Zum Tod von Imre Kertész

 „Niemand//zeugt für den//Zeugen“
(Paul Celan, Aschenglorie)

Manchmal haftet das Ganze eines Lebens an einem einzigen und für die meisten unscheinbaren Detail und verdichtet sich darin:

„Hitze in Budapest. Gestern abend in der Straßenbahn der Hund, ein semmelfarbener Dackel. Verzagt kauerte er unter dem Sitz, zu Füßen seines Herrchens. Seine gramerfüllten schwarzen Augen schlossen sich ganz langsam. Über seine ergraute Schnauze liefen zwei Tränen. Das Schlagen der Tür schreckte ihn auf, er erhob sich schwerfällig, doch herrschte man ihn an: Sitz! und drückte seinen Schwanz hinunter. Zwinkernd, apathisch gehorchte er. Die totale Vergeblichkeit des Seins sprach aus jedem seiner Züge, zugleich aber die unfreiwillige Geduld einer Verzauberung – als hätte er etwas anderes zu tun, anderswo, in anderer Gestalt, in einer andern Zeit, in einem andern Raum, und als würde er sich mit diesem schrecklichen Irrtum nur abfinden, weil er völlig mürbe gemacht worden war …

Manchmal taucht in mir die (unbeantwortbare) Frage auf: Wer, was bin ich, und welches ist meine besondere Geschichte?“ (Imre Kertész, Ich – ein anderer)

An solchen Stellen gelingt die Literatur, die das Protokoll unserer Welt liefert. Kertész, autobiographische Prosa – kann man diese Texte überhaupt noch Romane nennen? – erinnert und mischt Beobachtungen, bringt sie in eine Form. Daseins-Biographie, die ins Essentielle ausgreift. Kertész beobachtet, notiert, gibt wieder, was er sah. Die traurige geschundene Kreatur. Aber diese Beobachtungsprosa ist nicht bloß eine Erinnerungsliteratur. Nun  also einer weniger, der uns berichtete. Aus der Diktatur der Faschisten und aus der des stalinistischen Kommunismus. Fort das.

Die Zeugen sterben – einer nach dem anderen. Kertész ist einer der letzten, und es gibt nicht mehr viele. Er schrieb das Ungeschminkte, jene Wahrheit über den Holocaust, die so banal und zugleich als so diffizil sich erweist. Im Raum steht in diesem Kontext immer noch die Frage Adornos, ob Dichtung bzw. genereller genommen Kunst nach Auschwitz überhaupt noch möglich sei. Rückte nicht in Kertészʼ „Roman eines Schicksallosen“ viel zu sehr das krude Detail in den Fokus? In diesem Sinne schrieb Kertész sicherlich gegen die Intention Adornos, daß nach Auschwitz jegliche Kultur angefressen ist. Als ob es sich nach dem Massenmord einfach weitermachen und zur Routine übergehen ließe.

Aber das eine ist das ästhetische Notwendige, die Gestalt der Theorie, die Wahrheit der Kunst, sich zu entziehen – und für diese Sicht Adornos gibt es gute Gründe – das andere ist das Moment des Ausdrucks: Marter und Leid unmittelbar beredt werden zu lassen und Auschwitz nicht in einer Art von negativen Theologie oder als Mysterium zu verkapselt. „Bilder trotz allem“, wie ein Buch des französischen Kunsthistorikers Georges Didi-Huberman über eine Serie von Photographien aus dem Vernichtungslager Auschwitz heißt. Aber interessieren solche Fragen der Kunst nach Auschwitz, interessiert die Shoah überhaupt noch? Mal provokant nachgefragt. Oder delektieren wir uns nicht vielmehr daran, daß wir ergriffen sind und das „Nie wieder“ verhallt als bloße Parole oder als Gesinnungspathos – entlastend, entleert. Mehr noch als den Blick in unsere Abgründe lieben wir den wohligen Grusel, das Gefühl, dieses gute Gefühl: Wir bewältigen. Nicht viel anders im Grunde als es Martin Walser in seiner Friedenspreisrede in Frankfurt kritisierte, erweist sich das Gedenken als ein leeres Ritual. Kranzabwurfgedächtnisstätten, die das Tote balsamieren, um sich mit der Gegenwart nicht weiter befassen zu müssen. Ein pyramidales System der Aufbewahrung als Aufbahrung. [Notwendig aber war und ist es dennoch, all dies im Bewußtsein zu halten. Relativieren läßt sich nichts.] Absurd jedoch, wenn sich zu den Gedenktagen ehemalige Insassen in den Drillich werfen und als Häftlinge kostümieren, die sie lange nicht mehr sind.

