Die gut geölte Politmaschine

 Eine Art vorauseilende Kritik

Am 16.4.2009 gab es einen Beitrag auf „Kulturzeit“ (3sat) über die Inszenierung von Elfriede Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns. Eine Wirtschaftskomödie“ am „Schauspiel Köln“. (Ich hoffe, der Titel ist nicht auch noch eine dämliche Peter Greenaway-Anspielung.) Vielleicht ist diese Kritik ungerecht, weil ich nur Ausschnitte gesehen habe, und am Ende, im ganzen gesehen, entpuppt sich „Die Kontrakte des Kaufmanns“ als vorzüglich. Allein, ich vermag es nicht zu glauben. Denn das, was gezeigt wurde, ist ästhetisch absolut mißlungen. Es ist eine Theaterzumutung, und es ist dies billigstes und vor allem banales Polittheater. Doppelung dessen, was sowieso schon der Fall ist. Abkupfern der Realität. Da hilft es dann auch nicht mehr, Elemente der griechischen Tragödie oder des antiken Chors einzubauen. Monologe von erschreckender Simplizität werden geboten, ein kindisches Bühnenbild und Kostüme als Klischee.

Jelinek hat sich einmal wieder ein politisches Thema ausgesucht, die Entrüstungs- und Kritikmaschine einer linken Schickeria, die bequem am Wohlstands-Chianti süffelt, läuft gut geölt weiter: Mal ist es Abu Ghraib, mal der Haider, nun die (mittlerweile globale) Krise. Ohne Anstrengung am ästhetischen Material wird drauflosmontiert und ein Theatertext zusammengebastelt. Ein wenig Volkes Stimme, ein wenig Banker-Geschwätz, bestimmte Typen und Figuren, die das kapitalistische Ensemble und damit unsere Gesellschaft abbilden sollen. Dies ist sehr dürftig und (im schlechten Sinne) postmodernes Herumgespiele. (Es gibt auch ein gutes postmodernes Spiel.) Das schlimmste aber: es wird ein komplexes Geschehen trivialisiert und in einen erschütternd banalen Text gegossen. Da nützt es dann auch nichts, wenn das Textgeschehen sich zu einer dreieinhalbstündigen Wortkaskade verdichtet, die Rhythmik und Struktur besitzt und somit ein (ästhetisches) Eigenleben führen mag. Aufschlußreich ein Satz, den der Regisseur des Stückes sagte: daß Jelinke innerhalb von drei Tagen einen weiteren Text für diese Aufführung geschrieben hat.

Ob man ihn nun mag oder nicht, aber mit einem Satz hat Marcel Reich-Ranicki recht: Solch einen Text würde kein Verlag veröffentlichen, lieferte ihn eine unbekannte Jungdramatikerin ab. ( Reich-Ranicki gebraucht eine ähnliche Formulierung einmal bezüglich eines neuen Buches von Peter Handke.)

Man kann zu all dem nur soviel sagen:

a) Es sehen diese 3 ½ Stunden ohne Pause sowieso nur diejenigen, die es eh schon wissen. Die ganze Situation hat insofern etwas Inzestuöses, und auch die Selbstreferenzialität macht es nicht besser: daß der Regisseur sich selber in den Kreislauf einbezieht. Das ist auch, ins Allgemeine gesprochen, ein entscheidender Punkt gegen Polit-Theater und politische Botschaften im ästhetischen Text: Es wartet hier nichts Neues, keine neuen Aspekte und Blicke werden eröffnet, nicht einmal das Moment ironischer Gebrochenheit, das etwas Verstörendes auch für diejenigen hat, die es bereits wissen und die kennerhaft nicken. Lediglich das politisch Korrekte feiert im Polit-Theater seinen Triumph, die vorgestanzte Botschaft. Selbstbeweihräucherung und kollektives Sich-wieder-erkennen, so wie man auf der Demonstration dann „Hoch die internationale Solidarität“ oder ähnliches ruft, um in den kollektiven Rausch zu fallen, der sich noch steigert, wenn inmitten der Hoch-Rufe aus den Mannschaftswagen ausgescheuchte Polizisten anfangen, die ersten Polizeiketten und Schilderreihen zu bilden.

