Herbert Feuerstein ist tot

Und das ist eine sehr traurige Nachricht! Ich habe die Sendung „Schmidteinander“ sehr gemocht und ich schätzte ihn genauso solo. Ich mochte diesen so trockenen und schönen Humor: Manchmal beißend, aber nie fies. Klug, stichelnd, aber eigentlich niemals verletzend. Satire und viel Selbstironie: sich selbst und die Dinge, die Welt nicht immer ernst zu nehmen. Das ist zum Weinen traurig, von einem Helden Abschied zu nehmen, der nie ein Held, sondern ein brillanter Entertainer, Kabarettist und Satiriker sein wollte. Er gehörte mit der Mannschaft der alten Titanic (nicht diese Schnarchnasen von heute und die humorbefreite Zone Leo Fischer) zu meinen Lieblingen des harten, des politischen und des ebenso auch unpolitischen kalauernden, albernen und dabei doch meist klugen Witzes. Humor und Komödie sind am Ende die höchsten der Künste und es hat einen guten Grund, weshalb Hegels Ästhetik mit der Komödie endet. Tragödie kann im Grunde jeder spielen und sie begleitet uns beständig. Humor aber ist eine ungleich schwierigere Sache. Denn wir müssen ihn erfinden. Und das ist nicht leicht. Im Tragischen das Spiellerische, das Komische zu sehen. Beckett vermochte es und schrieb solche Stücke. Und Herbert Feuerstein brachte diese hohe Kunst, die so leicht aussieht, ins Fernsehen.

Und dieses unten verlinkte Video war eine unvergessene und herrliche Feier: eine wunderbare Schiffsfahrt zu Feuersteins 70. Geburtstag: „Herr Feuerstein wird 70, und Herr Schmidt bejubelt ihn“ (WDR 2007) Zum Glück habe ich diese Sendung mir damals für DVD aufgenommen. Dieses Spiel von ihm, leichte Hektik, ein Entertainer und Profi, und immer konnte er sich am Ende doch gegen den herrlich lauten Schmidt durchsetzen: mit Schalk, mit Witz, mit Frechheit und einer feinen, leisen ironischen Volte. Herrlich auch hier, wie sie sich gegenseitig die Bälle und die Pointen zuspielen!

„Ich komme wieder – wahrscheinlich, auch dann!“ So sagte es Feuerstein beim Winken zu den Fans und beim Ablegen des WDR-Schiffes in Köln zur Feier seines 70. Geburtstags. Nun ist Herbert Feuerstein mit 83 Jahren gestorben. Gute Reise nun und hinüber in jene andere Welt!

15 Gedanken zu „Herbert Feuerstein ist tot

  1. Wirklich traurig. Er war sehr subtil und manchmal auch ein bisschen kompliziert. „Feuersteins Nacht“ fand ich ein bisschen zu sehr bemüht. Er brauchte, glaube ich, die Reibung mit einem Partner, wobei Schmidt natürlich dazu neigte, zu dominieren. Ich glaube, es war am Ende eine Haßliebe zwischen den beiden.

  2. Diese Haßliebe vermute ich auch und ich denke, beide zogen daraus ihre Größe. Gerade auch in der Geburtstagssendung zum 70. gut zu sehen. Aber ich fand ihn auch solo gut und hörte ihm selbst noch beim Plaudern von scheinbar Belanglosem gerne zu. Im Grunde eine Art von Humor, wie ihn auch Max Goldt macht: Das Groteske des Alltags.

  3. Feuerstein kenne ich noch aus der Vor-Titanic-Zeit, als Chef des Deutschen Mad. Hatte er nicht auch noch dazwischen ein Satiremagazin namens Kaputt herausgegeben?

  4. Richtig, Mad und Pardon, laut wikipedia, aber ich dachte auch, daß es eigentlich Kaputt auch war. Ich kenne ihn aber eher aus dem Fernsehen. Pardon habe ich nur am Rande verfolgt und dann die Hefte, wo Henning Venske Herausgeber war.

  5. Harald Schmidt habe ich kein einziges Mal im Fernsehen gesehen, der ist für mich so fern wie mongolischer Jazz. Wusste bisher gar nicht, dass es Fernsehauftritte von Feuerstein gab. Und dass die beiden miteinander zu tun hatten.

  6. Ich war Pardon-Stammleser, bevor Titanic kam. Meine ganze Familie las Pardon. Klassiker: „Heinrich Lübke redet für Deutschland.“ Das hörten wir alle gemeinsam,, da war ich 5.

