Unreifeprüfung – Julia Zange „Realitätsgewitter“

Bevor ich das Buch überhaupt aufschlage, argwöhne ich bereits den Berlinranz, auch wenn der Titel „Realitätsgewitter“ eine lustige Anspielung auf Ernst Jünger zu enthalten scheint. Doch wird das Buch der Fallhöhe nicht gerecht werden, mutmaße ich. Und das ist dann  umso peinlicher, wenn ein vollmundiger Titel gewählt wurde. Auch die Bezeichnung Popliteratur nimmt mich nicht wirklich für das Buch ein. Ich würde sogar behaupten, das Gegenteil sei der Fall. Nun kenne ich zwar Julia Zanges neuen Roman nicht, aber manchmal reichen Inhaltsangaben. Rönne für Arme, Karen Köhler für die Lesebühne, Hegemann-Szenigkeit, aber fürs breite Publikum angelegt. Denke ich mir. Ohne sprachliche Ambition und in eitler Selbstgefälligkeit zu Papier gebracht oder genauer in die Datei gehuscht. Literatur nicht als Literatur, sondern als Pose gespielt. So steht der Verdacht im Raum, und wenn ich anschließend den zum Buch passenden Artikel von Hannah Lühmann in der „Welt“ lese, eine Art Homestory, wird das alles nicht besser. So gar nicht besser. Hallo Blasenwelt, denke ich mir. Eine Blasenwelt, in der sich die Stimmchen gegenseitig verstärken möchten und zurück bleiben Echo und Echolalie. Der Scheiß taugt nicht einmal mehr zum Mythos und heiß ist er auch nicht. Narziß kotzt, Püppie pupst. Wen außerhalb Berlins interessiert solche Prosa? Vielleicht jene, die es nach Berlin zieht. Immerhin ein Verkaufsargument. Das Stadtmarketing Berlins dankt.

Dazu noch ein kleiner Medienskandal, der per Presse, also von Lühmann, flugs lanciert werden muß, damit das Buch denn doch die nötige Aufmerksamkeit erfährt. (Dem Aufbau Verlag sei es gegönnt.) Schließlich haben die Eltern gegen Inhalte des Buches eine einstweilige Verfügung eingereicht. Sie fühlten sich wiedererkannt. Heute weiß man nicht einmal mehr, ob nicht sogar solche Klagen eine Art Inszenierung sind. Aber glauben wir es den armen Eltern mal.

Daß die Protagonistin des Romans etwas in Medien macht, war zu erwarten. Schon diese Anordnung von Klischees vom Klischee eines Klischees nimmt mich für das Buch nicht ein. Aber, so denke ich mir, es gibt auf den Verlagsseiten Leseproben, ich möchte mir und dem Buch eine Chance geben. Vielleicht tragen die Sprache oder eine filigrane Konstruktion jene schlechte Story und das kann dann wiederum Geschichte und Setting spannend machen. Die Probe-PDF nehme ich mir vor, lese die ersten Seiten, greife mir die Auftakt-Szene heraus: Mara ist einsam, es ist kurz vor Weihnachten, Mara hat da Beklemmungen, weil sie allein und es eben kurz vor Weihnachten ist, nur Ben schafft es immer gut, Maras Beklemmungen zu lösen. Mara textet Ben, Ben textet zurück, will sie auch sehen, bekommt einen Termin, Mara macht sich fein, Mara lackiert ihr Nägel, Mara besucht einen Typen namens Ben, in den sie verliebt ist, er jedoch nicht in sie. Ben ist Amerikaner. Und so nimmt die Julia Zanges Bravo-Photolovestory ihren Lauf:

