Zum 100. Geburtstag von Albert Camus

Einen Tag verspätet. Camus wird es entschuldigen, denn er ist tot. Camus – das ist ganz einfach zu lange her. Dieser Ton der Existentialphilosophie ist etwas für die jungen Jahre. Die Ontologisierung des Ich, der mir  in manchem seiner Texte begegnete, scheint mir heute fremd. Es paßt dieses Denken, dieses Pathos des Ich  eher zu den jungen Jahren. Der nackte Mensch. Aufs An-sich reduziert. Mag sein. Aber das läßt sich  nicht als anthropologische Grundkonstante ungeschichtlich festlegen, denn daraus wird schnell ein Stück Ideologie. Kein Mensch lebt nackt, sondern unseren Körper sind die Diskurse, die Strukturen bereits eingeschrieben. Die Macht hält unseren Körper besetzt bis ins Detail. Wir können uns nicht entkleiden.

„Ich bin kein Mensch in der Revolte. Die Revolte ist in mir.“
(Tocotronic)

7 Gedanken zu „Zum 100. Geburtstag von Albert Camus

  1. Nur weil sich „Der Mythos von Sisyphos“ in der Pubertät so gut liest, muss das nicht zwangsläufig heißen, dass das voll entwickelte Individuum keinen großen Gewinn mehr daraus ziehen kann. Wer über Frank Zappa zum Jazz gefunden hat, der wird ihn sicherlich zu einem bestimmten Zeitpunkt eher gering schätzen. Aber manchmal gibt es auch ein Comeback.

  2. Was Sie zum „Mythos von Sisyphos“ schreiben, ist einerseits richtig: man kann jene Texte, die Camus zur Philosophie schrieb, sicherlich wiederlesen. Die Frage aber bleibt, ob sich diese Text reaktualisieren lassen oder ob es nicht vielmehr nur noch Dokumente ihrer Zeit sind. Einer der wesentlichen Sätze, mit denen Camus seinen „Mythos“ eröffnet, ist der, daß Philosophie zunächst und primär immer von einer Art und Weise handelt, wie zu leben sei: im Grunde ist sie in der Sicht von Camus also primär eine Lehre von den Handlungen und den Selbstpraktiken eines Subjekts. Und dann erst Logik, Erkenntnistheorie. „Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien habe – kommt erst später. Das sind Spielerei; zunächst heißt es Antworten geben.“

    Angesichts eines immer mehr präformierten Subjekts läßt sich womöglich mit den Texten Camus und Sartres noch etwas anfangen, auch als Gegendiskurs und Gegenpol zum Poststrukturalismus. Andererseits differenziert Camus zu wenig und hält die Ebenen nicht auseinander. Es ist eben ein Unterschied, ob ich Seneca, Marc Aurel oder Montaigne ähnlich auf mein Leben reflektiere oder ob ich mich mit speziellen erkenntnistheoretischen Problemen beschäftige und mich frage, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und auch Theorie ist bekanntlich eine Weise von Praxis. Sie kann sogar ausgesprochen praktisch wirken, weil sie unser Denken und Handeln bestimmt und damit lebensstrukturierend wirkt ohne daß wir es bemerken. Es kann insofern lohnen, auch auf diese verschlungenen Wege seinen Blick zu richten.

    Camus nun geht es – dem Geist seiner Zeit folgend – um das Ganze einer Existenz, und zwar teils ganz unmittelbar ins Praktische gewendet – etwa wenn Camus, wie in seinen Theaterstücken, nach den Möglichkeiten von Revolution fragt. Insbesondere im Hinblick darauf, wie viele Menschen man für ein vermeintlich Gutes eigentlich opfern dürfe. Fragen der Zeit eben. Solche Gedankenspiele haben für den normalen Alltagsverstand zunächst etwas Bestechendes, aber sie bleiben am Ende doch weit hinter den tieferen Problemen und Fragen zurück, die solche Wahlmöglichkeiten überhaupt erst strukturieren und ermöglichen. Und aus diesem Grunde ist und bleibt Samuel Beckett der avancierteste Autor dieser Zeit, weil er dieses Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Subjekt in einen radikale Anordnung bringt, die alles Inhaltliche herausschneidet. Eine Frage wird bei Beckett auf ihr Skelett reduziert.

  3. Na das war sicherlich die kürzest mögliche Würdigung. Und auch mir erscheint es etwas ungerecht. Gar nicht in Bezug auf seine ‚Philosophie‘, die hat mich nie so sehr interessiert. Als Pubertierender war ich auch unendlich weit davon entfernt, mir Camus anzueignen. Der tauchte an meinem Horizont gar nicht auf.

    Ungerecht finde ich es, weil er doch ein guter Schriftsteller war. Der Mythos des Sisyphos ist vielleicht etwas schwach gedacht, aber die Umkehrung des Bildes ist stark: Sisyphos als der glückliche Mensch, als ein Held des Absurden. Auch ohne Camus‘ Denken zuzustimmen, ist das ein gutes und anregendes Bild. Und ähnlich die Romane, wie die Pest z.B.. Das schießt über die Gedankengebäude doch weit hinaus. Oder seine Anmerkungen zu Kafka. Natürlich stimmt man seiner Inbesitznahme Kafkas so nicht zu, trotzdem ist das ein starker Essay.

  4. Die Philosophie war nicht die Stärke Camus‘, wenngleich das Bild vom Sisyphos, den wir uns als glücklichen Menschen vorstellen müssen, ein interessantes ist. Die Prosa Camus‘ lohnt es sicherlich wiedergelesen zu werden. „Der Fremde“ ist ein wunderbar kaltes und klares Buch. Es flimmert zuweilen in dieser Prosa die grelle Sonne des Mittelmeeres. Für eine Besprechung freilich hätte ich diese Bücher wiederlesen müssen. Doch dafür fehlte mir leider die Zeit.

    Problematisch bei Camus wie bei Kierkegaard bleibt mir aber diese existentiale Aufgeladenheit. Kafka ist eben kein Schriftsteller der sogenannten Existenzphilosophie. Es sind seine Prosatexte keine zu Situationen und Befindlichkeit heruntergebrochenen Bilder. Gegen dieses Mißverständnis (ähnlich wie bei Beckett) empfehle ich die Lektüre von Adornos Kafka-Essay.. Das Absurde bei Kafka ist nicht die zur Kategorie verdünnte Befindlichkeit.

  5. Darf ich darauf hinweisen, dass ich in meinem Blog, heute noch einmal darauf zu sprechen komme? Es führt die Diskussion nur unwesentlich weiter: Sie haben in Ihrer Antwort auf hannes wurst das entscheidende gesagt. Ich verändere nur noch einmal den Blickwinkel. (Wenn so ein Verweis hier nicht erwünscht ist, bitte den Kommentar einfach löschen.)

  6. Das ist kein Problem, zumal Du Dich hier ja bereits über das Thema geäußert hast und nicht einfach nur Werbung hier verbreitest.

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