Philipp Ruch, das Zentrum für Politische Schönheit und die unruhige Ruhe der Toten

Das „Zentrum für Politische Schönheit“ errichtete gestern „eine 2,5 Meter hohe und 4 Tonnen schwere Gedenk- und Widerstandsstätte aus Edelstahl auf dem Gelände der ehemaligen Krolloper“, darin angeblich, so das ZPS weiter, die Asche bzw. die Überreste von Juden gleich mit eingebaut wurden, um damit gegen die AfD und eine zukünftige Machtübernahme zu protestieren.

Im „Spiegel“ heißt es:

„Bei der „Widerstandssäule“ handelt es sich laut ZPS um einen Bohrkern aus Asche und Knochenresten. Es seien die menschlichen Überreste von Opfern des Holocaust zutage gefördert an einer nicht näher bezeichneten Stelle. An 23 Orten in Deutschland, Polen und der Ukraine habe das ZPS in den vergangenen zwei Jahren mehr als 200 Bodenproben genommen. Überall dort, wo die Ermordung von Menschen industrielle Ausmaße angenommen hat, im Umkreis früherer Vernichtungslager und Erschießungsplätze. Fündig wurden die Aktivisten beinahe überall, sagen sie.“

In diesem Umstand liegt eine berechtigte Frage, wie mit diesen Toten umzugehen ist, die da immer noch verstreut in der Erde liegen, und wie Juden und Deutsche und all die anderen Nachkommen der Ermordeten das Gedenken gestalten wollen. Und dieser Verweis auf die Asche und die Knochen der Toten mag das einzig Sinnvolle an einer Aktion sein, die jene Politaktivisten sich ansonsten besser gespart hätte.

Das Problem bei dieser Aktion ist nicht bloß die Frage der Moral, um für den billigen Effekt die Totenruhe zu stören und jüdische Begräbnisrituale zu verletzen bzw. damit zu spielen und diese toten Juden als Show-Einlage zu mißbrauchen, sondern zugleich der triefende Polit-Kitsch des Selbstdarstellers Philipp Ruch. Ihm ist die Totenruhe egal, ihm sind auch die Lebenden wurst. Ihm geht es nicht um die AfD, nicht um die Toten. Was zählt, ist das System Ruch, das sich in immer neuen und immer weiteren Umdrehungen hochschrauben muß. Denn Provokation und deren Effekte nutzen sich schnell ab, so muß also ein weiterer und noch steilerer Effekt her.

Daß Ruch irgendwie mit Kenntnis der Ästhetik behaftet wäre, daß er nur eine Zeile von Adornos Ausführungen zur Kunst nach Auschwitz und zum engagierten Kunstwerk wahrgenommen habe, um darüber nachzudenken, ob solche Aktionen tatsächlich gelungene Kunst sind und wenn schon nicht das, ob solches Dilettieren wirklich der Sache dient, dürfen wir von Ruch nicht erwarten. Dafür schmiert Ruch sich wieder einmal den Kohlenstaub ins Gesicht, wie die Ein-Mann-Kaserne, die Widerstand simuliert oder daß es irgendwie nach Arbeit oder Guerilla aussehe. Mehr wäre dazu eigentlich nicht zu sagen.

Aber die Spirale von Provokation hat sich leergelaufen. Ruch instrumentalisiert Auschwitz um eines Effekts willen. Ruch macht das, was Guy Debord die „Gesellschaft des Spektakels“ nennt, nur eben von der anderen Seite. Er fügt sich dem kulturindustriellen Schema von dem, was er für Kunst oder für Politik oder für eine Mischung aus beidem hält. Dramatisch die Bilder auf der Homepage des „Zentrums für Politische Schönheit“ wie im Hollywood-Spielfilm. Der Verkitschung der Shoah korrespondiert eine Ästhetik, die in ihrer Komplexität aufs Niveau der History-Dokus von Guido Knopp regrediert.

Dabei manövrieren sich Ruch und dessen „Zentrum für Politische Schönheit“ in eine doppelte Aporie: Versteht Ruch diese Aktion als Kunst und damit also im Sinne einer ästhetischen Kritik, so ist dieses Werk ästhetisch belanglos, denn er produziert schlichte Thesenkunst und unterläuft damit die Frage von ästhetischer Form und ihrem Inhalt. Gelungene und gute Kunst kann und muß oftmals grausam sein, und Kunst ist keine Moralveranstaltung. Aber die Betonung liegt hier eben, weil Kunst nun einmal nur mittels ihrer Binnenkriterien und dem Stand des Materials gemessen werden kann, auf dem Wort „gelungen“. Kunst bei Ruch fungiert am Ende als Schutzzone, insbesondere auch in der Rezeption. Adorno formuliert es in seinen Vorlesungen zur Ästhetik von 1958/59 wie folgt, und ich denke, dieses Zitat veranschaulicht ganz gut das Problem, das Ruch und das ZPS sich ästhetisch einhandeln.

