Der versehrte Körper

„Es stand aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, des Kleophas Weib, und Maria Magdalena. Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib, siehe, das ist dein Sohn! Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Darnach, da Jesus wußte, daß schon alles vollbracht war, daß die Schrift erfüllt würde, spricht er: Mich dürstet! Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Isop und hielten es ihm dar zum Munde. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.“ (Joh. 19:25-29)

Passend zum Karfreitag einige Überlegungen zum Körper – freilich aus nichttheologischer Perspektive geschrieben, mit dem Schwerpunkt auf die Bildlichkeit -, und zwar über den in seiner physischen Beschädigung auch medial inszenierten Körper. Den in der Marter im Bild dargebotenen Körper als eine Weise der Repräsentation von Gottesfurcht und Dasein Gottes im dunklen Moment seiner (scheinbaren) Abwesenheit, einem Moment, der mit Notwendigkeit erfolgen muß – religio. Daß sich die Schrift erfülle. [Und um dieser Erfüllung willen ist auch eine Person wie Judas religionsdramaturgisch notwendig.]

Zugleich bleibt dieser Körper jedoch – trotz medialer Darbietung, insbesondere in der christlichen Ikonongraphie – akzidentell. Er ist Bild geworden. Eine Paradoxie in der Bildlektüre zeigt sich hier: einerseits verweist der bildlich dargestellte, gemarterte Körper auf ein bloßes Moment im Prozeß: Passionsgang, Marter, Zerschindung, Verklärung und Auferstehung als Geist. Das Zentrum des Bildes ist jedoch, trotz Kreuzestod, nicht die Marter. Andererseits kann sich jener Geist, die Aufhebung des Opfers, das trinitätische Wesen nicht in Abstraktion oder Ornament entäußern und präsentieren, sondern muß (womöglich mit Notwendigkeit) auf die ganz und gar sinnliche Form zurückgreifen. Der Geist und das Wesen Gottes bleiben auf die irdische Repräsentation samt den Repräsentationsmedien und damit auch: auf den Körper als Träger angewiesen.

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In jenem Körper des Gekreuzigten verbinden sich – zumindest in den meisten Bild-Inszenierungen des Abendlandes – Marter, Qual, Verklärung und Verzückung im Schmerz, so wie ihn die zahlreichen und vielschichtigen Gemälde von der Kreuzigung Christi zeigen, über jenes Kreuzigungsbild von Lucas Cranach d. Ä., aber auch El Grecos semi-expressive Leidverzückung in düsterroter Farbe. Oder wie später dann der (biblische) (Hollywood-)Film den Körper (als lesbares Zeichen) ausstellt – ob nun „Das Gewand“ oder „Ben Hur“ und in aller Drastik vielleicht bei Mel Gibsons „Die Passion Christi“. Aber auch Filme, die dem kulturindustriellen Strom entgegenstehen, wie „Montana Sacra“ von Alejandro Jodorowsky oder Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“, präsentieren einen unter dem Zeichen der Religion gekerbten und versehrten Körper. Bei Pier Paolo Pasolini vielleicht durch die Schlichtheit der Darstellung und weil dort keine Überhöhungen  als kulturindustrieller Film-Kitsch und damit im Grunde eine Erniedrigung der Passion stattfinden, vielleicht noch am drastischsten. Die Leidensgeschichte kommt in einer ganz und gar unaufgeregten Form daher. Italienische Bauern als Laiendarsteller.

Eine der kunstgeschichtlich wohl heftigsten Darstellung des Leidens Christi während des Kreuzestodes findet sich in der Bildenden Kunst beim Isenheimer Altar in Colmar, so wie es das Tafelbild von Matthias Grünewald zeigt.

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Dieser Körper der Marter, grün fast, wie von Schimmel überzogen, wird erst in der Auferstehung zum Leib verklärt, und an diesem Leib sind dann alle Zeichen der Entstellung, der Folter und des Vergänglichen getilgt – elevatorische Transformation alles Irdischen und gegen alle Gesetze der Physik, umgeben von der Aureole. Eine herrliche Darstellung, die man sich unbedingt im Original betrachten muß. Das läßt sich in keiner Reproduktion erfassen.