„Ich mache wie immer ein paar Bemerkungen zu den Pflanzen und der Aussicht. Ich sage, dass ich gerne umziehen würde. Er drückt mich während ich rede, zieht meine Jacke aus und unterbricht meine Sätze mit Küssen. Ich hole jedes Mal Luft, um weiterzureden. Aber er drückt jetzt eine Hand gegen meine Brust. Und dann kann ich mich schon wieder nicht wehren, weil ich so selten angefasst werde, dass mein Körper sofort explodiert. Er zieht mir alles aus, liebevoll, aber auch irgendwie professionell und wirft mich aufs Bett. Wenn wir Sex haben, ist alles ganz selbstverständlich und er vollkommen selbstbewusst, aber das ist er eben nur beim Sex. Wir küssen uns wie zwei verlorene Kätzchen.“

(…)

„Ben bringt mich zur U1, damit ich die letzte Bahn nach Hause nehmen kann.

‚Komm doch mit zu mir!‘, flehe ich augenflatternd.

‚Nein, ich kann nicht, ich habe noch Bettwäsche in der Waschmaschine …‘

Zu Hause angekommen setze ich mich auf das neue geblümte Schlafsofa, das meine Mutter mir vor einiger Zeit geschenkt hatte. Wir hatten es im Onlineshop zusammen ausgesucht und sie hatte es bezahlt.“

Und so läuft die Prosa im Leerlauf des Zeilenschindens weiter. Atemlos durch die Nacht, atemlos durch die Clubs und auf die Haut ganz sicher auch ein Liebestattoo geritzt. Diese Prosa ist auf den ersten Seiten bereits ohne jede Überraschung, ohne jede Wendung, jeder Satz ist erwartbar. Interessieren uns wirklich die Geschichten von verwahrlosten Wohlstandsgören? Storys, die nach demselben Muster gestrickt sind.

Aber wenigstens wissen wir nun, weshalb die Amerikaner um Klassen gekonnter erzählen können, selbst dort, wo sie langweilig sind und uns den Alltag des Mittelstands andienen,  wie in Updikes Rabbit-Romanen. Und ich weiß nach solcher Zange-Lektüre auch, weshalb ich mich lieber Botho Strauß, Peter Handke und Jean Paul widme. Weshalb hört diese Art des Biographie-Schreibens, diese Variante der Pop-Texte nicht auf? Als hätte es Alexa Henning von Lange niemals gegeben, eifern Autoren weiterhin diesem Stil nach, der gefühlte 30 Jahre alt ist, produzieren Texte in dieser Form, kopieren Inhalte. Nein, da will ich statt Berlin doch lieber die deutsche Provinz in der Literatur. Ob das nun der ins Kunstgewerblich-Ziselierte spielende Saša Stanišić ist, ob die kluge Baumeisterin Zeh oder der Inselbewohner Lutz Seiler oder im besten Falle eine solche wundervolle und blitzgescheite Geschichte, wie sie Thomas Hettche mit „Pfaueninsel“ zu erfinden vermochte. Bücher, die wenigstens halten und uns etwas zu erzählen haben. Was ich von den ersten 12 Seiten bei Julia Zange nicht zu sagen vermag. Man soll Bücher nie gegeneinander ausspielen. Aber nach diesen ersten Seiten von Julia Zanges Roman weiß ich zumindest, was ich in der Literatur auf keinen Fall lesen möchte. Denn es bedeutet, Zeit zu vergeuden, die für andere Bücher – sagt meinethalben Klassiker dazu – besser aufgehoben sind. Solches Zelebrieren und Wiederholen der ausgestanzten Formen jedoch ist schlicht unproduktiv. Für Leser wie Schreiber.

