Peter Handke und die kargen Lemuren: Jagoda Marinić, Saša Stanišić, Sophie Paßmann samt Stokowski

Eine Polemik

Eigentlich wollte ich die Sache mit Peter Handke ruhen lassen. Es ist ein verdienter Literaturnobelpreis. Er geht an einen Autor, der schreiben kann und der Gespür für Sprache hat. Eine gute Wahl also. Ein Autor, dem am Detail eine Welt aufgeht und der diese Welt in einer Jukebox sichten oder einfach in die Müdigkeit oder einen simplen Nachmittag hineinpacken kann. Wir haben Peter Handke viel zu verdanken.

Seine Texte zu Serbien und Jugoslawien freilich haben die wenigsten gelesen. Aber es hat sich inzwischen in der Lektüre ein Reiz-Reaktions-Schema ausgebildet, und das Gerücht über einen Text ersetzt den Text selbst: „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ wird nicht gelesen, sondern es wird gemutmaßt, was darin stehen könnte, die Mutmaßung entspricht dann im Sinne der Referenzrahmenbestätigung und des Rezeptionskonstrukts, das man flugs verbreitet, einem vermeintlichen Text, der vage im Kopf schwirrt, oder man kolportiert einfach das weiter, was mancher vom Feuilleton als Interpretationskonstrukt und dann als Parole ausgibt. Es hat sich im Blick auf Handkes Texten zu Serbien ein Erregungsfuror gebildet und eine Lesart verselbständigt, ohne daß da einer in die Texte ginge oder gar ein einziges beleg- und belastbares Handke-Zitat gebracht hätte. Rezeptionskonstrukte statt Texte, die man selbst gelesen hat. Infos aus zweiter Hand, die in der Sache Handke kolportiert und so  unbesehen, ungeprüft und ohne jegliche Differenzierung immer weiter gereicht werden.

Eine Hermeneutik des Verdachts und des heimlichen Geflüsters macht sich breit, setzt sich durch: man kennt das von Schulhöfen und vom Tratsch im Treppenhaus. Das geht soweit, daß eine Mädchenautorin wie Margarete Stokowski sich nicht entblödet, in ihrer Spiegel-Kolumne sogar noch Dubios-Privates auszubreiten. Vielleicht sollte jemand einmal und demnächst die privaten und öffentlichen Entgleisungen von Stokowski sammeln und diese dann zum Maßstab dafür machen, daß sie nicht mehr beim „Spiegel“ schreiben dürfe. Samt Protestpetition und „Gegen den Haß“-Parolen ehrlich-deutscher Empörungskultur, wenn man etwa ihre Gewaltverherrlichung nimmt oder Aufrufe zum Gesetzesbruch.

Ich wollte weniger böse schreiben, wollte Belangloses wie den Rant von einer mittelmäßigen Autorin wie Jagoda Marinić oder eine böse und unterstellende Buchpreisrede wie die von Saša Stanišić hintenanstellen. All das wertet am Ende das Schlechte und Häßliche auf, und in diesem Schäbigen und im dummen Haß der Lemuren geht am Ende die Schönheit einer Prosa verloren. Dann aber kommen mir die Twitter-Tweets von Jagoda Marinić in die Quere sowie die der humorbefreiten Speckzone Paßmann: „Eine talentfreie Dickmadame, fuhr mal mit der Eisenbahn, Eisenbahn, die krachte, Publikum lachte, steckt sie in das Kellerloch, weil Paßmann so nach Käse roch.“ Dazu das im typischen Strohwkoski-Laber-Stil gehaltenes Spiegel-Geschreibe und irgendwann läuft das Faß über:

Der Bernd Höcke des Literaturbetriebs bricht Interview ab.
#Handke #Nobelpreis #fbm19 #nieWieder

Manchen Autoren ist jeglicher Kompaß abhanden gekommen. In Jagoda Marinić‘ Dalmatien-Grill brutzelt es auf Stichflamme. Wenn man freilich die Prosa Marinićʼ neben die von Handke setzt, fällt das Urteil leicht – sowas kriegt keinen Preis. Und ebenfalls ist da journalistisch einiges im Keller, was einem Leser, einer Leserin bei der Lektüre ihres taz-Textes zu Handke aufgehen kann. Man kann diese Form des Schreibens mit einem Satz zusammenfassen: Jagoda Marinić hat nicht eine Zeile von Peter Handke gelesen.

Und der ansonsten nicht unbegabte Saša Stanišić ebenfalls nicht. Ein Entkommener zu sein, wie er es in seiner Buchpreisrede darstellt, rechtfertigt nicht, Behauptungen und Unterstellungen öffentlich in die Welt zu setzen und billige Gerüchte weiter zu befeuern. Man kann sich Stanišićʼ Reaktion allenfalls, wie es eine Facebookfreundin schrieb, mit seiner direkten Betroffenheit erklären – er ist immerhin als Kind und Flüchtling Opfer dieses Krieges und da mag eine Menge Wut den Blick trüben. Aber ich frage mich dennoch: Auf welche Referenz berufen sich diese beiden Autoren? Sollten sie als Schriftsteller nicht eigentlich damit betraut sein, Texte zunächst mal möglichst exakt lesen zu können? Warum geschieht das nicht? Warum projiziert man auf Handke? Und weil es sich hier also um Sprachprofis handelt, gelten hier für mich im Gegenteil verschärfte Umstände.

Wie würden Stanišić reagieren, wenn man seinen „Vor dem Fest“-Roman plötzlich in der Öffentlichkeit als völkische Idylle reichsbürgerhafter Siedler denunzierte und ihn als Propagandisten dieser Bewegung dekonstruierte, indem man ihm unterstellt, daß er ein deutsch-völkisches Dorfgemeinschaftsleben idealisierte? Sogar mit deutschem Fuchs und Wald- und Seeheimeligkeiten.

Für Stanišić tut es mir Leid, daß er sich derart in die Irre begab. Ich finde es schade für ihn. Jagoda Marinićʼ Ausfälle hingegen sind nicht mehr im Bereich des noch irgendwie Tolerablen.

Bei Paßmann immerhin kann man mutmaßen, daß es das ansonsten sich ebenfalls nicht groß variierende und übliche talentfreie Twitter- und Zeit-Magazin-Geschreibe ist. Herumwitzeln als Beliebigkeit, ein wenig dicketun und auf fette Vulva machen, Beliebigkeit zeigt sich als Witzelei, denn Witzischkeit kennt keine Grenzen. No border, no nation. Ebenso wie bei der Kuchenbloggerin Katja Berlin, die lieber die Rückseite von Shampoo-Flaschen liest. Soll sie, solange es die Augen beim Kleingedruckten zulassen, wenigstens ist da die Gefahr von Fehllektüren für Kuchen-Katja gering.

Schlimmer und hartnäckiger leider Jagoda Marinić: Schlicht und bösartig sind ihre Befunde. Und dies ist ebenso bei einer bestimmten Blase von Twitter-Literaturleuten der Fall: eine ostentativ zur Schau gestellte Lese-Dumpfheit und vor allem eine Haltung des Verweigerns gegenüber der Prosa Handkes treffen wir an. Bei solchen, zu dessen Beruf das Lesen eigentlich gehören sollte. Auch hier nimmt man nicht den Text als Maß, sondern liebgewonnene Gewohnheit. Belege oder irgendwelche Zitate, die Behauptungen untermauern könnten: Nichts. Ein Twitterer wie „leonceundlena“ witzelt im Blödelmodus mephitischen Auswurf, nahe an Fips Asmussen – wobei der wenigstens noch den Witz des Kleinbürgers gut pflegt. Die Frechheit dieses Internet-Charakters liegt hier bereits darin, den Namen Georg Büchners perfide zu mißbrauchen und Banales in der Dauerschleife als Flachwitzes zu prusten, der sich intellektuell gibt: daß dauerhafte Ironie zur stumpfen Waffe wird, kommt ihm nicht in den Sinn. Von Büchner hat dieser Mensch wenig begriffen. Aber es reicht heute, sich einen Namen aufs Revers zu pappen. Ein paar dumme Reime und ansonsten Mist aus Halbbildung. Daß Halbbildung nicht die Hälfte von Bildung, sondern deren Gegenteil ist, muß man diesem .leonceundlena und anderen von diesem Kaliber noch einmal gesondert stecken.

Statt einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit Handkes Texten, insbesondere denen zu Jugoslawien: auf all diesen Kanälen Ressentiments und ins Bösartige gehende Unterstellungen. Da setzt man dann einen fragenden, tastenden, denkenden, differenzierenden Handke mit Björn Höcke gleich. Ich frage mich, ob das dieselben Leute sind, die ansonsten sich nicht entblöden, ihre wohlfeilen Statements „Gegen den Haß“ abzugeben. Peter Handke immerhin hat dieses Land selbst bereist und sich ein Bild von den Menschen dort, den Schwierigkeiten und der Lage gemacht. Kriegsverbrechen und Massaker hat er niemals in irgendeinem Text beschönigt.

