Literarische Romantik, Surrealismus oder politischer Ästhetizismus? Walter Benjamin zum 125. Geburtstag

„Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den urspr[ünglichen] Sinn wieder. Romantisieren ist nichts, als eine qualit[ative] Potenzierung. (…) Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnißvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe so romantisiere ich es.“ (Novalis, Vorarbeiten zu verschiedenen Fragmentsammlungen)

Es ist dies die wohl bekannteste und populärste Ausbuchstabierung der literarischen Romantik – knapp vor der Wende zum 19. Jahrhundert, um 1798 geschrieben. Ein ungeheurer Bruch waren diese Sätze allemal, insbesondere gegenüber der Literatur der Aufklärung, die nach Wielands Überlegungen dem Wunderbaren und Außergewöhnlichen den Charakter des Wahrscheinlichen geben sollte, aber auch gegenüber dem Sturm und Drang sowie seiner pietistischen Empfindsamkeit, die bis zum Tränenkitsch reichte. Aber nichts bleibt unter den Auspizien der Moderne, wie es war. Transformation und Transgression sind die Wesenszüge dieser ästhetischen Moderne. In Walter Benjamins Kurzessay „Traumkitsch“ – 1925 geschrieben, erschienen 1927 in der „Neuen Rundschau“ unter dem Titel „Glosse über den Sürrealismus“ – heißt es:

„Es träumt sich nicht mehr recht von der blauen Blume. Wer heut als Heinrich von Ofterdingen erwacht, muß verschlafen haben.“ (Benjamin, Traumkitsch)

Das ist im Sinne der Surrealisten richtig und zugleich falsch. Denn auch im Surrealismus etwa eines Louis Aragon (1897 – 1982) finden wir jenes Poetisieren des Gewöhnlichen. In diesem Sinne kann man ebenso Aragons „Le Paysent de Paris“ (wie auch den literarischen Surrealismus Bretons) als Fortschreiben des romantischen Projekts lesen: gewöhnliche Dinge wie das Geschehen in einer Pariser Passage nahe der Oper oder eine Nacht in dem Parc des Buttes-Chaumont werden in Traum-Bilder verwandelt, Straßenszenen geraten ins Wunderbare, Gewöhnliches wird verklärt.

Aragon schreibt in „Le Paysan de Paris“ über den Surrealismus:

„Dieses Laster, genannt Surrealismus, besteht in dem unmäßigen und leidenschaftlichen Gebrauch des Rauschgiftes Bild oder vielmehr in der unkontrollierten Beschwörung des Bildes um seiner selbst willen und auf daß es im Darstellungsbereich unvorhersehbare Umwälzungen und Metamorphosen bewirkt: denn jedes Bild zwingt euch immer wieder von neuem das ganze Universum zu revidieren. Und jeder Mensch ist aufgefordert, ein Bild zu finden, das das ganze Universum abschafft.“

Allein die neoromantische Kulisse jenes 1867 anläßlich der Weltausstellung unter Napoleon III. eröffneten Parks Buttes-Chaumont im 19. Arrondissement – gebaut sinnigerweise am Rand der ehemaligen Mülldeponie von Paris – ist als Ort der Phantasie und des Spazierens in künstlicher Natur dazu angetan, vom Romantischen ins Surreale verschoben und verdichtet zu werden. Metapher und Metonymie – schon in Freuds „Traumdeutung“ als Verdichtung und Verschiebung gelesen. Aragons „Le Paysent de Paris“, das ist die verklärte Nacht und zugleich schallt auch bei Aragon lautstark der Brechtsche Ruf aus seinem Stück „Trommeln in der Nacht“: „Glotzt nicht so romantisch!“ Diesen Verzückungsspitzen romantischer Subjektivität wohnt zugleich aber die Destruktion inne. Den evozierten Bildern und den Transformationen des Gewöhnlichen ins Geheimnisvolle haftet ebenso der Schrecken an.

„Metaphysik der Orte, du bist es, die die Kinder in den Schlaf wiegt, du bist es, wovon sie träumen.“ (Aragon Le Paysan de Paris)

Das können auch Alpträume sein. Die der Gegenwart. Diese Orte finden sich nicht mehr in der Natur, sondern es sind – wie bereits bei Baudelaire – die Städte, also Kunstlandschaften,  in denen der berauschte Flaneur imaginiert und poetisiert. Der Weg führt nicht mehr hinab in die Bergwelt oder Waldeinsamkeit, sondern ganz im Gegenteil ist es der „Mann in der Menge“ (Poe), der das ästhetische Korrektiv der literarischen deutschen Romantik liefert. Freischwebender, von der Erwerbsarbeit freigestellter Massenmenschen – so auch die Surrealisten, doch zugleich individualisiert, bis hin zum Terrorismus – man denke an Bretons Zitat vom Revolver und dem Schuß in Menge:

„Hier wurde der Bereich der Dichtung von innen gesprengt, indem ein Kreis von engverbundenen Menschen ‚Dichterisches Leben‘ bis an die äußersten Grenzen des Möglichen trieb. Und man kann es ihnen aufs Wort glauben, wenn sie behaupten, Rimbauds ‚Saison en Enfer‘ habe keine Geheimnisse für sie mehr gehabt. Denn dieses Buch ist in der Tat die erste Urkunde einer solchen Bewegung. (…) Kann man, worum es hier geht, endgültiger und schneidender vorbringen als Rimbaud es in seinem Handexemplar des genannten Buches getan hat? Da schreibt er, wo es heißt: ‚auf der Seide der Meere und der arktischen Blumen‘, späterhin an den Rand: ‚Gibt’s nicht‘. (W. Benjamin, Der Sürrealismus)

Benjamins Ästhetik greift Motive des Surrealismus auf: die Magie des Bildes, die Benjamin später dann in den 30er Jahren im Passagenwerk zum dialektischen Bild transformiert, ebenso die Kraft des Rausches, die es im Sinne einer sich öffnenden Wahrnehmung ästhetisch fruchtbar zu machen gilt, so daß die unter der Oberfläche verborgenen Spannungen erscheinen. Charles Baudelaires Gedichte, die den Surrealismus vorausdachten, begleiteten Benjamin Zeit seines Lebens, ebenso Baudelaires Konzept von Modernität. In der Moderne verbinden sich das Zufällige, das Entschwindende mit dem Ewigen, das Schöne ist jene Rüsche am Kleid der Ewigkeit, und manchmal findet es sich an einem Aas am Wegesrand oder im toten Gesicht der Kokotte. Zunächst aber geht es Benjamin darum, in die neue Moderne des 20. Jahrhunderts eine Schneise zu schlagen, der Surrealismus liefert dazu von der Technik her, das ästhetische Material zu gestalten, die avanciertesten Mittel:

„Der Traum eröffnet nicht mehr eine blaue Ferne. Er ist grau geworden. Die graue Staubschicht auf den Dingen ist sein bestes Teil. Die Träume sind nun Richtweg ins Banale. Auf Nimmerwiedersehen kassiert die Technik das Außenbild der Dinge wie Banknoten, die ihre Gültigkeit verlieren sollen.“

Philosophie und Analyse fast schon im Gewand der Literatur, zumindest aber bei Benjamin in einer ästhisch ansprechenden Form dargeboten. Doch das Moment des Geschichtsphilosophischen deutet sich in Benjamins „Traumkitsch“ bereits an:

„Die Geschichte des Traumes bleibt noch zu schreiben, und Einsicht in sie eröffnen, hieße, den Aberglauben der Naturbefangenheit durch die historische Erleuchtung entscheidend schlagen.“