Kertész in der ZEIT vom 12.9.2013, im Interview mit Iris Radisch:

ZEIT: In den letzten beiden Jahrzehnten waren Sie ein Held der deutschen Erinnerungskultur, ein gefragter Festtagsredner, ein gefeierter Auschwitz-Überlebender. Jetzt erfährt die Welt aus Ihrem Tagebuch: Sie haben sich die ganze Zeit über wie ein „Holocaust-Clown“ gefühlt.
Kertész: Es geht in diese Richtung.
ZEIT: Ist das Gedenken in Deutschland ein wenig zu einer Holocaust-Industrie geworden?
Kertész: Nicht ein wenig, ganz.
ZEIT: Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist ein Picknickplatz für Touristen.
Kertész: Ja, das ist sehr unangenehm. Ich wurde nach Buchenwald eingeladen, ich habe da hinkende Menschen in Sträflingskleidung gesehen, geschmacklos.
ZEIT: Und Sie sind Teil dieses Erinnerungsbusiness?
Kertész: Man macht mit den Menschen, was man will.
ZEIT: Sie hätten sich verweigern können.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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21 Antworten zu Zum Tod von Imre Kertész

  1. Bravo! Und:
    Aus zweierlei Mund,
    wird allemal die Wahrheit kund…

  2. che2001 schreibt:

    Ganz und gar richtig. Verlinke ich gleich mal.

  3. che2001 schreibt:

    Adornos „Alles, was heutzutage Kommunikation heißt, ausnahmslos, samt der dringlichen Kritik daran, ist nur der Lärm, der die Stummheit der Gebannten übertönt. Jegliche Kultur nach Auschwitz ist Müll.“ ist selbst eine avandgardistische und sprachlich meisterhaft gedrechselte Art eines Neubeginns in Kritik und Theorie. Darin ist er dem provokanten Nihilismus der Situationisten näher als dem im Grunde konservativen Kulturpessimismus, der ihm heute oft nachgesagt wird.

  4. Frohe Ostern schreibt:

    @Bersarin =Manchmal haftet das Ganze eines Lebens an einem einzigen und für die meisten unscheinbaren Detail und verdichtet sich darin=

    Nicht „manchmal“, das Leben besteht daraus. Da verdichtet sich nichts. Die Frage ist bloß… sind unsere Augen offen?. Das Gros der „Literatur“ zeigt sich gern als eine verzierende Aneinanderreihung von Banalitäten – bevorzugt unter Ausschluß der Wahrheit.

    „Verzierend“ = Selbstgefällig in der Art der Formulierung.

    Das Leben ist nicht verschnörkelt, sondern ganz einfach. Es ist unser Verstand, der – sich unserer Unbewußtheit bedienend – es so kompliziert wie nur möglich erscheinen läßt.

    Das ist bloß der Film,
    nicht die Wirklichkeit.

    Spätestens am Rande des Lebens… wird noch jeder zum Weisen.

    Das ist kein Kunststück, denn die Weisheit ist schon immer vorhanden gewesen. Nur tief vergraben unter dem Schutt unserer Gedanken, Vorstellungen, Weltbilder, Meinungen, Standpunkte.

    Manchmal braucht es
    erst… einen Hammer.

    Dann schickt uns das Leben einen Wachmacher, einen Unfall, eine lebensbeendende Krankheit, eine Katastrophe, oder einen anderen „besonderen“ Moment, in dem die Spule reißt und wir auf die einfache Wirklichkeit treffen.

    Das, was der Imre da beschreibt, ist die einfache Wirklichkeit. So weit, so gut. Nur machen wir wieder einen Film draus. Gattung „Literatur“. Damit vermeiden wir sie wieder, die Wirklichkeit.