Ich frage mich bei jenen Handke-Denunzianten, ob das dieselben Leute sind, die ansonsten gerne „Deutschland scheiße!“ rufen und gegen Nationalismus protestieren und dabei nicht einmal merken, daß es neben dem Serbischen eben auch einen kroatischen, einen slowenischen, einen kosovarischen und einen bosnischen Nationalismus gab und daß es einem Autor wie Handke immer darum ging, diesen Nationalismus zu kritisieren – etwa in seinem Artikel zur Republik Slowenien.

Solche wie Marinić und auch andere aus dubiosen und intellektuell zweifelhaften Literaturwissenschaftler-Bubbles sind die ersten, die prinzipiell gegen Nationalismus wettern. Und begreifen weder Handkes noch Wolfgang Pohrts Argument, der seinerzeit ebenfalls in zahlreichen Texten gegen eine einseitige Sicht auf diesen Jugoslawien-Konflikt schrieb. Was damals im Milieu der politischen Journalisten bei Jugoslawien forciert wurde, nämlich das Auseinanderfallen eines Staates, wird seltsamerweise bei der Ukraine oder bei Spanien und Katalonien oder den Basken massiv unterbunden. Von den Kurden ganz zu schweigen, für die sich ein Genscher niemals einsetzte. Gunther Nickel schrieb auf Facebook:

„Offenbar muß man tatsächlich daran erinnern, daß Handke zu Beginn der 1990er Jahre sich für den Erhalt des Vielvölkerstaats Jugoslawien ausgesprochen und damit eine dezidiert antinationalistische Position eingenommen hat. Deutschland hingegen unterstützte vorbehaltslos den Unabhängigkeitswillen der jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien und Kroatien und damit die Zerschlagung eines Vielvölkerstaats zugunsten ethnisch homogener (bzw. zu homogenisierender) Kleinstaaten.

Vor den blutigen Folgen einer solchen Politik hat damals nicht nur Peter Handke gewarnt, sondern nachlesenswert auch Wolfgang Pohrt in seinem Essay „Serbienfeldzug“ (www.magazinredaktion.tk/docs/entscheidung.pdf), in dem er überdies auf Parallelen der bundesrepublikanischen Balkanpolitik unter Hans-Dietrich Genscher mit der des „Dritten Reichs“ hinwies.

Man mag es für falsch oder auch naiv halten, an einem jugoslawischen Vielvölkerstaat festhalten zu wollen, nachdem eine Ethnisierung der Konflikte bereits begonnen hatte. Was aber an einer Kritik an der Zerschlagung Jugoslawiens wie sie Pohrt und Handke gleichermaßen, wenn auch auf unterschiedliche Weise, geübt haben, Positionen des rechtsradikalen Flügels der AfD entsprechen soll, weiß noch nicht einmal der Geier, sondern offenbar nur Jagoda Marinić.“

Ein Stück aus dem Tollhaus, fürwahr, und es zeigt dies leider auf welchem Niveau momentan von Literaten getapst wird. Wobei ich bei Jagoda Marinić nichts anderes erwartet habe. Ihr Auftritt kürzlich bei Kulturzeit und auch in anderen Kontexten reicht mir aus, um zu sehen. Und ihre Texte sprechen für sich: Bei Stokowski und Marinić kann man es frei nach Karl Kraus machen: wir wenden die schärfste Waffe gegen sie selbst an, die es gib – wir zitiert sie aus SpOn:

„Würden Leute, die da auf einer strikten Trennung von Werk und Künstler bestehen, sich auch ein Landschaftsgemälde von Hitler an die Wand hängen, wenn es ein richtig gutes Bild wäre? Und wenn nicht: Nur aus Angst vor Ächtung – oder doch aus einer inneren Überzeugung, dass die eigenen ästhetischen Bedürfnisse nicht in jedem Fall der einzig gültige Maßstab für die Bewertung von Kunst sein können?“

„Perfide Mülltrennung“ heißt die Kolumne, man sollte allerdings bei Stokowski auch auf die exakte Trennung von  Sprachmüll achtgeben, der in den „Spiegel“ gekübelt wird. Daß bei einer Sicht auf Handkes Prosa nicht die „eigenen ästhetischen Bedürfnisse“ eine Rolle spielen, kommt Stokowski nicht in den Sinn. Aber wer seinen eigenen Geschmack in popkultureller Distinktion oder in der Minderleseleistung zum Maß der Sache aufsteigert, von dem mag ich nichts anderes erwarten, als daß man ein Werk einzig nach dem je eigenen Horizont bemißt und eben: einzig bemessen kann.

Unter Hitler macht es Stokwoski ebensowenig. Der Unterschied zwischen einem Kunstgewerbemaler mit Kriegstick und später dann mit Massenmord, mit Menschenmord, mit Judenmord, mit Shoah, mit Weltkrieg samt 60 Millionen Toten und der Prosa Handkes scheint dem Mädchen nicht ganz aufzugehen. In anderen Kontexten wäre solche Analogie für Stokowski Hatespeech und es kämen in Spiegelkolumnen gekreischte Boykott-Aufrufe.

Böse Zungen behaupten allerdings, Margarete Stokowski sei die Rache Polens für Hitler.

Daß übrigens der Besuch einer Trauerfeier nichts über die Haltung zum Verstorbenen aussagt, muß man Stokowski nochmal extra erklären. Daß eine einzelne Situation im Leben Handkes, sofern sie denn wahr ist, auf ein ganzes Leben ausgedehnt und zu einer zeitlosen Schuld aufgeworfen wird und daß nun im Büßermodus eine unendliche Schuld herauskonstruiert wird, ist eine Haltung, die ziemlich seltsam für jemanden anmutet, der sich ansonsten angeblich auf humane Werte beruft und dabei selbst in einer ihrer Kolumnen ansonsten kein Problem hat, Gewalttäter und Gesetzesbruch das Wort zu reden. Zumal Handke über diese Beziehungs-Sache offen sprach. Öffentlichen Tribunalen, wie sie von Stokowski veranstaltet werden, reicht das aber nicht.  Während man bei anderen einen unendlichen Maßstab anlegt und noch die kleinste Regung als Anlaß für einen Scheißesturm genommen werden darf, ist man bei sich selbst lax und nachlässig. Die Schuld beim anderen aber darf niemals mehr vergehen. Sie ist untilgbar und man darf sie auch dreißig Jahre später noch aus der Schublade hervorziehen, um sie als rhetorische Spielmarke einzusetzen.

„Kann man die Kunst nicht aber vom Künstler trennen? Na klar. Es ist jedoch ein Luxus, den man sich leisten können muss.“ So Stowkoski.

Interessant ist, daß jene, die dieses Abtrennen der Kunst von der Person kritisieren, genau das gleiche machen, indem politische Aspekte herausgebrochen und diese dann abstrakt verabsolutiert und vom Werk getrennt werden – genau das mithin wird da von Leuten wie Stokowski praktiziert, was man beim vorgeblich sich rein auf Werk beziehenden Gegenüber kritisiert. Daß Stokowskis diesen Selbstwiderspruch nicht einmal im Ansatz bemerkt, verwundert mich freilich nicht besonders. Gesinnung siegt über Kontexte und Prosa.

Magnus Klaue bringt diese Angelegenheit in der „Jungle World“ auf den Punkt: unter dem Titel „Pilze und Preise“:

„Der Literaturnobelpreis wird bekanntlich nicht mehr für Literatur, sondern für politisch korrekte Sprechblasen verliehen. Umso erstaunlicher, dass ihn dieses Jahr ein Mensch erhält, der tatsächlich schreiben kann.“

***

Ich schätze Handkes Prosa, seit Jugendjahren, und habe mich manchmal zugleich über deren Ton geärgert, und dann darin wieder diese Exaktheit, gepaart mit Poetischem, entdeckt und bewundert. Die von ihm gegenüber der Gruppe 47 diagnostizierte „Beschreibungsimpotenz“ (dazu auch das Buch von Jörg Magenau, zu jener Reise nach Princeton1966) trifft ja auf ihn selbst auch zu, wenn man zum Maß die flott und variierend, nach Schreibschulmanier erzählte Geschichte nimmt, die sich potent spreizt, doch leider häufig im Fortgang locker energetisch versackt und wenn man dabei im Kontrast dazu sieht, wie Handke sich, so anders in Sprache und Ton, in Details verliert und plötzlich bemerkt, impotent, doch mit famosem Möglichkeitssinn fürs Dinghafte versehen, versehrt, gesichtet vom Spaziergänger des Augenblicks (ich denke immer wieder an Rilke in Paris und an „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“) und wie grandios genau das, DIESES Detail von Handke gesagt und zugleich gezeigt wird: Haecceitas denke ich mir dann. Vollkommenheit im Beschreiben, im Ton der Dichtung. Stunden wahrer Empfindung? Nein, eine angewandte Phänomenologie. Peter Handke ist ein Exaktheitsmensch.