1934, in seinem stark unter Brechtschem Einfluß verfaßten Text „Der Autor als Produzent“ radikalisiert Benjamin sowohl die Arbeit des Künstlers wie auch Form die Kunst, die sie in einer kommunistischen Gesellschaft haben müsse:

„In Deutschland sind die maßgebenden politisch-literarischen Bewegungen des letzten Jahrzehnts von dieser linken Intelligenz ausgegangen. Ich greife zwei von ihnen heraus, den Aktivismus und die neue Sachlichkeit, um an ihrem Beispiel zu zeigen, daß die politische Tendenz, und mag sie noch so revolutionär scheinen, solange gegenrevolutionär fungiert, als der Schriftsteller nur seiner Gesinnung nach, nicht aber als Produzent seine Solidarität mit dem Proletariat erfährt.“ (W. Benjamin, Der Autor als Produzent)

„Der Sowjetstaat wird zwar nicht, wie der platonische, den Dichter ausweisen, er wird aber – und darum erinnerte ich eingangs an den platonischen – diesem Aufgaben zuweisen, die es ihm nicht erlauben, den längst verfälschten Reichtum der schöpferischen Persönlichkeit in neuen Meisterwerken zur Schau zu stellen.“ (W. Benjamin, Der Autor als Produzent)

Zweifellos vulgärmarxistische Motive und wie Benjamin es in seinem ein Jahr später geschriebenen Essay „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ dann zuspitze: der Ästhetisierung des politischen Lebens setzte Benjamin die Politisierung der Kunst entgegen. Kunst als Waffe im Klassenkampf – unter heutiger Perspektive fragwürdig, doch unter den Bedingungen des Faschismus in Europa zumindest plausibel. Seinem skeptischen Freund Gershom Scholem dürften solche Zeilen übel aufgestoßen sein, Adorno ebenfalls, wie er dies auch in seinem legendären Brief aus London vom 18.3.1936 an Benjamin vermerkte:

„Es ist mir nun bedenklich, und hier sehe ich einen sehr sublimen Rest gewisser Brechtscher Motive, daß Sie jetzt den Begriff der magischen Aura auf das ‚autonome Kunstwerk‘ umstandslos übertragen und dieses in blanker Weise der gegenrevolutionären Funktion zuweisen. (…) Es scheint mir aber, daß die Mitte des autonomen Kunstwerks nicht selber auf die mythische Seite gehört (…) sondern in sich dialektisch ist: daß sie in sich das Magische verschränkt mit dem Zeichen der Freiheit.“

Benjamin schrieb und dachte sicherlich nicht in jenen Schriften philosophisch am stärksten, wo er sich radikal auf eine Seite schlug: sei es in den Frühschriften, wo es teils mystisch-messianisch dunkelte oder in manchen seiner späteren Texte, die einem proletarischen Materialismus schlechter und undialektischer Unmittelbarkeit anheimfielen. Viel Verrätseltes in seiner messianisch-theologischen Anfangsphase, wolkige Stellen, wie Benjamin selbst es über die Prosa Kafkas schrieb.

Dialektik hingegen heißt nicht nur, auf die Extreme hin zuzuspitzen und dann zu vermitteln, sondern gleichsam in einer Pendelbewegung die Widersprüche auszutragen. Austariert und doch radikal in einem geschieht dies in Benjamins letztem Werk „Über den Begriff der Geschichte“: Die Puppe historischer Materialismus kann es, wie es in seiner ersten These heißt, „ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht blicken lassen darf.“ Darüber kann man auch für die Gegenwart noch nachdenken, wenngleich eher auf der Ebene der Theorie, denn die klassische Linke samt proletarischem Internationalismus, ist weitgehend passé, und selbst an metaphysischen Ambitionen fehlt es der gegenwärtigen Linken an allen Ecken und Kanten. Ein Großteil der westlichen Linke sammelt lieber Gendersterne, die sie wie der Volkschullehrer die Fleißbienen brav verteilt, und delektiert sich an Spezialinteressen, die weniger mit der gesellschaftlichen Lage, und mehr mit dem eigenen Lebensstil zu tun haben, der bewahrt werden soll.

Von der politischen Aktualität her, so scheint es, ist es um Benjamins Variante des eingreifenden Denkens problematisch bestellt: Internationalistischer, proletarischer Klassenkampf rückte in weite Ferne und mag allenfalls in Ländern des Trikont eine Rolle spielen. Die politische Linke ist tot wie selten oder reibt sich im Kleinklein. Bedeutsam ist Benjamins Denken heute vor allem für die Kunsttheorie. Die Wunde Surrealismus, das dialektische Bild, die Bedeutung der Technik, wenn der Künstler das ästhetische Material bearbeitet. Der Künstler als Produzent oder als autonomer Schöpfer? Die Bedeutung der Reproduktion als Medium der Kunst.

Die gesellschaftspolitischen Gehalte seiner Philosophie freilich, im Kontext zudem mit einer Idee von Proletariat und damit korrespondierend seine Diagnose über eine Geschichte als Katastrophe klingen in unseren heutigen Ohren einerseits veraltet; diese Gehalte sind jedoch andererseits angesichts von heraufdämmernden Katastrophen wie Klimakriegen und politischer Verwerfungen sowie der ausgerufenen Epoche des Anthropozäns wieder zu aktualisieren. Geschichte nicht bloß als Kontinuum zu denken:

„Der historische Materialismus muß das epische Element der Geschichte preisgeben. Er sprengt die Epoche aus der dinghaften ‚Kontinuität der Geschichte‘ ab. Er sprengt aber auch die Homogeneität der Epoche auf. Er durchsetzt sie mit Ekrasit, d. i. Gegenwart.“ (W. Benjamin, Passagenwerk)

Dieses Aufsprengen des Kontinuums ist zugleich eine ästhetische Leistung. Mit den Mitteln der Kunst, für die Geschichte. Der Begriff des Fortschritts als teleologisches Modell ist zu hinterfragen.

„Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Daß es »so weiter« geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende sondern das jeweils Gegebene.“ (W. Benjamin, Passagenwerk)

„Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“ (W. Benjamin, Notizen zu den Geschichtsphilosophischen Thesen)

Diese Einsichten sind festzuhalten. „Solange es noch einen Bettler gibt, solange gibt es noch Mythos“, schreibt Benjamin, ebenfalls in seinem großen „Passagenwerk“-Fragment. Diese Sätze sind nicht so sehr im Sinne eines unmittelbaren revolutionären Eingreifens zu lesen, das heute in den wirtschaftsliberalen Demokratien des Westens nicht mehr nach dem Modell der klassischen Revolution abläuft, sondern angesichts einer sich verhärteten Gesellschaft vielmehr als eine regulative Idee zu nehmen. Empirischer und transzendentaler Charakter beziehen sich zwar aufeinander und sind zugleich doch voneinander zu scheiden. In solchem Regulativ eben besteht Benjamins (wie auch Adornos) anhaltende politische Aktualität. Wie für das Denken von Gesellschaft solche philosophische Vermittlung von Hegels Dialektik mit Kants Transzendentalphilosophie ausschaut, kann man insbesondere in Adornos letztem Teil seiner „Negativen Dialektik“, den „Meditationen zur Metaphysik“, ablesen. „Begierde des Rettens und Block“ heißt dort ein Text, wo es um Kants Ding an sich als gleichzeitig rettender Instanz des Einspruchs geht. Auch Benjamin war diese Begierde des Rettens nicht fremd:

„Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.“ (W. Benjamin, Goethes Wahlverwandtschaften)

