Buckower Elegien

22.7. Es gibt Daten. Und manchmal gibt es schöne Tage wie diesen, mit einem Ausflug nach Buckow, und auch schöne Tage wie den gestrigen. Es bleiben am Ende die Details und die Daten – Septembertage, jener eine und einzige Tag im September. Aber zugleich gibt es das Vergehen in der Zeit: daß nichts mehr bleibt, und kein Rest, der sich in einer Art von Dialektik auflösen und aufheben läßt. Adorno unternahm in einer ungeheuren, humanen Intervention den Versuch, die Abschaffung des Todes in ein dialektisches Bild zu bannen. So etwa im Schlußteil seines Beckett-Essays und teils auch in seinen „Meditationen zur Metaphysik“. Von jenem heutigen Ausflug zeige ich auf Proteus Image einige Photographien.

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Erinnerung an die Marie A.

1.
An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.

2.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

3.
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei.
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei.

4.
So sag ich dir: ich kann mich nicht erinnern
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst.
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nunmehr: ich küßte es dereinst.

5.
Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke dagewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.

6.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind.
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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6 Antworten zu Buckower Elegien

  1. Hyperion1793 schreibt:

    Die „Meditationen zur Metaphysik“ finden sich in der „Negativen Dialektik“, richtig? Wo aber findet sich der Beckett-Essay??

  2. frauwunder schreibt:

    schoen. so kennt man sie gar nicht…

  3. Bersarin schreibt:

    @Hyperion1793
    Die „Meditationen“ befinden sich in der ND. Ich habe in meinem Blog verschiedentlich über sie geschrieben. Das läßt sich hier in der Suchfunktion finden. Der Beckett-Essay, der einer der wesentlichen Texte Adornos zur Literaturtheorie sowie als Essay zur Philosophie Adornos sich konzipiert, findet sich in den „Noten zur Literatur“. Ich hoffe, daß ich hier im Blog irgendwann einen Text dazu machen kann.

    @Frauwunder
    Diese Reaktion habe ich geahnt, gar befürchtet. Halten Sie mich aber nicht für romantisch oder sehnsüchtig. Ich bin der eiskalte Engel, der den Diskurs der Liebe viviseziert.

  4. che2001 schreibt:

    Wunderbar! Nur echt, wenn es von Ernst Busch gesungen wird.

  5. Partystein schreibt:

    …vielleicht nicht ganz echt, aber für mein Dafürhalten anders großartig in der englischen David Bowie Version:

    (Die Videovisualisierung ist etwas gewöhnungsbedürftig…)

  6. Bersarin schreibt:

    „Jedes Jahr kommt der Frühling
    Ist der Winter vorbei
    Nur der Mensch hat alleinig
    Einen einzigen Mai.“
    Ödon v. Horváth, Kasimir und Karoline

    Es ist immer nur der Augenblick, jene eine Sekunde.
    Danach kommt die Gewöhnung. Oder die Literatur.

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