„Ich stehe vor meinem Gartentor und da sind 50 Journalisten und alle fragen nur wie Sie. Von keinem Menschen, der zu mir kommt, höre ich, dass er sagt, dass er irgendwas von mir gelesen hat. Es sind nur die Fragen: Wie reagiert die Welt? Reaktion auf Reaktion auf Reaktion. Ich bin ein Schriftsteller, ich komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes. Lasst mich in Frieden und stellt mir nicht solche Fragen.“

Auch für solche Sätze und für diese Grundwut gegen das, was sich da an sein Haus pestet, ist Peter Handke zu danken.

64 Gedanken zu „Peter Handke und die kargen Lemuren: Jagoda Marinić, Saša Stanišić, Sophie Paßmann samt Stokowski

  1. Danke für diesen verlinkten Text. Habe ich mir gleich mal antiquarisch bestellt. Der Aspekt der Ethnisierung scheint mir auf alle Fälle bedeutsam. Ebenso die Ausführungen von Pohrt. Und hinter dieser Ethnisierung steckt sicherlich auch noch einmal etwas anderes, nämlich Fragen der Machtpoltik in bezug aufs West- bzw. Nato-Bündnis. Ginge es übrigens streng nach dem Völkerrecht und würde Massenmord konsequent geahndet, müßten heute in Den Haag auch Dick Cheney, Donald Rumsfeld, Bush jr sowie die beiden Clintons sitzen.

  2. Hinter der Ethnisierung des Sozialen steht nichts weniger als die Erklärung warum die soziale Revolution nach 33, 45, 68 etc. pp. ausblieb. Insofern sind die Materialien-Bände von so grundlegender Bedeutung wie die Kritsche Theorie, das wird nur leider kaum wahrgenommen.

  3. Bei der Einschätzung von Saša Stanišić muß ich mich korrigieren: Was der Mann da seit einer Woche twittert, ist erschreckender als ich gedacht hatte und das läßt sich auch nicht mehr mit Unbedarftheit erklären.

  4. @“Offenbar muß man tatsächlich daran erinnern, daß Handke zu Beginn der 1990er Jahre sich für den Erhalt des Vielvölkerstaats Jugoslawien ausgesprochen und damit eine dezidiert antinationalistische Position eingenommen hat. Deutschland hingegen unterstützte vorbehaltslos den Unabhängigkeitswillen der jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien und Kroatien und damit die Zerschlagung eines Vielvölkerstaats zugunsten ethnisch homogener (bzw. zu homogenisierender) Kleinstaaten.

    Vor den blutigen Folgen einer solchen Politik hat damals nicht nur Peter Handke gewarnt, sondern nachlesenswert auch Wolfgang Pohrt in seinem Essay „Serbienfeldzug“ (www.magazinredaktion.tk/docs/entscheidung.pdf), in dem er überdies auf Parallelen der bundesrepublikanischen Balkanpolitik unter Hans-Dietrich Genscher mit der des „Dritten Reichs“ hinwies.“ —– Das zahlte sich in klingender Münze aus indem zum Beispiel das kroatische Stromnetz an deutsche Stromversorger ging und wurde auch von langer Hand vorbereitet, siehe hierzu Detlef Hartmann in Autonomie Neue Folge 14, „Das US-imperialistische Wirtschaftssystem von Bretton Woods als Vollstrecker der nationalsozialistischen Neuen Ordnung.“

  5. Na ja, zwischen der US-Außenpolitik und einer nationalsozialistischen Neuen Ordnung würde ich nun aber doch einen Unterschied machen. Da scheinen auch Hartmann ein wenig die Maßstäbe verrutscht. Nationalismus ist sicherlich ein Problem. (Nationalismus, nicht der Begriff der Nation oder besser noch: des Staates.) Aber nationalsozialistische Gebilde sehe ich nun doch nicht am Werk und ich würde, um nicht in die Entropie von Begriffen zu geraten, diesen nur für spezielle Szenarien reservieren.

  6. Es geht hier aber darum dass die Entwicklungspolitik der USA im Zuge der Entkolomisierung zum Teil bis ins Detail Strategien folgt die Nazi-Ökonomen für die Inwertsetzung rückständiger Agrarregionen des Balkan entwickelt hatten. Wie überhaupt sehr viele Dinge die im NS entwickelt oder zum ersten Mal praktiziert wurden sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in recht interessanten Kontinuitätslinien weiterentwickelt haben.

  7. Ich finde das nicht ganz unplausibel, gewisse Kontinuitäten in der deutschen Balkanpolitik zu benennen und diese auch mit der US-Geopolitik zu kontextualisieren. Es gab ja von englischer und französischer Seite viel Kritik an der frühzeitigen Anerkennung Sloweniens und Kroatiens durch Deutschland, aber das übersieht den eigentlichen Elefanten im Zimmer, nämlich die begründete Vermutung, dass dieses Vorgehen eng mit den USA abgestimmt gewesen sein muss. Es war seit jeher integraler Teil der US-imperialen Planung, den Ostblock über seine Südwestflanke in die Zange zu nehmen, nach dem Motto, wenn erst mal das blockfreie, aber sozialistische Jugoslawien weg ist, ist der Weg frei, unsichere Kantonisten wie Ungarn aus dem Warschauer Pakt herauszumeißeln.

  8. Im Dezember 1972 schrieb Peter Handke an den Kollegen Hermann Lenz: „Einmal dachte ich: ‚Da kann man sich wirklich auf die Einzelheiten ganz und gar verlassen‘ – und das ist sicher ein Zeichen, daß da wirklich ein Schriftsteller arbeitet, und kein bloßer Behaupter.“ Die Bewunderung für den älteren Kollegen sollte auch ein Blick in den Spiegel sein und diesen Weg, kein „Behaupter“ zu sein, hat Handke wohl konsequent verfolgt, bis in entlegene Regionen, bis an die Grenzen, bis in eine gewisse Einsamkeit. Und in seinem (vielleicht letzten?) Interview, als er sich gewissermaßen selbstverewigt hat, hat er diese Haltung nochmals bekräftigt.

    Ist es nicht eine gewisse Koinzidenz, dass Handke 30-jährig „Wunschloses Unglück“ schrieb und Stanišić jetzt „Herkunft“ herausgebracht hat, 31-jährig? Gibt es nicht viel Verbindendes zwischen diesen beiden Werken, Erzählungen vom Verlust? Stanišić ist in Sachen Jugoslawien wohl kaum als „Behaupter“ zu verzeichnen, aber in seiner Reaktion doch als rotziges Kind. Handke war in jungen Jahren auch kein Kind von Traurigkeit den älteren Kollegen gegenüber, war auch gut für’s Geschäft. Jetzt muss er halt einstecken. Die beiden haben jedenfalls die deutsche Sprache mehr bereichert, als alle anderen zusammen, die sich jetzt lautstark zu Wort melden.

    Warten wir ab, wie Stanišić und die Welt sich zueinander verhalten in knapp 50 Jahren. Wenn er nicht zum Behaupter werden will, muss er ebenso ins Risiko gehen wie Handke. Schau’mer mal.

  9. Die Kontinuitätslinien mögen einerseits ähnlich aussehen und sie sind es zugleich nicht, denn es stecken dahinter nun einmal unterschiedliche Systeme – das dürfte relativ evident sein. Wegen einer Analogie das Wort nationalsozialistisch in Anschlag zu bringen, halte ich für höchst problematisch und auch verfehlt. Die Politk der BRD und vor allem der USA ist eine andere als die des NS-Staates.

    „Entwicklungspolitik der USA im Zuge der Entkolomisierung zum Teil bis ins Detail Strategien folgt die Nazi-Ökonomen für die Inwertsetzung rückständiger Agrarregionen des Balkan entwickelt hatten.“

    Nun ist es aber, wenn zwei Ähnliches machen, noch lange nicht gleich. Auch Hitler baute Autobahnen. Dann bauten auch die Franzosen welche. So what? Hinter einer ähnlichen Politik stecken eben doch unterschiedliche Politikmuster. Daß die USA möglicherweise Absatzmärkte erschließen möchten, halte ich für plausibel. Und im Kampf der Systeme und der Wirtschaften ist dies ein übliches Vorgehen, ähnliches machen die Chinesen in Afrika, auf ihre Weise.

    Richtig scheint mir aber die von mark genannte These des Angriffs der Nato auf die Südflanke. Rußland hatte zu diesem Zeitpunkt der Nato und den USA nicht viel entgegenzusetzen.

    @lynx: die Idee der Verbindung klingt interessant, man muß das aber zugleich an den Texten erweisen. Und da, denke ich, sind Handke und Stanišić nicht unbedingt ähnlich. Handke hebt sich, auch von den jungen Jahren her, doch deutlich von Stanišić ab.

    „Jetzt muss er halt einstecken.“ ist leider kein Argument. Es geht hier ja auch nicht einfach um eine Kollegenbeschimpfung oder darum, ob jemand als Schriftsteller konservativ ist oder progressiv oder die SPD oder die CDU unterstützt, sondern in diesem Falle und in dieser Art der Denunziation geht es hier um etwas ganz Wesentliches, das auch mit dem eigenen und grundsätzlichen Ruf zu tun hat: Nämlich dem Verhältnis zum Völkermord. (Wobei man sich ja auchmal ein paar US-Schriftsteller heraussuchen kann und sich fragen muß, wer da eigentlich wie zu Hillary Clinton steht. Das eine kocht man fein hoch und bei ein paar hunderttausend Toten in Libyen und Syrien schweigt man. Aber hier handelt es sich wiederum um eine Frage nach den doppelten Standards.)

