine schlichte Befürchtung, warum ich immer davor zurückgeschreckt bin, mich (möglw. zu unkritisch) mit Heidegger zu beschäftigen, ist, dass ich schließlich anfangen würde, mich eines Jargons eines Man zu bedienen, zu dem ja möglicherweise erst die zuvielen Repititoren und der unüberschaubare Wust im Anhang beigetragen haben würden.

    Durchaus kein Kommentar zu Heidegger mein Blick aus dem Küchenfenster im Spätherbst:

    und auch nicht im Winter:

    Aber an besonders kalten Wintertagen, wenn wirklich alle Bäume keine Blätter mehr tragen, dann ergibt sich hinter den Bäumen mit ihren Ästen manchmal in der Dämmerung ein Ausblick, der noch ferner liegt, ein Ausblick, den ich durchaus, in dieser waldumstandenen Gegend, als „Horizont“ zu nennen gewohnt bin. Übrigens, auf den Bildern ungefähr oberhalb des unteren Drittels liegt der Friedhof. In Zeiten von Wohnungsnot an allen Ecken und Enden lebe ich hier sehr glücklich.

    Bei Gelegenheit bringe ich hier das Adorno-Zitat zu Heidegger, das Habermas in „Erkenntnis und Interesse“, offenbar um ihn bloßzustellen, anführt. — Und ich verstehe schon: Adorno setzt sich in seiner „Ästhetik“, besonders in den Anfangskapiteln, mit Heidegger auseinander. Wenn er nur die Zeit gehabt hätte, diese eher lose Sammlung an Notizen auszuarbeiten … Wenn Du Dein Versprechen wahr machst, zu diesen Jubiläen etwas zu schreiben, ich freue mich drauf!

    Jetzt aber aktuell hat nicht nur innerhalb der katholischen Szene einer Auseinadersetzung mit E. Steins Kritik am frühen Heidegger stattgefunden, sondern auch rein philosophisch (Oxford). Ihre Kritik liegt erst ein 2006 in der von der Autorin beabsichtigen Form vor! — Haben wir uns vielleicht vorschnell daran gewöhnt, mit Heidegger-Münzen zu bezahlen? Eindrucksvoll und absolut breathtaking diese fundamentale Kritik qua Rekonstruktion v. Steins Argumenten:

    https://www.academia.edu/4104510/Being_and_Timelessness_Edith_Steins_Critique_of_Heideggerian_Temporality

    https://www.3ammagazine.com/3am/edith-stein-phenomenology-and-analytic-theology/

    Sich damit auseinanderzusetzen ist natürlich arbeitsaufwändig; aber schließlich bezieht sich Heidegger auf Voraussetzungen, die Stein mitgeschaffen hat, wir dürfen das also ernstnehmen. Zweitens müssen wir uns dann auf etwas Neu-Scholastik einlassen.

    Abgesehen von Blick aus dem Küchenfesnter geht das Denken also manchmal beträchtliche Umwege. (Wenn Zeit und Geld und Gemütszustand es zulassen, werde ich also mir doch nochmal SZ zu Gemüthe führen müssen.)

  43. Es ist dies ein eher persönlicher Leseeindruck, aber Heidegger hat für mich bei der Lektüre – gerade in den „Beiträgen“, aber auch andere späte Texte, etwa zum „Ereignis“ (GA 71) – etwas Meditatives. Es ist dies, für einen Unruhegeist wie ich es bin und der mit Buddhismus nicht viel bisher am Hut hatte, das erste Mal gewesen, daß ich mir in etwa vorstellen konnte, was es womöglich mit dieser anderen Art des Denkens auf sich haben könne – ohne hier irgendwie in Hybris zu fallen.

    Der Blick, den man, insbesondere in der Stadt, aus dem Fenster hat und wenn möglich in die Natur, ist etwas sehr Wichtiges. Und mittlerweile wünsche ich mir fast ein kleines Haus oder Gehöft auf dem Land. Hier in Berlin fehlt die Weite. Obwohl der Botanische Garten hier nicht weit weg ist, wo also die Natur wirkt. Wenn auch eine menschlich gehegte.

    „Haben wir uns vielleicht vorschnell daran gewöhnt, mit Heidegger-Münzen zu bezahlen?“

    Da mag etwas dran sein. Und ich würde, als alter Dialektiker, Heidegger kritisch gegen Heidegger lesen. Manches, gerade seine Naturschilderungen, etwa „Warum bleiben wir in der Provinz?“ oder „Glockenturm“ lese ich freilich mit dem Alter zunehmend milder. Zwar fehlt bei Heidegger diese Moderne. Aber diesen Reiz der Natur vermag er dazustellen und daß da beim Spazieren einem etwas aufgeht, das in der Großstadt sich vollständig entzieht.

    Egal wie: zumindest hast Du mich mit Edith Stein nun doch neugierig gemacht. Freilich muß ich sie noch ein wenig nach hinten schieben, da ich gegenwärtig in einige andere Arbeiten eingebunden bin. Unter anderem Heidegger, Adorno und dann die literarische Jenaer Romantik.

    Ob Du mit „Sein und Zeit“ glücklich werden wirst, weiß ich nicht. Ich vermute fast, die frühen Vorlesungen werden Dir besser gefallen bzw. zusagen.

    Zu Adorno Todestag im Hinblick auf die Aktualität Kritischer Theorie und Negativer Dialektik und auch zu seiner Ästhetik kommt hier auf alle Fälle etwas.

  44. Wäre es möglich, einen Einwand Heideggers gegen Aristoteles so zu formulieren, dass ich ihn verstehe?

  45. Das ist nicht ganz einfach, weil Heidegger den Aristoteles immanent kritisiert. Ich habe aber vorhin versucht, in einer „double séance“ mit meinem Urgroßvater in einen Kontakt zu treten, um mehr zu erfahren. Doch – verständlicherweise – hat selbst der Geist eine gewisse Furcht vor ostelbischen Slums. (Der letzte große Geist hier, so sagt man, wäre in Berlin Hegel und dann Peter Hacks gewesen.) Keiner kam. Insofern muß ich es selbst eruieren.

    Heidegger beschreibt einen Denkweg und rekurriert dabei immer einmal wieder auf Platon wie Aristoteles. Aber nicht einfach als Widerlegung ihres Denkens – in dieser immanenten Kritik ähnelt er im Grunde, wenn auch von anderen Motiven bestimmt, Adornos dialektischem Verfahren. Heidegger befaßt sich in zahlreichen Vorlesungen mit Aristoteles (etwa GA 18, GA 33, GA 61, GA 62, GA 83) und diese Texte bzw. Vorlesungen sind zunächst einmal (hermeneutische) Hinführungen bzw. Einführungen zu oder in des Stagiriten Werk.

    Eine Passage in bezug auf den Begriff des Seins findet sich in „Sein und Zeit“:

    „Die »Allgemeinheit« des Seins »übersteigt« alle gattungsmäßige Allgemeinheit. »Sein« ist nach der Bezeichnung der mittelalterlichen Ontologie ein »transcendens«. Die Einheit dieses transzendental »Allgemeinen« gegenüber der Mannigfaltigkeit der sachhaltigen obersten Gattungsbegriffe hat schon Aristoteles als die Einheit der Analogie erkannt. Mit dieser Entdeckung hat Aristoteles bei aller Abhängigkeit von der ontologischen Fragestellung Platons das Problem des Seins auf eine grundsätzlich neue Basis gestellt. Gelichtet hat das Dunkel dieser kategorialen Zusammenhänge freilich auch er nicht. Die mittelalterliche Ontologie hat dieses Problem vor allem in den thomistischen und skotistischen Schulrichtungen vielfältig diskutiert, ohne zu einer grundsätzlichen Klarheit zu kommen. Und wenn schließlich Hegel das »Sein« bestimmt als das »unbestimmte Unmittelbare« und diese Bestimmung allen weiteren kategorialen Explikationen seiner »Logik« zugrunde legt, so hält er sich in derselben Blickrichtung wie die antike Ontologie, nur daß er das von Aristoteles schon gestellte Problem der Einheit des Seins gegenüber der Mannigfaltigkeit der sachhaltigen »Kategorien« aus der Hand gibt. Wenn man demnach sagt: »Sein« ist der allgemeinste Begriff, so kann das nicht heißen, er ist der klarste und aller weiteren Erörterung unbedürftig. Der Begriff des »Seins« ist vielmehr der dunkelste.“

    Ob diese Passage verständlich ist, sei in die Sicht des Lesers gestellt. Ebenso deren Interpretation und ob die Sicht auf Aristoteles und vor allem Hegel sachhaltig sei. (Bezüglich der Sicht auf Hegel sehe ich hier einige Probleme. Philosophen sind leider oft nicht die besten Interpreten anderer Philosophen.) Ich zitiere sie, um zunächst in die Problemlage Heideggers im Blick auf Aristoteles einzuführen.

    Weiterhin zwei Stellen im „Brief über den ‚Humanismus‘“, wo es um die technische Interpretation des Denkens geht, die Heidegger kritisiert, quasi Denken als Operation oder was man mit Adorno instrumentelle Vernunft nennen kann:

    „Damit wir erst lernen, das genannte Wesen des Denkens rein zu erfahren und das heißt zugleich zu vollziehen, müssen wir uns frei machen von der technischen Interpretation des Denkens. Deren Anfänge reichen bis zu Plato und Aristoteles zurück. Das Denken selbst gilt dort als eine τέχνη, das Verfahren des Überlegens im Dienste des Tuns und Machens. Das Überlegen aber wird hier schon aus dem Hinblick auf πραξις und ποίησις gesehen. Deshalb ist das Denken, wenn es für sich genommen wird, nicht »praktisch«. Die Kennzeichnung des Denkens als ΰεωρία und die Bestimmung des Erkennens als des »theoretischen« Verhaltens geschieht schon innerhalb der »technischen« Auslegung des Denkens. Sie ist ein reaktiver Versuch, auch das Denken noch in eine Eigenständigkeit gegenüber dem Handeln und Tun zu retten. Seitdem ist die »Philosophie« in der ständigen Notlage, vor den »Wissenschaften« ihre Existenz zu rechtfertigen.“

    Weiterhin in derselben Schrift:

    „Die »Logik« versteht das Denken als das Vorstellen von Seien-dem in seinem Sein, das sich das Vorstellen im Generellen des Begriffes zustellt. Aber wie steht es mit der Besinnung auf das Sein selbst und das heißt mit dem Denken, das die Wahrheit des Seins denkt? Dieses Denken trifft erst das anfängliche Wesen des λάγος, das bei Plato und Aristoteles, dem Begründer der »Logik«, schon verschüttet und verlorengegangen ist. Gegen »die Logik« denken, das bedeutet nicht, für das Unlogische eine Lanze brechen, sondern heißt nur: dem λάγος und seinem in der Frühzeit des Denkens erschienenen Wesen nachdenken, heißt: sich erst einmal um die Vorbereitung eines solchen Nachdenkens bemühen.“

    In dieser Passage besteht das Problem darin, daß Heidegger hier bezüglich Aristoteles eine These setzt, die er nicht weiter ausführt bzw. erläutert. Dieses elliptische Moment ist womöglich aus der Struktur dieses Textes heraus, als antwortendem Brief, verständlich Man müßte hier also, um die Kritik Heideggers zu verstehen, auf andere Passagen ausgreifen, die ich allerdings recherchieren müßte. Da meine Zeitplanung im Augenblick durch ein größeres und hoffentlich irgendwann in Buchform publizierten Werk zu Hegels und Adornos Ästhetik in Anspruch genommen ist, werde ich diese Recherchen leider nicht leisten können und muß die Details dieser Debatte vertagen. Insgesamt würde ich jedoch in meinem Blick auf Heidegger sagen, daß er Aristoteles mit viel Respekt begegnet: Indem er dessen Texte beim Wort nimmt.

  46. I

    Heidegger war gegen die Zähler, die Feststeller, die Konstativen, die systematischen Dingfestmacher (und all‘ das war Aristoteles ganz unzweifelhaft und sehr vorbildmässig). Das ist der Kern (also die Kurzfassung).