Über die Wiederholung schrieb Sören Kierkegaard 1843:

„Wie jeder weiß, trat Diogenes als Opponent auf, als die Eleaten die Bewegung leugneten. Er trat wirklich auf, denn er sagte nicht ein Wort, sondern ging ein paarmal hin und her, wodurch er jene ausreichend widerlegt zu haben glaubte. Als ich mich, zumindest gelegentlich, längere Zeit mit dem Problem beschäftigt hatte, ob eine Wiederholung möglich sei und welche Bedeutung diese habe, ob etwas durch Wiederholung gewinne oder verliere, fiel es mir plötzlich ein: Du kannst ja nach Berlin reisen, da bist du früher schon einmal gewesen, und überzeuge dich, ob eine Wiederholung möglich ist und was sie zu bedeuten hat.“

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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21 Antworten zu Unreifeprüfung – Julia Zange „Realitätsgewitter“

  1. che2001 schreibt:

    Es gibt genug lesenswerte aktuelle Literatur: Tschick, Comic Culture Clash, Persepolis, Das Zimmer, die Stunde des Schakals….

  2. Uwe schreibt:

    „Gut gebrüllt, Löwe!“

    Was uns fehlt, ist eine neues „Pilzjahr“ ;-),
    benannt nach jenem Gottlieb Theodor Pilz, der als ein Genie der Demotivierung Werke im großen Maßstab verhinderte, dabei diversen Schöpfern einen Dämpfer verpasste oder retardierend auf sie einwirkte und anstelle des Schaffens vielmehr das Unterlassen predigte.
    Nachzulesen in Wolfgang Hildesheimers „Lieblosen Legenden“ (1952/1962).
    Auch das lesenswerte Literatur und allemal aktuell.

    Gruß, Uwe

  3. Bersarin schreibt:

    @ che: Lesenswerteres als dieses Buch gibt es auf alle Fälle. Ich halte mich mittlerweile an die Klassiker. Und ansonsten muß man halt bei den Neuen suchen und ein Trüffelschwein sein.

    @ Uwe: Sehr schönes Literatur-Motiv: Schlechte Werke zu verhindern und das Unterlassen zu predigen. Vom inzwischen weitgehend vergessenen Wolfgang Hilldesheimer. WIe erquicklich war doch die Literatur der Nachkriegszeit.

    Beste Grüße nach Hamburg

  4. ziggev schreibt:

    Eigentlich schade, sie wollte – atemlos – umziehen, doch er zieht sie „professionell“ aus. Ihr Körper, puff, „explodiert sofort“. Das ist eine gute Sache. Warum viel drumrumreden, wenn der Superlativ so schnell hingeschrieben ist? Straight to the facts, die man so schnell wie möglich hinter sich lassen sollte. Was auch zu unserer Erleichterung geschieht. Sie sollte über Sex schreiben. Aber dann: „Wir küssen uns wie zwei verlorene Kätzchen.“

    In dieselbe Kategorie gehört auch das „augenflatternd“. Damit auch jeder weiß, das ist wirklich trivial:

    ‚Komm doch mit zu mir!‘, flehe ich augenflatternd.

    ‚Nein, ich kann nicht, ich habe noch Bettwäsche in der Waschmaschine …‘

    Nichts. Keine Lakonie erforderlich. Es ist auch nichts absurd. Nur „Bettwäsche in der Waschmaschine“. Halt, stopp, falsch zitiert: “ …“ Die berühmten Dreipunkte.

    Pornografie lasse sich, wie Sieglinde Geisel auf tell-review W. H. Auden zitiert, nur als sexueller Stimulus lesen, beim Versuch, es anders aufzufassen, werde man „zu Tränen gelangweilt“. Hier werde ich aber nicht einmal gelangweilt. So, genau so, sollte man über Sex, das Sex-Vor- und Nachspiel schreiben. Wir lernen, Heidegger irrte sich. Das Nichts nichtet; richtig. Hier nichtet es das Nichts. Nur wirklich trivial sollte es nicht werden.

  5. Bersarin schreibt:

    Zanges Prosa ist auf alle Fälle ein gutes Beispiel für solche Trivialliteratur oder es ist eine Art Kolportage. Ich vermute jedoch, daß die Autorin ihre Zeilen bierernst meint.