Photographie: Creative Common-Lizenz: walter Benjamin, made with iPad, Renée, Flickr walter benjamin | by bhlogiston walter benjamin

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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22 Antworten zu Literarische Romantik, Surrealismus oder politischer Ästhetizismus? Walter Benjamin zum 125. Geburtstag

  1. Dieter Kief schreibt:

    Der Fortschritt ist in … der materialistische Blick auf die … der Histomat ist episch nur in dem Sinne, dass er…:Die Hoffnung! – – jetzt kommt aber George, jetzt kommt dann Bonn, Athen (=ein Fries !(Oh Himmel…)), jetzt kommt die Schlacht nach der Schlacht, dann die Schlacht vor der Schlacht, dann kommt die Niederlage und der Sieg, jetzt kommt auch noch der Sieg, der sich in eine Niederlage verkehrt hat, obwohl er ironischerweise als Niederlage bereits intendiert war, b e v o r er sich noch als Sieg – wie chimärisch (oder chthonisch oder…) – als Sieg, sag ich zu erkennen gegeben hat, das Chimärische seines Wesens so nur noch deutlicher hervortreten zu lassen – nun: Das aber alles noch in Bonn, aus der Sicht Georges, mit Blick auf Beethoven durch die Brille Benjamins. Gut: Und als Gegenwurf eben – bitte den Blick in die Hölle zu wenden (in der Hölle waltet jetzt nicht mehr der Teufel) also: Den Blick bitte in Dantes Hölle wenden, dort sind in den Carceri d’inventione auf dialektische Weise haargenau diejenigen anzutreffen, deren Schicksal es ihnen gebeut, den Subtext zu bilden, auf den unser Denker ein letztes Mal rekurriert, bevor er mit jenen Besiegten freilich nicht die komplette Dunkelheit anbrechen lässt, sondern: Erneute Volte, alle, denen vor lauter Drehbewegungen des Geistes längst kotzübel ist: „Nur einmal noch, /dann falln wir tief in dieses schwarze Loch“, ein schwarzes Loch, von dem heutigentags der Deutschrock weiß; vorher, vor solchem Deutschrock-Höllensturz, kommt aber zur ganz geringen Verblüffung der Kundigen: Die Hoffnung auf’s Tapet, die selbst den Verworfenen aus dem Danteschen Dunkel scheint.

    Jetzt letze Station anlässlich größtmöglicher Paradoxa-Ballung („Hoffnungslose/Hoffnung“), und letzte Gelegenheit sich wegen endgültigem dialektischen Drehschwinddel zu erleichtern; dann bricht das ganze ab und entlässt uns in ein schwach glosendes Morgen.

    Es ist mit einem Wort der reine, auf Effekt dressierte und zugegebenermaßen hochgezüchtete, aber nichtsdestotrotz: Einwandfrei als solcher identifizierbare Kitsch. So meilenweit wie sternenfern von Goethe und dessen ja ziemlich zurechnungsfähigen „Wahlverandtschaften“ weg, dass es freilich schon wieder seine eigene, nämlich „mystische“ (Benjamin) Ordnung hat.

    „Nichts bindet den Menschen so sehr an die Sprache wie sein Name. Er ist willkürlich, seines Klanges wegen gewählt worden, ein Zug, in dem durchaus eine Analogie zum Versetzen der Grabsteine erblickt werden darf.
    Nie ist die Fülle vorverkündender und paralleler Züge im Roman den Kritikern entgangen. Sie gilt als nächstgelegner Ausdruck seiner Art schon längst für genugsam gewürdigt.“

    (Er hat es beizeiten geahnt, dass „pfeilgrad“ (E. Henscheid) alles, was ihm durch den Kopf zog, gesagt war, aber er war nun mal so im Schuss, dass er einfach weiter und immer nur weiter schrieb. So fing das mit dem Wahlverwandtschaften-Aufsatz an, und so – (cf. Wolfgang Ambros: „So hört des auf/ So wird des weidagehn“) – wird das vorläufig wenigstens – – auch weitergehn. –

    – Und in all seinem Schein-Durchblick eine einwandfreie Correspondence darstellen zur Benjaminschen Blindheit gegenüber dem UdSSR-Terror.

  2. Bersarin schreibt:

    Zumindest war Benjamin nicht blind gegenüber dem Faschismus. Was man von den meisten Deutschen nicht sagen konnte. Die taten und machten fröhlich mit.

    Was Sie über den Wahlverwandtschafts-Essay schreiben, ist leider etwas zu einfach gedacht. Macht aber nichts. Dem Benjamin wird es nicht weiter schaden. Ich denke auch die Pointe des letzten Satzes, in dem der Essay zuspitzt und terminiert, haben Sie nicht erschöpfend zu Ende gedacht, und vor allem nicht in der Konstellation mit Goethe.

    Schön freilich das Zitat zum Namen: da haben Sie etwas auf den Punkt gebracht: Wer je als Kind im Gedankendickicht, wenn niemand zugegen war und das Denken so herumkreiste, durch die Landschaft oder die elterliche Wohnung stapfte und seinen eigenen Namen vor sich hin sprach, immer wiederholend, und fragte, warum dieser Name genau so und nicht anders laute und was er essentiell mit einem selbst zu tun habe, hat genau dieses Benjaminsche Moment intuitiv bei sich. Benjamin holt diese Kindheitserfahrung in die Philosophie ein. Das ist der Ausdruckscharakter der Sprache und hat zugleich etwas mit der Adamitischen Namensgebung zu schaffen.

  3. Dieter Kief schreibt:

    1) Er hat auch Hitler kaum einmal scharf gesehen. Nur wenige Intellektuelle haben damals auch nur ansatzweise verstanden, was da vor sich ging. Das lag daran, dass sie überwiegend in ihrer Welt lebten, und dass dieser Teil der Welt das ganze einer industrialisierten Massengesellschaft nicht mehr spiegelte.
    Von den Zeitgenossen lese ich mit Gewinn Bloch über die Attraktivität Hitlers, über seine Verführungskünste. Den Außenseiter Friedrich Reck – „Tagebuch eines Verzweifelten“, manchmal in Kempowskis „Haben Sie Hitler gesehen?“ und im „Echolot“, aber auch „Tadellöser & Wolf“.
    Thomas Manns „Bruder Hitler“ und „Doktor Faustus“. Fromms „Anatomie der menschlichen Destruktivität“.
    Gut unter den Zeitgenossen auch die Hammersteins. Einschließlich dem General Hammerstein von Equord (Enzensberger, „Hammerstein oder der Eigensinn“).

    Der vielzitierte Schlußsatz des Wahlverwandtschaften-Aufsatzes Benjamins ist ein sehr erfahrungs- und anschauungsfernes Paradöxle, ganz billig herzustellen, und in seiner jammervollen Grundgestimmtheit so Goethefern wie nur immer möglich. Der Goetheaufsatz ist so gesehen ein Etikettenschwindel und durch und durch unerquicklich. Keine Wahlverwandtschaft nirgends, dafür eine solipsistische Echokammer des eigenen Trübsinns. Furchtbar.

