Erster Ratschlag für Wien – das Café Prückel

Nie sollte man bei zu viel Hitze, das heißt also in den Monaten Juni, Juli oder im August reisen – es sei denn, es ginge nach Grönland oder Island. Oder ins ferne Tromsø.

Ich sitze am frühen Abend im herrlichen Café Prückel, schräg gegenüber vom Stadtpark, an der Ringstraße. Zu heiß, um irgend etwas zu schreiben oder um zu Geistreichem fähig zu sein. Kant und Hegel konnten nur in Königsberg und Berlin wirken, Lichtenberg schrieb und spottete in Göttingen, denke ich mir. In Neapel und Rom ist im Sommer das konzentrierte Denken, das auf den Punkt geht und zugleich verschlungen die Bezüge setzt, nicht möglich. Das Denken der Philosophie ist an ein bestimmtes Klima gebunden. Andererseits jedoch entstammt die Philosophie des Abendlandes einer mehr als heißen Region. Glutkern des Denkens: Griechenland, Mittelmeerort, wenn in der Hitze des Mittags, in der höchsten Stunde, wenn der Schatten des Wanderers am kürzesten fällt, die Flöte des Pan schallt und der Schrecken dem Wanderer, dem Schatten und all den Wesen ins Mark schießt. Abgrundgeschehen, das Nietzsche düster ahnte. Die Weisheit des Silen und die halkyonischen Tage in einem. Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Philosphie und den (geographischen) Räumen? So sinieriere ich.

Und es spielt mit einem Male, wie jeden Dienstag ab 19 Uhr eine Frau am Klavier. Es ist angenehme Salonmusik. Kitsch manchmal, Schlager, Chansons, jene Melodie aus „Frühstück bei Tiffany“, Operette, Oper abwechselnd. Ein bunter Reigen an Stücken wird geboten. Das Prückel ist ein Café, dessen Interieur im Stil der 50er Jahre gehalten ist. Sehr angenehm, sehr dezent und große Räume – eine Anordnung, die ich schätze. Für Raucher existiert ein eigens eingerichteter Bereich. Eine vorzügliche Atmosphäre, um zu lesen, zu schreiben, zu beobachten und zur Musik für einfach so die Gedanken in alle Richtungenn treiben und laufen zu lassen. Genau richtig, bei jener unerträglichen Hitze, die träge macht und in der sich die Wirkung des Grünen Veltliners unmerklich, aber im Abschluß klar wahrnehmbar steigert. Gegen Kälte kann man sich mittels Kleidung schützen. Gegen Hitze hilft nichts außer das Eis, keine Haut, die sich noch abstreifen ließe. Marsyas jedoch möchte, so denke ich mir, keiner gerne sein. Wir benötigen die Hülle und die Schicht zum Schutz. (Taktilität, Walter Benjamin.) Andererseits ist das Blödsinn. Die Antike bleibt unzugänglich, taugt allenfalls noch zur Satire und zum Scherzen. Ansonsten ist dieser Seinsbereich verschlossen und bleibt leere Bildungshuberei – allenfalls gut für ein Zitat, das dann der erlesen Belesene als eingestreutes Bröcklein wohlfeil aufnimmt. Ein vom Autor nett verstecktes Osterei, und es freuen sich alle – Autor wie Leser -, wenn das liebe Ei schließlich entdeckt wird. Bereits bei Joyce mißlingt dieser Rekurs, und was bei Thomas Mann noch leidlich funktionierte, wirkt in der wiederholten Wiederholung langweilig oder bloß abgeschmackt. Bildungshuberei derer, denen die Bildung abhanden kam, denke ich mir. Wir haben die Texte von Aristoteles, die der Vorsokratiker. Mehr nicht. Diese Botschaft bringt euch der Götterbote Herpes, um einen Witz der Lyrikerin Monika Rinck aufzugreifen. Die Moden wechseln. Ich bin ein Mensch der Herbstmonate. Oktober, November. September, sofern nicht zu warm. Ich bin ein Mensch der Kälte.  Wer aber besitzt heute dieses philologische Gespür? Die Antike ist nahe am Wahn und am Wahnsinn gebaut. Das von Hölderlin imaginierte Griechentum führte in den Irrsinn: erwies sich als Unort. Wo sind die Freunde? Bellarmin. Tot und toter oder in den Turm gesperrt, die Gesellschaft der Türmer. Nach Bordeaux – keiner weiß, was dort geschah – ging die Reise ins Andere hin. Oder hinab.

