Ein Riß in der Geschichte – Heiner Müller zum 90. Geburtstag

„Und nächtens stürzen sie aus roten Schauern
Des Sternenwinds gleich rasenden Mänaden“
(Georg Trakl)

„Bei den Maschinen werd ich zur Maschine. (…).
Arbeiterrußland, der neue Planet“
(Heiner Müller, Zement)

„Der Aufenthalt in der DDR war in erster Linie ein Aufenthalt in einem Material.“
(Heiner Müller, Krieg ohne Schlacht)

Aus diesem Material heraus, das dieser Staat bot, sammelte Müller kräftig: Szenen, Gestalten, Mythen und auch das Gegenbild zum Faschismus, die neue Ordnung, die neuen Menschen lieferten ihm die nötigen Geschichten. Bei seinen ersten Dramen „Der Lohndrücker“ und „Die Umsiedlerin“ brachte ihm dies erhebliche Probleme. Ein Gegen-Brecht-Theater gleichermaßen – wenngleich auch das Theater Brechts von den Funktionären kritisch beäugt wurde – und doch vom großen Meister beeinflußt. Aber eben kein Lehrtheater mehr. Müller betrachtete sich in seelenruhiger Gelassenheit die dunkle Seite nicht nur des Sozialismus, sondern auch des Menschen. So schreibt er in seiner Autobiographie „Krieg ohne Schlacht“: „Tragik war fast gleichbedeutend mit Faschismus. Brechts aufklärerische Pose gegenüber dem Mythos. Die vorsätzliche Blindheit für die dunkle Seite der Aufklärung, ihre Schamteile.“

Müller schuf die geschichtsphilosophische Tragödie – frei nach Benjamins Engel der Geschichte: daß da hinter dem Engel, den ein Sturmwind aus dem Paradies trägt, die Trümmer sich häufen. Bei Müller ist die Geschichte nicht nur einfach das Weltgericht, sondern bereits die (Kleistsche) Schlachtbank und nicht mehr bloß eine Tragödie, sondern die Verzweiflung oder genauer gesagt, ein Bild für die objektive Verzweifelung:

„Ich bin der Engel der Verzweiflung. Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus, die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber. Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei. Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken. Meine Hoffnung ist der letzte Atem. Meine Hoffnung ist die erste Schlacht. Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt. Ich bin der sein wird. Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen.“

Aber es blieben Revolte wie auch die Revolution aus. Literatur oder und im besonderen das Theater, mithin die dramatische Dichtung und nicht die epische, ist bei Heiner Müller der Ort, wo diese Fragen ausgetragen werden: in ästhetischer Verdichtung, in gewaltigen Bild- und Textreigen, in wortmächtiger Sprache, wie etwa in „Die Umsiedlerin“. Verse wie in antiker Tragödie. Arbeiter sprechen nicht so. Aber es sind eben doch Arbeiter, die da gezeigt werden und die uns, den Zuschauern, etwas erzählen. Es hat Gründe, daß Müller niemals längere Prosa schrieb. In der dramatischen Dichtung konnte er pointieren, zuspitzen und auf Zeit und Raum ein geschichtliches Szenario verdichten. Doch schuf Müller keine Lehrstücke mehr, sondern geschichtsphilosophische Tragödien lieferte er uns, und aus diesem Grunde eben war ihm auch die DDR ästhetisches Material – wie überhaupt der Materialbegriff und das Sammeln für Müller wesentlich sind. In den (für ihn kurzen) Zeiten des Exils in der Bundesrepublik versiegte die Produktion von Theaterstücken und Müller wandte sich wieder dem Gedicht zu.