  10. @“„Entwicklungspolitik der USA im Zuge der Entkolomisierung zum Teil bis ins Detail Strategien folgt die Nazi-Ökonomen für die Inwertsetzung rückständiger Agrarregionen des Balkan entwickelt hatten.“

    Nun ist es aber, wenn zwei Ähnliches machen, noch lange nicht gleich. Auch Hitler baute Autobahnen. Dann bauten auch die Franzosen welche. So what? Hinter einer ähnlichen Politik stecken eben doch unterschiedliche Politikmuster. “ —- Nein, so ist es nicht. Die Strategie der NS-Ökonomen, durch Zerschlagung von Subsistenzwirtschaften die Voraussetzung zur kapitalistischen Inwertsetzung agrarischer Wirtschaften für den überregionalen, später Weltmarkt zu schaffen (schöpferische Zerstörung, Schumpeter) war die Basis der Entwicklungspolitik der Rockefeller Stiftung und des IWF, und nach genau diesem Muster spielte sich auch die gescheiterte Modernisierung der jugoslawischen Zentralregierung im Kosovo ab, vgl. das von mir oben verlinkte Buch. Diese NS-Strategie zur Aktivierung „unproduktiver“ Agrargesellschaften für die Kapitalverwertung war die Schablone für jahrzehntelange Entwicklungspolitik im Weltmaßstab.

  11. Pingback: Buchmesse Frankfurt am Main 2019. Der zweite Tag. Darin vor allem: Bersarin zu Peter Handke und den Rankünen im Betrieb. Sowie Arco und Wieser, Elfenbein und mare sowie das Fest von Septime. | Die Dschungel. Anderswelt.

  12. @Gerhard Mersmann: Danke für Dein Lob – und dieser Text war mehr als überfällig. Ich dachte erst, man könne die Sache auslaufen lassen. Aber bei der Heftigkeit und Unerhörtheit der Vorwürfe ist nun doch eine Antwort angebracht gewesen.

  13. @che: daß es Ähnlichkeiten in der ökonomischen Ausrichtung gab und daß möglicherweise an bestehende Narrative angedockt wurde, mag ja sein. Nur deshalb ist die Politik der USA nicht irgendwie nationalsozialistisch verkoppelt. Ich halte das nicht nur für eine ungute und ehrlich gesprochen auch naive Assoziation, die eher in rhetorischer Absicht ein neues Narrativ herstellen soll, sondern vielmehr entleert man damit das Spezifische einer nationalsozialistischen Politik, deren Ziele eben doch ganz andere waren. Und bei allem, was die USA auf dem Balkan militärisch taten: Säuberungen im Sinne der NS-Politik gab es dort nicht, es wurden keine Juden deportiert. Sehr wohl aber ging es vermutlich, da muß man sich eben die Quellen ansehen, um Formen wirtschaftlichen Kolonialismus. Solche Bezüge und solches Nationalsozialisieren machen es leider schwierig, diese Thesen wirklich ernst zu nehmen, und damit beschädigt sich eine eigentlich nicht ganz verkehrte These wieder einmal selbst, indem viel zu viele und leider auch überflüssige Voraussetzungen eingeführt werden. Eine deskriptive Analyse ist in solchen Fällen besser.

    Im übrigen, wenn man diese Bezüge einer nationalsozialistischen Politik ausweiten will, kann man ebenfalls dann auch auf Formen des britischen Kolonialismus schauen und sehen, ob es da in der Wirtschaftsideologie Parallelen gibt, und dann bemerkt man, daß also auch diese Art der NS-Wirtschaftspolitik ihre Vorläufer hat und insofern scheint dann auch der Begriff des „nationalsozialistischen“ sich zu relativieren – von der Diskreditierung des Begriffs Sozialismus mal ganz abgesehen. Auch in dieser Hinsicht halte ich solche Analogie für fatal.

    Insofern: Auch hier sollte man Ähnliches nicht als Gleiches lesen. Strukturanalogien sind keine Homologien.

  14. Danke für diesen so grandiosen wie klugen Text! Ich habe ihn sofort in Der Dschungel verlinkt.
    Gruß von der Messe, ANH

  15. Lieber Herr Herbst, vielen Dank für Ihr Lob. Nach all dem, was da an Unsäglichem über Handke geschrieben wurde, ist es Zeit gegen diese Polemiken etwas gegenzuhalten. Ihnen auf alle Fälle eine schöne und gute Zeit auf der Frankfurter Messe. Ich bin leider nicht vor Ort.

  16. vielen dank für ihren text!!!

    leider haben jedoch die massen-mainstram-medien die herrschaftsmeinungshoheit und
    KUNST findet fast nur noch im zusammenhang mit ideologie im sinne eines finanz-militärischen komplexes der nato-interessen statt

    >>> welchen unsagbaren gesellschaftlichen verlust dies darstellt, kann man in ALLEN lebensbereichen spüren … eine zuspitzung und eskalation erlebt man in der gegenwart bei peter handke

    und trotzdem: ER hat den preis bekommen!!! möge jeder selbst entscheiden, welche jury warum welche entscheidung trifft >>> ohne sinn für kunst und poesie ist das leben fernab vom humanen … und dies ist für jeden spürbar

    ganz besonders hat dies wohl auch der foto-künstler selgado bei seiner dokumentation – besonders in ruanda – gespürt >>> er hat genau wie handke in der schönheit der NATUR eine hoffnung gefunden (nicht im sozialen – der tabuisierten verharmlosung von der politik bei deren herrschaftsinteressen)

    https://www.arte.tv/de/videos/080121-000-A/das-salz-der-erde/

    aber es gibt noch … und schon lange zeit … andere stimmen … doch ob diese es vermögen schönheit und poesie in die gesellschaftlichen werte einzuschreiben???

    http://www.poetenladen.de/harold-pinter-nobelpreisrede.html

    https://www.hintergrund.de/medien/keine-gerechtigkeit-fuer-peter-handke/

    „Kunst muss Fragen stellen, sie muss in Abgründe schauen, in die andere nicht zu schauen wagen, sie muss grenzgängerisch sein, übertreiben und fantasieren. Sie muss den Dissens aushalten, störrisch sein. Für alles das steht Handke.
    Was Kunst nicht darf, ist harmlos sein. Kunst muss weh tun, sonst ist sie Kunstgewerbe. Jedenfalls darf sie sich nie politisch instrumentalisieren lassen.“

    https://www.freitag.de/autoren/c-juliane-vieregge/literaturpreise-und-rufmord#1571349894847592

  17. Danke für diese Hinweise. Einen erheblichen Einwand habe ich jedoch:

    „leider haben jedoch die massen-mainstram-medien die herrschaftsmeinungshoheit und
    KUNST findet fast nur noch im zusammenhang mit ideologie im sinne eines finanz-militärischen komplexes der nato-interessen statt“

    Versuchen Sie doch bitte ohne solche Pauschalisierungen auszukommen, das macht auch die Kritik an einer frag- und kritisierenswürdigen Angelegenheit stärker. Polemik ist gut – sofern sie nicht inflationär eingesetzt wird. Insofern ist das, was bei Hölderlin in anderem Kontext der Wechsel der Töne heißt, sinnvoll. In der Tat gibt es Probleme mit der medialen Darstellung mancher Ereignisse, aber das bedeutet nicht, daß da eine „herrschaftsmeinungshoheit“ vorhanden ist. Kunst im übrigen findet sehr vielfältig statt.

    Auch solche normativen Zuspitzungen sind falsch: „Was Kunst nicht darf, ist harmlos sein. Kunst muss weh tun, sonst ist sie Kunstgewerbe.“

    Kunst darf und kann vieles. Warum sie ausgerechnet weh tun muß und wenn sie es nicht tut, dann Kunstgewerbe sei, ist nicht wirklich ersichtlich. Es bleibt eine Behauptung – eine sehr vage zudem. Und gerade die Texte Handkes übrigens widersprechen diesem apodiktischen und leider auch phrasenhaften Satz vehement.