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Ein (mögliches) Pendant zu jeglichem Kreuzigungsbild – inspiriert vom Dada – in satirisch-zuspitzender Absicht, und zugleich als eine komplexe Materie im freilich bereits abgelebten Gestus der Provokation und (notwendig) simplifizierend, zeigt uns Martin Kippenberger. Religion als Farce und dennoch provoziert solche Kunst bis heute:

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Das Bild  entstammt folgender hier verlinkter  Quelle.

Im biblischen Hollywoodfilm hingegen verweltlicht sich in monetärer Absicht der Aspekt der Marter und des Schmerzes. Der Kreuzestod geriet säkular und zur Produktion der Studios. Der Kalvarienberg und die Schädelstädte (des Geistes), auch hier eine Masseninszenierung, wenngleich in anderer Qualität als jene Gemälde und Altarbilder. Doch das Lebendige des Geistes ist nicht im Toten zu suchen oder gar zu fixieren, so wußte es bereits Hegel in seinen Vorlesungen über die „Philosophie der Geschichte“, wenn er im Hinblick auf die christlichen Kreuzzüge formuliert:

„Von Christus selbst konnte man keine Reliquien haben, denn er war auferstanden: das Schweißtuch Christi, das Kreuz Christi, endlich das Grab Christi wurden die höchsten Reliquien. Aber im Grabe liegt wahrhaft der eigentliche Punkt der Umkehrung, im Grabe ist es, wo alle Eitelkeit des Sinnlichen untergeht. Am Heiligen Grabe vergeht alle Eitelkeit der Meinung, da wird es Ernst überhaupt. Im Negativen des Dieses, des Sinnlichen ist es, daß die Umkehrung geschieht (…) Das Prinzip eurer Religion habt ihr nicht im Sinnlichen, im Grabe bei den Toten zu suchen, sondern im lebendigen Geist bei euch selbst. Die ungeheure Idee der Verknüpfung des Endlichen und Unendlichen  haben wir zum Geistlosen werden sehen, daß das Unendliche als Dieses in einem ganz vereinzelten äußerlichen Dinge gesucht worden ist.“ (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte)

Im Prozeß von Moderne und Medien ist der gemarterte Körper zugleich als inszeniertes Ereignis und Spektakel und als eine Art Unterhaltungsnarrativ bedeutsam. Und zugleich weisen gelungene filmische oder überhaupt bildliche Darstellung auf mehr als nur Religiöses: nämlich auf die Folter. Auf eine Folter, die ohne Wenn und Aber und ohne Einschränkungen nicht sein darf. In den vier Evangelien finden sich z.B. keine nennenswerten Hinweise auf Gewalt am Körper Jesu, nichts an Gewalt wird dort in extenso ausgemalt, die Via Dolorosa ist kein Ort für bildliches Theater, für Passionsspiele und Filmeffekt, sondern allenfalls Zeichensprache. Die Gewalt am Körper um der Darstellung von Gewalt willen ist den Evangelien fremd, ihr zentrales Moment ist vielmehr das letzte Opfer des Menschen- und Gottessohnes als Ende jeden Opfers.

Anders der Hollywood-Film, der diese Gewalt am Körper im Extrem und als bereits fetischhafte Obsession inszeniert und in überbordenden, teils auch reißerischen Bildern darbietet, am drastischsten wohl in Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“, den man weniger als einen religiösen Film, sondern als eine Orgie der Selbstdestruktion lesen kann – von der darin sich manifestierenden politischen Bildsprache einmal ganz abgesehen. Religion geschieht hier eben auch um des Effektes willen, dient möglicherweise gar der Produktion von Ideologie qua Bildsprache. Was nicht ausschließt, daß man bei „Die Passion Christi“ auch eine dekonstruktive Lesart wählen kann, die die Formen der Sexualisierung darstellt. [Jeder Fesselung wohnt ein Reiz inne. Sei’s der an den Felsen gefesselte Prometheus, sei’s der ans Kreuz geschlagene Jesus: formschöne, gezeichnete Männerkörper. Die Linie Jesus, Justine, Juliette ziehen. Was man als These dann wiederum konkret am Film selbst überprüfen müßte, auch sein ideologisches Moment, ich will mich hier nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen. Aber ich denke, daß solche Assoziationen aufschlußreich sein können.]

