Auferstehung – eine messianische Zeit

(Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Version, die ich bereits zu Ostern 2012 auf AISTHESIS einstellte.)

Die Zeit, die bleibt“

„Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber,
daß der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist.“
(W. Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

„Osterqualm, flutend, mit
der buchstabenähnlichen
Kielspur inmitten.“
(Paul Celan, Atemwende)

Gemeinhin wird mit dem Osterfest eine Hoffnung verbunden: der Glaube an die Auferstehung, der Triumph des Geistes über den Körper, die Transformation des Fleisches. Der „Faust“ Goethes inszeniert und simuliert diese Szenen des Glaubens während jener Osterszene, die zum Gequatsche der regredierten Bürger herabgespielt wurde, in nuce und in einer drastischen Verschiebung theologischer Begrifflichkeit noch einmal. Das beginnt mit einer Farbenlehre und endet in den Träumen. Teuflisch gar. Der Schub des Begehens und die Sucht nach Augenblick.

Fausts Arbeit des Über-Setzens. Lost in Translation: dieses verfluchte Dickicht eines Anfangs, und es bleibt dabei: „Im Anfang war die Tat“, eine Art von praktischer Philosophie des Bürgertums, gesiedelt zwischen Kant und Hegel, die unendliche Umschrift jenes ersten Wortes, das als Schrift auftritt, jenes ungeheuren Satzes des Johannesevangeliums. Keines der anderen drei Evangelien beginnt in dieser Weise. Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Auch ein Aspekt der theologisierten Literaturtheorie: Wortwerden des Fleisches, wie es bei Adorno an einer Stelle zu den Gedichten Eichendorffs heißt. Das Etwas vom Überschuß. Der Mehrwert gar.

Die Hölle der Immanenz, die„transzendentale Obdachlosigkeit“, wie Georg Lukács es in seiner „Theorie des Romans“ formulierte, steigerte sich im Lauf der Geschichte derart auf, daß diese Hölle zu keinem Bild mehr taugt und sich im Sinne realistischen Schreibens im Roman kaum noch reifizieren läßt. Jener Mann, den Lukács einst einen Formalisten scholt und der im Herrschaftsbereich der Sowjetmacht verboten war, sagte – so wird überliefert – zu Max Brod: „Es gibt unendlich viel Hoffnung! Nur nicht für uns.“ Als Georg Lukács dann in die Gefangenschaft seiner eigenen Genossen geriet, fiel ihm auf, wie sehr Kafka Realist war.

Nein, es geht durch die Welt kein Geflüster, sondern ein Riß. Von diesem spricht Lukács in „Die Theorie des Romans“ (1914/15), welche noch, aber doch nicht mehr ganz jenem bürgerlichen Ästhetizismus angehört. Auch in diesem Werk tätigt sich ein Übergang in der Zeit.

Womöglich ließe sich aber, was die Hoffnung und jenes Andere betrifft, von einem Deus absconditus sprechen. Nur wissen wir nicht, ob dieser sich aus Bosheit oder aber aus Scham heraus verbirgt. Daß bei Adorno die Utopie schwarz verhüllt ist, hat seinen Grund in der Sache. „Verlassen sind wir doch wie verirrte Kinder im Walde“ schrieb Franz Kafka 1903  an seinen Freund Oskar Pollak.

Es geschieht in der Kreuzszene jener Schnitt in der Zeit – zwei Zeiten: als chronos und als kairos gedacht, ein Schnitt, der als Ereignis auftritt. Geschieht es? Was geschieht? Eine Drehung ums ganze. Es handelt sich nicht um ein Warten, sondern um eine Form des Ereignisses, für das kein Bild mehr hinreicht. Es erfüllt sich die Prophezeiung. Und der Vorhang des Tempels zerreißt. Solche theologischen Aufladungen gilt es materialistisch zu wenden, ohne dabei aber den Gehalt zu verfehlen und ins Fahrwasser eines simplifizierten Materialismus zu geraten. Walter Benjamin verweist darauf in seiner ersten geschichtsphilosophischen These, wenn er schreibt, daß Theologie und Materialismus einander bedürfen, freilich in einer Form der Verkehrung (es ist alles eine Frage der Technik): Die artifizielle, maskierte Puppe des Schachautomaten mit ihren Schnüren, den Spiegeln und den Tricks, welche etwas vorspielt, das sie nicht ist, benennt Benjamin nicht etwa als die Theologie, sondern sie stellt jene Form von Geschichte dar. Und der Drahtzieher, der als strukturierendes, aber verborgenes Prinzip bloß ein Zwerg ist, gibt den Part des Theologischen:

„Gewinnen soll immer die Puppe, die man ‚historischer Materialismus‘ nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.“ (W. Benjamin, Über den Begriff der Geschichte)

Sicherlich darf die christologische Perspektive nicht ins Absolute umfassender Theologie versetzt werden, aber gegen eine, von evangelischen Akademien gepflegte, zu einfache Lesart des Kreuzestodes, der Kreuzestheologie des Paulus, des leeren Grabes, der Auferstehung, der Leiblichkeit und der Gewalt, die im Namen Roms auf den Körper ausgeübt, ihm angetan wird und die als Recht auftritt, nämlich als das Recht Roms, sollte die geschichtsphilosophische Perspektive Hegels im Spiel bleiben. Daß als Prinzip dieser Religion nicht beim bloß Sinnlichen, im Grab bei den Toten zu verbleiben sei, denn das Grab ist leer und das Lebendige ist nicht bei den Toten zu suchen, auf dem Friedhof, sondern er ist auferstanden (Lk 24, 5). Am Heiligen Grabe, so heißt es bei Hegel in seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“, vergeht alle Eitelkeit der Meinungen. „Im Negativen des Dieses“ geschieht die Umkehrung (auch als Metanoia zu lesen). Hegel verweilt eben nicht bei der puren Faktizität.

„Das Prinzip eurer Religion habt ihr nicht im Sinnlichen, im Grab bei den Toten zu suchen, sondern im lebendigen Geist bei euch selbst. Die ungeheure Idee der Verknüpfung des Endlichen und Unendlichen haben wir zum Geistlosen werden sehen, daß das Unendliche als Dieses in einem ganz vereinzelten äußerlichen Dinge gesucht worden ist.“ (Hegel, „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“)

Der Rückbezug läuft nicht über die bloße Körperlichkeit. (Transzendenz des Begehrens.) Es ist jenes Dieses, welches Hegel bereits in der „Phänomenologie“ in die Kritik nimmt. Bei Adorno wird es, im Kontext einer Rettung der Dinge unter dem Blick des Messianischen, wie er es als „Programm“ und Wesen der Philosophie zum Schluß der „Minima Moralia ausführt, zum Movens seines Denkens.

In der Tat ist diese Perspektive, welche Hegel auftut, insbesondere nach den drei Kantischen Kritiken, eine ungeheure Idee. Und diese Bezüglichkeit von Endlichem und Unendlichem eben ist der Hegelsche Rückverweis auf die Immanenz. Es bleibt nichts draußen, alles kann zum Bestand des Denkens werden.

„Und es war um die sechste Stunde, und es ward eine Finsternis über das ganze Land bis an die neunte Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels zerriß mitten entzwei. Und Jesus rief laut und sprach: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt, verschied er.“ (Lk 23, 44 – 46 )

„Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde. Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich unter die Egge zu legen. Es geschieht ja nichts weiter, der Mann fängt bloss an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund, als horche er.“ (Franz Kafka, In der Strafkolonie)

Es sind in dieser Phase des Überganges alle Sinne des Opfers geschärft, so zumindest erzählt es der Täter oder aber die Beobachter der Tat. Was in eine Korrespondenz tritt, ist die bloße Körperlichkeit als die in den Leib geritzte schmerzende Schrift und die Gewalt, welche sich als Erkenntnis maskiert und den Körper unwiederbringlich markiert und wandelt, und zwar als die Gewalt eines Rechts auftretend, welches jener Offizier exekutiert/ausführt. Die Folter, die Tortur geschieht im Namen des Rechts (im Geiste Roms) und verweist, insbesondere in Kafkas Erzählung auf das kontingente Moment des Rechts.

