Documenta scheiße, Sex geil! Wilde Nächte in Kassel – Texte zur documenta (Part 1)

Sind die dick, Mann, Kai!: Aisthesis goes „Bild“X

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Tja, als wärst Du dabei, Kai. So ist das nun mal mit den Headlines: wenn die Kunst umfassend wird und ein ubiquitärer Begriff derselben um sich greift. Da gerät dann alles in den Bann der Kunst: jede (im wahrsten Sinne des Wortes) „Regung“. Soziale Plastik, so scheint es mir, gibt einen guten Begriff für die ausgedehnte lustvolle Praktik ab, wenn sich sinnlicher Alltag und die Kunst entgrenzen. Aber lang ist (leider) das Leben und kurz nur die Kunst, insofern zurück zur Ästhetik.

Nachdem ich seit bald zwei Wochen Texte zur documenta versprochen habe, folgt nun endlich etwas. Ich stellte mir beim Betrachten die Frage, ob das Konzept der documenta überhaupt noch zeitgemäß ist. Es resultiert aus den 50er Jahren, als der Begriff der Avantgarde sich zu den Avantgarden wandelte, als es im mit dem „avanciertesten ästhetischen Material“ (Adorno) schwieriger wurde und als die Kunst in eine Phase der Pluralität eintrat, die am Ende und als Konsequenz diese herkömmliche Kunst zum Verschwinden brachte. Insbesondere ging es der ersten documenta von 1955 darum, die nachzuholende Moderne ins Bild und ins Bewußtsein der aufstrebenden BRD zu bringen – die Vielfalt einer modernen Kunst zu präsentieren, die aus unerfindlichen Gründen eine lange Zeit von der Bildfläche in Deutschland verschwand.

Seit über dreißig Jahren jedoch registrieren wir, um mit einem Aufsatztitel von Peter Bürger zu sprechen, das „Altern der Moderne“. Es befällt uns Unbehagen: Alles schon einmal irgendwie gesehen, dagewesen und es zeigt sich in der Bildenden Kunst ausgesprochen wenig Innovatives. Es bröckelt und kriselt an allen Enden. Der Besucher läuft mit abgeklärtem Kopfnicken oder -schütteln durch die diversen Ausstellungen. Und insofern konditionieren sich Betrachterin und Betrachter mittlerweile eher rezeptionsästhetisch: das Kunstwerk wird als Stimulans begriffen, soll sinnliches Vergnügen bereiten, die Besucherinnen und Besucher anspringen.

Die documenta (13) bietet einige Kunstwerke, die auf der Ebene vielfältiger Rezeption und über das Vorstellungsvermögen funktionieren, so wie etwa in der Karlsaue die Geräusche des Waldes von Jane Cardiff/George Bures „for a thousend years“. Die Spaziergänger der Karlsaue können sich in einem abgezirkelten Waldgebiet hinsetzen und einer Audiokomposition zuhören, in der verschiedene Geräusche, die mit dem Wald zu tun haben, dargeboten werden: Mehr als dreißig in der Naturszenerie plazierte Lautsprecher produzieren eine ungewöhnliche Klangcollage: Umfallende Bäume, Stürme, Kriegsgeräusch, dumpfes Atmen, sphärisch-kitschige Gesänge, Tiere des Waldes.

Wer will, kann sich in der Karlsaue die verschiedenen Sorten Mangold anschauen, und zwar von Christian Philipp Müller „Die Mangoldfähre (Der Russe kommt nicht mehr über die Fulda)“, indem der Betrachter über einen Ponton schreitet, auf dem Saatkästen ausgestellt sind, in denen verschiedene Arten von Mangold gepflanzt sind. Da kriegen die Besucher Hunger. Wie schon geschrieben: Die Reflexion kann sich an allem entzünden, und wer es mit der Natur hält, der schlendert weiter durch die Karlsaue oder begibt sich ins Ottoneum. Das Verhältnis von Natur und Subjekt ist zumindest eines der Themen der documenta. Auch ein Blutgerüst lädt zum Klettern und Betrachten ein: Sam Durant (Gallows Composite), gut plaziert auf einer der für den Englischen Park so wichtigen Sichtachsen.

Gibt es, was das Konzept dieser documenta betrifft, Verbindungslinien, Zusammenhänge, so wie Carolyn Christov-Bakargiev es in bezug auf die verschiedenen Orte und ihre Konnotationen im Katalogtext feststellt? Es sollen (auch) Plätze und Bereiche zum Austragungsort einer documenta werden, die sich entziehen und die die wenigsten je erreichen werden. Präsenz konzipiert sich als Nicht-Präsenz. Eines der Themen dieser documenta ist – damit korrespondierend – Zerstörung und Aufbau, weshalb Kabul als paradigmatischer Ort ausgewählt wurde, der zur documenta gehört. Verschiedene ausgestellte Werke auf der documenta befassen sich mit dem Aufbau und der Zerstörung von Dingen, so etwa im Fridericianum das Projekt „The Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures“ von Kadar Attia, indem er den westlich-kolonialen Blick auf Afrika, die Reparaturarbeiten an Afrikanischen (Ritual-)Gegenständen wie Masken und Fetischen sowie die Operationstechniken an und die Wiederherstellungsmöglichkeiten von Kriegsversehrten nach dem Ersten Weltkrieg in eine Anordnung von Objekten bringt, zu denen es eine Diaschau gibt. Er beschreibt dies als „kulturelle Rückaneignung“. Insbesondere die deutlich sichtbaren Spuren der Reparatur an diesen afrikanischen Objekten verliehen diesen Dingen einen eigenwilligen Status, der zwischen Kunst, Kolonialismus, Fetisch und Fragmentierung changiert. Mit diesen Objekten werden in jener Diaschau Bilder von Kriegsoperierten in Korrespondenz gesetzt.