    Man kann diese Prosa Satz für Satz auseinandernehmen, ebenso ihre Struktur, den Plot, die Figuren analysieren. Allein – es wäre hier schade um die Zeit. Aber vielleicht sind nur die ersten 12 Seiten in dieser Art und danach wird alles anders. Glauben tue ich’s freilich nicht.

  6. Dieter Kief schreibt:

    Was spricht dagegen, die Jungen einfach machen zu lassen. Ab und zu erscheint eine, die interessant ist. Das erzählt man dann weiter. Ich – äh – wiederhole mich gerne: Hellwach, Hillary T. Smith. Fischer.
    Ganz gutes Zeichen – die Erinnerung daran vermischt sich mit Bildern aus Happy-Go-Lucky von Mike Leigh.

  7. Bersarin schreibt:

    Es gibt ja das schöne Volkslied „Laß doch der Jugend ihren Lauf“: Das sollte man sicherlich tun, und darauf hoffen, daß unter 1000 blinden Sauen auch eine Perle sich befinden mag. So und nicht anders ist es auch in der Literatur. Sozusagen immer das Prinzip Hoffnung hochhalten.

  8. Dieter Kief schreibt:

    Ja, die tausend blinden Sauen sind gesetzt. – Tanz mit der Dorle, walz mit der Dorle – bis nach Schweinau…schöne Mädchen wachen (ok, ok…) immer wieder auf…
    Kommando Bimberle – Prinzip Gelassenheit. – Vorwärts, und nicht vergessen: „Die Empörung altert – die Ironie bleibt“ (HME – d. Ä. ….), die Gelassenheit soll man lieb haben (=“erkennen“) (ipse dixit)).

  9. Gernot schreibt:

    Und das soll eine „Buchkritik“ sein? Der Autor/die Autorin (???) gibt ja selber zu, bloß eine Leseprobe des Buches zu kennen, dazu einen (übrigens ziemlich albernen) Online-Artikel aus der Welt. Hier wird ja nicht mal mehr ein Anschein von Seriosität gewahrt. Daß man glaubt, eine Autorin bloß aufgrund einer Inhaltsangabe und von ein paar Seiten öffentlich in die Pfanne hauen zu können, ist ein Armutszeugnis. Willkommen am Stammtisch!

  10. Bersarin schreibt:

    @ Dieter Kief: Die Ironie bleibt: That’s it. Der entscheidende Satz. Sehe ich genauso. Spott, Ironie und schiefere Bedeutung.

    @ Gernot: Wer sagte, dies sei eine Buchkritik? Es ist ein veritabler Buchverriß und die Begründung liegt im zitierten Text. Diese 12 Seiten sind bereits derart schlimm und voll von Klischee, dap die zitierten Passagen eigentlich für sich sprechen. Um diese Scharte auszuwetzen, müßte Zange im folgenden 500 Seiten exquisite Prosa schreiben. Allein, ich will’s nicht glauben, daß diese folgen.

  11. Partyschreck schreibt:

    Hach, über so wohlwollende Zeilen, wie sie Frau Lühmann gegenüber Frau Zange mit schwärmerisch anteilnehmendem Überschwang formuliert, kann ein Niemand wie Frank Castorf, den Frau Lühman hingegen offenbar am liebsten ganz lässig und handstreichartig gegen beinahe „was auch immer“ eintauschen würde (Ich zitiere sie hier mal: „Ist es nicht vielleicht besser, wenn sich etwas verändert, fast egal, was?“ Zitat aus https://www.welt.de/kultur/article159207567/Warum-die-Berliner-Volksbuehne-sterben-muss.html) natürlich nur träumen!

    Kann es vielleicht sein, dass die beiden Berliner HipsterInnen sich ursprünglich beim Sticker-Tausch kennenlernten, bei welchem Frau Lühmann Frau Zange großzügig zwei historische, pre-tocotronische, neonorange „Vorsicht Volksbühne“-Aufkleber samt einem Dutzend Schächtelchen „Fuck-Off“-Zündhölzer gegen sechsmal Diddl-Maus überließ und dass die ungewohnt schmeichelnden Worte hierraus resultieren?