„Man kennt den brutalen Spruch, den sich Scotus bei Avicena ausleiht, um die Kontingenz zu beweisen: ‚Diejenigen, die die Kontingenz leugnen, müßten gefoltert werden, bis sie zugeben, daß sie auch nicht hätten gefoltert werden können.‘“
(G. Agamben, Die Zeit, die bleibt)

Wer mag, stelle sich vor den Isenheimer Altar in Colmar, um die Kreuzszene zu betrachten. Im Altarbild des Matthias Grünewald zeigen sich zwei Perspektiven dieses Körpers: der schimmelige, gemarterte, geritzte und verwundete Dornen-Körper jenes Menschen (ecce homo!), und die Auffahrt des wiederhergestellten Körpers, jenes Leibes in der Aureole, die ein Schweben über der Erde ist. Ein Leib, in dem die Wunden der Kreuzigung zwar noch an den Händen, den Füßen und im Brustkorb schimmern, aber in jenem verklärenden Modus der Schaustellung zugleich im Rot der Aureole verblassen. Vom Rot der Wunden zum Himmelsrot. Das Wunder der Auferstehung. Dieses „Er ist auferstanden, er ist wahrlich auferstanden.“ Buchstabenszenarien, die bei Paul Celan im Rauch aufgehen. Flutender Osterqualm. Der Osterkerze oder von sonstwo her.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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21 Antworten zu Auferstehung – eine messianische Zeit

  1. Frohe Ostern schreibt:

    Hallo Besarin, es kommt nicht klar rüber (mit Absicht?), ob du dich als Philosophen, als Literaten oder als Literaturvergleichenden verstehst.

    A – Der Vergleichende kann alles und jedes schreiben, es ist ohne Belang.

    B – Der Literat kann auch alles und jedes schreiben und es ist auch ohne Belang. Allerdings kommen die Fantasie hinzu und die Kreativität. Aber alles was er schreibt, bleibt auf dem Level der Intelligenz und der Weisheit des Autors WÄHREND seines Schreibens. Es kann nicht darüber hinauswachsen. Der aktuelle Stand der Geistigen Reife bestimmt den geistigen Wert seines Tuns. Also bleibt letztlich nicht viel übrig…, was der Rede wert wäre.

    C – Beim Philosophen läuft es etwas anders. Vorausgesetzt, der Philosoph versteht sich im Wortsinn als Philosophen und nicht als Schriftvergleicher. Der Philosoph ist ein Freigeist. Er ist des selbständigen Denkens und der eigenen Wahrnehmung fähig. Er muß sich folglich mit niemandem vergleichen. Ihm ist die Weisheit nicht fremd und nicht die Wahrhaftigkeit. Er repräsentiert damit eine hohe Reife.

    Du sprichst von einem =Wunder der Auferstehung=

    Nur ist das gar kein Wunder. Es passiert ständig.
    Allerdings gibt es den einen und anderen Schmetterling,
    der das Schlüpfen aus dem Kokon ein Wunder nennt.

    „Wunder“ hier verstanden als vermeintliche Ausnahme-
    Erscheinung aus dem allgegenwärtigen Wunderbaren.

    =Flutender Osterqualm= Möge er in Bezug auf dich… einer guten Zigarre entsteigen.

    In diesem Sinne:
    Frohe Ostern !

  2. Frohe Ostern schreibt:

    Bersarin sagt: =Es bleibt nichts draußen, alles kann zum Bestand des Denkens werden.=

    Warum willst du alles so klein machen, daß du es in das Denken quetschen willst? Warum?

    Es ist nichts drin…, im Denken.
    Das Wesentliche ist außerhalb.

    Ein Film ist nicht die Wirklichkeit.
    Auch dann nicht…, wenn es sich
    mal für zwei Stunden so anfühlt.

