Walter Kempowski – mehr als ein Chronist

Er war ein großer Romancier aus jener großen Generation der deutschen Nachkriegsschriftsteller; doch spät erst kam er aufgrund seiner tragischen Lebensumstände zum Schreiben. Er war ein Realist und war es zugleich doch nicht. Vor allem aber war Walter Kempowski umstritten. Seine Art zu erzählen, behagte (auch ästhetisch) nicht jedermann; in den Wehen der 68er-Ideologie war sein 1969 erschienenes Erstlingswerk „Im Block“, in dem er seine Zeit in Bautzen schilderte, eher ein Affront. Es wurde nicht wahrgenommen, und man wollte sich nicht mit dem System DDR auseinandersetzen, schon gar nicht mit einer Person sich abgeben, die aus der DDR fortging und dort zudem und zuvor in Haft saß. Diese Art von autobiographischem Roman, „neuer Subjektivität“ und Realismus wollte man nicht; es paßte nicht in das vernagelte Blockdenken jener Zeit. Und dies ließ man Kempowski deutlich spüren. Da war einer zur falschen Zeit am falschen Ort. Vielleicht gerade deshalb seine Freundschaft mit Fritz J. Raddatz, dem aus der DDR geflohenen Lektor, Intellektuellen und späteren Gegenpapst der Literaturkritik.

Und so sind es, wie oft im Leben, die Zufälle, die den einen zum Schriftsteller machen und den anderen nicht. War doch der Gefängnispfarrer in Bautzen, wo Kempowski den Gefangenenchor leitete, der frühere Pflegevater von Raddatz. Und als beide im Westen waren, erzählte jener Pfarrer von Kempowski und seinen Aufzeichnungen. Da der Gottesmann nicht viel Ahnung vom Schreiben hatte,  fragte er seinen Ziehsohn. Raddatz war zu jener Zeit Lektor bei Rowohlt. Es fügte sich das eine zum anderen, und unter Geburtswehen entstand „Im Block“. Doch Schriftsteller zu sein und Bücher zu verkaufen sowie damit sein Geld zu verdienen, dies sind zweierlei Dinge. Und so lebte Kempowski lange Zeit bettelarm und als Dorfschullehrer in der schönen norddeutschen Provinz. Erfolg sollte sich mit seinen Büchern erst später einstellen, und dies eigentlich auch nur vermittelt, nämlich 1975 durch die kongeniale, höchst gelungene Verfilmung des Romans „Tadellöser & Wolf“ von Eberhard Fechner. Aber auch ohne diesen Film wäre Kempowskis Zeit gekommen.

Immer verstand sich Kempowski als Chronist der historischen Zeit, nicht nur mit seiner autobiographischen „Deutschen Chronik“, sondern auch mit dem in den 80er Jahren begonnenen und 1993 erschienenen ersten Band des „Echolot“-Projekt, einer umfassenden Sammlung, welche er ein kollektives Tagebuch nennt, in dem sich unterschiedlichste gesammelte und zusammengetragene Materialien zum Zweiten Weltkrieg befinden, vom Tagebuch, über Briefe bis zu Photographien zu bestimmten historischen Daten; im Grunde, um dieser einzugedenken. Eine Ansammlung an Zitation, die einen an Walter Benjamins Passagen-Projekt zum Paris des 19. Jahrhunderts denken läßt. Bücher nur aus Zitaten. Kempowski selbst sah sich nicht nur als Schriftsteller, sondern genauso als Archivar, der eine Zeit, die ungeheure Opfer erzeugte, zur Darstellung bringt, darin vielleicht in der bildenden Kunst Christian Boltanskis ähnlich. (Doch im Grunde ist das falsch gesagt. Die Opfer hat nicht die Zeit erzeugt, sondern Menschen haben dies aus bestimmten Gründen getan, haben Opfer hervorgebracht, haben Menschen geopfert und umgebracht.)

Lächerlich eigentlich die vereinzelten Frager in den Feuilletons, ob das denn noch Literatur sei, was Kempowski betreibt: dieses Zusammensammeln und Herbeiklauben. Als ob denen, die so fragen, eines der zentralen Prinzipien der literarischen Moderne, nämlich die Montage und Collage, nicht bekannt wäre, als ob es einen Walter Benjamin nicht gegeben hätte. Natürlich erzeugt dieses Verfahren Literatur, nämlich das Material in eine bestimmte Konstellation zusammenzuführen, es dadurch beredt werden zu lassen und in einen Kontext zu bringen. Dies genau macht die mehr als schwierige Arbeit der Komposition aus.

Zu früh verstarb Kempowski, gibt es doch noch so viel, allzu viel zum Archivieren und zum Sammeln, denn längst sind nicht all diese Geschichten aus jener Zeit erzählt. Doch das Sammeln als solches und als Selbstzweck war es nicht, was ihn reizte, und es ärgerte ihn maßlos, wenn ihn jemand einen Sammler nannte. Fast schon empfand er dies als beleidigend. So etwa in jenem Interview von 2003 mit Peter Voß. Ärgerlich und schwer ironisch konnte er schon werden, wenn da einer Blödsinn erzählte. Dies ist ein äußerst wohltuender Zug in einer eher abgeschmackten Zeit, vor allem deshalb, weil man merkt, das es ihm ernst war mit den Dingen.

Wir haben am 5. Oktober 2007 einen der großen Schriftsteller verloren. Walter Kempowski wäre am 29. April 80 Jahre geworden.

Echolot“ und „Deutsche Chronik“ sind im Knaus Verlag erscheinen, zudem im April 2009 der Gedichtband „Langmut“.

Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.
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