    Zum intellektuellen Versagen (nicht nur) Benjamins angesichts der UdSSR-Grausamkeiten gibt es einen soliden Aufsatz von Michail Ryklin in „Osteuropa“:
    https://www.zeitschrift-osteuropa.de/hefte/2009/7-8/requiem-auf-einen-traum/

    Aus der deutschen Underdog-Perspektive kann man das Problem sehr ausführlich geschildert finden in Georg K. Glaser „Geheimnis und Gewalt“. – Interessantes Detail am Rande, auf das ich heute morgen zufällig stieß: Als Glaser im Pariser Exil in den Vierziger Jahren endgültig Abschied nahm von der KPD, war es Arthur Koestler, der versuchte, ihn zum Bleiben zu überreden. Jetzt bin ich neugierig herauszufinden, wie Koestler eigentlich seine Glaser-Begegnung intellektuell verarbeitete. Koestler gilt heute als einer der großen Dissidenten – zu recht – aber hat er als solcher vom Underdog par excellence Goerg K. Glaser gelernt? Interessante Frage, wie ich finde.

    Qualtinger fällt mir noch ein. Seine fuminante „Mein Kampf“ Lesung. Aber natürlich auch die kabarettistischen Étuden über den Zusammenhang zwischen Sadimus und dem Wiener Schmäh und den Nazis.
    Drei große Anti-Hitler für mich: Dylan, Jagger und die Allman Brothers (ich könnte noch Jackson Browne nennen).

    2a) Slippery when wet.

    b) Es stimmt nicht, dass die Mehrheit der Deutschen fröhlich mitmachten beim Faschismus.

    Hier eine interessante Passage aus Ryklins o. a. Aufsatz – atemberaubend eigentlich. Sehr dicht.

    Gerade gegen die Sozialdemokraten – und die „angelsächsischen Imperialisten“ – richtete sich nach Unterzeichnung des Pakts, der das Ende der antifaschistischen Volksfrontpolitik bedeutete, der Kampf der Komintern. Vielleicht meint Benjamin, dass es Stalins von der Sozialdemokratie übernommenes Geschichtsbild war, das ihn zum Pakt mit Hitler verleitete? Vielleicht war der Leninismus, trotz des seit 1914 stetig wachsenden Hasses der Bolschewiki auf die Sozialdemokratie, dieser doch mehr verpflichtet, als sie es selbst glaubten? DIE KONSEQUENZ Die zweite wichtige These Benjamins lautet, dass die Geschichte, wie sie uns überliefert ist, eine Geschichte der Sieger sei, obgleich ihre Apologeten sie als Erzählung davon „wie es eigentlich gewesen“ ist ausgeben. Einer solchen Auffassung von Geschichte widerspricht Benjamin im Laufe des Textes immer deutlicher, bis er sie am Ende in der XVI. These als Hure […] im Bordell des Historismus“ bezeichnet. Diesem Verständnis stehe der historische Materialismus entschieden entgegen, der die Geschichte „gegen den Strich“ bürste (VII. These) und so eine Alternative zum fortschrittsgläubigen „Objektivismus“ schaffe. Die Geschichte der Besiegten sehe daher so aus: Ihr Subjekt, das Proletariat, rächt – indem es den berühmten „Tigersprung unter dem freien Himmel der Geschichte“ vollführt – die Leiden der Ahnen, der Geknechteten der Vergangenheit und beschränkt sich nicht darauf, die glückliche Zukunft für die Enkel vorzubereiten. Das Proletariat rettet das Vergangene vor dem Vergessen, dem die Geschichte der Sieger es anheim gestellt hat, und macht es dem Menschen erstmals möglich, sich die Vergangenheit vollständig anzueignen: „Freilich“, heißt es in der dritten These, „fällt erst der erlösten Menschheit ihre Vergangenheit vollauf zu. Wenn Benjamin die „Einfühlung“ in die Vergangenheit, „wie sie eigentlich gewesen ist“, kritisierte und ihr eine Geschichte gegenüberstellte, die im „Augenblick einer Gefahr aufblitzt“, so polemisierte er damit nicht nur gegen die Sozialdemokraten, sondern auch gegen den Faschismus, der siegreich durch Europa zog. Benjamin sah deutlich die Gemeinsamkeiten von Faschismus und Kapitalismus. Doch das, was im Augenblick der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts wichtiger gewesen wäre, nämlich der – in der späteren Totalitarismustheorie übertrieben betonte – ähnliche Umgang von Hitlerismus und Stalinismus mit der Geschichte, wird im Text mit keinem Wort erwähnt. Nicht nur ist vom Stalinismus nirgends direkt die Rede, auch sein Zugang zur Vergangenheit, sein Geschichtsverständnis wird nicht thematisiert. Dabei wurde Geschichte noch nie so gnadenlos als Siegergeschichte geschrieben wie in der Sowjetunion unter Stalin.

  4. Bersarin schreibt:

    Was den Widerwillen gegen die Sozialdemokraten betrifft: Tja, da hat sich nicht so viel geändert. Wenn die SPD auch sonst nichts kann – aber da beherrscht sie die Kontinuität. Doch Scherz beiseite.

    Benjamin wollte nicht Goethe noch einmal und ihn somit wiederholen, sondern er lieferte eine Interpretation von Goethes „Wahlverwandtschaft“. Das ist ein Unterschied ums Ganze. Und wenn Sie den Anfang seines Essays lesen, wo Benjamin Kritik und Kommentar differenziert, bekommen Sie eine Ahnung von Benjamins Methode. Dabei finden wir im Schlußsatz dieses klugen und weit über Goethe hinaussteigenden Essays jene Verquickung von Materialismus und Messianismus bzw. allgemeiner gesprochen eine eschatologische Perspektive, die eben für Benjamins Denken zentral ist: Die Welt vom Standpunkt der Erlösung betrachtet. Humaner allemal als die faschistische Erlösungszeremonie der Gaskammern oder die stalinistische des Gulag bzw. die kapitalistische von reiner Funktionalität und Warenproduktion. Aber die Zeiten waren nun einmal anders als die heutigen. Denker sollte man immer aus den Umständen ihrer Zeit begreifen und nicht ex post facto. Das ist zu simpel. Und hinzu kommt: Einen Aufsatz anhand zweier oder dreier Sätze zu beurteilen, ist exakt das Gegenteil von Philosophie und Philologie.

    Was dieser letzte und griffige Satz in Benjamins Essay jedoch zeigt, ist die Verschränkung verschiedener Perspektiven. Und aus diesem Grunde ist es falsch, Benjamin dem materialistischen oder dem theologischen Lager zuschlagen zu wollen. Es ist übrigens das Wesen eines solchen Satzes und macht seine Stärke aus, daß er genauso zum Aphorismus taugt, in dem sich der Geist eines Denkens verdichtet. Das kann immer dann zum Kitsch gerinnen, wenn solche Sätze als Slogans in den Raum geworfen werden. Davor sind weder Habermas, noch Kant noch Wittgenstein gefeit. Insofern kommt es auf den Kontext an, in dem der Satz in einem Essay zitiert wird, und nicht auf den Satz als eine Art Alleinstellungsmerkmal, das sich als griffige Parole postulieren oder an eine Universitätswand schreiben läßt. (Adorno war der Mißbrauch seiner Sätze in diesem Sinne ein Greul) Da liegt der zentrale Unterschied. In diesem Sinne weist der Satz auf eine eschatologische Perspektive und das ist im faustischen Sinne und im Erlösungsende vom Faust im Chorus Mysticus ganz und gar in der Linie Goethes.

    Was Benjamin als Denker interessant macht, ist, daß sich in ihm die Widersprüche seiner Zeit ausdrücken. Nicht anders als bei dem national(sozialistisch)-konservativen Heidegger. Nein, die bürgerliche Gesellschaft war Benjamins Sache nicht, er wußte, wovon er sprach, denn er entstammte dieser Klasse, und insofern war er deren genauster Beobachter, wenn man sich die Berliner Kindheit, die Denkbilder, Zentralpark oder die Einbahnstraße betrachtet.

