Sprachregelungen, die Zweite – Kindergartenkiller samt kleinem Quiz zur Beschneidung des Wortes

Die meisten Dinge auf dieser Welt modifizieren sich durch natürliche Auslese (im Falle dieses unten gezeigten Spiels freilich scheint mir diese eher artifiziell) sowie durch Selektion. Da bin ich ganz und gar biologistisch. Vielleicht sollte man von natürlich-kultürlicher Auslese sprechen. Und so regelt sich auch die Verwendung bestimmter Begriffe in Kinderbüchern samt der eifrigen Bemühungen, diese Begriffe durch angeblich geeignetere zu ersetzen. Warum überhaupt noch „Die kleine Hexe“ lesen, wenn auch dies hier geht? Kindergartenkiller, so heißt das lustige Spiel:

http://www.flashsexspiele.de/index.php?onlinespiele=343&todo=play

Und sowieso? Weshalb der Titel „Kleine Hexe“?

Zur Posse gerät es jedoch, wenn der Begriff „Neger“ oder gar „Nigger“ in Mark Twains „The Adventures of Tom Sawyer“ ersetzt wird, wie es in den USA bereits geschehen sein soll. Dieser Roman ist durch Begriffstilgung dann nämlich nicht mehr verständlich: denn was wird da gelöscht? Richtig: der Verweis auf Rassismus, auf rassistische Gesellschaftsstrukturen, den Twain vornimmt. Womit sich einmal wieder zeigt: das gut Gemeinte ist der Feind des Guten. Und als nächstes Projekt der Sittenwächter werden dann die Kraftausdrücke im „Tom Sawyer“ getilgt.

Im Grunde ist mir diese Debatte zwar egal, weil ich mich weder für Kinder noch für deren Bücher interessiere. Um den „Tom Sawyer“ (und einige andere Bücher) freilich täte es mir leid.

Was jedoch an dieser Deutschen Sittenwacht am Rhein, dieser spanische Inquisition, die sich über Kunstwerke hermacht, so schlimm ist: Der Tugendwächterrat wird bei diesen Regulierungen nicht stehenbleiben wollen. Einmal in Fahrt wird das Messer auch woanders angelegt. In einem Jahr werden wir uns wahrscheinlich Michelangelos „David“ mit einem Feigenblatt bestückt ansehen müssen, Courbets „Ursprung der Welt“ wird mit einem Tuch verhängt, Reproduktionen werden verbrannt, Darstellungen des Bildes im Internet werden gelöscht. Vom „Robinson Crusoe“ oder dem „Ivanhoe“ von Walter Scott mit seinen Juden darin ganz zu schweigen. Und wie sieht es mit den Buddenbrooks aus? Kann man 15-Jährigen diesen Klassismus, der dort zum Tragen kommt, zumuten? Ist dieses Buch nicht gar ein Aufruf, untere Klassen zu diskriminieren? Und Herr Lodovico Settembrini aus dem „Zauberberg“, der wie ein italienischer Drehorgelmann ausschaut?

Vielleicht fallen Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser weitere Werke ein, die unter‘s Messer gehören?

Besser als Kinderbücher umzuschreiben, wäre es, wenn Kinder kompetent lesen lernen, wenn sie durch Sozialisation und entgegenkommende gesellschaftliche Umstände den Unterschied zwischen „Neger“ und „Farbiger“ bzw. „Schwarzer“ von selbst bemerkten. Rassismus bekämpft man nicht, indem irgendeine Instanz Begriffe in Büchern tilgt, die in einer bestimmten historischen Konstellation geschrieben wurden. Vielmehr suhlen sich da welche in dieser Wir-tun-ja-was-Haltung, um in anderen Zusammenhängen, wo es drauf ankommt, um so weniger tun zu müssen.

Doch es gibt auch Grund zur Freunde: in sieben Tagen erscheint von Tocotronic das neue Album „Wie wir leben wollen“ auf den Markt. Nach dem ersten Hineinhören kann ich da nur sage: Groß, ganz groß!

60 Jahre BRD-Kunst

Ankündigung einer Ausstellung
im Martin Gropius Bau, Berlin

„In diesem Jahr feiert die Bundesrepublik Deutschland den sechzigsten Jahrestag des Inkrafttretens ihrer Verfassung. Anlässlich dieses Jubiläums zeigt der Martin-Gropius-Bau vom 1. Mai bis 14. Juni die Ausstellung Sechzig Jahre. Sechzig Werke.“

So heißt es im Eröffnungstext auf der Hompage zu dieser Ausstellung. Das klingt schön und beruhigend. Und da freut man sich sehr. Pro Jahr ein Bild, pro Jahr ein Künstler. Das Zentralorgan für kulturelle Kommunikation, Kunst und Kunstkritik, die Bild-Zeitung, gehört zu den Initiatoren und Förderern dieser privat organisierten Ausstellung. Auch RWE finanziert mit:

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Und da möchte man doch gleich auch auf dieses schöne Logo verweisen. Weitere Erklärungen zu einem Versuch der Zensur von Satire durch RWE und die Werbeagentur Jung von Matt unter dem fadenscheinigen Vorwand des Urheberrechts [Wie war das noch mit der Freiheit von Kunst?] finden sich hier:
http://kritik-und-kunst.blog.de/2009/04/08/rwe-kunst-meinungsfreiheit-5910581/
und
http://www.ausgestrahlt.de/atom/rwe

Angela Merkel wird die Schau dann am 30.4. eröffnen.

Nein, es gibt keine Siegermentalität, zumal ja parallel zu dieser Ausstellung in dem nun zum Kulturforum umgestalteten „Palast der Republik“, der anlässlich des  Jubiläums „20 Jahre Mauerfall“ renoviert und saniert wurde, als Eröffnung des „Palastes“ eine vorzügliche Retrospektive über 40 Jahre Kunst in der DDR stattfindet.

 Das Beitrittsgebiet „ DDR“  kommt in der Ausstellung „Sechzig Jahre. Sechzig Werke“ dann erst ab den 90er Jahren vor. Eine Vorabkritik zu der Ausstellung findet sich  in der „Berliner Zeitung“ vom 17.4.2009.

Und eine Ausstellungskritik gibt es demnächst hier.