    II

    Es ging also von Marburg und besonders von Freiburg und Todtnauberg aus gegen die im herkömmlichen Sinn (wissenschaftliche=aufgeklärte) Tradition, weil Heidegger irgendwo da draussen am Feldberg oder im Feckviehgau oder in Dettingen, durch das er früe/ner leicht möglich wanderte, wenn er von Konstanz kommend der Ruine Altbodman zustrebte – weil er da das Leben kenneglernt hatte – das unhintergehbare – durchaus auch Krauchenwieser/ Meßkirchner /Hoppetezeller So-sein, in dem sich das Wesentliche entbarg im unverstellten Da-Sein, und das Sein also zu sich selbst zu finden und gelassen DA zu sein vermochte – als Sein des Seienden, und nicht pervertiert zur geknechteten Magd des Fortschritts, bitte.

    – Also: Landleben Süddeutschland etc. echt und gottesfürchtig und sorgenträchtig im Modus der Existenzialien. – Das Dasein in Ballin Mitte dagegen zur gleichen Zeit: Der Masse verfallen, der Oberfläche, der schieren Zahl, dem undeutschen Geist der verruchten Dekadenz usw. Sehr unerfreulich, nicht erstrebenswert.

    Aristoteles hat das – diese nachmaligen Berliner frivolen Aberrationen, sozusagen, – und natürlich überhaupt das Elend der sorgenfernen und seinsvergessenen Moderne einschließlich Automobilen und all‘ dem – – – – : – – – – Aristoteles hat das, sag‘ ich, sagt Heidegger, mit hevorgebracht durch Planierung der westlichen Gedankenwelt zu einer per positiver Wissenschaft erschlossenen Avenue/ oder einem Highway to – – – hedonistic: Hell – – – blitzschnell.

    Aristotels Werk ist lt. Heidegger d a s geistige Fundament unseres Unglücks, über dem der Meßkircher sozusagen den Schleier der abendländischen Großverblendung lüftet – – – – endlich, endlich, endlich! Es konnte ja nicht ewig so weitergehen…

    PS

    Bzw. es ist so: Heidegger hat Kant und vor allem den Neukantianismus bekämpft (in Marburg nicht zuletzt) – – – und wohl ebendeshalb vor lauter Zorn und blindem Eifer nicht gemerkt, dass es recht besehen gar keinen Schleier mehr wegzuziehen gab. Das Feld des Geistes, wie wir es kennen und wie auch ich es sosehr schätze, war bereits bestens bestellt, wie nicht zuletzt Dr. Habermas nicht müde wird, noch und noch zu betonen (und er hat recht – und die meisten Argumente hat der sowieso…tausende!! – Ehrenwort: Keiner hat mehr gute Argumente für die Moderne als jenem Zeitalter, das sich seiner vollumfänglichen Rechtfertigungsbedürftigkeit eingedenk ist – seit Kant eigentlich ohne Wenn und Aber!).

    Das aber war in der ersten Hälfte des 20. Jqhrhunderts für viele schwer nachzuvollziehen, weil Heidegger soviel Resonanz hatte. Diese massenhafte Resonanz nicht zuletzt bei der katholischen Elite in unsrem welschen Nachbarland, aber auch in Spanien und Lateinamerika und in Japan usw. bewies in gewisser Weise, dass er seine Fehler nicht umsonst gemacht hatte, wenn man so will (und ja: ich will, ne).

    PPS

    Mit anderen Worten: Heideggers Erfolg kaschiert bis heute seine Irrtümer. Aber wenn man Dr. Freud folgt, oder mit Goethen seinen hellleuchtenden Vorgänger, kann das anders kaum sein; man bleibt solange in Wiedervorlageschleifen befangen, sagt Dr. Freud in seiner Neurosenlehre, wie man seinen Ängsten usw. (seinen Idiosynkrasien/Phantasien/Prägungen) nicht vollumfänglich durch Vernunft – und wo diese nicht langt, in Gottes Namen durch Lachen und oder Homor zu wehren vermag (das ist Jean Paul in einer Nußschale – Jean Paul und Freud – ein Feld, das Freud, soviel ich weiß, nicht gesehen hat – und das auch heute keiner sieht (nein, ich sehe es auch nicht richtig, ich ahne es aber, das gibbich zu). Es könnte sein, dass Jean Paul einfach zu groß ist für uns Sterbliche. Und nein, auch Sloterdijk packt den bisher nicht richtig). –

    – Heidegger konnte insbesondere Letzteres, also die den homro betreffenden Selbsthelfer (Martin Walser über Goethe) – Übungen gar nicht, aber es wäre spießig (und daher unmenschlich) ihm das vorzuwerfen. So blöd, Heidegger derlei Schwächen zum Vorwurf zu machen, sind leider nicht nur verbohrte Ideologen (bzw. Id-i-ologen) wie Daniel Cohn-Bendit und Elke Heidenreich. Aber ich will nicht so sein: Auch über solche Leute läßt nämlich genau wie über der edlen Scheurebe oder dem Primitivo unser Herrgott hochdroben in seiner unermesslichen Güte die Sonne scheinen, und das ist unser insgesamt druchaus gutedles Glück, wenn ich mir diesen Kalauer grad‘ auch noch verstatte, ne.

  47. Eh – „homro“ oben im letzten Absatz – Vertipper. Richtig: Humor.

  48. Na ja, Dieter Kief, das ist in dieser von ihnen vorgebrachten Form aber nicht die Kritik Heideggers an Aristoteles (und auch nicht an Platon). Und wenn das so wäre, müßten Sie es an konkreten Zitaten zeigen. Können wir uns nicht mal darauf einigen, daß Sie für eine Behauptung Belege liefern, damit aus einer bloßen Vermutung eine These wird?

    Es ist dies nicht anders als der sinnlose und schon mehr als ärgerlich, weil völlig falsch zu nennende Derrida-Artikel von René Scheu in der NZZ und ähnlich läuft das auch in der Marx- und Adorno-Kritik ab: man bastelt sich einen Pappkameraden. Auf den drischt man dann ein und läßt das Publikum glauben, man habe Marx, Adorno, Derrida oder eben Heidegger widerlegt. Hat man aber nicht, man widerlegte nur die eigene selbst aufgebaute These.

    Heidegger bekämpfte oder kritisierte den Neukantianismus, das ist richtig. Und zwar, wie viele seiner Zeitgenossen – man kann die Motive dafür in Gadamers Selbstdarstellung nachlesen –, weil in dieser Richtung des Denkens wesentliche Teile der Philosophie verlorengingen. Es war dies also eine Kritik an der Akademisierung der Philosophie. Im Grunde in guter Tradition von Hegel und Schelling. Oderin die Moderne gewendet, mit Adorno gesagt: Das Leben lebt nicht. Auch bei Adorno finden wir eine Kritik des Systemdenkens – aus anderen Motiven heraus gespeist allerdings.

    „Das Feld des Geistes, wie wir es kennen und wie auch ich es sosehr schätze, war bereits bestens bestellt, …“

    Das Feld des Geistes ist nie ausreichend bestellt, denn sonst wäre die Philosophie zu ihrem Ende gekommen. Das ist sie aber nicht. Mit Heidegger und auch mit Adorno und wenn man so will, kann man auch Wittgenstein mit dazunehmen, bekam das abendländische Denken noch einmal eine ganz andere Denkrichtung. Aufgebaut freilich auf die Tradition. Oder wir Bernhard von Chartre es sagte, daß wir gleichsam Zwerge sind, „die auf den Schultern von Riesen sitzen, um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können – freilich nicht dank eigener scharfer Sehkraft oder Körpergröße, sondern weil die Größe der Riesen uns emporhebt.“

    „Mit anderen Worten: Heideggers Erfolg kaschiert bis heute seine Irrtümer.“

    Auch das ist zu pauschal. Zumal sich bei keinem Philosophen nur richtige oder nur falsche Sätze finden. Zudem gibt es im wissenschaftlichen Diskurs bis heute hin eine scharfe Heidegger-Kritik. Insofern kann man hier nicht von Erfolg sprechen, sondern in der Philosophie steht jedes Denken in der Kritik.

  49. Mit dem René Scheu – ehe – via Scheu-Rebe hab‘ ich tatsächlich – – – ich schwöre unabsichtlich! – irgendwie auch an den guten Scheu erinnert – Ihre Sträuße mit dem müssten Sie schon mit dem ausfechten. Die NZZ hat einen guten Kommentarbereich. Er antwortet auch auf mails.

    Was ich mit meinem Hinweis auf Habermas sage ist, dass ich mit dem by and large einverstanden bin – also in den Grundinien, ganz besonders in seiner sicht auf den Neukantianismus – und auch in seiner – ja durchaus, wie will ich sagen: Respektvollen! – Kritik an Heidegger. Daraus abzuleiten, ich würde deshalb die Philosophie für beendet erklären ist vielleicht jetzt ein bissl – – – -am Ding vorbei, mit dem Kabarettisten Miller zu reden.

    Im Ernst: Oh nein: In der Philosophie – wie auch sonst im Leben, – hat keiner das letzte Wort, Bersarin – – – – aber das ist schon wider ein Beispiel dafür, dass ich eben mit Habermas in den Grundzügen einig bin: Das ist nämlich wörtlich bei Habermas zu finden: Dass unter den Bedingungen des philosophioschen Diskurses der Moderne – keiner mehr das letzte Wort haben kann. – – Und nicht ganz zufällig ist das ist einer der Punkte, wo man bei Heidegger halt auch stutzig werden kann, sagt Habermas: Es gibt einen Punkt, wo der den Seher gibt und damit den Diskurs e i n s e i t i g aufkündigt – das diskutiert Habermas im Philosophischen Diskurs der Moderne – da steht auch ausführlich begründet, weshalb Derrida philosophisch irrt und Fiktion und Realität nicht sauber auseinderhält. Ein sehr gutes Buch, Bersarin. Ein überragendes Buch sogar, in meinen Augen – aber mir ist klar, dass es andre Leute gibt, die das anders sehen. Freilich stelle ich immer wieder fest, dass nicht alle von denen das Buch studiert haben. – Das Meinen steht in der heutigen Zeit recht hoch im Kurs.

    Und ja, klar: Das Ge-Stell darf einem weder den Blick auf das Man ver-stellen noch den auf die Schönheiten – – – Man-hattens, hehe – – – – sonst wird man zipfelmützig wie Heidegger, hie und da – aber ebenso zweifellos und sicher war er das n i c h t n u r – und wenn er es war: Nicht allein.

    Interessant auch die Parallelen und Unterschiede von Heidegger und Gadamer. – Aber ob das den Nörgler noch interessiert, weiß ich nicht.

    Ceterum censeo, gut Lutherisch: Nur k e i n Gott kann uns noch retten – das müssen wir nämlich schon selber versuchen. Und die Versuchug, uns dem Gottkünder Heidegger anzuschließen, sollte bittschön kleiner sein als die Kraft unserer Vernunft, dann kann man sich mit Heidegger durchaus zu unser aller Nutz‘ und Frommen ins Benehmen setzten, was immer Garstiges Adorno und Horkheimer usw. über ihn gesagt haben mögen, hehe. Wahrscheinlich waren sie nicht nur entsetzt über den, sondern auch ein bißchen fasziniert – wo nicht sogar ein vielleicht noch größeres bißchen neidisch auf seinen Welterfolg.

    Heidegger bleibt jedenfalls spannend – auch, holio hat ganz recht, in seiner Quere!

  50. Der Scheu war auch nur ein Beispiel dafür, wie man es mit seinen Thesen über einen Autor nicht macht. Ich halte es in diesen Dingen eher mit der immanenten Kritik

    Ich bezog mich, was die Philosophie betrifft, auf Ihren Satz „Das Feld des Geistes, wie wir es kennen und wie auch ich es sosehr schätze, war bereits bestens bestellt, …“. Das würde bedeutet, daß es nichts mehr zu säen und zu bestellen gibt. Das aber ist falsch. Das Feld der Philosophie wird immer wieder neu bestellt und es werden neue Felder zugleich aufgetan. Mithin eine prinzipiell unabschließbare Arbeit.

    Was Heideggers „Sehertum“ betrifft, so ist das schon wieder ein zu sehr wertender und dessen Philosophie in eine bestimmte Richtung drängender Begriff. Heideggers Philosophie tritt mit starken Thesen auf, das ist richtig. Aber für das Sehertum sind seine Jünger zuständig. Nicht Heidegger.

    „Es gibt einen Punkt, wo der den Seher gibt und damit den Diskurs e i n s e i t i g aufkündigt …“

    Habermas sieht hier das performative Verfahren bei Heidegger nicht, daß dies durchaus auch als eine Weise des Argumentierens im Sinne des Darstellens bei Heidegger gelesen werden kann. Insofern ist das leider etwas komplexer. Sofern Habermas das in dieser Weise so behauptet.