    Von dem Messianischen in Benjamins Denken bekommt man ganz gut einen Eindruck in Lorenz Jägers mäßiger Benjaminbiographie, die leider zentrale Gehalte seines Denkens verfehlt. Wie schon die Adorno-Biographie. Muß man also nicht lesen. Ich empfehle immer noch von Palmier das Standardwerk zu Benjamin und ebenfalls von W. van Reijen „Aufenthalte und Passagen“. Aber eigentlich hat bereits B. Witte in seiner gelungenen Rowohlt-Monographie darauf luzid und deutlich hingewiesen. (Nichts gegen Jäger, aber er ist doch kein Safranski, der im Erzählen zu fesseln vermag.)

    Mit Hitler ist es wie mit Stalin: Hinterher waren alle schlauer. Wobei eben Hitler doch deutlich durchschaubarer war, denn er schrieb alles das, was er vorhatte, im Detail auf und löste es dann punktgenau ein. Wer Ohren zum Hören und Augen zum Sehen hatte, der konnte wissen. Jene, die blieben, wußten also, worauf sie sich einließen und jene, die flohen, immigrierten meist nicht in die UdSSR, weil sie, ob Brecht oder Benjamin, sehr genau wußten oder zumindest ahnten, daß ihnen dort kein weiteres Jahr mehr übrigblieb. Ach ja, die legendären Verbrechen Stalins. Schrieb Benjamin irgendwo eine Eloge auf Stalin? Können Sie mir die entsprechenden Textstellen nennen? Und auch der Aufsatz von Michail Ryklin zeigt doch ganz deutlich, daß Benjamin gerade nicht vor dem factum brutum der Geschichte versagte, sondern sich dieser Lage stellte. Und was die enttäuschten Träume betrifft: Da kehre jeder vor seiner eigenen Tür. Lieber schlecht träumen als sozialdemokratisches Laborieren. Die Zeiten waren andere. Klassenkampf von links gegen Rassenkampf von rechts. Da gab es für viele Intellektuelle nicht diese Differenzierungen. (Und das ist ja auch fürs Heute zu beobachten.)

    Ansonsten gilt für alle Zeitgeistphänomen und für die geschichtliche Gegenwart der unvergessen schlaue Satz von Hegel: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

    Heute wissen wir vieles besser. Was wir bei Benjamin finden, ist die bis zum Zerreißen auf die Extreme hin gespannte Dialektik. Oder aber eine Art negatives Bewegen, das aus den Widersprüchen kein Heraus weiß. Eminent modernes Denken also. Für Hegel jenes zerrissene Bewußtsein. Vielleicht wäre ein weniger brutaler und weniger antisemitischer Stalin sogar eine Chance gewesen. Preußentum, plus Elektrifizierung, plus Sozialismus = Kommunismus. Benjamin wagte diesen Traum. Das macht ihn mir in seinem spekulativen Überschwang allemal sympathischer als die Pragmatiker.

  5. Dieter Kief schreibt:

    Dissens. 1) Klarer Fall: Politisches Lavieren ist im Zweifel besser, als zu träumen.
    (Diesen Satz verteidige ich, seit ich politisch (und schreiberisch) handle).

    Und noch 2) der da, also Ihr Satz über den Schluss-Satz des Wahlverwandtschaften Essays:

    „In diesem Sinne weist der Satz auf eine eschatologische Perspektive und das ist im faustischen Sinne und im Erlösungsende vom Faust im Chorus Mysticus ganz und gar in der Linie Goethes.“

    Das ist doch sehr weit ab von Goethe. Der Grundunterschied ist, dass Benjamin – ohne es auszusprechen – die protestantische Sündenlehre über die gesamte menschliche Existenz ausgießt. Das ist übrigens theologisch relevant, weil er damit die jüdische Tradition vom auserwählten Volk explizit als nicht universalisierungsfähig revidiert. Insofern sind wir hier schon sehr nahe bei Jäger (und Nolte, nota bene).

    Aber halt weit weg von Goethe, der derlei verdruckstes und gedrücktes, grundverstimmtes Schlechtwetterdenken (und Empfinden) sein Lebtag zurückwies.

    PS
    Aus irgend einem Grund war dieser Art der ja von Haus auf (=a priori (cf. Alfred Leopold)) gar nicht verwerflichen Moll-Gestimmtheit nicht allein Goethe, sondern auch der von ihm stets mit einiger Skepsis betrachtete Jean Paul, vollkommen abhold. Beide komplettamente abhold. Wollten sie nicht, brauchten sie nicht, schätzen sie nicht, lobten und praktizierten sie nicht. Kritisierten sie offen und ohne dieser Kritik müde zu werden (Goethe explizit, Jean Paul mehr indirekt, oder als Figurenrede (cf. Schmälzle, oder der Ledermann).
    Es drängt sich in diesem Zusammenhang noch Nietzsche auf.

    Man könnte die deutsche Geistesgeschichte in schlecht Gelaunte und gut Gelaunte einteilen. Seuse, Eckhart, Luther, Schiller, Goethe, Heine, Keller, Raabe, Rilke, Bloch, Mann, Enzensberger, Rühmkorf, Sloterdijk, Safranski vs. – ähhh, hehe, ich gerate ins Stocken.

    Adorno, sicher. Benjamin. Sicher. Börne. Hitler (sicher), wenn auch erst ab ’32 (ok, ein Scherz – vor 32 war er Österreicher…)), Arno Schmidt & Wolfram Schütte, Herbert Wehner, Habermas (zusehends, huu), Spiegel Co-Chefredakteurin Susanne Beyer (yep, schlechte Laune), Anne will und Maybritt Illner, (maskierte schelchte Laune, Angst) Katja Kipping, Angela Merkel.

    PPS – komisch, niemand schlecht Gelauntes vor Börne? Lenz? Lenz schon. Aber Böhme doch nicht, Grimmelshausen nicht, der Cherubinische Wandersmann nicht, Melanchthon nicht, Wernher der Gartenaere nicht, sowie keiner vom Göttinger Hain, und niemand aus der schwäbischen Dichterschule. Uhland – glänzend gelaunt, Kerner, dito. Mörike vielleicht, zuzeiten. Ka siii. Peter Weiss (nah bei Benjamin).

  6. Bersarin schreibt:

    Ad 1: Das gilt für Politiker. Aber nicht für Theoretiker, Philosophen und Künstler. Da ist es umgekehrt und es wäre zudem traurig, wenn sie lavieren und taktieren würden. Man hielte ihnen das zu Recht vor. Künstler und Philosoph sind lediglich gegenüber seiner Sache verpflichtet. Und so viel man gegen Bloch auch vorbringen mag: Seine Kraft zu Phantasie und zum Querdenken zeichnet ja gerade sein Denken aus: Sich ins Ungedeckte zu begeben. Von dieser Art sind auch die Benjaminschen Zuspitzungen der Realität wie auch seine metaphysischen und teils eben auch politischen Spekulationen.