    Ein Osterspaziergang kann eine Begegnung mit der Wirklichkeit sein – wenn wir mit jedem Schritt und Atemzug bewußt sind. Haben wir dabei aber den „Osterspaziergang“ im Kopf, oder ein anderes Buch vor der Nase, einen Erinnerungsfaden, oder auch nur einen einzigen Gedanken, verpassen wir ihn schon wieder, den Osterspaziergang.

    Sterben ist eine einfache Sache. Einfacher geht’s nicht.

    Wir machen erst ein Problem draus, wenn wir dem Verstand folgen. Der gaukelt uns ewige Beständigkeit des Körperlichen, ewige Beständigkeit der kognitiven Fitness und ein nicht enden wollendes Erinnerungsvermögens vor. Und sind wir dann grad mal nicht besonders weise, sondern lieber intellektuell…, fallen wir drauf rein.

    Das Erdenleben ist nun mal nicht auf „Dauer“ angelegt. Nichtmal auf „Glück“. Es ist auch nicht drauf angelegt, daß wir es „verstehen“.

    Das Leben ist zu leben,
    und nicht zu verstehen.

    Der Verstand ist zu klein dafür, das Leben verstehen zu können. Er ist dafür nicht vorgesehen. So wenig, wie der Baum für´s Fliegen.

    @Imre Kertész =Die totale Vergeblichkeit des Seins=

    „Vergeblichkeit“ setzt Absicht und Ziel voraus; beide Kinder des Verstandes, nicht des Lebens.

    Wenn wir das Sein nicht als „vergeblich“ bewerteten, gestünden wir uns folglich das Nichtverstehen ein. Das aber vermeiden wir auf Deubel, komm raus! Lieber produzieren wir so einen Blödsinn, wie…

    „Ich verstehe – also bin ich.“

    @Bersarin =erweist sich das Gedenken als ein leeres Ritual … um sich mit der Gegenwart nicht weiter befassen zu müssen=

    Ja, das könnte der Grund sein, für das Gedenken von Abgelaufenem, das Laufende nicht sehen zu müssen.

    Frohes Wochenende!

  5. Bersarin schreibt:

    Danke für das Verlinken, che. Wer Adorno Kulturkonservatismus nachsagt, hat ihn in der Regel nicht gelesen oder schlimmer noch: nicht einmal im Ansatz verstanden. Insofern ist es auch absurd und verfehlt den Glutkern adornoscher Philosophie, wenn man ihn in Parallele zu Heidegger setzt und ähnliche Motive wittert. Die Kritik abendländischen Denkens erfolgt bei Adorno aus Gründen, die philosophischen deutlich vielschichtiger und komplexer gelagert sind als Heideggers Schwarzheftwaldhüttenseinsrefugium eines abgehalfterten Kulturkonservatismus: Erde und Scholle als Ideologie. Daß Ästhetik und Theorie zusammenspielen, ohne jedoch im trüben Gemenge der Unterschiedslosigkeit zu verwischen, daß Inhalt und Form der Texte sich bedingen und nicht wie bei Heidegger hinter den Stand der ästhetischen Moderne zurückfallen, zeigen insbesondere die „Negative Dialektik“ und seine Fragment gebliebene „Ästhetische Theorie“. Adornos „Meditationen zur Metaphysik“ gehören gewiß nicht zu den hoffnungsfrohesten Texten, aber kulturkonservativ, indem sie dem Alten hinterhergreinen, sind sie ganz sicher nicht.

  6. Bersarin schreibt:

    @ Frohe Ostern
    „Nicht „manchmal“, das Leben besteht daraus.“ Besteht woraus? Aus Details? Dein Einwand ist insofern problematisch, weil wir nicht jedes Detail in den Blick nehmen wollen und können. Leben, was immer das nun sei, ist perspektivisch verfaßt und funktioniert unter dem selektiven Blick. Es gibt aus Übersichtlichkeit gute Gründe, manches Detail zu übersehen. Die Bremsspuren oder die Menstruationsflecken im Höschen meiner Geliebten: möchte ich mich wirklich darin versenken? Ich glaube nein. Credo, Credo, Credo. So heißt das Markendeodorang.