„Es wird nämlich nun nicht etwa die Kunst selbst im Sinne einer Dialektik von Naturbeherrschung und Natur erfahren […], sondern gerade umgekehrt wird die Kunst nun zum Rezeptakulum der Affekte, die man selber hat. Sie wird sozusagen zu einem Naturschutzpark, bei dem man sich gehen lassen kann, bei dem man es sich erlauben kann, überhaupt noch etwas zu fühlen. Und die relativ große Rolle, die in unserer gegenwärtigen Kultur die Kunst spielt – die Tatsache überhaupt, daß in einer rationalisierten Zivilisation die Kunst trotzdem in solchem Maße geduldet wird – , hängt mit genau diesem Funktionswechsel zusammen, daß sie eben als Naturschutzpark den Menschen erlaubt, sich affektiv zu verhalten, überhaupt etwas zu fühlen, überhaupt Leidenschaften zu empfinden, ohne sie verdrängen zu müssen, aber zugleich ohne daß diese Affekte dabei für ihr reales Verhalten Konsequenzen hätten. Das ist gewissermaßen die satanische Parodie auf die Etablierung der Kunst als eines von der empirischen Realität strikt getrennten Sonderbereichs.“ (Adorno, Ästhetik, S. 292 f.)

Insbesondere für die politische Kunst gilt dies – fast schon im Sinne einer Gehlenschen Kompensationstheorie – auch um gesellschaftlich Komplexes simpel und verstehbar zu machen, so daß es für den bloß reflektierenden Verstand handhabbar wird. Eigentlich das Gegenteil von dem, was eine emphatisch verstandene Kunst will, die mehr als nur Polit-Thesen oder Moraltamtam als Spektakel produziert, bei dem sich der Betrachter dann anschaulich wiederfindet.

Die andere Seite der Aporie liegt darin, daß auch politisch diese Aktion mißlungen ist, wenn das Kriterium für politisches Handeln darin besteht, Menschen mit Argumenten oder meinetwegen auch qua Bildern und dem, was bei Hegel im Reich der Vorstellungen angesiedelt ist, irgendwie zu überzeugen und empfänglich zu machen. (Hier müßte man einmal empirisch mittels Sozialforschung herausbekommen, wie und von wem überhaupt solche Aktionen wahrgenommen werden.) Meint Philipp Ruch  es irgendwie doch nur politisch, so ist dies eine banale Aktion mit billigem Effekt und um des Effektes willen – von der Struktur fügt es sich in die Provokationen von Martin Sellner und Martin Lichtmesz. Von der Empörung in Teilen der jüdischen Gemeinde zu schweigen, die diese Aktion als einen Affront gegen die von Deutschen ermordeten Juden und ihre übriggebliebenen Angehörigen sehen. Egal ob mit oder ob ohne Asche werden hier Tote instrumentalisiert. Ramona Abs schreibt jene „moralische Selbstbesoffenheit“ des ZPS treffend auf Facebook:

„an das Zentrum für Politische Schönheit,
ich erklär Euch jetzt mal, wie Salmen Gradowski den Satz: „Suchet in der Asche. Die haben wir verstreut, damit die Welt sachliche Beweisstücke von Millionen von Menschen finden kann“. gemeint hat. Es ist eigentlich ganz einfach: Er wollte, dass die Welt erfährt was passiert ist. Er wollte, dass man weiß, wer und wieviel verloren ging…
Er hat nicht gesagt: ‚Nehmt unsere Toten, grabt sie aus, stopft sie in eine Säule und beleuchtet sie, damit die Nachfahren der Täter mal wieder moralische Selbstbesoffenheit feiern können.‘
Ihr wollt die Toten ‚der Lieblosigkeit entrissen‘ haben? Fuck you. Das war keine ‚Lieblosigkeit‘, sondern mörderischer Hass Eurer Opas und Omas. Das war ihr Gas, ihr Zyklon B, ihre Brennöfen- jede verfickte Wolke am Himmel erzählt mir mehr davon als Eure „Kunst“. Und wie Ihr an den jüdischen Reaktionen bisher darauf sehen könnt, finden die Angehörigen das überhaupt nicht lustig, was Ihr da mit unseren Omas und Opas treibt. Wenn Ihr Euch nur ein wenig mit jüdischer Ethik befasst hättet, könntet Ihr wissen, dass das, was Ihr da macht, NULL mit Judentum zusammen geht. Aber wozu sich mit Juden auseinander setzen, wenn man die Opfer doch prima zweitverwerten kann, um eine politische message zu verbreiten und sich gleichzeitig noch als Retter der toten Juden fühlen? Der Lieblosigkeit entrissen… Ihr habt se doch nicht alle!“