    Ad 2: Sie erfassen Benjamins Konzept der Rettung nicht in dem Sinne, wie es von Benjamin konzipiert ist. Insofern trifft ihr Vorwurf gegen Benjamin nicht Benjamin selbst, sondern lediglich ihre Vorstellung von Benjamin. Mit der Protestantischen Sündenlehre hat die Sicht Benjamins nichts zu tun, weil es keine Realabstraktionen sind, die er vornimmt und schon gar nicht sieht er den Menschen per se als sündig und schuldig an, sondern Benjamin gehtvom konkret Entstellten und Beschädigten aus. Das ist ein zentraler Unterschied, und an dieser Stelle ist Benjamin Materialist. (Freilich nicht als empirischer Sozialforscher, sondern als flanierender Beobachter, in diesem Sinne als Künstler und Philosoph, der sich auf seine Gabe des Beobachtens verläßt, in etwa so, wie Baudelaire in seinen Gedichten das Paris des 19. Jhds beschreibt. Da steckt nichts von Protestantismus in der Dichtung bzw. in der Philosophie. Das ist die eine Seite Benjamins, die andere ist eine eher metaphysisch motivierte, wie in Goethes Faustrettung zum Schluß des Stückes. Ein Urgrund, die Mütter des Seins, das Ewigweibliche. Dieses Konzept von Idee beschreibt Benjamin in seinem Trauerspielbuch und insbesondere in der „Erkenntniskritischen Vorrede“.

    Die Einteilung der Geistesgeschichte bzw. ihrer Denker in Kategorien ist eine Sache, die ich für sinnlos halte, weil damit zentrale Gehalte des Denkens einfach abgeschnitten werden, um eine Position handhabbar zu machen. Zumal es ja auf den Sachverhalt ankommt, wo gute Laune angebracht ist und wo nicht. Jean Paul war übrigens, wenn man seine bitteren Satiren sich ansieht, keineswegs der durchweg Heitere und der zum Humoristen Entschärfte. Und auch am Ende seines Lebens nicht. Noch die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab in seiner frühen Phase ist alles andere als fröhlich und humorvoll. Von seinem letzten Werk „Der Komet“ ganz zu schweigen. Bei der Flüchtlingsfrage übrigens schien mir Safranski eher schlechtgelaunt bis bedenklich – ganz zu recht – und Sloterdijk bei bestimmten Themen ebenfalls – etwa bei dem Namen Habermas oder bei den offenen Grenzen. Und wie man im Denken Adornos etwa, nach dem zweiten Weltkrieg und Millionen Ermordeter und einer in Trümmern liegenden Welt, lustig sein soll, entzieht sich meiner Kenntnis. Insofern sind solche Einteilungen, ohne die Angabe der Referenz und unter welcher Optik fröhlich oder nicht so fröhlich gedacht wurde, sinnlos. Wer lachen will, gehe ins Kino oder lese Ringelnatz oder Karl Kraus oder den wunderbaren Gernhardt oder eben manches Gedicht von Rühmkorf. Humor oder Ernst sind ja keine Größen an sich und eben das suggeriert eine solche Einteilung. Gerade Jean Paul übrigens zeigt so gut die Ambivalenz menschlicher Verhältnisse: von der heiteren Komik und der Leichtigkeit des Humoristen bis zur Bitternis des Daseins. Jean Paul versteht es, die Tonlagen zu mischen. Im „Siebenkäs“ sicherlich mit dem Hang hin zum Heiteren. Aber wer die Melancholie, die diese Prosa ebenso durchzieht, nicht mitliest, verfehlt das Beste an Jean Paul.

  7. uweheck schreibt:

    Nur eine kleine Anmerkung, garniert mit einer Lesefrucht.
    Das wichtigste Detail der Porträtzeichnung (und nicht nur dieser, sondern sehr vieler Fotos von Benjamin): Seinen Kopf sehen wir als abgestützten Kopf. Und so könnte man mit Wilhelm Genazino mutmaßen, dass wir zwar nicht wissen, worüber dieser Autor (gerade) nachgedacht hat, aufgrund seiner Abbildung können wir aber vermuten, dass es sich um schwierige, sich nicht rasch erschließende Texte handeln muss:
    „Es scheint sich um einen labyrinthischen Autor zu handeln, der vielleicht deswegen so selten aufblickt, weil er seinen Lesern auf keinen Fall die Täuschung vermitteln wollte, er wenigstens wisse, wo sich der Ausgang des Denk-Labyrinths befindet, in dem er lebt.“ (Wilhelm Genazino, Das Bild des Autors ist der Roman des Lesers)
    Gruß, Uwe

  8. Bersarin schreibt:

    Danke für den Hinweis und vor allem das schöne Zitat. Auch Lorenz Jäger wies in seiner Benjaminbiographie auf das Physiognomische bei Benjamin hin. Die Formulierung von Genazino ist aber um einges charmanter und charakteristischer vor allem

  9. Dieter Kief schreibt:

    @ Bersarin

    Was, was, haben Sie sich unter ad 1 um 7:21 Uhr für den Reformismus ausgesprochen? Absichtlich?

    Naa, die Träumereien sollen in alle Richtungen gehen, ok. Als Träumereien. Sobald sie mehr sein wollen, stoßen sie an die Grenze der Theologie, der Ästhetik, der Vernunft und des pragmatischen Augenmasses und der Klugheit. Freud war der richtige Goethe Leser. Mit Benjamin konnte er – was Wunder – nicht die Bohne anfangen.

    Goethe ist dem Sündenstolz und der forcierten Totenanbetung à la (Wahlverwandtschaften-) Benjamin ausgewichen wo immer es ging; wenn es gar nicht anders ging, hat er den Sündenstolz verspottet. Benjamin verfehlt die kristallklare Vernunftschranke, die Goethe in den Wahlverwandtschaften zwischen den Liebenden und der (sozialen) Welt errichtet, komplett.

  10. holio (@holiode) schreibt:

    Möchte Kief zustimmen, ohne Benjamin gelesen zu haben. Goethe mäandert, aber am Ende verwirft er Ottilie, meine ich, gegen die Romantiker, par raison, wenn auch gefühlsmäßig nicht.

  11. Bersarin schreibt:

    Ich sage nur: Kritik und Kommentar. Eine Literaturkritik, die das sagt, was das Werk zeigt, kann man sich sparen, weil es eine schlechte Doppelung ist. Der Begriff Sündenstolz zielt leider Lichtjahre an der Sache vorbei. Ich weiß nicht, welche Interpretation Sie damit meinen: die von Benjamin sicherlich nicht. Wir sind ja schließlich nicht bei Sieferle unterm Sofa bzw. nun unter dem Begräbnisbehältnis.

  12. Dieter Kief schreibt:

    Kritik soll nicht nachplappern, sondern treffen und/ oder fortschreiben.
    Da sie treffend sein s o l l , – ist ihre ihr eingeschriebene Gefahr, daneben zugehen. So riskant lebt der Kritiker. Auch da, wo er Grabsteine versetzt.

  13. ziggev schreibt:

    Goethe hängt ebenfalls einer solchen fast Wort-(oder Namens-)Magie an. Allerdings wehrt er sich ja zurecht gegen eine (beschreibende) Verhohnepipelung Seines Namens als „Gote“, „Kot“:

    „Bei einer so verdrießlichen und schmerzhaften Kur verlor unser Herder nicht an seiner Lebhaftigkeit; sie ward aber immer weniger wohltätig. Er konnte nicht ein Billett schreiben, um etwas zu verlangen, das nicht mit irgend einer Verhöhnung gewürzt gewesen wäre. So schrieb er mir zum Beispiel einmal:

    Wenn des Brutus Briefe dir sind in Ciceros Briefen, Dir, den die Tröster der Schulen von wohlgehobelten Brettern, prachtgerüstete, trösten, doch mehr von außen als innen, Der von Göttern du stammst, von Goten oder vom Kote, Goethe, sende mir sie.

