Die Geburt des modernen Märchens aus dem Geist des Punsches

Wer durch die Gassen Bambergs wandert, wird sich womöglich erinnern, daß in dieser oberfränkischen Stadt nicht nur Hegel als Redakteur bei der „Bamberger Zeitung“ schrieb – eine Würdigung dieses großen Mannes befindet sich an seinem Wohnhaus; leider versäumte man es, seine Vornamen in die richtige Anordnung zu bringen –, sondern ebenfalls wirkte einige Jahre lang E.T.A. Hoffmann in Bamberg. Relativ erfolglos debütierte er als Musikdirektor, schrieb dort einige seiner wichtigsten Werke, z.B. „Der goldene Topf. Ein Märchen aus neuerer Zeit“. Darin aus dem „Geist“ des Alkohols eine Geschichte sich entspinnt, in der ein Jüngling die Freuden der Liebe in Gedanken erfährt. Nicht genau weiß man, was daran Wahrheit, Dichtung, Erlebnis oder der berauschenden  Kraft von Einbildung und schwerem Punsch geschuldet ist. Ein sozusagen postmodernes Literaturkonzept avant la lettre. Die ungebändigte Phantasie eines Jünglings, samt dem zu dieser Phase des Lebens gehörigen Rausch – auch eines Rauschs der Verliebtheit. Insofern ist die Warnung bzw. der Fluch des Apfelweibleins, den diese im „Goldenen Topf“ gegen den Jüngling Anselmus ausspracht, ganz wörtlich zu nehmen: „ins Kristall bald dein Fall – ins Kristall“. Einige zu tiefe Blicke in das Glas getan. Aber schön war es doch!

Wenn ich durch die nächtlichen Gassen Bambergs spaziere, die gelben Lichter der Laternen, die Kälte und auch das Diesige in der Luft, das vom Fluß her aufsteigt und sich hoch oben um den Dom und über das Kloster legt, das in den Nebelschwaden verschwindet und wie Kafkas Schloß mir erscheint, so meine ich, daß sich aus den Ecken von Häusern oder hinter den Mauern Gestalten des Spuks entwinden. Aber alles ist leer. Und dieser Zustand macht die Szenerie der beschaulichen Stadt noch viel trügerischer. Es ist ein Trick, denke ich mir. Die Schritte meiner Schuhe hallen nach. Das Rauschen des Flusses an der Oberen Brücke. Je weiter man sich von der Altstadt entfernt, desto stiller und auch unheimlicher schürt sich die Atmosphäre der Nacht. Keine Menschenseele und mit etwas Punsch, Wein oder wie man es im Oberfränkischen sehr lecker wegsüffeln kann, dem Bier, gerät die Phantasie auf die schiefe Bahn. In einer kleinen Galeriekneipe trank ich einige Bier und zum Abschluß einen Kant-Wein, was Weißes, leicht und lecker. Nachts hallen die Schritte in den Straßen, an einem kleinen Brunnen stehen Grablichter, die leuchten. Für irgendwas. Nachts durch eine relativ unbekannte Stadt zu schlendern und den Alkohol im Blute zu haben, stachelt die wilde Phantasie auf. Da kann man den Dichter Hoffmann gut verstehen. Daß  ins Leben der Doppelgänger und ins Sinnieren samt dem daran gebundenen Spintisieren die Phantastik sich einschleicht und die Einbildungskraft sich entfesselt.

Das Ingenium des Dichters muß sich auf das des Philosophen übertragen. Bedauerlicherweise schätzte der kluge Hegel die Schauergeschichten des E.T.A. Hoffmann nicht sonders, er empfand sie vielmehr als abgeschmackte Kopfgeburten – eine Literatur, die den Krankheiten des Geistes das Wort redete, so dachte es Hegel sich in seinen Ästhetikvorlesungen.

„Vorzüglich jedoch ist in neuester Zeit die innere haltlose Zerrissenheit, welche alle widrigsten Dissonanzen durchgeht, Mode geworden und hat einen Humor der Abscheulichkeit und eine Fratzenhaftigkeit der Ironie zuwege gebracht, in der sich [Ernst] Theodor [Amadeus] Hoffmann z.B. wohlgefiel.“

Von der Poetik her genommen, sind diese Sätze Hegels zwar wenig schmeichelhafte Worte für die dunkle Dichtung des E.T.A. Hoffmann. Hegel hatte in diesem Sinne jedoch mehr recht, als er es ahnte und dies zudem ohne die von ihm intendierte negative Beimischung. Denn er formulierte ungewollt die Bedingungen der heraufziehenden literarischen Moderne, unter denen solches Schreiben  geschah –  samt einer Ästhetik des Häßlichen, wie sie der Hegelschüler Rosenkranz formulierte. Trunkenes Böses, Rausch und künstliche bis irre Paradiese – sei es in den USA Edgar Allan Poe und knapp 25 Jahre nach Hegels Tod dann Baudelaire. Dem Geist des Weines zumindest sprachen alle vier gerne zu.

