Warum verreisen?

Oder besser gefragt: Wozu reisen? Das ist eine berechtigte Frage, welche Aleá Torik in einem der Kommentare – wenngleich und womöglich in rhetorischer Absicht – stellte. Den Auftakt mache ich nicht mit einer Antwort, sondern indem ich auf eine Photoserie verweise.

Gesagt, getan, weitergemacht.

Die Antworten auf jene Frage mögen unterschiedlich lauten: Um fort zu sein, sich möglichst weit weg zu befinden, im Sinne der Bildung, als Moment des Ästhetischen, um nicht zu Hause bleiben zu müssen, um Dinge zu erleben, die das Einerlei des Alltags übertünchen, um Neues zu erfahren, denn Erfahrungen sind immer gut und alle berufen sich in solcher Permanenz darauf, daß ich selber dazwischenschreien möchte: Ich will keine Erfahrungen machen, sondern Photos! Zahlreich sind die Antworten, die – meist affirmativ und voller Freude – auf diese Frage nach dem Grund einer Reise gegeben werden. Woher kommt diese Lust am Reisen? Kaum eine oder einer gäbe zu: Ich bleibe eigentlich lieber zu Hause, sei es in Berlin oder sonstwo. Freilich, der großartige, wetternde, schimpfend-bezichtigende Thomas Bernhard könnte uns die einzig mögliche und vernünftige Antwort geben, weshalb es durch und durch und naturgemäß vollkommen unsinnig, stumpfsinnig und auf das widersinnigste gegen die Natur des Menschen ist, sich aus seinem Ohrensessel oder von Ohlsdorf fortzubewegen. Allenfalls Palma de Mallorca ginge, doch als der Betreiber Bernhards Lieblingscafé „Bosch“ am Plaza del Rei Juan Carlos I renovierte, fuhr er nie wieder nach Mallorca und besuchte die Insel Zeit seines Lebens nicht mehr. Eine solche Haltung nenne ich konsequent.

Ist es zu Hause am schönsten? Nein! Im sommerlichen Garten oder auf der Terrasse mit Kind, Kegel und Frau? Nein, ausgenommen, es ließe sich einrichten, daß man von Zeit zu Zeit die fünfzehn Jahre jüngere Geliebte, welche die eigene Sekretärin ist, trifft. (Steckt in dem Wort Sekretärin nicht auch Sekret? Steckt nicht in uns allen Sekret? Oh Gott, nein, ich muß gleich wieder eine Triggerwarnung anbringen.) Und da zitiere ich sogleich und besser die Gedanken Carlas, jener Assistentin der Geschäftsleitung, die jung und Vizemeisterin im Thai-Boxen ist:

„Carla schaltete ihr Handy ab und ging zu Bett. Vielleicht würde sie ihn noch ein wenig hinhalten, ihm die Möglichkeit eines Abschiedsficks dann vage in Aussicht stellen, sie schloß nicht einmal aus, daß es zu diesem Abschiedsfick kommen könnte. Vorher ein grandioses Abendessen im Borchardt, zwei Dutzend Rosen und eine Gehaltserhöhung waren die Mindestleistung, die Thomas dafür aufbieten müßte. Sie war gespannt darauf, wie weit er gehen, wie weit ihn seine Geilheit treiben würde. Die Welt war spannend und ein Spiel. Man muß es zu spielen verstehen. Nach eigenen Regeln. Carla schüttelte nun den Kopf darüber, wie lange sie Spielstein oder gar nur Zuschauerin geblieben war. Die Liebe. Die Liebe war schuld. Aus irgendeinem, längst nicht mehr nachvollziehbaren Grund hatte sie Thomas tatsächlich geliebt. Drei, fast vier Monate lang. Unfaßbar. Von jetzt aus betrachtet.“

So schreibt es Helmut Krausser in seinem Roman „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ – ein gelungener Berlin-Roman, der von der Konstellation seiner Geschichten, die miteinander verknüpft sind, fast in der Weise wie Schnitzlers „Reigen“ aufgebaut ist – allerdings ein Reigen der Beziehungslosigkeit und der Zufälle im Lichte einer Großstadt. Aber ich schweife ab zu den Gründen, weshalb es in Berlin zu bleiben lohnen mag.