Davon einmal abgesehen, daß wir nicht 1933 haben, daß die Bundesrepublik Deutschland bei allem Hochrüsten der Rechtsextremisten und trotz all der Morddrohungen und der Waffen – fürwahr ernstzunehmende Probleme! –  nicht Weimar ist. Auf all diese Aspekte hätte man sich eine intelligente Aktion gewünscht. Eine Aktion vielleicht, die Menschen die Lage einsichtig macht, statt mit trivialen Klischees und mit Analogien zu kommen, die für die Sache nichts taugen. Geschichte wiederholt sich nicht, und was gegenwärtig politisch geschieht, ist eben keine Wiederholung als Farce, sondern eine neue und bitterernste Dimension einer neuen Rechten. Die Aktionen dagegen sollte man nicht in die Hände von Kindsköpfen legen, die sich wie in einem schlechten Karneval maskieren.Gut zeigt sich an solchen Aktionen die fatale Dialektik der Gewalt: Wie nämlich Kritik an Gewalt selbst wiederum in Gewalt umschlägt.

Ebenso ist die pauschale Verunglimpfung von Konservativen schlicht und simpel, sie zeugt vom Unvermögen zu differenzieren. Lieber pflegt man platte Parolen für die eigene Gemeinde, Parolen zudem, die an geschichtlicher Unkenntnis nicht zu überbieten sind. Auch wieder um eines billigen Effektes willen bringt man es auf einen simplen Nenner, spezifische Differenzen unterschlagend:

„Wir werden nicht zuschauen, wie konservative Kräfte keine 75 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur schon wieder auf Machtoptionen mit faschistischen Kräften schielen.“

Davon einmal abgesehen, daß in der BRD nun einmal die Politik nicht auf der Straße oder in irgendeiner dubiosen Agora gemacht wird, sondern in Parlamenten: Wer derart ins Pauschale geht, muß sich am Ende nicht wundern, wenn er allein dasteht und eben kein breites Bündnis zustande bekommt, das gegen Rechtsextremismus dringend nötig ist. Doch eines zumindest hat das ZPS wieder einmal erreicht: es generierte für sich Aufmerksamkeit. Für einen sinnvollen politischen Diskurs, der sich gegen Rechtsextremismus stellt und dabei vielleicht sogar konservative Kräfte mit ins Boot holt, reicht es freilich nicht.

Hannah Bethke schreibt in der FAZ ganz richtig:

„Dass es noch menschliche Überreste der Ermordeten aus der NS-Zeit gibt, ist sehr wahrscheinlich. Und es ist richtig, an sie zu erinnern. Noch richtiger wäre es freilich, die offenen Fragen zu beantworten. Das ZPS aber belässt es nicht bei einer Erweiterung der Erinnerungskultur. Es instrumentalisiert das Gedenken. In erster Linie zielt die Aktion gegen die AfD und gegen alle, die sie nicht explizit verurteilen. Auf einer Tafel vor der „Säule gegen den Verrat der Demokratie“ sind die Namen aller Abgeordneten der CDU und CSU aufgelistet. Sie, „die Konservativen“, die ihre Hand „schon wieder“ nach den Faschisten ausstreckten, sollen auf den Platz kommen und feierlich geloben, niemals mit der AfD oder ihrer Duldung eine Regierung zu bilden.

