After Postmodernism. Oder aber: nach der Moderne ist vor der Moderne

tumblr_lg9me0AkMy1qa0onxo1_1280Es gibt diese Woche auf 3sat, jeweils um 19 Uhr 25, eine inspirierende Sendung: „Der Meisterfälscher“. Die Wahrheit der bildenden Kunst der Moderne manifestiert sich in den Bildern von Wolfgang Beltracchi. Bei Beltracchi fallen im Zeichen der sich vollendenden Postmoderne die Autonomie der Kunst, Wiederholungsdiskurse, Simulacrum von Wahrhaftigkeit und Ausdruck, der inzwischen drastisch gebremste ästhetische Fortschritt des Materials, Markt samt dem damit korrespondierenden Monetären in eins. Wer möchte und das Geld hat, kann sich von Beltracchi einen Max Ernst oder einen Heinrich Campendonk auf Bestellung malen lassen. In den Museen und den gravitätisch auftretenden Galerien wird Beltracchi nicht gut aufgenommen. Sie werden wissen, weshalb. Hätten Sie einen Blick für die Lage der Kunst, änderte sich ihr Gespür.

Wolfgang Beltracchi trieb die Kunst in eine Ecke, in der sie an sich (das meine ich in diesem Zusammenhang ganz hegelianisch) bereits lange schon kauerte, ohne es recht zu wissen, und er brachte diese Position der bildenden Kunst auf den Punkt. In anderen Ländern ginge man mit diesem grandiosen Scherz der Kunstgeschichte vermutlich sehr viel souveräner um. Beltracchi selbst und ebenso seine Bilder sind Bestandteil der postklassischen Moderne, weil sie die Verquickungen und das Scherzhafte, wie auch das aleatorische Moment moderner bildender Kunst aufzeigen. Im Grunde ahnten wir dies bereits vor 100 Jahren, als die Dadaisten in Zürich im „Cabaret Voltaire“ (sinniger und passender Name) ihre großartige Performance starteten und als der (wie Beltracchi technisch-malerisch hochgradig begabte) Marcel Duchamp seine Objet trouvé wie den Flaschentrockner und die Fountain präsentierte. (Daß die Kunst Marcel Duchamps, einem der unterschätztesten Künstler des 20 Jahrhunderts, sehr viel weiter als über diese Frage nach Kunstdingen und Gebrauchsdingen ausgreift, zeigt sich in „Das Große Glas“ samt dem damit korrespondierenden Textkonvolut der „Grünen Schachtel“. An dieser Stelle sind wir an dem Punkt, als die bildende Kunst der Moderne zu ihrer Höhe aufstieg.)

Beltracchi selbst sagte von sich, daß er die Bilder malte, die Max Ernst, Pechstein oder Campendonk gerne gemalt hätten. Beltracchi hat sich mit seinem Sujet, mit dem entsprechenden Künstler, mit der Technik immer und vor allem intensiv auseinandergesetzt. Jahrelang gingen ihm die Fälschungen durch. Die Bewohner des Kunstmarktes haben sich täuschen lassen. Der Ruf von Werner Spieß ist leider dahin. Er hat sich ebenfalls täuschen lassen. Über das Wirken der modernen bildenden Kunst und insbesondere über den Künstler als vermeintliche Genie-Instanz sagen diese Fälschungsszenen einiges aus.

Das Original mag von einer Reproduktion noch zu unterscheiden sein. Vor einer Fälschung ist es nicht gefeit.

Die letzte Folge mit dem Schauspieler Christoph Waltz , der im Stile von Max Beckmann gemalt wird, sollte sich das geneigte Publikum unbedingt ansehen. Es lohnt sich auch aus dem Grunde, weil Wolfgang Beltracchi ein ausgesprochen interessanter und souveräner Mensch ist. „Ich kann alle Stile, es gibt keinen Maler, den ich nicht kann“ so Beltracchi. Daß Kunst inzwischen und schon lange Auftragsarbeit ist, wissen wir nicht erst seit Jeff Koons oder Marina Abramović, die eine Performance bereitete, die zugleich als Werbung für Sporttreter von Adidas diente. Das Genie ist genau dort wieder auf seinen Punkt gebracht, wo es einst entsprang: Am Fürstenhof. Lieber Maler male mir. Unsere Exzesse des Punk in Kunst oder Kleinkunst waren der letzte Versuch, auszubrechen. Der Immanenz zu entrinnen, zu entragen. Der Versuch mißlang. „Mit Danone kriegen wir euch alle!“ So lautete ein Werbespot der 80er Jahre. Und ein weiterer „Prunk mit Punk bei Kaufhof“. Botschaft verstanden. Der Kampf geht weiter?