    Ansonsten findet sich hier zu der richtigen Wahl des Literaturnobelpreisträgers noch die sehr gute und lesenswerte „Stellungnahme von Henrik Petersen, Mitglied des Nobelpreiskomitees“

    https://www.spiegel.de/kultur/literatur/peter-handke-stellungnahme-akademie-mitglied-petersen-a-1292062.html

  18. Pingback: Peter Handke und der Nobelpreis - Begleitschreiben

  19. Ich hab mich auch sehr über deinen Text gefreut. …Und über die „Verteidigung der Auszeichner“, welche gestern in der Zeit thematisiert wurde.
    …“Gleichzeitig sei sein Werk von einer ideologiekritischen, fragenden Haltung geprägt, die kein politisches Programm propagiere: das erzählende Ich, das sich in vielen Texten „aktiv vom Ideologischen, von der Welt der Werte, tradierten symbolischen Ordnungen“ zu distanzieren versucht, sei nicht etwa „subjektive Träumerei“, die Handke oftmals als politische Naivität ausgelegt wird, sondern „radikale, ideologiekritische Poetik“.
    https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-10/nobelpreis-literatur-peter-handke-kritik-jugoslawienkrieg
    Überall wird heutzutage hochtrabend von „Diversität“ schwadroniert nur in politischen Fragen wird inzwischen offenbar keinerlei andere Sicht, Einordnung oder Bewertung mehr geduldet. Wir erarbeiten uns Themen nicht mehr durch Auseinandersetzung und lernen nicht mehr aus der Sicht des Anderen, sondern nur noch durch Kreischen, Skandalisieren und Mediale Vernichtung.

    Schon für Mediatoren an Grundschulen galt einmal als das Kleine Einmaleins dass man sich
    zunächst immer so neutral wie möglich alle Positionen anhören sollte bevor man weitere Schritte andenkt und dass an den allermeisten Konflikten alle Parteien ihren Anteil tragen. (Es sei denn, es stellt sich nach eingehender Untersuchung heraus, dass Schüler vorsätzlich gemobbt wurden)
    Die mediale Auseinandersetzung mit politischen Konflikten heutzutage würde auf die Schule übertragen aber folgender Maßen vonstatten gehen: Schüler A, der gerne neuer Wortführer werden möchte, behauptet, Schüler B sei ein „Diktator“ und „Despot“ und deswegen müsse man ihn mit allen Mitteln bekämpfen. Der Mediator bemitleidet daraufhin lautstark Schüler A ,verzichtet darauf, sich Schüler B anzuhören, sagt Schüler A vollste Rückendeckung beim „Sturz“ von Schüler B zu und streicht dankend sein Honorar ein…
    Das ist leider das Niveau, auf dem wir uns mittlerweile bewegen: Wer heutzutage einfach nur politische „Gegebenheiten“ abwägt wird schon wie ein Ketzer der Neuzeit behandelt.
    Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn wir morgen lesen, das Henrik Petersen seine Jurymitgliedschaft niedergelegt hat. Ich hoffe, dass es nicht dazu kommt!

  20. Das ist ein sehr treffender Kommentar, Partyschreck, insbesondere im Hinblick auf eine Diversität, die eigentlich nur die eigene oder ähnliche Sicht zuläßt. Alles andere ist natürlich rechts oder rassistisch oder plädiert für den Völkermord angeblich und darf deshalb nichts mehr sagen und schon gar keine Preise mehr bekommen. Soviel zur viel beschworenen Toleranz. Schlimm dabei ist vor allem diese Art der Unterstellung und die Hermeneutik des Verdachts. Alles natürlich ohne Belege und die gute Moral kommt dabei auch noch frei aus, samt der Akklamation all der Guten.

  21. Unbedingt zu lesen von Handke auch diese Stellungnahme:
    „Peter Handke:Am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen
    In der eher kläglich verlaufenden Debatte um die diesjährige Verleihung des Heinrich-Heine-Preises äußert sich der umstrittene Autor nun selber: Hier die Stellungnahme von Peter Handke zu den Vorwürfen gegen seine proserbischen Positionen. Am 20. Mai war Peter Handke der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf zugesprochen worden. Am Dienstag haben die Fraktionen des Stadtrats nach Protesten wegen Handkes pro-serbischer Haltung angekündigt, das Preisgeld zu verweigern.“

    https://www.sueddeutsche.de/kultur/peter-handke-am-ende-ist-fast-nichts-mehr-zu-verstehen-1.879352-0#seite-2

  22. Ich habe gerade mit der Grahic Novel von „The Handmaid’s Tale“ begonnen und bin schon ganz gespannt auf die dazugehörige Serie heute Abend. Dystopien treffen meiner Meinung nach sehr gut den aktuellen Zeitgeist. Als Frau hoffe ich allerdings, dass man sich hier nicht nur singulär in feministischen Fragen verliert, sondern generell den Horror von Gesellschaften, in denen politische Einordungen von einer Übermacht diktiert wird auch übergreifend und unspezifischer aufzeigen kann. Nicht, dass man am Ende zu der ernüchternden Einsicht kommt, dass sich hier wieder nur ein spezielles Thema ausgesucht wird, an dem man sich dem Problem der Meinungsdiktaturen nähert und das große Ganze dabei vegisst und auch vergisst, dass es im Grunde genommen nur um die Diktatur ansich geht, und dabei jedes religiöse, frauenfeindliche, männerfeindliche, sozialfeindliche Mittel recht ist.

    …Darauf komme ich bei deinem sehr interessanten Handke Artikel weil ich hier wie du eben wie gesagt den medialen Umgang auch mit Henrik Petersen auffällig finde und es als beklemmend
    wahrnehme, wenn sich ein Juror jetzt schon verteidigen muss, wenn er Handke eben nicht als Kriegsverbrecher-Verherrlicher einordnet. …Als säße er auf einer eigens von Skandaljournalisten hierfür konstruierten Anklagebank!!! Wo sind wir hier inzwischen eigentlich gelandet!

  23. vielen dank für die konstruktive kritik zu meinem pauschalierenden kommentar und den link.

    mein kommentar war nur als freundliche illustration meines dankes an sie gedacht – und ich war keineswegs darauf vorbereitet, soviel berechtigten anspruch in ihrem blog vorzufinden – schön, dass ich dies jetzt weiß.

    ich komme oft vom allgemeinen = pauschalen erst langsam zum konkreten – in meinen gedanken tanzen zu viele eindrücke herum – aktuell noch syrien und die kurden – aber auch pollesch im friedrichstadtpalast und das eu-parlament …

    https://www.infosperber.ch/Artikel/Politik/EU-Parlament-Zweiter-Weltkrieg-Schuldfrage-Umdeutung

    ist es eine ausrede, wenn ich erwähne, dass ich eine pauschal-atmosphärische wahrnehmung von allen farben und tönen habe und es eine entwicklungszeit des dialoges braucht, um allen facetten gerecht zu werden – besser wahrnehmbar zu machen?

  24. Während es in der normalen Medienberichterstattung zum Beispiel keine Rolle spielt worum es im Syrien-Konflikt eigentlich geht. Jedenfalls dürften es die Wenigsten im Kopf haben dass da eben gerade der fast erfolgreiche Versuch den Kommunismus im Hier und Jetzt zu verwirklichen platt gemacht wird.

  25. hier noch die verlinkung zu einem beitrag – mit vielen weiteren integrierten links zum thema:

    „Das fatale Verstummen zahlreicher deutschsprachiger Künstler und Intellektueller zu wichtigen gesellschaftlichen Themen haben die NachDenkSeiten kürzlich etwa in diesem Artikel beschrieben. Handke ist eines der ganz wenigen Gegenbeispiele. Ihm gegenüber stand in den 1990er Jahren eine Vielzahl an Künstlern und Intellektuellen, die sich – motiviert durch durchschaubare moralische Kampagnen für die „Freiheit“ und gegen „Diktatoren“ – mehr oder weniger intensiv vor den propagandistischen NATO-Karren haben spannen lassen, unter zahlreichen anderen Jürgen Habermas, Hans Magnus Enzensberger oder Peter Schneider, wie etwa dieser Artikel beschreibt. Betrachtet man die bis heute andauernden fatalen Folgen des illegalen NATO-Kriegs, so ist schon verwunderlich, dass sich bis in die Jetztzeit noch immer der Kritiker verteidigen muss – und nicht die Unterstützer der Bombardierungen.“

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=55611

  26. Dass einstmal antiautoritär-pazifistische Intellektuelle plötzlich fürs Bombardieren stark machten dürfte damit zusammenhängen dass mit Schröder als Kanzler die 68er und unmtttelbar folgenden Jahrgänge die Erotik der Macht und die Erotik des Handelns spürten. Theweleits Männerfantasien haben da hohen Erklärungswert.

  27. @Marie: Tanzende Gedanken kann man vermeiden, wenn man Denken und Schreiben ordnet. Und wenn man ein wenig auf seine Thesen beim Schreiben und Sprechen schaut und eine These nicht überdehnt und indem man mit All-Aussagen und dogmatischen Setzungen, die man per se für gültig hält, vermeidet. Wichtig vielleicht auch, bei Themen nicht hin und her zu springen, sondern sich möglichst konkret aufs Geschriebene zu beziehen. Das sind Dinge, die man lernen kann.

    Und man kann und sollte – das gilt leider auch immer mehr für Artikel der Nachdenkseiten – die Argumente prüfen. So leider auch in diesem Zitat. Eine Haltung zur Sache X zu haben, muß nicht automatisch bedeuten, sich vor einen NATO-Karren spannen zu lassen. Genau da liegt schon wieder eine dieser Unterstellungen und da das ohne Textbeleg erfolgt, geht das dann in eine ähnliche Richtung wie bei Handke. Ich habe leider in der letzten Zeit viele solcher argumentativ unsauberen Beiträge auf den Nachdenkseiten gelesen, und ich lese dann nach solchen Pauschalaussagen inzwischen nicht mehr weiter.

