Der schöne 3. Oktober: Ihr habt den Farbfilm vergessen!

„Ich schätzte die Sowjetunion nicht wegen ihrer Nachteile, wie Planwirtschaft, Arbeitsplatzgarantie und festgeschriebener Einkommen, sondern wegen ihrer Vorzüge, wie Atomraketen, Panzerarmeen und riesiger Raketenkreuzer, die das einzige Mittel waren, den überbordenden Kapitalismus im Zaum zu halten und zu zivilisiertem Verhalten zu zwingen, aus reiner Angst“
(Hermann L. Gemliza zugeschriebenes Zitat)

Der Satz mag zynisch anmuten, ist aber angesichts einer sich ungehemmt zeigenden Wirtschaft, die den Primat gegenüber der Politik und der politischen Gestaltung des Wandels besaß, in seiner Polemik nicht ganz von der Hand zu weisen. Wenn man in Bischofferode das Kaliwerk dichtmacht, weil man lieber ein Werk im Westen erhalten will, wenn die Politik, getrieben teils von der Wirtschaft, teils in vorauseilendem Gehorsam, teils auch aus Unwissen heraus, Arbeit abwickelt und VEB fürderhin die Bedeutung „Vatis ehemaliger Betrieb“ besitzt, dann entsteht ein Leerraum. Und den haben unter anderem junge Menschen mit sehr kurzen Haaren und mit Springerstiefeln aufgefüllt. Die alte Autorität brach weg, die neue war nicht da oder zog nicht. Das interessante dabei: Der Westen hatte nicht nur das Führungspersonal für die Wirtschaft, die passenden Politiker und die Dekane und Professoren für die Universitäten 1990 ins Beitrittsgebiet mitgebracht, sondern auch gleich noch die Nazis: Michael Kühnen, Holger Apfel, Udo Pastörs, Andreas Kalbitz, Björn Höcke und ebenso rechstkonservative Kader wie Alexander Gauland, Martin Reichardt, Götz Kubitschek und Ellen Kositza.

Aber ich will es gar nicht polemisch halten. Auch soll an diesem Jahrestag ein Jubelgedicht gegeben werden:

Der Wessi grüßt die Ossa:
Zur Wiedervereinigung ein Hossa!
Wir nahm’n Euch zwar die Betriebe weg
Doch war es für den Freiheitszweck

Wir schenkten euch die Treuhand,
Ohne großen Aufwand.
Zum Lohn bekamen wir Klagen
Und unverschämte Fragen.

Zwar sind eure Renten miese,
Ihr freut euch nicht, das ist fiese.
Denn Freiheit ist nun Euer Lohn
Und eben auch manch Wessi-Hohn.

An keiner Uni, in keinem Betrieb
Als Führungskraft von euch einer blieb.
Doch nehmt uns das nicht krumm
Und bleibt auch weiter stumm.

Da sprach die Ossa zum Wesser
Das nächst Mal klappt’s besser.

Wie dem auch sei: ein Staat, der seine Bürger einmauern muß, hat am Ende kein Recht auf Existenz. Und so fegt ihn die Geschichte hinweg.

Wer in der Belletristik ein wenig über jene Zeit des Umbruchs lesen will, findet eine Menge Bücher: ich empfehle immer wieder aufs neue von Clemens Meyer „Als wir träumten“ (2006) und gerade kürzlich erschienen von Lutz Seiler „Stern 111“, wo es einerseits um die wilden Jahre der Mitte- und Prenzlauer-Berg-Szene geht und um zwei geniale und bisher immer stumme Eltern, die gleich nach der Öffnung der Mauer in den Westen gehen und dort ihr Glück suchen und finden. Wie schon „Kruso“ ist auch „Stern 111“ ein hervorragender und vor allem schöner Roman, der einen Blick auf jene wilden Jahre in Berlin öffnet, poetisch, verspielt, aber doch realistisch genug, um zu sehen, daß die meisten Träume von Freiheit situativ und flüchtig sind, und es ist eben auch ein Bildungsroman: wie aus einem ziemlichen Schluff ein Dichter, ein Autor, ein Schriftsteller wurde. (Rezension folgt auf diesem Blog – hoffentlich)

Und heute zum Tag der Deutschen Einheit gibt es Pflaumenkuchen mit Schlagsahne. Und abends Riesling aus dem Elsaß. Warum gerade aus dem Elsaß? Na, weil ich gerne deutsche Weine trinke. Als ich 2011 das Elsaß bereiste, merkte ich zum ersten Mal in Frankreich,  daß ich gar nicht wirklich in Frankreich war, und irgendwie dann doch wieder. Das begann damit, daß wir uns in dem Ort Oberehnheim (französisch ausgesprochen Obernai) in einem Restaurant etwas zu essen bestellten, und ich dachte, es ist sicherlich höflich, die Bestellung in Französisch zu tätigen, denn schließlich spreche ich die Sprache: „Jö wudröh, äh, si vu pläh, ün tart dü öhhmm …“ Nein, eine Tarte du Öhm hatten sie nicht, aber es kam dann beherzt aus dem elsässer Kellnerinnenmund „Sie wollen also einen Flammkuchen mit Speck?“, so kürzte sie das Bestellen ab. Und ab da wußte ich: das Elsaß bleibt deutsch. Gemeinsam mit der französischen Kellnerin hoben wir die Gläser, sangen erst die Wacht am Rhein und dann die Martzeläs ab und waren europäisch-vergnügt.

Hier zudem einige Photographien aus dem Osten bzw. der Mitte von Berlin (2008 und 2009). Bei den Bildern außerhalb von Berlin handelt es sich um den Osten Brandenburgs, nämlich beim Schlaubetal, ansonsten Usedom, Halle, Burg Kriebstein, Rochlitz, Grimma.

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