    Das Denken wird überbewertet.

    Wir mißbrauchen das Denken, wenn wir nur durch seine verstaubte, getönte und sehr schmale Brille auf die Welt schauen. Es genügt, wenn wir gelegentlich das Denken benutzen und es ansonsten außen vor lassen.

    Nein, nichts von Bedeutung kann wirklich zum Bestandteil des Denkens werden – wir können es allenfalls glauben. Ausnahmen sind die Produkte des Denkens: Die Logik, das kleine und größere 1 x 1, die Sprachen, die Statistiken, die Belletristik…

    Nur Konstrukte (Produkte die kleiner sind als das Denken), können Bestandteile des Denkens sein. Wir sollten die Intelligenz nutzen und unterscheiden lernen, was alles zu den Bestandteilen des Denkens gehört und was alles nicht Teil des mentalen Verstandes ist.

    Frohe Ostern

  3. Detlef Zöllner schreibt:

    Zu Frohe Ostern um 17:19: Was Du zum Denken schreibst gefällt mir.

  4. Bersarin schreibt:

    @ Frohe Ostern
    Ich verstehe nicht, worauf Du mit Deinen Fragen und Sätzen hinauswillst. (Davon ab, daß der erste Satz grammatikalisch falsch gebaut ist.) Es ist für die Lektüre eines Textes ganz und gar gleichgültig, ob ich als Philosoph oder als Literat schreibe. Wäre ich vermessen wie manche, bezeichnete ich mich als Dichter. Ja, ich schreibe als essayistischer Dichter, als philosophischer Essayist, als apokrypher Theologe der Heiligen der letzten Tage der Menschheit. Ich bin der Apokalyptiker des Frohsinn, der Sexist des Leichtsinns, der tiefe Gott des Schwer- und Übermuts.

    Ich rauche keine Zigarren, nicht einmal mehr Zigaretten. Vom Osterqualm bekomme ich Husten.

    @kulturgeschwätz
    tl;dr – was heißt das? Total leger; drogiger Realenzyklopädist? Trendiger longsex, dirty rectal? Hey – das ist es. Schließlich habe ich einen ziemlichen Faible für den Po. Aber ich bin nur ein älterer Mann und beachte nicht einmal mehr junge Frauen in ausgebeulten Cordhosen mit Rollkoffern, die ironisch gemusterte Socken und Tücher tragen. Und nun plage ich mich den Abend über was im Jugend- und Rönneslang wohl tl;dr heißen könnte. Es ist bestimmt eine versteckte versaute Botschaft. Bestimmt. Sicher. Ja.

  5. Bersarin schreibt:

    @ Detlef Zöllner: Vielen Dank und Dir ebenfalls ein frohes Osterfest.

  6. ziggev schreibt:

    Den Kairos als Schnitt zu denken, ist deshalb in meiner Auffassung unzureichend, weil Zeit in Abschnitten, Intervallen zerlegt (wozu Schnitte führen) das Moment der „erfüllten“ Dauer als ein qualitatives verfehlt; denn die Teilbarkeit des Kontinuums der Zeit verweist an die „schlechte Unendlichkeit“ je einzelner, immer weiter teilbarer Intervalle, während umgekehrt solche asymptotische Annäherung an einen solchen „Schnitt“ überhaupt erst übersprungen werden müsste, damit etwas bedeutsames geschieht. Um mit Zenon zu sprechen, der mit Pfeil und Schildkröte die Unmöglichkeit der Zeit bewies, muss, damit in der Zeit überhaupt eine Qualität anwesend sein kann, dieselbe auf ein Jetzt, einen Augenblick, der eben nie erreicht werden könnte, den jedoch der Kairos enthält, bezogen werden, welcher letzterer freilich ohne Zeitlichkeit zu denken wäre, also ein ewiges Jetzt, der Augenblick am oder im Ende der Zeit, in dem als Ewigkeit alles Vergangene enthalten wäre (Auferstehung).
    Zu diesem Ergebnis kam bekanntlich Zenon, Zeit als ewiger unveränderlicher Jetzt-Block.