  28. Wie geschrieben: Der Jugoslawien-Konflikt ist nicht ganz einfach. Angriffe auf ein anderes Land ohne UN-Mandat sind problematisch. Und um zu sehen, was da vorliegt, muß man genau die Hintergründe sehen. Ich weiß auch nicht, ob bei Habermas Theweleit wirklich hilfreich ist. Ich würde zunächst mal seine Aussagen gerne lesen. Sonst haben wir nämlich wieder dieses Problem wie beim Umgang mit Peter Handke: Man meint etwas, ohne die Argumente zu kennen.

  29. Ich meinte das jetzt nicht konkret auf Habermas oder Enzensberger (Trans Magnus, der Hans Atlantik) bezogen, sondern allgemein auf die saturierte rotgrüne Mittelschicht die seit dem Jugoslawienkrieg plötzlich ganz NATO-geil war obwohl das im absoluten Gegensatz zu dem stand was sie jahrzehntelang vertreten hatte. Ging mir damals mit vielen Leuten speziell im akademischen Mittelbau so.

  30. Ja, das ist absolut richtig. Und perfide dabei Fischers Rede, daß da ein zweites Auschwitz verhindert würde. Eine furchtbare politische Instrumentalisierung. Handkes Verdienst ist es, hier einen anderen Blick zu liefern.

  31. @che2001: Dass in Syrien vor allem der Kommunismus bekämpft wird, wäre mir neu. Ich dachte ja, es gehe da mehr um regime change und Kontrolle über fossile Rohstoffe und deren Transportwege. Mach doch da mal nen Beitrag drüber, das würde mich wirklich interessieren.

  32. Ich habe nicht gesagt dass es nicht um regime Change und Rohstoffinteressen ginge in diedem Krieg. Ich habe gesagt Hintergrund für den Einmarsch der türkischen Armee in Rojava zum jetzigen Zeitpunkt ist die Zerschlagung der konkreten Utopie dort. Ich habe momentan keine Zeit hierzu einen eigenen Beitrag zu veröffentlichen, der müsste sehr umfangreich und gut recherchiert sein. Was ich machen kann ist, dazu einige Links zu sammeln.

  33. Ich denke auch, daß diese Dinge, die Frage zu Syrien, zur Ukraine und zur Geopolitik ein Extra-Kapitel sind. Ich möchte hier ganz gerne die Diskussion wieder auf Handke und seine Texte lenken. Ich denke, von der Methode her, wie Autoren wie die im Text genannten mit Handke umgehen, sind wir uns relativ einig, daß solche Art der Auseinandersetzung, des Diskurses und der Diskussion zu verurteilen sind.

  34. Danke an Bersarin, wer oder was auch immer das ist. Bin über mehrere Umwege hier gelandet, was mich freut.

  35. ich habe gestern – nach dem schrillen gepfeife gegen handke – und den wenigen mutig-klaren stimmen des verstehens von seinem werk – diesen „nachlesetext“ (von 1996) in der sz gefunden

    https://www.sueddeutsche.de/kultur/peter-handke-gerechtigkeit-fuer-serbien-reisereportage-reisebericht-1.4647433

    IMMERHIN (!) besinnt sich das kulturressort der redaktion auf die QUELLEN – auf die literatur – auf die WORTE des werkes (wie man dies auch immer deuten mag) …

    mir zeigt es einen wichtigen aspekt des wertes von handkes werk – so zeitlos aktuell und psycholisch und philosophisch über die poesie und literatur hinaus >>> die gedankliche abwägung vor der setzung jedes wortes (diese immense kraftarbeit von seele und verstand zu dessen erschaffung) …

    wie bedeutsam und höchstaktuell ist dieses vertrauen auf die SINNE und das eigene gefühl (im völligen kontrast zum nachplappern pc-modischer parolen und hauptwörter) – welches der lächerlich preisgegeben wird – als gefährliche und ja sogar kriminelle „fantasie“ abgetan wird >>> wenn nicht GENAU (!) dies – was ist dann eines nobelpreises für sprache und literatur würdig???

    ich danke der akademie in schweden ausdrücklich, durch die auszeichnung des werkes von handke, dazu einen beitrag geliefert zu haben … eine „diskussion“ angeschoben zu haben, die auch gleichzeitig ein vorbild für genaues beobachten und wahrnehmen liefert … und den billigen kritik-kontrast (den handke völlig zurecht (!!!) angeekelt und genervt verweigert) … welcher sich aber wie ein schleimiger sumpf durch die diversen medien zieht und ganz offensiv zeigt, wes geistes kind die „richtung“ anzugeben haben sollte

    ich kann nur hoffen, dass dies alles als augenöffner für viele noch zum nachDENKEN willige und fähige funktionieren kann … und um nicht vom thema abzukommen – jedoch auch die nicht verdrängbaren weltweiten konflikte von ganz unterschiedlicher größenordnung und bedeutungen – wie selbstverständlich aufploppen und verdeutlichen, wie simpel und falsch die propagandistischen parolen der medien bei ihrer undifferenzierten und einseitigen darstellung – letztendlich von kriegerischem willen mit den perversesten „humanen friedens-etiketten der heuchelei“ geschmückt und gefördert werden und wie ein „heilender siegesruf“ auf stimmenfang geht

    es lebe der kritische widerspruch und die ewig-mühsame hinterfragung! der erwünschte blinde gehorsam und glaube an die herrschenden töne ist NICHT!!! verantwortung für das leben, sondern ein ende der erfüllenden lebendigkeit … ein gesellschaftliches koma

  36. Vor Monaten hatte ich mir Handkes „Immer noch Sturm“ gekauft und lese seither immer wieder darin. Ein sehr anrührender Text über die traurigen Wahrheiten von Tod & Leben. Eine wirkliche DICHTUNG. Jetzt, nach dem Nobelpreis, immer noch Sturm, immer wieder.

  37. Nur kurz, weil hier so oft von den Fischers und Scharpings, den Enzensbergers und wer weiss noch die Rede ist. Sehr entscheidend – und darauf rekurriert Handke ja in fast schon verbissenem Duktus in seinen Texten – war die Berichterstattung in nahezu allen Medien. Man darf nicht unterschätzen, welche Rolle die FAZ mit Reißmüller damals spielte (vorzeitige Anerkennung der Sezession Sloweniens und Kroatiens durch Genscher), der Spiegel mit seinen reißerischen Titelgeschichten vom „Völkergefängnis“ Jugoslawien (Ihlau war der Auslandschef damals; den kann man heute „buchen“) oder auch Erich Rathfelder, damals taz-Korrespondent auf dem Balkan. Eine Aufarbeitung oder gar Revision dieser Berichterstattung fand, wenn überhaupt, Jahrzehnte später auf den hinteren Plätzen der Zeitung bzw. im TV auf dem Dokumentationsplatz irgendwo um 23.30 Uhr statt.

  38. Danke, Gregor Keuschnig, für diese wesentlichen Hinweise: genau das sind die Hintergründe und insofern ist es wichtig, auf diese verengte Berichterstattung in den Medien hinzuweisen; eine Berichterstattung, die ich nicht für zufällig halte oder daß sie einfach nur machlässig wäre. Auch in diesem Sinne waren Handkes Einwände wichtig, und das hat man ihm bis heute übelgenommen. Ich scheue mich ja ein wenig, über beide Texte etwas zu schreiben, wenn ich weiß, daß hier ein Autor mitliest, der Handkes Werk ganz und gar vorzüglich kennt. Aber es ist mir schon auch wichtig, auf diese Aspekte zu verweisen. Einer der wenigen, die Handkes Stärke sahen, war WIlli Winkler in der Taz – den Link erhielt ich heute von einem Freund und ehemaligen Kommilitonen.

    https://taz.de/!1475742/?

    Und die, die sich über meine Polemik empörten, müssen dann bei dem deutlich schärferen, klügeren und frecheren Karl Kraus, der sich zum ersten Weltkrieg mit dem „Serbien muß sterbien“ nicht abfand, vermutlich in Schreckensohnmacht fallen. Ach die empfindlichen Seelchen.

    „Einmal wenigstens habe auch Alice Schalek geblutet, schrieb Karl Kraus im Ersten Weltkrieg, und er würde sich damit heute keine Freundinnen machen, einmal wenigstens während ihres mehrwöchigen kriegsberauschten Dabeiseins an der serbisschen Front habe die Reporterin selber bluten müssen. Die Menstruation allein bewies, daß die Schalek eine Frau war. „Die Schalek“, so Kraus, „ist eines der ärgsten Kriegsgreuel, die der Menschenwürde in diesem Kriege angetan wurden.““

    Es sind genau dieser Federfuchtler, die bequem da im Sessel in Frankfurt/Main oder in Hamburg zum großen Jagen blasen, gegen die auch Handke anging. Immer nach dem Motto: Hannemann, geh du voran! Ich sporn Dich mit Propaganda an. Jene, die auch Karl Kraus verachtete.