    Habermasʼ „Philosophischer Diskurs der Moderne“ ist leider eher ein mäßiges Buch, denn es hat die Philosophie Derridas und Heideggers und ebenso die Adornos unter einem einseitigen Blickwinkel in der Betrachtung. Auch hier zeigt sich wieder einmal: Philosophen sind oft die schlechtesten Interpreten anderer Philosophen. Habermas hat hier seien eignen Referenzrahmen, den er dann über Derrida, Adorno, Heidegger stülpt. Und in diesen Passagen ist das Buch dann mißlungen, weil schlampige Textexegese. Allerdings kann man viel daraus lernen, wie man es nicht macht, und daß die Aspekte, die Habermas kritisiert, genau die sind, auf die es in der Philosophie (dieser Autoren) ankommt. Nämlich das Hinzutreten des Ästhetischen und eines anderen Momentes als der total sich abschließenden Gesellschaft und das Moment der Unverfügbarkeit von Sprache bei Derrida: nämlich die Problematisierung der Sinnbegriffs, sofern er zu dogmatischer Abschlußhaftigkeit tendiert. Adorno kritisiert dies, freilich in anderer Weise, in seiner ND.

    „weshalb Derrida philosophisch irrt und Fiktion und Realität nicht sauber auseinderhält.“
    Können Sie dazu eine Belegstelle bei Derrida nennen? Also mit Buchtitel, Seitenangabe und Satz? Ansonsten muß ich das als Behauptung nehmen, die nichts mit Derrida zu tun hat. Also wie der Artikel von Scheu. Man baut eine Strohpuppe und widerlegt die dann. Was sinnlos ist. Und vor allem nichts mit dem zu schaffen hat, was Derrida schreibt. Davon ab, ist es in der Philosophie derart, daß die Position bzw. das Denken eines Philosophen nie grundsätzlich ganz falsch oder ganz richtig ist. Die Sache verhält sich deutlich komplexer. Soviel auch zu Ihrem Satz: „Das Meinen steht in der heutigen Zeit recht hoch im Kurs.“

    „Nur k e i n Gott kann uns noch retten – das müssen wir nämlich schon selber versuchen.“

    Auch das geht an Heidegger vorbei. Denn in diesem Selber-Tun (als Machbarkeitswahn, darin auch Adorno verwandt, bei aller Differenz ansonsten, was das Gesellschaftliche betrifft) liegt genau das Problem. Sosehr auch die Aufhebung solcher Transzendenz etwas Löbliches hat, und da würden mir vom Marx bis Marcuse vermutlich viele zustimmen, geht dadurch eben auch etwas verloren. Oder mit Adorno gesagt: Besser ist da schon die Solidarität der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes. (Was er freilich durchaus auch wieder als Kritik an Heidegger versteht.)

    „Wahrscheinlich waren sie nicht nur entsetzt über den, sondern auch ein bißchen fasziniert – wo nicht sogar ein vielleicht noch größeres bißchen neidisch auf seinen Welterfolg.“

    Ich denke, Sie beschreiben da eine seltsame Vorstellung von Philosophie. Sosehr auch im Feld der Philosophie Fragen der Macht eine Rolle spielen, kann man in Adornos vielfältiger Heidegger-Kritik das Sachhaltige sehen. Und um dieses geht es der Philosophie nun einmal primär, wenn man sich die Texte ansieht. (Die Lehrstuhlquerelen sind da ein anderes Thema.) Zudem sehen im Anstand von bald 40 Jahren diese alten Kämpfe zwischen den Lagern Fundamentalontologie, Hermeneutik und Dialektik im nachhinein doch etwas milder aus und vieles läßt sich vermitteln, ohne daß man dabei sogleich die Differenzen einebnet.

    Heidegger bleibt in der Tat spannend. Wie auch Adorno.

  51. „Das ist nicht ganz einfach, (…)“
    Das dachte ich mir bereits, harhar.
    Auf dem Angriff gegen die Metaphysik ruht kein Segen.
    Das mußten auch Wiener Kreise, Logische Positivisten, Wittgensteinianer et.al. bis heute unter Schmerzen erfahren. Wenn ich recht erinnere, war es Rorty, der nach Jahrzehnten wirren Kreilselns erklärte, dass das Studium der Tradition die komplette Verwirrnis hätte verhindern können. Man meinte klüger zu sein als die Alten, und mußte erkennen, dass man dümmer war als sie. Die komplette Philosophie/Erkenntnistheorie/Wissenschaftstheorie nach Hegel ist gekennzeichnet dadurch, dass die Tradition die modern gestellten Fragen entweder längst beantwortet oder sie besser gestellt hat. Um das zu erkennen, müßte man die Tradition allerdings studiert und verstanden haben. Kein Zweifel, dass Heidegger die Tradition studierte.
    Auf dem Angriff gegen die Metaphysik ruht kein Segen. Man erkennt dies nicht nur an den „schlecht sitzenden Anzügen“ (Adorno) der Wienkreisler, sondern auch an Heideggers intellektuell unseriösem Verfahren seiner gegen „den Philosoph“ (Thomas von Aquin) prätendierten Superiorität: Bedingt durch die objektiv erzwungene Hilflosigkeit gegen das aristotelische System, die „attische Begriffsfabrik“ (Fuhrmann), erfindet Heidegger neologistische Transmutationen der aristotelischen Begriffe: Das jedem deutschen Sprachempfinder als Kotzgrusel begegnende Wort der „Gestellung“, und mir verdorren fast die Finger beim Tippen, ist bloß die Übersetzung der altgriechischen „Morphe“, Gestalt.
    Schade, dass Bersarin seine Sprachsensibilität bei Heidegger abschaltet, und wir fragen uns, warum er das tut.
    Heidegger, so Bersarin, kritisiere Aristoteles „immanent“, weswegen es schwierig sei, meine Frage nach einer verständlichen Aristoteles-Widerlegung des Heidegger zu beantworten. Wie wir alle wissen, ist jedoch jede wahrhafte und triftige Kritik immanent. Von außen an die Sache herangetragene Einwendungen sind nicht Kritik, sondern die Geistesverbrechen Meinung, Standpunkt, Weltanschauung. Insoweit muß es irritieren, wenn Bersarin eine kritische Immanenz als Besonderung aufruft, um die Schwierigkeit der Darlegung der Kritik zu begründen. Denn gerade wenn die Kritik als immanente wahrhaft Kritik ist, sollte doch die bündige und konzise Formulierung der Kritik nicht schwierig sein.
    Aber die von Bersarin vorgetragenen exzessiven Heidegger-Zitationen enthalten nicht ein Molekül rationaler Aristoteles-Kritik. Da hätte anstatt des schlechtabstrakten Vonobenherlaberns Meister Martin schon mehr bieten müssen; „Zahlen Sie Kleingeld!“ sagt er doch selber. Gegen den Philosophen aber und gegen den Aquinaten packt er dann die dicken Bündel aus.
    Warum ist das so?
    Heidegers wie jegliches Denken ist ein Agieren des „Nous“ (Aristoteles), des Geistes innerhalb seines Wesens, seiner Substanz, seiner Grenzen und seiner Gesetze. Dass auf dem Angriff gegen die Metaphysik kein Segen ruht, hat darin seinen Grund. Heidegger spürt das, und er will aus dem Nous herausspringen, und deshalb verfällt er dem neologistischen Wahn. Karl Kraus sagt, man solle mit gewöhnlichen Worten das Ungewöhnliche ausdrücken, nicht mit ungewöhnlichen Worten das Gewöhnliche.
    Wer meint, das wäre anders, der trage doch ein Argument gegen die aristotelische Erkenntniskritik vor, aber bitte nicht auf dem Niveau der Lernbehinderten Dieter Kief und Martin Heidegger.

  52. Vielen Dank für die ausführliche Kritik. Hier sind von meiner Seite einige Anmerkungen, Gegenkritik und auch Fragen im Raum. Da aber andere Arbeitsprojekte mich im Augenblick drängen und ich nicht einmal dazu komme, neue Blogtexte zu schreiben, wird meine Antwort möglicherweise ein paar Tage dauern, womöglich erst in der Woche nach dem 23.3 erfolgen.

    Zur immanenten Kritik und zu dem Satz „Von außen an die Sache herangetragene Einwendungen sind nicht Kritik, sondern die Geistesverbrechen Meinung, Standpunkt, Weltanschauung“ nur soviel: Leider ist es heute nicht mehr selbstverständlich, daß man immanente Kritik vornimmt, sondern von einem externen Standpunkt aus der eigene Horizont als Referenz gesetzt wird, unter den dann der zu kritisierende Text gepreßt wird, und da schaut dann, wie beim Spiegel halt nur der eigene Horizont heraus, der sich verabsolutiert, und nicht, das, was im Text steht oder stehen könnte. Insofern halte ich diesen Hinweis auf die Immanenz für mehr als nötig, auch wenn er tautologisch wirken mag, ist er nicht einem irgendwie sich einschleichenden Zufall geschuldet: denn leider ist dieses Wissen heute für viele Leser nicht mehr selbstverständlich. Insofern muß darauf insistiert werden. Ansonsten zu den weiteren Punkten demnächst mehr.

  53. PS: Ich würde nun allerdings Heidegger und Dieter Kief nicht als Lernbehinderte bezeichnen wollen, auch wenn sie eine andere Sicht oder unter Umständen auch sachlich falsche Thesen vertreten.

  54. ch und Heidegger und die Lernbehinderung, das ist wirklich nörglerisch! – Und das stimmt mich heiter wie eine der edelsten Reben nur sonst es vermag, genossen noch dazu in wirklich froher Gesellschaft! – – – Ich neische mein Haupt in frohgemuter – ja fast schon übermütiger Dankbarkeit, mit Walser zu schließen -ehh – – – – Robert Walser, bitte!

    „Der Philosophische Diskurs der Moderne“ ist nun in der Tat eines der besten Bücher, die ein Zeitgenosse geschrieben hat. Ich empfehle dessen Studium – wer noch ein bissl mehr Geduld hat, der lese halt auch Texte und Kontexte & Nachmetaphysisches Denken I u. II & Wahrheit und Rechtfertigung. Das sind die Kraftzentren.

    Derrida sagt wieder und wieder, dass Wahrheit sich nicht ausdrücken lasse. Er kämpft wie Heidegger (und schnurgrad‘ so wie Don Quichotte gegen das ganze Mittelalter kämpfte) gegen die ganze Moderne, indem er alle Begründungsmodi über den Wahrheitsleisten schlägt – das aber ist – ich sag’s nochmal: Im neukantischen Lichte – – – unsinnig – – – oder halt falsch oder nicht differenziert genug. – Obwohl es gleichwohl nicht vollkommen verkehrt ist, was Derrida da sagt, weshalb auch Rorty immer wieder sagt: Verachtet mir den Derrida bitte nicht, denn das ist nicht wohlgetan.

    Kann aber sein, dass Rorty sowieso am besten war (oder ist…) als Zeitdiagnostiker und sozusagen Essayist: Also z. B. in Achieving our Country (dt. Stolz auf unser Land).

    Ähh – Nörgler: Haben Sie beiläufig gar nicht gemerkt, dass ich mit Aristoteles g e g e n Heidegger rede – also, um es nochmal ganz klar zu sagen: I c h meine A r i s t o t e l e s habe recht, denn Heideggers Artstoteles-Kritik sei nur sinnvoll aus der Perspektive all‘ jener, die den Neukantianismus (und Kant) meinen ignorieren zu dürfen – – – oder sollen…

    Bersarin warum so hartnäckig: Warum muss es aus Ihrer Sicht so sein, als ob ich mit meiner Bemerkung über die Richtigkeit der Neukantianischen Diskurs- und Argumentationsordnung nach Habermas die Philosophie für beendet ansehen würde? – Verstehen Sie bitte: Ich behaupte einfach, dass es gute Gründe gibt, diesen Abschnitt (!!!) der Philosophie – ich sags jetzt mal so: Als einwandfrei gerechtfertigt anzusehen – Also: Die Pro-Argumente für diesen Abschnitt (!!!) der Philosophie scheinen mir einwandfrei zu sein. – – – Dieser Strang von Kant über Erhard (mir zusammen mit Schiller der Wichtigtse unter den Nachkantianern) über Marburg bis zum späten Wittgenstein, Kambartel und Habermas selber dann auch: Das steht einfach sehr vernünftig da und wirkt.

