Paris, mon amour, oder im November Prag?

„Das alte Paris ist nicht mehr (die Gestalt einer Stadt wechselt rascher,
ach, als das Herz eines Sterblichen);

Nur im Geiste seh ich noch dieses ganze Barackenlager vor mir, …
(…)
Paris verändert sich! nichts aber hat in meiner Schwermut
sich bewegt! Neue Paläste, Gerüste, Steinböcke,
alte Vorstädte, alle wird mir zur Allegorie,
und meine liebsten Erinnerungen lasten schwerer als Felsen.“

„Le vieux Paris n’est plus (la forme d’une ville
Change plus vite, hélas ! que le coeur d’un mortel) ;

Je ne vois qu’en esprit, tout ce camp de baraques,
(…)
Paris change ! mais rien dans ma mélancolie
N’a bougé ! palais neufs, échafaudages, blocs,
Vieux faubourgs, tout pour moi devient allégorie,
Et mes chers souvenirs sont plus lourds que des rocs.“
(Charles Baudelaire, Der Schwan, in: Fleurs du Mal)

Ach, mein Paris der 80er und 90er Jahre. Statt nach Prag zu reisen, wo Kafka lebte, fuhr ich nach dem Abitur in den Westen. Kafka und sein Prag, das Mütterchen, das Krallen und Klauen besaß und den Mann nicht losließ. Nach Paris reiste Kafka mit Max Brod zweimal, und zwar in den Jahren 1910 und 1912. Doch trotz allem Wandel und wenn manches Viertel im Vergleich zu den 80er Jahren nicht mehr wiederzuerkennen ist, so fesselt Paris auch heute noch. Wer in Karl Heinz Bohrers „Jetzt“ liest, bekommt einen Eindruck davon. Bohrer lebte in den 80er Jahren zusammen mit seiner damaligen Ehefrau, der Schriftstellerin Undine Gruenter, in Paris. In seiner ganz und gar lesenswerten Autobiographie, die Sicht eines Intellektuellen auf Abstand, berichtet er über diese Zeit:

…, dass man sich gegenseitig immer als etwas fremd ansehen sollte, weil man in der Tat sich selbst eigentlich fremd bleibt.
Man könnte das als eine absichtsvoll leer gelassene Stelle im Bild des anderen verstehen. Diese Leere wurde von der Phantasie mit Bildern gefüllt, auch mit Bildern von Walter Benjamin. Wir verfielen auf den Einfall, die äußeren Viertel von Paris zu durchwandern. Aragons Paysan de Paris und Bretons Nadja dienten als geheime Landkarten.“ (Karl Heinz Bohrer, Jetzt)

„In Paris konnte man noch immer durch fast alle Viertel, alle Straßen gehen und vom Aussehen dessen, was man sah, in eine gehobene Stimmung versetzt werden.“ (Karl Heinz Bohrer, Jetzt)

Diese Euphorie Bohrers stellt sich selbst heute noch beim Spazieren und Schauen ein. Trotz des rasanten Wandels der Stadt, trotzdem kaum eines der alten Geschäfte und Lokale von damals noch an seinem Ort ist. Einzig der alte Plattenladen, wo ich mir damals französischen Punk kaufte, den es in Deutschland so nicht gab. Baudelaire erkannte dieses wesenlose Wesen der Stadt sowie die Melancholie des „Einstmals“ bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, als der große Umbau begann und jenes Paris des Georges-Eugène Baron Haussmann Gestalt annahm, das uns von den Straßenzügen und dem Lageplan bis heute hin vertraut ist. In Baudelaires Gedichten Les Fleurs du Mal und seiner Prosadichtung Le Spleen de Paris ist die Stadt selbst der eigentliche Protagonist. Jene Stadt mit ihren Bewohnern – den Lumpensammlern, den Säufern und Morphinisten, den Huren und den Dichtern. Heute wird man diese – in  anderer Form und Weise – eher in den Banlieus finden, in den HLMs, in den Sozialsilos.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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8 Antworten zu Paris, mon amour, oder im November Prag?

  1. Dieter Kief schreibt:

    Das zweite und die Bahnhofsuhr, die Spieler im Park und das Selbstportrait im schwarzen Mantel vor dem Hotel Beauséjour. Pariser Licht – durchsichtiger als das Heidelberger Licht, z. B.

  2. Teilweise sehen die Straßen immer noch so aus wie auf den Fotos von Marville. Wenn man sich die Autos wegdenkt.

  3. Bersarin schreibt:

    Ja, vieles hat hat noch etwas von der alten Zeit. Und das Licht in Paris, in der Tat, es ist besonders im Herbst und im Frühjahr wunderbar. Ich hätte es mit der Kamera noch viel mehr gestalten müssen.

