„Sicher ist, daß ich kein Marxist bin.“ (Karl Marx) – Einige Aspekte zur Kritischen Theorie Adornos

Diese Überlegungen sind eine Antwort auf einen Kommentar von „Mathepauker“ hier im Blog. Ich stelle sie als eigenständigen Beitrag in den Blog, weil sich in diesem Text einiges über die Philosophie Adornos lernen läßt. Schließlich möchte auch dieser Blog – zumindest von Zeit zu Zeit – seinem Bildungsauftrag nachkommen. Wieweit ist die Kritische Theorie Adornos vom Text Marx‘ geprägt?

Überschreiben wir diesen Beitrag zunächst einmal so: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin“ (Karl Marx in: MEW 37) Damit haben wir zunächst einiges über die Engführung der Begriffe Marxismus/Marxist hin zu Karl Marx gesichtet. Und so können wir dann und in diesem Kontext schreiben: sicher ist, daß Adorno kein Marxist ist. Ansonsten geriete die Formulierung Adorno sei kein Marxist, sondern Linksweberianer schief. Es ist nicht der Arbeitermarxismus oder der Herz-Jesu-Marxismus evangelischer Akademien, der Adorno umtrieb und auf den der Text von Marx gerne heruntergebrochen wird.

Daß sich die Kritische Theorie von Marx her nicht sinnvoll rekonstruieren ließe, ist schlichtweg falsch. Die Bestimmungen zum Fetischcharakter der Ware sowie die Tendenz der Verdinglichung, die bis ins Bewußtsein hineinragt, bilden immer noch den Bestandteil Kritischer Theorie. Allerdings produziert Adorno keinen Marxismus und keinen (Vulgär-)Materialismus, der Phänomene des Überbaus schlicht auf die Produktionsbedingungen zurückführt. Richtig ist es allerdings, daß wir bei Adorno – anders als bei der Philosophie Hegels oder Kants – keine direkte Auseinandersetzung mit dem Text von Marx finden. Dieser Umstand mag auf den ersten Blick befremden. Was freilich nicht bedeutet, daß die Kritische Theorie Adornos sich von Marx‘ Kritik der Politischen Ökonomie verabschiedet hätte. Ganze Passagen der „Dialektik der Aufklärung“ sind davon getragen und Adornos Überlegungen zum Begriff eingreifender, gesellschaftsverändernder Praxis sind eine implizite Weiterführung Marxscher Begrifflichkeit. Adorno Text von Marx zu „befreien“ und ihn der Metaphysik zuzuschlagen, bedeutet schlicht eine Entschärfung der Kritischen Theorie. Nicht anders als Habermas es mit Adorno tat, indem er den Gehalt Kritischer Theorie in Kommunikation und kommunikative Rationalität überführte. „Um sich vom Ideologieverdacht zu reinigen, ist es neuerdings gelegener, Marx einen Metaphysiker zu nennen, als den Klassenfeind.“ (Th. W. Adorno, Negative Dialektik, Einleitung) Dies trifft ebenfalls auf eine bestimmte (entschärfende) Adorno-Lektüre zu, die Adorno von Marx zu reinigen beabsichtigt.

In Adornos akademischer Antrittsvorlesung von 1931 „Die Aktualität der Philosophie“ heißt es:

„Wenn Marx den Philosophen vorwarf, sie hätten die Welt nur verschieden interpretiert, und ihnen entgegenhielt, es käme darauf an, sie zu verändern, so ist der Satz nicht bloß aus der politischen Praxis, sondern ebensowohl aus der philosophischen Theorie legitimiert. In der Vernichtung der Frage bewährt sich erst die Echtheit philosophischer Deutung und reines Denken vermag sie von sich aus nicht zu vollziehen: darum zwingt sie die Praxis herbei. Es ist überflüssig, eine Auffassung vom Pragmatismus ausdrücklich zu sondern, in welcher Theorie und Praxis derart sich verschränken wie in der dialektischen. (GS 1, S. 338-339)

Nun hat sich freilich in dieser Zeit zwischen 1931 und 1945 einiges geändert: Die Weimarer Republik geriet mithilfe einer entstellen Sozialdemokratie endgültig in die Geiselhaft reaktionärer Kreise, die Arbeiterklasse dankte dank Stalin ab und verschwand wie eine Träne im Ozean, Hitler kam, Stalin säuberte, ein totalitärer US-Kapitalismus verkaufte Kultur als Ware. Diese Parameter bestimmten fortan auch die Kritische Theorie der Gesellschaft. Den Hitler-Schergen entronnen, blieb nicht viel Spielraum für Hoffnungen auf die Arbeiterklasse. Wenn sie nicht in den Lagern deportierte wurde oder mitmachte, sah sie Filme aus Hollywood oder inhalierte vorfabrizierte Musik. Nicht anders als die bürgerliche Klasse, die sich anschickte im nivellierten Mittelstand zu verschwinden. Grob gesprochen.

Daß Adorno nicht der Arbeiterklasse entstammt, dürfte kein Geheimnis sein. Adorno generell Empathie für Arbeiter abzusprechen, läuft der Philosophie Adornos entgegen. Es käme ihm kaum in den Sinn, einzelne Individuen oder Gruppen pauschal zu verurteilen. Was er in seinen Texten jedoch freilegt, sind Mechanismen der Subjekt- und Bewußtseinszurichtung sowie – auch an Weber orientiert – Formen der Rationalität. In dieser Weise der Analyse und der Kritik folgte ihm Foucault später nach. Allerdings hegte Adorno, anders als mancher Linke in der BRD, keinerlei Illusion, daß dem Arbeiter als Klasse irgend eine revolutionäre, gesellschaftsverändernde Funktion zukäme. Im Bewußtseinsstand hatte der Arbeiter dem Kapitalisten nichts mehr voraus. Und auch hinsichtlich der Studentenproteste verstand Adorno seine eigene Theorie nicht als Handlungsanweisung für einen alleinseligmachenden Weg.

Richtig ist es, daß Adorno an Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes festhält. Allerdings aus einem materialistischen Motiv heraus: In der Leiderfahrung sowie ihrer Anamnesis in Philosophie und Kunst verschwistern sich Materialismus und Metaphysik. Die verschiedenen Stränge der Adornoschen Philosophie lassen sich nicht in einem einzigen Aspekt zusammenfassen, so daß man sagen könnte: Adorno sei nun dies oder das, ihm ginge es lediglich um die Rehabilitierung einer Metaphysik, wobei damit die Aspekte Marxscher Theorie aussetzten. Er ist so nahe bei Hegel und Nietzsche wie er nahe bei Kant und Marx ist. Dialektische Lektüre läuft darauf hinaus, den einen mit dem anderen gegenzulesen und in ein konstellatives Denken zu bringen. Was die Dialektik betrifft, so borgt Adorno von Hegels Denken. Aber diese Dialektik stellt sich nicht positiv still und kommt zu keinem Abschlußhaften. Das Nichtidentische ist kein Ort, der sich fixieren läßt, sondern es changiert, erzeugt immer wieder neue Modelle und Bilder – kaleidoskopähnlich. Die Nähe zur literarischen Romantik ist hier evident, und damit berührt sich die Adornosche Gesellschaftskritik auch mit der Ästhetik: Das Kunstwerk und ästhetische Erfahrung liefern Bilder und Modelle, aber sie lassen sich im Akt eines zugreifenden hermeneutischen Verstehens nicht stillstellen.

„Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Dieser Imperativ ist so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheit des Kantischen. Ihn diskursiv zu behandeln, wäre Frevel: an ihm läßt leibhaft das Moment des Hinzutretenden am Sittlichen sich fühlen. Leibhaft, weil es der praktisch gewordene Abscheu vor dem unerträglichen physischen Schmerz ist, dem die Individuen ausgesetzt sind, auch nachdem Individualität, als geistige Reflexionsform, zu verschwinden sich anschickt. Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebt Moral. Der Gang der Geschichte nötigt das zum Materialismus, was traditionell sein unvermittelter Gegensatz war, die Metaphysik.“ (Th. W. Adorno, Negative Dialektik)

Diese Sätze inthronisieren nicht die Metaphysik, sondern sie deuten vielmehr darauf, wie sich inmitten einer Gesellschaft, die nicht mehr auf unmittelbare revolutionäre Befreiung hoffen kann, die Kategorien verschoben haben. Telos Adornoscher Philosophie ist ein Subjekt, das sein Anderes in sich befaßt und auch die leiblichen, die somatischen, die impulshaften Momente in sich aufnimmt. Hierfür steht in vielfältiger Weise Adornos Begriff der Mimesis ein, die sich, um nicht bloßer idiosynkratischer Impuls zu bleiben, mit begrifflichem Denken koppelt. Synthesis des Zerstreuten ohne dieses gleichzumache, so könnte man es formelhaft auf den Punkt bringen, wenn sich denn Philosophie in einzelnen Sätzen erschöpfte. Das aber tut sie nicht.

Adorno liefert theoretische Bestimmungen zur Möglichkeit und zur Unmöglichkeit von Praxis. Es geht ihm dabei nicht um Handlungsmodelle, die zu einer Parole oder zum Pamphlet gerinnen, sondern es überlebt in der Theorie ein Moment von Praxis. Dies aber bedeutet nicht, daß sich Adorno nun im stillen Kämmerlein und als unschuldiger Metaphysiker von der 11. Feuerbachthese des Karl Marx verabschiedet hätte, um der Innerlichkeit zu huldigen. Daß die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert haben und eine Veränderung nun unmöglich sei. Allerdings bleibt Adorno skeptisch gegen allzu einfache Modelle, weil er – darin freilich Webers Modell von Rationalität folgend – eine Vernunft und ein Denken am Werke sieht, das genau diese Emanzipation des Subjekts verhindert. Von diesem Blick her kann man dann wiederrum Adornos Denkmodelle, die er in der „Negativen Dialektik“ entwickelt mit seinen Texten aus den „Minima Moralia“ und der „Dialektik der Aufklärung“ gegenlesen.

Kritische Theorie der Gesellschaft bleibt eine Theorie der Emanzipation und sie ist der Aufklärung geschuldet, darin der Kritik der Politischen Ökonomie verwandt. Die Aufklärung wird innerhalb einer Dialektik der Aufklärung nicht mit der Gegenaufklärung eines Heidegger, eines Carl Schmitt oder eines Leo Strauss bekämpft, sondern dialektisch bei ihrem eigenen Begriff genommen. Dies schließt materialistische und metaphysische Aspekte zusammen.

„Der Prozeß, durch den Metaphysik unaufhaltsam dorthin sich verzog, wogegen sie einmal konzipiert war, hat seinen Fluchtpunkt erreicht. Wie sehr sie in die Fragen des materiellen Daseins schlüpfte, hat Philosophie seit dem jungen Hegel nicht verdrängen können, wofern sie sich nicht an die approbierte Denkerei verkaufte. Kindheit ahnt etwas davon in der Faszination, die von der Zone des Abdeckers, dem Aas, dem widerlich süßen Geruch der Verwesung, den anrüchigen Ausdrücken für jene Zone ausgeht. (…) Wem gelänge, auf das sich zu besinnen, was ihn einmal aus den Worten Luderbach und Schweinstiege ansprang, wäre wohl näher am absoluten Wissen als das Hegelsche Kapitel, das es dem Leser verspricht, um es ihm überlegen zu versagen. Theoretisch zu widerrufen wäre die Integration des physischen Todes in die Kultur, doch nicht dem ontologisch reinen Wesen Tod zuliebe, sondern um dessentwillen, was der Gestank der Kadaver ausdrückt und worüber deren Transfiguration zum Leichnam betrügt. Ein Hotelbesitzer, der Adam hieß, schlug vor den Augen des Kindes, das ihn gern hatte, mit einem Knüppel Ratten tot, die auf dem Hof aus Löchern herausquollen; nach seinem Bilde hat das Kind sich das des ersten Menschen geschaffen. Daß das vergessen wird; daß man nicht mehr versteht, was man einmal vorm Wagen des Hundefängers empfand, ist der Triumph der Kultur und deren Mißlingen.“ (Negative Dialektik, Meditationen zur Metaphysik)

Dies sind entscheidende Sätze Kritischer Theorie: jener Hotelbesitzer, der Adam hieß, ist eines der Urbilder entstellter Subjektivität. Wer jene Passagen in dieser Adornoschen Diktion liest, dem stellt sich die Frage nach der (unsinnigen) Wahlmöglichkeit „Materialismus oder Metaphysik“ nicht mehr. Als ob das Subjekt in einer Cafeteria sich befände: Marx oder Cola oder Metaphysik? Adornos Text lediglich einer Seite zuzuschlagen, perpetuiert verdinglichtes und undialektisches Denken. Dieser Umstand eben macht nach wie vor die Aktualität Adornos aus: daß sein Text in immer neuen Facetten schimmert und scheint, weil es eine Theorie ist, die sich nicht auf eine Position festnageln läßt. Darin dem Denken Hegels und Marx‘ verwandt.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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49 Antworten zu „Sicher ist, daß ich kein Marxist bin.“ (Karl Marx) – Einige Aspekte zur Kritischen Theorie Adornos

  1. georgi schreibt:

    Dein Held ist nicht nur kein Marxist sondern der Anti-Marxist. Marxistische Begriffe werden einfach umgedeutet, z.B. der Praxisbegriff:

    Adorno liefert theoretische Bestimmungen zur Möglichkeit und zur Unmöglichkeit von Praxis.

    Diesen Satz verstehe ich nicht, aber sehr wohl den marxistischen Satz, das Praxis das Kriterium der Wahrheit sei, der Grundlage der marxistischen Erkenntnistheorie ist. Er bedeutet etwa: Alle Maschinen, Mikroskope, Computer, Waschmaschinen etc. belegen die Wahrheit der Naturwissenschaften, denn sie sind mit deren Gebrauch hervorgebracht worden. Die Welt ist demnach erkennbar. Allerdings sei Erkenntnis ein Prozeß, der einer Entwicklung unterworfen sei. Höhere Formen, tiefere Einsichten entwickeln sich aus niederen Formen. So kommt es, daß jede Wahrheit schon bei ihrer Verkündung in Frage gestellt wird. Das ist Dialektik. Alles andere Metaphysik, die in allen möglichen Formen auftritt: als Mechanismus, Biologismus, Esoterik oder Philosophie, die die Welt nur interpretiert. Die angeführte Feuerbachthese muß man auch in diesem Zusammenhang sehen. Ganz anders Dein Held: Der ist stockkonservativ, denunziert den Forschritt, den Klassenkampf und macht ihn für Hitlers Schandtaten verantwortlich. Zumindestens seine Epigonen treiben ein übles Spiel mit Deinem Helden. Auschwitz ist hier keine historische Tatsache, sondern ein böser Geist, der überall gebannt werden muß: Bei Veranstaltungen forschrittsgläubiger Computernerds etwa, oder im Süden Libanons. Deutsche Geschichte und der Fakt, daß Hitler keineswegs nur Juden umgebracht hat, interessiert nur wenig. Und wenn da jemand kommt, und meint, ja, im Gegensatz zu allen anderen Schandtaten Hitlers sei der Judenmassenmord so vollkommen sinnlos, und deshalb sei er etwas anderes, als all die anderen Schandtaten, dann muß ich immer grinsen, weil dieselben Leute ja behaupten, Auschwitz würde schon in Ordnung gehen, wenn der Massenmord wenigstens einen rechtmäßigen Sinn hätte.

  2. georgi schreibt:

    Diesen Satz verstehe ich nicht, aber sehr wohl den marxistischen Satz, das Praxis das Kriterium der Wahrheit sei, der Grundlage der marxistischen Erkenntnistheorie ist.

    Bitte „das“ zu „daß“ machen vor „Praxis“.

  3. Bersarin schreibt:

    Georgi, es mag sein, daß Du in der Kategorie der Helden denkst. Dies hat sich auch nach 20 Jahren Nicht-DDR aus manchen Köpfen des Herz-Jesu-Arbeiterklasse-Marxismus nicht herausgewaschen, daß es keine Helden der Arbeiterklasse mehr gibt. Übrigens auch keine Arbeiterklasse mehr. Heute sind alle Angestellte. Krakauer schrieb darüber. Da wo keine revolutionäre Instanz, da wo kein historisches Subjekt mehr, da ist im klassischen Verständnis auch keine proletarische Revolution mehr möglich und da verändert sich ebenfalls der Praxisbegriff. Darüber nachzudenken, halte ich durchaus für lohnenswert. Adorno dachte darüber nach.

    Interessant übrigens, daß Marx im „Kapital“ dem Wesen der Ware, der Werttheorie, dem Kapital und vielen anderen Begriffen umfangreiche Kapitel widmete. Nur den Klassen behielt er von etwa 2000 Seiten gerade mal zwei vor. Nein, der mittlere und späte Marx ist kein Marxist. Sehr richtig. Und ebensowenig ist Adorno ist ein Marxist, er ist sogar – Marx sei Dank – Anti-Marxist. Wie auch Marx Anti-Marxist ist.

    Was Du als Deine Sicht von Dialektik hier beschreibst, ist der Sound eines Vulgärmaterialismus. Mit einer emphatisch verstandenen Dialektik hat diese Deine Sicht allerdings nichts zu tun.

    Kannst Du mir bitte die Textstelle nenne, wo Adorno den Fortschritt denunziert? Es entgeht Dir selbst noch ein so augenfälliger Titel wie „Dialektik der Aufklärung“.

    Wenn Du Adornos „Negative Dialektik“ liest, wirst Du womöglich bemerken, daß Auschwitz und der Massenmord kaum in einer negativen Theologie münden. Nein, Hitler hat nicht nur Juden umgebracht. Hier die einen Opfer jedoch gegen die anderen auszuspielen besitzt ein wenig den Klang von „Junge Freiheit“. Was Du ansonsten zu Auschwitz schreibst, deckt sich mit den Beobachtungen Martin Walsers. Mich würden dann in diesem Zusammenhang auch die Namen der Adorno-Epigonen interessieren, die Auschwitz nicht als historische Tatsache, sondern als bösen Geist sehen. Wie bewertest Du eigentlich Auschwitz? Als guten Geist?

    Wenn übrigens, in Deiner Diktion, Praxis das Kriterium von Wahrheit wäre, dann ist auch Auschwitz gerechtfertigt, weil es sich als Praxis im großen und ganzen doch ganz ordentlich bewährt hat. Wie auch der deutsche Blitzkrieg. Nur das mit den Autobahnen war nicht so gut. Denn heute haben wir einen Verkehrsinfarkt.

  4. georgi schreibt:

    Wir verstehen unter „Praxis“ jeweils etwas anderes; ich etwas, was nichts mit Moral, also auch nichts mit Auschwitz sondern mit Erkenntnis zu tun hat, also der Möglichkeit, die Welt zu erkennen, Wissenschaft treiben zu können etc. Daß Praxis das Kriterium der Wahrheit sei, ist so ein geflügeltes Wort.

    Daß das Proletariat nicht mehr existierte, halte ich für ein Gerücht. Da, wo es Löhne gibt, gibt es immer auch Proletariat, auch wenn der Arbeiter angestellt ist.

    Mich würden dann in diesem Zusammenhang auch die Namen der Adorno-Epigonen interessieren, die Auschwitz nicht als historische Tatsache, sondern als bösen Geist sehen. Wie bewertest Du eigentlich Auschwitz? Als guten Geist?