    „Das Leben ist zu leben, und nicht zu verstehen.“ Das ist mir, wie auch Deine übrigen Einlassungen, zu allgemein, zu simpel formuliert und klingt nach einer Phrase. Das Leben ist vielmehr ein Einkaufswagen. Abgerechnet wird an der Kasse und der liebe Gott ist ein Warendetektiv oder ein Scangerät. Und der Dosenthunfisch ist das Kharma, das sich nicht freischwimmen kann. Diese Sicht halte ich für sehr viel plausibler.

    Sei mir nicht böse, Frohe Ostern, aber ich kann mit solchen Allgemeinplätzen, wie Du sie formulierst, nichts anfangen. Mir ist das zu nichtssagend geschrieben. Wie gesagt: Der Kühlschrank ist ein kalter Geselle, wenn er Strom hat. Das ist meine gute alte Lebensweisheit eines Weißweintrinkers.

  7. Frohe Ostern schreibt:

    @Theo W. Adorno: „Jegliche Kultur nach Auschwitz ist Müll.“

    Das ist Quatsch. Wenn Kultur nach jenem Lager Müll ist, dann war die Kultur davor auch Müll. Das stimmt aber nicht so ganz.

    Ok, das Meiste ist bloß Auswurf;
    aber ein paar Ausnahmen gibt es.

    Zunächst müssen wir das, was wir „Kultur“ nennen, mal definieren: Nur das, was die Kapazität in sich birgt, den Reifeprozeß des Menschen zu unterstützen, nenne ich „Kultur“.

    Alles das, was ihn feinsinniger werden lassen kann, was ihn dankbarer, liebevoller, aufmerksamer, freudiger, weiser und stiller werden lassen kann, nenne ich Kultur.

    Der Rest ist Müll.

  8. Bersarin schreibt:

    Genau das meinte Adorno mit dem Müll: Das Salbadern und das Gewese, die leere, hohle Phrase im Ton der Ergriffenheit. Jargon der Eigentlichkeit. Was früher die evangelische Akademie, das ist heute die Achtsamkeitsergriffenheitsphrasendreschmaschine. Ideologien wechseln, der Strumpfsinn bleibt. All diese Slogans von feinsinnig, dankbar, liebevoll, weiser sind – so gut sie gemeint sein mögen – der Kitsch eines Kalenderblattspruchs. Mithin das Gegenteil von Kultur.

  9. Frohe Ostern schreibt:

    Wenn du, Bersarin, ein Lied singst, total, daß dir die Umgebung gleichgültig ist und das Denken verschwindet, nur noch Gesang ist…, das ist es. Die nachfolgenden Bewertungen des Verstandes, deine oder die der anderen, spielen keine Rolle.

    Vorhin hörte ich schwarzen Mann, einen südafrikanischen Sänger sagen, „ Musik ist so etwas wie ein Gebet.“ Wenn wir singen, malen, schreiben, denken, tanzen, arbeiten…, als sei es ein Gebet (ohne das zu denken), kann es niemals falsch sein.

    Um zwischen Authentizität und Falschheit (Kitsch) unterscheiden zu können, bedarf es der Nutzung der Intelligenz – nicht des Intellekts.

    Gute Nacht.

  10. Bersarin schreibt:

    Wenn Du wie versonnen Kalenderblattsprüche abreißt, da brauchst Du keinen Intellekt, sondern nur ein Behältnis für das Altpapier. Der eine pfeift auf dem letzten Loch und der andere dünn. Wem der Intellekt fehlt, der vermißt nichts. Sag ich mal so in den Raum.

  11. ziggev schreibt:

    @frohe ostern:
    Machen wir uns Deine dualistische Sicht einmal zur Probe zueigen: Was Du lediglich zu zeigen vermagst, ist die Unfähigkeit solchen theoretischen, lediglich behauptenden „Zeigens“, wie Du es betreibst, etwas ins „Unverborgene“ (Aletheia) zu holen. Soll ich nun auf den Finger schauen, der auf den Mond zeigt, oder auf den Mond? Durch Deine Ausführungen kommen wir ja kein Stück weiter, denn Du zeigst immer nur wieder auf den Finger, der wieder auf einen Finger zeigt und so weiter und sofort.