  12. Partyschreck schreibt:

    Sorry, es sollte natürlich „von so wohlwollenden Zeilen…“ heißen:)

  13. Bersarin schreibt:

    Zumindest zeigt es, daß die beiden Strunzen Lühmann und Zange gut miteinander vernetzt sind. Wird aber der Zange nichts nützen. Bleiben wird von dieser Prosa, die das Klischee vom Klischee ist („Wir sind ja soooooo szeeeenig, hihihihihi. wir koksen, ficken und kaufen Volksbühnenaufkleber subversiv, hihihihihhi) nichts.

  14. che2001 schreibt:

    Was für ein hohles Gefasel, der Lühmann-Artikel. Und das in Springers Welt, die einmal ebenso strikt reaktionär wie entschieden bildungsbürgerlich war, aber auch zu der Zeit war Frau Lühmann wahrscheinlich noch nicht in der Lage zu lesen.

  15. Partyschreck schreibt:

    Man wird sehen, was die Generation Diddl-Maus für die Nachwelt bereithalten wird. Einfach nur sein derzeitiges Jungsein an sich wie eine Monstranz vor sich herzutragen, und als Mädchen aus gutem Hause so oft wie möglich ganz subversiv und andeutungsschwanger das Wort „Koks“ in seine Texte einfließen zu lassen hält – so befürchte ich zumindest – vorraussichtlich nicht sehr lange vor.

  16. che2001 schreibt:

    Da sind ja dann selbst die irgendwasmitmedienelite nachhaltiger;-)

  17. Bersarin schreibt:

    Die Lühmann kann ich nicht recht ernst nehmen. Bedeutungslos und langweilig Sofern Zange ihren Stil nicht ändern und kein besseres Sujets findet, prophezeien wir ihr dasselbe. Was aber wird bleiben von beiden? Nichts.

    Zu der Zeit war Lühmann noch nicht lesefähig, so ist es. Inzwischen hat sich Springers „Welt“ im Kurs massiv geändert – wobei dieser Wandel spät erst einsetzte, in den 00er Jahren mit der Zeitungskrise. Den vorausschauenden Blick zumindest muß man dem Springer-Konzern lassen. Aus einem reaktionären, rechten, konservativen Kampf-Blatt (konservativ im schlechten Sinne verstanden, es gibt ja auch einen guten Sinn. Ich selber würde mich ebenfalls als konservativ bezeichnen.) ist ein neoliberales Blatt geworden, das zur (rechten) Mitte strebt, sich im Ton hip gibt, sich im Feuilleton zwei Lolitas hält (Rönne, Lühmann), um auch ein junges Publikum anzusprechen. Solche wie Ulf Poschardt sind da der wandelnde Beweis für. Neoliberalismus auf zwei Beinen. Sich Pop gebend, absolut pro Flüchtlinge, sich auf die Humanität beziehend und im nächsten Satz dann schreibt Poschardt, daß man, damit die Flüchtlinge schnell in den Arbeitsmarkt gebracht werden können, die bestehenden Gesetze zum Schutz der Arbeitnehmer doch lockern müsse. Soviel zur Humanität, die wohl eher strategisch eingeübt wurde. Dennoch:Die Gegner sind unscharf geworden, die Grenzen immer fließender und oft nur noch nach der jeweiligen Lage gezogen.

    Die Welt probt dem Spagat: zwischen rechten Tönen wie der Kriegstrompete von Jericho, Richard Herzinger, oder dem merkwürdigen Broder – Matussek ist inzwischen rausgeflogen – gibt es ebeno ausgewogene Artikel. Im Feuilleton findet sich manch Anregendes, Kämmerling z.B. Allerdings lese ich die Welt nur online. Kaufen werde ich sie mir nicht.