    Ich denke da an die Zionisten, unter ihnen die sogenannten Antideutschen, die ständig Adornos Namen im Munde führen. Auschwitz ist für sie ganz bestimmt ein böser Geist, und weit weniger ein historischer Tatbestand. Da werden die Verhältnisse in Hitlers Deutschland bedenkenlos übertragen und sakralisiert. Die Adornisten, die beständig im Nahen Osten eine Gefahr eines neuen Holocaust ausmachen, benehmen sich wie die Stalinisten, die in Ländern wie der Mongolei den Kommunismus aufbauen wollten, wo es weder Kapital noch Lohnarbeit, nicht einmal ein Feudalverhältnis und keine Sklaverei gibt, wofür also Marx‘ Theorie erst schöpferisch weiterentwickelt werden müßte. Es fällt auch auf, daß die Anerkennung des Unrechts an Zigeunern, Schwulen und anderen verfolgten Gruppen bis zum heutigen Tag viel schwerer fällt als die Anerkennung an Juden begangenen Unrechts. Für Adornisten wie Postone ist allein der Antisemitismus Kennzeichen des Nationalsozialismus, was ihn vom Fascismo Mussolinis unterscheiden soll. Alle übrigen Erscheinungen im Dritten Reich werden dann in den Zusammenhang mit dem Mord an den Juden gebracht. Oftmals wird sogar bestritten, daß Zigeuner überhaupt verfolgt worden wären, und sie in Auschwitz nicht ihrer ethnischen Volkszugehörigkeit sondern ihrer „Asozialität“ wegen verfolgt wurden. Eine solche Begründung finde ich lachhaft, weil derartige Anhänger der „Kritischen Theorie“ ja damit zugeben, mit Auschwitz grundsätzlich kein Problem zu haben, sondern nur mit der Rechtmäßigkeit des Judenmordes.

    Insgesamt empfinde ich Adorno als eine Art Mogelpackung, eine Theorie, die verspricht, Gesellschaft verändern zu wollen, tatsächlich aber aus Moral besteht („Auschwitz!“).

  5. Bersarin schreibt:

    Oh, die Praxis von Auschwitz hat ebenfalls nichts mit Moral zu tun, sondern mit Erkenntnis: Diese Tötungsmaschine hat sich bewährt, sie ist effizient. Dies haben die deutschen Faschisten und ihre Helfer schnell erkannt und bewiesen. Daß Moral hierbei keinerlei Rolle spielt, zeigt Himmlers Posen-Rede. Interessant in diesem Zusammenhang ist freilich sein Satz „und dabei anständig geblieben zu sein“. Der deutsche Anstand ist eben in der Welt unnachahmlich. Zwischenzeitlich schickten sich dann auch einige arabische Staaten an, die Juden ins Meer treiben zu wollen. Wenigstens wollten sie diesmal Wasser und kein Gas verwenden. (Inzwischen ist das Wasser des Jordan z.B. knapp geworden. Kämpfe werden in dieser Region – wie auch andernorts – um Ressourcen geführt. Konkurrenz ist der Motor.)

    Was die Antideutschen und die Zionisten betrifft, so bleiben Deine Vorwürfe sehr abstrakt. Was sind die Zionisten oder die Antideutschen? Solche Kollektivsingulare sind nicht sonders hilfreich, um Positionen zu sichten. Wer Auschwitz als Moralkeule gebraucht, so wie J. Fischer beim Kriegseintritt der BRD in Serbien, der hat nicht viel begriffen. Wer die Hamas für eine revolutionäre Bewegung hält und sie einer globalen Linken zuordnet, wie J. Butler, ebenfalls nicht. Ausgenommen dann, wenn sie unter „revolutionär“ auch klerikal- bzw. islamo-faschistische Regime versteht. Dann könnte man aber auch die Jesuiten oder die Franziskaner der revolutionären Linken zuordnen.

    Wie schon gesagt: Bei Adorno geschieht kein Moralisieren um Auschwitz herum. Sein Imperativ, daß sich Auschwitz nicht wiederholen möge, schließt nicht nur die industrielle Tötung von Juden ein, sondern verweist auf zahlreiche Verbrechen, die in dieser Welt sich ereignen. Diesem Gewaltzusammenhang widmet Adorno sein Denken. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse analysiert er, und dabei rekurriert er auf Marx, und zwar in einer angemessenen und progressiven Weise, in welcher Marx nicht dem Arbeitslagermarxismus von Sowjetmacht und DDR überlassen wird. Und der Schlußteil seiner „Negativen Dialektik“ heißt nicht „Moralphilosophie nach Auschwitz“, sondern „Meditationen zur Metaphysik“.

    Das Aporetische und das „Grandhotel Abgrund“ wie es Lukács in bezug auf Adorno formulierte, wird sich seine Theorie zurechnen lassen müssen. Aber diesen Aspekt lese ich nicht als negativen, sondern vielmehr zeichnet dieses Beharren auf der Negativität das Denken Adornos aus. Anders als die ewig vom Positiven Salbadernden mit ihren Kirchenreden und ihrem Sozialdemokratischen Sonntagsgeschwätz sowie der eindimensionalen Lektüre des Adorno-Satzes, daß es kein richtiges Leben im falschen gebe: Huch, da habe ich ja eine kleine Privatutopie in meiner Hippiekommune. Das Negative bleibt negativ und wird als solches auch benannt, bis es vergeht.

    Den Nationalsozialismus allein auf den Antisemitismus zu reduzieren ist – wie alle Reduzierungen – dumm. Dennoch ist dieser eliminatorische Antisemitismus ein wesentliches Element. Ansonsten aber halte ich nichts davon, die einen Opfer gegen die anderen auszuspielen. Das läuft genau auf das Verhalten der Gegen-Solidarisierung hinaus und ist genau jener Ratio geschuldet, die Adorno nicht müde wurde in die Kritik zu nehmen.

    Adornos Theorie verspricht an keiner Stelle Gesellschaft verändern zu wollen. Sie ist schließlich nicht die rote Heilsarmee. Sehr wohl aber zeigt sie Beschädigungen auf und liefert über die Konzeption von ästhetischer und philosophischer Erfahrung so etwas wie Gegenmodelle, ohne dabei in Handlungsanweisungen abzugleiten.

  6. georgi schreibt:

    Oh, die Praxis von Auschwitz hat ebenfalls nichts mit Moral zu tun, sondern mit Erkenntnis: Diese Tötungsmaschine hat sich bewährt, sie ist effizient. Dies haben die deutschen Faschisten und ihre Helfer schnell erkannt und bewiesen. Daß Moral hierbei keinerlei Rolle spielt, zeigt Himmlers Posen-Rede.

    Nun ja, die Methoden, derer sich die SS bedienten und die Obszönität ihrer Verbrechen sind unwichtig. Viel wichtiger ist in diesem Zusammenhang die Frage nach dem Sinn der Veranstaltung. Himmlers Rede zeigt die Entschlossenheit und Konsequenz, mit der die Nazis vorgehen. Der Sinn geht auch aus Himmlers Rede nicht hervor, nur deren Entschlossenheit und Konsequenz. Jüdische Kinder ermorden zu wollen, weil sich aus ihnen Rächer entwickeln könnten, ist blanker Macchiavellismus. Der ist nichts ungewöhnliches. Der kommt überall vor: in Deutschland, den USA und auch in Israel, in dem es etwa völkerrechtswidrig im Ausland mißliebige Personen hinrichten läßt. Mit „Praxis“ in meinem Sinne hat das aber alles nichts zu tun. Abgesehen davon hat Faschismus und Nationalsozialismus einschließlich Himmlers Rede sehr viel mit Moral zu tun:

    Interessant in diesem Zusammenhang ist freilich sein Satz „und dabei anständig geblieben zu sein“. Der deutsche Anstand ist eben in der Welt unnachahmlich.

    Anstand ist eine moralische Kategorie. Himmler rechtfertigt sich moralisch.

    Der Nahost-Konflikt steht in keinem Zusammenhang mit Hitlers Judenmord. Den mit Auschwitz gleichzusetzen, ist sehr verwegen. Auschwitz wird hier endgültig von seiner historischen Einmaligkeit befreit, und wird nur noch zum inhaltslosen moralischen Totschlagargument. Den militärischen Konflikt um ein paar Quadratkilometer Levante kann man nun wirklich nicht mit Auschwitz gleichsetzen. Die Juden in Deutschland waren Zivilisten und haben nicht auf militärischem Wege Land angeeignet und Teile der Bevölkerung vertrieben. Selbst, wenn man die unanständigen Verlautbarungen berücksichtigt, die arabische Verantwortliche von sich geben, muß man die Geschichte des Kolonialismus und den Willen der arabischen Nationen einbeziehen, ihre nationalen Geschicke selbst zu lenken, woran sie durch den Nahost-Konflikt gehindert werden, was ihre Abneigung gegen Israel begründet. Jedoch sind nicht nur Israel und die arabischen Staaten am Nahost-Konflikt beteiligt, sondern ebenso auch die angelsächsischen Mächte, Rußland, China. Die Araber, die Iraqer, Syrer, Libanesen, Palästinenser, Ägypter etc. sind von vornherein die Verlierer der Geschichte. Wegen ihrer Ohnmacht trifft sie weit weniger Verantwortung als die Deutschen und selbstverständlich auch Österreicher, Ungarn und die anderen Nazis. Jetzt argumentiere selbst ich moralisch!

    Den Nationalsozialismus allein auf den Antisemitismus zu reduzieren ist – wie alle Reduzierungen – dumm. Dennoch ist dieser eliminatorische Antisemitismus ein wesentliches Element. Ansonsten aber halte ich nichts davon, die einen Opfer gegen die anderen auszuspielen.

    Genau das passiert in der Realität. 1945 endete der Holocaust. Ab 1968 reflektierte die zivilisierte Welt ihre Verbrechen, aber nur jene an den Juden begangenen. Während man aus Amt und Würden gejagt wird, wenn man in den Geruch von Antisemitismus gerät, kann man bis zum heutigen Tage bedenkenlos gegen Zigeuner hetzen. Die Roma und Sinti brauchten sehr lange, bis die an ihnen begangenen Verbrechen anerkannt wurden. Als Grund wird jedesmal angegeben, daß nicht sie als Volk sondern sie als „Asoziale“ verfolgt wurden. Das verleiht Auschwitz Kontinuität und nicht Irans angebliches Atomwaffenbauprogramm. Das zeugt ja davon, daß Auschwitz für einige Verantwortliche in Ordnung geht, wenn Auschwitz sich gegen „Asoziale“, „Arbeitsscheue“, „Minderwertige“, „unnütze Esser“ etc. richtet. Diese Hatz ist der dunkle Fleck in der „kritischen Theorie“. „Segregation“ von Volksgruppen haben die Theoretiker überhaupt nicht auf dem Schirm. Als vor einigen Jahren Faruk Sen die Segregation seiner türkischen Stammesbrüder beklagte, und meinte, die Türken seien die neuen Juden Europas, wurde ihm sofort Relativierung von Auschwitz vorgeworfen und in die Wüste gejagt. Die Türken hatten Hitler nicht kennengelernt. Das wurde Faruk Sen zum Verhängnis. Jetzt argumentiere ich schon wieder moralisch!

  7. ziggev schreibt:

    georgi, kann es sein, dass einige Antideutsche sich auf die Kritische Theorie beziehen? Umgekehrt zu schließen, dass Adorno die Antideutschen vorweggenommen hätte, wäre etwas voreilig, will mir scheinen.

    Wenn übrigens die Morde an Sinti und Roma (und Schwulen und Lesben, welche letztere als „asozial“ galten) lange – ob heute noch, da will ich mich nicht einmischen – nicht angemessen anerkannt oder hinreichend wahrgenommen wurden, dann ist es zunächst einmal zumindest fraglich, ob das ein Spiel war/ist, ob hier Opfer gegeneinander ausgespielt werden/wurden. Dies käme nur in Frage, wenn die „Moralkeule“ in strategischer Absicht geschwungen wird/wurde. Eine solche Unterstellung wäre allerdings nahe an einem solchen „Gegeneinander-Ausspielen“ von Opfern. Eben bloß die Spiegelung dessen, was den Antideutschen vorgeworfen wird.

    Überprüfe bitte einmal, ob Du Dich bei Deinen Ausführungen nicht an eben jenen Linien desselben Spiels entlangbewegst! Ich zermartere mir gerade das Hirn, wer heute so eine antideutschtümelnde Moralkeule schwingt, um gegen Lesben, Schwule, Sinti und Roma zu hetzen. Aber ich bin auch nie sonderlich hinter solchen Infos her. Fällt Dir ein Beispiel ein? Oder taugt etwa die Diskriminierung gegen Sinti und Roma in Ungarn z.B. dazu (oder im Iran gegen Schwule, oder in Afrika, oderoderoder …), dass bei ungefestigten Charakteren antisemitische Ressentiments aufleben? In Russland jedenfalls feierte der Antisemitismus nach c.a. 1990 fröhliche Urständ.

    Wenn Du schreibst, dass als Grund dafür, dass Roma und Sinti sehr lange gebraucht hätten, bis die an ihnen begangenen Verbrechen anerkannt worden seien, jedesmal angegeben werde, dass sie nicht als Volk, sondern als “Asoziale” verfolgt worden seien, dann machst Du Dir zueigen, was jener gedachten Grppe von Menschen unterstellt wurde, die an dieser (noch andauernden) Verzögerung der Anerkennung mitbeteiligt waren/sind, nähmlich dass sie irgendwie „antideutsch“ fixiert nach umgekehrten Vorzeichen für sich die Nazi-Klassifizierungen übernommen haben, eine Unterstellung, die als Erklärung für diesen Sachverhalt angeboten wurde. Nun, wenn an dieser Unterstellung etwas dran sein sollte, dann wäre es angezeigt, den Ursachen hierfür nachzuforschen.

    Ich vermute, es sind Ursachen, ähnlich jenen, die zum dem führen, was Du in Sachen Faruk Sen schilderst. Dass es sich hier aber vermutlich nicht um ein „Gegeneinander-Ausspielen-von-Opfern“ handelt, kannst Du schon daran erkennen, dass es sich bei jenem vermuteten Übernehmen von Nazi-Klassifikationen wahrscheinlich um fehlgegangendes Verarbeiten der (deutschem) Schuld handelt.

    Du steigst also auf ein nur vermutetes oder so scheinendes Gegeneinander-Ausspielen-von-Opfern ein, aus einem mir rätselhaften Bedürfnis dagegenzuhalten, setzt du das Spiel erst in Gang.

    Adorno, nach bersarin zitiert (oben), Hervorh. von mir: „… Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Dieser Imperativ ist so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheit des Kantischen. Ihn diskursiv zu behandeln, wäre Frevel: an ihm läßt leibhaft das Moment des Hinzutretenden am Sittlichen sich fühlen.“

    Für mein Gefühl trifft hier Adornos Intuition den Nagel auf den Kopf: Was die „Antideutschen“ so machen, um der Einfachheit halber mal bei diesem Begriff zu bleiben, „Moralkeulen“ herumschwenken, dergestalt „diskursiv“ beginnend, eher wohl vermeintlich diskursiv, während es sich um das Unsagbare handelt, ist einfach unanständig. Aus Mangel an Anstand dem diskursiv zu begegnen anstatt die Anstandslosigkeit zu bemerken, ist ruchlos. Es ist der Beweis der Ermangelung des Gefühls für Anstand auf der Gegenseite mit Mitteln der Schamlosigkeit.

    Solchen Leuten wie Walser, die kindsköpfig-trotzig sich erhitzend mit beiden Füßen aufstampfen, sollte man nicht mit gleicher Münze heimzahlend begegnen, sondern man sollte ruhig auf sie einreden, und wenn sie sich beruhigen, wie kleinen Kindern, sanft übers Haupt streichen.

    Praxis muss übrigens nicht zwinged etwas mit Moral zu tun haben, genausowenig wie Praxis notwendig etwas mit Wissenschaft oder Erkenntnis zu tun haben muss. Moral sollte aber etwas mit Praxis zu tun haben. Ja, das ist richtig.

  8. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Deinen Ausführungen habe ich nichts hinzuzufügen. Dieser Satz von Adorno und auch andere seiner Sätze sagen das Wesentliche. Wer das nicht herauslesen kann, der macht dies entweder strategisch motiviert ganz bewußt oder es mangelt an der elementaren Fähigkeit, Texte zu verstehen.

    @georgi
    Himmlers Moral ist die Moral des Sadisten und des Spießbürgers. Was die Posen-Rede jedoch gut zeigt, ist der Umstand, daß sich die Menschen, die diesen Holocaust planten und veranstalteten, sehr wohl darüber klar waren, diese Taten nicht bedingungslos in der Öffentlichkeit kommunizieren zu können. Antisemitismus ja (im Sinne von „Kauft nicht bei Juden“), öffentliches Eliminieren der Juden war schon schwieriger, weil dann bei einigen womöglich doch so etwas wie ein Restmitleid einsetzen könnte. Wenngleich bei den Polizeibataillonen in den Ostgebieten genug „ganz normale Menschen“ mitgemacht haben und überhaupt die meisten wegschauten, wenn plötzlich die Nachbarn nicht mehr da waren.

    Für die von diesen Methoden Betroffenen dürften selbige nicht ganz unwichtig sein. Die Gründe für den Antisemitismus, der nun einmal in der NS-Ideologie eine zentrale Rolle spielte, sind nicht auf einen einzigen Nenner zu bringen. Ursachen für den Antisemitismus reichen von sozialpsychologischen Erklärungen über irrationale Ängste, Ressentiments bis hin zu religiösen Vorstellungen oder biologistischen Denkmodellen. Progrome gab es schon lange, insbesondere in Rußland, die Massenvernichtung von Juden (und anderen gleich mit) schafften nur die Deutschen samt ihrer Helfer.

    Einige Aspekte im Hinblick auf den Antisemitismus (als Ideologie eines generellen Rassismus) deckten Adorno/Horkheimer in ihre „Dialektik der Aufklärung“ auf. Wie gesagt: ich halte nichts davon, die einen Opfer gegen die anderen auszuspielen. Richtig ist allerdings, daß es sehr viel länger brauchte, bis der Massenmord an Sinti und Roma anerkannt wurde. Dies nun auf die Kritische Theorie zu beziehen, zeugt nur von einer bewußt denunziatorischer Absicht. Solltest Du allerdings bei Adorno Textstellen finden, die den Mord an Roma und Sinti relativieren, so laß es mich doch bitte wissen! Ansonsten handelt es sich bei Deiner Behauptung schlicht um Denunziation. Adornos Studien zum Autoritären Charakter beschäftigen sich eben nicht nur mit dem Antisemitismus, sondern fragen danach, wie es zu den Vernichtungslagern und dem fröhlichen Mitmachen kam.

    Der Praxisbegriff ist vielfältig besetzt. Es kann übrigens auch die Theorie eine Praxis sein, wenn man jene Sätze des Aristoteles aus der Metaphysik nimmt, und zwar in diesem Falle im Sinne von: Lebenshaltung.

    Die Gründung des Staates Israel hat natürlich etwas mit dem Holocaust zu tun. Allerdings sind die Probleme und Konflikte, die daraus erwuchsen nicht einzig auf ihn zurückzuführen. Die Kolonialzeit, die Haltung der Briten und der Großmächte sowie der Unwille mancher Araber mit den dortigen Juden zusammenzuleben (und teils auch umgekehrt) spielen sicherlich ebenfalls eine Rolle.

    „Jüdische Kinder ermorden zu wollen, weil sich aus ihnen Rächer entwickeln könnten, ist blanker Macchiavellismus. Der ist nichts ungewöhnliches. Der kommt überall vor: in Deutschland, den USA und auch in Israel, in dem es etwa völkerrechtswidrig im Ausland mißliebige Personen hinrichten läßt.“ Ja. Nur wurden diese jüdischen Kinder nicht primär deshalb ermordet, sondern schlicht aus dem Umstand heraus, weil es jüdische Kinder waren. Da liegt der Unterschied.

    Man mag über das Verhalten Israels urteilen, wie man es möchte. Aber mit einem Holocaust oder mit dieser Art von Genozid, wie es das NS-Regime betrieb, sind die Handlungen Israels, die teils Selbstverteidigung und teils übertriebene Reaktion sind, nicht zu vergleichen. Der gesamte Nahost-Konflikt um Israel/Palästina ist zu komplex, um das in zwei oder drei Seiten Text abzuhandeln. Nicht jede der Handlungen Israels ist richtig. Aber es ist auch nicht jede falsch. Wenn es übrigens Ländern wie Saudi-Arabien, Irak, Iran (das kein arabisches Land ist), Jordanien, Syrien et al. so sehr um die palästinensischen Flüchtlinge ginge, frage ich mich allerdings, weshalb sie diese in einem Akt der Solidarität nicht bei sich aufgenommen haben. Meine Vermutung geht in die Richtung, daß diese seit mehr als 40 Jahren existierenden palästinensischen Flüchtlingslager ein Faustfand sind, und daß es diplomatisch gute Gründe gibt, diese Lager bestehen zu lassen, bis der Staat Israel ins Meer getrieben wird.