Immerhin und das wurde ziemlich vergessen: dieser Erste Weltkrieg tobte auch in Afrika auf dem Boden der ehemaligen Kolonien. Überhaupt ist diese documenta international, es läßt sich nicht sagen, daß die Perspektive der Schau sich auf eine bestimmte Form von Kunst oder eine bestimmte Region fokussiert.

Eine große Rolle spielen zudem die Aufstände in der arabischen Welt: so zeigt Rabih Mroué in seiner Arbeit „Pixelated Revolution“ Handyfilm-Sequenzen von Menschen, die in Syrien ihre eigene Erschießung filmten. Eine sehr eigenwillige Arbeit, und die sich daran anschließenden, in einem Film gezeigten Reflexionen des Künstlers zu den Weisen des Blickes, dem anonymen Gesicht des Todesschützen, das sich in der Projektion auf eine weiße Leinwand immer mehr ins Nichts auflöst, sind gewöhnungsbedürftig. Diese Präsentation hat allein aufgrund des Sujets etwas Verstörendes. Die Frage, ob eine solche kunsttheoretisch-poltisch-ästhetische Reflexion angesichts des realen Todes von Menschen erlaubt sei, schießt einem natürlich sofort durch den Kopf. Aber das Wesen eines Kunstwerkes sollte es sein, das Denken in eine andere Bahn zu bringen. Die Achsen des Blickes, der Gewehrlauf, die Kamera, der eigene Tod: nicht anders als in Chile 1973, wo der argentinischen Kameramanns Leonardo Henrickson seine eigene Ermordung filmte. Zur Verklärung und zur Ästhetisierung taugen diese Dinge nicht, wohl aber zur Reflexion.

Soviel sei als eine erste Sichtung gegeben.

Im zweiten Teil meiner Serie schreibe ich ein wenig über das „Zentrum“ der documenta, das Christov-Bakargiev mit dem etwas eigenwilligen Titel „The brain“ belegt, wo sich die Verbindungslinien bündeln bzw. wo sich die mehr oder weniger rhizomartigen Verzweigungen hin zu den verschiedenen Austellungsobjekten der documenta öffnen. In diesem sogenannten „Brain“, das sich in der Rotunde des Fridericianums befindet, gibt es vor allem das großartige Arrangement um die Photographin Lee Miller zu sehen. Und wir verraten es schon einmal vorab, aber psst nicht weitersagen: Es exponieren sich da auch Devotionalien und Gegenstände aus dem Badezimmer von Hitlers Wohnung in München und dazu mit dem Datum 30.4.1945 verknüpfte Bild/Objekt-Korrespondenzen. Und die Assoziationskette Liebe, Tod, Verstrickungen, Fragmente manifestiert sich ziemlich gekonnt in Man Rays Ready Made des Metronoms, an dem das ausgeschnittene Auge von Man Rays Geliebter befestigt ist: Eben Lee Miller. Zu ihr mehr im zweiten Teil. Neben Geoffrey Farmers genialem „Leaves of Grass“ (wird ebenfalls besprochen), Thomas Bayrles Autobahnfragmentfilm sowie seinen kynetischen Objekten, die in technisch-funktionaler Weise Gebete reproduzieren – er bekam dafür den Arnold Bode-Preis der documenta 13)

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halte ich jenes begehbare Haus-Objekt am Nordbahnhof, das Haris Epaminoda und Daniel Gustav Cramer schufen, für ästhetisch gelungen. Ein Raum der Erinnerungen, der mit der Phantasie und den Möglichkeiten zur ausschweifenden Imagination spielt. Fast wie ein Spukhaus, fast wie Bates Motel in „Psycho“, in dem sich der Betrachter gut und gerne verlieren kann. Assoziationen zur Perspektive und zur Melancholie gleichermaßen sind erlaubt, ja fast würde ich sagen: erwünscht. Jene Kugeln auf dem Dachboden, als geometrisches Objekt weckt den Anklang an Dürers Stich, und zugleich ist das nur einer von vielen Bezügen, die sich einstellen.

Nachtrag: Den Titel dieses Beitrages, das will ich nicht verschweigen, der stammt so nicht ganz von mir, sondern es half mir der Nörgler ein wenig auf die Sprünge.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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