    Adornos mitleidsvollen Blick auf die sterbende Metaphysik kann man daher unbeschadet als tiefmelancholische Referenz an Nietzsche lesen. Oder als ein Gedanke, der eher die Macht Nietzsches über Adorno verrät, und diesen dann als gar nicht mehr so souverän erscheinen lässt, sondern eher als Getriebenen, der eben keine rechte Antowort auf den Zwiespalt von moderner metaphysischer Obdachlosigkeit hie und rationalistischem Katzenjammer da zu geben vermag. Positiv gewendet würde man konstantiern dürfen, dass Adorno sich strikt und – in gewisser Weise doch auch tapfer geweigert habe, das Buch der Metaphysik endgültig und mit großem Aplomb einfach zuzuschmettern – – – oder halt zu donnern (also zuzudonnern – akustisch Zeus auf dem Fuße nach – und d a d u r c h – – – (das im vorigen besungene Buch) nun wirklich donnernd – – – – endgültig zuzuschlagen, wo nicht gleich ganz zu z e r – schlagen…).

    Daneben – und dazu – kann man auch nach Kant und dr neukantischen Ausdifferenzierung der Argumentationsarten viel – ich würde sogar sagen: Unendlich viel sagen. Eh kloa! – – ?

    Heidegger hat die Götterwelt höchstpersönlich auf den Plan gerufen – in Gegenwart von Rudolf Augstein, und vom Spiegel-Stenograph festgehalten und von Heidegger wiederum höchselbst autorisiert. Dazu hat ihn keiner gedrängt, und das ist kein Hörensagen und keine Interpretation, sondern das ist Martin Heidegger, also der philosophische Nachfahre des gloriosen Meisters aus Meßkirch höchstselber, der da zu uns sprach: Nur ein Gott kann uns noch retten… – Ja so? Ist das nicht – halten zu Gnaden: Doch ein wenig pompös? Oder wie sonst wollen Sie das nennen? –

    Bersarin, übernehmen Sie!

  55. @ Nörgler: Dir ist darin zuzustimmen, daß die Kenntnis der Tradition vonnöten ist, wenn man in der Gegenwart philosophieren will. Wer mag schon den Nordpol zum zweiten Mal entdecken?

    Immanente Kritik heißt – so ist es Nörgler – aus der Sache heraus und nicht von außen zu kritisieren – im etymologischen Sinne von krínein. Wie ich es in bezug auf Heidegger schrieb: dieser nimmt artistotelische Positionen auf und er negiert sie nicht einfach, sondern versucht vom Glutkern des Begriffs etwas weiterzutreiben.

    „Das jedem deutschen Sprachempfinder als Kotzgrusel begegnende Wort der „Gestellung““

    In den Zitaten finde ich das Wort nicht. Ich kenne von Heidegger eigentlich in seinem Aufsatz zur Technik nur den darin entwickelten Begriff des Gestells, der als ein Terminus technicus zum Wesen der Technik dient. Heideggers Sprache ist ein Thema für sich. Man muß oder sollte ihr zuhören. Mißt man sie mit externen, eigenen Maßstäben, wird es schwierig. Es gibt Phasen, wo man beim Lesen aggressiv werden kann. Aber vielleicht kann man gerade da auch das ringende Denken sehen, daß einen bei Heidegger entgegentritt. (Schade daß wir derart weit auseinander wohnen. Wir müßten einmal zusammen einen Heidegger-Text lesen: Vielleicht gar „Zur Frage der Technik“.

    „Aber die von Bersarin vorgetragenen exzessiven Heidegger-Zitationen enthalten nicht ein Molekül rationaler Aristoteles-Kritik. Da hätte anstatt des schlechtabstrakten Vonobenherlaberns Meister Martin schon mehr bieten müssen; …“

    Nun habe ich aber auch nie irgendwo behauptet, daß Heidegger Aristoteles in dem Sinne kritisiert, daß er ihn angreift. Heidegger denkt MIT Aristoteles. Das wird eigentlich aus diesen Zitaten relativ deutlich. Wie es freilich oft in philosophischen Werken ist, sind Philosophen leider denkbar schlechte Interpreten anderer Philosophen. Sie greifen das heraus, der eigenen Intention, dem Weg der eigenenTheorie dient. Meine Beobachtung ist, daß diese Fremdinterpretationen die eigentlichen Schwachstellen großer Denker sind. Der Fremddenker dient dem je eigenen Denkhorizont. Das ist im Grunde auch gut und in Ordnung, wenn dadurch eine originäre Philosophie entsteht. Das gilt für Adorno und seine Kant- wie Hegel-Lektüre, das gilt ähnlich auch für Heidegger. Diese Passagen sind also eher ein Weiterdenken mit Aristoteles.

    In der Auseinandersetzung Heideggers mit Aristoteles, sollte man sich insbesondere auf jenen Band 62 stützen: „Phänomenologische Interpretationen ausgewählter Abhandlungen des Aristoteles zu Ontologie und Logik“. Um dabei eine adäquate Heidegger- wie auch Aristoteles-Kritik zu leisten, muß man vermutlich ein wenig Zeit aufwenden und zunächst diese Vorlesungen noch einmal durchgehen. Grundsätzlich ist zu sagen, daß Aristoteles für Heidegger immer wieder ein positiver Referenzrahmen blieb.

    Zu Aristoteles: Daß dieser etwas so und so schreibt, muß freilich nicht heißen, daß es auch so ist, weil Aristoteles es so und so schreibt. Das wäre ein Argumentum ad verecundiam. Vielmehr muß man sich zunächst einmal, und dazu bedürfte es dann einer Lektüre des Aristoteles, anschauen, in welcher Weise er seine Begründungen liefert und in welcher Form er es argumentiert bzw. begrifflich faßt. Was die Kategorien betrifft, so tat Kant es wie folgt kund: „Es war ein eines scharfsinnigen Mannes würdiger Anschlag des Aristoteles, diese Grundbegriffe aufzusuchen. Da er aber kein Principium hatte, so raffte er sie auf, wie sie ihm aufstießen, und trieb deren zuerst zehn auf, die er Kategorien (Prädikamente) nannte.“ Kant modifizierte dies, indem er Sinnlichkeit und Verstand schied. Ob das ein Gewinn ist, darüber mag man streiten. Da der Mensch kein duales Wesen ist, halte ich in einer ersten Interpretation die Lesart des Aristoteles für plausibler. Kants Formalismus wird in meiner Sicht da interessant, wo er dann zum Ich-denke kommt.

    Ich weiß, Nörgler. Du bist kein Heidegger-Freund und es mag einiges an seinen Texten geben, daß einen zurückzucken läßt – vor allem die Sprache. Aber in einem Interpretationswurf, sozusagen, würde ich ihn, und das macht seine erste Stärke aus, zunächst als einen Kritiker instrumenteller Rationalität lesen und weiterhin als einen Philosophen, der jenes „andere Denken“ auf den Weg bringen will: ich selbst würde es einen erweiterten Begriff von logos nennen, der in der westlichen Moderne zunehmend verkürzt wurde. Eine der Gegenbewegungen, um das einzuholen war um 1800 die Philosophie und Literatur der literarischen Jenaer Romantik, um eine rational verkürzte Aufklärung in eine neue Gestalt zu bringen, eine weitere ist Nietzsche und in der dialektischen Weise Hegel, vor allem Hölderlin und auch Adorno. Helfen kann eine dialektische Lesart Heideggers. Vielleicht nach der Methode Adornos, wie er es bei Wagner tat und bei Heidegger (großenteils) versäumte: „Fortschritt und Reaktion“ in seinen Texten gleichermaßen auszumachen.

  56. @ Dieter Kief: Zunächst einmal ist die Kritik eines bestimmten philosophischen Wahrheitsbegriffes keine Auslöschung oder Verneinung des Wahrheitsbegriffes. Sie verwechseln kritisieren mit relativieren. Hegel verneint ebenfalls z.B. die einfache adaequatio-Formel. Und dennoch finden wir bei ihm einen Wahrheitsbegriff. Nur ist der halt nicht in der Übereinstimmung von Ding und Begriff zu finden als einfache Äquivokatio, sondern diese Bewegungen stehen in einem prozessualen Verhältnis. Dieses findet sich übrigens, und darin ist er ganz Hegelianer, auch bei Derrida. Und schon gar nicht leugnet Derrida etwa einen naturwissenschaftlichen Wahrheitsbegriff oder gar das, was sie „die Realität“ nennen. Allerdings problematisiert er solche Begriffsbildungen, wenn sie in falscher Weise oder in einem Fehlweg benutzt werden und ebenso, wenn bestimmte Begriffe auf Geltungsbereiche und Felder ausgedehnt werden, wo sie nichts zu suchen haben.

    „Derrida sagt wieder und wieder, dass Wahrheit sich nicht ausdrücken lasse. Er kämpft wie Heidegger (und schnurgrad‘ so wie Don Quichotte gegen das ganze Mittelalter kämpfte) gegen die ganze Moderne, indem er alle Begründungsmodi über den Wahrheitsleisten schlägt“

    Wenn Derrida das wieder und wieder sagt, dürfte es nicht schwierig sein, hier die entsprechenden Stellen anzugeben. Ich finde sie leider bei mir nicht.

    „Bersarin warum so hartnäckig: Warum muss es aus Ihrer Sicht so sein, als ob ich mit meiner Bemerkung über die Richtigkeit der Neukantianischen Diskurs- und Argumentationsordnung …“

    Es geht nicht um den Neukantianismus, sondern um die bestens bestellten Felder. Diese mögen bestellt sein, aber sie sind es nicht bestens. Denn sonst gäbe es weder für Habermas noch für Derrida, oder davor für Heidegger wie Adorno einen Platz. Philosophie jedoch, im emphatischen Sinne ist eine dauernde Angelegenheit, unter anderem auch des Kritikzusammenhangs. Daß dabei pro Jahrzehnt und Jahrhundert nur wenige ganz große Geiser am Start sind, in Sportbegriffen gesprochen, obwohl das verdinglicht ist, die erste Liga sehr klein ist, spricht nicht gegen diese Annahme. Insofern: Das Feld ist bestellt und es wird immer wieder neu bestellt.

    [Davon ab, daß in einer schlechtens bestellten Welt auch die Felder der Philosophie arg brach liegen.]

    Die Beziehung Adorno/Nietzsche ist in der Tat vorhanden. Ich sehe aber nicht, inwiefern Ihre These zutrifft: „Oder als ein Gedanke, der eher die Macht Nietzsches über Adorno verrät, und diesen dann als gar nicht mehr so souverän erscheinen lässt, sondern eher als Getriebenen, der eben keine rechte Antowort auf den Zwiespalt von moderner metaphysischer Obdachlosigkeit hie und rationalistischem Katzenjammer da zu geben vermag.“

    Die Antwort darauf, und die fällt denkbar unmelancholisch aus, ist die „Negative Dialektik“, wo ein Begriff von erweiterter Erfahrung und erweiterter Rationalität beschrieben wird.

    „Nur ein Gott kann uns retten“: Zunächst einmal ist es bei Heidegger ganz gut, ihn nie eins-zu-eins zu nehmen. Um nämlich den Gehalt dieses Satzes zu ermessen, empfehle ich Heideggers Auseinandersetzungen mit Hölderlin zu lesen. Dann wird vielleicht klar, daß hier nicht einfach nur ein metaphysischer Theologismus reaktierviert werden soll, sondern eine Weise des „anderen Denkens“: Wie das gelingen kann, läßt sich kaum als Handlungsanweisung aufschreiben. Denn in solchen Anweisungen liegt, für Heidegger wie für Adorno, das eigentliche Problem. Und aus diesem Grunde ist ja auch Habermas nicht mehr Kritische Theorie, sondern Gesellschaftstheorie. (Was ich nicht als kritische, sondern zunächst mal als rein deskriptive Aussage meine.)

  57. Heidegger leistet leider keine immanente Kritik an Thomas. Was Aristoteles betrifft, so scheint er ihn unversehens mit Aquin in seiner Kritik am Christentum – besser wohl: feindseligen Polemik – in einen Topf zu werfen. An anderen Stellen ist er für ihn zentral (Met. 1048 u. Nik. Eth. VI.). Was nun die Urteilswahrheit betrifft, finden wir bei Aristoteles unterschiedliches. Wahrheit und Falschheit liegen Met. VI.4 zufolge nicht in den Dingen, sondern im Intellekt, nach Met. IX 10 bezeichnen im striktesten Sinne Sein und Nicht-Sein Wahrheit und Falschheit.