    Zu Faruk Sen: wer die Lage der in der BRD lebenden Türken mit denen der Juden im NS-Staat vergleicht, disqualifiziert sich für jede weitere Diskussion. Nach den Gesetzen der Logik muß man ihn zudem wegen Holocaustleugnung vor Gericht bringen: Die Die Lage der Türken in der BRD ist mit denen der Juden vergleichbar. Die Türken in der BRD werden schlecht behandelt, aber nicht systematisch umgebracht. Ergo: auch die Juden wurden nicht umgebracht, sondern nur ein wenig schlecht behandelt. Was schreibt HerrFaruk Sen eigentlich zu den Armeniern?

  9. JimKnopf13 schreibt:

    Wieder ein aufschlussreicher Artikel und eine hitzige, interessante Diskussion. Sehr plausibel, was ziggev schreibt, wie ich finde.

    Nach diesem starken Diskussions-Tobak traue ich mich kaum, mit meiner Anmerkung hinterm Berg hervorzukommen… Es ist nur eine kleine Anmerkung, vollkommen belanglos, nach den größten moralischen Fragen. Sie schreiben:

    „Aber diese Dialektik stellt sich nicht positiv still und kommt zu keinem Abschlußhaften. Das Nichtidentische ist kein Ort, der sich fixieren läßt, sondern es changiert, erzeugt immer wieder neue Modelle und Bilder – kaleidoskopähnlich. Die Nähe zur literarischen Romantik ist hier evident […].“

    Mein Verdacht wäre, dass das vor allem ein Erbe Kierkegaards ist, dass diese Ausprägung der Dialektik bei Adorno bedingt: das Nicht-Still-Stellen-Können. Bei Bloch wäre es, eine etwas wacklige Parallele, die ‚unkonstruierbare Frage‘ – ebenfalls mit Rückgriff auf Kierkegaard. Da scheint mir Adorno auch vor allem die Hegel-Kritik Kierkegaards fruchtbar zu machen. Oder liege ich falsch?

  10. Bersarin schreibt:

    Ach, trauen Sie sich ruhig. Denn diese Ihre Beobachtung ist nicht falsch. Im Gegenteil. Adorno übt an einigen Stellen in seinem Werk eine sehr scharfe Hegelkritik. Dialektik, die sich in den Stilstand bringt und sich bei sich selbst befriedet, ist keine, und zwar geschieht diese Haltung bei Adorno aus einem materialistischen Motiv heraus.

    Dies macht die Philosophie Adornos so interessant und fruchtbar: die bringt konträre Positionen des 19 Jhds – über Kant, Hegel Marx bis hin zu Kierkegaard, den Romantikern, Schopenhauer und Nietzsche – in eine neue Anordnung. Anders als G. Lukács sieht er in Nietzsche und Schopenhauer nicht die „Zerstörung der Vernunft“ walten, sondern vielmehr sind dies die „schwarzen Schriftsteller des Bürgertums“:

  11. JimKnopf13 schreibt:

    Dann lag ich mit meinem Verdacht richtig… Danke für das Zitat, das muss ich mir genauer ansehen. Adorno kenne ich leider viel zu schlecht. Lukács etwas besser. Aber die Faszination ging mir dabei nicht auf. „Die Zerstörung der Vernunft“ ist ein ziemlich übles ideologisches Buch, meiner Meinung nach. Natürlich, könnte man etwas nüchterner sagen. Das musste es sein. Aber mich erschüttert es doch, wie Lukács keine Skrupel hat, seinen Standpunkt als Richter der Philosophie zu beziehen.

    Und Adorno hat sicher Recht: mit Schriftstellern wie Kierkegaard und Nietzsche ist eben kein bürgerlicher Staat zu machen, sie lassen sich nur sehr schwer verbürgerlichen, bis heute eigentlich nicht (missbrauchen natürlich schon, aber das ist etwas anderes). Nachdenkenswert, was Sie schreiben.

  12. ziggev schreibt:

    sorry … aber vielleicht doch noch mal kurz zurück zu der Auseinandersetzung von eben – bevor sich hoffentlich wieder der zarten und schreckhaften Blume der Reflexion getreulich und nicht ohne Muße weitergewidmet werden kann :

    ich kenne Himmlers Rede nicht, wie ich es aber einnere (dabei dreht es sich mehr darum, wie die Rede kommuniziert bzw. aufgenommen worden war, aber meine geschichtlichen Kenntnisse sind dürftig und ich kann mit keiner Quelle aufwarten, eher diese teilweise reißerischen Dokus, die immer auf N-TV und N24 laufen), wurden die Kinder nicht allein deshalb getötet, weil sie sich rächen könnten, das ist vielleicht eine Projektion und erscheint mir etwas, ehäm, „kleinlich“ angesichts des damals projektierten Verbrechens, sondern weil die Überlebenden nievergessen würden und unbenommen etwaiger Rachevorhaben ihre jüdische Identität durch die Erinnerung an das Verbrechen quasie verewigt werden würde. Es würde durch den Holocaust, wenn die Kinder überlebten, die jüdische Identität letztlich gestärkt und „unausrottbar“ weiterbestehen. Das hatte nichts Macchiavellisches, welches auf Vorteil bedacht einer bestimmten Rationalität folgt, sondern sie wurden ermordet, weil sie ihres Judenseins unvermeidlich bewusst werden und dann umso stärker daran festhalten würden. Es sollten nicht nur Einzelwesen mit gelbem Stern oder KZ-Kleidung vernichtet werden. Es sollte das „Jude-Sein“, was immer das heißen mag, vernichtet werden, jede Vorstellung, jede Möglichkeit der Identität, der Identifikation. Wenn es nicht gleich ganz geschähe, würde das genaue Gegenteil eintreten. „Das Jüdische“ würde, denn sie wussten natürlich, was sie vorhatten, erst in einer neuen Qualität erneut geschaffen, die dann nie wieder zum Verschwinden gebracht werden können würde. So der Wahn, demzufolge die Kindermorde zwingend geschehen „mussten“. Nix da mit Macciavelli. So verstand ich an diesem Punkt die wahnhafte „Logik“.

    Aber das ist vielleicht jetzt Projektion meinerseits und von mir aus genug davon.

  13. georgi schreibt:

    Zu Faruk Sen: wer die Lage der in der BRD lebenden Türken mit denen der Juden im NS-Staat vergleicht, disqualifiziert sich für jede weitere Diskussion. Nach den Gesetzen der Logik muß man ihn zudem wegen Holocaustleugnung vor Gericht bringen:

    Das Problem ist nur, daß ich nicht bemerkt habe, daß Faruk Sen vom Dritten Reich sprach. Ich und viele andere verstehen ihn so, daß er Segregation meint, wenn er „Jude“ sagt. Mit Auschwitz hat das nur insofern etwas zu tun, als Hitler & Cie. diese Segregation bis zum Äußersten trieben, d.h. sie in Konzentrationslagern systematisch ermordeten, zusammen mit allen anderen segregierten Volksgruppen. Es ist ja auch unanständig – schon wieder Moral! – Kritik an Segregation mit dem Hinweis auf bestehende funktionierende rechtsstaatliche, republikanische Strukturen zu unterbinden. Das gilt für Deutschland, Ungarn und Israel gleichermaßen. Wenn es üblich wird, Juden und Zigeuner zu bespucken und anzuzünden oder nur in Ghettos einzusperren, dann ist das kritikwürdig, auch wenn die Täter vor ein ordentliches Gericht gestellt werden.

    Nein, Adorno hetzt nicht gegen Roma & Sinti. Er hat sie nur vergessen, indem er das scharfe Licht eines Spotlichtes auf den Judenmord richtete. Alles um diesen Judenmord herum fällt dann in tiefes Dunkel.

  14. georgi schreibt:

    Nach den Gesetzen der Logik muß man ihn zudem wegen Holocaustleugnung vor Gericht bringen: Die Die Lage der Türken in der BRD ist mit denen der Juden vergleichbar. Die Türken in der BRD werden schlecht behandelt, aber nicht systematisch umgebracht. Ergo: auch die Juden wurden nicht umgebracht, sondern nur ein wenig schlecht behandelt.

    Diese Gesetze der Logik kenne ich nicht. Deshalb komme ich auch zu anderen Schlußfolgerungen. Man kann ja die Lage der Türken in der BRD nur mit der Lage der Juden in der BRD vergleichen. Oder man kann vermuten, wie die Lage der Türken gewesen wäre, wenn zu Hitlers Zeiten schon so viele Türken in Deutschland gewohnt hätten, wie heute, und diese mit der bekannten Lage der Juden im Zweiten Weltkrieg vergleichen. Zu vielen Gelegenheiten hat man schon vor dem Zweiten Weltkrieg Pogromstimmung gegen Juden geschürt. Dabei hat man auch einige Juden umgebracht, zumindestens aber beraubt und vertrieben. Eine ähnliche Progromstimmung kann man auch insbesondere in Zeiten von Kopftuchverbot und Minarettstreit in den Kommentarspalten in einschlägigen Blogs und Zeitungen ausmachen, wobei es hoffentlich bleiben wird. Das miteinander zu vergleichen bedeutet nicht, Hitlers Verbrechen zu leugnen.

    Was schreibt HerrFaruk Sen eigentlich zu den Armeniern?

    Nicht nur ist rechtliche Gleichstellung von Angehörigen ethnischer Minderheiten ein Argument, mit der Kritik an Segregation derselben ethnischen Minderheiten aufzuhören, wenn trotz dieser rechtlichen Gleichstellung trotzdem Segregation stattfindet, es ist auch nicht gut, diese Kritik an Segregation deswegen beiseitezuschieben, weil derjenige, der diese Kritik vorbringt, einer Nation angehört, deren ehemalige Regierung Verbrechen verübte. Moralische Verantwortung, also Schuld, können nur Individuen tragen, nicht Völker und Nationen. Dabei ist es schwierig, die Armeniergreuel im Ersten Weltkrieg für artverwandt mit dem Holocaust zu halten, denn im Unterschied zu letzteren hatte der Armeniergreuel einen militärischen Sinn. Die osmanischen und jungtürkischen Militärs wollten damals verhindern, daß die zaristische Armee mit armenischen Nationalisten kollaboriert.

  15. Bersarin schreibt:

    Weshalb schreibt Faruk Sen dann nicht Segregation oder Diskriminierung? Weshalb vergleicht er Situationen und Strukturen, die nicht vergleichbar sind? Weil Sen eine Politik machen will, die in eine bestimmte Richtung läuft. Es geht ihm nicht um in der BRD lebende Türken oder überhaupt Ausländer – denn es werden ja nicht nur die hier lebenden Türken teils rassistisch ausgegrenzt. Wenn es diesem Sen tatsächlich um die Sache gegangen wäre, nämlich Rassismus zu bekämpfen, dann hätte er anderes von sich gegeben. Hat er aber nicht. Faruk Sen ist ein türkischer Nationalist, der hier ein ganz eigenes Süppchen kocht. Mehr nicht.

    Die Situation der Türken mit der der Juden in der BRD zu vergleichen, entbehrt nicht einer gewissen Komik: Welche in der BRD lebenden Juden meintest Du genau? Die Umgebrachten? Und die, welche hier noch leben, wohnen in der BRD sicherer als in Israel. Solange sie nicht gerade mit einer Kippa und einem Davidstern durch bestimmte Bezirke in Berlin gehen. Insofern geht es dann den in der BRD lebenden Türken also großenteils ausgezeichnet.

    Deine Argumentation zum Völkermord an den Armeniern ist ziemlich absurd. Im Analogieschluß kann man dann ebenso schreiben: Hitler bzw. das Deutsche Reich habe lediglich die jüdisch-bolschewistisch-kapitalistische Weltherrschaft eindämmen wollen.

    Adornos neuer kategorischer Imperativ zeigt deutlich, worum es geht. Er handelt nicht von einzelnen Gruppen und spielt sie gegeneinander aus, sondern er verweist auf eine allgemeine Struktur der Gewaltverhältnisse. Adorno Rassismus unterzujubeln, ist genau auf diesem Niveau der Jungen Freiheit. Anstatt diejenigen zu nennen, die tatsächlich rassistisch sich verhalten, werden Scheingefechte erzeugt und Pappkameraden aufgebaut.

  16. georgi schreibt:

    Im Analogieschluß kann man dann ebenso schreiben: Hitler bzw. das Deutsche Reich habe lediglich die jüdisch-bolschewistisch-kapitalistische Weltherrschaft eindämmen wollen.

    Der Unterschied zwischen beiden Feindschaften ist nur, daß das Osmanische Reich und das zaristische Rußland sich im Krieg gegeneinander befanden, während Htilers jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung nichts als propagandistisches Hirngespinst ist. Wenn man schon unbedingt die Armeniergreuel mit irgendetwas gleichsetzen möchte, dann wären Stalins Deportationen der Wolgadeutschen, der Krimtataren und einiger kaukasischer Völker, die aus der russischen Geschichte als heldenmütige Unruhestifter und unsichere Kantonisten bekannt sind, bessere Vergleichsgegenstände.

    Weshalb schreibt Faruk Sen nicht über Segregation? Wahrscheinlich, weil das Publikum nicht weiß, was das ist. Das Schicksal der Juden und Zigeuner in Europa hingegen ist jedermann bekannt. Über sie gibt es weit mehr zu sagen, als das, was uns die Zionisten verraten. Das Pogrom von Kischinjow etwa, oder die Tatsache, daß im famosen k.u.k.-Reich die Zigeuner vogelfrei waren, und ihr Leben nicht viel gilt. Es hat unentwegt Gewalttätigkeiten gegen beide Gruppen gegeben. Und wenn jetzt neuerdings Gewalt sich in Pogromen z.B. in Mölln und Solingen oder Rostock und Hoyerswerda sich entlädt, dann erscheint ein Vergleich mit den Geschehnissen in Kischinjow gar nicht so abwegig. „Fidschis“ und „Kanaken“ – die neuen Juden, weil die alten Juden nicht mehr zur Verfügung stehen? Warum nicht? Das ist zwar Quatsch, aber obszön ist das nicht.

    Die Situation der Türken mit der der Juden in der BRD zu vergleichen, entbehrt nicht einer gewissen Komik: Welche in der BRD lebenden Juden meintest Du genau? Die Umgebrachten? Und die, welche hier noch leben, wohnen in der BRD sicherer als in Israel. Solange sie nicht gerade mit einer Kippa und einem Davidstern durch bestimmte Bezirke in Berlin gehen. Insofern geht es dann den in der BRD lebenden Türken also großenteils ausgezeichnet.

    Es gibt mehr Gehässigkeiten gegen Türken, als Du glaubst. Manche werden zur besten Sendezeit bei ARD und ZDF ausgestrahlt („Krieg im Klassenzimmer“). Gegenüber Juden würde sich das bei diesen Anstalten niemand herausnehmen. Da kann man aber viele Juden erleben: Marina Weisband, Michael Friedman, Henryk M. Broder etc. Juden kenne ich überhaupt nur aus dem Fernsehen. Die, von denen ich dem Namen nach jüdische Vorfahren vermute, meist Einwanderer aus der Sowjetunion, sind keine. Also, ich würde sagen, Juden haben es besser als Araber und Türken und selbst besser als Jugoslawen und Russen, hier in Deutschland. Ich denke immer an aussichtslose Bewerbungen mit fremdländischen Namen, oder die Türkenhäuser etc.

    Ach ja, gegeneinander ausspielen möchte ich natürlich niemanden. Auch Faruk Sen tut das nicht. Der ist bloß Türkenfunktionär. Man erwartet von ihm, daß er für in Deutschland lebende Türken spricht; mit welcher Begründung und Legitimation ist natürlich eine andere Frage. Diese Frage gilt selbstverständlich auch für Moslem- und Juden-Funktionäre, Zionisten wie Broder eingeschlossen.

  17. Bersarin schreibt:

    Du unterschätzt den verborgenen Antisemitismus in dieser Gesellschaft. Manchmal tarnt er sich auch als Philosemitismus.

    Dies bedeutet nicht, daß es Türken, Araber und andere hier besser haben. Von Roma und Sinti ganz zu schweigen.

    Wer ernsthaft auf Rassismus und – ebenso schlimm wie dieser – auf subtile Ausgrenzungen aufmerksam machen will, der sollte sich anderer Argumente bedienen als solcher Analogieschlüssen. Die gehen nach hinten los und erzeugen ein schiefes Bild, das sich Herr Sen wird zurechnen lassen müssen. Für seinen nächsten Mediencoup sollte er sich etwas mehr Zeit nehmen.

    Übrigens wies bereits G. Wallraff vor Jahrzehnten und bis heute auf die Diskriminierungen hin. Er kam ohne diese ewigen Judenvergleiche aus und er stellte dennoch eindringlich dar, wie diese Ausgrenzung funktioniert. So und nicht anders geht Dokumentation.

  18. Bersarin schreibt:

    @ ziggev
    Das ist keine Projektion Deinerseits, sondern genau so war es gedacht, gemeint, gemacht.

  19. ziggev schreibt:

    @georgi,

    ich habe ebenfalls den Eindruck, dass es lediglich um Scheingefechte geht. Warum nur? Handelt es sich um einen Erfolg von Junge Freiheit und dergleichen Pappnasen? Es sieht so aus. Was die einen professionell machen, Argumente verdrehen, Scheinschlüsse zu liefern und überhaupt jedes Argumentieren ad absurdum zu führen, scheint zur Folge zu haben, dass einige das, was sich als die Oberfläche solcher Manipulationsunterfangen darbietet, für einen hinnehmbaren Stil der Auseinandersetzung halten.

    Doch dann gerät leicht die Logik ins Wanken. Sag jetzt nicht, Du würdest die Gesetze der Logik nicht kennen. Bereits kleine Kinder wenden sie mit der allergrößen Selbstverständlichkeit an.

    Ein Argument hättest Du ausgesagt, wenn Du es wie folgt organisiert hättest:

    Wenn trotz rechtlicher Gleichstellung einer Minderheit Segregation stattfindet, sollte mit der Kritik an Segregation derselben ethnischen Minderheiten nicht aufgehört werden, hier nicht sauber argumentiert, georgie!, tatsächliche rechtliche Gleichstellung von Angehörigen ethnischen Minderheiten ist eben kein Argument!

    Wenn der Kritisierende allerdings mit zweierlei Maß richtet und etwa die Verbrechen jenes Landes, zu dem qua Abstammung in Graden möglicherweise noch eine gewisse Affinität besteht, unter den Tisch zu kehren bemüßigt ist, während er die Verbrechen jenes Landes, in dem er jetzt lebt und in dem ein paar seiner unmittelbaren Vorgängergenerationen vermutlich bereits lebten, völlig falsch einschätzt, dann macht er sich und seine Kritik unglaubwürdig.

    Zitat, georgi: „Das zeugt ja davon, daß Auschwitz für einige Verantwortliche in Ordnung geht, wenn Auschwitz sich gegen “Asoziale”, “Arbeitsscheue”, “Minderwertige”, “unnütze Esser” etc. richtet.“

    Eine solche unterstellte Haltung – und ich stimme bersarin zu, das geht eindeutig in Richtung Denunzation, denn es gibt keine Fakten die diese Unterstellung belegen – käme unappetitlich in die Nähe der Holocaustverharmlosung.