  7. Da ist Dir viel entgangen. Manches kann man bei Youtube nachsehen. Sie knüpfen im Grunde an den Non-sense-Humor auch der Neuen Frankfurter Schule und damit implizit auch an Otto an. Nur das alles einen Zacken schärfer, böser, zynischer und als komplette Fernsehshow. Schmidteinander war das beste, was es im Fernsehen gab. Im Grunde auch nochmal eine schöne Ergänzung zu der oftmals und leider immer mehr ins Belehrende abdriftenden Politsatire. Man sollte Hildebrand und Feuerstein/Schmidt sehen – zwei Seiten einer Medaile, auch wenn sich beide vermutlich nur bedingt schätzten und Schmidt und Feuerstein vermutlich ein wenig auch als Gegenprogramm dazu antraten, die doch etwas moraline Zeigefingermannschaft aufzumischen. Zeit wurde es.

    In diesem Sinne ist Harald Schmidt ein Muß. Maßgabe für die Satire und fürs Kabarett. Er war meist dem gegenwärtigen Stand der Satire voraus, er war die Satire als Höhpunkt ihres Faches und ihrer Form, und vor allem teilte er in allen Richtungen aus – politisch oft mals herrlich unkorrekt und das war im moralinen Dunkelduster eine Befreiung. Brillante Ironie und böser Witz. In Kombination mit Herbert Feuerstein waren sie ein großartiges Duo. Obwohl Feuerstein eben kein Sidekick war, sondern erst das Wesen von Schmidt zur Entfaltung brachte, so wie umgekehrt wiederum Feuerstein durch Schmidts dominante Art in seinem Witz glänzen konnte, führten Schmidt und Feuerstein damit den Sidekick in die Satire ein. Es war, nachdem Titanic sich in den 1990er zunehmend zum Predigermagazin für die eigene Gemeinde gewandelt und damit von der klugen Satire verabschiedet hatte, einer der wenigen, die ich noch ernst nehmen mochte, weil sie nämlich in einem zweckfreien und damit wahren Sinne lustig waren und ich nicht den Eindruck hatte, ständig belehrt werden zu müssen. Schmidt schoß seine politischen Pointen spielerisch ab. Man merkte es manchmal kaum, und dafür war das dann um so bitterer und besser.

  8. @“Es war, nachdem Titanic sich in den 1990er zunehmend zum Predigermagazin für die eigene Gemeinde gewandelt und damit von der klugen Satire verabschiedet hatte, einer der wenigen, die ich noch ernst nehmen mochte, weil sie nämlich in einem zweckfreien und damit wahren Sinne lustig waren und ich nicht den Eindruck hatte, ständig belehrt werden zu müssen. “ —– Na ja, den Wandel der Titanic sehe ich etwas anders. In den 90ern, als Reaktion auf die Wiedervereinigung, wurde Titanic zunächst politischer als bis dahin – „Der Witz ist die Fortsetzung der Poliik mit anderen Mitteln“. Aber auch besonders frech und böse, ich erinnere mich an ein Centerfold, das ein kleines Mädchen auf dem Kinderstrich zeigte mit der Überschrift „Kinder bringen Freude ins Leben“ und einem Text, der so gehalten war dass er sich sowohl auf die Mißbrauch-mit-dem-Mißbrauch-Kampagne beziehen als auch gegen Abtreibungsgegner ins Feld führen ließ. Das war die für mein Gefühl radikalste Satire ever. Der Wandel zum Insidermagazin für eine sich selbst genügende Gemeinde (Z.B. Rubrik „Partner Titanic“) kam erst nach 2000. In den frühen 90ern verband ja Kowalski den ursprünglichen Titanic-Stil mit Brösel-Comics („Spoil, der Rächer der Entnervten“) und Mad-Anliehen.

  9. Für die 1990er mag das noch gelten, und es gibt dort auch immer mal wieder gute Sachen. Aber ich hatte irgendwann genug von diesem am Ende auch wieder verbissenen Humor. In diesem Sinne waren Leute wie Feuerstein und Schmidt eine gute Ergänzung und auch Befreiung. Und was mir entgegenkam: Sie legten sich politisch nicht fest. Im ganzen war das also eine Erweiterung des Repertoires von Satire.

  10. Eine Frau in deren Begleitung wir uns mal trafen war mal auf einer Redaktionsparty der Titanic und kann berichten dass diese Leute auch privat sehr sehr schräg waren.

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