    Es war freilich nicht fein, daß er sich mit meinem Namen diesen Spaß erlaubte: denn der Eigenname eines Menschen ist nicht etwa wie ein Mantel, der bloß um ihn her hängt und an dem man allenfalls noch zupfen und zerren kann, sondern ein vollkommen passendes Kleid, ja wie die Haut selbst ihm über und über angewachsen, an der man nicht schaben und schinden darf, ohne ihn selbst zu verletzen.“
    Dichtung und Wahrheit. Erster und zweiter Teil – Kapitel 12

    siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Kratylos

    Goethe vers. die „Sprachvergessenheit des abendländischen Denkens“ (Gadamer, siehe dort).

  14. Bersarin schreibt:

    So ist es, Dieter Kief. Gelungene Kritik trifft und schießt doch übers Ziel hinaus, sagt und zeigt, was womöglich ein Werk nicht zeigen und sagen konnte. Etwa weil die Zeit dafür noch nicht reif war. Einer der wenigen, die diese Implikationen in seinem Werk und für die Kritik mitdachte, war Friedrich Nietzsche. (Und Hegel ebenso. Gerade in seinen Jenaer Schriften, wo er sich noch aufs spekulative Meer wagte.)

  15. Bersarin schreibt:

    Ja, schöner Hinweis auf Kratylos und Goethe. Was er zum Namen schreibt müßte man sich im Detail betrachten.

  16. ziggev schreibt:

    bersarin, – diese Stelle hat wahrscheinlich über Wittgenstein Eingang in eine bestimmte Art, Philosophie zu betreiben, gefunden. Ich stelle einfach ein paar Wittgenstein-Zitate zusammen (PDF-Quelle unten):

    „Warum sollte dem Menschen sein Name nicht heilig sein. Ist er doch einerseits das wichtigste Instrument, das ihm gegeben wird, andererseits wie ein Schmuckstück, das ihm bei der Geburt umgehangen wird“.

    Man habe den Eindruck (ebendie Quelle), „dieser Name sei der einzig richtige Ausdruck für dieses Gesicht“, die Persönlichkeit zeige sich in ihm wie in einem guten Porträt: „Der Name, das Bild des Trägers.“ (…) Über die Namen „großer Männer“, hier am Beispiel Beethovens, heißt es: „Wir sprechen den Namen mit Ehrfurcht aus. Der Name wird zu einer Geste.“ (…)

    In den Erinnerungen Fania Pascals, die Wittgenstein ab 1934 Russischstunden gab, findet sich folgende Schilderung: „[I]ch erinnere mich noch, wie er nach dem Band mit den Grimmschen Märchen griff und mit ehrfurchtsvoller Stimme vorlas: Ach, wie gut ist, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß! ‚Das ist wirklich tief’, sagte er.“

    Und schließlich hier: „Der Gefangene hat eine Nummer als Namen. Von ihr würde niemand sagen, was Goethe von Personennamen sagt.“ Im PDF-Text mit „Die folgende, kryptisch anmutende Bemerkung, findet sich im selben Manuskript wie die zitierte Beethoven-Stelle: „…“ (s.o.) Genau diese Goethe-Stelle ist gemeint !

    Q.: http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/we01/institut/mitarbeiter/pd_apl_hon/dlauer/docs/DavidLauer_WittgensteinGewaltdesNamens_final_preprint.pdf

    as a matter of facts – oder, wie es sonst auch so schön heißt, aus kontingenten Grüden – habe ich Goethes Dichtung und Wahrheit mehrfach gelesen: kann aber versichern, dass Goethes Überlegungen hier singulär sind, alleinig an dieser Stelle sich finden.

    Die philosophischen Implikatioenen (Kratylos, später Frege, Russell) sind ihm wahrscheinlich oder sogar sicher nicht bewusst gewesen. Umso erfrischender hier die im Brustton der Überzeugung geäußerten und nicht zuletzt affektiv gestimmten Bemerkungen Goethes; denn – letztlich – ist von nichts anderem die Rede als von ‚Morgen- und Abendsternen‘.

    Ich weiß ja, dass Dir diese Art, Philosophie zu treiben, verhasst ist, Frege, Russell, aber als Hinweis, welche Karriere diese Stelle bei Goethe hier gemacht hat, sei mir diese Bemerkung vielleicht doch erlaubt. (Man kennt halt seinen Goethe …)

  17. ziggev schreibt:

    PS/Korrektur: „Im PDF-Text mit ‚Die folgende, kryptisch anmutende Bemerkung, findet sich im selben Manuskript wie die zitierte Beethoven-Stelle‘ eingeleitet“ (…)

  18. Bersarin schreibt:

    Diese Art von Philosophie ist mir nicht verhaßt, ich empfinde sie lediglich als langweilige Übung, die mich nicht besonders interessiert. Da doch lieber den (teils rätselhaften) Platontext. Die Äußerungen Wittgensteins ohne Kontext sind erstmal nicht sonders philosophisch, sondern geben lediglich Aphorismen bzw. Gedankensplitter bzw. Intuitionen wieder. Die Frage wäre, worauf es ihm in einer möglichen Theorie des Namens ankommt. Ich kenne Wittgenstein zu wenig, als daß ich dazu etwas sagen könnte. Das bekannte Fregebeispiel ist ja eines von möglichen Verwechslungen und beinhaltet Fragen der Zuordnung und der Bezeichnung: wie man Sinn und Bedeutung analysiert, also ein ganz anderer Kontext als der von Benjamin. Da fehlt gerade der metaphysische Witz bzw. der ästhetisch-metaphysische Mehrwert. Die Gewalt des Namens ist ein altes Thema. Man denke nur an Wagners „Lohengrin“. Oder an die Unaussprechlichkeit des Namen Gottes. JHWH. Oder einfach nur an den Namen der Rose.

    Platonische und Plotinsche Denkmotive sind Goethe auf alle Fälle bekannt gewesen. Allein der Gedanke der Methexis:

    Wär nicht das Auge sonnenhaft,
    Die Sonne könnt es nie erblicken;
    Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
    Wie könnt uns Göttliches entzücken?

  19. ziggev schreibt:

    bestimmt, dem „Heiden“ Goethe sollten die „Denkmotive“ Plotins bekannt gewesen sein, bei Platon handelt es sich aber nicht nur um solche Motive oder einen teils rätselhaften Text. Sondern es sieht recht deutlich danach aus, dass Platon dieselben (oder ganz ähnliche) Fragen stellt, wie später die Analytiker. Und wir wissen aus Dichtung und Wahrheit, dass Goethe von den philosophischen Vorlesungen in Weimar (ebenfalls) einigermaßen gelangweilt war. Und Goethe langweilte nicht nur die seinerzeit ohnehin noch vergleichsweise wenig entwickelte Logik, sondern die Philosophie überhaupt; beeinflusst von seinen (der junge Goethe, in welchen Jahren er ja auch etw. später Herder begegnete) alchimistischen Forschungen (ich verlasse mich auf die Experten) hat er Spinoza gründlich missverstanden. Goethe hat eben nie ein (akademischen) Interesse an Philosophie entwickelt, und hat hier besondere Kenntnis für sich nie in Anspruch genommen.

    Ohne sich jedoch je intensiver mit dem benjaminischen Kontext beschäftigt zu haben, erscheinen dessen Bemerkungen zum Namen (wie von Dieter Kief zitiert) ebenso splitterhaft oder aphoristisch wie die Wittgensteins. Daher wundere ich mich über die Forderung nach einer Theorie des Namens bei Wittgenstein (seine Bemerkungen in PhU § 79 werden allerdings in Spezialdiskussionen noch heute angeführt).

