Theater mit dem Theater

Über Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“

Wieder einmal gibt es Streit um ein Theaterstück, und zwar um Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von 1975, das im Rahmen einer Fassbinder-Trilogie von Roberto Ciulli heute am „Theater an der Ruhr“ aufgeführt werden soll. Schon einmal brach 1985 anläßlich der Erstaufführung am „Schauspiel Frankfurt“eine heftige öffentliche Debatte um jenes Stück los, die bis in den Feuilletons hohe Wellen schlug, ging es doch um nichts weniger als den Vorwurf des Antisemitismus, der gegen Fassbinders Stück erhoben wurde: Inwiefern bedient dieses Stück antisemitische Klischees und inwiefern reproduziert es sie (gewollt oder ungewollt)?

Kritiker meinten in der Figur des „reichen Juden“, der sein Geld als Immobilienspekulant verdient, Ignatz Bubis zu erkennen. Die Bezüge zu Frankfurt und den Häuserkämpfen der 70er Jahre, wenngleich im Stück niemals direkt ausgesprochen, sind deutlich abzulesen, und in einem „Offenen Brief“ zu diesem Stück spricht Fassbinder ganz klar davon, daß die Vorgänge in Frankfurt/M ein Vorbild für den Text lieferten. Die Proteste gegen dieses Stück gingen so weit, daß 1985 die Premiere von Zuschauern unterbrochen wurde, die empört die Bühne besetzten. In deutschen Theatern wurde das Stück bisher nicht aufgeführt, sieht man, laut Wikipedia, von einer Amateur-Aufführung 1979 in Bochum einmal ab.

Aber wie ist das nun, wie verhält es sich mit dem Text: Steckt darin ein gehöriges Maß an Antisemitismus, ist er antisemitisch? Das ist nicht ganz einfach zu entscheiden, und man begibt sich auf heikles Terrain. Ausweichend kann man sagen: Ja und zugleich nein, denn die Figuren und ihre Bezeichnungen zeigen eigentlich deutlich, daß hier mit Stereotypen, mit irrealen Figuren und mit Funktionsträgern gespielt wird; da tauchen dann neben dem „reichen Juden“ „Marie-Antoinette“, „der kleine Prinz“, „der Zwerg“, Hans von Gluck“ „Oscar von Leiden“ auf: Stilisierte Figuren. Die Namen der Prostitierten-Riege sind da schon eher der Realität entnommen: Spitznamen, wie sie milieubedingt vergeben werden. Da heißt dann die eine „Asbach-Lilly“ oder „Miss Violet“. Auch die Sprache der Figuren ist eine Kunstsprache, sie geht teils in Jamben vonstatten, es herrscht ein Versmaß, wie man es nicht vermutet hätte und wie es zu der schmutzigen unheimeligen Atmosphäre des Stückes kaum paßt.

Doch dann gibt es die problematischen Stellen, wo es wunderlich wird:

„DER REICHE JUDE (…) Ich kaufe alte Häuser in dieser Stadt, reiße sie ab, baue neue, die verkaufe ich gut. Die Stadt schützt mich, das muß sie. Zudem bin ich Jude. Der Polizeipräsident ist mein Freund, was man so Freund nennt, der Bürgermeister lädt mich gern ein, auf die Stadtverordneten kann ich zählen. Gewiß – keiner schätzt das besonders, was er da zuläßt, aber der Plan ist nicht meiner, der war da, ehe ich kam. Es muß mir egal sein, ob Kinder weinen, ob Alte, Gebrechliche leiden.“ Und zum Schluß dieser Szene dann dies: der reiche Jude und Roma B, die von ihm gekaufte Prostituierte, tanzen ein Menuett zum Gesang des Liedes „Auf der Mauer auf der Lauer sitzt ne kleine Wanze …“.