„Die christliche Endzeit der MASSNAHME [also Brecht Theaterstück, darin die messianische Erlösung nur noch der Terror einer Entzeit ist, der unendliche Aufschub. Hinweis Bersarin] ist abgelaufen, die Geschichte hat den Prozeß auch die Straße vertagt, auch die Chöre singen nicht mehr, der Humanismus kommt nur noch als Terrorismus vor, der Molotow-Cocktail ist das letzte bürgerliche Bildungserlebnis. Was bleibt: einsame Texte, die auf Geschichte warten. Und das löchrige Gedächtnis, die brüchige Weisheit der Massen, vom Vergessen gleich bedroht. Auf einem Gelände, in dem die LEHRE so tief vergraben und das außerdem vermint ist, muß man gelegentlich den Kopf in den Sand (Schlamm, Stein) stecken, um weiterzusehen. Die Maulwürfe oder der konstruktive Defaitismus.“ (Müller, Verabschiedung des Lehrstücks)

Müller zehrt vom Mythos. Medea, Herakles, Odysseus, Philoktet und insbesondere die tragische Figur des Prometheus, jenes Ersten des menschlichen Heiligenkalenders, wie Marx schrieb, jener Prometheus, der den Menschen das Feuer brachte und zur Strafe von den Göttern an den Kaukasus gefesselt wurde, und sich verweigerte, als der Held Herakles ihn zu befreien sich anschickte.

„Prometheus, der den Menschen den Blitz ausgeliefert, aber sie nicht gelehrt hatte, ihn gegen die Götter zu gebrauchen, weil er an den Mahlzeiten der Götter teilnahm, die mit den Menschen geteilt weniger reichlich ausgefallen wären, wurde wegen seiner Tat beziehungsweise wegen seiner Unterlassung im Auftrag der Götter von Hephaistos dem Schmied an den Kaukasus befestigt, wo ein hundsköpfiger Adler täglich von seiner immerwachsenden Leber aß.
(…)
Leicht hätte sich Prometheus selbst befreien können, wenn er den Adler nicht gefürchtet hätte, waffenlos und erschöpft von den Jahrtausenden wie er war. Daß er die Freiheit mehr gefürchtet hat als den Vogel, zeigt sein Verhalten bei der Befreiung. Brüllend und geifernd, mit Zähnen und Klauen, verteidigte er seine Ketten gegen den Zugriff des Befreiers. Befreit, auf Händen und Knien, heulend in der Qual der Fortbewegung mit den tauben Gliedmaßen, schrie er nach seinem ruhigen Platz am Stein, unter den Fittichen des Adlers, mit keinem andern Ortswechsel als dem von den Göttern durch gelegentliche Erdbeben verfügten.“

Die DDR war Müllers Schicksal, für solche Art von Literatur ein Glücksort, wenn auch nicht für die Menschen, die unter dieser Diktatur leben mußten. Wobei man auch hier wieder eine schöne Anekdote aus jenen Tagen der Diktatur erzählen kann:

„Als Hermlin im Zentralkommitee nach meinem Stück [Die Umsiedlerin] fragte, war die empörte Antwort, daß die DDR bei mir als Diktatur dargestellt würde. Hermlin sagte: ‚Das verstehe ich nicht, wir haben doch die Diktatur des Proletariats.‘ Das war auch in meinem Denken: eine Diktatur um den Preis des Aufbaus einer neuen Ordnung, die vielleicht noch entwickelbar ist, eine Diktatur gegen die Leute, die meine Kindheit beschädigt hatten. Das eine war für mich das alte Deutschland, und das andere war das wenn auch schlechte neue.“ (Müller, Krieg ohne Schlacht)

Illusionen trüben oft den politischen Blick von Intellektuellen. Die besten Instanzen zur Sicht auf Politik sind sie nicht – was man aktuell am Fall von Robert Menasse sieht: die Abschaffung des Nationsstaates dürfe mehr und schwerwiegender Probleme erzeugen, als daß es Nutzen schaffte. Müllers DDR war, wie auch für Brecht, das bessere Deutschland, und nicht immer wirkte Müller in der DDR rühmlich, von seinen Stasi-Verstrickungen, die er in seiner Autobiographie elegant umschiffte, angefangen, oder etwa in jenen Jahren als Redakteur beim „Sonntag“ in den 50ern. Er war, wie er sich selbst beschreibt, ein Werkzeug, eine Kreatur Johannes R. Bechers, des damaligen Kulturministers der DDR. Dennoch: Müller blieb selbstkritisch und er wußte darum, daß er sich manches Mal verbiegen mußte, wollte er auf den Bühnen gespielt werden:

„Ich konnte mir eine Existenz als Autor nur in diesem Land vorstellen, nicht in Westdeutschland. Ich wollte ja nicht nur dieses Stück [Die Umsiedlerin] geschrieben haben, sondern auch noch andere Stücke schreiben. Knast war keine Alternative, und weggehen war auch keine. Meine eigene Existenz war die als Autor von Theaterstücken, und die Realität eines Theaterstücks ist seine Aufführung.“ (Müller, Krieg ohne Schlacht)

Wenn man in Müllers „Krieg ohne Schlacht“ von jenen Sprachregelungen liest, denen die Kulturpolitik der DDR aufsaß, fühlt man sich freilich sehr an heutige Bilderstürmer, Gendergagaisten und Negerwortsucher erinnert, die Literatur nach bösen Begriffen abfahnden. Glücklicherweise besitzen diese Leute keine politische Macht, und man sollte alles dafür tun, daß dies auch so bleibt. Was passiert, wenn die politische Haltung zur Maßgabe der Kunst wird, kann man an den kulturpolitischen Debatten der DDR zur Kunst sehen. Mit böser Zunge freilich ließe sich dazu auch schreiben: Wenigstens interessiert sich die Politik hier für die Kunst.

Mülleres Sujet ist die Geschichte, die deutsche Geschichte: Von den Tiefen Germanias, vom deutschen Wald, von deutscher Art, von deutschem Krieg und diese Geschichte führt uns eben auch einer der Wege bis kurz vor Moskau, bis hin zur Wolokolamsker Chaussee

„DIE WUNDE HEINE beginnt zu vernarben, schief; WOYZECK ist die offene Wunde. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt, der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, daß der Hund als Wolf wiederkehrt. Der Wolf kommt aus dem Süden. Wenn die Sonne im Zenit steht, ist er eins mit unserm Schatten, beginnt, in der Stunde der Weißglut, Geschichte. Nicht eh Geschichte passiert ist, lohnt der gemeinsame Untergang im Frost der Entropie, oder, politisch verkürzt, im Atomblitz, der das Ende der Utopien und der Beginn einer Wirklichkeit jenseits des Menschen sein wird.“ (Heiner Müller, Die Wunde Woyzeck)

Das erst, im letzten Blitz von den Bomben, im Glanz des Elends vom Ende: da erst ist die Posthistoire komplett, ist das Ende der Geschichte, das Ende aller Geschichte. Heiner Müller ist seit 23 Jahren tot.

10 Gedanken zu „Ein Riß in der Geschichte – Heiner Müller zum 90. Geburtstag

  1. Ich hoffe, dass Heiner Müllers Zeit nicht wiederkehrt. Er hatte es nicht leicht, zum Schluss hat er es aber leicht zu nehmen gewusst. Seine Autobiographie ist doll, auch ein paar seiner späten Interviews. Ich habe ihm einmal – öffentlich, in einem von der Union Banque Swiss, hehe, finanzierten Forum – Müller als Auftragsredner des Schweizerischen Großkapitals – was wäre da nicht alles zu entlarven gewesen für unsere jungen sklavereifeindlichen Dekonstruktivisten… – gefragt, ob die DDR ’89 eine friedliche Revolution hervorgebracht habe. Seine lächelnd, melodiös und leis‘ vorgetragene Antwort war sehr kühl und – kokettierte augenscheinlich – mit dem blutigsten Zynismus. Ich hab‘ sie einfach stehen lassen. Es schien mir damals – ickjloobe ’90, ich könnte nachgucken, weil ich das aufgeschrieben habe, schon so vor, als ob von Heiner Müllers Antwort nichts abhinge.