    Wittgenstein, der übrigens offenbar mit Aristoteles nichts anfangen konnte, jedenfalls nicht las, las umso lieber Platon – und Goethes Dichtung und Wahrheit. Und Wittgenstein, der ob seines – späteren – Mystizismus von Teilen der analytischen Szene lachhaft verachtet wurde, wurde nichtsdesoweniger von derselben Tradition eben mit diesem Goethe-Zitat gewürdigt. Die Frage bleibt also, wie genau hier (der späte) Wittgenstein gegen (den frühen – oder umgekehrt) Wittgenstein gelesen wird oder wurde.

    Ja, es könnte sogar so scheinen, das hier – von analytischer Seite – die Rechnung aufgemacht wird, inwiefern Wittgenstein (insbesondere) als Goethe-Leser zu verstehen ist.

    Zuletzt müssen wir ja zuerst die bekannten Russell (und Frege) Texte genau studieren, um zu sehen, ob, und wenn ja, welchen „metaphysische[n] Witz bzw. (…) ästhetisch-metaphysische[n] Mehrwert“ wir uns haben entgehen lassen. Ganz im wittgensteinischen Sinne, dass die Sprachanalyse keine triviale Angelegenheit sein muss. Das steht hier, in unserem Kontext, alles noch aus.

  20. Bersarin schreibt:

    Natürlich war Goethe kein Philosoph. Deshalb taucht er auch bei Hegel in seinen Vorlesungen zur Philosophiegeschichte nicht auf. Was nicht heißt, daß Hegel Goethe nicht schätzte. Im Gegenteil. Beide trafen sich in Weimar und verkehrten locker miteinander. Herr Weltgeist und Herr Urphänomen, wie sie sich scherzhaft schrieben.

    Ziggev, mir geht es in diesem Kontext nicht um Wittgenstein (um ihn höchstens am Rande und in seiner späteren Phase, da wo es literarisch wird und sich dieses Phänomen ins Narrative löst) und auch nicht um die sogenannte analytische Philosophie (ein trüber Terminus, der mehr verschleiert, als daß er aussagt, denn alle wesentliche Philosophie, von Platon bis Hegel und Heidegger ist auch analytische Philosophie). Und noch weniger geht es mir um einen zweifellos spannenden Satz, daß der Abendstern nicht der Morgenstern ist und es zugleich doch wieder ist. Und der Kaiser ist nicht der Kaiser, sofern er nicht dreizehn goldene Barthaare hat, wenn nicht ein vierzehntes und zugleich nicht der Autor von Waverley ist, aber dafür eine rote Robe trägt. Man kann das alles machen, klar. Steht alles bereits bei Hegel, dem Begründer der modernen Logik. Hier aber geht es doch eher um Literatur und ästhetische Theorie.

  21. ziggev schreibt:

    ok., also zur Ästhetik des Namens; worunter ich zunächst einfach die Funktion des Namens vornehmlich in der Literatur verstehen will. Vorher aber will ich nicht unerwähnt lassen, dass ich Deine Russell-Frege-Persiflage gern gelesen habe und einigermaßen gelungen finde.

    Die Ironie ist nun jedoch ja gerade die, dass „sprechende“ Namen (und Benjamin scheint sich auf solche in der Literatur zu beziehen), mit charakterisierender, klassifizierender oder eben „kennzeichnender“ Funktion in literarischen Produktionen, so anspielungsreich oder subtil gewählt sie auch gewählt sein mögen, eben jenen kennzeichnenden Aspekt von Namen, wie ihn Russell in seiner Theorie (der Kennzeichnung) modelliert bzw. wie Frege „Eigennamen“ auffast (der Autor von Waverly), repräsentieren. Ein Thema, das mich immer eher gelangweilt hat – obgleich mir klar ist, dass eben aus diesem Grunde, dass allzu trivial sprechende Namen zu vermeiden sind und ihnen zugleich eine gewisse Beredtsamkeit zukommen sollte, die Namenswahl keine geringe Schwierigkeit für Schriftsteller darstellt.

    Was ich an künstlerischen Verfahrensweisen so mag, ist die grundsätzliche Atelier-Situation. Oder die in einer Werkstatt. Nur so konnte es ja passieren, dass Wittgenstein ausgerechnet jene Goethe-Stelle herausgreift, die zufälligerweise meine Lieblingsstelle in Dichtung und Wahrheit ist. Ich glaube, dass es sich bei dem, was Du als Phänomen beschreibst, „das sich ins Narrative löst“ (der späte Wittgenstein), um ein Phänomen handelt, das sich möglw. schon früh beobachten lässt. Wittgenstein scheint sich tatsächlich von gewissen Intuitionen geleitet lassen haben, insbesondere was seine Beobachtungen hinsichtlich des Namens betrifft.

    Im obigen Link geht nun der Gedankengang etwa wie folgt: Namen sind keine Kennzeichnungen (Autor von …), „da ein Gegenstand jede denkbare seiner Eigenschaften verlieren könnte, ohne dass dadurch der Name aufhörte, sich auf den Gegenstand zu beziehen“. Über eine Analyse von Demonstrativa („dies da!“), reflexiver Deiktika („ich“ als gewissermaßen von außen betrachtet) und „reiner“ indexikalischer Ausdrücke (zu deren Klasse neben „ich“ womöglich nur noch „hier“ und „jetzt“ gehören) kommt es zu einer Abgrenzung gegenüber der „gängigen“ Beschreibung der ersten Person als irreduzibel sich auf sich selbst beziehende Autorität, die „unmittelbaren epistemischen Zugang zu den Inhalten ihres eigenen Geistes habe“. Diese Autorität wird stattdessen als normatives Verhältnis zur Welt begriffen. It´s my business, was ich über die Welt denke und sage. Während das „ich“ die (sich verantwortende) Person personalisiert, indivisuiert der Name (das ist natürlich der Wittgenstein der PhU) die wiedererkennbare Person. – Über reine Analyse von sprachlichen Ausdrücken sind wir also wieder bei einem hegelschen Grundgedanke angekommen. Das „Du“ konstitutiv für das „ich“. (Auch wenn es Dich immer so graust, von W. immer mit „Du“ angesprochen zu werden.)

    Von hier aus jedoch, so will mir scheinen, schlüsseln sich die Rätsel und die „Gewalt“ des und der Namen auf noch einmal neue und erhellende Weise auf. Und jene „hegelschen“, sozialphilosophischen Aspekte des Namens sind freilich nicht in der Perspektive der Analytischen Philosophie diskutiert worden, mit ihren ‚albernen‘ Kennzeichen und Eigennamen und third-person descriptions. Wir haben es hier mit einer fast bekenntnishaften Werkstatt-Philosophie zu tun, die radikal aus dem Labor der Ersten Person heraus entwickelt wird.

  22. Bersarin schreibt:

    Das sind sicherlich beispielende und (möglicherwerise) hilfreiche Aspekte, aber Benjamin geht es, soweit ich das in Erinnerung habe, um die mythische Gewalt des Namens. Und da wird es dann auch mit Hegel schwierig, der solches Denken schlicht als Mystizismus verworfen hätte, der in seiner ihm eigenen und eigentümlichen Erscheinungsform verhaftet bleibt, ohne voranzuschreiten. Sozusagen ein Verharren auf einer naturhaften Stufe. Und auch für die Kunst hätte dieser Aspekt als losgelöster und doch esoterisch Abgespaltenes wenig Bedeutung. Aber man muß da Hegel eben aus seiner Zeit heraus lesen.

    Was Benjamin konkret zum Namen schreibt, auch zur adamitischen Namensgebung, zum Menschennamen und dem göttlichen Namen müßte ich in seinem Sprachaufsatz noch einmal nachlesen.

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