  39. @varusbramsche: Vielen Dank. Auch ich bin immer wieder fasziniert von Handkes Beobachtungsgabe und seinem Talent das Gesehene in Sprache zu bringen.

  40. Vielen Dank für die brillante Polemik!

    Zur Ethnisierung sozialer Konflikte kann ich noch eine schöne Episode beisteuern. Im Vorfeld der de-facto-Abschaffung des Asylrechts mit dem sog. Asylkompromiss 1992 haben Jürgen Voges (später taz) und ich an unserer Schule eine Podiumsdiskussion veranstaltet (gut besucht, engagierte Schülerschaft). Ein ebenfalls sehr engagierter Gast in der Runde, frisch bestellter Referent in der Staatskanzlei des Gerhard Schröder, warnte mit Hinweis auf das gerade in Zerlegung befindliche Jugoslawien und die Boot-ist-voll-Rhetorik von Republikanern und DVU (Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein, die beide am 5. April 1992 stattfinden, werden Republikaner bzw. die rechtsextreme DVU drittstärkste Kraft in den jeweiligen Parlamenten, – man vergisst so schnell!) vor einer Ethnisierung sozialer Konflikte!! Das war damals eine sehr hilfreiche Überlegung, auch zur Weiterverwendung im Politikunterricht!
    Der Name des jungen Referenten? … Schade, man kann hier keine Ratebox einbauen …
    Frank Walter Steinmeier!

  41. Die BRD hatte ein Eigeninteresse an der Zerschlagung Jugoslawiens. Das schnöde Interesse einer kapitalistisch-imperialistischen Macht sich neue Märkte zu erschliesen und von der Inwertsetzung wenig profitabler Regionen durch Zerstörung und Wiederaufbau zu profitieren.

  42. @ GBlog: Dein Kommentar ist leider im Spam gelandet und ich habe ihn erst jetzt entdeckt. Danke aber für diese ergänzenden Hinweise.

    Von „de-facto-Abschaffung des Asylrechts“ würde ich hier jedoch nicht sprechen. Denn es wird weiterhin Asyl gewährt. Man kann hier höchstens von einer Einschränkung oder Beschränkung sprechen. Die entsprechende Verteilung der Flüchtlingen in der EU ist dann im Dublin-Abkommen geregelt. Wenn man übrigens streng den in Absatz 2 stehenden Artikel ausgelegt hätte, müßte man wohl die meisten der 2015 in die BRD eingereisten Flüchtlinge zurückschicken in die entsprechenden EU-Länder, aus denen sie einreisten. Dies ist aber nicht erfolgt. Mit solchen aufsteigernden Begriffen tut man einer Debatte keinen Gefallen und es ist dies auch sachlich falsch. Denn wenn etwas abgeschafft wäre, würde es keine anerkannten Asylanten mehr geben. Dies ist aber nicht der Fall.

    Zugleich sollte man diese Frage nach Sozialem und Ethnischem auch in seiner Vermittlung sehen. Die Kulturkreise auf dem Balkan sind unterschiedlich – das fängt bei der Religion an. Die Zugehörigkeiten zu einem Volk (um hier statt Ethnie den deutschen Begriff wieder zu gebrauchen) mag zufällig sein, die Ausprägungen einer Kultur sind es dann aber nicht mehr und Serben sind keine Kroaten und bosnische Muslime keine Albaner usw. Diese Frage des Volkes ist also zugleich auch ein großer Kitt – auch dort, wo es kontingent ist. Aber das Kontingente erzeugt zugleich Identitäten. Die Schwierigkeit besteht darin, einen solchen Vielvölkerstaat zu händeln. Hier müßte man eben einen Blick auf das Tito-Jugoslawien und auch auf das alte Habsburgerreich werfen, das mit ähnlichen Fragen konfrontiert war. Interessanter Aspekt.

  43. In diesem Zusammenhang könnte man Handke vielleicht vorwerfen, den Vielvölkerstaat Jugoslawien zu idealisiert gesehen zu haben. Die Verwerfungen sind ja nicht erst Ende der 80er plötzlich ausgebrochen, vielmehr war es schon für Tito nach dem zweiten Weltkrieg eine geradezu titanische Aufgabe gewesen, diese internen Spannungen zwischen den Volksgruppen irgendwie auszubalancieren. Und nachdem diese starke Integrationsfigur 1980 von der Bühne abtrat, eskalierten die lange unter dem Deckel gehaltenen Konfikte und gegenseitigen Schuldzuweisungen.

  44. Da ist sicherlich etwas dran – Schriftsteller sind eben keine Politiker und Handke wollte sowas auch niemals sein. Beim Zusammmenhalt unterschiedlicher Ethnien und Kulturen in einem Staatsgebilde stellt sich zudem ja auch die Frage, wie man ein gemeinsames Narrativ bzw. ein Bindemittel erzeugen kann. Für diesen Konflikt sind sehr unterschiedliche Faktoren verantwortlich, einer davon eben auch die expansive Ostpolitik der Nato und der USA angesichts eines schwachen Rußlands und eines Serbiens, das in der Tendenz eher zum Osten geht.

  45. Das gemeinsame Narrativ Sozialistische Bundesrepublik Jugoslawien hat so lange funktioniert wie die Wirtschaft funktionierte. Die nationalen Narrative wurden erst in der Krise aktiviert. Makroökonomisch war die Krise des Ostblocks, für Jugoslawien wichtigster Außenhandelspartner bestimment, es gab da aber noch einen anderen sehr spezifischen Faktor. Im Arbeiterselbstverwaltungsmodell Jugoslawiens waren die Betriebe wirklich volkseigen in dem Sinne dass sie in durchaus basisdemokratischer Weise von den Belegschaften verwaltet wurden, Und was taten die? Sie zahlten sich die Dividenden selber aus statt sie zu reinvestieren.

    Der ethnische Hass spielte in dem Augenblick eine Rolle in dem für die ökonomische Misere Sündenböcke gefunden werden mussten.

  46. Danke, che, das kopiere ich mir mal und verwende es bei der Causa Jugoslawien und Handke. Und das eben rückt diese Sache nochmal in ein anderes Licht, das unter die Oberfläche schaut und nicht nur das zeigt, was nach außen der Fall zu sein scheint.

  47. Was che sagt, stimmt. Jugoslawien litt in den 1980er-Jahren unter einer immens hohen Inflation, die am Ende galoppierte: Im September 1989 betrug die Preissteigerungsrate im Vergleich zum Vormonat 1181 Prozent, im Dezember sogar 2665 Prozent. Vor September 1990 waren bereits rund 600.000 Arbeiter von bankrotten Firmen »freigesetzt« worden. Das entsprach bereits rund 25 Prozent der industriellen Arbeitsplätze. Die ökonomischen Zwänge, die dem Land auferlegt wurden, waren enorm und in dem politisch zerstrittenen Land nicht mehr umzusetzen.

    Das fragile politische Nach-Tito-Konstrukt mit ihren diversen Verfassungen zerplatzte. Slowenien und Kroatien, die industrielle bzw. touristisch in den jugoslawischen „Topf“ einzahlten, wollten nicht für die eher agrarischen Staaten einzahlen. Dass sich Milosevic dabei als Titos Nachfolger und als Bewahrer von Jugoslawien gerierte, ist allerdings auch richtig.

  48. DAS ist ja gerade in all diesen Zusammenhängen der Punkt: Dass sich reaktionäre, sexistische, rassistische, nationalistische Populisten selber zu Nachfolgern der Kommunisten ernannten, ob nun Milosevic, Janukowitsch oder Putin. Mit Inhalten die dem Kommunismus völlig entgegengesetzt sind. Die Ethnisierung des Sozialen, lest das gleichnamige Buch endlich!

  49. Na ja, böse ist zu sagen, eigentlich möchte ich überhaupt keinen Kommunismus und auch kein neues Experiment am offenen Herzen, sondern einen demokratischen Rechtsstaat mit pluraler Interessenvertretung. Lest endlich Habermas und Böckenförde!

  50. Darum geht es aber in dem Buch nicht, sondern um eine empirische Erklärung wie aus Kommunisten Nationalisten werden konnten und welche ökonomischen Gründe dahinterstecken.