Am Samstag läuft die Genehmigung für die Stele ab. Dann wollen die Künstler das Fundament in Beton gießen und zum „zivilgesellschaftlichen Zapfenstreich“ gegen die AfD antreten, um sich „mit aller Kraft der neuen Gestalt Hitler-Deutschlands und ihren konservativen Helfern“ zu widersetzen. Die ideologische Verblendung dieser selbsterklärten Widerstandskämpfer ist schwindelerregend. Wer solche sachlich falschen Verbindungen zur politischen Gegenwart konstruiert, verharmlost die NS-Zeit, verhöhnt den Konservatismus und wird am Ende die AfD stärken, anstatt sie zu besiegen.“

Bei Philipp Ruch trifft eine Redewendung die Sache gut: Die Banalität des Blöden.

[Die Photographie wurde als Screenshot zur Dokumentation der Internetpräsenz des „Zentrums für Politische Schönheit“ entnommen.]

„Die Toten kommen“ (2)

Berlin, 21.6: „Die Toten kommen“ – Kein Mensch ist illegal!

Ja, es ist traurig – in der Tat. Manche beklagen sich darüber, daß die Aktion des „Zentrums für Politische Schönheit“, moslemische Flüchtlinge nach dem Ritual ihrer Religion in Berlin zu beerdigen, pietätlos sei. Diese Menschen, die bei ihrer Flucht im Mittelmeer ertranken oder auf eine andere Weise starben und deren Leichname jene Aktivisten dann – mit Genehmigung der Angehörigen – aus einem Massengrab aushoben und in die BRD überführte, sollen in Berlin eine Grabstätte erhalten. Der Ort dürfte mehr als passend sein, denn es handelt sich um die Hauptstadt der BRD: Was an dieser Aktion pietätloser und würdeloser sein soll, als Menschen im Mittelmeer wissentlich ertrinken zu lassen und billigend ihren Tod in Kauf zu nehmen, interessierte mich denn doch. Zumal es sich dabei eben auch um eine symbolische Aktion handelt. Denn die Särge waren ja leer. Nichts drinnen. Aber selbst ein leerer Sarg macht manchen Menschen noch Angst. Bloß nicht an den Problemen rühren und besser die drei Affen geben. Doch bei jedem Toten an der ehemaligen DDR-Grenze wurde – ganz zu recht übrigens – eine große Klage angestimmt. Wie unterschiedlich doch die Blicke gewichtet sein können.

An den Reaktionen der Öffentlichkeit sieht man dann gut, welche unterschiedliche Wertigkeit der Tod hat. Der Tod der eigenen Leute und das Sterben und Leiden der Anderen. Da könnte man nun schön mit der „Antigone“ kommen: Mit der von Sophokles, die von Anouilh ist mir zu einfach, reduziert und unterkomplex getextet. Wie und in welcher Weise darf man die Toten beerdigen und welches Gesetz steht eigentlich höher? Viel des Unheimlichen ist, doch nichts unheimlicher als der Mensch. In der Weise, wie wir derart unterschiedliche Wertigkeiten bei Leben und Tod setzen, läßt sich das Unheimliche als Skandalon gut beobachten. Jedoch: Es gibt ein Gastrecht. Der Zyklop Polyphem etwa mißbrauchte es grob und widerlich, als er Odysseus und seine Gefährten verspeisen wollte. Eine schöne und in diesem Zusammenhang passende Metapher: Sich etwas einverleiben – und sei es auch nur die Arbeitskraft von Menschen. Odysseus tat gut daran, diese Gestalt aus einer archaischen Vorwelt zu blenden und auf die Frage des Polyphem, wie der Name des Blenders laute, mit Niemand zu antworten. Wir sind viele. Wir haben keine Namen

Weshalb nicht ein Gräberfeld vor dem Bundestag? Die, die ansonsten bei jeder symbolischen Handlung, die Frau Merkel oder der lächerliche Bundesgauckler vorführen, alles prima, staatstragend und gehaltvoll finden, kommen mit einem Mal mit ihrer kruden, billigen Moral und geben sich würdevoll. Erbärmlich. Als ob diese Heuchler, diese dreimal getünchten lebenden Gräber sich ansonsten um die Pietät und die Würde der Flüchtenden scherten. Aber CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach salbadert: „Mit solchen Aktionen werden Grenzen der Pietät überschritten.“ Der war gut.