Die Luft im Café ist stickig. Nichts regt sich, kein Hauch. Schweißtreibend selbst das Saufen. Lediglich wenn der bewegliche Ventilator in meine Richtung schwenkt, weht ein laues Lüftchen herüber. Das Café Prückel könnte ebenso einer Inszenierung von Christoph Marthaler entstammen, man wird vermuten dürfen, daß die Bühnenbildnerin Anna Viebrock solche Räume vor Augen hatte, sich vielleicht sogar an diesem Ort inspirierte. Das Burgtheater ist nicht weit entfernt, ebenfalls am Ring gelegen, zwanzig Minuten Fußweg höchstens. Doch egal – müßige Spekulation.

Es gibt bei den Menschen einen bestimmten Caféhaustypus, der sitzt lange, es kommt wie unendlich vor, so sitzt der Mensch da, verharrt, und er hält sich an seinem einen Getränk fest. (Ich kann das nicht, ich bin nicht derart diszipliniert, sondern beim Trinken haltlos.) So auch hier im Prückel sitzt mir ein Mann gegenüber, durch den großen Raum gemessen wohl zehn Meter entfernt. Zunächst schrieb er etwas in sein schwarzes Notizbuch, nun schaut er vor sich hin und durch den Raum. Er beobachtet. Nicht anders als ich. Dann trägt er wieder seine Aufzeichnungen in das Heftchen ein. (Ich muß einen Scherz über die „schwarzen Hefte“ machen, geht es durch meinen Kopf. Die Antike als Seinsbereich – da ist es wieder. Der neue Heidegger schreibt ins Moleskine. Ontologie ist immer Ideologie. „Es führt kein Weg zurück“, wie ein Roman von Thomas Wolfe heißt. Er spielt in Berlin in den 30er Jahren. Ich habe drei Stück dieser Moleskine zu Hause in Berlin. Vollgeschrieben. Meine schwarzen Hefte mit den eindringenden Notizen. Penetrationen des Textes. Ich werden sie irgendwann fortwerfen, denn ich kann meine eigene Handschrift schlecht lesen. Das Entziffern des eigenen Textes ist mir zu mühselig.)

An mir vorbei schlendert eine Frau mit ihrem dunklen Pudel. Hüfthoch das Tier, den Kopf in der Nähe ihres Kleides wiegend. Da wo sie nach Frau und in der Hitze verschwitzt riecht. Ich imaginiere ihr Geschlecht und überlege kurz, ob sie meine Gedanken erraten mag. Die Frau bewegt sich an mir vorbei. Der Pudel hingegen – er schreitet. Hoheitsvoll fast. Mehr noch und eitler als sein Frauchen, den Körper beherrschend, durch den wunderbaren Raum gleitend. Meine Augen richten sich auf ihr Gesicht, dann wieder in ihre Hüftregion. Eine mitteljunge Frau in den 40ern, typisch wienerisch im Habitus und in der Art, sich zu kleiden. Mit einerseits markantem, einem sogar leicht harten, aber doch schönen und mit einem besonderen Gesicht. Nicht unelegant. Gelassen oder gelangweilt jedoch verschmähen Pudel und Frau meinen Blick.

Ich bin ein Bewohner Wiens. Oder Wien mit und ohne Wiener als Ortschaft, samt einer Leser:innen:preisfrage

„Zwei Richtungen geistiger Unkultur: die Wehrlosigkeit vor dem Stoff und die Wehrlosigkeit vor der Form. Die eine erlebt in der Kunst nur das Stoffliche. Sie ist deutscher Herkunft. Die andere erlebt schon im Stofflichen das Künstlerische. Sie ist romanischer Herkunft. Der einen ist die Kunst ein Instrument; der anderen ist das Leben ein Ornament.“ (Karl Kraus, Heine und die Folgen)

Diese zwei grundsätzlichen Bestimmungen greifen noch heute. Wir könnten es sowohl in der Literatur wie auch in der Kritik derselben gut beobachten. Morgen reise ich für fünf Tage in jene Stadt, in der Karl Kraus scharfzüngig schrieb, wirkte und über die Dummheiten nicht nur spottete, sondern sie sezierte und vorführte. Ich werde auf dieses feine Zitat bei Gelegenheit demnächst zurückkommen.

