Reisebilder

Kalter Rotwein:
Herrengedeck
Hephaistos schmiedet Verse
Orphisch verweht mitunter.

Bildbeschreibung:
Eine Landschaft unter dem Schleier
Römisch-antik
Gravitätisch, aber nicht schwer.

13_11_05

Die Methode, Photographien mit Gedichten zu koppeln, ist nicht neu. Alles war schon einmal da. Der Rotwein ist leicht unter der Zimmertemperatur gekühlt. Kunst ist von der Grundfarbe schwarz, so Adorno. Hermetisch. Alles andere macht sich gemein, Verständlichkeit koppelt sich an den Betrug.

Die Ketten meiner Assoziationen treiben mich immer wieder nach Lissabon, und ich überlege: mache ich im Frühjahr einen Urlaub in Portugal oder reise ich wieder einmal, nach langen Jahren, nach Rom? Oder Venedig? Oder mit Walter Benjamin nach Neapel? Oder nach Sizilien? Nein, keine italienischen Landschaften: es ist die Stadt am Wasser, die ich benötige. Im Grunde muß es noch einmal Lissabon sein: das Meer und diese Weite des Flusses. Am Rand, nein am Ende der westlichen Welt, kurz bevor die Mauern Europas ins Meer abfallen und versinken. Atlantis-Sound. Vielleicht auch Edinburgh. Nordwärts.

„Ich liebe dich“ kann man
auf dreierlei Weise betonen.
Wie spricht man den Satz ohne Betonung?
(Thomas Brasch)

Welche eine geniale Frage. Ist sie rhetorisch? Möchte sich diese Frage am Ende der Prosa-Poesie der Liebe versichern? Geschieht hier der Abgesang auf die Liebe, indem ein solcher Satz nun ohne die notwendige Betonung und stimmliche Hingabe gesprochen wird? Oder ist es die Gleichwertigkeit vom Subjekt der Liebe, vom Objekt der Liebe und der Liebe selbst, so daß am Ende diese Trennung in Subjekt und Objekt und Liebe zerfällt und nur noch dieser eine, die Haut berührende, verschlingende Moment bleibt, der ohne Sprache sich liest?

„‚Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.‘“ Heißt es in Kafkas „Der Prozess“ in jenem Domkapitel. Diese Unschärfenrelation, in die mit Notwendigkeit jegliches hermeneutische Verstehen gleitet, ist nicht nur für die Praktiken der Liebe, sondern ebenso für die Kunst selber notwendig. Der Hermeneutik und des Verstehen sind enge Grenzen gezogen.

Und um hier in den Blog auch wieder einmal die von allen Menschen so sehr geliebte, geschätzte, gepriesene Subjektivität zum Klingen und Schwingen zu bringen – gerade in Zeiten, wo kaum noch Subjekt vorhanden, wird beständig und mit einer gewissen Aggressivität auf dieses gepocht: als ob da bereits etwas wäre: „wahre Sätze finden“, so schwadroniert‘s im ramponierten Ich – da möchte ich im Schwung solcher Subjektivität eines der Liebesgedichte (sofern es denn überhaupt eines ist) präsentieren, die ich für sehr gelungen und gekonnt komponiert halte. Hier also eines der stimmigsten Liebesgedichte, theologisch-vulgär im Fahrwasser:

Après l‘amour

Gleich nach dem Vögeln ist Liebe der bessere Stil.
Die Tierhaut entspannt sich, das Herz fängt sich ein.
Flacher Atem bläst Schweiß aus den Schlüsselbeinmulden.
Auf der Zunge zergangen, löschen Spermien den Durst
Auf den Nachwuchs. Die Achselhöhlen, den müden Bauch,
Alles holt sich der Schlaf. Wie nach zuviel Theologie
Kehren die Laken sich um. Altes Dunkel am Rand,
Neue Ränder im Dunkel. Die Kniekehlen zwitschern
Zweistimmig stimmlos ihr Post-Coital, ein Rondeau.
Eben noch naß, richten die Härchen wie Fühler sich auf.
Betäubt, summa summarum gestillt, hört dieser Schmerz
Des Lebendigseins bis zur Erschöpfung auf wehzutun.
Zurück in der Zeit, sind die Körper an keinem Ziel.
Gleich nach der Liebe ist Vögeln der bessere Stil

(Durs Grünbein, Schädelbasislektion)

Ich aber bin und bleibe: „Der Namenlose“. In zwei Tagen etwas zu Camus schreiben. Allein: mir fällt nichts ein.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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2 Antworten zu Reisebilder

  1. n.a. schreibt:

    Camus – hat er nicht (u.a.) gesagt, die einzige freiheit die wir haben ist die freiheit zum tode? was würden Sie von Camus erzählen, wenn Sie jemanden dazu bringen wollen, alles stehen und liegen zu lassen, nur um in die nächste bibliothek zu stürmen, sich ein buch vom besagten auszuleihen. ich weiß, Sie brauchen keine starthilfe. ich frage nur so, aus interesse.

  2. Bersarin schreibt:

    Ich würde ihr oder ihm genau diesen Satz nennen. Und ich würde ein wenig über „Der Fremde“ erzählen. Camus Prosa zumindest ist besser als seine Ausführungen zur Philosophie.

    Im Grund ist es mir aber egal, ob irgendwer Camus liest oder nicht.

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