Die Familie Brasch – 30 Jahre keine DDR (2). Die Tonspur zum Sonntag

Unbedingt sei den Leserinnen und Lesern diese Dokumentation zur Familie Brasch ans Herz gelegt. Untertitel: „Eine deutsche Geschichte“. Und eine solche deutsche (Familien)Geschichte ist es in der Tat, darin sich die verhängnisvolle Geschichte Deutschlands spiegelt: mal heiter, oft traurig. Es ist zugleich die Geschichte eines aus Nazi-Deutschland vertriebenen Juden, nämlich Horst Brasch, Vater unter anderem des Schriftstellers und Filmemachers Thomas Brasch. Horst Brasch gelangte 1939 mit den Kindertransporten nach England und konnte derart der Vernichtung durch die Deutschen entkommen. Er wollte nach der Befreiung Deutschlands durch die westlichen Alliierten und die Sowjetunion ein anderes, ein besseres Deutschland schaffen. Damit das nie mehr wiederkehrt, denn der Schoß ist fruchtbar noch – bis heute. Und daß da zum Ende des Krieges ein Land namens Deutsche Demokratische Republik aus den Trümmern von Faschismus, Judenmord und Verbrechen erwuchs: aufrechte Antifaschisten traten an, es diesmal anders zu machen. Künstler wie Alfred Döblin und Bert Brecht, Stefan Heym folgten. Aber was geglaubt und was dann am Ende realisiert wurde, ist oft zweierlei. Brecht faßte dies in einem klugen Gedicht in lehrhafte Worte:

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.

Dabei wissen wir ja:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es soweit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unsrer
Mit Nachsicht.

So schrieb Bert Brecht „An die Nachgeborenen“, und das, was im Gedicht, auch in den vorhergehenden Strophen, gedichtet wurde, muß man historisch im Hinterkopf behalten, wenn man die DDR und das, was da war, verstehen will. Eine Diktatur, ohne Meinungsfreiheit und bürgerliche Rechte und zugleich der Versuch, eine gerechte Gesellschaft ohne Ausbeutung zu schaffen.

Die Dokumentation (in der Mediathek leider nur noch bis zum 16.10.) erzählt die Geschichte des Vaters Horst Brasch (1922-1989), der Mutter Gerda (1921-1975), der Söhne Thomas, Klaus und Peter Brasch sowie der Tochter Marion Brasch (1961). Davon der bekannteste Sohn eben der Schriftsteller und Filmemacher Thomas ist (1945–2001). Klaus Brasch (1950-1980) kennen manche aus dem großartigen DEFA-Spielfilm „Solo Sunny“, Peter Brasch (1955-2001) dürfte wenigen nur als Schriftsteller, Dramaturg und Autor von Kinderhörspielen bekannt sein. Sein Roman „Schön hausen“, im April 2019 im Eulenspiegel Verlag wieder aufgelegt, dürfte neu zu entdecken sein – auch im Kontext der Wenderomane scheint mir dieses Buch literaturästhetisch bedeutsam.

Horst Brasch mußte die Wende nicht mehr erleben, sehr wohl aber all die Zerwürfnisse mit seinen Söhnen: als linientreuer Parteisoldat zeigte er seinen Sohn Thomas bei den Oberen an, als dieser zusammen mit Florian Havemann, Bettina Wegner und vielen anderen gegen die Einmarsch der Sowjets in die CSSR  protestierte, Flugblätter verteilte und Protestparolen an die Wand schrieb. Ebenso schickte er die Klagebriefe, die sein Sohn Thomas aus der Kadettenanstalt an den Vater schrieb, an den Ausbilder von Thomas. Funktionäre müssen funktionieren. Man wollte schließlich das bessere.

Anetta Kahane (ebenfalls ein Kind jüdisch-kommunistischer Emigranten und in den 1970er Jahren IM bei der Staatssicherheit) schrieb: „Zu den Feinden der DDR gehören in erster Linie Klaus Brasch und Thomas Brasch.“ All das im Hinterkopf geraten solche Szenen vertrackt. Einfach ist es nicht. Was tat man aus Überzeugung, was aus Opportunismus? Liest man Thomas Braschs „Vor den Vätern sterben die Söhne“ (1977 bei Wagenbach erschienen, ein Jahr nach Braschs Ausreise nach West-Berlin), so ist dies ein zutiefst kritisches Werk zwar, aber es klagt nicht die DDR im ganzen an und ist in diesem Sinne kein Dissidenten-Buch.

Lebenswege fallen unterschiedlich aus. Diese Dokumentation zeigt zwar nicht im Detail den Werdegang jedes einzelnen Familienmitglieds nach, sondern eher bestimmen skizzenhafte Konturen das Bild. Aber gerade darin, in den Skizzen dieser deutsch-deutschen Tragik zeigt sich das Wesentliche: daß da ein Staat antrat, es anders zu machen und das Rad der Geschichte anzuhalten oder wie es Wladimir Majakowski im „Linken Marsch“ dichtete:

Entrollt euren Marsch, Burschen von Bord!
Schluß mit dem Zank und Gezauder.
Still da, ihr Redner!
Du
hast das Wort,
rede, Genosse Mauser!
Brecht das Gesetz aus Adams Zeiten.
Gaul Geschichte, du hinkst …
Woll’n den Schinder zu Schanden reiten.
Links!
Links!
Links!