Eine jede Stadt, in die wir reisen und in der wir vorher niemals waren, ist zunächst einmal ein für uns fiktiver und ein imaginierter Ort: Denn wir machen uns vorab, bevor wir überhaupt angekommen sind, bereits unsere Bilder von dieser Stadt – im Grunde ein Nicht-Ort, der seinen Ort einzig im Imaginären besitzt. Und nicht nur das, nicht nur die Eigenproduktion, die Phantasien oder Phantasmen, wenn wir an den Klang des Städtenamens oder an  den von bestimmten Straßen und Plätzen  unsere Verheißungen binden. Wir hören und hegen diese oder jene Meinung, übernehmen bestimmte Klischees und kulturelle Codes, wiederholen sie, pflegen, dekonstruieren oder widerlegen sie in unserem Denken. Alles ist und alles bleibt immer vorläufig. Aber selbst die ersten Sinneseindrücke – wenn wir eine uns zunächst fremde Stadt betreten, wenn wir den Bahnhof verlassen, wie damals in Roma Termini oder in Paris am Gare du Nord, wenn wir vom Flughafen mit der Taxe in die Stadt uns kutschieren lassen wie in Varna und Lissabon oder eben, wie in Wien mit der bequemen CAT-Bahn einreisen, die in Wien-Mitte hält – lassen sich revidieren oder werden in den Erinnerungen umgebogen zu anderem, sofern sie lange genug zurückliegen, polen sich anders als die ursprüngliche Wahrnehmung dieses ersten Mals. Auge und Geist divergieren, weichen voneinander ab.

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Ich werde, wie Thomas Bernhard, Peter Altenberg, Karl Kraus, Leo Perutz, Hugo von Hofmannsthal, Alfred Polgar oder Anton Kuh in einem dieser Cafés granteln und die mich umgebende Welt sowie das servierte Gebäck betrachten, die Kunst des Menschenbezichtigens verfeinern. Thomas Bernhard nannte in „Wittgensteins Neffe“ – oder war es doch „Der Untergeher“? – die in einem Café ideale Sitzposition, wo man zwar sehr gut betrachten, bewerten, beurteilen und bezichtigen kann, ohne aber selber weiter groß aufzufallen. (Dem Photographen ist dieser Standpunkt nicht ganz fremd, dem Voyeur ebensowenig – eine der interessantesten und vernachlässigten (literarischen) Figuren nebenbei, dem ein eigener Blogeintrag zu widmen wäre.) Andererseits ist dieses Kaffeehausliteraturgeschwärme ein Schmarrn, und wir wärmen die zum einhundertsten Mal gehörten dummen und mittlerweile langweiligen, abgestorbenen Klischees der Kaffeehausliteraten immer wieder auf.

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Das Wien des Fin de Siècle, die Hauptstadt eines ganz bestimmten Geisteslebens, eben das, was wir die Wiener Moderne nennen, ist abgestorben und längst Vergangenes. Wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden, malt die Philosophie oder in diesem Falle der morbide Essayist sein Grau-in-Grau. Wer über das Zeitphänomen nachdenkt und sich in die Epoche imaginiert, sollte zudem die spezifische Konstellation mitbedenken, unter der einzig ein solches Leben wie seinerzeit in Wien sich entfalten konnte: das des großen Habsburgerreiches mit seinen Beziehungen  und Verbindungen  nach Spanien – man denke nur an das am Wiener Hof gepflegte, strenge spanische Hofzeremoniell  oder die herrliche Hofreitschule –, die k.u.k.-Monarchie eben mit all ihren Widersprüchen und ihrer irren, schlamperten Ordnung (kurz Kakanien, wie es in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ hieß, am Abend vor dem Ersten Weltkrieg.)