    Diesem Argwohn hältst Du aber nun entgegen, dass „im Unterschied zu letztere[m, dem Holocaust …] der Armeniergreuel einen militärischen Sinn [hatte]. Die osmanischen und jungtürkischen Militärs wollten damals verhindern, daß die zaristische Armee mit armenischen Nationalisten kollaboriert.“

    Entweder Du müsstest einsehen, dass der o.g. Kritisierende, sollte er sich dieser Argumentation anschließen oder den Völkermord an den Armeniern ausblenden, an Glaubwürdgkeit Einbuße erleidet, wenn er gewagte Vergleiche zwischen Juden und Türken in Deutschland anstellt, die ihm dann zurecht vehemente Ablehnung einhandelten, oder Dü würdest selber in den Verdacht, ein Verharmloser zu sein, geraten, denn das eine Verbrechen zu rechtfertigen, verharmlost alle anderen gleich mit.

    Gründe für Diskriminierung finden sich immer

  20. georgi schreibt:

    Handelt es sich um einen Erfolg von Junge Freiheit und dergleichen Pappnasen?

    Nein, um einen Mißerfolg von Adorno & Cie. und vor allen Dingen seiner Epigonen. Scheingefechte werden geführt, wenn man ausschließlich moralisch urteilt. Ein moralisches Urteil reiht sich an das andere und kein Urteil steht in irgendeinem Zusammenhang mit der Sache. Hier geht es mal um Schuld am Armeniergreuel, dann um Stalins Verbrechen, um Mißhandlungen von Juden und Zigeuenern in der europäischen Geschichte und vieles mehr. Ich kenne Faruk Sens Urteil in der Armenierfrage nicht. Diese Frage ist kompliziert. Jedes undifferenzierte Urteil ist hier verkehrt. Bedingt durch Geschichte, Verfolgung und geographischer Lage verbietet sich für Armenier nämlich eine allzu russisch-feindliche Haltung. Andere kaukasische Gruppen sind von den von den Russen angezettelten sezessionistischen Bewegungen angefressen und fühlen sich von ethnischen Minderheiten, einschließlich einer großen Gruppe von Armeniern, die einmal vor Mordbrennern in Transkaukasien Schutz suchten, dementsprechend bedroht. Dann konnten die Islamisten endlich auch einmal Erfolge einfahren, in Tschetschenien und Daghestan, deren Bevölkerungen in Rußland – sagen wir mal – recht unbeliebt sind. Diese ganze Region liegt an der Grenze zweier riesiger Machtblöcke, zwischen denen die Spannungen ständig zunehmen. Die Türkei ist an allen Konflikten mittel- oder unmittelbar beteiligt. Und jetzt kommen ziggev & bersarin daher und zeigen mit dem Finger auf Faruk Sen und verlangen von ihm, er solle erst einmal diese weltpolitischen Probleme bewältigen, bevor er den Finger auf Probleme in Deutschland zeigen darf. Faruk Sens Stellungnahme zum Armenierproblem kenne ich nicht. Die ist auch vollkommen irrelevant. Alles Scheingefecht, Ausspielen von Armeniern gegen Türken, von Türken und „linksgrünen Multikulti-Liberalen“ gegen Juden, und nicht von mir begonnen. Auch der Bezug zu Auschwitz wird erst in der Diskussion um Faruk Sens Auftritt mit Gewalt hergestellt. Wenn etwas wirklich obszön ist, dann sind das Juden-Funktionäre, die einen Mob aus NPD und anderen zweifelhaften rechten Gruppen anführen, um gemeinsam gegen die Liberalität von Grünen und Sozialdemokraten zu hetzen („Multikulti-Ideologie“ und „Gutmenschentum“), Progromstimmung gegen kopftuchtragende Frauen anzetteln, und dann auch noch Leute wie Faruk Sen fertigmachen, die sich über all das beschweren.

  21. georgi schreibt:

    Zitat, georgi: “Das zeugt ja davon, daß Auschwitz für einige Verantwortliche in Ordnung geht, wenn Auschwitz sich gegen “Asoziale”, “Arbeitsscheue”, “Minderwertige”, “unnütze Esser” etc. richtet.”

    Eine solche unterstellte Haltung – und ich stimme bersarin zu, das geht eindeutig in Richtung Denunzation, denn es gibt keine Fakten die diese Unterstellung belegen – käme unappetitlich in die Nähe der Holocaustverharmlosung.

    Wieso Verharmlosung? Die erstgenannten Gruppen wurden genauso viehisch ermordet wie die Juden. Jedoch gibt es zwischen beiden Gruppen einen Unterschied. Die Schuld am Judenmord, nach langer Zeit der Zerknirschung, nach unzähligen Gedenkritualen und kompormißloser Unterstützung von Israel endlich getilgt, erlaubt es den Germanen überallhin mit Fingern zu zeigen. Der Mord an „Asozialen“, den „Arbeitsscheuen“, „Minderwertigen“ und „unnützen Essern“ hingegen verweist auf die Kontinuität bis in die Gegenwart, denn genau dieselben Gruppen werden bis heute noch von der neoliber angefeindet, weshalb die Bewältigung der Schuld gegenüber Zigeunern weit schwieriger ist als die gegenüber Juden. Mit Verharmlosung hat das alles nichts zu tun.

  22. caputres schreibt:

    Als ob sich der Mord “ auch nur“ eines Menschen „tilgen“ ließe …
    Widerwärtig.

  23. ziggev schreibt:

    Aber bitte, was ist an Moral so schlimm? Zeige ersteinmal, dass tatsächlich ein Mißstand vorliegt; anhand Sens hast Du dies nicht gezeigt. So auf Verdacht mal was losgelassen. Du stellst andauernd Sätze in Form von Allgemeinplätzen in die Kommetarspalte. Beispiel: „Scheingefechte werden geführt, wenn man ausschließlich moralisch urteilt.“ Genau falsch. Würdest Du einmal Farbe bekennen, also vorher nachdenken, was sind eigentlich meine (moralischen) Intuitionen, würdest Du Dich auch nicht andauernd in Deinen Moralisches berührenden „Argumenten“ widersprechen. Dann wärs ja interessant. Es wäre nicht mehr nötig, zu prüfen, ob eine ernstzunehmende Intention, ein Ziel, auf das Du argumentativ hinzuarbeiten trachtest, rekonstruierbar wäre, und wenn ja, ob es nun erforderlich erscheint, dem etwas entgegenzuhalten, stattdessen ohne Zusammenhang Behauptungssätze: „Ein moralisches Urteil reiht sich an das andere und kein Urteil steht in irgendeinem Zusammenhang mit der Sache.“ Es erstaunt mich schon, dass Du plötzlich von „der Sache“ sprichst. Eben das leistest Du ja nicht. Es geht, wenn, dann um so ziemlich genau ein moralisches Urteil, wobei Urteil nicht ganz richtig ist, eigentlich falsch, nämlich um einen Imperativ. Hättest Du die Stelle, wo Adorno erklärt, wie sein Verdikt aufzufassen sei mal zu Gemüthe geführt, die bersarin dankenswerterweise hier wiedergibt und auf das ich mich dann bezog, dann hättest Du merken müssen, dass Du an der Sache vorbeischreibst mit Deiner ach so heldenhaften moralischen Privatio. Lieber schnell einen Popanz aufbauen, was reden die denn alle von „Moral“, „reihen ein moralisches Urteil an das andere“, letzteres ist offenkundig falsch, um dann sich über nichtexistierendes zu empören. Was Dich jedenfalls betrifft, handelt es sich allerdings um ein Misserfolg von Adorno, Co und Epigonen. Hättest Du selber eine moralische Intuition, stände Dir der Weg offen, zu differenzieren. Das ist aber nicht Dein wahres Interesse. Sonst hättest Du bemerkt, dass – ich rekonstruiere, was Du wahrscheinlich hattest sagen wollen – Adorno nicht für eine Situation, an der Du Anstoß zu nehmen scheinst, verantwortlich zu machen ist, denn ich vermute, dass es sich dabei um ein vermeintlich leichtfertiges Anführen des Holokaust handelt, im Gegenteil gehen seine Enlassungen in die diametral andere Richtung. Aber was rede ich, hatten wir ja bereits längst.

    Aber ich bin wirklich geschockt: „Alles Scheingefecht, Ausspielen von Armeniern gegen Türken, von Türken und “linksgrünen Multikulti-Liberalen” gegen Juden, und nicht von mir begonnen. Auch der Bezug zu Auschwitz wird erst in der Diskussion um Faruk Sens Auftritt mit Gewalt hergestellt.“ Jetzt muss schnellstmöglich der nächste Popanz her. Hat alles nichts mit irgendetwas zu tun, was hier irgendwer gesagt hätte.

    „Wenn … (das ist so daneben und ekelhaft, dass ich es jetzt nicht nochmal wiederhole) … und dann auch noch Leute wie Faruk Sen fertigmachen, die sich über all das beschweren.“ Tu bitte nicht so, als ob Du nicht ebenso oder noch viel schlimmer hetzen würdest, wie Du es also bloße Behauptung hier ablässt, nein, Du pöpelst bloß noch rum.

    Wirklich, gehe in Dich! Du beschwerst Dich über „obszöns“ Agieren von Leuten, aber ohne dass es Dir einmal gelänge, Dich von einem „Auseinandersetzungs“-Stil zu befreien, der aus haltlosen Behauptungen, grotesken Besserwissereien im Stil von Gemeinplätzen, impliziten Unterstellungen, Herbeizitieren von Popanzen, die vielleicht woanders, bei gleichfalls verwirrten eine Rolles spielen sich zusammensetzt.

    Du denkst einfach nicht nach und bist das Opfer von dummbrätziger Ideologie und Polemik – immer schön an der Sache vorbei, fiktive Kriegsschauplätze aufmachend -, ohne zu merken, dass ein solches Gebaren, wenn Du tatsächlich nachdenken würdest, nur dann einer Art Rationalität, oh, bloß nicht moralisch, sowas muss ja mit Moralkeulen identifiziert werden (warum? der Witz ist der, dass Reflexionen über Moral mit Selbsterkenntnis einhergehen könnte, aber das wird weh tun, lieber denunzieren), wenn Du also nachdenken würdest, es nur dann einer Art Rationalität gerecht werden würde, wenn Du die Absicht hättest, alles zu unternehmen, damit ein klares Verständnis auch nur des simpelsten Zusammenhangs verhindert wird.

    Sachlichkeit hat da natürlich keinen Platz. Anstatt anzuregen, irgendwie Ursachen eines Ärgernisses – ich weiß gar nicht, warum ich überhaupt auf Dich weiter eingehe – auf die Spur zu kömmen, wobei an die Stelle einer Charackterisierung dessen ein abgegriffenes Klischeebild tritt, kommt Personalisierung. Da selbstverständlich für ein Klischee, also etwas, das die Wirklichkeit bestenfalls verschwommen wiedergibt, keine Ursachen angegeben werden können außer denen, die für das Zustandekommen dieser – bei Dir immer – unüberprüften Meinung verantwortlich sind, kannst Du einfach nicht erwarten, dass jemand darauf eingeht. Das scheinst Du zu spüren, aber weil Du zu Dir selber nicht ehrlich bist, flüchtest Du Dich in immer unverschämtere Pöbeleien, als hätten die mit irgendetwas zu tun, redest Dir das noch ein: ein Grund mehr, da Du nun glaubst, von lauter „Adorno-Adepten“ umgeben zu sein, noch mehr zu provozieren.

    Lass ab, von diesem Tun! Nimm zur Übung irgendein Argument, und versuche es zu entkräftigen oder zu stärken, egal, egal auch welches Argument. Du wirst sehen, wie die Dämonen, die in Deinem Kopf herumspuken, sich in Nichts auflösen.

    Hinweis: Adorno spielt, indem er seinen Imperativ zum dem Kants in Beziehung setzt, auf ein epistemologisches Grundproblem an. Da Du aber an Erkenntnis oder daran, einmal Farbe zu bekennen, was eine Selbsterkenntnis der eigenen moralischen Intuitionen mitsichbringen könnte, ich weiß, für Dich eine Horrovision, wird Dir nicht aufgehen, um welches es sich handelt. Es ist aber nie zu spät. Einfach ein bisschen Selbstvertrauen statt verquastes Herumgepöpel!

    Zu Deinem 2ten Kommentar: Ich gebe zu, mein Argument war etwas tricky; ich hatte erwartet, dass Du die betreffende Schwachstelle aufsuchst. So ist mir das aber zu billig.

  24. Bersarin schreibt:

    Georgi, Deine Gerede in bezug auf Adorno ist schlichter Schwachsinn. Genauso gut könntest Du schreiben, an diesen Junge-Freiheit-Diskursen, wo Opfer gegeneinander ausgespielt werden, sei der Zentralrat der Juden oder Michel Friedman schuld. Du konntest bisher nicht eine einzige Stelle belegen und anbringen, wo Adorno Opfer gegeneinander ausspielt oder den Mord an Sinti und Roma herunterspielt.

    Mein guter Rat für Dich: Bevor Du irgend eine These über Adorno oder sonstwen in den Raum wirfst: Bitte erst die Texte lesen und bitte für Thesen auch die entsprechenden Belegstellen bringen und nicht bloß sinnfrei herumbehaupten und mit den üblichen Unterstellungen arbeiten. Deine Adorno-Stellungnahmen, georgi, liegen argumentativ unterstem Niveau. Ebenso Dein Ausspielen der einen Opfer gegen die anderen. Niemand hier hat Rassismus in der BRD geleugnet, niemand hier im Blog hat bestritten, daß der Mord an Sinti und Roma lange Zeit und im Grunde bis heute nicht richtig anerkannt wurde. Insofern weiß ich nicht, was dieses Ausspielen von Roma und Sinti gegen Juden soll. Deine Formulierung vom getilgten Mord zeigt einiges über Deine Denkrichtung. Wie sieht der getilgte Mord denn aus?: daß alle Deutschen brav „Schindlers Liste“ geschaut haben?

    Und wenn Du an den Antideutschen Kritik üben willst, dann bring hier gefälligst Belege und nenne Namen, anstatt Dich im verschwörungstheoretischen Geraune zu ergehen. Mit Adorno zumindest lassen sich die Argumente bestimmter antideutscher Positionen nicht untermauern. Die Gleichsetzung vom Nichtidentischen mit dem Judentum oder gar dem Staat Israel ist sehr weit hergeholt. Adorno hätte sich eine solche Vergegenständlichung schlicht verbeten und sie ist auch nicht in seiner Theorie angelegt.

    Was insgesamt festzuhalten bleibt: Faruk Sen hat mit seinem Vergleich den Mord an Juden relativiert. Nicht mehr, nicht weniger. Und er leugnet, daß an den Armeniern Völkermord verübt wurde. Eine solche Haltung finde ich mehr als bedenklich. Wie schon geschrieben: Angemessen auf den Rassismus gegen in der BRD lebende Ausländer hat G. Wallraff reagiert. Er schrieb, er klärte auf. Und er macht das bis heute. Schon eigentümlich, daß Faruk Sen mit keinem Wort in diese Richtung geht. Aber das liegt auch nicht in der Absicht eines türkischen Nationalisten, der sein eigenes Süppchen kocht. (Und spaßeshalber könnte man Herrn Sen nun auch noch mit der Kurdenfrage konfrontieren.)

    Übrigens äußert sich auch der Zentralrat der Juden durchaus kritisch zur Islamophobie in der BRD. Daß sich dieser Zentralrat nun aber nicht mit Menschen solidarisiert, die die Auslöschung Israels fordern, wie wir sie jährlich in Berlin auf dem Al Quds-Tag erleben dürfen, ist wohl mehr als verständlich. Und auch manches Gespräch in der arabischen und türkischen Gemeinde zu Berlin über Israel stimmt mich nicht sonderlich fröhlich.

  25. David schreibt:

    Einerseits: „Das Problem ist nur, daß ich nicht bemerkt habe, daß Faruk Sen vom Dritten Reich sprach.“

    Jedoch: „Weshalb schreibt Faruk Sen nicht über Segregation? Wahrscheinlich, weil das Publikum nicht weiß, was das ist. Das Schicksal der Juden und Zigeuner in Europa hingegen ist jedermann bekannt.“

    Synthese: Sen mußte nicht vom Dritten Reich sprechen, weil auch so jedem klar war, daß er es meint.

  26. georgi schreibt:

    Und spaßeshalber könnte man Herrn Sen nun auch noch mit der Kurdenfrage konfrontieren.)

    Das würde ich für sehr destruktiv halten. Wenn Faruk Sen sich bei den Grauen Wölfen oder bei irgendwelchen Islamisten engagieren würden, die im Zusammenhang mit dem syrischen Bürgerkrieg in der Türkei Christen und Aleviten tyrannisieren und zuweilen auch ermorden, wenn er an Kriegsverbrechen der türkischen Armee beteiligt wäre, über die manche Stellen berichten, oder Teil des tiefen Staates wäre, dann würde ich Sens Arbeit vielleicht kritischer beurteilen. …aber einfach so, weil er Türke ist… Es wäre sehr undemokratisch, wenn man die türkische Gemeinschaft Deutschlands von der demokratischen Öffentlichkeit ausschließen würde.

    Übrigens ist auch das Kurdenproblem längst international. Nicht nur die Türkei sondern auch zahlreiche andere Mächte, unter ihnen der Westen trägt hier Verantwortung, da mittlerweile Iraqisch- und Syrisch-Kurdistan de facto unabhängig sind. Auf der anderen Seite hat man in der Türkei längst eingesehen, daß man Minderheitenprobleme anders behandeln muß, als man das bislang tat. Noch unter Tansu Ciller hat die türkische Armee kurdische Dörfer plattgemacht und die kurdische Kultur unterdrückt. Unterstützt wurde sie dabei ausgerechnet von Israel. Israel und die Türkei vereinbarten damals eine enge militärische Zusammenarbeit. Klar: Krieg gegen den Terror! Die jetzige türkische Regierung läßt sich dagegen immer mal zu antiisraelischen Aktivitäten hinreißen. Auf der anderen Seite bemüht sie sich durchaus, eine gerechte Lösung für ihre Minderheitenprobleme zu finden. Sehr schwierig… Alles in allem bevorzuge ich Macchiavellismus für die Beurteilung internationaler Konflikte. Moral ist irgendwie fehl am Platze.

    nsofern weiß ich nicht, was dieses Ausspielen von Roma und Sinti gegen Juden soll. Deine Formulierung vom getilgten Mord zeigt einiges über Deine Denkrichtung. Wie sieht der getilgte Mord denn aus?: daß alle Deutschen brav „Schindlers Liste“ geschaut haben?

    Ich spiele nicht aus. Ich stelle nur fest. Ansonsten ja. Und außerdem: dieser neurotische Philosemitismus, die vielen Opferanwälte, dieses gouvernantenhafte Besserdeutschland, das glaubt, der Kampfgenosse von Thomas Mann, Kurt Tucholsky, Albert Einstein und vielen anderen zu sein, ohne je eine moralische Bewährungsprobe bestanden zu haben. Ich freue mich natürlich darüber, daß alle drei inzwischen hoch anerkannt sind.

  27. Bersarin schreibt:

    Du wirfst vieles durcheinander und vermengst dies mit jenem. Wenn Du ein wenig analytischer vorgingest, würdest Du Aspekte, die nicht in einen Topf gehören, anders sichten. Es geht hier nicht darum, ein Kampfgenosse von irgendwem zu sein und niemand bestreitet, daß es in der BRD ebenso einen Philosemitismus gibt, der ein verkappter Antisemitismus ist oder der das schlechte Gewissen kaschiert, um sich mit der Shoah nicht weiter auseinandersetzen zu müssen. Einer der großen Philosemiten war Axel Springer. Nur leider hat er mit der Macht seiner Zeitungen nicht viel dazu beigetragen, daß Täter gefunden und bestraft werden.

