Zum Tod von Bruno Ganz

Ich selbst gehörte seinerzeit zu den begeisterten Hitlerimitatoren. Wir haben das schon in der Oberstufe gemacht, weil das Punk-Gestus war. Und womit sonst kann man linksliberale Lehrer noch irritieren? Lehrer, die mit einem Mitte der 1980er Jahre auf dieselben Anti-Atomraketen-Demos gehen. Hitler spielen also als neuen Schulsport. Bruno Ganz fügte dem eine neue Ausdrucksvariante hinzu, später dann, 2004, unnachahmlich im „Bonkär“. Schon wir damals im Geschichtsleistungskurs 84: „A propos ‚Wehrmacht‘: Wer macht heute abend die Weinflaschen auf?“ Wir aber waren im Bunker eher so die Wachmannschaften und Offiziere, die zunehmend beim Wein verluderten.

Doch das ist eigentlich unwesentlich, diese Anekdote ist auch nur wieder eine Form der Selbstinszenierung des Hausherrn im Grandhotel Abgrund und nichts gegen Ganz, denn selbst diese Rolle des FH, des Führer Hitler, spielte Bruno Ganz mit Bravour, und keineswegs ließ er sich auf eine solche Rolle in seiner Ausdrucksvielfalt reduzieren. Im Gegenteil war dies eigentlich ein ganz und gar gelungener Rollenwechsel des eigentlich ruhigen, melancholischen, intellektuellen Ganz: der mit dem Gesicht des Künstlers, des Denkers,des Sinnlichen. In seinem Gesicht, in seinem Gestus lagen eine Ruhe und eine Schönheit, wie sie nur wenige Schauspieler haben. Vielleicht der junge Helmut Berger und vor allem Oscar Werner.

Ich mochte Bruno Ganz (und Otto Sander) in „Der Himmel über Berlin“, obwohl ich den Film damals, 1987, mit Verachtung strafte. Vor allem wegen dieser artifiziellen Sprache, in der die Leute von der Straße eben nicht denken, so dachte ich damals, zu überzuckert war diese Sprache geraten, oder wie Adorno es in bezug auf eine bestimmte Dichtung und Vintage-Gebilde einmal schrieb: „Gebeizte Stimmungskunst“: wenn das Schockmoment, das einst mit den Film-Werken einherging zugunsten eines gefälligen Umgangs verblaste. Heute freilich sehe ich es anders, sehe den „Himmel über Berlin“ wohlwollender, eine schöne Geschichte, auch der Schmutz von Berlin und zugleich ein großer Glanz, eine Stille, die da in der damals noch zerrissenen Stadt herrschte. Denke beim Rückblick noch an das Nick Cave-Konzert. Feine alte Zeit, wo auch ich mich bei Nick Cave-Konzerten herumtrieb, und es ist ja immer noch sehr gute Musik, bis heute. Sie paßte ebenfalls damals zu diesem Lebensgefühl da in Berlin. Wenngleich ich damals nicht an der Schaubühne war und Bruno Ganz schaute. Dennoch waren wir schon früh Fans.

Ja, ich liebte Ganz als Schauspieler vor allem in der „Marquise von O“, Regie Éric Rohmer, dessen Filme wir insbesondere zur Punk-Zeit mit Vorliebe sahen, vielleicht als Erlösung von all der Unruhe der Zeit, der rauen Musik und politisch mit Le Waldsterben, Le Angst und Le Atomkrieg – diese ins Hysterische gehende Panik konnte ich, bei all der verständlichen Unruhe, nie nachvollziehen. Sinnlos. Ich wollte einen kritischen und hedonistischen Punk, eine kritische, eine brutale, eine gesellschaftliche, eine autonome Kunst. Ich wollte den Lobpreis des Scheins, der Gebilde des Trugs, des Spiels. So wie in der Marquise? Das Aussetzen der Wirklichkeit und zugleich die ungeheure Brutalität darin. Ich schätzte vor allem „Der amerikanische Freund“ – lange, lange ist all das her. Und ich möchte unbedingt erwähnen: die schöne TV-Serie „Tassilo – Ein Fall für sich“. Bruno Ganz verkörperte diesen wehmütigen Detektiv in großartiger Weise. Selten solch ein guter Ermittler.

Nun also ist einer der großen Schauspieler gegangen. Diese seltsamen Schweizer.

Simon Strauß faßt es in der FAZ schön zusammen:

„1996 wurde ihm der Iffland-Ring, die bedeutendste Auszeichnung für deutschsprachige Schauspieler der Gegenwart, verliehen. Seinen letzten Bühnenauftritt hatte er 2012 in Luc Bondys Pariser Inszenierung von „Homecoming“, seinen letzten Filmauftritt in Lars von Triers „The House That Jack Built“. Da spielte er den klugen Führer ins Totenreich. Seine Lesungen waren eindrucksvoll. Die letzte sollte bei den Salzburger Festspielen 2018 zusammen mit Edith Clever aus dem Briefwechsel Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze sein. Schweren Herzens musste er sie absagen. Nun ist er im Alter von 77 Jahren gestorben.“

 

 

 

Ein Gedanke zu „Zum Tod von Bruno Ganz

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