Diese Ausführungen sind kein Plädoyer gegen das Polit-Theater generell, sondern gegen eine bestimmte Form des politischen Theaters, der es nur auf Identität und Identifikation ankommt. Dieses Stück bzw. dieser Text samt der Inszenierung gehört dazu. „Die Kontrakte des Kaufmanns“ sind ein Schnellschuß. Mehr nicht. Sie illustrieren den Kapitalismus nicht, geschweige, daß sie ihn analysieren, sie werden seiner Komplexität nicht gerecht. Womit wir bei Punkt b) wären:

b) Es sollten Subventionen (also staatliche Gelder für Kultur) nicht in Projekte fließen, wo Menschen lediglich ihre persönlichen Befindlichkeiten und Ansichten dar- und ausstellen, ohne daß ein ästhetischer Überschuß produziert wird. (Es werden nebenbei gesagt viel zu viele große Theater subventioniert.) Damit sind wir (über diese Inszenierung hinausgehend) auch bei dem ganz allgemeinen Problem der Kultursubvention: all die Zuwendungen und die inflationären (Geld-)Preise, insbesondere in der Literaturszene. Keine Stadt, die nicht einen Literaturpreis anbietet. Das ist Unfug und macht nur bequem: Dichter und Denker, Künstler: ihr sollt schwitzen und arbeiten und nicht nach Preisen schielen. Verdient euer Geld mit euren Büchern, Bildern, Filmen oder Inszenierungen, und wenn das nicht funktioniert, dann geht einer weiteren Tätigkeiten nach, um an Geld zu kommen. (Zudem herrscht auch hier bei solchen Preisvergaben und Subventionen ein ungesunder Inzest und Nepotismus vor. Dies ist das allerschlimmste!) Kunst wird durch Subventionen nur fett und faul, aber nicht besser. Es bleibt meist (gefällige) Staatskunst übrig.

c) Ich denke, dieses Thema des Kapitalismus und diese (sehr komplexe) Krise ist zu ernst, um sie ästhetisch unterkomplex zu verbraten. Wollte man eine ästhetische Auseinandersetzung auf der Bühne, im Text eines Stückes, so gehört dazu ein wenig mehr als das Zusammenmontieren von Vorgefundenem und (Sprach-)Klischees. Zum Ende hin darf dann auch ein kleines Familienmassaker mit den obligaten Videoprojektionen nicht fehlen. Das reicht jedoch nicht aus, und es ist nicht anders als in bestimmten (quantitativen) soziologischen Untersuchungen, die uns sagen, daß 41 % der Bevölkerung dieses oder jenes meinen, nämlich die schlichte Verdoppelung der Realität, ohne daß sich durch solches Verfahren irgendein Erkenntnisgewinn einstellte.

d) Liebe Frau Jelinek, auch wenn Sie das hier nicht lesen und somit nicht beherzigen können: Ein Kritikpunkt noch in eine ganz andere Richtung: Älter werdende Menschen sollten keine Adidas-Jacken mehr tragen. Junge Menschen wollen nicht, daß ihre Eltern oder Großeltern in denselben Sachen herumlaufen wie sie selber. Junge Menschen wollen sich von den Erwachsenen (protestierend) absetzen. Junge Menschen wollen auch nicht ihre Eltern, Lehrer, Ausbilder oder Professoren in denselben Clubs, Bars und Diskotheken sehen. Wenn ihr also nicht wollt, daß junge Menschen irgendwann in Thor Steinar- oder Consdaple-Klamotten herumrennen: dann tragt bitte, bitte, keine Adidas-Jacken mehr in eurem Alter. Ich habe mir damals einen Reichsadler des Reichsarbeitsdienstes (oder ähnliches) als Badge an das schludrige Jacket geheftet, weil ich mir gegen meine linken Lehrer nicht anders mehr zu helfen wußte. Soweit muß es doch wirklich nicht kommen.

Diesen Sonntag erscheint ausnahmsweise kein Text. Nächste Woche gibt es den dritten und letzten Teil der Besprechung von Harald Welzers „Klimakriege“. Zudem folgt eine Besprechung von Clemens Meyers „Die Nacht, die Lichter“.

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