  28. Gill schreibt:

    „Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.“ (Joachim Ringelnatz) – Einige Aspekte zur Kritischen Theorie Adornos:

    Die Fähigkeit des Menschen objektive, absolut bzw. ontologische Wahrheiten erkennen zu können, ist ausgesprochene und unausgesprochene Voraussetzung der Kritischen Theorie. Aber gerade diese Fähigkeit bezweifle ich. Hier ist einer der Widersprüche der Kritischen Theorie: Horkheimer hat gesagt, dass die Kritische Theorie es ablehnt über das Absolute ein bestimmtes Urteil zu fällen oder es darzustellen. Aber ein Wahrheitsverzicht wie bei Popper wurde daraus nicht abgeleitet. Die Frankfurter waren überzeugt absolute Wahrheiten zu besitzen. Teile des Absoluten waren nach ihrer Auffassung mit absoluter Sicherheit erkennbar.

    (Horkheimer über den Kern der Kritischen Theorie: »Ihre Basis bildet die Überzeugung, dass wir das Gute, dass Absolute nicht darzustellen vermögen, jedoch bezeichnen können, worunter wir leiden, was der Veränderung bedarf und alle darum Bemühten in gemeinschaftlicher Anstrengung, in Solidarität verbinden sollte.« (Zitiert nach Knapp, Adorno.) Dieser Satz gefällt mir schon erheblich besser als manche Aussagen über »richtige Bedürfnisse« und »wahre Emanzipation«. (Aber auch hier sind nicht alle Menschen gleich. Der Eine leidet bei Hören von Jazz, der Andere beim Hören von Wagner, um nur ein Beispiel zu nennen.) Dieser Satz erinnert mich sehr an die Auffassung Poppers, dass sich die Menschen viel eher darauf einigen können, was schlecht ist und deshalb abgeschafft werden sollte – dies ist eine Art Falsifikation –, als auf das, was gut ist und von daher eingeführt werden sollte. Diese Aussage passt bloß nicht ganz zu dem allgemein praktizierten theoretischen Absolutismus der Frankfurter Schule.)

    Die Frankfurter hatten ein Bild vom Menschen, von richtigen Bedürfnissen, von wirklichem Fortschritt, von echter Emanzipation etc. aber die Menschen verhielten sich nicht entsprechend. Anstatt nun ihr Menschenbild zu korrigieren (wie es aus Sicht einer Falsifikationstheorie sinnvoll wäre) haben sie die Ursachen nur in den gesellschaftlichen Verhältnissen, bestenfalls noch in der Psyche der Menschen gesucht.

    Die Frankfurter mögen in ihrer Kritik des ahistorischen Vorgehens sowohl der Metaphysik wie positivistischer Wissenschaft im Detail durchaus recht haben. Auch Kritik am Kapitalismus, am Massenelend, an der Widersprüchlichkeit von Theorie und Praxis des Bürgertum etc. war völlig berechtigt. Aber die Frankfurter haben – wie alle anderen Linken auch – keine realisierbare Alternative angeboten. Die verachteten Pragmatiker – die außerdem noch in der Regel eine skeptizistisch-positivistische Grundhaltung hatten – haben zumindest in Teilen der Welt die Lebenslage der Menschen verbessert.

    Über die Kritische Theorie und ihre Vorstellungen der Gesellschaftsgestaltung kann nicht mehr sinnvoll diskutiert werden, ohne die geschichtlichen Erfahrungen des 20. Jahrhundert zu berücksichtigen. Alle sozialistischen und kommunistischen Vorstellungen über die vernünftige Planung der Ökonomie und anderer gesellschaftlicher Bereiche sind in der Praxis gescheitert. Der – durch Sozialstaatelemente ergänzte – chaotische Kapitalismus bringt das größere Glück der größeren Zahl, bzw. das geringere Leid der geringeren Zahl hervor.

    Die bürgerliche Gesellschaft – parlamentarische Demokratie und Marktwirtschaft, mit je nach nationalen Traditionen mehr oder weniger sozialstaatlichen Elementen – ist die den Planeten dominierende Gesellschaftsform. Die Bürgerliche Gesellschaft hat allen anderen praktizierten Gesellschaftsmodellen gegenüber die größte Leistungs-, Innovations- und Überlebensfähigkeit bewiesen. (Hier muss ich leider nachtragen, dass der gegenwärtige Sozialstaatsabbau die soziale Frage wieder verschärft. Aber die Antwort auf das asoziale Vorgehen ehemals linker Politiker sollte nicht sein, gescheiterte Strategien des 20. Jahrhundert neu aufleben zu lassen, sondern den Sozialstaat zu verteidigen.)

    „Und auch hinsichtlich der Studentenproteste verstand Adorno seine eigene Theorie nicht als Handlungsanweisung für einen alleinseligmachenden Weg.“ (Zitat Bersarin)

    Als 1968 die Studentenrevolten begannen, da hätten die Frankfurter entweder diese unterstützen müssen – wenn auch begleitet von kritischen Kommentaren – oder sie hätten einen großen Teil ihrer theoretischen Aussagen widerrufen müssen. Alles andere war inkonsequent.

    Wenn jemand ohne Zweifel davon ausgeht, die objektive Wahrheit über einen bestimmten Tatbestand zu besitzen, dann muss er diese jedem Andersdenkenden konsequenter Weise aberkennen. Letztendlich schützt nur Skeptizismus und Positivismus vor totalitärer Grundhaltung.

  29. Gill schreibt:

    Ein kleine – nein, sicherlich große Inspiration dieser kleinen Zusammenstellung gerade bleibt mir ausdrücklich [url=http://www.philolex.de/frankfur.htm#kr]dieser[/url] Informationsquelle verschuldet
    (der Herr Peter Möller, Freund des Spinozismus/Weltgeist, in letzter Instanz (positiver) Skeptizist, wie er sich nennt).

  30. Bersarin schreibt:

    Zunächst einmal: die Frankfurter gibt es nicht. Das, was Du wahrscheinlich mit „Frankfurter Schule“ meinst, ist eine Sammelbezeichnung für sehr heterogene Theorien: von W. Benjamin, über S. Kracauer, Leo Löwenthal, Marcuse, Fromm, Horkheimer, Friedrich Pollock, Adorno und anderen.

    Schon der erste Satz Deiner Ausführungen, an denen auch das übrige Deiner Argumentation hängt, ist ganz einfach falsch: „Die Fähigkeit des Menschen objektive, absolut bzw. ontologische Wahrheiten erkennen zu können, ist ausgesprochene und unausgesprochene Voraussetzung der Kritischen Theorie.“ Wenn das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt, dann ist Wahrheit auf eine bestimmte Situation und auf gesellschaftliche Gegebenheiten hin perspektiviert, ohne daß dies in einen Relativismus mündete. Diese Bewegung nennt sich Dialektik: Die Wahrheit und Notwendigkeit einer bestimmten Denkposition auf einer bestimmten Entwicklungsstufe.

    Der Begriff „Absolutismus“ ist im Zusammenhang mit der Kritischen Theorie schlicht unangemessen, weil Adorno jegliche Ontologisierung und jedes Ursprünglichkeitsdenken ablehnt. Sein Wahrheitsbegriff ist komplexer Natur: „Veritas est adaequatio intellectus et rei“ gilt einerseits, und andererseits ist solche Identität nicht einfach positiv zu setzen, sondern in die Kritik zu nehmen. Nicht Falsifikation ist der Begriff bei Adorno, sondern der der „bestimmten Negation“. Auch dieser Begriff schließt ontologische Wahrheiten aus. Dabei muß man allerdings, was Adorno nicht explizit, sehr wohl aber implizit macht, den Wahrheitsbegriff auseinander differenzieren. 1 + 1 = 2 ist eine Wahrheit, die von anderer Art ist als die des gesellschaftlich Gemachten oder des von Subjekten Gemachten namens Kunstwerk.

    „Der Eine leidet bei Hören von Jazz, der Andere beim Hören von Wagner, um nur ein Beispiel zu nennen.“ Solche Sätze allerdings sind schlichter Relativismus, und sie geben mitnichten die Position Adornos wieder, dem es nicht um jenes De gustibus non est disputandum“ geht. Es geht Adorno auch nicht darum, ob man beim Hören von diesem oder jenem nun leidet oder nicht, das sind völlig irrelevante und beliebige Kategorien. Genausogut könnte man es dann zum Kriterium der Kunstbeurteilung machen, ob man beim Hören von Jazz Afterjucken bekommt oder nicht. Vielmehr zeigt Adorno aus der Perspektive des Kunstwerkes selber, also aus der Sache heraus, weshalb, nach dem Stand der Zeit, das eine gelungen, das andere (zumindest eine bestimmte Form des Jazz) nicht ganz so gelungen sich darstellt.

    „Die Frankfurter hatten ein Bild vom Menschen, von richtigen Bedürfnissen, von wirklichem Fortschritt, …“ Die ist eine eindimensionale Sicht, die die Komplexität von Adornos denken – bewußt oder aus Nichtwissen heraus –unterschlägt. Adorno hatte eben gerade kein festgefügtes Bild, daß die befreite Gesellschaft nun so und so auszusehen habe. Utopie ist bei Adorno schwarz verhüllt. Stichwort hierzu noch einmal: bestimmte Negation. Dies unterschied ihn übrigens von den doch eher auf unmittelbare Praxis abzielende Aktionismus der Studentenbewegung der 60er Jahre.

    Zum Schluß noch: Danke für diesen wirklich gelungenen Witz: „Der – durch Sozialstaatelemente ergänzte – chaotische Kapitalismus bringt das größere Glück der größeren Zahl, bzw. das geringere Leid der geringeren Zahl hervor.“ Ein am Ende doch sehr durchsichtiges Manöver für die Apologie auf eine der drei totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts: nämlich den Kapitalismus, der erheblich mehr Opfer forderte als der Kommunismus in seinen verschiedenen Ausprägungen. Aber solche Quantifizierungen sind bereits und im Grunde Ausdruck verdinglichten Denkens.

  31. Noergler schreibt:

    Georgi versteht „sehr wohl den marxistischen Satz, dass Praxis das Kriterium der Wahrheit sei, der Grundlage der marxistischen Erkenntnistheorie ist.“
    Der Satz ist in der Tat „marxistisch“, da er von Lenin und nicht von Marx stammt, der, wie wir inzwischen doch alle wissen sollten, dagegen sich verwahrte, ein Marxist zu sein.
    Lenin erschafft das „Wahrheitskriterium“ aus tagespolitischen Erwägungen, und auch weil er es braucht, um die klippklappernde Dialektik der „Widerspiegelungstheorie“ zu begründen.

    Was freilich insonderheit stört, ist der Umgang mit dem Wahrheitskriterium der Praxis seitens derer, die mit der Inbrunst intellektualhoher Tiefenerkenntnis es beschwören: Sie wenden es auf alles an, nur nicht auf sich selbst. Denn anders hätten sie aus der historischen und anhaltenden Mißerfolgspermanenz ihrer Arbeiterbewegungsmarxismuspraxis den Schluß gezogen, dass das die Wahrheit wohl nicht sein kann. Stattdessen aber hat man den seit 150 Jahren stets aufs neue empirisch falsifizierten Blödsinn in eine zu bewahrende Tradition umgedeutet.
    Das Grandhotel Abgrund wünscht weiterhin viel Spaß damit.

  32. Gill schreibt:

    @berasrin: „Wenn das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt, dann ist Wahrheit auf eine bestimmte Situation und auf gesellschaftliche Gegebenheiten hin perspektiviert, ohne daß dies in einen Relativismus mündete. Diese Bewegung nennt sich Dialektik“

    Wenn mich nicht alles täuscht, würde im konsequent dialektischen Vorgehen, ebenso gelten: dass das individuelle Bewusstsein das gesellschaftliche Sein bestimmt.
    Und ohne jenes in einen Relativismus enden zu lassen, man kann es einfacher als Adorno ausdrücken: Es gibt nur subjektive Wahrheiten, eine Annäherung und Perspektivierung an die objektive Wahrheit erreicht man nur über die Summe aller subjektiven Wahrheiten.
    Die Mehrheit hat objektiv recht, diese Wahrheit allerdings ist fließend in Zeit und Raum (bzw. unterschiedlicher Entwicklungstufen):

    „Meinung aber substituiert sich als Wahrheit. Anstelle der zugleich problematischen und verpflichtenden Idee von Wahrheit an sich tritt die bequemere der Wahrheit für uns, sei es für alle, sei es wenigstens für viele. »Thirteen million Americans can’t be wrong«, heißt ein beliebter Reklameslogan, getreueres Echo des Geistes der Epoche, als dem abgekapselten Stolz derer recht ist, die als Kulturelite sich fühlen. Der Durchschnitt der Meinung wird – mit der gesellschaftlichen Macht, die in ihm sich zusammenballt – zum Fetisch, auf den die Attribute der Wahrheit sich übertragen.“ Aus „Meinung Wahn Gesellschaft“.

    Wenn aber die zur Wahrheit gewordene gesellschaftliche Meinung nicht positive gelten darf und zu kritisieren gilt, ist der Vorgang doch sehr ähnlich, bis auf beharren anderer Terminologie, wie bei Karl Popper: Es gibt keine absolute Wahrheit — alles ist nur Hypothese.

    @georgi „Moralische Verantwortung, also Schuld, können nur Individuen tragen, nicht Völker und Nationen.“ Durchaus, aber es gibt sowas wie Mitschuld und Verantwortlichkeit jedes Einzelnen. Jeder einzelne verfilzt sich täglich in ein Netz von Mitverantwortung und Mitschuld am Ruin oder Aufstieg kleinerer und größerer Systeme. Sprich, bei der Rede von moralischer Verantwortung müsste man differenziertere Verantwortungsbegriffe, wie z.B. von Hans Jonas „Prinzip der Verantwortung“ mit einbinden.

  33. Bersarin schreibt:

    Gill, Du unterschlägst hier ganz bewußt die Dimension des Gesellschaftlichen. Es erinnern diese Sätze an das neoliberale Marktwirtschaftssprech: es gibt keine Gesellschaft, sondern nur Individuen. Individuelles Bewußtsein bestimmt nicht das gesellschaftliche Sein. Allenfalls kann es ein Zusammenspiel geben, indem bestimmte, von Individuen ersonnene Ideen, Techniken, Erfindungen wiederum auf Gesellschaft wirkt. Aber auch diese Ideen, die den Individuen kommen, sind an eine Gesellschaftsformation gebunden. Die Entwicklung eines bürgerlichen Gesetzbuches oder das Fallgesetzt ist nicht in Ägypten im Jahre 400 v. Chr. möglich gewesen und auch nicht in Frankreich im Jahre 1492.

    „Anstelle der zugleich problematischen und verpflichtenden Idee von Wahrheit an sich tritt die bequemere der Wahrheit für uns …“ Du überliest in jenem Adorno-Zitat den Begriff „problematisch“. Wahrheit bedeutet, daß eine Sache mit ihrem Begriff übereinstimmt. Beispiel: der Begriff Freiheit. Die Bürgerliche Freiheit ist eine bloß subjektive. Nämlich die Geschäfte zu machen. Diesen Trug, der sowohl in den Begriffen als auch in der Sache selbst steckt, entlarvt Kritische Theorie bzw. dialektisches Denken.

    Richtig ist, was Du an Georgi schreibst. Allerdings gilt auch dies immer nur bedingt. Wer die Verantwortung rein ans Individuum delegiert, der entlastet damit eben die Strukturen, damit alles fein so bleibt, und unterschlägt die gesellschaftlichen Bedingungen, die bestimmtes Verhalten erlauben oder eben nicht erlauben. Zivilcourage ist in einer demokratischen Gesellschaft leichter möglich als in einer Diktatur. Diese Individualisierung von Problemen erinnert ein wenig an den Gestus der Politik der Grünen: Heute nehmen wir mal alle die Energiesparlampen oder machen dies und machen das und zünden eine Kerze an und dann wird die Welt gut. Wird sie aber nicht.

  34. mathepauker schreibt:

    Ich entschuldige mich, dass ich erst wieder so spät dazu stoße und hier wieder was thematisch aufrolle und hier ist ja schon einiges diskutiert worden.
    Denn einiges möchte ich noch anbringen dazu und ich möchte auch nicht zu reduktionistisch mit Adorno oder viel mehr mit der Sache verfahren. Also komme ich mal auf die Negative Dialektik zusprechen.

    Ich nehme nicht nur die Negative Dialektik zur Kenntnis, sondern lese sie auch, und am Stil von Adorno will ich auch gar nicht rummäkeln. Nur inhaltlich ist das Buch einfach sehr untauglich.
    Ich würde das auch nicht über jedes Werk Adornos pauschal sagen: Das Kulturindustriekaptitel in der Dialektik der Aufklärung z.B. find ich großartig, aber das hat, im Unterschied zur Negative Dialektik auch Substanz. Die ND dagegen ist einfach nur: schlechte Philosophie, weil das Analogisieren von Begriff und Tausch der größte denkbare Unsinn ist. Sogar Affen – und wieviel mehr ein Steinzeitmensch – können abstrahieren, d.h. qua Sprache einen Unterschied herstellen zwischen dem einzelnen Kieselstein und dem Begriff des Steins als solchem. Dass dieser Begriff niemals mit dem Einzelstein „identisch“ ist, weil er davon abstrahiert, ob er rund, eckig, groß, klein, glatt oder rau ist, und man eine „Konstellation“ von Begriffen braucht, um einen Stein in seiner jeweiligen Individualität zu fassen, ist eine derartige Banalität, dass man gar nicht glauben mag, dass Adorno daraus ein kritisch-philosophisches Erkenntnisprogramm zu stricken unternahm. Und mehr ist an dem hochtrabenden Wort vom „Nichtidentischen“ auch überhaupt nicht dran (Adorno macht ja zudem auch nach Selbstangabe keine Transzendentalphilosophie).

    Dass Adorno diese Banalität dadurch zu kaschieren versucht, dass er wissbegierige Leser mit Hilfe von philosophiegeschichtlichen Anspielungen, griechischen Textpassagen und Exkursen vor Rätsel stellt und ihm so etwas wie stille Bewunderung einflößt, ist wiederum kein guter Stil, aber es hat mich, weil mich diese Methode am Ende so abgestoßen hat, immerhin gelehrt, was das eigentliche Verdienst der von Adorno so geschmähten analytischen Philosophie ist: philosophische Scheinprobleme zu lösen, indem man sich die ihnen zugrundeliegende missbräuchliche Verwendung von Sprache vornimmt.

    Das aber mal beiseite, so ist es auch nach Marxlektüre eine unglaubliche Verkürzung, den Kapitalismus, im reinen Begriff des Tausches aufgehen zu lassen, was ihn dann logisch dazu führt, für eine Urgeschichte bürgerlicher Subjektivität auf den antiken Mythos und die Odyssee von Homer zurückzugreifen. Adorno vermag es nun nicht, zwischen dem vorkapitalistischen und dem kapitalistischen Tausch, der vorkapitalistischen Ware und der Ware im Gefüge der modernen, kapitalistischen Gesellschaft zu unterscheiden, was von einem hegelianisches Konzept der „expressiven Totalität“ (Althusser) herrührt. Dieses Konzept leitet die Totalität kapitalistischer Vergesellschaftung aus einer einzelnen, sich seit Anfang der Zeiten durchsetzenden Kategorie ab: eben der des Tausches, und fasst alles andere nur als deren historisch fortschreitende „Erscheinung“ auf. So entsteht die geschichtsphilosophische Fiktion, auf der die gesamte Dialektik der Aufklärung ruht: dass es ein historisches Verhängnis gäbe, welches sich seit dem antiken Mythos Bahn bricht und im Totalitarismus des 20. Jahrhunderts schließlich zu sich selbst kommt.