    So sehe ich den Kairos eher als Meta-Zeit, Meta-Dauer, die über allem Kontingenten schwebt und alles irdische gemahnt, inne- und stillezuhalten, ist dieser Gott doch einmal erschienen. Sollte es dann tatsächlich etwas wie Sinn oder Bedeutung geben, dann müssten sie sich über diese „schlechte Unendlichkeit(en)“ der sich ereignenden Dinge ergießen und sie zu unendlicher Starre schockgefrieren.

    Ich wünsche mußevolle, österliche Stunden.

  7. Bersarin schreibt:

    Du hast mich da glaube ich falsch verstanden oder ich habe es unklar ausgedrückt. Es geht mir beim kairos um den Schnitt als Einschnitt. Auch im Sinne des Ereignisses. Die Zeit wird nicht in Intervalle zergliedert, sondern vielmehr sind wir in eine andere Weise der Zeit versetzt, die sich nicht linear konstituiert – auch im Sinne des Augenblicks. Die lineare Zeit wird unterbrochen. Während der Kreuzigung auf dem Golgatha verfinsterte sich der Himmel. Der kairos ist die exzeptionelle Gelegenheit. (Vielleicht etwas wie das Herausstehen als Ekstase.) Aber kein nunc stans, kein ewiges Jetzt. Genauso wenig aber der „Nutze-die-Gelegenheit“-Pragmatismus

    Das Paradox des Zenons ist eine Konstruktion, ein Gedankenexperiment, das sich das Absurde zunutze macht. Mit ihm befinden wir uns in der Theorie als Erzählung und Dichtung. Vorform der Wissenschaft.

    Meta kann der kairos nicht sein, weil er uns selbst unmittelbar affizieren kann und im nächsten Augenblick wieder entschwindet. Sich entzieht, als wäre nie etwas gewesen. Er strukturiert nichts.

    Aber es ist der kairos ein Geschehen, ein Vorgang, der wie das dialektische Bild genauer zu explizieren ist. Ich selbst begreife oder interpretiere den kairos als ästhetischen Aspekt. Na ja, eine Kombination aus Ästhetik und Theologie/Philosophie. Eigentlich in einer Nähe zur Philosophie Walter Benjamins in seinen geschichtsphilosophischen Thesen, den Baudelaire-Studien, dem Passagenwerk. Ebenso steckt etwas davon auch im frühen Benjamin – nämlich im Sinne seiner Sprachmagie. Hier setzt und treibt es sich zur Engführung.

    Dir, werter ziggev, ebenso angenehme österliche Stunden bzw. Tage.

  8. kulturgeschwaetz schreibt:

    Freud gefällt es, wenn du so frei assoziierst.

  9. Bersarin schreibt:

    Nein, nein, Freud haßt mich. Das spüre ich genau.

  10. kulturgeschwaetz schreibt:

    Auf „fühlen“ ist kein Verlass, das weißt du doch.

  11. Bersarin schreibt:

    Fühlen ist wie Geschirrspülen in der Tat lästig. Du gehörst zu den wenigen Frauen, die es begriffen haben.

  12. kulturgeschwaetz schreibt:

    Mir fällt leider keine schmissige Antwort ein, aber ich würde dir jetzt gerne etwas mit den Schlagworten „Gender“ und „Klischees“ um die Ohren hauen. Vielleicht fällt dir ja was passendes ein?

  13. Bersarin schreibt:

    Zu Gender fällt mir nichts ein. Oder doch, irgendwie damit zusammenhängend und zum zweiten Begriff in Homophonie: Stille Tage in Clichy. (Sozusagen Frauen, die sich freimachen. Aber das ist irgendwie auch blöd.)

  14. kulturgeschwaetz schreibt:

    Habe natürlich „Homophobie“ statt „Homophonie“ gelesen, da ist er wieder, der Freud.