Nur in einem solchen Vielvölkerstaat mit den unterschiedlichsten Einflüssen und Prägungen konnte eine solche Moderne sich entfalten. Das Rumpfösterreich nach 1918 war dann bloß noch der Schatten seiner selbst. Der sowieso in Wien grassierende mehr oder minder latente, manchmal jedoch ebenso handgreiflich zutage tretende Antisemitismus wurde nun zu einem wüsten und manifesten Antisemitismus, und der Austrofaschismus war in diesem Staat bereits angelegt. Thomas Bernhards Schimpfen auf ein durch und durch und immer wieder und aufs heftigste faschistisches Österreich beruht auf einer Grundlage. Hellsichtig wie keiner und mit böser Zunge warnte und schrieb Karl Kraus seinerzeit gegen diese Verhältnisse an: gegen schwachbrüstige Journalisten, gegen das schablonenhafte Denken und den Sprachschluder, gegen all die Unterkomplexitäten und gegen das Verhängnis. Doch ohne Aussicht auf den Erfolg oder auf die Besserung.

„Der wahre Weltuntergang ist die Vernichtung des Geistes, der andere hängt von dem gleichgiltigen Versuch ab, ob nach Vernichtung des Geistes noch eine Welt bestehen kann.“ (Karl Kraus)

Da hier im Blog, wie ich der Länderstatistik entnehmen darf, einige Menschen aus der Ostmark, nein, das ist politisch falsch formuliert: aus Österreich mitlesen, so freute ich mich über einige schöne oder auch schreckliche Wien-Tips abseits der Reiseführer und über Hinweise, wo es lohnt, sich hinzubegeben oder gar gepflegt abzustürzen: entlegene oder ausgewählt öde Orte. Wer was weiß, möge es in den Kommentarteil eintragen und wenn er oder sie es still mir mitteilen möchten, gerne auch mit einer E-Mail. Die Adresse findet sich oben in der Rubrik Über mich selbst/Ich ist ein anderer.

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Als Valie, die Naschhafte, aber zugleich Beißwütige, im Dunkel des Pensionszimmers das Harte, Pulsierende, Fleischliche, salzig bis faulig Schmeckende erst zart über ihre Lippen streichend und dann tiefer in ihrem Mund spürte und als ihre Zähne fest und fester und dann bitter zuschlugen und sie beim Nachdem ein Stück von Haut, Fleisch und Faser unter ihrer Zunge speichelte, da wußte sie in ihrer Unschuld: „Das muß ein Stück vom Pimmel sein.“ [Das dachte sich ebenfalls jener Man eater aus Rothenburg, der den Körper seines inzwischen geschlachteten und dann herzhaft zubereiteten Liebespartners genüßlich verspeiste. Blut ist ein besonderer Saft. Blut ist ein langgedehnter Vokal und ein Four-letter-word.) Während durch das Fenster der Pension von ferne und nachtwärts verweht von Grinzing herüber der Chor der Verliebten jene Filmschmonze vom Stück des Himmels sang: Wien und der Wein, Wien und der Wein. Das alles, die Musik, der Geruch dieser Frau, ihr schales Geschlecht, die schwitzige Haut, das überhitzte Zimmer, die Töne und Stimmen, das drehte sich in seinem Kopf, Einfluß des Alkohols und der Tablette oder die Macht von Liebe. Selbigem Wienerischen Wein oder dem von der Wachau werde auch ich zusprechen. Grünen Veltliner trinkend, in der Nähe meiner Unterkunft, nicht weit vom geträumten Ungargassenland entfernt, im Dritten Bezirk liegt das Restaurant „Wild“ mit herrlichen, köstlich zubereiteten Speisen. Als er jedoch morgens in seinem Bett aus tiefem Rausch und erschöpft erwachte, lag er in einer blutigen Lache und die Laken und die Decke so rot, während er an seinem Gemächt nichts mehr spürte, nichts als diese klaffende Wunde, eine Spalte fast, oder aber weniger als dies, doch es fehlt etwas. [Weshalb lieben die jüdischen Frauen beschnittene Männer? Weil sie nichts anfassen, was nicht um mindestens 20 Prozent reduziert ist.] Die Kastrationsangst des Mannes steigerte sich seit dem Wien des ausklingenden 19. Jahrhundert ins Unermeßliche und von der Philosophie im Boudoire bis zur Berggasse 19 sind es nur wenige Schritte. [Wer in Wien weilte oder wohnt, weiß, daß dies bereits auf der Ebene eines ganz unmittelbar Faktischen stimmt. Ohne Freudianer oder Freund von Lacan sein zu müssen. Ursprung der Welt. Ein Text.]