  18. che2001 schreibt:

    Früher, und zwar in einem Zeithorizont, der von 1960 bis nach 1990 reicht war alles ziemlich deutlich und übersichtlich: BILD zwischen CSU und NPD und von der Braunzone nur durch den Pro-Israelismus getrennt, Welt von der BILD durch anspruchsvolle Sprache und ein gutes Feuilleton unterschieden, inhaltlich jedoch nicht wirklich anders. Hip, Pop und junge Leute ansprechend war in der Bürgerpresse gar niemand, dafür gab es eigene Magazine und Zeitungen wie Tempo, Wiener, Prinz, Max, Die Woche. Auch sonst war die Presselandschaft weltanschaulich streng geordnet: DIE ZEIT mogadischoliberal, der Stern rechter SPD-Flügel und mehr Infotainment als gut recherchierter Journalismus, der SPIEGEL innerlich rotgelbes Bündnis und auf eine eitle, narzisstische Weise antietatistisch – man zahlt Honorare für Enthüllungen nach Größe des angerichteten Schadens – Quick, Bunte, Neue Revue jeweils durchaus politische Magazine pro CDU.

    Lang ists her.

    Mal abgesehen davon, dass Äußerungen wie „da waren Tocotronic noch nicht gegründet“ oder „da lebte Kurt Cobain noch“ so bedeutungsschwer sind wie „das ist soooooooooo Neunziger“, was wiederum metaphorisch steht für „ich weigere mich nachzudenken und bin außerdem empathielos“, also der Zeitgeist der Florian-Illies-Generation, der Yuppies und der Popper, die Frau Lühmann aber auch wiederum zu jung ist um die noch zu kennen.

  19. netbitch schreibt:

    Weil die Hauptblätter inzwischen auch jung und hip abdecken hat Springer gerade die Allegra mal wieder eingestellt. Es gibt keinen Markt mehr für solche Spartenmagazine.

    Btw habe gerade die Lobhudelei der Lühmann auf Zange gelesen und mich vor lachen weggeschmissen. „jung“, „begabt“ und „Frau“ erscheinen hier als bedeutungsaufgeladene Reizworte. ROFL!

  20. Bersarin schreibt:

    Na ja, Lühmann eben. Bei einer Studentenzeitung würden wir sagen: Sie ist ja noch jung. Ansonsten paßt der Begriff von Partyschreck ganz gut: Generation Diddl-Maus.

  21. ziggev schreibt:

    dass die Autorin über Sex schreiben sollte, meinte ich übrigens ganz unironisch, ohne eigenes Statement, ob Sex nun banal sei, eine triviale Angelegenheit oder nicht, oder eigene Meinung, wie es sich damit bei der Autorin wohl verhalte (aus gesicherter, mittlerweile unter Anhedonie leidender Quelle, Koks ist gar nicht mal allzu empfehlenswert).

    abgesehen von den bereits bemängelten Klischees („augenflatternd“, …) schreibt unsere Autorin, wie ich feststellte, ganz ähnlich, bis in Wortwahl hinein, wie jene Autorin, die, da kommt in einigen Jahrzehnten einiges zusammen, immerhin „hunderte“ Liehaber hatte und in ihrem Buch „Sex, Ekstase und Transzendenz“ (amazon-Link, unter „Produktinformationen“ PDF-Link zur 10-seitigen Leseprobe, hier e-book) über die Erfahrungen mit den sieben Liebhabern berichtet, mit denen sie „tantrischen“ Sex praktiziert habe.

    in Sachen erotischer Literatur oder Pornographie kommt da also niemand auf desselben Kosten. „‚Mein‘ Körper explodierte“ ist bei dieser Berichterstatterin auf ihrer „Pilgerfahrt“ – die zeitweise glaubte, durch Sex der „Erleuchtung“ nicht mehr fern zu sein – die übliche Formulierung. Auch die in ihrer Schlichtheit fast anheimelnde Formulierung, er habe das „professionell“ gemacht, findet sich in diesem Buch, das immerhin für Männer geschrieben wurde, die Frauen lieben.