Wenn wir verreisen, so müssen wir schnell einsehen, daß die meisten Reisen – falls wir ehrlich zu uns sind – im Grunde eher beschwerlich sich gestalten, und erst in der Rückblende, im Akt des Erzählens oder während des Ausschmückens auf einer Party erhält die Reise ihren Wert, transformiert sich zum geldwerten Vorteil. Wer nach Peking, Tokio, Wellington oder Macao fliegt, der ist zunächst drei Tage erschöpft und muß sich akklimatisieren. Wer im Auto nach Spanien oder Frankreich fährt, der steht mindestens einen halben Tag im Stau – ausgenommen, es gibt mautpflichtige Autobahnen oder man führe im Winter, aber dann käme der Reisende wegen Schneeverwehungen nicht voran. Andererseits und der Vorteil an diesen weit entfernten Orten liegt darin gegründet: der Reisende ist weit, sehr weit fort. Aber er ist nicht entkommen.

Aléa stellt zu recht diese Fragen, schreibt diese Sätze: „Man sucht Intensitäten. Warum verreist du? Auf der Suche nach der Vergangenheit? Die wirst du in Osteuropa nicht finden. Regnen tut’s auch hier, Bilder machen kannst du hier. Ins Hotel gehen ebenfalls, lactoseintoleranzresistente Japaner gibt es sicher ausreichend. Verreist man, weil man etwas sucht, was man sonst nicht sucht? Weil man vergessen oder erinnern will? Weil man die Kamera bewegt werden muss? Das Auge geschult? Weil die Welt nicht ewig auf einen wartet?“

Suchen wir im Reisen Intensität? Wenn ich heute noch einmal die Möglichkeit hätte und gefragt würde, wie Mitte der 80er, ob ich in Israel photographieren wollte (zum Ausbruch der ersten Intifada): Ich sagte sofort ja – eine entsprechende Ausbildung vorausgesetzt, denn niemand geht als Photograph ohne Übung in ein (potentielles) Kriegsgebiet.

Wohin reisen? Den Reisen sind bestimmte Rahmen und Grenzen gesetzt. Ich verreise zum Beispiel nicht in Krisengebiete. Allerdings: In der Ukraine, im Raum um Tschernobyl photographierte ich gerne, in die arabische Wüste zog es mich schon immer, aber ich will nicht als Geisel für religiöse Schwachmaten, für politische Freiheitskämpfer oder für schlichte Geldmacher dienen. Mitte der 80er Jahre hatte ein Freund die Idee, mit einem Jeep bzw. einem umgebauten Unimog durch die Sahara zu fahren. Es hat sich zerschlagen. Manche Dinge im Leben lassen sich nicht mehr nachholen. Im Jahre 2012 mit einem Jeep durch die Sahara zu kreuzen, regt nur noch insofern an, weil sich mittels solcher Trips der Unterhaltung liefernde Mehrwert bei einer Party einstellt. Die blonde Frau sagt dann mit aufgerissen Augen und vor Spannung erstarrt mit ihrer glockenhellen sprechgeschulten Stimme fast gehaucht: „Neeeiiiin!!!“ Wirft ihr sommerlanges Haar zurück, fährt mit der Hand dadurch, und ich weiß dann, daß es Zeit ist eine Flasche Bier zu holen, weil ich sonst der Gefangene einer anderen würde. Auf Partys nur Bier trinken! Ausgenommen es handelt sich um den Wein, welchen man selber mitbrachte.

Und auch die Reisen ähneln sich im Zeitalter der universalen Angleichung. Es wird kulturelles Kapital gesammelt – egal was das Ziel ist. Selbst die Lüneburger Heide.

Die versäumten Reisen sind freilich die besten Reisen, denn daraus entsteht der wunderbare Zustand der Melancholie, in dem der Reisende auf das reflektiert, was niemals mehr sein wird. Oder aber er betreibt die schönste Form des Reisens: das armchair travelling. Das kann man zum Beispiel in Judith Schalanskys wunderbarem Buch „Atlas der abgelegenen Inseln. Fünfzig Insel, auf denen ich nie war und niemals sein werde“. Es ist die reine Phantasie, mit dem Finger auf der Landkarte und im Ozean, gepaart mit dem Bild, das einer sich macht. Inseln sind abgelegene Ort. Keiner kommt so leicht davon. Vor zwei oder drei Jahren hörte ich im Deutschlandradio eine Besprechung zu einem Buch, das von der Reise in die Innenwelten sowie ihrer geschichtlichen Entwicklung vom 19. ins 20. Jahrhundert handelt, ich habe mir leider den Autor nicht aufschreiben und merken können. Weiterhin ging es darum, daß einer in seinem Sessel sitzend innerhalb seines eigenen Zimmers eine Reise unternimmt. Vom Kaminsims über den Tisch ins Bücherregal hinein und weiter und weiter in die Innenwelten des Raumes. Die Hoffnung, auf dieses Buch durch eine Kommentatorin oder einen Kommentator verwiesen zu werden, scheinen mir jedoch sehr gering.