Verschiebungstechniken – signifikantiv. Wiener Melange

Rotlichtbezirk. In der schwarzen Hütte. Da wo die Zeit umswitcht und die Bewegungen eines Körpers sowie die Sprache sich anders ordnen. Eine Sprache, um diesen Körper ins Wort zu bringen. Es bleibt ein schwarzer Spalt, ein winziger Riß im Kontinuum. Es wird im Raum der Geschichten genau dann interessant, wenn sich Welt und Zwischenwelt und Gegenwelt mischen, weil es diesen Zwischenraum eines Übergangs gibt. Schnelllebig gespiegelt, gespielt in Sucht. Schreiborte hin und her. Die Hölle des Zeitvertreibs. Die Langeweile ist der größte der Dämonen, das wußte Baudelaire. Er liebte sie, um den Ennui des Dandys zu steigern. Transmissionsriemen. Maschine Mensch. Reagiert in der gedeuteten Welt vorhersehbar. Die Ritzung in jene andere Welt. Traumszenen in der Berggasse. „Die hysterische Frage: ‚Was ist eine Frau?‘“ (J. Lacan) Der arme Flat Eric – er ist recht possierlich anzuschauen, und es stellt sich sogleich das Mitleid mit dem hängenden Wesen und dem Geschöpfsein als solchem ein. Ecce homo. Der Schein des Scheins. Mitleid ist leicht und auch billig zu haben, weil es nicht viel kostet, außer ein wenig Empfindung und Empathie. Anders als die Konstriktion und die Reflexion, die die Phantasie und die Anstrengung des Denkens erfordern. Am Ende kann ein Mensch ebenso mit dem bloßen Stofftier Mitleid empfinden. Obskures Objekt der Begierde und Fetisch. Im Würgegriff der Spiegel oder am Saugnapf des Gummis posieren die Dinge.
 
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Eine Frau, die in ihrer Unbeweglichkeit da sitzt, am Tisch ihrer Küche, hinter sich das Gemälde einer Frau, die mit Fäustlingen ausgestattet ist, obwohl es nicht Winter ist. Tizans Venus im Pelz kommt mir in den Sinn. Womöglich verschieben sich die Bilder, und vielleicht stellt das Bild auch bloß eine Dame dar, die mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob. Sie schreibt die Nachrichten an die Welt in ihre Tastatur. Sie kann nicht anders. Bewegungslos. Sie schreibt und schreibt, sie mischt die Monate, die Zeiten, die Minuten zu einer immerwährenden Geschichte. Frau Ahavzi. Hinter dem Vorhang ihres Fensters, dem verhängten Fenster, schreibt sie „Leben“. Ein Fenster, das von außen im Vorbeigehen abweisend und wie eine Verhüllung wirkt.

Gegenstände pressen an der mattgeätzten Scheibe, so daß kein Einblick möglich ist. Eine verlottert wirkende Szenerie, die im Vorbeigehen zu einer Photographie reizt. Eine Photographie rahmt das Objekt als das Subjektive, das sich ins Reale entlädt. Denn das Subjektive tritt im Realen in Erscheinung, sofern es unterstellt, daß wir uns gegenüber ein Subjekt haben. Der Blick durchs Glas bleibt gebrochen, das betrachtete Subjekt bleibt Leerstelle, soviel wie das betrachtende. Mein Fetisch ist das Fenster. Ihr Fetisch ist der Tod, das böse Tier, die Transgression ins Leere. Sie lebt ins Nichts, sie verkauft ihre Comics in einer Straße, deren Name an ein Tier erinnert. Oder an die Leblosigkeit einer Landschaft in einem Park. Das ist im Dritten Bezirk, das ist nahe am Ungargassenland, keine zehn Minuten zu Fuß. Abgelebtes. Wie so häufig in Wien und anderswo. Ein Comicladen in einer Seitenstraße zu Anfang des 21. Jahrhunderts. Mit Bessy-Heften in der Auslage und Comics, auf deren Covern Frauen mit sehr großen, prallen Brüsten prangen, deren Oberweite von Leder gehalten wird. Geschichtsphilosophische Thesen oder es verschwindet ganz einfach die Frau in der Wand, in der Tapetentür, wo auch immer. In der Belanglosigkeit, in der Langeweile ihrer gebundenen Existenz, das Gehen fällt ihr schwer, die Frau ist nicht alt, aber auch nicht mehr jung. Wien ist lange nicht so mysteriös wie Prag, wo in den unterirdischen Gängen etwas ganz anderes lauert. Wien ist auf eine sanfte Weise nur melancholisch. Böse hingegen sind die Wiener, und die Frau lauert auf ihre Kunden.