    Die Kategorie des Tausches steht nur in der Darstellung des „Kapitals“ am Anfang, in der Untersuchung ergab sie sich erst am Schluss. Und die Untersuchung kapitalisischer Verhältnisse muss eben von dem Spezifischen ausgehen und nicht dem, was wie die Ware nicht für den Kapitalismus spezifisch ist. Außerdem stellt die von Marx entwickelte Definition der Ware einen (notwendigen) Bruch mit den historisch zuvor real-existierenden Waren dar. Denn die vorkapitalistischen Waren beruhten nicht „abstrakter Arbeit“ „doppelt freier (Lohn-)arbeiter“. Würde man die marxsche Definition der Ware als allgemeingültig annehmen, dann gab es vor dem Kapitalismus keine Waren. Eine Kapitalismuskritik auf Ebene der Kritik der Ware ist an sich schon verkürzt, aber da noch einen historische Entfaltung der Kategorie des Tauschens zu behaupten, die dann im Kapitalismus zwangsläufig zur vollen Blüte trieb, ist eine völlige Unverständlichkeit.
    In gewisser Weise ist es das Verdienst Adornos, die hegelianische Fehllektüre des Kapitals: zu glauben, dass Marx alles aus der ersten Kategorie, der Kategorie des Tausches, entwickelt hätte, die als solches bereits alles andere impliziere, bis an ihr absurdes Ende geführt zu haben. Dorthin, wo man mit dieser Konzeption, mit dem Hegelmarxismus, ja mit Adorno endich brechen müsste.

    Das sollte man mir auch nicht gleich als Ressentiment auslegen, wie man ja oft zu solchen psychologischen Kategorien greift, sondern das ist ein inhaltlicher Widerspruch, der gerade voraussetzt, sich auf Adorno eingelassen zu haben. Es sind ja uch diese einfachen billigen Methoden, jedem, der Adorno kritisiert, so etwas wie „Abwehr“ zu attestieren. Man immunisiert sich gegen jedwede Kritik, indem man sie mit Freud als Verdrängung oder Ressentiment identifizieren zu können glaubt.

    Gruß

    mathepauker

  35. Bersarin schreibt:

    @ Mathepauker

    „dass er wissbegierige Leser mit Hilfe von philosophiegeschichtlichen Anspielungen, griechischen Textpassagen und Exkursen vor Rätsel stellt und ihm so etwas wie stille Bewunderung einflößt, “

    Das ist immer eine Frage des Wissensstandes. Auch Du zitierst und spielst auf Marx an. Wer Marx wenig kennt, wird mit Deinen Ausführungen wenig anfangen können und entweder still bewundern oder Dich für überheblich halten. Insofern greift dieser Einwand zu kurz. Das Bildungsniveau zu Adornos Zeit war ein anderes als es heute ist! Das sollte man im Hinterkopf behalten.

    Morgen mehr, ich muß weg,

  36. Gill schreibt:

    „Der – durch Sozialstaatelemente ergänzte – chaotische Kapitalismus bringt das größere Glück der größeren Zahl, bzw. das geringere Leid der geringeren Zahl hervor.“
    Ich würde einfach mal sagen, damit ist gemeint: Im Laufe der Jahrzentausende sind wir heute die friedliebenden Menschen die Glauben das es Liebe, Freundschaft und Fairness gibt.
    Früher bist du als Fremder getötet oder verspeist worden. Hat eine Gruppe A die Gruppe B angegriffen, vernichtet oder versklavt. Krieg war der Normalfall. Heute ist Krieg der Unnormalfall.

  37. Bersarin schreibt:

    Zunächst einmal kommt es darauf an, wie kritisiert wird. Es gibt eine Kritik aus Ressentiment, und es gibt eine aus der Sache heraus. Wer, wie einige Blogkommentatoren, schreibt, Adorno formuliere zu kompliziert und habe das alles gar nicht verstanden, worüber er sich ausläßt, braucht sich nicht gegen den Vorwurf des Ressentiments nicht zu wehren, weil diese Form der Kritik selber nichts weiter als dem Ressentiment geschuldet ist. Bei solcher Weise von Kritik lohnt es sich wohl, nach den Ursachen zu fragen.

    Deine Ausführungen zu Begriff und Tausch in bezug auf Adorno und insbesondere zur „Negativen Dialektik“ (ND) halte ich doch für sehr unterkomplex. Sie reduzieren Adorno auf eine Position, die alles mögliche nur nicht die von Adorno ist. Gerade Adorno sieht dieses Verhältnis nicht eindimensional. Vielmehr verhält es sich so, daß Du in Adorno und auch in Marx diese eindimensionale Sicht bezüglich des Tauschbegriffs hineininterpretierst.

    Es gibt in Adornos ND eine Tendenz des Begriffes, wo er als eine Art von Identischmacher funktioniert und Differenzen einebnet. Diese zurichtende Methode bezieht Adorno unter anderem auch auf das Warenverhältnis bzw. leitet sie – teils zumindest – auch daraus ab. (Dies müßte ich genauer nachlesen.) Adorno koppelt in einer seiner Lesarten erkenntnistheoretische Positionen an ökonomischen Verhältnisse. Er liest Kant mit Marx.

    Die Arbeit der ND besteht nicht darin Begriff und Tausch unidirektional zu analogisieren, ansonsten hieße das Buch „Begriff und Tausch“, vielmehr ist es die Leistung der ND eine Begriff von Rationalität und von Erfahrung herauszuarbeiten, der die instrumentelle Variante übersteigt. Darin liegt, wie schon in Adornos „Dialektik der Aufklärung“, ebenso eine gewisse Nähe Max Weber und seinem Konzept von Rationalität.

    „Das Tauschprinzip, die Reduktion menschlicher Arbeit auf den abstrakten Allgemeinbegriff der durchschnittlichen Arbeitszeit, ist urverwandt mit dem Identifikationsprinzip. Am Tausch hat es sein gesellschaftliches Modell, und er wäre nicht ohne es; durch ihn werden nichtidentische Einzelwesen und Leistungen kommensurabel, identisch.“ (ND) Dieser von Adorno herauspräparierte Befund ist nicht falsch. Adorno ontologisiert ihn nicht, sondern er zeigt hier ein Moment, das strukturbildend wirkt und Denken konditioniert. Unter genau dieser Kategorie operieren Menschen zweckrational.

    „und man eine „Konstellation“ von Begriffen braucht, um einen Stein in seiner jeweiligen Individualität zu fassen, ist eine derartige Banalität, dass man gar nicht glauben mag, …“ Wo schreibt Adorno dies? Der Begriff der Konstellation bei Adorno zielt nicht auf einzelne Gegenstände: es geht in diesem Begriff vielmehr darum, in einer Art kompositorischer Anordnung und in immer neuen Varianten, den Reichtum und die Vielfalt einer Sache, einer Idee überhaupt: ein Projekt von Philosophie zu entfalten. Wenn Adorno aphoristisch zuspitzt, Philosophie sei im wesentlichen nicht referierbar, dann meint der Begriff der Konstellation genau eine solche Opposition gegen das Definierende. Dieses negiert Adorno jedoch nicht abstrakt, indem er schriebe, es sei per se die Definition oder auch das identifizierende Moment des Begriffes schlecht und verteufelt – vielmehr ist es sogar notwendig: das eben meint der Umstand einer Dialektik der Aufklärung –, sondern es geht darum, mit dem Begriff über den Begriff hinauszugehen, eine Weise des Denkens zu finden, die die instrumentelle Ratio, die Zweckrationalität übersteigt.

    Zurichtendes Denken und Identifizierungen als Festschreibungen und Fixierungen sind kaum Scheinprobleme und die Vielschichtigkeit und Komplexität des Begriff vom Nichtidentischen wird sich im Rahmen der Analytischen Philosophie ebenso wenig erklären lassen wie der des Kunstwerkes. Leider sind die Äußerungen und Analysen der sogenannten sprachanalytischen Philosophie, die über ihr Formalisierungskonzept nicht hinauskommt, im Hinblick auf Kunst und Dialektik nicht besonders erhellend oder weiterführend. Im Gegenteil. Sie sind im Vergleich zur (Hegelschen) und Adornoschen negativen Dialektik geradezu banal. Eine Philosophie, die sich mit Fragen wie „Der gegenwärtige König von Frankreich ist glatzköpfig“ herumschlägt, möchte ich in einem emphatisch verstandenen Sinne nicht Philosophie nennen.

    Wesentlich ist der „Negativen Dialektik“, daß sie als eine Theorie umfassender Rationalität zu begreifen ist.

    Kaum läßt Adorno den Kapitalismus im Begriff des Tausches aufgehen, ebensowenig Marx. Adornos Theorie ist allerdings – anders als die von Marx – keine Kritik der Politischen Ökonomie, sondern er greift Motive von Marx heraus und entwickelt sie weiter. So z.B. den des Fetischcharakters der Ware. Im Grunde ist es ein Gegenlesen verschiedener Texte miteinander, um ihre blinden Flecken auszumachen und aufzuhellen – an diese Weise der Lektüre knüpft dann später Derrida an. Aufgrund dieses Lektüre-Vorgehens ist es auch gar nicht Adornos Ansatz zwischen der vorkapitalistischen und der kapitalistischen Warenproduktion und des Warentausches zu unterscheiden wie dies eine Politische Ökonomie betreibt. Adornos Sicht auf die Urgeschichte bürgerlicher Subjektivität im Mythos bzw. in Homers Odyssee (paradigmatisch dafür sind Begriffe wie List) ist eine Analogiebildung, in gewissem Sinne eine Art von (weiterer) Erzählung und Metaphernbildung, ohne aber in diesem Erzählenden selber im Mythos gefangen zu bleiben, wie noch die dialogisierende Philosophie Platons. (Erst Aristoteles ist der erste Philosoph, dessen Text sich vom Mythos loslöste.) Der Weg vom Mythos zu den drei totalitären Regimen des 20. Jhds (Stalinismus in seinen verschiedenen Ausprägungen, Kapitalismus und Faschismus) bildet bei Adorno den Rahmen einer Theorie aus der Makro-Perspektive, mit Fiktion haben diese Dinge kaum etwas zu tun. (Auch Kunstwerke sind übrigens keine Fiktionen.) Sicherlich ist dieser in der DA vorgenommene Lektüre ein ausgesprochen verdichteter Blick, Adornos Perspektive ist hier der von Goethe analog: die Adlerperspektive, der Makro-Blick. Adorno und Horkheimer versuchen eine Art von Modell zu finden, eine Flaschenpost abzusenden, um diese Entwicklung der 30er, 40er Jahre in eine Analyse zu bringen. Die Frage der Theodizee nämlich, die Frage, weshalb die Erde in triumphalem Unheil erstrahlt, und zwar trotz der Versprechen der Aufklärung.

    In Marx‘ „Kapital“ steht nicht die Kategorie des Tausches am Anfang, das ist schlicht falsch, sondern die der Ware: „Erstes Buch: Der Produktionsprozeß des Kapitals, Erster Abschnitt: Ware und Geld, Erstes Kapitel: Die Ware, 1. Die zwei Faktoren der Ware: Gebrauchswert und Wert (Wertsubstanz, Wertgröße)“ Der Begriff des Tausches ist bei Marx dabei ein Aspekt, er kommt dort als Tauschwert vor. Marx analysiert nicht jede x-beliebige Gesellschaft, sondern die kapitalistisch wirtschaftenden. Er fragt, wie schon Adam Smith nach dem „Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, …“ Diese Gesellschaften erscheinen als eine ungeheure Warenansammlung. Diese Bestimmung scheint mir nicht ganz falsch zu sein. Sowenig wie die vom Satz der Identität, den Adorno in den Blick nimmt.

  38. Bersarin schreibt:

    „Heute ist Krieg der Unnormalfall“ Haha, der Witz ist gut. Ja, diese Friedfertigkeit während des Vietnamkrieges, während des 30-Jährigen Bürgerkrieges im Kongo, der natürlich um so vorkapitalistische Ressourcen wie Coltan von irgendwelchen wilden Negern, die Fremde verspeisen, geführt wird. Und insbesondere in Afghanistan, wenn man Hochzeit feiert und die US-Army oder die Bundeswehr mit Artillerie, B 52-Bombern oder Drohnen zu Besuch kommt, ist des Friedens keine Ende. Vielmehr kann man wohl formulieren, daß nirgends mehr Kriege geführt wurden als unter dem Kapitalismus und nirgends mehr die Zivilbevölkerung betroffen war. Siehe 2. Weltkrieg, Irak-Krieg Afghanistan, Vietnam. Die Segnungen des Kapitalismus liegen darin, die großen Kriege außerhalb von Europa zu führen und die kleinen Kriege gegen die zu veranstalten, welche immer noch einer Erwerbsarbeit zu den üblichen Dumpinglöhnen nachgehen.

  39. mathepauker schreibt:

    Vorweg. Danke für die ausführlichen Antworten, ich schätze das. @bersarin

    Es ging ja darum, ob Adorno sich als Kritiker des Ideals des “gerechten Tausches” lesen lässt, bzw. als Gesellschaftskritiker.
    Ist halt die Frage, wie weit man so freundlich sein muss, ihm zu unterstellen, er habe die Marxsche Kritik schon durchaus mitgemeint.

    „Die Arbeit der ND besteht nicht darin Begriff und Tausch unidirektional zu analogisieren“

    Fest steht doch bei Adorno: dass die Klassenverhältnisse für ihn nicht mehr der kategorische Fokus der Kritik ist, über die mag er gar nicht mal reden, da er sich viel mehr seine Aufmerksamkeit auf Begriffe wie Tauschabstraktion und Verdinglichung richtet.
    Adorno ist der Versuch, Marx auf einen romantischen Antikapitalismus herunterzubringen, der an dem, worum es Marx ging: die Reproduktion der Klassenverhältnisse unter dem Mantel einer über den Äquivalententausch vermittelten Gesellschaft – einer Gesellschaft der Freien und Gleichen – zu rekonstruieren, m.E. arg vorbeizielt.

    Ja, völlig richtig, die Ware und nicht die Kategorie des Tausches, da habe ich mich vertan!
    Dennoch meine ich ja, das Missverständnis liegt darin, dass manche Adornoanhänger glauben, sie hätten mit den ersten drei Kapiteln des Kapital, in denen Marx mit der einfachsten Kategorie der politischen Ökonomie, nämlich der Ware, beginnt, schon etwas Entscheidendes über den Kapitalismus gelernt. Die eigentliche Reise beginnt dort, wo es um das Rätsel des Geld heckenden Geldes, des sich selbst verwertenden Werts, kurz: des Kapitals als versteckten Modus der Ausbeutung geht.
    Auch über Adorno versteht man nicht, was Marx am Tausch kritisiert (bzw. was Adorno für Marx’ Kritik daran hält), sondern er setzt es voraus. Böse gesagt: Man muss es da hineinlesen.
    Denn ansonsten würde er u.a. Marx ausführlicher referieren und zitieren. Eben das machen, was zur zwar mitunter auch fragwürdigen wissenschaftlichen Redlichkeit gehört, aber nicht nur formeller Quatsch ist.

    „Dieses negiert Adorno jedoch nicht abstrakt, […] sondern es geht darum, […] eine Weise des Denkens zu finden, die die instrumentelle Ratio, die Zweckrationalität übersteigt.“

    Da spätestens verfängt sich doch Adorno.
    Dass eben dieses Tauschprinzip urverwandt mit dem Identifikationsprinzip ist, ist einer der
    Kerngedanken der Negativen Dialektik, der m.E. verfehlt ist, weil er auf der spekulativen Gleichsetzung von Denken und Tausch beruht. Einerseits erscheint beides als das Übel schlechthin, andererseits ist es immer noch besser als seine Abschaffung. Das nennt man dann wohl eine Aporie.

    „[…]Begriff vom Nichtidentischen wird sich im Rahmen der Analytischen Philosophie ebenso wenig erklären lassen wie der des Kunstwerkes.“

    Und hier hat man wieder den Punkt, dass die analytische Philosophie das Unbehagen in der Vernunft und das allgemeine Verlangen der Anwesenden nach einem Ausbruch aus der Gesellschaft der Sachen übersieht. Eine Masse, die sich von rationalem Denken um das “Eigentliche” der Philosophie, die Sinnstiftung ihres Lebens, kurzerhand betrogen sieht.

    Adornos radikale Kritik der Immanenz, die sich gegen alles Vorfindliche eröffnet ist mir ein Problem: Weil dort Kritik eine vorweg eingenommene philosophische Art und nicht das Ergebnis einer analytischen Vertiefung mit der Welt ist, kommt sie, so in der ND, im Grunde auch gut ohne jede Empirie aus. Zwielichtige Feststellungen wie die der “Tauschgesellschaft” (die, wie der Name schon sagt, alles vertauscht und damit den Dingen ihren rechten Platz versagt) reichen ihr zur formalen Beleg philosophischer Negativität bereits aus. Eine durchgeführte Kritik der bürgerlichen Produktion als Form verkleideter Herrschaft, wie sie noch Marx im Sinne hatte, erübrigt sich; als Erklärung wäre sie bloße gedankliche Verdopplung dessen, was ohnehin schon ist und damit letzlich auch nur eine Form jenes “positivistischen” Übels, das es zu bekämpfen gilt.

    ………..
    These: Wenn Adorno Denken und Tausch irgendwie analogisiert, dann denkt er wohl weniger an ein Konzept, das davon ausgeht, man könne begrifflich das Wesen einer Sache erfassen. Sondern er meint wohl eher die vom Nominalismus begründete Auffassung, Begriffe seien eben Zeichen von mehr pragmatischem Nutzen. Ohne große Ansprüche an Wahrheit. Und eine Analogisierung von Denken und Tausch (bzw. Geld) kritisiert angemessen, dass es seinem Gegenstand nicht gerecht wird.

    Meine Antithese: Das ist halt der Knacks an der Kritik, dass Adorno seine Kritik an einem falschen Punkt ansetzt. Nicht die Tauschabstraktion tut den Sachen Gewalt an, sondern die Ausbeutung tut den Arbeitern Gewalt an. Aber damit ist der Unterschied zwischen KT und Marxismus schon relativ gut auf den Punkt gebracht.

    These: Begriffe haben nach Adorno doch auch einen Inhalt, und der stimmt oder eben nicht.Und wenn nicht auszumachen wäre, ob ein Begriff etwas am Gegenstand trifft, wäre es mit wahren Urteilen auch Essig.

    Antihese: Demnach sieht Adorno den Begriff als Zusammenfassung od. Abkürzung eines ganzen geistigen Prozesses, den man durch seine Nennung quasi aufruft und wiederholt. Da musste er halt den Begriff analytisch zerlegen und die Urteile prüfen, auf denen er beruht. Und da kommt man dann wahrscheinlich zu dem Schluss, dass viele Begriffe der mittelalterlichen Scholastik einfach nicht hinreichend definiert waren und dass man sich die philosophischen Probleme, die sich die Leute damit gemacht haben, auf eine ganz einfache Weise erspart: man macht sie sich erst gar nicht.
    Wenn es aber tatsächlich so wäre, wie Adorno behauptet, dass solche leeren Allgemeinbegriffe wie Gott, Seele etc. so etwas wie der zum Geld verselbständigte Wertausdruck der Dinge in der Kritik der politischen Ökonomie wären, stellt sich natürlich die Frage, warum ausgerechnet die moderne analytische Philosophie diese Begriffe auf so ungeheuerliche Art deflationiert und warum insbesondere Adorno als “Fetischkritiker” sie gegen den antimetaphysischen Bildersturm der positivistischen Sprachphilosophie erretten möchte.

    These: Wenn Adorno Denken und Tausch irgendwie analogisiert, dann denkt er wohl weniger an ein Konzept, das davon ausgeht, man könne begrifflich das Wesen einer Sache erfassen. Sondern er meint wohl eher die vom Nominalismus begründete Auffassung, Begriffe seien eben Zeichen von mehr pragmatischem Nutzen. Ohne große Ansprüche an Wahrheit.

    Antithese: Da ist er sehr unkonkret. Aber nach landläufiger Ansicht können Begriffe gar nicht wahr oder falsch sein, sondern bloß Urteile. “Gott” hat keinen Wahrheitswert. Der Satz “Gott existiert” allerdings schon.