Zu bedenken bleibt weiterhin, daß das Phänomen des Reisens eines ist, welches sich – zumindest was die breitere Basis des Reisens angeht – mit der Moderne verbindet. Dabei möchte ich auf zwei Bücher hinweisen: zum einen Attilio Brilli: Als Reisen eine Kunst war. Vom Beginn des modernen Tourismus: die Grand Tour. Und weiterhin: Joseph Imorde/Erik Wegerhoff (Hg.): Dreckige Laken. Die Kehrseite der Grand Tour.

Im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit reiste kaum einer zum Vergnügen, zur Bildung oder um eines ästhetischen Erlebnisses willen, und so unwirtliche Räume wie die Nordsee(küste) oder die Alpen waren Barrieren bzw. Erscheinungen der Natur, die es hinzunehmen oder unter größten Schwierigkeiten zu überwinden galt, wenn einer von München nach Florenz oder von Bremen nach London wollte. Freilich gibt es Ausnahmen: Der erste Bergsteiger war Francesco Petrarca (1304-1374), er bestieg aus freien Stücken und ohne Zwang den Mont Ventoux in der Provence. Die uns umgebende raue und als bedrohlich empfundene Natur gerät in den Blick des Humanismus, zivilisiert sich, fällt als Naturschönes in den Raum ästhetischer Erfahrung. Lieblich-verspielt als auch wild und schroff, von Feuchtigkeit und Flüssen durchzogen. Lauras Venushügel und der Mont Ventoux. Was kann einer mehr vom Leben wollen?

Reisen sind Flucht. Und ganz verzichten mag auf diese Fluchten keiner. Mir dienen sie dazu, Photographien zu fertigen, und ich möchte nur mit Menschen reisen, die entweder selber photographieren oder den Blick der Illustratorin und Zeichnerin besitzen, die mithin eine Welt visualisieren oder die mich ansonsten in meinem Exzeß digitaler Bilderströme gewähren lassen. Einzig pretty Laura, die in Wahrheit anders heißt, stimmte mich da um. Mit der würde ich sogar in der Wüste liegen wollen, kalt-nachts, Weihnachten und den Blick in die Sterne gerichtet.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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20 Antworten zu Warum verreisen?

  1. frauwunder schreibt:

    liest sich verdammt gut zum cafe au lait unter suedlicher sonne und ja manch erlebnis wird erst im nachgang zum abenteuer.

  2. Bersarin schreibt:

    Schreiben Sie nichts, schreiben Sie nicht, wo sie sind: Sie befinden sich im Land meiner Sehnsucht!

    Ja, manches Geschehen kommt nur im Nachtrag, in der Reflexion zum Erlebnis, zum Abenteuer und andere erweisen sich hinterher als schal. Wir sind Maschinen, die wild sind auf die Augenblicke, die wir verzehren und auskosten möchten.

  3. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Bersarin,

    mit den Erfahrungen ist das so eine Sache. Es wird immer behauptet, man müsse sie machen, aber mit den allermeisten Erfahrungen kann man wenig anfangen. Und die, die man dringend machen müsste, die macht man nicht, weil entweder das Leben einen nicht lässt oder weil man dem Ereignis nicht das abgewinnen kann, was man eine Erfahrung nennt. Es bleibt nur ein Ereignis.

    Konsequent ist Bernhards Haltung schon, naturgemäß, Aber auch dämlich. Konsequenz ist manchmal nicht schlecht, manchmal dämlich und in der Bernhardschen Fassung mir lieber als Krausser, in welcher Fassung auch immer.

    Habe ich das geschrieben?: „Weil man die Kamera bewegt werden muss?“ Könntest du das bitte korrigieren? Nein, lass es wie es ist. Es ist gut so. Es entspricht nicht der Grammatik, aber das macht nichts. Es entspricht dem Gemeinten, das ja einer eigenen Grammatik gehorcht.