  15. Bersarin schreibt:

    Homophobie: Nie! In der Tat, also doch Freud. In Wien kann ich nur seine Wohnung und das Behandlungszimmer in der Berggasse 19 empfehlen, das man als Museum besichtigen kann. Fehlverleser habe ich oft. Als ich noch studierte und ich an einem Geschäft vorbeikam, las ich mit Kreide auf eine Tafel geschrieben Ledermänner 1,99. Bei genauerem Hinsehen erwiesen diese sich jedoch als 100 g Leerdammer.

  16. kulturgeschwaetz schreibt:

    Was wollte dir dein Unbewusstes denn damit sagen?

  17. Bersarin schreibt:

    Latent schwul? Faible für Leder? Ich – eine Mischung aus Baron Charlus und Thomas Mann. Vielleicht aber auch Literatur/Interviews, die noch zu lesen sind: „Der Ledermann spricht mit Hubert Fichte“.

  18. kulturgeschwaetz schreibt:

    Irgendwie finde ich das sehr schön.

  19. Bersarin schreibt:

    Ja, eine Mischung, die mir ebenfalls gut gefällt. Fehlt nur noch die Scheinehe. Einen Faible für Thomas Mann habe ich als Bewohner von Grandhotel Abgrund eh.

  20. ziggev schreibt:

    bersarin, mit

    „Schnitt als Einschnitt. Auch im Sinne des Ereignisses. Die Zeit wird nicht in Intervalle zergliedert, sondern vielmehr sind wir in eine andere Weise der Zeit versetzt, die sich nicht linear konstituiert – auch im Sinne des Augenblicks. Die lineare Zeit wird unterbrochen“

    bin ich ganz d’accord mit Dir. In meinen Augen hat nur Zenon nicht nur die lineare, zergliederbare Zeit ad absurdum geführt, nein, zugleich hat er die Unmöglichkeit des Zusammentreffens zweier „Ereignisse“ im profanen Sinn demonstriert, damit des Ereignisses im emphatischen, also keine „Begegnung“, nicht, nie, nimmer. Die Begegnung – es hat uns zurück ins alltägliche Einerlei katapultiert – hat es also nicht gegeben. „Und was macht sie also jetzt?“ „Na ja, sie macht Geschichten“ – Lauter triviale Sachen.

    Was Zenon betrifft, war meine Idee die folgende: er führte die Möglichkeit von Bewegung ad absurdum und damit auch die von Zeit, ganz eliminativ-naturalistisch (analog der Idee vom sog. Wärmetod) betrachtet: es tut sich einfach nichts mehr, was sich messen ließe, und wenn´s nichts mehr zu messen gibt, existiert die entsprechende Entität nicht. Und damit fällt auch die Messgröße (Zeit) weg.

    Und hier wollte ich mit der Vorstellung vom kairos als andere Weise des Zeiterlebens, eines subjektiven Zeiterlebens, anknüpfen: ein auf nicht nähere Weise spezifizierter „zeitloser“ Augenblick (der eben unter keine Kategorie der Messbarkeit fällt), von welcher Warte aus sich die Möglichkeiten/Unmöglichkeiten umkehren oder vertauschen: Sie macht was-weiß-ich, geht einfach weiter, als ob überhauptnichts gewesen wäre, wie kann das, bitte, sein?

    Als Prophetie, Potentialität und zugleich Abwesenheit ist der kairos an Ostern für mich viel naheliegneder die Paradoxie eines zeitlos-dauernden. (Und an Ostern ist immer – mindestens an 1. Tag – gutes Wetter.)

    Aber genug, es ist schon ein Kreuz mit der Kreuzestheologie: Als stammte diese Idee aus einem jüdischen Witz wurde am Karfreitag dem Koran zufolge nicht Jesus gekreuzigt, es hat eine Verwechlung gegeben (klar, Du kennst den Film)!

    Zu ‚Kairos‘ bei W. Benjamin aber auch vor allem bei R. Barthes fand ich viele Aspekte noch einmal von einem anderen Licht beleuchtet auf

    schlemielintheory.com – It’s All in the Timing: A Brief Note on Kairos.

    Ah, this!

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