Kunstfälscher

Es heißt, es sei dies einer der größten Kunstskandale der Nachkriegszeit in der BRD. Wir warten bereits gespannt auf den Film zur Story. Auch diese Sache wäre, wenn ich mir Wolfgang Beltracchi ansehe, eines Films von Helmut Dietl würdig. „Schtonk“ ist für einen Unterhaltungsfilm der BRD nicht schlecht geraten, und „Kir Royal“ trifft manches, wenn man sich denn einmal entschlossen hat, für das System Filmchen zu produzieren. Was aber geschah in Sachen Kunstnachahmung?: Pechstein, van Dongen, Max Ernst, Campendonk, Braque und weitere Gemälde der Klassischen Moderne wurden gekonnt gefälscht: Die Maler dieser Bilder führten Gutachter, Sammler, Auktionshäuser gekonnt an der Nase herum. Selten daß sich mit angewandter Aktionskunst, die dieser Coup wesentliche ist, derart viel Geld machen läßt. Zugleich fällt mir bei einem solchen Simulieren der Simulation der feine Film „Der Clou“ ein.

16 Millionen Euro sind, wie SpOn zu berichten weiß, als Gewinn (oder ist hierbei nicht eher Umsatz gemeint?) für ein Fälscherquartett gar nicht einmal schlecht. Aber andererseits bedeutet dieses Geld einen gerechten Lohn für die Arbeit, welche geleistet wurde. Ein Gemälde fälscht sich schließlich nicht von selbst. Rechne ich die Ausbildung als Kunstmaler sowie das Know-How, welches erworben werden muß, um das Bild korrekt zu fälschen, die richtigen Materialien zu verwenden, mit Farben zu malen, die es auch damals schon gab, das Gemälde mit einer guten Legende zu versehen und keine Fehler in der Abwicklung zu machen, rechne ich mithin all die getätigten Investitionen dazu, so handelt es sich allemal um einen gerechten Lohn für diese ökonomischen Aufwendungen in die eigene Chance und die Teilhabe, die rein marktwirtschaftlich vollständig korrekt motiviert sind und sich sogar objektiv auszahlten, wenn die Rechtslage eine andere wäre.

Das Problem, welches sich beim Fälschen allerdings ergibt, äußert sich darin, nicht nur relativ, sondern auch absolut keinen Fehler zu begehen. Denn Experten und vor allem eigenbrödlerische Spezialisten, die sich auf eine einzige Sache kaprizieren und somit jedes Detail ihres Fachgebietes kennen, so wie sie zuweilen Christoph Marthaler konzipiert, gibt es immer wieder. Da stolperten die Fälscher über läppisch und flugs dahin gefertigte Aufkleber „Sammlung Flechtheim“ mit einem windigen Kunsthändlerbildchen auf dem Rücken des Gemäldes. Aber Aufkleber in solcher Machart verwendete der Kunsthändler Flechtheim niemals.

Was zeigt der Skandal? Vor allem, daß sich niemand sicher sein kann über das, was er sieht. Wenn erfahrene Kunsthistoriker wie Werner Spies, die zahlreiche gelungene Ausstellungen kuratierten, auf den Leim gehen, was bedeutet das? Eine Dilettant scheint Spies nicht zu sein, sein Blick dürfte ausgefeilter als der meine ausfallen, da ich mich nicht ein Leben lang mit Kunstgeschichte und mit Max Ernst befaßt habe. Nun ist das System Spies – oder man kann auch andere Namen nennen – gleichzeitig dem Markt und damit: den aufgebauten, aufgestauten Verbindlichkeiten geschuldet: Gemälde werden von Experten begutachtet, gelangen in Museen oder werden den Wanderausstellungen für verschiedene Museen zur Verfügung gestellt, was den Wert des Bildes signifikant erhöht. Das freut den Galeristen, das freut das Auktionshaus, das freut den Sammler, der das Gemälde zur Verfügung stellte. Das Museum freut es auch, wenn es renommierte Werke verkaufen kann (oder muß), um die nötigen Gelder zu erhalten, die der Staat nicht mehr zu zahlen gewillt ist, damit das Museum instand gehalten werden kann. Man schenkt ans Museum, dieses verkauft irgendwann und, siehst du nicht wie, hat sich der monetäre Wert des Gemäldes vervielfacht. Nur deshalb, weil sich das Bild in der Staatskunsthalle x oder j befand. Das wäre einem Sammler oder einem Auktionshaus alleine kaum geglückt.