    Während Du also Dich immer nur im Kreise drehst, bleibt fraglich, welche Konsequenz draus aubzuleiten denkbar möglich wäre. Im Gegensatz zu Plato, der als Konsequenz eines solchen Dualismus die Künste als bloße Täuschung, Nachahmung, Gaukelei und Mummenschanz aus der Polis per Gesetz (fast) gänzlich verbannen wollte, rufe ich die Künste in ihrer Zeugenschaft für eine Wahrheit als Unverborgenes auf. Ihre Aufgabe wäre es, einen glimpse jenes Unverborgenen zu vergegenwärtigen oder eine Anmutung eines solchen „flüchtigen Eindrucks“ zu vermitteln.

    Um zu urteilen, ob dies nun gelingt oder nicht, haben wir aber keine anderen Mittel als solche, die solche Zeugnisse innerästhetisch zu kritisieren erlauben, denn unmittelbar ausweisbar wäre eine solche verschleierte Wahrheit ja nicht.

    Du wärest also dann glaubwürdig, wenn Du das Theoretisieren hinter Dir ließest und stattdessen es einmal mit Poesie versuchen würdest. Denn:

    „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie // Und grün des Lebens goldner Baum“.

    Dein Theoretisieren und ledigliches Behaupten und das Unvermögen derselben sind gerade der Beweis dafür, dass die Vorstellung eines Dualismus des Verborgenseins der Wahrheit, eines Schleiers, selber nur Schein ist. Die Vorstellung eines Schleiers der Maya ist selber der Schleier.

    Und so sind Deine Kalenderspruchwahrheiten darum so banal, weil Du selber ja nicht anders kannst, als Dich Deines Verstandes zu bedienen – sicher ist nur, dass, mit Verlaub, Du es bist, der, wenn überhaupt jemand, einen Schleier aufspannt.

  12. Bersarin schreibt:

    Sehr gut und sehr richtig, ziggev! Allerdings lädt man Frohe Ostern mit solchen Hinweisen nur dazu ein, sein Triviales weiterhin zu äußern. Und ich bitte doch sehr darum, daß es Frohe Ostern nicht bei mir im Blog mit der Krankenschwestern-Poesie versucht. Da gibt es im Netz sicher bessere Stellen, wo sich gleich zu gleich gerne gesellt.

    Kleine Geschichte aus der Schulzeit: Dort war ein Mitschüler, der sich für den Buddhismus interessierte. Er erzählte mir Verschiedenes davon, etwa das Bewußtsein sei wie ein Klang der Glocke und derlei Gleichnisse mehr. Ich glaubte ihm kein Wort und gab ihm zu verstehen, daß ich seine Geschichten für Getüdel hielte. Einige Jahre später traf ich den Schulkameraden wieder. Er erzählte mir, er habe in Japan und Thailand in Klöstern gelebt und mußte dort Arbeiten verrichten – die niedersten natürlich, aber wer ein Anfänger ist darf sich zunächst einmal beim Reinigen der Latrinen bewähren, um zu höherer Form sich zu steigern. Auch das bedeutet Gelassenheit. Was der junge Mann dem anderen jungen Mann nun über den Buddhismus erzählte, klang um einiges glaubwürdiger als die Geschichten aus der Schulzeit. Vor allem waren es keine Proklamationen mehr. Beim Buddhismus ist es wie mit der ästhetischen Theorie: Ohne die lebendige Anschauung, ohne Praxis und Werke gelingt es nicht und bleibt beim Lippenbekenntnis.

  13. Frohe Ostern schreibt:

    Hallo Ziggev.

    ziggev schreibt: 2. April 2016 um 13:55 =Soll ich nun auf den Finger schauen, der auf den Mond zeigt, oder auf den Mond?=

    Das ist dir überlassen.
    Ich schlage „Mond“ vor.

    ziggev schreibt: 2. April 2016 um 13:55 =Während Du also Dich immer nur im Kreise drehst=

    Was kümmert es dich, in welch engen oder weiten Kreisen ich mich drehe? Laß uns Tacheles reden: Welcher meiner Sätze k o n k r e t oberhalb dieser Zeile mißfällt dir?

    Was juckt es uns Heutigen, ob Platon früher mal die „Künste als bloße Täuschung, Nachahmung, Gaukelei und Mummenschanz“ abschaffen wollte? Hatte er plausible Gründe?

    ziggev schreibt: 2. April 2016 um 13:55 =rufe ich die Künste in ihrer Zeugenschaft für eine Wahrheit als Unverborgenes auf=

    Seit wann sind „Künste“ Subjekte? Sie haben kein Leben und keinen Wert aus sich selbst heraus. Es ist die Reife, es ist die Intention des Schaffenden, welche dem Geschöpf seinen Wert (oder Unwert) eingeben.