    „Reisen? Existieren ist reisen genug. Ich fahre von Tag zu Tag wie von Bahnhof zu Bahnhof im Eisenbahnzug meines Körpers oder meines Schicksals und beuge mich über die Straßen und die Plätze, über die Gebärden und die immer gleichen und immer verschiedenen Gesichter, wie eben Landschaften sind.
    Wenn ich mich meiner Phantasie überlasse, sehe ich. Was tue ich anderes, wenn ich reise? Nur äußerste Schwäche der Einbildungskraft rechtfertigt, daß man den Ort wechseln muss, um zu fühlen.
    [ … ]
    Das Leben ist das, was wir aus ihm machen. Die Reisen sind die Reisenden. Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.“
    Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe, Fragment 387

    Aléa

  4. Bersarin schreibt:

    Ja, Pessoa: Schwermut und Wahrheit, aber es ist mir zugleich darin zu viel der Innerlichkeit. Ja, existieren kann bereits eine sehr weite Reise bedeuten. Aber am Ende ist es immer das Verhältnis von Innen und Außen, die Vermittlung und die Durchdringung: Es ist nichts im Inneren, was nicht durch ein Außen, durch Gesellschaft, Vermittlungen und DIskurse bestimmt ist und zugleich ist ein reines Außen ohne den Aspekt des Subjekts und die Kraft vom Subjekt oder dem, was von ihm noch übrig blieb, eine leere Hülle.

  5. Pingback: Aleatorik » Keine eckige, sondern eine runde Vermittlungsleistung

  6. Willy56 schreibt:

    Was war denn dann zuerst da, das Innen oder das Außen?

  7. David schreibt:

    Viel interessanter: Was war zuerst da, der Raum oder die Zeit?

  8. Bersarin schreibt:

    Zuerst war die verdichtete und auf ein Punctum reduzierte Zeit. Wir nannten diese Epoche die des Phasenüberschwangs. Hernach kam das andere. Und wir kauften uns unseren ersten Audi. Mit Kofferraum.

  9. willy56 schreibt:

    „Viel interessanter: Was war zuerst da, der Raum oder die Zeit?“

    Soll wohl heißen: beides war zugleich da, wir wissen ja auch schon lange, dass es (angeblich) kein Objekt ohne Subjekt gibt. Der Vergleich trift aber nicht, da es zwischen Raum und Zeit keinen Bedingungszusammenhang gibt; zwischen beiden besteht weder Vermittlung noch Durchdringung oder ein Verhältnis von innen und außen.

    Für mich stellt sich die Frage also weiter.

  10. Bersarin schreibt:

    Willy56, ich bin gerade sprachlos und sitze mit offenem Mund da. Sollten diesen Äußerungen ein Witz oder Satire sein?

    Ich bin kein (Astro-)Physiker aber ich will doch meinen, daß beide Begriffe aufeinander bezogen sind. Allerdings sollte man sich vorher verständigen, über welche Art von Raum man spricht und welche Art von Zeit gemeint ist.

    Gleiches gilt auch für Innen und Außen: Immer erst nach dem Referenzrahmen fragen: Auf was beziehen sich diese Begriffe?

  11. David schreibt:

    Es lernt doch heute jeder in der Grundschule, daß der Raum zwei Lichtjahre vor der Zeit entstanden ist und sich beide erst nach zwei Äonen zum ersten Mal trafen, um gemeinschaftlich eine Uhr zu knallen.

  12. willy56 schreibt:

    Oh ja, in Einsteins Relativitätstheorie, aber nicht in der Alltagssprache in der hier diskutiert wird, und vor allem nicht im Rahmen des banalen Einwurfes von David oben.

    „Es ist nichts im Inneren, was nicht durch ein Außen, durch Gesellschaft, Vermittlungen und Diskurse bestimmt ist und zugleich ist ein reines Außen ohne den Aspekt des Subjekts und die Kraft vom Subjekt oder dem, was von ihm noch übrig blieb, eine leere Hülle.“

    Ja wenn das Außen ohne das Subjekt „eine leere Hülle“ ist, dann stellt sich durchaus die Frage, welchen Stellenwert das Subjekt einnimmt? Zumindest ist mir nicht klar, wie man im rahmen dieser Argumentation die Existenz des Subjekts erklärt (wenn es sich denn nicht selbst geschaffen (bzw. „gesetzt“) hat.

    Das ist eben der Jargon der idealistischen Philosophie. Ich für mein Teil kenne nur eine Erklärung für die Existenz von Subjekten, nämlich die Evolutionstheorie, die erklärt, wie Leben aus unbelebter Materie entstehen kann, was natürlich bedeutet, dass das Außen das Innen konstituiert und letzteres keineswegs eine Leere Hülle ist.

    Die traditionelle Überschätzung des Subjektiven ist auch in heutiger Philosophie keineswegs mehr unumstritten, s. etwa hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Erweiterter_Geist

  13. willy56 schreibt:

    Soryy, meine natürlich „dass das Außen das Innen konstituiert und ersteres keineswegs eine Leere Hülle ist.“

  14. David schreibt:

    Die traditionelle Überschätzung des Subjektiven ist auch in heutiger Philosophie keineswegs mehr unumstritten

    Jau.