Die monetären Aspekte dieses Systems Kunst und die allseitigen Verstrickungen interessieren mich lediglich am Rande: daß dort auch Schwarzgelder gesäubert werden, daß eine Hand die andere wäscht, ist bekannt. Vielmehr stellt sich bei solchen Sein/Schein-Konstellationen, in denen Bilder simuliert werden, wieder einmal die Frage, was ein Kunstwerk zu einem Kunstwerk macht und was mit diesen Gemälden geschieht, nachdem sie als Fälschungen exponiert wurden.

Zunächst steckt hinter den Bewertungen und Einordnungen eines Gemäldes beständig die Frage nach dem Subjekt: Es muß das Bild eben von Max Ernst oder von Campendonk selbst gemalt sein. Keiner sonst. Kommt ans Licht, daß es sich nicht so verhält, wie ursprünglich angenommen und suggeriert, verändert sich das Bild, obwohl sein Objekt-Status doch der gleiche bleibt: keine Linie, keine Farbe, keine Figuration hat sich geändert. Es mag dieses Bild nur keiner mehr bei sich hängen haben, während es vorher begehrt und monetäres Lustobjekt war. Bei dem Gemälde „Der Mann mit dem Goldhelm“, um eines der bekanntesten Beispiele zu nennen, stellte sich in den 80er Jahren heraus, daß es nicht von Rembrandt gefertigt wurde. Das malende Subjekt/Genie ist gar nicht das tatsächlich malende gewesen. Nun liegt hier freilich der Fall ein wenig anders als bei den Kunstfälscherfällen, weil es sich um eine Frage der schlampigen, allzu freizügig gesetzten Signatur handelt – ein Subjekt signiert, was es gar nicht schuf, insbesondere von Dalí her ist jenes Problem bekannt. Mit Derrida gesprochen, handelt es sich um die Unmöglichkeit der Signatur: denn wer zeugt für den Signierenden und wer für den Zeugen? Das Signieren und Bestätigen der Echtheit jener Signatur ist ein unendlicher, iterativer Prozeß. Eine Unterschrift muß, fast kafkaesk, immer wieder neu beglaubigt werden, um glaubhaft zu bleiben. Und da liegt der Kern. „Der Mann mit dem Goldhelm“ zumindest entstammte der Umgebung Rembrandts, die Bilder der vermeintlichen Ernsts und Campendonks aber nicht. Doch nicht anders als jene Fälscher reproduzierten jene Maler des Goldhelmbildes den Stil, das Prinzip „Rembrandt“.

Ist Max Ernst „La Forêt (2)“ ästhetisch nun von minderer Bedeutung? Wenn man es an das künstlerische Subjekt und damit zugleich an den Begriff des Genius koppelt, muß der Rang fallen, denn es hat Max Ernst dieses Bild nun einmal nicht gemalt, obwohl – nach Aussage von Werner Spies – Dorothea Tanning, die steinalte Witwe von Max Ernst, das Gemälde als echt ansah und sich begeisterte – den Stil zumindest hatten die Fälscher gut getroffen.

Wohin nun mit den Gemälden? Natürlich an den Platz, wo diese Bilder ihren Ort haben: Ins bürgerliche Museum.

(Einer der Gründungsromane der Klassischen Moderne heißt „Die Falschmünzer“. Er ist von André Gide geschrieben. Und wenn die Zeit bliebe, so möchte ich irgendwann eine Lektüre von Derridas „Falschgeld. Zeit geben I“ liefern. Das wird in diesem Blog auch geschehen. Wir machen hier an einem bestimmten Punkt eine ganz fetten Derridaschwenk.)

„Die Trunkenheit gibt Zeit, aber indem sie uns des ‚Heils gegen die Zeit‘ versichert. Zeit-geben liefe demnach darauf hinaus, sie zu annulieren.“ Jacques Derrida