    Das, was ich oben zur „Kultur“ sagte, gilt natürlich ebenso für das, was „Kunst“ genannt wird: Nur das, was die Kapazität in sich birgt, den Reifeprozeß des Menschen zu unterstützen, nenne ich „Kunst“. Alles das, was ihn feinsinniger werden lassen kann, was ihn dankbarer, liebevoller, aufmerksamer, freudiger, weiser und stiller werden lassen kann, nenne ich Kunst. Also alles das, was ihn geistig bereichert. Den Rest nenne ich „Müll“.

    Aber ich gehe ich nicht so weit wie Platon: Von mir aus soll man auch Müll produzieren dürfen. Ich würde ihn nicht verbieten wollen. (Weil ich die kreative Aktivität nicht einschränken wollen würde. Sie allein hat bereits einen Wert – und sei es einen auto-therapeutischen) Allerdings plädiere ich dringend für Recycling !

    ziggev schreibt: 2. April 2016 um 13:55 =denn unmittelbar ausweisbar wäre eine solche verschleierte Wahrheit ja nicht.=

    Kannst du mir das übersetzen? Ich hab´s nicht verstanden.

    ziggev schreibt: 2. April 2016 um 13:55 =Du wärest also dann glaubwürdig=

    Mir geht es nicht um „Glaubwürdigkeit“. Ich halte nicht viel davon, an jemanden oder an etwas zu glauben. Niemand muß mir irgend etwas glauben. Was ich sage, kann jeder selber überprüfen.

    Mir geht es eher um Klarheit.

    ziggev schreibt: 2. April 2016 um 13:55 =wenn Du das Theoretisieren hinter Dir ließest=

    Was ich z.B. über Kultur und Kunst sage, würde ich eher eine Definition nennen oder… einen Anspruch. Ich vermute, daß du dich als Künstler verstehst: Hast du nicht den selben Anspruch? An das, was du kreierst?

    ziggev schreibt: 2. April 2016 um 13:55 =und stattdessen es einmal mit Poesie versuchen würdest=

    Verstehe ich nicht: Du verwirfst das, was ich schreibe komplett und sagst gleichzeitig, ich sollte es besser in buntes Papier wickeln und ihm ein Schleifchen aufsetzen??

    Mist in Poesie verpackt, ist immer noch der selbe Mist ! ?

    Mein Vorschlag: Nur Edles poetisch verzieren.
    Aber nur so, daß dadurch der Wert nicht leidet.

    ziggev schreibt: 2. April 2016 um 13:55 =Die Vorstellung eines Schleiers der Maya ist selber der Schleier=

    So ist es. Eine Vorstellung ist eine Vorstellung und nicht die Wirklichkeit.

    Erst den Schleier als Schleier erkennen,
    eröffnet die Möglichkeit für die Wirklichkeit.

    ziggev schreibt: 2. April 2016 um 13:55 =so sind Deine Kalenderspruchwahrheiten darum so banal=

    Du bist doch kreativ? Dann kannst ja auch du dazu beitragen, daß es künftig mehr Sprüche auf den Tageskalendern gibt, die nicht nur „schön“ scheinen, sondern auch wahr sind. Solche, die mit dem Begriff „Weisheit“ tatsächlich kompatibel sind.

    ziggev schreibt: 2. April 2016 um 13:55 =weil Du selber ja nicht anders kannst, als Dich Deines Verstandes zu bedienen=

    Ja. Wie denn sonst? Wer schreibt, bedient sich des Verstandes. Da ist (zunächst) kein Problem. Es kommt drauf an, ob wir vorzugsweise a u s dem (Ego-)Verstand oder lediglich d u r c h den Verstand schreiben.

    Den Unterschied macht, ob wir den Verstand verantwortungsvoll nutzen (wie ein Werkzeug, Abstand zu ihm haben) oder ob wir – ihm hilflos ausgeliefert – jeden Auswurf niederschreiben und in die Welt schicken.

    Hab einen
    schönen Abend !