    These: Jeder Begriffe tut dem von ihm Bezeichnetem bereits Gewalt an, weil er behauptet, dessen Wesen zu erfassen, alles über den Begriff hinausgehende abschneidet und unterschiedliche Einzelobjekte unter demselben Begriff zusammenfasst.
    Trotzdem sind Begriffe notwendig für Sprache und Denken. Es ist halt zwingend, die Gewalt des Begriffes d.h. seine Zurichtung des Objekts nach bestimmten Gesichtspunkten zu reflektieren. (Steht doch schon in der DdA?).
    Auch das Tauschprinzip behandelt unterschiedliche Objekte als gleich, schreibt sie auf diese eine Struktur fest, kürzt alles andere raus.

    Antihese: Das stimmt doch einfach nicht! Im Austausch werden Gegenstände nur in Hinsicht auf ihr Wertsein gleichgesetzt. Ihr Gebrauchswert bleibt ihnen völlig unbenommmen. Von ihrer Besonderheit wird überhaupt nichts weggeschnitten, als z.B. schlechter oder guter Film.
    Man muss schon sagen, die industrielle Standardisierung, die in der Regel eine vernünftige Sache ist, führt dazu, dass die Produkte aus einem Herstellungsprozess einander wie ein Ei dem andern ähneln. Aber das ist schon eine relativ reaktionäre Kritik, die ich nur für Ausnahmen wie Kunstwerke einleuchtend finde.

    Wenn ich mit alle dem dann sage, Adorno romantischer Antikapitalismus ist, hüpfen die Leute im Dreieck. Wobei das Problem ja nicht mal das Romantische daran ist – das teile ich bis zu einem gewissen Grad -, sondern die Reduzierung des Marxismus auf eine Kritik der “Tauschgesellschaft”, die von ihrem kapitalistischen Grund, der Eigentumslosigkeit der proletarischen Massen, und ihrem Zweck, der Plusmacherei, einfach absieht. Denn dann müssten die Novalisse dieser Welt, die sich über die Herrschaft der “Zahlen und Figuren” beklagen, ja mal über die Klassenverhältnisse reden und damit über ihr eigenes Privileg.

    Dass das Seelische sich in der bürgerlichen Gesellschaft aus dem Bereich der Öffentlichkeit in den davon abgespaltenen Raum der Kleinfamilie zurück zieht, so viel ist ja richtig,nach DdA. Obwohl Horkheimer/Adorno es falsch erklären, indem sie es, wie die Romantik, der Aufklärung und der Übermaß des Rationalen anlasten.
    Mit dem, was Adorno in der ND über das “Zurüstende und Abschneidende der Begriffe” sagt, hat das aber gar nichts zu tun. Der Dichter verwendet den Begriff “Stein” genauso wie der Wissenschaftler. Das geht auch gar nicht anders, weil Sprache das Besondere ins Allgemeine der Zeichen hebt. Diesen Zeichen ist ihre Verwendungsweise – ob für Wissenschaft oder Poesie – aber noch gar nicht eingeschrieben. Auch denke ich, dass der Wissenschaftler sich in Wirklichkeit mit der Konkretion des Begriffes “Stein” viel stärker befasst als der Poet, selbst wenn er dafür natürlich wieder auf Allgemeinbegriffe zurückgreifen muss. Daran ist aber auch nichts verkehrt. Gegen was läuft denn dieser Adorno da eigentlich an?
    _______________________________________

    Unterm Strich bleibt für mich ein großes Unverständnis in bezug auf Begriffe und ihrem instrumentellen Wesen. Die schwere Verständlichkeit ist sicherlich ein Problem, möglicherweise lädt sie selbst zur Projektion und wiederum Instrumentalisierung ein. (vielleicht bin ich da auch drauf reingefallen.)

    Die Kritische Theorie machte schon eine materialistische Begriffsanalyse, also mit empirischem Blick auf die Geschichte.
    Es ist aber doch nochmal ein Unterschied, ob man Begriffe historisiert oder ob man “den Begriff” – d.h. dass die Welt in Zeichen erfasst, die Dinge in ihr sprachlich identifiziert und voneinander abgegrenzt werden — zu einer geschichtlichen Tatsache erklärt. Letzteres bezeichnet die conditio humana, und es ist doch fehl am Platz, das in die Nähe einer Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft zu rücken.
    Wie gesagt: zu viel Romantik, die sich jetzt nicht mehr nur gegen die Auflösung der Dinge in “Zahlen und Figuren” (Novalis), sondern gegen das Denken selbst richtet. Nicht irgendein Denken, sondern DAS Denken, dem alles von der Form nicht Erfasste, nicht Identische “im doppelten Sinne gleich” ist.

    Nein, doch noch was zum Abschluss:

    Es ist natürlich Definitionssache, ob man das, was Adorno getrieben hat, als Denken bezeichnen will. Gemessen an dem Ideal der Widerspruchsfreiheit, an dem sich alles Denken orientiert, ist Adornos Methode wohl eher das freie Assoziieren.
    Adorno assoziiert zB. reichlich mit der Psychoanalyse, er liefert dafür keine Argumente. Argumentation ist etwas, das dem geistigen Verfahren der Dialektik der Aufklärung grundlegend zuwiderläuft.
    Analytisches Denken hat etwas damit zu tun, von Leuten zu erwarten, dass sie sich klar und nachvollziehbar ausdrücken, so dass man ihre Argumente prüfen und kritisieren kann. Mit bloßen Assoziationen kann man sich nicht auseinandersetzen.
    Um nicht missverstanden zu werden: Ich will Adorno mit dem Denken nicht jede Leistung überhaupt absprechen, ihn gar als dumm hinstellen. Seine Leistung liegt aber eher im Bereich des Expressionistischen (“das Leid beredt machen”) als in dem der Theorie. Eine solche Leistung vollbringt auch ein Maler, und niemand behauptet, dass Malen Denken ist. Das Problem entsteht überhaupt erst da, wo die freie Intuition mit dem Anspruch auftritt, das Zwangsgesetz des Denkens durchbrechen zu können. Das führt aber nicht in die Zwanglosigkeit, sondern in die geistige Despotie.
    Ein intellektuelles Argument ist demokratisch, man kann es widerlegen; Adornos subjektiven Intuitionen dagegen lässt sich nur “nachspüren”.
    Der emphatische Begriff der Erfahrung ist dabei besonders aufschlussreich. Obwohl für den modernen Empirismus nicht weniger zentral, hat er für die KT doch eine gänzlich andere Funktion. Er ist nicht so sehr der Probierstein des Verstands als der Bürge für den Fetisch der Authentizität.

    Entschuldigung dass dies so lang wurde, da habe ich einiges zusammengefasst was sich anstaute, zu pompös kommt es daher für ein Kommentar, aber vielleicht kann man dazu im Laufe der Zeit auch wieder woanders was abhandeln oder aufgreifen, je nachdem wie man Zeit und Lust findet.

  40. mathepauker schreibt:

    Korrektur: Eine der angeführten These habe ich ausversehen verdoppelt ins Spiel gebracht.. aber es dürfte deutlich sein was ich meine.

  41. Bersarin schreibt:

    Das Problem ist, daß Du die „Negative Dialektik“ auf einige wenige Aspekte herunterrechnest – nämlich auf Tausch und Begriff. Diese spielen natürlich eine Rolle, aber es erschöpft sich dieses Werk kaum darin, was bereits der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt. So wie sich Marx‘ Kapital nicht im Tausch und in der Ware erschöpfen. Daß – zumindest im Sinne der sprachanalytischen Philosophie – Begriffe nicht wahrheitsfähig sind, sondern nur Sätze, kann man zwar einerseits postulieren und es ist dieser Umstand in bestimmten Rahmen zutreffend. Diesen Aspekt würde auch Adorno nicht bestreiten. Nur geht es darum in der ND gar nicht so sehr. Zudem: beim unmittelbaren Bezeichnen spielt kaum der Satz eine Rolle, sondern das Verhältnis von Subjekt und Objekt. Wenn ich Stein sage und auf ein Buch zeige, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, weshalb hier entweder etwas im Deiktischen bzw. in der Bezugnahme falsch läuft oder ein Mißverständnis vorliegt.

    Es sind insofern eben nicht die Sätze basal und Wahrheit erschöpft sich ebenfalls nicht im sprachlichen Ausdruck. Wenn ich nur sage „Dies ist ein Stein“, so bleibt es abstrakt. „Was ist ein Stein? Das da, oder dies da?“ Der Satz „Die Sonne geht auf“ ist nur in einem bestimmten Referenzrahmen wahr und überhaupt erst verständlich. Es sind sozusagen ein bestimmtes Sprachspiel und Bezüge erforderlich, in die der Satz eingebettet ist. Schon hier sehen wir: diese Beispiele reichen in der Philosophie nicht hin, dienen allenfalls als untere Stufen auf der Leiter oder als Heuristikon. Wer die ND sinnvoll rekonstruieren oder nachzeichnen will, wird sich nicht in einem vereinzelten Aspekt festhalten können. Die Summe ist mehr als ihre einzelnen Teile. Überhaupt der Differenz von Begriff und Sache einmal nur gewahr und bewußt zu werden, ist bereits ein Akt der Philosophie. Dazu muß man nicht einmal einen Chandos-Brief schreiben.Es reicht dazu ein phänomenologischer Blick.

    Zentral freilich bleiben Subjekt und Objekt und das Verhältnis beider.

    Denken und Tausch sind bei Adorno nicht pauschal von Übel. Tausch ist historisch notwendig. Die Frage bleibt allerdings zu welcher Tendenz hin das Tauschprinzip ausschlägt. Darum geht es Adorno. Du brichst hier Adorno auf Pauschalsätze herunter. Ich will einmal höflich annehmen, daß dies nicht dem Reflex der Diffamierung geschuldet ist. Eine solche Reduktion gibt Adornos ND nicht her.

    Nein, Marx‘ „Kapital“ erschöpft sich nicht in den ersten drei Kapiteln, und es ist richtig, daß die Reise der Kritik der politischen Ökonomie danach noch sehr viel weiter geht: bzw. es ist das eine nicht ohne das andere zu haben. Jedoch unternimmt Adorno weder in der „Dialektik der Aufklärung“ noch in der „Negativen Dialektik“ (geschweige in anderen Werken) den Versuch, Marx‘ „Kapital“ bzw. seine Werttheorie als Theorie der Ökonomie weiterzuformulieren, denn dazu besteht keine Notwendigkeit, weil Marx in bezug auf die Strukturen und die Form des Kapitalismus alles Nötige schrieb. Adorno greift allerdings Motive bzw. Argumente von Marx auf und bringt sie in eine Anordnung, indem er sie z.B. mit psychoanalytischen oder phänomenologischen Bezügen zusammenliest. Adorno bezieht sich in einer ganz anderen Weise als z.B. Georg Lukács auf Marx, der sich sehr viel stärker an die ersten drei Kapitel des „Kapitals“ bindet (zumindest in „Geschichte und Klassenbewußtsein), insbesondere über den Fetischcharakter der Ware sowie den Begriff der Verdinglichung, von dem Adorno schrieb, daß er über diesen Begriff am liebsten so etwas wie eine Art Maulsperre verhängen würde, weil er zu Tode operationalisiert wurde und nur noch als Schlagwort Verwendung findet.

    Adorno hingegen geht es um etwas ganz anderes als Marx zu paraphrasieren oder zu reformulieren: er bezieht sich auf Marx, er betreibt keine Kritik der politischen Ökonomie mehr, Adorno ist kein Nationalökonom, sondern wesentlich Philosoph und Soziologe; Philosophie arbeitet als Gesellschaftskritik und diese wiederum als radikale Philosophie, in der sich im Grunde nicht mehr in der Schulabstraktion zwischen theoretisch und praktisch unterscheiden läßt. In diesem Modus dialektischer Kritik steht er Hegel sehr viel näher als Marx, während Adorno andererseits – gegen Hegel – in seiner Parteinahme fürs Besondere, für die Einzelheit, die nicht in positiver Dialektik aufgeht, Motive von Kierkegaard, Schlegel und Nietzsche weiterschreibt. Dieses Zusammenspiel macht es unmöglich, Adorno auf These/Antithese zu reduzieren.

    „Marx auf einen romantischen Antikapitalismus herunterzubringen“ ist eine zu schlichte und zudem falsche Deutung Adornos: denn Adorno liefert eben keine Gegenbilder zum Kapitalismus wie das Zizek und Konsorten tun – Utopie ist bei ihm schwarz verhüllt – schon gar nicht ist ihm der antikapitalistisch-romantische Reflex eigen, wie wir ihn teils bei der Studentenbewegung der 60er Jahre beobachten konnten und immer weniger auch spricht er vom Kapitalismus – in der „Negativen Dialektik“ zum Beispiel taucht dieser Begriff überhaupt nicht mehr auf – sondern vielmehr von der verwalteten Welt. Auch in bezug auf die Klassenlage haben sich die Dinge verkompliziert. Im Westen läßt sich nicht mehr sinnvoll mit einer Arbeiterklasse als dem besseren Bewußtsein operieren, wie es noch Lukács vorschwebte. Auf diesen Umstand reagiert die ND.

    Ja, Leserin und Leser müssen die Theorie von Marx‘ bzw. bestimmte Positionen derselben im Kopf haben, Adorno referiert hier nichts, sondern setzt – anders als in seinen Vorlesungen – dieses Wissen voraus. Wie überhaupt in Adornos Büchern Leserin und Leser gut beraten sind, die Texte Platons, Aristoteles, Kants und Hegels und anderer im Kopfe zu haben. Dieser Umstand macht es eben sehr schwierig, Adorno zu lesen und deshalb gehört er sicherlich nicht zu den „leichten“ Philosophien – obgleich die Einteilung in „leicht“ und „schwierig“ selber ein Stück Trug ist. Wie jemand Philosophie betreibt, entscheidet sich nicht daran, ob das nun zum Lehrbuch taugt und Marx referiert wird, sondern an der Sache selbst.

    Es geht bei Adornos Theorie des Begriffs nicht darum, wie der Wissenschaftler oder der Künstler nun den Begriff „Stein“ wahrnehmen bzw. welche Bedeutung sie damit verbinden und wie Konnotation und Denotation funktionieren. Adorno betreibt weder Sprachsoziologie noch Linguistik, noch Wahrnehmungspsychologie. Beispiele spielen nur bei, weil sie zufällig sind, aber Theorie erschöpft sich nicht im Empirischen und im Beispiel. Richtig ist allerdings, daß Adorno sich mit dem identifizierenden Gestus des Begriffes befaßt. Es ist dies eine seiner Thesen. Ihn darauf zu formaliseren greift schlicht zu kurz, weil dabei seine Gegenmodelle überlesen werden.

    Daß Adorno nicht argumentiere, kann man nur von einer Position her behaupten, die einen sehr eingeschränkten Begriff von philosophischer Argumentation besitzt. Sicherlich argumentiert er nicht in einem formal-logischen, ableitenden Sinne: Wenn A, dann B. Wer aber einzig mit Holm Tetens‘ „Philosophisch Argumentieren“ an Texte geht, wird schnell bemerken, wie kurzatmig bei bestimmten Schriften diese Denkweise ist. Das heißt nicht, sich der Intuition zu überlassen oder den Satz vom Widerspruch, den der Identität, den vom ausgeschlossenen Dritten zu dispensieren. Das macht auch Adorno nicht. Wer die Argumentationsweise seines Denkens verstehen will, der ist über den Begriff des Essays gut bedient. Dieser ist eine Kunstform und rational in einem, er entfaltet ein Bündel an Argumenten, aber nicht in ableitender Weise. Formalisiert man die Philosophie Adornos, verpaßt man das beste. Es läßt sich eben nicht in einfache Thesen und Antithesen packen, wie Kant das in seinen „dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft“ macht. Und es bleibt dies bei Kant dann auch ein sehr formaler Begriff von Dialektik, den Hegel in seiner „Wissenschaft der Logik“ zum Tanzen und zum Fließen bringt. Auch darin liegt Adorno dicht bei Hegel. Das Modell von Thesis/Antithese wird bei Adorno liquidiert: mithin: verflüssigt. Und genau so soll es sein. Es sind die – nach Kant – unabweisbaren Fragen, die die Vernunft stellt, und sie findet darauf im Bereich der bloßen Erkenntnistheorie keine Antworten. Denn in diesem Feld sind die Grenzen eng gezogen.

    „Adorno assoziiert zB. reichlich mit der Psychoanalyse …“ Das ist schlicht falsch. Er verwendet teils die Terminologie der Psychoanalyse und deren Erkenntnisse, ohne nun aber psychoanalytische Theorie schreiben zu wollen. Es geht Adorno eben nicht darum, Freud, Marx, Hegel oder Max Weber fortzuschreiben, sondern Positionen des Denkens in eine neue Anordnung zu bringen, so daß ein Bild von Gesellschaft und Philosophie entsteht, Vernunft als instrumentelle und regressive zeigt und dabei aber nicht stehen bleibt. Zentrale Begriffe sind bei Adorno : Theorie der Rationalität sowie Metaphysik und Gesellschaft.

    „Seine Leistung liegt aber eher im Bereich des Expressionistischen“. Nein, ganz im Gegenteil. Eine ziemlich absurde Annahme. Die ND ist nicht expressionistisch verfaßt, sondern konstellativ angeordnet, die Sätze nehmen immer eine andere Wendung, die verschiedenen Kapitel gehen auf sehr Disparates und sie beziehen sich dabei doch aufeinander. Sie nehmen immer andere Anläufe, um ihren Gegenstand zu entfalten, aber eben nicht: zu fixieren. Adornos Text ist das Gegenteil von Wittgensteins verdinglicht-formalistischem „Tractatus“. Der reine Gestus, der reine Ausdruck ist zudem Adornos Sache nicht. Adorno füllt diesen in seiner gesamten ND mit Inhalt. Die logische Widerspruchsfreiheit als Ausweis und einzige Bedingung für Theorie zu postulieren, reicht an die komplexen Zusammenhänge von Subjekt und Gesellschaft nicht heran und führt lediglich zu Simplifizierungen und zu monokausalen Theorien. Wer lediglich bei der Widerspruchsfreiheit als Kriterium für Theorie stehen bleibt, erhält am Ende nur den armen kargen Rest von Denken in den Händen. Formales eben. Und noch diese Form zerinnt inden Händen, weil sie ohne den Inhalt bleibt. Weder Essay, noch Kunstwerk noch eine Philosophie, die mehr sein will als Protokollsatz, lassen sich lediglich an formal-logischen Kriterien messen. Es ist ganz im Gegenteil der Widerspruch, sei es der von Begriff und Sache, sei es der realle in der Gesellschaft, Motor des Denkens. Nehmen wir nur den Begriff der bürgerlichen Freiheit. Zahlreich ließe sich zeigen, daß Begriff und Sache in Widerspruch stehen, daß die Wahrheit des Begriffes lange nicht mit der Realität übereinstimmt. Genau diese Divergenzen aufzuzeigen ist die Motivation der ND. Wenn man allerdings nur an ein oder zwei Stellen des Textes stehen bleibt, dann erschließt sich dieser Zusammenhang nicht. Begriffliches Denken ist eben nicht nur identifizierendes Denken.

  42. Hans Ulrich Faber schreibt:

    „Adorno Text von Marx zu „befreien“ und ihn der Metaphysik zuzuschlagen, bedeutet schlicht eine Entschärfung der Kritischen Theorie.“ (Aus dem Blogeintrag)

    Das ist wohl so! Und auch im Ganzen war das hier ein sehr aufschlussreicher Text für mich.

    Ein Kritikpunkt den ich an Autoren wie Adorno und ähnlichen (z. B. Negri) allerdings habe, betreffend der „Geschichtlichkeit“ und der Determinismusdebatten und den ich hier auch nur im möglichst kurzen Rahmen mal festhalten möchte:

    Die negativen Dialektiken, die einen automatisch progressiven Geschichtsprozess ablehnen scheinen mir zudem der Dialektik im ganzen nicht angemessen.