  51. Wobei es bei der Frage des Ethnischen, wie ich von der Einleitung her und zum Anfang des ersten Aufsatz des von Dir genannten Bandes las, mir doch ein wenig zu einfach bzw. zu undialektisch zugeht. Diese doch zentrale Frage des Kulturraums und damit auch die des Volkes läßt sich nicht einfach zur Seite schieben zugunsten (vermeintlich) materialistischer Positionen, mit der Begründung, daß die Ethnisierung des Sozialen ein Konstrukt sei. Das ist dann die materialistische Basis auch: nämlich ein Konstrukt der Theorie. Ein Volk wird nicht nur durch ökonomische Verhältnisse geprägt, sondern ebenso durch Jahrhunderte alte Kultur und Religion und den daraus erwachsenden Riten und Regeln sowie einem daraus erwachsenden Familienbegriff, der für eine Gesellschaft ebenso prägend ist, zudem nehmen willkürliche und oft auch arbiträre Vergemeinschaftungen und daraus resultierende Zuschreibungen ebenso den Status einer Struktur ein und verselbständigen sich zu einem eigenständigen Set von Regeln, Riten, Gebräuchen, so daß sich Kulturen differenzieren lassen und ein Kulturraum also mehr wird als eine Summe aus Zufälle, die auch mit anderen Mitgliedern so und so erfolgen können. (Diese Schwierigkeiten sieht man ja auch bei der Integration von Türken und Arabern in die BRD und ebenso auch im kleineren bis in die fünfziger Jahre bei den Differenzen zwischen Katholiken und Protestanten in der BRD, hier wurde es noch durch die Sprache überbrückt und daß man doch einem irgendwie gemeinsamen Kulturraum entstammte, und doch war ein Protestant im scher katholischen Bamberg oder ein Katholik im pietistischen Schwaben doch einigen Schwierigkeiten ausgesetzt. Beim Heiraten angefangen. Deshalb war Böckenfördes Aufsatz „Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisierung“ auch so ungeheuer wichtig: Weil er dem katholischen Milieu der BRD die Gelegenheit gab, sich sowohl für die Kirche als auch für die Ordnung des Rechtsstaates zu entscheiden.)

    Man muß also hier in der Analyse unbedingt ein Zusammenspiel all der Momente mitdenken: das Soziale hängt am Wirtschaftlichen, aber Jahrhunderte alte Konflikte und Differenzen von unterschiedlichen Kulturen lassen sich zugleich auch nicht als bloße Konstruktion und Ethnisierung des Sozialen fassen, sondern hier prallen – wie zwischen Katholiken und Protestanten, diese Unterschiede sind ja auch in Deutschland noch nicht so lange her – unterschiedliche kulturelle Ausprägungen und damit auch Ethnien aufeinander.

    Es ist dies ähnlich wie mit den Fragen von Clanstrukuren und Clan-Kriminalität hier in der BRD: Auch da wird von manchen gerne gesagt, dies sei rassistisch, weil hier Soziales ethnisiert wird. Nur wird bei einem solchen Urteil übersehen, daß diese Strukturen sehr wohl aus einem bestimmten Kulturraum resultieren und daß dieses Verhalten nicht einfach vom Himmel fällt, sondern sehr viel mit dem Familienbegriff zu tun hat, der in jenen Ländern herrscht, aus denen die Akteure stammen. Daß auch das Politische einen Anteil daran hat, ist ohne Frage. Und man gerät zudem bei solchen Beschreibungen nicht in Probleme oder in rassistische Strukturen, wenn man deskriptive und wertende Ebene trennt.

    Zum Auftakt beim Lesen scheint es sich der Band mit dem Gedanken der Ethnisierung zu einfach zu machen. Diese Ethnisierung ist zwar mitzudenken, aber sie ist mehr als ein bloßes Konstrukt. Aber ich bin eben erst noch beim ersten Aufsatz.

  52. Sehe ich auch so wie Bersarin. Die Ethnisierung des Sozialen ist mir hier zu eindimensional gedacht. Sicher sind die Spannungen zwischen Volksgruppen verstärkt zutage getreten, als die Sparpolitik unter dem IWF-Diktat griff. Aber genauso gut kann man sagen, dass der zwischenzeitliche wirtschaftliche Erfolg Jugoslawiens die schon seit Olims Zeiten bestehenden Friktionen zwischen den Volksgruppen eine Zeitlang überdecken konnte. Diese Spannungen und Rivalitäten gab es schon im Königreich Jugoslawien, lange bevor Marschall Tito das ganze Konstrukt mit starker Hand zusammenhielt.

  53. Vielleicht und insofern Du Zeit hast, che, kannst Du es ja nochmal im Detail darlegen. So zumindest wie jetzt verstehe ich es nicht und dieses Konzept scheint mir problematisch. Nicht weil ich es für grundsätzlich falsch halte, sondern weil mir darin zu viele andere Gesichtspunkte, die ich oben kurz anriß, ausgeklammert scheinen.

  54. Teils, teils. Drei Volksgruppen, die Slowenen, die Albaner und die Krajna-Serben sahen sich immer als eigene Völker und nicht als Jugoslawen, und es gab auch kroatische Separatissten, die in der Tradition der faschistischen Ustascha standen. Solche Exilkroaten wurden in Deutschland sogar unter stillschweigender Duldung deutscher Dienste von jugoslawischen Geheimdienstern in den 1970ern ermordet. Aber mehrheitsfähig wurde der Separatismus erst in der Krise, und die ethnische Aufladung und Feindbildisierung von Mitbürgern vollzog sich atemberaubend schnell.

    Btw. ich habe meine Schwierigkeiten mit der Verwendung des eindeutig völkisch kontaminierten Begriffs Kulturraum. Der kommt aus der deutschen Ostforschung, die in den Zwanziger Jahren entwickelt wurde, um terrotiale Forderungen in Osteuropa „wissenschaftlich“ zu legitimieren.

  55. In diesem Sinne zeigt es sich, wie wichtig es ist auf Kontexte zu achten. Ich verwende diesen Begriff im Sinne einer Topologie und um gleichzeitig Differenzen zwischen unterschiedlichen Kulturen zu markieren und dennoch aufs Örtliche abzuzielen. Er ist in diesem Sinne weder normativ, noch verbunden mit politischen Forderungen, sondern dient der Deskription. Solche Kulturräume sind zudem durchlässig und nicht statisch zu nehmen. Er scheint mir insofern interessant und brauchbar, und um so ärgerlicher ist seine Vernutzung, weil er nicht mit dem Wort Ethnien, Völker, Volksgruppen arbeitet und weil im Begriff der Kultur unterschiedliche Komponenten zusammengehen können.

  56. Wichtig scheint mir eigentlich, daß man bei solchem Begriff, trotz seiner historischen Vernutzung, eine gewisse Mobilität und ein anti-essentialistisches Moment mit eingebaut ist, ohne dabei ein Relativität zu verschwimmen

  57. Weiß ich nicht, ich finde den Raumbegriff schon ganz gut. Bei Großregion ist die Kultur nicht dabei, Kulturkreis hat nicht das lokale Topographische, also den Raum. Sowieso bin ich der Meinung, daß man Begriffe auch zurückerobern kann. Eine bestimmte Linke hat das schon beim Heimatbegriff völlig verratzt. Zum Glück ist durch die grüne Bewegung da etwas von bewahrt: daß Heimat eben nicht Nation und Nationalismus ist (die gemeinsamen Kämpfe von Franzosen und Deutschen in Whyll und Fessenheim, im Elsaß und im Badischen zeigen das, sozusagen eine andere, eine bessere Wacht am Rhein), sondern geradezu das Gegenteil. Und so kann man sich durch veränderten Gebrauch auch Begriffe wieder aneignen.

  58. Nur kurz zur Diskussion um den Zerfall Jugoslawiens. Wenn ich che zustimme, sage ich nicht, dass die ökonomische Situation die alleinige Ursache war. Aber ich glaube, dass dieser Aspekt irgendwann sehr dominant wird und den – ich sage jetzt etwas pauschal – „ethnischen Burgfrieden“ im Land ins Wanken gebracht hat.

    Jugoslawien im Sinne Titos sollte ja nie als ethnische Nation verstanden werden. Wenn man so will, kann man hier den Keim für die exzessiven Nationalismen der 1990er-Jahre entdecken. Tito handelte aus historischen Gründen. Man verzichtete darauf, die „Jugoslawen“ neben Slowenen, Kroaten, Serben etc. in den Rang einer Nation zu erheben. Dies hätte, so Holm Sundhaussen, „an das offizielle Nationskonzept des ersten Jugoslawien erinnert“, was man als gescheitert betrachtete. In den 1980er-Jahren wuchs zwar die Zahl derjenigen, sie sich bei Bevölkerungsbefragungen als „Jugoslawen“ bezeichneten, erreichte jedoch nie einen signifikant hohen Wert. 1981 bekannten 8 %, sie seien „Jugoslawen“. Jugoslawien war als außenpolitisches Konstrukt angelegt (s. Tito und seine Blockfreien-Initiative). Im Innern gab es „Serben“; „Kroaten“. usw.

  59. Das trifft es sehr gut. Hervorzuheben ist auch dass Jugoslawien weniger als realsozialistischer Staat im Sinne des Ostblocks zu verstehen ist als eine zur Staatsmacht gelangte Partisanenbewegung. Die Staatsloyalität zerfiel in dem Augenblick in dem die Träger dieser Bewegung starben oder vergreisten und der Mythos bröckelte. Hier wären Parallelitäten und Dysparallelitäten zu Kuba interessant. Gerade der offene Charakter Jugoslawiens – ein Land ohne äußere Feinde – wirkte da eher destabilisierend.

  60. Pingback: Arbeitsjournal, versucht am Morgen des Donnerstags, den 14. November 2019. | Die Dschungel. Anderswelt.

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