  14. summacumlaudeblog schreibt:

    Herje, was ist denn hier los? Wir wollen doch hoffen, dass der frohe Troll zu Ostern spätestens zu Christi Himmelfahrt seinem Idol nacheifert.

  15. Bersarin schreibt:

    Na ja, wir wissen es – man kann sich die Trolle samt den abgesonderten Allerweltssprüchen nicht aussuchen.

  16. che2001 schreibt:

    @:“Das ist Quatsch. Wenn Kultur nach jenem Lager Müll ist, dann war die Kultur davor auch Müll. Das stimmt aber nicht so ganz.“ —– Genau das ist Hohlphrasentum. Dass Auschwitz möglich war offenbart ja den Sturz der europäischen Kultur/Zivilisation in eine vorher nicht für möglich gehaltene Barbarei. Erst aufgrund dieses Geschehens muss die Kultur die danach kam völlig neu bewertet werden – das alles gesehen aus einem, Zeithorizont, unter dem über die NS-Verbrechen nicht geredet wurde und der Kulturbetrieb affirmative Unterhaltungsware und simpelsten Kitsch produzierte, Hollywood unter Beobachtung McCarthys stand und die Malerei des Abstrakten Expressionismus als Dekor angesehen wurde.

  17. che2001 schreibt:

    @“Wer Adorno Kulturkonservatismus nachsagt, hat ihn in der Regel nicht gelesen oder schlimmer noch: nicht einmal im Ansatz verstanden. Insofern ist es auch absurd und verfehlt den Glutkern adornoscher Philosophie, wenn man ihn in Parallele zu Heidegger setzt und ähnliche Motive wittert. Die Kritik abendländischen Denkens erfolgt bei Adorno aus Gründen, die philosophischen deutlich vielschichtiger und komplexer gelagert sind als Heideggers Schwarzheftwaldhüttenseinsrefugium eines abgehalfterten Kulturkonservatismus“ —— So ist das Nachsagen eines Kulturkonservatismus auch gar nicht gemeint. Es gibt aber an den Unis durchaus wirkungsmächtige Adorno-Interpreten, die ihn dahingehend verbiegen, dass er im Alter ein reiner Ästhet gewesen sei der Im Betrachten des Kunstwerks Erfüllung gefunden hätte und sich gegen praktische Interventionen in den politischen Alltag ausgesprochen habe. (So sieht zum Beispiel auch das Adornobild eines Momo aus). Tatsächlich war Adorno bis zuletzt ein radikaler Gesellschaftskritiker, der es allerdings mit der Angst bekam, als sich erst Situationisten und dann auch Miltante auf seine Theorien beriefen.

  18. Bersarin schreibt:

    Sehe ich ebenso. Adorno Theorie mit Ästhetik zu entschärfen oder gar ihm dies zu unterstellen, als verkrümelte sich Adorno in der Kunst, ist nicht der beste Weg und vor allem verkennt es den Doppelcharakter von Kunst und Kunstwerk: Autonom und fait social in einem. Aber Dialektik ist nicht jedermanns Stärke. Vor allem aber nimmt solche Sicht nicht die „Negative Dialektik“ zur Kenntnis. Müßte ich eigentlich und wollte ich auch angehen – Adornos kurzer Text zu Theorie und Praxis.

    Was die Malerei des Abstrakten Expressionismus betrifft, so könnte man böse behaupten, daß er wesentliche Impulse auch durch den CIA erfuhr, der ein Kulturförderungsprogramm der ganz eigenen Art betrieb. Wofür doch plötzlich und einstmals Geld vorhanden war. Schöne Zeiten als uns die Sowjetmacht als Korrektiv all dies noch bescherte.

  19. che2001 schreibt:

    Herman L.Gremliza schrieb einmal, er schätze die Sowjetunion nicht wegen sozialer Garantien und Unterstützung der Armen, sondern wegen Ihrer Interkontinentalraketen, Bomberflotten, Panzerarmeen und Lenkwaffenkreuzer, die das Einzige seien, was den globalen Kapitalismus im Zaum halte und zur Zivilisation zwinge.

  20. Bersarin schreibt:

    Dem ist – traurigerweise – nichts hinzuzufügen. Die soziale Marktwirtschaft ist genau so lange sozial wie sie es sein muß.

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