Verklärung des Leids oder Exzeß der Verausgabung?: „– Hat man mich verstanden –? Dionysos gegen den Gekreuzigten!“, wie es im letzten Satz von Nietzsches letzter Schrift heißt: „Ecce homo“. Oder eben Brot und Wein, wie wir es bei Hölderlin finden.

Die Grenze zwischen Lust, Erotik, Gewalt, Schmerz und Religion sind fließend: der kaum bekleidete, gemarterter Körper eines Mannes, den Blicken dargeboten, der Beckenbereich mit einem Schamtuch verhüllt und der warme, der heiße Schmerz durchfährt jede Faser des Körpers. Die Selbstgeißelung und auch die Fremdgeißelung, die sich im Akt des Religiösen ereignet, maskiert ein im Grunde sexuelles Spiel. (Und insofern wird mich auch Ulrich Seidls Film „Paradies: Glaube“ interessieren.)

Die Lust am versehrten Körper hängt einerseits mit einer Form von Gewalt zusammen, die eine absolute Macht darstellt, (der so ausgesetzte Subjekt-Körper als Homo sacer im Sinne Agambens), aber diese Lust ist nicht unbedingt nur totalitarismus- oder faschismuskompatibel, und es hat seine Gründe, weshalb Breker und Riefenstahl lediglich den makelloses Körper in Skulptur und Film umsetzten, von dem alle Spuren der Entstellung durch Mord und Folter getilgt wurden – man betrachte nur diese speer- und diskuswerfenden Männer in Riefenstahls Olympia-Film „Fest der Völker“. Man müßte diese Bilder neben Francis Bacons und Lucien Freuds Gemälden plazieren und zusammendenken. Mich haben immer schon die Gegensätze interessiert.

Der Körper aber, der bei der Kreuzlegung dann gebettet wird, ist aber versehrt. Soviel ist richtig. Doch diese Versehrung bildet keineswegs das zentrale Motiv der Passion.

„Und es war um die sechste Stunde, und es ward eine Finsternis über das ganze Land bis an die neunte Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels zerriß mitten entzwei. Und Jesus rief laut und sprach: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt, verschied er.“ (Lukas 23:44-46)

Man lese diese Stelle parallel mit Kafkas „Die Strafkolonie“. Der gemarterte Körper eines Gefangenen, bei Kafka, mit einer Schrift versehen, die zugleich Tat und Strafe zum Inhalt hat: der Körper als inszenierter Text. So und nicht anders haben wir Verfechter des Textes es gerne. Auch am Karfreitag. Und so geht die Rede des strafenden Offiziers:

„Es darf natürlich keine einfache Schrift sein; sie soll ja nicht sofort töten, sondern durchschnittlich erst in einem Zeitraum von zwölf Stunden; für die sechste Stunde ist der Wendepunkt berechnet. […] Begreifen Sie den Vorgang? Die Egge fängt zu schreiben an; ist sie mit der ersten Anlage der Schrift auf dem Rücken des Mannes fertig, rollt die Watteschicht und wälzt den Körper langsam auf die Seite, um der Egge neuen Raum zu bieten. Inzwischen legen sich die wundbeschriebenen Stellen auf die Watte, welche infolge der besonderen Präparierung sofort die Blutung stillt und zu neuer Vertiefung der Schrift vorbereitet. Hier die Zacken am Rande der Egge reißen dann beim weiteren Umwälzen des Körpers die Watte von den Wunden, schleudern sie in die Grube, und die Egge hat wieder Arbeit. So schreibt sie immer tiefer die zwölf Stunden lang. Die ersten sechs Stunden lebt der Verurteilte fast wie früher, er leidet nur Schmerzen. Nach zwei Stunden wird der Filz entfernt, denn der Mann hat keine Kraft zum Schreien mehr. Hier in diesen elektrisch geheizten Napf am Kopfende wird warmer Reisbrei gelegt, aus dem der Mann, wenn er Lust hat, nehmen kann, was er mit der Zunge erhascht. Keiner versäumt die Gelegenheit. Ich weiß keinen, und meine Erfahrung ist groß. Erst um die sechste Stunde verliert er das Vergnügen am Essen. Ich knie dann gewöhnlich hier nieder und beobachte diese Erscheinung. Der Mann schluckt den letzten Bissen selten, er dreht ihn nur im Mund und speit ihn in die Grube. Ich muß mich dann bücken, sonst fährt er mir ins Gesicht. Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja weiter nichts, der Mann fängt bloß an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund, als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen Wunden. Es ist allerdings viel Arbeit; er braucht sechs Stunden zu ihrer Vollendung.“

Doch das Szenario, von dem der Offizier so angetan ist, mißlingt:

„Die Egge schrieb nicht, sie stach nur, und das Bett wälzte den Körper nicht, sondern hob ihn nur zitternd in die Nadeln hinein. Der Reisende wollte eingreifen, möglicherweise das Ganze zum Stehen bringen, das war ja keine Folter, wie sie der Offizier erreichen wollte, das war unmittelbarer Mord. Er streckte die Hände aus. Da hob sich aber schon die Egge mit dem aufgespießten Körper zur Seite, wie sie es sonst erst in der zwölften Stunde tat. Das Blut floß in hundert Strömen, nicht mit Wasser vermischt, auch die Wasserröhrchen hatten diesmal versagt. Und nun versagte noch das letzte, der Körper löste sich von den langen Nadeln nicht, strömte sein Blut aus, hing aber über der Grube, ohne zu fallen. […] Hierbei sah er [der Reisende, Hinw. Bersarin] fast gegen Willen das Gesicht der Leiche. Es war, wie es im Leben gewesen war; kein Zeichen der versprochenen Erlösung war zu entdecken; was alle anderen in der Maschine gefunden hatten, der Offizier fand es nicht; die Lippen waren fest zusammengedrückt, die Augen waren offen, hatten den Ausdruck des Lebens, der Blick war ruhig und überzeugt, durch die Stirn ging die Spitze des großen eisernen Stachels.“

Es war Mord.

(Bei diesem Text handelt es sich um eine leicht überarbeitete Fassung vom 29.3.2013)

2 Gedanken zu „Der versehrte Körper

  1. Zur Grausamkeit braucht es die Religion nicht, ebensowenig die Vernunft. Im Vernunft und Glaube sind die ultimativen Gegenpole des Bewusstseins.
    (Max Stirner haette hier einen besseren Vergleich gegeben als Nietzsche.)

  2. Nein, zur Grausamkeit braucht es keine Religion und auch keine Vernunft. Aber das schrieb hier auch niemand. Der letzte Satz ist eine These, die ich in nichts begründet sehe. Davon ab, daß Vernunft, Glaube und Bewußtsein philosophiegeschichtlich komplexe Begriffe sind. Im Sinne des Logos sind Bewußtsein, Vernunft und Glaube in einem Zusammenspiel. Und sie sind, weil sie von Menschen gedacht und ausgesagt werden können. In Hegels Worten: „Logos ist bestimmter als Wort. Es ist schöne Zweideutigkeit des griechischen Worts, – Vernunft und zugleich Sprache. Denn Sprache ist die reine Existenz des Geistes; es ist ein Ding, vernommen in sich zurückgekehrt.“

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