Ein Aas. Und ein Blick auf den Sturm: Lauluftzone, Schirrmacher, Steinfeld

Zu meinem gestrigen Blog-Beitrag muß ich – fast unter Zwang – jenes Gedicht von Baudelaire nachreichen, denn es gehört unweigerlich zu meinem Spaziergang. Es paßt so gut, und das in vielfacher Hinsicht, in all den bewußten und unbewußten Konnotationen und Aufladungen. Mit Baudelaire beginnt die Klassische Moderne, der lyrische Gesang trifft nicht mehr die Götter Griechenlands, den Ister, die erhabenen, die kleinen, die feinen Gegenstände oder fertigt die Gestimmtheiten im stillen Winkel, sondern am Kadaver, am Abgelebten, an der toten Natur entzündet sich die Betrachtung und steigert sich verzückt auf zu den Assonanzen, den Allusionen und zu den Parallelen: Nature morte. Der Begriff der Natur bei Baudelaire ist einer der vollendeten Künstlichkeit. Baudelaire haßte die Natur. Es galten ihm lediglich die „künstlichen Paradise“ etwas. Und zugleich ist dieses Gedicht – Wesen der Klassischen Moderne – autoreferentiell, weil es ein Gedicht über die Dichtung selbst und ihre Verfahrensweise ist. „Die Formen ausgelöscht wie Träume und Legenden“ – das deutet auf mehr als nur das tote Tier –, ist Signum der Moderne, jener hektischen, wirren wilden Stadt, das Paris des 19. Jahrhunderts, in dem sich die Waren selbst in Passagen und Ladenfenstern zur Schau stellen. (Fetisch) Der Blick des Dichters fällt auf den Stoff, auf die Frau, auf das Tote, auf die abgelebte Natur. Die Liebe paart sich mit dem Geruch der Verwesung. Der Blick, unter dem alles zum Kadaver gerät. Zur (lebenden) Leiche. Die brennende Sonne, die das Tier versengt. „Die Sonne Satans“, wie der katholische Schriftsteller Georges Bernanos fast 70 Jahre nach den „Fleurs du Mal“ seinen ersten Roman nannte

Ein Aas

Denkst du daran, mein Lieb, was jenen Sommermorgen
Wir sahn im Sonnenschein?
Es war ein schändlich Aas, am Wegrand kaum geborgen
Auf Sand und Kieselstein.

Die Beine hochgestreckt nach Art lüsterner Frauen,
Von heißen Giften voll
Ließ es ganz ohne Scham und frech den Leib uns schauen,
Dem ekler Dunst entquoll.

Die Sonne brannte so auf dies verfaulte Leben,
Als koche sie es gar
Und wolle der Natur in hundert Teilen geben,
Was sie als eins gebar.

Der Himmel blickte still auf dies Gefaule nieder,
Wie er auf Blumen schaut.
So furchtbar war der Dunst, dir schauderten die Glieder
Von Ekel wild durchgraut.

Die Fliegen hörten wir summend das Aas umstreichen
Und sahn das schwarze Heer
Der Larven dichtgedrängt den faulen Leib beschleichen,
Wie ein dickflüssig Meer.

Und alles stieg und fiel aufsprudelnd, vorwärtsquellend
Nach Meereswogen Art,
Fast schien’s, als ob dem Leib, von fremdem Leben schwellend,
Tausendfach Leben ward.

Und seltsame Musik drang uns von da entgegen,
Wie Wind und Wasser singt,
Wie Korn, das in dem Sieb mit rhythmischem Bewegen
Die Hand des Landmanns schwingt.

Die Formen ausgelöscht wie Träume und Legenden,
Entwürfe stümperhaft,
Die halbverwischt die Hand des Künstlers muss vollenden
Aus der Erinnrung Kraft.

Und eine Hündin lief unruhig dort hinterm Steine,
Uns traf ihr böser Blick,
Erspähend den Moment, zu reissen vom Gebeine
Das aufgegebne Stück. –

Und doch wirst einstmals du dem grausen Schmutz hier gleichen,
Dem Kehricht ekelhaft,
Du meiner Augen Licht, du Sonne ohnegleichen,
Stern meiner Leidenschaft.

Ja, so wirst du dereinst, o Königin der Güte,
Nach letzter Ölung sein,
Wenn du verwesend liegst tief unter Gras und Blüte
Bei schimmelndem Gebein.

Dann, Schönheit, sag‘ dem Wurm, der dich zerfleischt mit Küssen,
Wie treu ich sie gewahrt
Die Göttlichkeit des Wesens, das zersetzt, zerrissen
Von meiner Liebe ward.

So geht’s mit der Liebe, die zu heftig züngelt, lodert oder brennt. Wesentlich ist aber die Form, die Sprache: eben der Text, der als Unhintergehbares besteht.

Friedhelm Kemp übersetzt die letzte Strophe so: „Dann, oh meine Schönste! Sag dem Gewürm, das küssend dich verspeisen wird, daß ich die Form, den göttlichen Gehalt bewahrte meiner Liebe, die in Dir zerfällt.“

Was aber bleibt, stiftet nicht die Liebe, sondern die Dichter. So sagt man.

Doch Moderne hin, Moderne her. Zugleich bin ich ein Quotenfixierter, ich schiele auf die Zugriffsrate wie der Junkie nach seinem Dealer mit dem Stoff. Die läßt sich mit Lyrik nicht machen. Vor einer Woche zweifelte ich, ob ich noch mag, nun schreibe ich weiter, fertige die Texte und Essays, von meiner Eitelkeit getrieben. Und deshalb muß ich heute, hier und passend auch zu dieser Überschrift – den Schwenk habe ich über das Aas, die verwesende Leiche, sozusagen skandinavisch gut hinbekommen –, die Namen Thomas Steinfeld, Frank Schirrmacher, FAZ, Der Sturm, Süddeutsche Zeitung, Fischer Verlag, Per Johansson in einem Zuge nennen. Die Hintergründe sind bekannt. Ein „Skandal“, der im Grunde keiner ist. Die einen erregt’s, die anderen läßt’s kalt und wieder andere empören sich. Kaprizierten sich Leserin und Leser mehr auf den Text als solchen und vergäßen diese Spielchen und Kindereien des „Wer hat’s geschrieben?“, könnten solche Mißverständnisse und Selbstbezüglichkeiten des deutschen Feuilletonbetriebes kaum geschehen. Entweder der Krimi ist gut oder er ist es nicht. Ob der zerfetzte Tote nun Ähnlichkeiten mit Schirrmacher, Bersarin oder sonstwem hat, scheint mir eher drittrangig. Warum in aller Welt muß immerfort dieser nervige Textpositivismus betrieben werden? Wer diesen Krimi geschrieben hat, ist für die Lektüre des Krimis ohne jede Bedeutung. Schlimmer als dieses Who is who freilich ist diese Erregungshocherhitzung, in der das Feuilleton sich schwanzreiberisch mit sich selber beschäftigt. Als ob dieser Tratsch und Klatsch, die Intrige nicht schon genug auf den diversen Partys, den rauschenden Festen der Branche, auf den Vernissagen, bei den Premiereabenden der Staatstheater und -opern oder bei der Buchmesse gepflegt würden. Georg Seeßlen unterbreitete in der taz diesen Vorschlag: „Schafft das Feuilleton ab!“ Keine schlechte Idee.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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