Der Signifikant als solcher bedeutet nichts. Aber je weniger er bedeutet, desto unzerstörbarer scheint er. Getippte Buchstaben und Zahlen in ein Telefon, eine Tastatur, eine Schreibmaschine oder händisch verfaßt. Zeichenlose Orte, ortungslose Orte, in einer sprachlosen Kommunikation. Leere, Nichtigkeiten, Nichtsgeräusche. Die Schwarze Hütte. Ihr Name ist Tod.

Unruhe in einer Seitenstraße zum Kanal hin. Vor einer Apotheke warten um 8 Uhr morgens junge Männer. Einige haben Hunde an ihrer Seite. Ihre Gesichter sind schmal, ihre Glieder sind schlank, sie blicken verhangen, warten, daß diese Tür sich gleich öffnet. Methadon ist kostbar und gibt es erst ab acht. Ein hochaufgeschossener Mann mit weißem Kittel öffnet die Ladentür, er trägt unter dem langen weißen, weiten Kittel, der elegant fällt, einen Anzug mit einer Krawatte, die sich über den Kittel wölbt, als möchte sie alles sprengen.

„Wenn es das, was man die Stärkung des Ichs nennt, gibt, so kann das nur die Akzentuierung der phantasmatischen Beziehung sein, die immer dem Ich korrelativ ist, und insbesondere beim Neurotiker mit typischer Struktur.“ (Jacques Lacan)

[Dieser Text enthält sowohl gekennzeichnete, als auch nicht gekennzeichnete Zitate des Psychoanalytikers Jacques Lacan sowie ein ungekennzeichnetes Zitat von Franz Kafka. Ich gebe diese Bezüge an, damit später niemand der Hegemannerei mich bezichtigte.]

Zum Abschluß dieser Wiener Melange möchte ich meine Leserinnen und Leser auf die vierte Etappe meiner Bilderserie auf „Proteus Image“ hinweisen.
 
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Es blühen wie immer die Bäume im Prater und das Blätterfegen hört nimmer auf …

Wenn man Robert Stolz folgen mag, blühen bekanntlich, weil’s Frühling ist, im Prater wieder die Bäume. Was der Prater ist, muß nicht groß erläutert werden. Es gibt in Wien übrigens noch einen zweiten, lange nicht so bekannten Prater. Der liegt im südlichen Wien, ist sehr viel proletarischer und wird der Böhmische Prater genannt. Photographien gibt es allerdings nur vom ersten, gleichsam touristisch bekannten Prater auf „Proteus Image“. Denn ich schaffte es bei all den Begehungen nicht mehr ins Böhmische.