    Was die „Urteilswahrheit“ angeht, so scheint Heidegger eine solche im Sinne zu haben, wenn, wie oben zitiert, er schreibt:

    „Die »Logik« versteht das Denken als das Vorstellen von Seien-dem in seinem Sein, das sich das Vorstellen im Generellen des Begriffes zustellt.“

    Wie sich denken lässt, lautet die Korrespondenztheorie bei Aquin etwas anders. – Überhaupt, wie kann er dem gesamten abendländischem Denken Bodenlosigkeit infolge von vermeintlicher wörtlicher Übersetzung unterstellen, wenn er selbst alle Zügel schießen lässt, sobald es um Übertragung der traditionellen Begrifflichkeiten geht?

    Es lohnt in der Tat, sich etwas mit der Tradition zu beschäftigen, denn dann ist leicht ersichtlich, dass z.B. die moderneren Fassungen (an prominenter Stelle und vielfach in der Analytischen Tradition kritisiert) der „adaequatio-Formel“ erheblich von der aquinatischen abweichen. Ich übernehme übrigens den Terminus „Urteilswahrheit“ gerade von E. Stein, die diesen Begriff deutlich (in Anlehnung an Aquin) herausarbeitet. (Übrigens haben wir von ihr eine Übersetzung von De Veritate, den Versuch einer Zusammenführung von Thomismus mit Phänomenologie und dann erst die schriftlich Niederschlag gefundene Auseinandersetzung mit Heidegger.)

    Gerade nicht handelt es sich bei Thomas um eine Konstruktion, die das Sein auszuschließen bestrebt ist. Mit Übereinstimmung meint Aquin die „Fähigkeit“ eines Dinges, Wissen über sich selbst in den Intellekt zu „transportieren“. Inwiefern dies gelingt, ist es die Wahrheit des Dinges. Bereits in seinen Sentenzen finden wir eher eine Liste: Was unter Wahrheit aufgefasst wurde, u.a. die Vorstellung dass „das Wahre das sich offenbarende und erklärende Sein sei (manifestationem et declarationem esse)“, die Aquin von Hilarius von Poitiers (Augustinus) ableitet oder dort entnimmt (Gottes Wahrheitsproduktion).

    Es sieht mir eher danach aus, dass Heideggers Metaphysikkritik – vor allem wenn ich daran denke, wie sehr er an Einfluss gewinnen konnte in der Folge – ohne Boden ist. Der Auffassung der Analytischen Tradition zufolge, nach der Metaphysik diejenige Verwirrung bezeichnet, die entsteht, wenn die Sinnlosigkeit von sinnlosen Sätzen nicht sogleich erkannt („das Nichts „nichtet'“ – berühmt von Carnap angeführt), wäre Heidegger eben solche „Metaphysik“.

  58. „Heidegger leistet leider keine immanente Kritik an Thomas. Was Aristoteles betrifft, so scheint er ihn unversehens mit Aquin in seiner Kritik am Christentum – besser wohl: feindseligen Polemik – in einen Topf zu werfen.“

    Ziggev, für sowas bitte in Zukunft Belege bringen, also Heidegger-Zitate und Stellenangabe einstellen, so daß wir den Kontext nachlesen können. Gleiches gilt für den letzten Satz zur Metaphysik-Kritik, die bei Heidegger ohne Boden sein soll. (Was in einem bestimmten Sinne sogar wahr ist, aber anders als von Dir angenommen vermutlich.) Ansonsten: Aus Deiner gerafften Darstellung des Aquinaten wird nur deutlich, was Du für die Position des Heiligen Thomas hältst, nicht aber inwiefern das mit Heidegger in einem Bezug steht. Was ich mit immanenter Kritik meinte, habe ich oben dargelegt. Immanente Kritik heißt nicht: eine Position übernehmen, sondern von der Begrifflichkeit des entsprechenden Autors aus dessen Begriffe weiterzutreiben, ohne die Position dabei einfach nur abstrakt zu negieren.

    Richtig ist, daß Heidegger solche wie Carnap zur Metaphysik gehörig ansetzt. Zu recht, wie ich meine, weil sie einem binären Schema folgen einerseits und andererseits, weil sie Philosophie auf Protokollsätze reduzieren, was eher das Gegenteil von Philosophie ist.

  59. Edith Stein Gesamtausgabe (ESGA)
    http://www.edith-stein-gesellschaft.de/deu/literatur/ESGA.htm

    Bd 23 (pdf)
    http://www.edith-stein-archiv.de/wp-content/uploads/2014/10/23_24_EdithSteinGesamtausgabe_UntersuchungenUeberDieWahrheit.pdf

    Bd 11/12 (Pdf)

    (einschl. MARTIN HEIDEGGERS EXISTENZPHILOSOPHIE

    Sein und Zeit // Stellungnahme //)
    http://www.edith-stein-archiv.de/wp-content/uploads/2014/10/11_12_EdithSteinGesamtausgabe_EndlichesUndEwigesSein.pdf

    Die beiden obigen Links:
    https://www.academia.edu/4104510/Being_and_Timelessness_Edith_Steins_Critique_of_Heideggerian_Temporality

    https://www.3ammagazine.com/3am/edith-stein-phenomenology-and-analytic-theology/

    Dort auch speziell zu Aquinas ein paar Sätze.
    ______________________________________________

    Speziell zum Thema (academia.edu)
    https://www.academia.edu/4104490/Heideggers_Critique_of_Aquinas_on_Truth_A_Counter-Critique

    Dann, sehr umfangreich:
    PHRONĒSIS AND ENERGEIA – A Reading of Heidegger’s Early Appropriation of Aristotelian Phronēsis (1922-24) in the Light of Energeia (Carlos Ayxelà Frigola)

    git´s auch auf academia.edu – hier gleich pdf

    https://papyrus.bib.umontreal.ca/xmlui/bitstream/handle/1866/5243/Ayxela_Carlos_2011_these.pdf?sequence=2&isAllowed=y

    Und: Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit herausgegeben von Markus Enders, Jan Szaif

    https://books.google.de/books?id=T6goE-NqEIAC&pg=PA369&dq=geschichte+der+wahrheitstheorien&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwi3mc784IThAhXJzaQKHZPJD-kQ6AEILTAB#v=onepage&q&f=false

  60. Nein, ziggev, so meinte ich es eben nicht. Ich kann Dir jetzt hier die gesamte Heidegger-Ausgabe hineinverlinken oder Dich auf den Text „Vom Wesen der Wahrheit“ und andere Aufsätze verweisen, wo Heidegger etwas zur Aletheia schreibt und sagen: Stimmt aber nicht. Ich meinte es anders (und was ich jetzt schreibe gilt für alle Mitleser): Wenn jemand eine These bringt, Hegel sei gar nicht dialektisch oder wer behauptet, Kant sage, daß X oder Y, dann möchte ich da einen Hinweis auf Stellen haben, wo sich zeigt, daß Hegel nicht dialektisch oder Kant das so sagen und nicht, daß man nur meint Hegel sei nicht dialektisch oder Kant habe X oder Y gesagt – in Wahrheit ist es aber etwas anderes.

    Und ziggev: weil Edith Stein etwas so und so sagt, muß das nicht heißen, daß dies richtig ist. Es kann sein, aber es muß nicht sein. Weshalb sollte ihr in bezug auf solche Aussagen qua Persin eine Autorität zukommen? Wichtig ist lediglich, wie sie ihre These begründet und wie sie dies am Text eines anderen Philosophen festmacht. Die Meinung eines Philosophen über einen anderen ist zunächst mal für gar nichts ein Beweis, schon gar nicht die Widerlegung dieses anderen Philosophen – davon mal ab, daß Philosophien in den seltensten Fällen widerlegt werden. Aber das ist methodisch genommen ein anderes Thema. Und wie ich es schrieb: Philosophen sind leider oft sehr schlechte Kritiker anderer Philosophen – das gilt auch für Heidegger, das gilt auch für Adorno und seine Hegel-Auslegung. Oftmals legen sie einen Text diametral entgegen dessen Thesen aus. Und das liegt meist daran, daß jene Philosophen den anderen Philosophen eher als Referenz für ihre eigene Philosophie verwenden, um anhand meinetwegen von Hegel oder Aristoteles zu illustrieren, worum es ihnen geht. Und weil das sehr schwierige Dinge sind, mag ich es ganz gerne, wenn man an konkreten Textstellen zeigt, was ausgesagt wird. Und dann gelangt man in den Prozeß der Interpretationen. Das ist exakte Textarbeit.

  61. ich wunderte mich schon etwas, wie Du oben annehmen konntest, ich würde, wenn ich eine „Kritik“ anführe, mich auf Gedeih und Verderb irgendwelchen Kritiker/-innen und deren Referenzrahmen überlassen, innerhalb derer ihre Kritisierbarkeit zum Verschwinden gebracht wird. Ich möchte wiederum darum bitten: habe ich behauptet, E. Stein hätte „recht“?

    Natürlich müssen der Referenzrahmen einer Kritik die kritisierten Argumente sein, genauer: deren Rekonstruktion, damit diese Kritik wieder kritisiert werden kann.

    Es ist nun einfach so, dass Heidegger das nicht macht. Soll ich jetzt jede Stelle anführen, wo er diese Voraussetzung solcher „immanenten“ Kritik nicht erbringt? Etwa so: GA1 – GA … n? Wenn Du Dich mal ein bisschen mit der Korrespondenztheorie beschäftigt hast, oder mit Aquins De Veritate, wunderst Du Dich nur, wie er zu seinen steilen Thesen kommt. Hier mal von/über Thomas (verlinkt oben):

    In den „Sentenzen“ geht Thomas von dem aus, [1] was „nach seinem Sein“ außerhalb der Seele ist“ – zum Beispiel ein Mensch oder ein Stein; [2] „was keine Existenz außerhalb der Seele hat, wie Träume und die Vorstellung einer Chimäre; [3] was seinen Grund in der Wirklichkeit außerhalb der Seele hat, aber erst durch die Tätigkeit der [erkennenden] Seel in seinem Gehalt vollständig das wird, was es formell (meine Hervorh.) ist. Von dieser Art sind die Universalien. Und so verhält es sich mit der Wahrheit, „daß sie einen Grund in der Sache hat, aber ihr Gehalt (ratio entis) durch die Tätigkeit des Verstandes vervollständigt wird, wenn sie nämlich so aufgefasst wird, wie sie ist“. So kann Aristoteles sagen, „daß wahr und falsch in der Seele sind und gut und böse aber in den Sachen“ Ohne dieser Aussage direkt zu widersprechen, schränkt Thomas sie sofort ein: „In der Sache sind ihre Washeit und ihr Sein. So lässt sich sagen; „Die Wahrheit ist mehr im Sein der Sache begründet als in ihrer Washeit.“

    Beschreibung der Erkenntnis des Wahren:

    „In der Tätigkeit des Verstandes, der das Sein der Sache annimmt, wo wie es durch eine gewisse Verähnlichung mit sich ist, wird die Beziehung der Angleichung vervollständigt, in der das besteht, was Wahrheit ausmacht.“ Das, was Wahrheit ausmacht, ist zuförderst im Verstand zu finden, gleichwohl ist das Sein der [außermentalen] Sache die Ursache des wahren [Urteils].“

    ‚Wahr‘ ist also zuerst von [1] Wahrheit im Verstande, insofern sie Zeichen dieser Wahrheit ist, von einer [2] ‚wahren Sache‘ dann, wenn sie Ursache jener ‚Wahrheit im Verstand‘ ist.

    (Die Geschichte des philosophischen Begriffs der Wahrheit, Hrsg. Markus Enders, Jan Szaif. S. 121) Link oben

    Das wirkt natürlich etwas befremdend, aber wie sollte das auch anders sein? Für eine Übersetzung in moderne Terminologie ist Interpretation erforderlich. Dennoch fällt die Stringenz des Aquinaten auf (nicht anders als in „Untersuchungen über die Wahrheit“).