Das ist schon sehr grenzwertig. Selbst wenn man wohlwollend konstatiert, daß es sich um ein uneigentliches Sprechen handelt. Doch ganz gleichgültig, ob einem diese Passagen nun gefallen oder nicht, so muß nach ihrer ästhetischen Wertigkeit gefragt werden und danach, was diese Passagen motiviert. Zunächst einmal ist festzustellen, daß hier nicht nur gängige Klischees reproduziert werden, sondern die Sätze selbst sind klischeeartig, ob als bewußtes Mittel eingesetzt oder unbewußt, das sei dahingestellt. Die immergleich Reihe der Mächtigen, die Mechanismen der Macht. Der ästhetischer Wert solcher Sätze ist begrenzt; selbst wenn man sie persiflierend liest: gelungen und gekonnt ist das nicht, weil sich das Klischee lediglich doppelt, ohne daß hier ein Mehr erzeugt wird; das, worüber gesprochen wird und die Sprache, die darüber spricht, sind identisch. Es klappert und polittrompetet in solchen Sätzen im Stück bei Fassbinder doch arg wie an den schlimmsten Stellen bei Brecht oder Sartre. Allerdings: Auch wenn die Figur bei Fassbinder nicht „der reiche Jude“ hieße, sondern „der reiche Spekulant“: diese Sätze und diese Art, wie die Mechanismen urbaner Verwüstung dargestellt werden, wären genauso mißlungen, und ihr Inhalt wäre, trotzdem, immer noch richtig, wenn man es als politisches Pamphlet liest. Es gibt urbane Verwüstungen, es gibt diese Unwirtlichkeit unserer Städte, es gibt diese Korruptionsschiene der Macht; sicherlich, ja, wir wissen es. Gelungen ist Fassbinders Stück an anderen Stellen. Dort, wo es sich politisch gibt, kippt es ins Lehr- und Thesenstück ab.

Insofern ist der „reiche Jude“ dann doch ganz geschickt und auch provokant eingesetzt: er übertüncht manche seichte Stelle des Stückes, und der Zuschauer muß sich nun mit anderen Sachen abgeben. Eigentlich entfaltet das Stück seine Provokation auf Umwegen erst durch den Juden. Wäre es nur der „reiche Spekulant“ gewesen, es hätte kaum eine solche Resonanz in der Öffentlichkeit gegeben.

Vieles in dem Stück ist Provokation und stilisiert, manchmal sogar recht gelungen, was etwa die Schilderung des Milieus und der Sexualität betrifft, so hat Fassbinder da ein gutes Händchen. Das Überzeichnete zeigt sich etwa in jenem Vater der Prostituierten Roma B, der im Dritten Reich Menschen umbrachte und nun als Transvestit auftritt. Das ist nur noch grotesk, hat mit Realismus kaum etwas zu schaffen. Insofern sollte und darf man viele Dinge in diesem Stück nicht „eins-zu-eins“ nehmen. Etwa wenn es einige Stellen später hießt:

„HANS VON GLUCK Er saugt uns aus der Jud. Trinkt unser Blut und setzt uns ins Unrecht, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen. (…) Und Schuld hat der Jud, weil er uns schuldig macht, denn er ist da. Wär er geblieben, wo er herkam, oder hätten sie ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen. Sie haben vergessen, ihn zu vergasen. Das ist kein Witz, so denkt es in mir.“

Hier ist die Sache eindeutig. Es handelt sich um ein Figurensprechen, wie es in der Kunst nun einmal praktiziert wird; Fassbinder führt das Sprechen des gewendeten Nachkriegsantisemiten vor, der sich zuweilen (siehe die Bild-„Zeitung“ damals) als Philosemit tarnt. Es fließt in solchen Momenten das aus, was im Verborgenen gedacht wird, die wahre Meinung, die nun endlich einmal – im geeigneten Rahmen versteht sich – ausgesprochen werden darf. Solche Sätze sind grausam, sie betäuben. Und genau das sollen sie auch. Sicherlich sind sie wenig subtil. Aber darauf kommt es in diesem Zusammenhang auch nicht an. Wenn es um die Sexualität und den Faschismus geht, da ist Fassbinder so wenig subtil wie Pasolini etwa in seinen „120 Tagen von Sodom“.

Natürlich, so läßt sich als Einwand vorbringen, kann ein Autor auch durch seine Figuren Dinge aussprechen, die er sich sonst nicht trauen würde. Aber dieses Argument ist eher lahm. Man müßte in einem solchen Falle Fassbinder schon direkte antisemitische Äußerungen nachweisen, damit das zieht und trifft. Auch sein „Offener Brief“ von 1976 ist eindeutiger Natur: Es gibt Antisemitismus in der Gesellschaft, und es gibt auch Juden, die sich die Mechanismen des Kapitalismus zunutze machen. Solches Verhalten wie das des „reichen Juden“ jedoch tangiert nicht die Grundstruktur dieses Kapitalismus, denn es wird hier nicht vorgebracht, daß Kapitalismus ein Phänomen sei, welches auf dem Judentum beruhe.