Dies aber konnte nicht gelingen. Nicht so. Aporie der Utopie. Und deshalb eben, weil diese sich perpetuierenden Widersprüche nicht einfach dialektisch sich auflösen lassen, sondern mit der unvermeidlichen Gewalt und dem Terror konnotiert sind, scheitert die Revolution, frißt sie ihre Kinder, und es kamen nach Prag über Nacht die Panzer. Die antifaschistischen Emigrantenkinder ahnten dies: das, was ihre Väter besser machen wollten, mißlang. Sie probten, nicht anders als jene Bürgerkinder im Westen, den Aufstand gegen ihre Eltern. Und im Kampf der Geschichte, auch gegen den Westen, fielen manchmal die Mittel der Regierenden, die antraten, die Arbeiterklasse zu vertreten, hart aus. Was aber bleibt, stiftete die Kunst der DDR: sie erzählt, sie zeigt. Spannend vor allem zu sehen, wie Kunst ästhetisch die Widersprüche in Prosa oder Bild faßte  – seien das die widerständigen Autoren wie Günter Kunert, Kunze, Huchel, Biermann, Christa Wolf zum Teil, Thomas Braschs DDR-Buch „Vor den Vätern sterben die Söhne“, die großartige Brigitte Reimann mit „Franziska Linkerhand“ oder aber Wolfgang Hilbig, aber auch Autoren, die diesem Staat  nahestanden – Hermann Kant oder der ambivalente und unbedingt lesenswerte Peter Hacks sind da zu nennen.

Die Geschichte der Familie Brasch jedoch bietet ein besonderes Drama, in dem sich Privates und Politisches auf unheilvolle Weise verquicken: Widerstand und ein neues Deutschland, doch Genosse Funktionär kann mit drei rebellischen Söhnen nicht funktionieren und so wird Horst Brasch nach jenem Thomas-Desaster des August 68 in die Parteischule nach Moskau weggelobt. Vordergründig als Auszeichnung deklariert, tatsächlich aber ist es eine Strafe. Immerhin gibt es das Hotel Lux nicht mehr, in dem deutsche Genossen auf Stalins Geheiß auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Es zeigt diese Dokumentation das Nicht-Ankommen jener rebellischen Funktionärskinder: wie sich Konflikte zuspitzen, wie aus jungen Menschen, die dem Projekt DDR im Grunde nicht abgeneigt waren, am Ende Abtrünnige wurde, wie eines der Kinder dem Land den Rücken kehrte und wie Thomas in Reformen keinen Sinn mehr sah. Die einzige „brave“, die es schaffte, die es überlebte und weiterlebte, ist Marion Brasch. Ihre Familiengeschichte findet sich in dem wunderbaren, großartigen Buch „Ab jetzt ist Ruhe. Roman meiner fabelhaften Familie“ – und gerne ließen sich hier noch ein paar weitere Superlative zu diesem Buch hinzufügen.

Und es handelt diese Geschichte ebenso von jenen heißen und liebenden Herzen, die verglühten, die verblühten und im Zorn der Tage, im Strom des Alltags, in den Unverzeihlichkeiten sich zerrissen und zerstritten. Unheilbar – dabei haben wir doch nur ein einziges Leben und kein zweites, um es noch einmal zu probieren. Da geht der Riß durch Familien und Freunde. Aus Zorn und produktiver Wut wird Verbitterung und nach dem Fall der Mauer bei Thomas Brasch ein Schweigen. Ein sprachlos bleibender Vater, der auf die Fragen des Sohnes Thomas nichts zu entgegnen wußte. Ein Streit, der nie mehr zu klären ist, und vielleicht als einzige Hoffnung darin zu lesen, daß Marion Brasch aus all dem halbwegs heil herausgekommen zu sein schien und über diese Geschichte ein solch feines Buch schrieb. Mehr wäre davon zu erzählen. Eine großartige Dokumentation über eine deutsche Familie: über solche, die das bessere, das andere Deutschland wollten.

„Ab jetzt ist Ruhe“ war das Machtwort, das damals die Mutter sprach, wenn die Brasch-Kinder abends zur Schlafenszeit im Kinderzimmer noch zankten. In ihrem Epilog zum Roman, der eine Biographie ist, beschreibt Marion Brasch eine Fahrt zu den drei verschiedenen Friedhöfen, wo die Familienmitglieder verstreut liegen. Thomas Brasch auf dem berühmten, da wo all die anderen lagen: von Fichte und Hegel, über Brecht, Weigel und Heiner Müller, dann ein abgelegener Friedhof, wo Peter und Klaus gemeinsam ruhten, wie man so schön sagt, und schließlich die Fahrt zur Gedenkstätte der Sozialisten in Friedrichsfelde:

„Schließlich fuhr ich zum Friedhof, auf dem meine Eltern lagen, und als ich an ihrem Grab stand, wartete ich wieder auf einen Gedanken. Er kam. Abwesend, dachte ich. Jetzt seid ihr alle abwesend. Das ist traurig, doch es hat auch was Gutes: Ihr könnt mir nicht mehr verlorengehen, weil ich euch schon verloren habe. Ich legte die letzte Rose auf das Grab meiner Eltern. Ich habe euch lieb, sagte ich. Und ab jetzt ist Ruhe.“

 

 

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