    Der Europäische Nationalstaat ist eine große Institution, die mich, so hoffe ich, vor den Unwägbarkeiten des voluntaristischen Internationalismus so gut es geht schützt.

  2. Nicht zu vergessen „Mauser“, die Geschichte eines Scharfrichters in der Russischen Revolution den das viele Töten wahnsinnig macht „Und Leben Gundlings – Friedrich von Preußen – ´Lessings Schlaf Traum Schrei“ über das Verhältnis des Intellektuellen zur Macht

  3. Unvergessen die Podiumsdiskussion die wir damals zu diesem Stück veranstaltet haben mit von Thadden, Thümer-Rohr, Treusch-Dieter und Leggewie auf dem Podium, die alle zu eiern begannen als es um die Frage der kritischen Distanz zum Staat an sich ging und sich ins wunderbar Allgemeine abseilten.

  4. @Dieter Kief: Von der Müllerschen Abgeklärtheit bzw. seiner späteren Leichtigkeit kann man wohl einiges lernen.

    @ che: Von Müller ist so vieles interessant: Zu erwähnen noch Germania und Wolokolamsker Chaussee.

    Einen Staat an sich gibt es auch nicht, denn der Staat ist Audruck der jeweilgen Gesellschaftsordung und Hegelianisch gesprochen ebenso der Ausdruck der gesellschaftlichen Sittlichkeit. Ich kann da immer nur wieder allen Hegels „Rechtsphilosophie“ ans Herz legen, insbesondere die Passagen über die Bürgerliche Gesellschaft. In dieser wäre ein Heiner Müller so nicht möglich, dazu bedurfte es der totalitären Diktatur eines real existierenden Sozialismus.

  5. Die Frage ist halt wie totalitär. Unter Stalin himself wäre Müller nicht mehr möglich gewesen. Dass er sich in seinem Stück an Preußen abgearbeitet hat als Metapher für die DDR ist ja nicht von ungefähr.

  6. Na ja, Müller schrieb schon noch unter dem Einfluß des Stalinismus. „Die Lohndrücker“ erschienen 1956.

    Preußen als Ersatzort zu wählen, eine Geschichte einfach in die Antike zu legen und wie überhaupt andere Läner waren immer eine gute Möglichkeit das zu sagen, was man sonst nie hätte sagen dürfen. Gerade bei Müller. Wird man sicherlich auch bei Peter Hacks feststellen können.

  7. @ Dieter Kief, Nachtrag noch: „Krieg ohne Schlacht“ ist in der Tat eine ganz hervorragende Autobiographie und ich rate sie auch jedem zum Müller-Einstieg an. Und dann weiter mit den Müller-Material, damals bei Reclam Leipzig, heute glaube ich bei Steidl im Verlag.

  8. Ich hatte geschrieben „unter Stalin himself“ und meinte damit die Sowjetunion 1931-53. Der dortige Terror war mit dem DDR-Regime nicht vergleichbar.

  9. Ja, nur Müller lebte nicht in der Sowjetunion, sondern in der DDR. Da, wo auch die Stalinallee lag, zu einer Zeit, als der Geist Stalins dort noch lange nachwehte. Und wie sang es Biermann so schön: „Es hat nach dem Großen Parteitag, so mancher ins Hemde geschissen.“ Die Angst, der Stalinismus waltete eben auch in der DDR und genauso der Terror, wenn auch in anderem Ausmaß: willkürliche Verhaftungen, Repressionen, monatelanges Eingesperrtsein. Ich empfehle jedem Berlinbesucher eine Führung im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Insofern war die DDR niemals das besser Deutschland, wie so viele Intellektuelle es annahmen und sie verschlossen ihre Augen und ihre Sinne. Wo war die Stimme von Anna Seghers, als Walter Janka verschwand? Nein, es war nicht wie zu Stalins Zeiten, zu den Zeitender großen Säuberung. Da empfehle ich sehr von Schlögel „Terror und Traum“.

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