    Polemische Züge an Heideggers Kritik an der (Hoch-)Scholasik; sind unverkennbar. Aquin auf eine (repräsentialistische) Korrespondenztheorie zu verkürzen, bereitet jedenfalls eher den Boden für unkritisches Nachgeplappere seiner These von der Bodenlosigkeit der abendländischen Kritik und anderem. Kritik muss ihrerseits kritisierbar sein; im Falle Heideggers ist das schwierig, weil sein Refezenzrahmen hinter Polemik, verkürzten und teilw. sehr gewagten Aquinas- bzw. Aristoteles-Interpretationen verschwindet.

    „Die Erkenntniswahrheit erhielt einen universalen Vorrang; soweit dann andere Ausprägungen
    von Wahrheit in das Blickfeld der Reflexion traten, wurden sie an der Erkenntniswahrheit gemessen, als Ableitungen und Modifikationen dieser verstanden.“ (§ 2 in Logik: Die Frage nach der Wahrheit, Wintersemester 1925/26) – Ist das wirklich so?

    Naja, wenn Heidegger der Referenzrahmen ist, kann man es sicher so stehen lassen.

  62. Ich möchte wiederum darum bitten: habe ich behauptet, E. Stein hätte „recht“?

    Das ist hier nicht die Frage, ziggev, denn ich schrieb nichts von „recht haben“, sondern vom „richtig sein“ einer These, eines Satzes. Daß Stein x oder y behauptet, sagt erstmal nur, daß sie x oder y behauptet, aber nicht, daß x oder y richtig bzw. wahr sind. Da Du jedoch Stein als Referenz anführtest, mußt Du halt auch herausstellen, welche Funktion sie dabei erfüllen soll und was die zentralen Thesen sind.

    „Soll ich jetzt jede Stelle anführen, wo er diese Voraussetzung solcher „immanenten“ Kritik nicht erbringt?“

    Ja, so in etwa meinte ich es. Ansonsten ist nämlich Kritik sinnlos. Ich will nicht das lesen, was ziggev oder Bersarin für Heidegger halten, sondern das, was Heidegger sagt, muß in seinen Aussagen genommen werden: so etwa in jenem „Sein und Zeit“-Zitat, wo es Heidegger um die Auslegung des Seinsbegriffes ging:

    „Gelichtet hat das Dunkel dieser kategorialen Zusammenhänge freilich auch er nicht. Die mittelalterliche Ontologie hat dieses Problem vor allem in den thomistischen und skotistischen Schulrichtungen vielfältig diskutiert, ohne zu einer grundsätzlichen Klarheit zu kommen.“

    Hier schreibt Heidegger mitnichten, daß Thomas von Aquin unrecht hätte oder gar, daß er falsch läge, sondern anhand des Aquinaten thematisiert Heidegger ein Problem. In Deinen Ausführungen sehe ich zudem immer noch nicht, weshalb Heideggers Sicht auf Aquin nicht trifft. Das mußt Du deutlicher machen. Heidegger widerspricht übrigens dem Wahrheitsbegriff des Thomas von Aquin nicht, sondern er erweitert ihn vielmehr. Das eben ist die Crux bei Heidegger.

    „Polemische Züge an Heideggers Kritik an der (Hoch-)Scholasik; sind unverkennbar. Aquin auf eine (repräsentialistische) Korrespondenztheorie zu verkürzen, bereitet jedenfalls eher den Boden für unkritisches Nachgeplappere seiner These von der Bodenlosigkeit der abendländischen Kritik und anderem. Kritik muss ihrerseits kritisierbar sein; …“

    Wo sind diese polemischen Züge unverkennbar? Ich lese sie in diesem Zitat nicht und ich habe bisher auch keine anderen Heidegger-Zitate dazu gefunden. Vielleicht kannst Du sie hier bringen. Allenfalls kann man, wie ich es oben im Kommentar (vom 12. März 2019 um 22:42 Uhr) bereits in bezug auf Hegel anmerkte, bei Heidegger von einer Fokussierung des Seinsproblems (oder besser der Seinsfrage) sprechen, indem diese Frage unter einer spezifischen Perspektive ins Denken geholt werden, so daß etwas in bezug auf den Hegelschen Seinsbegriff dessen Funktionsstellt im Gang der WdL nicht in den Blick gerät. Zudem geht es nicht um „das unkritische Nachgeplappere“ sondern um ein Verständnis dessen, was Heidegger damit sagt und vor allem: in welchem Zusammenhang er das schreibt, was er schreibt. Und was die „Bodenlosigkeit der abendländischen Kritik“ betrifft: auch hier erwarte ich Belegstellen aus Heideggers Text und nicht das, was ziggev meint, Heidegger habe es gesagt: die Reproduktion von doxographisch irgendwo in der schlechten Sekundärliteratur gelesenen Vorurteilen als verbindlich zu setzen. So etwa die in bezug auf Heidegger wirklich erbärmlich arme These, es ginge ihm um die Zerstörung der abendländischen Denktradition, von Aquin bis Descartes und hin zu Schelling sein alles Mist. Heidegger kritisiert in der Tat die abendländische Philosophie, aber eben nicht in einer derart trivialen Weise und schon gar nicht als abstrakte Negation, sondern er hält geradezu dieses Denken für wesentlich. Heidegger beschreibt dies in den „Beiträgen“:

    „Die großen Philosophien sind ragende Berge, unbestiegen und unbesteigbar. Aber sie gewähren dem Land sein Höchstes und weisen in sein Urgestein. Sie stehen als Richtpunkt und bilden je den Blickkreis; sie ertragen Sicht und Verhüllung.“

    Es heißt all dies auch nicht, daß man Heidegger seine Thesen umstandslos abkaufen müsse – etwa hier die zur Wahrheit oder zur Frage des Seins. Aber hermeneutische und auch kritische Lektüre meint eben auch, daß man den Autor in seinem Argumentgang nimmt und in ihn nichts importiert, was er in dieser Form nie schrieb. Und wenn Du die These vertrittst, daß Heidegger Duns Scotus oder Thomas von Aquin polemisch kritisiert, daß solltest Du das durchaus an einzelnen Textstellen ausweisen – davon ab, daß der Begriff „polemisch“ bereits eine Wertung meint, die intentional argumentiert. Ich denke jedoch, daß wir insgesamt wenig über Heideggers Intentionen gegenüber diesen Autoren wissen.

  63. DER ELEFANT

    328
    Wenn du einen weisen Freund findest,
    einen Gefährten,
    Der auf die rechte Weise lebt und versteht,
    So überwinde alle Hindernisse
    und wandere mit ihm,
    Wachsam und mit offenem Herz und Selbst.

    329
    Wenn du keinen weisen Freund findest,
    keinen Gefährten,
    Der auf die rechte Weise lebt und der versteht,
    So gehe wie ein König, der sein Königreich aufgibt,
    Und wandre allein
    Wie der Elefant im Dschungel.

    So einfach ist´s mit Heidegger.

    Wenn ich einer Philosophie oder einer Kritik begegne, stellt sich mir zuallerförderst die Frage nach der Plausibilität (das ist die Frage danach, ob es sich lohnen würde, das weiterzuverfolgen oder dem weiter nachzugehen).

    Heidegger nun nicht weiter zu folgen, ergibt sich aus der Trivialität seiner Ausgangsfrage, was der „Sinn“ von „Sein“ sei. Wir können im Lexikon nachschauen, „Sinn“ wäre dann Wert und Zweck. Und so wird „Sinn“ auch umgangssprachlich überwiegend verstanden. Wir können auch „Sinn“ versuchen mit Wittgenstein und Gottlob Frege zu verstehen. (achtung, ich versuche jetzt eine rekursive Definition): hier verstehen wir „Sinn“ als Kontext, als den Zusammenhang, in welchem etwas „Sinn ergibt“. Das erste Wort, das mir in diesem Zusammenhang einfällt, ist „Sinnhorizont“. Sinn ergibt etwas für uns nur dann, wenn wir etwas innerhalb dieses Sinnhorizontes verstehen können.

    Auf die Frage, was der „Sinn von Sein“ sei, gibt es also zumindest zwei zulässige Antworten: Diese Frage ist sinnlos, weil das Sein alles umfasst, was sinngebend hier auftreten könnte. 2. Das Sein ist sinnlos, weil es keine höhere Kategorie bietet, die ihm einen Sinn verleihen könnte. Gedreht gewendet wie auch immer – wir verstehen: Es ist möglich, sinnlose Fragen zu stellen, bei denen unsere Grammatik an ihre Grenzen gerät.

    und Heidegger so: Cool!, nicht nur die Frage ist sinnlos, sondern ich kann auch ein rekursive Definition konstruieren: Das Sein ist sinnlos! – wie banal!

    Buddha zitiert nach Capurro

    http://www.capurro.de/loslassen.html

    Zunächst erscheint also Heidegger als ein – zwar begabter – Wichtigtuer. Aber selbst Quine erlaubt diese Frage. Und Heidegger scheint unterwegs, die eine oder andere Prozedur des Hinterfragens nicht ergebnisfrei zu befragen.

    Damit ist der Anfangsveradcht (Plausibilität) gegeben. Heidegger, der vermutlich eine einigermaßen traumatische Zeit am Priesterseminar verbracht hat, wendet sich mit diesem Taschenspielertrick (nicht der einzige, Aristoteles versucht er ebenfalls falsch zu okkupieren) gegen 2. Mose 3,14. und Joh 14,6.

    Seine nihilistische Option ist rein zufällig. Denn aus aus der Daseinsanalyse (die die Nichtigkeit der „Ichlichkeit“ offenbart) sowie der Frage, warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts (die einzige interessante Stelle bei Sartre), folgt mitnichten eine gottlose Existenz, sondern umgekehrt, nur sofern ich Seine Existenz voraussetze oder eben verneine, komme ich zu dem einen oder anderen Ergebnis.

  64. Ja, ziggev. Und an Sonntagen ist es andersherum, wenn der Elefant mit dem Kopf nickt. Auch dies sprach Buddha als er einst unterm Baum des Weisen.

    „Wenn ich einer Philosophie oder einer Kritik begegne, stellt sich mir zuallerförderst die Frage nach der Plausibilität …“

    Es ist schön, daß sich Dir Fragen stellen. Nur sind diese Deine Fragen in bezug auf die Lektüre eines Heidegger-Textes relativ uninteressant und haben leider nichts mit dem Text zu tun. Und daß Dir etwas unplausibel erscheint, muß nicht zwangsläufig am Gegenstand liegen. (Stichwort Lichtenberg. Womit nicht der Stadtteil von Berlin gemeint ist.)

    Ebenso im Hinblick auf den Begriff des Sinns: Es ist hier in bezug auf Heidegger nicht bedeutsam, was Du, das Lexikon, Frege, der Papierkorb, die BVG, Herr Lehmann oder Fritz Honka unter Sinn verstehen, sondern was Heidegger darunter faßt und in welchem Kontext er diese Frage nach dem Sinn von Sein stellt. Du hast diesen Kontext anscheinend nicht verstanden, weil Du Deinen Privatfilm fährst.

    Quine, Wittgenstein oder Frege können dies oder auch das geschrieben haben. Leider hat das, was sie schrieben, nichts mit Heidegger zu tun und meines Wissen beziehen sie sich in ihren Texten auch nicht auf Heideggers „Sein und Zeit“, um das Werk zu kritisieren. Wie ich Dir schon mehrfach sagte, sind solche Verweise zunächst einmal ein Lauf ins Leere, weil diese Texte in einer ganz anderen Weise referenzieren und auf einen anderen Bereich zielen. Und zum anderen handelt es sich um ein argumentum ad verecundiam.

    Sofern Du Dich ernsthaft mit Philosophie befassen willst und nicht nur als Hobby oder intuitiv, solltest Du zunächst einmal lernen, die Texte als solche zu nehmen und sie nicht mit Deinem Gedöns zu überformen. Immer wieder verstellst Du Dir selbst den Blick, denn Du baust in den Sichtachsen Figuren und Geschwulst auf, das überflüssige Wirrnis erzeugt. Und dieses Zeugs steht Dir dann in der Analyse im Weg herum. Versuche einfach mal Texte der Philosophie zu lesen, ohne sie auf Dein Privatschema zu reduzieren. Und wenn Du diese Texte kritisieren willst, dann mach das an den Texten selbst.