Bei einem Bericht wie dem von Hannah Beitzer heute in der SZ-Online über diese Kundgebung kann man dann nur noch mit dem Kopf schütteln. Widerliche Hofberichterstattung einer Journalistin, und das ohne Bewußtsein der Probleme, geschweige denn ohne Kenntnis von Kunst. Unterkomplex und ohne vor Ort zu sein. Wäre das, was vor dem Reichstag die Polizei durchzog, in Moskau passiert und die Polizei hätte den Demonstranten mit der Faust in die Fresse geschlagen und auf Köpfe eingeprügelt, so schriee Hannah Beitzer laut: „Welches Debakel für Menschenrechte und Demokratie“. So aber schweigt sie still und macht diese Aktion lächerlich, indem sie den Eventchakter hervorkehrt, weil sich Menschen mit Handys photographieren. Wie witzig Hännchen-Klein! Dieselben Journalisten, die jeden Scheiß twittern und die bei dem symbolischen Firlefanz der Regierenden brav den Hofknicks samt dreifachem Kotau tätigen und in die gebeugte Lage sinken, weil ansonsten die Brocken Information von den Mächtigen, die zuweilen abkrümmeln, weniger reichlich ausgefallen wären, spielen plötzlich Anstandsherr oder Anstandsdame. (Es gibt viel schlimmere und ekligere Journalisten, die einfach nur Kettenhunde sind. Hannah Beitzer ist da noch harmlos und im Grunde zu vernachlässigen.)

Egal wie: es handelt sich bei dem, was das „Zentrum für Politische Schönheit“ betreibt, um eine Aktion der Kunst. Dieser (nicht ganz ungewichtige) Umstand wird häufig vergessen und übersehen. Ja, es gibt sie noch: die Aktionskunst, die manchmal sogar provoziert. Nur dann, wenn es laut wird und manchmal knallt – so geht nämlich die Logik der bürgerlichen Presse – wird auch berichtet. Es handelt sich um praktizierte Politik, es handelt sich um Gesellschaftliches, das sich in bestimmten Szenarien symbolisiert. Gegen 14 Uhr sammelten sich nahe des Regierungsviertels die Teilnehmer dieser Aktion. Der Zug traf sich Ecke Charlottenstraße/Unter den Linden, wenige Schritte entfernt von der schrägen und seltsamen Veranstaltung „Open Classic“ auf dem Bebelplatz, wo Daniel Barenboim gerade den kitschig-schmalzigen und entsetzlichen Tschaikowsky dirigierte. Zunächst war es von der Polizei verboten, im Zug mit Baggern zu fahren (sic!), Särge mit menschlichen Leichen (oder was das Mittelmeer von ihnen anspülte bzw. übrigläßt) und Holzkreuze mitzuführen. Vereinzelt wurden Kreuzträger aus der Menge herausholt und die Kreuze beiseite gestellt. Dann aber war es doch erlaubt, Kreuze mitzuführen. Im Zug befanden sich zudem einige wenige Querfrontler von „Friedensfusion“, die auf ihrer Homepage den homophoben Schlagersänger und Deutschbarden Xavier Naidoo ganz ganz herzlich begrüßen. (Wenn schlimmer und dummer Pop-Kitsch auf einen Namen hört, dann auf jenen.)

An dieser Demonstration nahmen wohl an die 7000 Menschen teil, viele junge Menschen, aber ebenso Mütter und Familien mit ihren Kindern. Die Versammlung zog Unter den Linden entlang, manche malten Kreuze auf den Boden oder klebten mit schwarzem Gaffer Tape Kreuze an verschiedene Objekte. Dann knickte der Zug kurz vorm Brandenburger Tor rechts ab in die Wilhelmstraße und nach einem Linksschwenk über die Scheidemannstraße am Reichstag vorbei, gelangte er bis vor das Kanzleramt und verweilte dort in Stille. Symbolisch wurden dort vor einem Schild Särge deponiert. Bagger wurden bei dieser Veranstaltung nicht mitgeführt. Außer einer in Miniatur. Mit einem Male aber stieß der Bauzaun, der die gesamte Reichstagswiese umgrenzte, wie durch einen schönen Zufall um. Da rannten plötzlich Tausende Menschen friedlich auf die Wiese. Die Polizei ging immer wieder dazwischen, einige Polizisten mit unverhältnismäßiger Brutalität und in Hooliganmanier  mit Faustschlägen, auch Journalisten wurden angegriffen. (Wehe, wenn das in Moskau, Belgrad oder Peking passiert wäre!)

Daß die Berliner Polizei nicht besonders beliebt ist, dürfte gute Gründe haben. Da hilft dann auch kein anbiederndes Twittern. Eine Reihe von Photographien zeige ich in einem ersten Teil hier im Blog. Ein zweiter Bild-Teil folgt.