Wenn ich an den Prater denke, kommt mir sofort Ödön von Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ in den Sinn. Zwar spielt es nicht im Prater, sondern auf dem Münchener Oktoberfest („in unserer Zeit“, wie Horváth schreibt), doch ist die Atmosphäre dieses Rummels und die Szenerie derart gebaut, daß sie genausogut dort im Prater stattfinden könnte. (Und Horváth ging es durchaus um Wien.) Wien – Weltwirtschaftskrise, Austrofaschismus. Verfremdungseffekte. Es beginnt das Stück als Jahrmarkttaumel. All die Attraktionen, all das Treiben, die Illusionen. Und die Liebe, die Liebe: drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht noch was Bessres sich findet. So das Motto der Karoline. Betrogene Betrüger sind sie am Ende alle – all die, die ihr Stück vom Lebenskuchen möchten. Was für ein Stück: Es ist sinnlich-trauriges, voll von Sehnen, ein beklemmendes Drama in den postdramatischen Zeiten, wo das Pathos der Griechen ausbleibt (zum Glück oder leider, wer vermag das zu entscheiden?), eine Anordnung von Liebe und Verrat, von den großen und den kleinen Hoffnungen. Das Pathos der Existenz ist mittlerweile ein anderes, so ganz und gar anti-antik, und „Schicksal und Charakter“ konkretisieren sich über die jeweiligen sozialen Umstände, grob könnte man sagen: die Klassenlage, die aber nur noch im Ansatz wahrgenommen wird. Und so erfährt sich das Leben bloß noch als Spiel oder als eine höhere Gewalt, als ein Etwas, das von außen angetan wird. Und doch – oder gerade vermittels dieser profanen Fügungen – bleibt es ein Drama, in all seinen Facetten. (Das Traumtänzerische, das Illusionäre, das Harte, das Zarte, das feine Gespinst der Zeit samt ihrem sinnlosen Vergehen und all diese Brüche in ihrer Poetik, in ihrer unendlichen Traurigkeit und Liebe brachte 1995 Christoph Marthaler 1997 in seiner genialen Inszenierung in Hamburg auf die Bühne.)

Horváth spricht, wie bei fast allen seinen Theaterstücken von einem Volksstück. Ist der Rummelplatz nun ein Narkotikum für all die Träume und Schäume? Ist er das Illusionstheater, damit alles bleibt, wie es ist, oder doch in irgendeiner Weise der Vorschein von Verheißung und einer anderen Welt? Von etwas, das ganz anders und nicht nur an Zweck und Zwang gebunden ist? Bezahlen freilich muß man trotzdem, wenn eine/r auf dem großen Rummel dabeisein will. Das wissen auf die eine oder andere Weise sämtliche der Protagonisten. All die Verheißungen. Die kosten. Der Einsatz von Zeit, von Geld von Elan, von Gefühl und Spiel und Wagemut -nicht immer wird einem dies gelohnt, wenn wir denn in der Kategorie der Entlohnung denken und sichten wollen. Und so sagt Erna, am Ende, als Kasimir lakonisch konstatiert, daß so das Leben sei: „Kaum fängt man an, schon ist es vorbei.“ Existenzendlichkeit. Er legt seine Arme um sie, sie ihren Kopf auf die Brust und die Karoline kommt heran, die nach anderem strebte und deren Streben nicht so recht von Erfolg gekrönt war. Abgewiesen und dem Ende zu.

KAROLINE vor sich hin: Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als war man nie dabei gewesen – –

(…)

KASIMIR Träume sind Schäume.
ERNA Solange wir uns nicht aufhängen, werden wir nicht verhungern.
Stille.
KASIMIR Du Erna –
ERNA Was?

KASIMIR Nichts.
Stille.
Erna singt leise – und auch Kasimir singt allmählich mit:
Und blühen einmal die Rosen
Wird das Herz nicht mehr trüb
Denn die Rosenzeit ist ja
Die Zeit für die Lieb

Jedes Jahr kommt der Frühling
Ist der Winter vorbei
Nur der Mensch hat alleinig
Einen einzigen Mai.

Kleines Glück in stiller Kammer, anthropologische Konstanten ins Drama gewendet? Aber nicht doch!

