Nietzsches Wahrheit (2)

Um einen kleinen Vorblick auf den nächsten Teil der Nietzsche-Lektüre zu werfen und sozusagen, schon einmal eine kurze Perspektive zu eröffnen, und zwar dahin, wo der Blick zu schweifen vermag, wenn er einmal aus dem Bewußtseinszimmer hinaussieht, so sei ein kleines Stück aus der „Geburt der Tragödie“ zitiert:

 „Es geht die alte Sage, dass König Midas lange Zeit nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysos, im Walde gejagt habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht: ‚Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das Erspriesslichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu sein. Das Zweitbeste aber ist für dich – bald zu sterben.“ (KSA 1, 35)

 Gerne wüßte man, wie und auf welche Weise Midas den Begleiter des Dionysos zum Sprechen zwang. Womöglich war die Methode derselben Natur wie Apollon den Faun Marsyas strafte, der den Gott zum Wettspiel auf einer Art Flöte herausforderte. Gut bekam es ihm nicht.

 Wo aber Gefahr ist, da wächst bekanntlich auch das Rettende: Die Griechen besaßen in ihrer Kunst – zumindest in der Lesart Nietzsches – ein geeignetes Mittel, ein so grausames Wissen handhabbar zu machen:

 „In der Bewusstheit der einmal geschauten Wahrheit sieht jetzt der Mensch überall nur das Entsetzliche oder Absurde des Seins, (…), jetzt erkennt er die Weisheit des Waldgottes Silen: es ekel ihn.

Hier, in dieser höchsten Gefahr des Willens, naht sich, als rettende, heilkündige Zauberin, die Kunst; sie allein vermag jene Ekelgedanken über das Entsetzliche oder Absurde des Daseins in Vorstellungen umzubiegen, mit denen sich leben lässt: diese sind das Erhabene als die künstlerische Bändigung des Entsetzlichen und das Komische als die künstlerische Entladung vom Ekel des Absurden.“ (S. 57)

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