    es handelt sich also auch um den Lebensbericht einer „Pilgerin“ in Sachen Sex, „ein praktisches Buch, das von existenziellen Themen des täglichen Lebens handelt …“

    diesen „existenziellen Themen“, Lektorat ? – offenbar Fehlanzeige, werden breit ausgewalzt, boshaft könnte man sagen, dass existenzielle „Themen“ sich beim Lesen durchaus trivial darstellen. Dabei ist das Leben ja tatsächlich so trivial! Die Wäsche ist noch in der Maschine – und setzt allen Sehnsüchten der augenflatternden Autorin für jenen Abend ein Ende. Keine Selbstreflexion, keine zweite Ebene, wir erfahren nichts über die Erzählerin, die offenbar über sich selber – dazu ist Koks ein gutes Hilfsmittel – etwas herauszufinden gar nicht bestrebt ist.

    so bleibt, wie dieser kurze Abschnitt befürchten lässt, dieser sms-Roman, also Sätze, die der Aufmerksamkeisspanne einer Fliege gerecht werden würden (die Bezugsgröße fürn Vergleich stammt von Sheldon Cooper), so sehr an der Oberfläche, dass diese sich völlig opak und undurchdringlech darbietet.

    wir hätten also genau die Stilebene der Autorin von „Sex, Extase und Transzendenz“, wobei letztere andauernd endlos vom Thema, Sex, abschweift und auf diese Weise etwas langweilt. „Realitätsgewitter“ mag nun insgesamt ein langweiliges Buch sein. Desh. meine Anregung, sie solle über Sex schreiben. Ob langweilig oder nicht, ob nun Sex banal ist, trivial oder nicht: Warum muss denn ein schlichter Tatsachenbericht über diese Materie immer gleich im desillusionierenden Gestus abgefasst und brutal-schockierend sein?

    Das alte Problem aller Mystiker, dass über spirituelle Erlebnisse sich nichts eigentlich aussagen lässt. Meine esoterische Autorin „explodiert“ wieder einmal – in München – und hat einen „internen Orgasmus“, hervorgerufen allein durch eine minimale Berührung. Mehr erfahren wir nicht. Der opake Stil von Julia Zange ist für solche Schilderungen, zu diesem Ergebnis komme ich, prädestiniert. Und Julia Zange würde bestimmt ihre Abschweifungen auf „die Wäsche ist noch in der Maschine“ verkürzen.

    Vielleicht irre ich mich, und Julia Zange hat im Gegensatz zum ersten Eindruck ein – reflektiertes – Interesse an sich selbst. Ein solches mag durch berliner Echokammern verhindert worden sein. Sollte das aber das Ziel sein, Koks ist ein sicheres Mittel. Aber Selbstreflexion hat noch niemand zur Erleuchtung verholfen. Leider ist zu befürchten, dass Zange (noch) gar nichts erlebt hat, worüber sich dennoch geeigneterweise in einem banalen Stil schreiben lässt. Aber wielleicht ja doch? Ich überlege, ob ich mir nicht vielleicht „Realitätsgewitter“ anschaffte. Lob der Oberfläche, Camp, schreibt sie noch mehr über Sex? Ich überlege noch … (die drei Auslassungspunkte übrigens ein sicheres Zeichen für Trivialliteraur)

    . übrigens, dazu, dass „I feel that“, wo man im Englischen „ich denke, dass“ meint, durchgängig mit „ich fühle, dass“ übersetzt wird, wurde der Übersetzer gezwungen, ich kann versichern, ein Experte in Trivialliteratur. Ebenfalls dazu, die ermüdenden redundanten Satzkonstruktionen zu übernehmen. Auch ist er für die absoluten „no-goes“, die sich finden, nicht verantwortlich.

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