  4. holio schreibt:

    Da Sie über Baudelaire schreiben, will ich die Gelegenheit nutzen und wagen, eine Frage zu stellen. In Knausgårds Lieben steht geschrieben, übersetzt von Paul Berf:

    „Baudelaire schreibt darüber, über Virginia, erinnerst du dich, das Bild von der reinen Unschuld, die mit der Karikatur konfrontiert wird, und sie hört ein rohes Lachen und begreift, dass etwas Beschämendes passiert ist, weiß aber nicht, was es ist. Sie weiß es nicht! Sie schlägt die Flügel um sich zusammen.“

    Eine erste Suche in den Blumen des Bösen endete ohne Erfolg. Aber es findet sich anscheinend in einem theoretischen Text. Nur scheint es mir da ein wenig anders geschrieben zu stehen, als Karl Oves Freund Geir Angell Øygarden es im Stockholmer Lokal Pelikan wiedergegeben hat:

    „Or, un jour, Virginie rencontre par hasard, innocemment, au Palais-Royal, aux carreaux d’un vitrier, sur une table, dans un lieu public, une caricature! une caricature bien appétissante pour nous, grosse de fiel et de rancune, comme sait les faire une civilisation perspicace et ennuyée. Supposons quelque bonne farce de boxeurs, quelque énormité britannique, pleine de sang caillé et assaisonnée de quelques monstrueux goddam; ou, si cela sourit davantage à votre imagination curieuse, supposons devant l’oeil de notre virginale Virginie quelque charmante et agaçante impureté, un Gavarni de ce temps-là, et des meilleurs, quelque satire insultante contre des folies royales, quelque diatribe plastique contre le Parc-aux-Cerfs, ou les précédents fangeux d’une grande favorite, ou les escapades nocturnes de la proverbiale Autrichienne. La caricature est double: le dessin et l’idée: le dessin violent, l’idée mordante et voilée; complication d’éléments pénibles pour un esprit naïf, accoutumé à comprendre d’intuition des choses simples comme lui. Virginie a vu; maintenant elle regarde. Pourquoi? Elle regarde l’inconnu. Du reste, elle ne comprend guère ni ce que cela veut dire ni à quoi cela sert. Et pourtant, voyez-vous ce reploiement d’ailes subit, ce frémissement d’une âme qui se voile et veut se retirer? L’ange a senti que le scandale était là. Et, en vérité, je vous le dis, qu’elle ait compris ou qu’elle n’ait pas compris, il lui restera de cette impression je ne sais quel malaise, quelque chose qui ressemble à la peur. Sans doute, que Virginie reste à Paris et que la science lui vienne, le rire lui viendra; nous verrons pourquoi. Mais, pour le moment, nous, analyste et critique, qui n’oserions certes pas affirmer que notre intelligence est supérieure à celle de Virginie, constatons la crainte et la souffrance de l’ange immaculé devant la caricature.“

    Leider finde ich keine deutsche Übersetzung, um Charles besser zu verstehen. Können Sie vielleicht aushelfen?

  5. Bersarin schreibt:

    Schöne Sichtungen, Danke für Deine Eindrücke, Uwe. (Schade, daß WordPress die Kommentare nicht oben rechts in der Leiste anzeigt.)

  6. Bersarin schreibt:

    @ Holio: Es handelt sich um den Text „Vom Wesen des Lachens und allgemein dem Komischen in der Bildenden Kunst“, im Band 1 der Hanser-Gesamtausgabe, dort die Textstelle S. 288 f.

  7. holio schreibt:

    Vielen Dank.

    Die Übertragung dort durch Friedhelm Kemp hat meine beiden Zweifel geklärt: 1. schlägt der Unschuldsengel Virginie wirklich die Flügel zusammen, woran ich zweifelte, da Knausgård es 2004 obsessiv mit Engeln hatte, aber 2. hört sie niemand höhnisch lachen, sondern steht allein der Karikatur gegenüber, vielmehr wird sie nach ein bisschen Zeit in Paris ebenso von oben herab lachen lernen wie die andern, prophezeite Baudelaire.

    Sorry für den Exkurs.

  8. holio schreibt:

    Wobei ich zugeben muss, das Zusammenschlagen der Flügel falsch verstanden zu haben. Bei Knausgård stellte ich mir vor, dass Virginie ihre beiden Engelsflügel nach vorn zusammenschlägt, um ihre beiden Augen zu bedecken, um die harsche Welt nicht sehen zu müssen. Seh ich dich nicht, siehst du mich nicht. Im Original ist von reploiement d’ailes die Rede, wohl von replier und dieses steht in Wörterbüchern als wieder zusammenfalten, also auf dem Rücken, dass sie also ihren Schwung verliert durch die rohe Zivilisation.

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