Zudem muß man sehen, daß ein Theaterstück doch sehr an seiner Inszenierung hängt. Man kann einen Text so oder anders lesen. Da läßt sich durch einen guten Regisseur einiges an einem eigentlich schlechten Text tilgen, deshalb also, so nebenbei, ein Lob auf das gekonnte Regietheater. Manches Brecht-Stück lebt nur durch seine Inszenierung. So mag es auch diesem Fassbinder-Text ergehen, der teilweise geniale Momente, leider aber auch manche Plattitüde bereithält.

Abschließend können wir nur von Glück sagen, daß in der Theater- und Schreiblandschaft nicht irgendwo der „mordende Moslem“ als Figur auftaucht, genauso als Klischee gezeichnet wie der „reiche Jude“. Die Empörungsmaschinerie einer bestimmten Linken wäre plangemäß-pflichtgemäß angesprungen. E. Jelinek hätte dazu eines ihrer immergleichen Polit-Theaterstück geschrieben, den Zeigefinger gibt‘s gratis dazu. Die vielfältigen Richtungen des politischen Islam würden ihre Mitglieder pflugs instrumentalisieren und mobilisieren, innerländisch sowie in Ländern, wo es ansonsten keinerlei Demonstration geben darf, tauchten plötzlich Tausende auf der Straße auf, um Feuerchen auf Fahnen zu entfachen, um politischen Druck auszuüben. Die westliche (Selbst-)Zensur beim Karrikaturenstreit mag da einen Vorgeschmack abgegeben haben, wie so etwas funktioniert.

Es sei jedoch Dank: In Fassbinders Stück sind es zum Glück nur Juden. Beim Antisemitismus tut sich ein Teil der Linken leider eher schwer. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Zumindest aber rechtfertigt auch der berechtigte oder unberechtigte Antisemitismusvorwurf gegen ein Stück keine Zensur oder zwangsweise durchgeführten Boykott mittels Blockaden. Zumal es explizit in diesem Stück schwierig zu entscheiden ist. Ich halte es nicht für antisemitisch, es ist jedoch grenzwertig, und ich kann die Empörung insbesondere der Jüdischen Gemeinde sehr gut nachvollziehen. Solche Sätze gerade in Deutschland zu hören, ist ein Schlag in das Gesicht, wenn man es unmittelbar und direkt nimmt.

Aber das Stück muß endlich gespielt werden, trotz alledem, sei es nun gut oder schlecht, antisemitisch oder nicht. Die Beurteilung nicht nur des Textes, sondern auch der Inszenierung obliegt dem Publikum. Wichtig zumindest ist, daß darüber gesprochen werden kann und daß es eine Öffentlichkeit gibt, die darüber urteilt und diskutiert.

Ein Gedanke zu „Theater mit dem Theater

  1. «…uneigentliches Sprechen…»

    So prägnant habe ich selten auf auf den vielen Premieren-Feiern meiner Vergangenheit jemann-denn die Sache auf den Punkt bringen hören oder schreiben. Ja, in der Tat ist vielleicht die Tren nung von Au tor, Re gie und Re zeption so und aus heutiger Sicht zu be trachten ?! (Am Theater am Turm in FFM und seiner zeit war das im Rausch der kollektiven Re voluption nicht zu erkennen, klar ist aus heutiger, möglicherweise resignativer Rückblicks per spektive dann aber doch vielleicht auch der absichtsvolle Um gang mit dem alltäglichen Sodom ?)

    (okay, das ist jetzt auch nur un eigentlich gesprochen respektive geschrieben – und es ist spät am Abend – und auch spät für RWF ?)

    Schön, diesen Text zu lesen präzise 70 Jahre nach den Urteilen von Nürnberg. Vergessen sollen wir aber sicher auch nicht die Vor Urteile von Mülheim im Vorfeld des heutigen Abends.

    «Wen du begreifst, den musst du nicht bedauern» (Petra von Kant)

    WISH YOU WERE HERE, RWF.

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