  65. sorry, dass ich jetzt erst antwordte, aber ich war inzwischen damit beschäftigd, Englänern mit meinem Beheflsenglisch zu erkläen, was der Unterschied ist zw. priatrechtr. und behördlichem Recht ist.. (nicht zu erwähnen, dass ich weiterhin als Deutschlehrer für Flüchtlinge oder sog „Flüchtlingen“ tätig bin, was manchmal hoherherzige Gefühle hervobringt, die dazu angetan sind, zu glaueben, das es tatsächlich Jesus ist, zu dessen Wohlgefallen all das geschieht, manchmal aber auch eben nicht.)

    Was mich nun en datail an E. Stein interessiert, ist folgendeds: Sie geht – as far as I can see – bestätigend jedem Gedanken Heideggers nach, bis hin zum Gedanken der „Geworfenheit“, mit dem kleinen Uterscied, dass sie nahch dem Werfer fragt. Ich brauche hier ja wohl nicht zu erwähnen, was ‚der Werfer‘ letztednlich mit ihr gemacht hat°!

  66. Wie gesagt: Ich will gar nichts gegen Edith Stein sagen. Ich kenne nur eben ihre Texte zu wenig, als daß ich guten Gewissens mich dazu kompetent äußern könnte. Anders eben als bei Heidegger.

    (Biographische Aspekte sind der Philosophie nicht immer akzidentiell, entkräften freilich ein Werk, einen Text nicht. Es gibt Professoren, deren Gebaren ist unmöglich und trotzdem schrieben sie gute Texte und sind in ihrer Weise auch gute Lehrer.)

  67. Was Letzteres angeht: Paradebeispiel ist niemand Geringerer als Kant, der als Philosoph und Wissenschaftstheoretiker einer der größten und fundamentalsten Denker überhaupt war, privat aber ein wunderlicher Zausel voller Marotten.

  68. Na ja, das war noch eine andere Größenordnung, ohne jetzt Deine Marotten herabwerten zu wollen. Aber die Meinung vertreten Lüften sei grundsätzlich schädlich weil dadurch Ungeziefer ins Haus käme also habe es zu unterbleiben weswegen das Personal bei ihm lüftete wenn er Vorlesungen hielt hat schon was. Und als Georg Forster erklärte bei seinen Weltumseglungen mit Cook habe er niemanden getroffen der Kants Rassenbeschreibungen exakt entspräche entgegnete er, der nie aus Königsberg hinausgekommen war dass es eben nicht ausreiche empirisch um die Welt zu segeln solange man nicht die richtige Theorie im Kopf habe.

  69. Kants Schriften, in denen er sich mit empirischen Phänomenen befaßt, sind teils nicht uninteressant und in manchen Fällen zwar spekulativ, aber doch auch wieder aufschlußreich, weil sie eben zeigen, daß der empirische Charakter und die Empirie mit der Beispielhuberei niemals ausreichen, die Welt in ihrer Komplexität zu erfassen. (Amüsant übrigens auch sein Geisterseher-Text. Kant besaß Humor.)

    Übrigens schrieb Kant ebenfalls Reiseberichte, und obwohl er niemals in jenen Städten war, über die er schrieb, waren diese Texte doch derart exakt, daß jene Menschen, die dann vor Ort waren, zumindest Kants Kenntnisse der Literatur bewunderten, aus der er diese Beschreibungen zog. Kant studierte sehr genau die Phänomene seiner Zeit. Darin war er wenig verschroben, sondern sehr exakt.

  70. Kansts Schriften zur Komologie, die natürlich rein spekulativ sind, haben nicht nur bei Bertrand Russell, sondern auch bei keinem geringen denn Harals Lesch anerkennung gefunden. Genauso wie man heute glaubt, dass Planeten aus kosmischen Staubwolken entstanden sind, steht es mehr oder weniger (Russell, Lesch zufolge) bereits bei Kant.

  71. Nach diesem kurzen Entspannungsmoment, dem ehrwüdigen che verdankt, würde ich ganz gerne auf eine der Utrsprungsfragen zurückkommen, also die Frage, ob Heidegger sich wirklich von der scholastischen Phi8losophie abgenabelt hat, – oder ob nicht sein philosophiegeschichtlich dann doch sehr einflussreiches Fragen dann doch wirklich uns neue Horizonte eröffnen könnte.

    Meine These: eben gerade nicht! Was für mich Edith Stein so anziehend macht, ist ja, dass sie frisch konvertiert den hl. Thomas. as far as I know, eben erst entdeckt hatte, zugleich aber Heidegger auch als hohe philosophische Begabung akzeptierte oder sogar als Lehrer.

    Heideggers Frage „nach dem Sinn von Sein“, so lächerlich und absurd sie uns als Schüler Carnaps, Freges, Wittgesteins und Quines erscheinen muss (während Quine in Abgrebnzung zu Carnap und im Zusammenhang seiner Formulierung der Möglichkeitsbedingungen wahrer Sätze erneut, ich würde sagen, sie explitit zulässt), scheint gar nicht so neu, wenn ich auch nur einen blinzelden Blick auf Aquin riskiere: Ich glaube, wir akzeptieren den hamburger Meiner Verlag (der immerhin Kant et. al. als Zitierungswürdig herausgebracht khat …) als verlässliche Quelle:

    Also als erstes aus der Einleitung von Albert Zimmermann:
    „Erster Artikel: Was ist Wahrheit?
    Ziel des Artikels ist es, die Bedeutung des Wortes „Wahrheit“ und der mit diesem verwandten Wörter zu erschließen. Vorausgesetzt ist dabei, daß diese Wörter nicht sinnlos sind. Sie werden ja auch ganz selbstverständlich mit dem Anspruch verwendet, daß sie einen Sinn haben. Dieser
    Sinngehalt muß jedoch genauer in den Blick gerückt werden. Das geschieht hier durch Rückgang auf die grundlegenden Inhalte des menschlichen Verstehens. Es gibt solche „Grund-Begriffe“, ebenso wie es „Grund-Sätze“ gibt, die das Beweisen und Schlußfolgern möglich machen und regeln. Die Grundlage unseres Erkennens ist dasjenige Verstehen der Wirklichkeit, das seinen sprachlichen Ausdruck im Wort „Seiendes“ findet. Eine systematische Rekonstruktion der Erkenntnis muß also hieran anknüpfen. Jeder Begriff fügt nun zum grundlegenden Inhalt „Seiendes“ etwas hinzu, aber zugleich ist das, was hinzugefügt ist, selbst etwas Seiendes und also als ein solches irgendwie auch schon immer miterfaßt.“ (Hervorh. von mir.)

    Jetzt Aquin in (selbe Quelle, dortselbst gefragt) OT: gleich zu Anfang

    ERSTE FRAGE
    Erster Artikel
    Gegenstand der Frage ist die Wahrheit. Zuerst wird gefragt: Was ist Wahrheit?
    Es scheint aber, als sei Wahres ganz dasselbe wie Seiendes.

    Stellt also Heidegger wirklich eine neue Frage?

  72. „Heideggers Frage „nach dem Sinn von Sein“, so lächerlich und absurd sie uns als Schüler Carnaps, Freges, Wittgesteins und Quines erscheinen muss …“

    Hier fängt es bereits an schief zu werden. Weshalb sollten uns Carnap, Frege, Wittgenstein und Quine in diesem Kontext interessieren? Haben sie eine besondere und eine höhere Autorität als Heidegger? Eher nicht. Zumal sich diese Sache auch noch drehen ließe und man sagen kann, daß diese Autoren im Banne dualistischer Metaphysik stehen. Mit solchen Spielen als Verschiebebahnhof ist philosophisch aber nicht viel gewonnen. Sinnvoller ist es, die Texte selbst beim Wort zu nehmen und zu sehen, was Heidegger darin versucht und wie ein Text von der Struktur und den Argumenten aufgebaut ist.

    Auch ist das, was Aquin schreibt, nicht Maßstab für Heideggers Wahrheitsbegriff, sondern nur das, was Heidegger selbst ansetzt, kann auf seine Konsistenz geprüft werden. Mit anderen Worten: ich kann den Löwen nicht daran messen, daß er keinen Rüssel hat, wie der Elephant. Was Zimmermann schreibt, ist schön und nett, nur sehe ich nicht, wo er in irgendeiner Form Heidegger widerlegt, geschweige sich auf ihn bezieht.

    Ganz im Gegenteil: Heidegger faßt einen anderen Begriff von Wahrheit. Das ist keine Aussage-Wahrheit und das ist auch nicht die Frage nach der Wahrheit des Seienden. Denn diese Einebnung der ontologischen Differenz (also des Unterschiedes zwischen Sein und Seiendem und Sein als Seiendes zu behandeln) kritisiert Heidegger gerade. Insofern fällt diese Kritik hinter Heidegger und das, worum es ihm geht, zurück, sofern dieses Zitat denn als Heidegger-Kritik gedacht sein sollte.

  73. bersarin, wenn Du Dich auch nur im Vorbeigehen mit Wittgesntein et al beschäfigt hättest , wäre Dir aufgefallen , dass Philosopehnen diese Typs immer bestrebt sind – very strage – systematisch auf die Kritiken einzuzgehen. Deine Unwisseneheit, was etwa Quine betrifft, wo er etwa HeideggersTthesen unterstützt, als als Argument zu werten, fällt mir weiterhin schwer,

  74. Wo und in welchen Passagen geht Wittgenstein auf Heidegger ein? Weshalb sollte Wittgenstein in bezug auf Heidegger Relevanz besitzen? Weil Du es behauptest? Weshalb redest Du Dich auf Autoritätsargumente heraus?

    Gleiches gilt für Quine. Nenne mir einen Grund, weshalb etwas nur deshalb richtig sein soll, weil Quine es geschrieben hat! Übrigens völlig unabhängig davon, ob er Heideggers These nun unterstützt oder nicht. Es wird deshalb nicht richtig oder falsch, weil es Quine gesagt hat. Du verrennst Dich hier in Namen. Übrigens ist Heidegger auch nicht deshalb falsch, weil Adorno eine Heidegger-Kritik vorbrachte, sondern zu fragen ist, was er inhaltlich und als Argument vorbringt.

  75. okay, ne Frage, die konkret genug gestellt ist, damit sie beantwortbat ist. Ich gluabe, ich kenne die Stelle, auf die ich hinas will und die, was meinen Punkt betrifft, auch weiterhilft. dazu morgen mehr. (heute ist´s für mich dazu etwas spät) …

  76. If we improve our understanding of ordinary talk of physical things,
    it will not be by reducing that talk to a more familiar idiom; there is
    none. It will be by clarifying the connections, causal or otherwise,
    between ordinary talk of physical things and various further matters,
    which in turn we grasp with help of ordinary talk of physical things.
    W. V. O. Quine, Word and Object

    (bitte checken die Links oben …)

    is aber auch egal; bei mir kommen Leute zu Musiktheoreitischen Beratung, die mit Inga Humpe gearbeitet haben. Noch Fragen?

  77. Kannst Du hier auch ausführen, was das konkret nun mit Heideggers „Sein und Zeit“ und den darin entwickelten Fragen zu tun hat?

  78. ok, ist jetzt etwas her, die Diskussion. Es ist ja eine gewisse Koinzidenz gewesen, dass du gerade hier diesen – locker verfassten und gar nicht auf Konfrontation ausgerichteten – Blog verfasstest zu Trawny, während ich zur selben Zeit gerade – von Steins Kairos-Konzeption fasziniert – ins Auge gefasst hatte, mich tatsächlich endlich einmal mit Heidegger zu beschäftigen, denn schließlich fand ich, dass Stein (oder jedenfalls auch Darstellungen zufolge, in denen ihre Kritik andernorts jüngst lobend Anerkennung gefunden hat) ihre Kritikpunkte hinreichend klar formuliert, damit sie auf dem Wege einer Heidegger-Lektüre auf ihre Stichhaltigkeit überprüft werden können.

    Bitte erlaube mir, dass ich, wofern ich Carnap oder Quine fehlbar aus der Lameng referiere, mich gewissermaßen des „normalsprachlichen“ Approachs bediene (Quine entwickelt übrigens seine Ideen in großen Teilen in Abgrenzung zu Carnap). Carnap zufolge hat eine Aussage nur dann „Sinn“, wenn sie sachhaltig ist. D.h., sie muss prinzipiell überprüfbar sein. Also: Auch wenn ein Begriff nicht definiert ist, muss möglich sein, dass die Aussage, die ihn enthält, prinzipiell entscheidbar ist. Sonst müssten wir annehmen, dass, weil – Carnap zufolge – die Gesamtaussage ’sinnlos‘ ist, wir nur zu sinnlosem Verständnis dieses Begriffs gelangen können. Minimalbedingng für solche ‚Sinnhafigkeit‘ ist aber die syntagmatische Stimmigkeit (oder Richtigkeit); ganz einfach: richtiges Deutsch, das „Sinn“ ergibt. Solche ‚Sinnhafigkeit‘ weist aber nun zunächst formale Kriterien auf.