„‚Es kann aber auch sein‘, sprach der Student Anselmus zu sich selbst, ‚daß der superfeine starke Magenlikör, den ich bei dem Monsieur Conradi etwas begierig genossen, alle die tollen Fantasmata geschaffen, die mich vor der Haustür des Archivarius Lindhorst ängsteten. Deshalb bleibe ich heute ganz nüchtern und will nun wohl allem weitern Ungemach, das mir begegnen könnte, Trotz bieten.‘ – So wie damals, als er sich zum ersten Besuch bei dem Archivarius Lindhorst rüstete, steckte er seine Federzeichnungen und kalligraphischen Kunstwerke, seine Tuschstangen, seine wohlgespitzten Rabenfedern ein, und schon wollte er zur Tür hinausschreiten, als ihm das Fläschchen mit dem gelben Liquor in die Augen fiel, das er von dem Archivarius Lindhorst erhalten. Da gingen ihm wieder all die seltsamen Abenteuer, welche er erlebt, mit glühenden Farben durch den Sinn, und ein namenloses Gefühl von Wonne und Schmerz durchschnitt seine Brust. Unwillkürlich rief er mit recht kläglicher Stimme aus: ‚Ach, gehe ich denn nicht zum Archivarius, nur um dich zu sehen, du holde, liebliche Serpentina?‘ – Es war ihm in dem Augenblick so, als könne Serpentinas Liebe der Preis einer mühevollen gefährlichen Arbeit sein, die er unternehmen müßte, und diese Arbeit sei keine andere, als das Kopieren der Lindhorstischen Manuskripte.“

Der Akt des Kopierens und der Schrift dienen in dieser Prosa als Voraussetzung für die Liebe. Sozusagen eine neue Art der Transzendentalpoesie in pragmatischer Absicht.

 

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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7 Antworten zu Die Geburt des modernen Märchens aus dem Geist des Punsches

  1. Bersarin schreibt:

    Lieber Uwe, danke für Deine schönen Kommentare besonders für das Zitat von Karl Kraus und den Verweis auf Hegel zum Ende der Kunst: daß wir unsere Knie nicht mehr beugen.

    In der Tat scheint auf dem einen Bild sich jemand übers Verkehrsaufkommen zu beklagen, was für einen in Berlin Lebenden schmunzeln läßt. Aber es stimmt schon: wenn man durch diese engen Gassen schreitet und es fahren ab und zu Autos, dann wird es eng und als Fußgänger muß man leider schauen, wo man abbleibt.

    Als Photograph die Eisgrube und den Eisbären gefunden zu haben, erweist sich als ein Glücksfall.

    Ohne Menschen: Die reinen Strukturen einer Stadt. Exakt das ist es! Meine Geliebte hingegen kann mit diesen Bildern so gar nichts anfangen und wir geraten über solche Motive schnell mal in den Streit. Hitzköpfe, die wir sind.

  2. Bersarin schreibt:

    Vielen Dank für das schöne und treffende Gedicht, Herwig!

  3. meh schreibt:

    »Herr Anselmus – Herr Anselmus«, rief der Konrektor Paulmann, »rappelt’s Ihnen im Kopfe? – was um des Himmels willen schwatzen Sie für ungewaschenes Zeug!« […]

    Ich kann mich noch gut entsinnen, dass ich vor hmzig Jahren beim Lesen dieses Kapitels ob des sich entfesselnden Irrsinns laut lachen musste.

  4. Bersarin schreibt:

    Ein wunderbares Märchen und voll von Komik vor allem.

  5. holio schreibt:

    Herzlichen Dank für die Anregung. Es war eine wahn-, wahrhaft schöne Weihnachtslektüre.

  6. Bersarin schreibt:

    Gerne geschehen. In der Tat ein feiner, irrer, genialer Text aus dem Punschtopp

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