    Von Adorno ausgehend, ist Hegels Geschichte eine universale Heilsgeschichte.
    Die „Lehre von der positiven Negation, das ist genau und streng der Punkt,
    an dem ich dem Hegel die Gefolgschaft versage“ schrieb Adorno („Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit“, Frankfurt am Main 2001, S. 202)
    Und dieses Prinzip der bestimmten Negation – der „Glaube, dass die Negation, indem sie weit genug getrieben wird und indem sie sich selbst reflektiert, mit der Position eins sei“– sei eine affirmative Ideologie.
    Das Problem der Kategorie des Positiven sei dabei, dass in ihr moralische Attribute wie das Gute, oder eine Bejahung mitschwingen. Bei Hegel zeige sich das darin, dass er das Ganze und Wirkliche als das Vernünftige betrachte. Die Möglichkeit des Falschseins und des Misslingens begründe, warum die Negation der Negation nicht das Positive sei. „Die Gleichsetzung der Negation der Negaion mit Positivität ist die Quintessenz des Identifizierens, das formale Prinzip auf seine reinste Form gebracht.“
    Eine solche Dialektik sei antidialektisch, traditionellem Denken und der Mathematik abgeborgt.
    Die Negation der Negation resultiere „nicht, oder nicht automatisch, nicht
    ohne weiteres, in der Positivität“. Hegel kenne zwar die Dialektik des Einen und des Vielen, sei aber immer parteiisch für die Einheit.
    Mit der Kategorie der bestimmten Negation, entwickelte dann Sdorno eine Dialektik des Negativen. Auch sind für Adorno Nichtidentität und Widerspruch die zentralen Kategorien der Dialektik und gegen die Kategorien von Hegel der Identität und der Synthese hegt er dann Kritik.

    Es ist sicherlich richtig, wenn Adorno schreibt: „Fortschritt ist sowenig zu ontologisieren […] wie […] der Verfall«. Adorno argumentiert nun
    aber an einigen Stellen in seinem Werk entgegen seiner eigenen Erkenntnis: dass Geschichte doch mechanisch determiniert ist. Entweder auf mehr optimistische Art:

    „Ein Stück Dialektik des Fortschritts ist, dass die gesellschaftlichen Rückschläge, die selbst vom Fortschrittsprinzip angezettelt werden […], auch die Bedingung dafür beistellen, dass die Menschheit Mittel findet, sie in Zukunft zu vermeiden“ („Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit“, S. 210. Ebenso: Theodor W. Adorno: „Fortschritt“, in: Kulturkritik und Gesellschaft II, Frankfurt am Main 1977, S. 622.).

    Viel häufiger aber pessimistisch:

    Der Sinn der „universalen Regression“ verbinde sich heute mit dem Begriff des Fortschritts.
    „Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe. […] Hegel wird dadurch zum Entsetzen verifiziert und auf den Kopf gestellt. Verklärte jener die Totalität geschichtlichen Leidens zur Positivität des sich realisierenden Absoluten, so wäre das Eine und Ganze, das bis heute, mit Atempausen, sich fortwälzt, teleologisch das absolute Leiden. […] Zu definieren wäre der Weltgeist, würdiger Gegenstand von Definition, als permanente Katastrophe.“ („Negative Dialektik“, S. 314)

    Adorno schreibt also nicht wie Hegel eine positive, sondern eine negative Universalgeschichte. Die Argumentationsfigur ist sowohl bei Hegel als auch bei Adorno ein undialektischer Strukturfunktionalismus, der nicht die Freiheit des Subjekts sieht, unter bestimmten gesellschaftlichen Umständen sowohl die Befreiung als auch die Barbarei als auch die Affirmation herbeiführen zu können.
    Da der Mensch aber ein selbstbewusstes Wesen,wählt er bewusst zwischen strukturell bedingten, also, begrenzten und ermöglichten, Handlungsmöglichkeiten aus. Gibt es solchen Grad der Freiheit im Handeln, dann ist der Geschichtsverlauf nicht mechanisch determiniert, sondern abhängig von Klassenkämpfen und den sie bedingenden Gesellschaftsstrukturen. Geschichte ist weder eine universelle Befreiungs- noch Verfallsgeschichte, sondern nur eine der unvollständigen Bestimmtheit und der Dialektik von Zufall und Notwendigkeit im menschlichen Handeln.

    Demnach begegnet z.B. Marcuse dem sinnvoller. Indem Hegel zurecht mit seinem Verständnis von dem Begriff der „bestimmten Negation“ darauf hingewiesen hat, dass das Negative ebenso sehr positiv ist, dass also das Widersprechende sich nicht in Nichts auflöst, sondern nur in die Negation seines speziellen Inhalts, Negation ist die Negation „der bestimmten Sache“, das Resultat der Negation hat einen Inhalt, der reicher und höher ist als die alte Bestimmung, das Neue enthält das Alte und noch mehr. So hat nun Marcuse z.B., um die Bedeutung des menschlichen Subjekts in der Gesellschaftsdialektik hervorzuheben, hier die bestimmte Negation als eine „bestimmte Wahl“ betont und damit auch nicht wie Adorno den Begriff der bestimmten Negation abgelehnt (in diesem Punkt irrt z.B. Hans Heinz Holz, der meint, Marcuse lehnt ihn ebenso ab ), sondern bettet den Begriff in eine Subjekt-Objekt-Dialektik ein.

    Die Dialektik der Gesellschaft muss als Dialektik des menschlichen Subjekts und der gesellschaftlichen Objekte gefasst werden, um wahrhaft dialektisch zu sein. Eine derartige Interpretation findet sich implizit in den philosophischen Schriften von Marx und wurde meines Erachtens das erste Mal explizit gegen deterministische Marxinterpretationen von Herbert Marcuse gefasst.
    Marcuse wollte eine deterministische Interpretation der Dialektik vermeiden und einen Wandel vom Strukturfunktionalismus zur Betonung menschlicher Praxis in der marxistischen Dialektik einleiten.

    Mal ungeachtet von Marcuse, ist Adornos Vorsicht sicherlich dort angebracht, wo Hegel einen letztlich linearen Geschichtsprozess postuliert (und nicht zuletzt gibt ihm auch der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus gegenüber seiner Skepsis dem Geschichtsdeterminismus und einer mechanisch deterministischen Interpretation der
    Kategorien der bestimmten Negation und der Synthese recht), nicht jedoch dort, wo Hegel die Dialektik von Negativem und Positivem als gleichzeitige Differenz und Abhängigkeit von Dingen darstellt. Und Geschichte ist aber auch keine Verfallsgeschichte, sondern eine Geschichte realer Möglichkeiten, die realisiert oder verabsäumt werden können.

    Es kommt auch darauf an, Struktur und Handeln, Notwendigkeit und Zufall, Negatives und Positives, so wie Marcuse dialektisch zu fassen und in den realen Möglichkeiten menschlicher Praxis zu situieren. In der heutigen gesellschaftlichen Situation des globalen informationellen Kapitalismus bestehen zugleich reale Chancen und reale Risiken, weder Geschichtsoptimismus noch -pessimismus ist angebracht.

  43. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Ich werde auf einige der darin genannten Aspekte demnächst ausführlicher eingehen. Was die Kategorie des Subjekts betrifft, so mißtraut Adorno dieser radikal. Freilich nicht wie die verschiedenen Positionen des Poststrukturalismus, um das Subjekt als einen Diskurseffekt zu setzen, das nicht Herr im eigenen Hause ist, sondern um eines emphatisch verstandenen Subjekts, das noch nicht ist. Das Subjekt ist – grob gesprochen – in einer verdinglichten Gesellschaft selber zu einem leeren Fetisch geworden. Oder zur Phrase, wie in der Existenzphilosophie Sartres. Adornos Begriff von Geschichte ist in der Tat ein vertrackter. Man kann dazu vielleicht jenes Bild aus Walter Benjamins „Über den Begriff der Geschichte“ nehmen: das vom Engel der Geschichte. Die bisherige Geschichte: eine Trümmerberg aus Katastrophen. Bei allem Fortschritt, ein sich perpetuierender Gewaltzusammenhang, der – für uns heute schwierig noch nachzuvollziehen – in Auschwitz und in den Gulag mündete.

    Herbert Marcuse müßte hier demnächst auch auf dem Plan stehen, da „Der eindimensionale Mensch“ vor 50 Jahren in den USA erschien. In der Tat ein einschneidendes, diskutierenswertes Buch für die Kritische Theorie.

  44. Sibiu schreibt:

    Dem folgenden Auszug betreffend aus dem Ausgangsbeitrag („Sicher ist das ich kein Marxist bin“) möchte ich der angesprochene Stelle etwas anmerken lassen.

    „Richtig ist es allerdings, dass wir bei Adorno – anders als bei der Philosophie Hegels oder Kants – keine direkte Auseinandersetzung mit dem Text von Marx finden. Dieser Umstand mag auf den ersten Blick befremden. Was freilich nicht bedeutet, dass die Kritische Theorie Adornos sich von Marx‘ Kritik der Politischen Ökonomie verabschiedet hätte.“

    Ich bin nun nicht wirklich hinreichend belesen in Adorno- oder Marxlektüre, aber bei dem gegeneinander Lesen von Texten im Internet stoße ich hin und wieder auf Komplexe, die mich zum Nachdenken anstoßen. So fand ich in diesem anderen Blog: https://shiftingreality.wordpress.com/2007/09/25/warum-ich-mich-in-den-adorno-debatten-bislang-nicht-geausert-habe/?replytocom=2280 und den Kommentaren Konflikte, die sich mit dem hier Geschriebenen vielleicht konstruktiv verknüpfen lassen. Dort: scheinbar derselbe Blog-User namens „Nörgler“ zu lesen, der hier auch öfter zu lesen ist.

    Wenn es also hier heißt, die KT Adornos hätte sich nicht von Marx‘ Kritik der Politischen Ökonomie verabschiedet, dann klingt das für mich so, als ob sie dann dort auch überhaupt oder gänzlich angekommen wäre.

    Lese ich das mit dem einen Kommentar von Nörgler wider, vom 14. Oktober 2007 at 14:44 aus dem benannten Blog, dann macht sich bei mir ein anderer Eindruck breit, nämlich der, formuliert und entnommen dem Nörglertext:

    „Eine intensive Marx-Rezeption hat bei den Herren nie stattgefunden. Ich würde sogar noch weiter gehen […]:

    1. Die von Dir genannte “ursprünglich mal in der Kritischen Theorie angelegte Konzeption einer Neuformulierung einer Kritik der politischen Ökonomie” sehe ich nicht einmal. Das war nie das Programm. Es hätte auch der intellektuellen Sozialisation der Frankfurter nicht entsprochen. Adorno war altersmäßig schon in den Dreißigern, als er begann, überhaupt mal mit etwas anderem sich zu beschäftigen als mit Kierkegaard und ein bißchen drumherum.

    2. Obwohl nicht beabsichtigt, hat die Frankfurter Schule doch objektiv einen Anteil an der mangelnden Marx-Rezeption, da die quantitative und qualitative Mächtigkeit der Kritischen Theorie – zusammen mit den Nebensatz-Bezügen auf Marx – geeignet war, beim Leser den Eindruck zu erwecken, man sei da über Marx und alles Ökonomische ohnedies schon hinaus, hätte den Karl Heinrich eh völlig aufgesogen, verarbeitet und im Sack, so dass eine Beschäftigung damit überflüssig wäre.“

    Dies scheinen mir die entscheidenden Textstellen zu sein, sicherlich erschließen sich aber diese noch besser wenn man den Kommentar dort im Ganzen liest und sieht auf was er hinausgeht. Die Auszüge sagen mir aber schon mal, dass vorschnell in der Kritischen Theorie (vlt. insb. Adornos) und bei ihrer dennoch ungenügenden Kenntnis über die Kritik der politischen Ökonomie, folgt man Nörglers Aussagen, ausreichendes Wissen über diese Kritik voraussetzt. (Irgendwo in den Kommentaren hier stand dann auch der Leser von Adorno müsse die Theorien von Marx im Hinterkopf haben, weil Adorno sie dem Leser als Wissen voraussetzt…)

    Was ich noch beitragen kann: Weines Wissens weisen auch die Autoren Christoph Türcke und Gerhard Bolte darauf hin, in einer Einführung zur Kritischen Theorie, dass zwar die Überlegungen Adornos bekannte sind, in denen er sich der Frage Industriegesellschaft oder Spätkapitalismus äußerst differenziert widmet, nichtsdestotrotz aber bleibt für Türcke/Bolte die Ökonomie ein blinder Fleck in diesem großen Unternehmen einer kritischen Theorie der Gesellschaft. Oder wie es Rolf Johannes im Verhältnis der KT zur Gesellschaft einmal genannt hatte, demnach bleibt die Kritik der politischen Ökonomie „das ausgesparte Zentrum der Kritischen Theorie.“

    Natürlich habe ich mich bemüht „hüben wie drüben“, hier wie dort die vorgebrachten Textauszüge von mir im Ganzen zu lesen und nicht zu sehr aus dem Kontext zu nehmen. Ein Versuch meine eigentümliche Art des Gegenlesens hier hervorzuholen ist mir das hier aber Wert, auch wenn die Diskussion hier wohl schon länger geschlossen scheint. Vielleicht gehe ich nach dem Motto: Alt lässt sich nicht vom Wege bringen. Vielen Dank schon mal falls Sie meinen Kommentar hier veröffentlichen sollten.

    Mfg

  45. Sibiu schreibt:

    Kleine Korrektur: „…folgt man Nörglers Aussagen, ausreichendes Wissen über diese Kritik vorausgesetzt wird.“

  46. Bersarin schreibt:

    Fein, wenn immer einmal wieder alte Blogeinträge ausgegraben und darin dann kommentiert wird!

    Ich habe die Diskussionsstränge hier wie auch drüben auf shifting reality im Jahre 2007 – also bereits lange her, aber mit Hegel geschrieben: die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen, insofern veralten diese Aspekte nicht – kursorisch gelesen oder eher: überflogen, um insofern auf das Verhältnis von Marx zu Adorno zu fokussieren. In der Tat sind dies komplizierte Fragen, die sich eigentlich nicht in zwei oder drei Sätzen werden beantworten lassen. Die Ausführungen des Nörglers teile ich weitgehend. Richtig ist insbesondere, daß Adorno nicht von Marx her kommt. Ganz anders als etwa Georg Lukács. (Der freilich ebensowenig von Anfang an. Der frühe Lukács war durchaus noch von Weber und dem Neukantianismus wie auch lebensphilosophisch inspiriert. Seine „Theorie des Romans“ fällt aus dem Kontext Hegel und Marx noch weitgehend heraus.) Lediglich das, was der Nörgler zu Schweppenhäuser und Tiedemann schreibt, würde ich anders gewichten.

    Adorno rekurriert in seiner Philosophie in der Tat wenig auf Marx. Adorno ist aus den verschiedenen, von mir in meinem Blogtext genannten Gründen nicht als Marxist anzusehen. Einmal im Sinne des Marxschen Diktums, dann auch, weil Adorno einem historischen Subjekt Proletariat heftig mißtraut. Zudem läßt sich Adorno sowieso keine Etiketten als Spielmarken ans Revers heften, sondern er begibt sich in die Logik der Sache, in die Texte. Weiterhin gibt es bei Adorno, anders als zu Hegel, Kant oder Husserl, keine dezidierte und ins Detail gehende Auseinandersetzung oder Lektüre der Marxschen Texte. Den Anfangssatz der „Negativen Dialekik“ kann man bereits als eine Kritik an Marx, genauer an seiner 11. Feuerbachthese nehmen.

    Die große Schwierigkeit, wenn wir die „Negative Dialektik“ lesen, besteht darin, daß Adorno den Kanon der abendländischen Philosophie in den Komplexionen und Konstellationen seiner Sätze voraussetzt, ohne hier zu schreiben: Ich beziehe mich auf Hegel oder auf Thomas von Aquin usw. (Bereits aus diesem Grunde, weil die ND von einer derartigen Vielfalt getragen wird, ist dieses Werk lange noch nicht abgegolten und, wie es manche meinen, zu den Akten zu legen.) Der Nörgler verwies zu recht auf den Begriff der Erkenntniskritik. Ohne Aristoteles, Thomas von Aquin und Kant kommt man im Grunde bei diesem Hauptwerk der Philosophie des 20. Jahrhunderts nicht gut weiter. Adorno verfährt musikalisch: er spielt Motive an, greift auf, wandelt ab, verbindet mit anderen Theorieteilen, um dann an anderer Stelle wieder dieses Motiv – diesmal freilich gegenüber dem ersten Male gewandelt – aufzugreifen. Insofern korrespondieren in diesem Werk Titel und Inhalt, Inhalt und Form. Negativ ist diese Dialektik, im Gegensatz zur Hegelschen, weil sie sich nicht sistiert und aus dem „Kelche dieses Geisterreich“ ihr nicht ihre Unendlichkeit schäumt, wie Hegel zum Abschluß seiner „Phänomenologie“ Schiller zitiert, so daß der Geist bei sich selber ankäme. Weshalb ich so weit ausgreife und abschweife? Weil das ganz direkt mit Adornos Marx-Lektüre und seiner Art, mir Philosophie zu arbeiten, zusammenhängt.

    Adornos Philosophie hat sich insofern nicht von der Politischen Ökonomie verabschiedet, als dieser Philosophie ein eminent materialistisches Motiv zugrunde liegt. Ich nannte dieses Motiv in meinen Zitaten aus den „Meditationen zur Metaphysik“. Das aber bedeutet eben nicht, daß in der Philosophie Adornos die Politische Ökonomie zu sich selbst gekommen wäre. Ganz im Gegenteil. Adorno betreibt Erkenntniskritik. Das sind denn doch zwei Paar Schuhe, zumal Adorno nur in wenigen Passagen explizit auf Marx rekurriert und dieses Denken weitertreibt oder daran anknüpft. Adornos Philosophie speist sich wesentlich aus der Kunst und aus Gesellschaftskritik in einem umfassenden Sinne, und zwar in der Weise der (hegelschen) bestimmten Negation.

    Ich schreibe das hier auf die schnelle und ins unreine, insofern mag man in diesen Vergröberungen durchaus das eine oder andere diskutieren oder kritisieren.

  47. Sibiu schreibt:

    Vielen Dank auch für die ausführlichen Reformulierungen und Stichpunkte, denn sie treffen genau das, was mir so im Sinn dazu steht und leitet mich wohl mehr zur Verständnissicherung jener Sache hin. Das Abschweifen schätze ich, da sehe ich kein Problem, zudem scheint es – metaphorisch gesehen – eine Art von Umwegen zu sein. Auch wenn mich das immer viel Zeit kostet, andererseits bin ich kein Freund dieser rasch griffigen Posts/Tweets die doch meistens a limine auf Facebook und Twitter eingehen.

    Lange Rede kurzer Sinn: ich werde dann zukünftig gerne mal mehr aus der Perspektive einer historisch lang verzweigten Erkenntniskritik oder -theorie die Kritischen Theorie lesen. Zu Christoph Türcke, meine Darstellung von ihm über die KT, die beruht leider auch nur auf einem vergröberten Hintergrundwissen über ihn und seiner genaueren Stellung zur KT Adornos oder der alten Schule. (Man zählt ihn wohl aber auch zur moderneren Kritischen Theorie noch… Herr Türcke, das war auch der Philosoph, der mir noch von der letzten Leipziger Buchmesse in Erinnerung war, aber da ging es um die Ursprünge des Gelds: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=49989 .)

    Mfg

  48. Bersarin schreibt:

    „… die Kritischen Theorie lesen.“ DIE kann man nicht lesen. Aber es ist anzuraten, verschiedene Primärtexte sich zu zuführen. Um in die Dialektik hineizugelangen und zu verstehen, was mit diesem Begriff gemeint ist, ist Hegels Vorrede sowie die Einleitung aus der „Phänomenologie des Geistes“ unabdingbar. Dann ausgewählte Texte von Marx, Horkheimer, Adorno und Marcuse. Zudem noch Walter Benjamin. Zur Einführung eine Sekundärliteratur! Wer die Primärtexte nicht versteht, wird auch die Sekundärliteratur kaum verstehen.

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