  15. Bersarin schreibt:

    Zum einen: es geht nicht um die Hybris des Subjekts. Diese wird man übrigens bei Hegel kaum finden, denn dessen Philosophie ist, ganz im Gegenteil, eine Kritik unreflektierter und sich unmittelbar und unvermittelt dünkender Subjektivität. Insofern geht Hegel weit über Fichte hinaus.

    Was die Evolutionstheorie betrifft: Du verwechselst Subjekt und das biologische Wesen Mensch. Der Mensch entstand in einem evolutionären Prozeß, und er ist ein Teil der Natur, und zwar der einzige Teil, der über diese Natur herausragt. Und so konnte Sophokles im Chor der Antigone dichten: „Ungeheuer ist viel und nichts ungeheurer als der Mensch“.

    Daß die Philosophie des 20 Jhds einen anderen Begriff vom Subjekt hat als der Idealismus eines Fichte bestreitet kein Mensch. Zum Subjektbegriff samt seinen vielfältigen Verschränkungen und seinen unterschiedlichen Konzeptionen läßt sich etwas Sinnvolles allerdings nicht in zwei Sätzen schreiben. Bei Derrida, Foucault, Luhmann, Adorno, Benjamin, Lacan oder Heidegger (mithin den Feldern, auf denen ich mich bewege) fällt die Kritik an diesem Begriff doch sehr unterschiedlich aus. Von den Positionen der Sprachphilosophie einmal ganz zu schweigen.

  16. ziggev schreibt:

    willy, diesmal stimme ich dir unumwunden zu: du suchst im Diesseits das Nicht-Jenseits, aber bitte nicht vergessen, du bist beriets da!

  17. Uwe schreibt:

    lieber bersarin,
    ich bin durch zufall über aleatoriks blog, den ich auch nur sporadisch besuche, hier gelandet und habe diesen schönen artikel übers reisen gelesen und geriet bei dem absatz ins nachdenken, als du von einem dir unbekannten autor berichtest, der eine reise durch sein zimmer unternommen hat. nun, ich kenne ein buch, was vielleicht hier gemeint sein könnte:
    xavier de maistre, reise um mein zimmer (1790). es wäre schön, wenn deine schwache hoffnung, autor und werk genannt zu bekommen, hiermit in erfüllung gegangen wäre. dies nur als kleiner nachtrag. viel spaß beim zimmer-reisen. grüße, uwe.

  18. Bersarin schreibt:

    Recht vielen Dank. Ja, um dieses Buch ging es, aber zugleich war es eine Besprechung über ein Buch, das sich mit dieser Art des Reisens sowie den Innenräumen und -welten vom 18. bis ins 20 Jhd. auseinandersetzt.

    Dennoch: ich hätte nicht geglaubt, auf diese Frage jemals eine Antwort zu erhalten.

  19. Bersarin schreibt:

    Mir gefallen übrigens Deine Photographien so gut, daß ich Deinen Blog in meine Blogroll aufnehme. Ich habe zwar nur kursorisch und zugegeben oberflächlich gesichtet, aber was ich sah, hat Substanz.

    Auch scheint es so, als käme es meiner Theorie samt der Praktik des Flanierens nach.

    (Na ja, es ist nicht meine Theorie, sondern setzt sich aus Benjamin und Baudelaire zusammen, die unter dem Blick Kierkegaards schlendern.)

  20. Uwe schreibt:

    lieber bersarin,
    schön, dass es ein treffer war. es ist übrigens ein sehr geistreiches und unterhaltsames buch. unbedingt lesenswert.
    es freut mich, dass dir meine fotos gefallen. ich bin amateur, fotografiere noch nicht lange, gehe aber viel spazieren, flaniere in dem von dir genannten geist eines benjamin oder baudelaire umher, auch ein wenig hessel und genazino sind dabei und viele, viele fotografische vorgänger, von brassai bis saul leiter.
    ich verstehe das spazieren als ein sichtreibenlassen, bei dem sich dem motorischen auch ein gedankliches und augen-sinnliches unterwegssein beigesellt. ich nenne das „aufmerksame zertreutheit“, was etwas paradoxes vereint: loslassen und zugreifen – eine geistige warteschleife, in dem das spazieren mir jene zufälle liefert, in denen meine deutende fantasie tätig wird. soviel dazu.
    danke auch für die aufnahme in deine blogroll.

    liebe grüße und bis bald, wo und auf welchem blog auch immer,
    uwe.

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