    Beispiel: Was ist „die Wahrheit“? Welches Experiment willst du anstellen, um die Sachhaltigkeit einer Antwort auf diese Frage zu entscheiden? Quines berühmte Antwort lautet (in meinen Worten aus der Lameng): Wahrheit ist die Erfülltheit einer Variablen in einer wohlgeformten Formel (die also jedenfalls im syntaktischen Sinne ’sinnvoll‘ sein muss).

    Was Quine oben sagt, lautet etwa wie folgt: Wenn wir unser alltägliches Verstehen und Sprechen von Naturtatsachen (also von Überprüfbarem) optimieren wollen, dann wird dies nicht dadurch geschehen können, dass wir es auf ein uns noch geläufigeres reduzieren; ein solches gibt es nicht.

    Also: Um uns über die Kunstsprachen der Wissenschaft, die brillante Geister wie Carnap, Frege und Wittgenstein mitersonnen haben, zu verständigen, sind wir immer noch auf unser normalsprachliches Miteinader angewiesen. Quine – der von manchen als der wichtigste Philosoph des 20 Jh. angesehen wird – lässt diese Frage, wie es scheinen könnte, ostentativ offen.

    Wie in einem meiner Links argumentiert, ist es, selbst vom Standpunkt Quines, möglich, heideggerisch zu fragen.

  79. Das Problem, ziggev, ist, daß, wenn wir Heideggers Wahrheitsbegriff kritisieren wollen, wir ihn zunächst einmal verstehen müssen. Und da hilft uns Quine so ganz und gar nicht weiter, sondern lediglich die Texte Heideggers. Ähnlich bei der Kritik. Denn selbst dort, wo der Philosoph Quine oder auch ein anderer Philosoph etwas zur Wahrheit schreiben, sagt das noch nichts darüber aus, wo die richtigen oder die falschen Aspekte liegen. Man schafft sich hierbei nur ein zusätzliches Problem: daß man nämlich neben Heideggers Wahrheitsbegriff nun auch noch den von Quine verstehen muß. Das sind dann in der Tat bereits höherstufige Operationen, und es setzt dies voraus, beide Philosophen hinreichend gut zu kennen. Da Du nun Heideggers Philosophie nicht gut kennst und ich die von Quine ebenfalls nur in Ansätzen, dürfte es so als in solchem Fall zu erheblichen Komplikationen führen. Um aber den einen Denker zu verstehen und dann zu kritisieren, ist es in solchen Fällen nur bedingt hilfreich, auf einen externen anderen Denker zu rekurrieren.

    Ich weiß also nicht, ob man mit Deiner Methode wirklich weiter kommt: Was Du schreibst überzeugt mich hier wenig. Mich erinnert Dein Vorgehen an jene sogenannten Analytischen Philosophen – als ob nicht jede Philosophie in ihrer Weise analytisch sei, aber das ist wieder ein anderes Thema –, die sich mit ihrem Besteck dem Anfang von Hegels großer Logik nähern. Das geht in der Regel in die Hose, weil man nämlich mit einem fremden Referenzrahmen herangeht. Weil man mit dem falschen Besteck operiert. Das ist so, als wenn man für eine Kreis-Messung ein Teleskop benutzt und dann den Kreis dafür kritisiert, daß er sich mit dem Teleskop gar nicht messen ließe.

    Ich empfehle also für Verständnis wie auch Kritik einer Position, eine interne, immanente Lektüre, die den Text auf seine Inhalte, seine Strukturen und Operationen abklopft und man dann fragt, wo sich möglicherweise in der Form oder in der Darstellung Probleme oder Widersprüche auftun. Das ist bei „Sein und Zeit“ nicht so einfach, weil es sich hierbei um ein ausgesprochen dichtes Werk handelt. Man muß es studieren. Man kann es in diesem Studium befragen und durchaus auch kritisieren, wenn man sich zunächst des tentativen Charakters bewußt ist und daß ggf. die Kritik eher in der unzureichenden eigenen Perspektivierung gegründet ist.

    Was das normalsprachliche Miteinander betrifft: Meines Wissens schreibt Heidegger in Deutsch, also in einer bekannten Sprache und benutzt in der Regel allgemein verständliche Begriffe, um es ein wenig scherzhaft zu formulieren – davon mal ab, daß ein Begriff in der Philosophie manchmal eine andere Bedeutung hat als in der Alltagssprache. Und um das herauszufinden, würde ich ansonsten für die Philosophie sagen: Die Bedeutung eines Terminus technicus ergibt sich aus seinem Gebrauch. Das gilt insbesondere auch für Heideggers Frage nach dem Sinn von Sein. Nichts gegen Quine, ziggev, aber ich glaube, Dein Ansatz führt bei Heidegger nicht gut weiter. Wobei ich eben auch sagen würde, daß es sinnvoll ist, sich dem Denken von „Sein und Zeit“ über Heideggers frühe Vorlesungen zu wählen, sofern Dich diese Heidegger-Fragen interessieren.

  80. ich weiß nicht; für „jeder hat seine Wahrheit“, was du für Heiddegger in Anspruch zu nehmen scheinst, habe ich Osho, Buddha oder Jesus. Philosophische bin ich aber gegen jeden Relativismus.

  81. Ich nehme nichts in Anspruch. Es geht im Falle Heideggers um eine dem Text (hier „Sein und Zeit“ sowie dem Wahrheitsbegriffs Heideggers) angemessene Kritik. Ein in der Philosophie übliches Verfahren. Sicherlich kann man auch einmal in einer Polemik gegen bestimmte Positionen wettern. Man muß sie dazu jedoch im Ansatz zumindest verstanden haben und am besten sind solche Polemiken von ihrer Machart her intelligenter als das Kritisierte. Und man darf nicht vergessen und verwechseln: daß die Polemik nicht immer die Sache selbst sein muß, sondern manchmal einfach nur das Gerücht über eine Sache ist. Ist sie zumindestens witzig und geistreich, so hat man wenigstens für eine gute Unterhaltung gesorgt, und damit kann dann auch ein in der Sache fehlerhafter Aphorismus oder eine Polemik zu ihrem Recht kommen.

    Mit „jeder hat seine Wahrheit“ hat das nichts zu tun. Zumal eine Wahrheit, die mal so und dann wieder ganz anders ausfallen kann, eben keine Wahrheit, sondern eine Ansicht ist. Und einer Ansicht kann man mit Gründen widersprechen oder mit Gründen zustimmen.

  82. nun, ich empfehle immer eine „analytische“ Methode, auch bei der Lektüre Heideggers. Ich denke natürlich auch an die etwa Gilbert Ryles (1929 und ff). Am wenigsten interessiert mich Heideggers Wahrheitsbegriff. Um den zu untersuchen, müssten wir uns zunächst den von Boetius und Aquin anschauen. Es irritiert schon, wenn wir an moderne Formulierungen denken, dass „Wahrheit“ immer noch bei Heidegger als diese seltsame Substantivierung auftaucht. Diese Substantivierung ist allenfalls interessant, wenn wir an den Kategorienfehler Jesu denken: „Ich bin die Wahrheit, …“

    Es ist so gar nicht im Geiste Heideggers, wenn du dich jetzt plötzlich hinter Fachtermini zurückziehen willst.

  83. Es geht nicht um Fachtermini, sondern ganz einfach um das, was Heidegger schrieb. Und in „sein und Zeit“ ist die Frage nach der Wahrheit zentral, ein Aufsatz von 1930 in den „Wegmarken“ heißt „Vom Wesen der Wahrheit“. Und um zu beurteilen, wie Heidegger Wahrheit versteht, muß man die Texte Heideggers lesen und nicht die von Quine oder sonstwem. Das wird sicherlich auch die sogenannte Analytische Philosophie, die denn so analytisch doch wieder nicht ist, zugestehen.

    Und um die Substantivierung und auch um das von Jesu gesprochene Wort zu verstehen, muß man sich mit der Geschichte des Wahrheitsbegriffes befassen. Hierzu empfehle in als Einführung das Historische Wörterbuch der Philosophie. Und bevor diese basalen Dinge nicht sitzen, braucht man auch keine Referenzen und keine Namen anzuführen. Mein ganz analytisches Plädoyer: Sich auf konkrete Textstellen zu beziehen und nicht frei zu fabulieren.

  84. gib doch einmal eine Definition! „Definition“ im weitesten Sinne! Ich habe genug Quellen angegeben zum betreffenden Begriff. Was du nicht verstehst: systematisches (zur Not analytisches) Denken bedeutet: selber denken. Wenn du meine Quellen konsultiert hättest, wüsstest du, warum ich auf Boetius anspielte und so weiter. Wir haben bei Carnap eine klare Definition, was zumindest Carnap unter „Sinn“ versteht; bei Quine – nicht nur bei Quine – was unter „Wahrheit“ zu verstehen ist. Ganz klare Darlegungen bei Aquin und in der Neuscholastik. Du aber quälst dich drumherum, zu deinem Heidegger zu stehen. „H. hat da mal geschrieben ‚….'“

    Bei alledem weigerst du dich auf die bornierteste Weise, wahrzunehmen, wie Heidegger einigermaßen beherzt seit den (spätestens) 30ern in der „analytischen“ Philosophie wahrgenommen wurde. (Interessante Parallelen bei Quine oder Ryle.)

    PS Ich werde natürlich Heidegger erst lesen, wenn ich das Buch als Hardware in Händen halte. Soviel Respekt muss – speziell bei Heidegger – sein.

    Ich lese immer nur Philosophen, zu denen bemerkenswerte Kritiken verfasst wurden. Du scheinst immer nur auf Affirmation (des einmal Gelernten) aus zu sein.

    Das hat aber mit Jazz nichts zu tun.

    Zuerst lernt man alle Soli Ch. Parkers auswendig, dann vergisst man alles. Erst dann denkt man daran, zu spielen. Philosophie ist eine Lebensform der Selbstkritik, die einen befreien soll. Es geht gar nicht darum, einmal auswendig Gelerntes wiederholen zu können!

  85. Du könntest hier genauso vom 1. FC Köln die Fußballergebnisse der letzten 50 Jahre einstellen. Sie haben in etwa genausoviel mit Heidegger zu tun. Wenn Du Heidegger kritisieren willst, mußt Du das an konkreten Textstellen machen. Und die hast Du hier bisher nicht eingestellt, sondern Du referenziertest auf irgend etwas anderes.

    Nochmal, ziggev: Deine Kritik, Deine Beweispflicht.

    Dabei geht es nicht um Affirmation, sondern um sauber und intersubjektiv nachvollziehbare und vor allem (hingehört ziggev!) LOGISCHE Verfahren des Argumentierens. Diese erschöpfen sich eben nicht in Deinen Intuitionen oder in dem, was Du gerne liest oder was Du meinst, daß Du von Heidegger irgendwo als Rezeptionskonstrukt in der Sekundärliteratur Dir angeeignet hast. (Davon einmal abgesehen, daß Du bitte an konkreten Zitaten zeigen müßtest, wo ich Heidegger affirmiere.)

    Ein zitierter Autor XY, so wie Du es hier bringst, beweist zunächst gar nichts, zumal wenn er sich in seinen Ausführen nicht einmal direkt auf Heidegger bezieht. Zeigen läßt es sich nur entweder in einer Korrespondenz aus Zitaten zwischen Heidegger und Autor XY oder eben, indem Du selbständig formulierst, anhand von Heideggers Text, was Dir kritikwürdig erscheint. So geht nun einmal Philosophie, Logik und Beweisführung. Ich kann das leider nicht ändern.

    Du würdest Dir selbst und anderen einen Gefallen tun, wenn Du Dich auf konkrete Texte und nicht auf allgemeine Lebens- und Leseweisheiten kaprizierst.

    Auswendig lernen übrigens kann man nur, was man auch gelesen hat. Und nur was man gelesen hat, kann man kritisieren. Heidegger hast Du ersichtlich nicht gelesen. Und bevor Du also über Kritik oder Affirmation urteilst, lerne Lesen.

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