Wiener Moderne um 1900 – Traumbilder und das Repertoire des Zeichensatzes

Man muß absolut modern sein („Il faut être absolument moderne“), lautete einst das Diktum, welches Arthur Rimbaud in seiner lyrischen Prosasammlung „Une Saison en Enfer“ schrieb (holpernd übersetzt als „Eine Zeit in der Hölle“). Neben der Moderne in Paris, Mitte des 19. Jahrhunderts, mit Baudelaire und Flaubert in der Literatur und mit Eugène Delacroix sowie Gustave Courbet in der Malerei (Namen sind Zeichen für Texte), gab es jene Berliner Moderne zum Ende der 1880er Jahre, die ihren Grund im Naturalismus besaß, und es gab während der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert die aus Wien. Die Seelenstände der Psychoanalyse, das Ich als Knotenpunkt, samt verlorenem Faden der Ariadne, das Nervöse und Neurotische, das Hysterische, die Morphinisten, Epochenabglanz, die Sucht nach Ornament als Versprechen, bei gleichzeitiger Verfluchung desselben als Verbrechen durch Adolf Loos. Deutlich sticht das Loos-Haus am Michaelerplatz heraus: inmitten des Prunks, wo Gründerzeit-Häuser träumerisch verschnörkeln und im Glanz eines Abgelebten sich sonnen, bricht der klare Stil das Ensemble der Gebäude auf diesem Platz, sticht aus der Zuckerigkeit kraß hervor. Moderne – das ist bereits in Wien das Miteinander des Verschiedenen: Die Secession, der Werkbund, (von der Musik Mahlers und Schönbergs ganz zu schweigen), natürlich die Gemälde Klimts, die man meist nur als goldstaubüberzogene kennt – doch die sind eben nicht alles, es existieren ja auch die ohne Goldrand oder Goldbesatz sowie ausdrucksstarke Zeichnungen, die in ihrem Duktus und in ihrer klaren Linie ausgesprochen modern anmuten. Seelenstände des Portraits.

Dazu ein Jahrzehnt später Egon Schieles Drastik der Selbst-Inszenierung, der diese Seelenstände expressiv, aber doch voll von morphinem Feinsinn aufsteigerte – von seiner obsessiven eigenen Nacktheit bis zu den von innerem Nachmahr und Epochendruck getragen Selbstportraits, wie auch seine Bilder von Frauen – fast somnambul. Die weiblichen Rundungen und die übrigen Öffnungen geben sich ganz und gar delikat dem Blick hin, so wie das Innenleben von „Fräulein Else“ und „Leutnant Gustl“ die Abgründe und die Verwirrungen des Seeleninnenraums offenbaren. Traumbilder, wenn sie in die Sprache überführt werden, liefern in der Deutung einen Schlüssel an die Hand. Dieses Moment des Irrens und Strömens reicht noch bis in die Prosa Thomas Manns hinein, der durch seinen Aufenthalt in München und Italien sicherlich einiges vom Norddeutsch-Steifen abstreifte: Tonio Kröger und Hans Hansen als Bilder fürs Streben und die Differenz zwischen Künstler und Bürger, die am Ende aber so weit nicht voneinander entfernt liegen, wie die Figur des Kröger und all der anderen genialen Dilettanten in Thomas Manns Werk zeugen. (Diese Erzählung entstand ebenfalls um die Jahrhundertwende und erschien 1903, und wer ein Bild von Gruppendruck, Hierarche, Schauspielerei und Meisterwahn in der Dichterszene erhalten möchte, der lese „Beim Propheten“ – eine Erzählung, die wohl zu recht als eine Parodie auf den George-Kreis und die Bohème-Attitüde gedacht ist. Eine Fortsetzung wäre zu schreiben, hinein in unsere Tage. Über die berliner Tagediebe und die Kreativitätsapostel, die Künstler- und Dichterdarsteller, im kleine, im großen.)

Die Moderne in Wien vereinte, wie eigentlich jede Moderne, Disparates. Nicht zu vergessen auch der Antisemitismus des populären Bürgermeisters von Wien, Karl Lueger. Und das Kaffeehaus als ein Ort, in dem sich die Literaten (meist wohl Männer) zeigten, sich positionierten, Aphorismen, Ideen, Sarkasmen austauschend, einander bezichtigten und eifersüchtig über den Ruhm oder über den kommenden (oder auch bloß kommoden) Nachruhm wachten. Heute sind das Café Griensteidl und das Café Central Schatten ihrer selbst, teuer, lediglich Orte für den Sacher-Torte verspeisenden und einen kleinen Braunen schlürfenden Touristen oder den stillen Gast, der das Schreiben simuliert. Bei all diesen Akten und Aspekten der Moderne ist jedoch nicht zu vergessen, daß sich die Wiener Moderne vehement vom Naturalismus jener Moderne aus Berlin (um 1890 herum) absetzte.

„Was von Periode zu Periode in diesem geistigen Sinn ‚modern‘ ist, läßt sich leichter fühlen als definieren; erst aus der Perspektive des Nachlebenden ergibt sich das Grundmotiv der verworrenen Bestrebungen. So war es zu Anfang des Jahrhunderts ‚modern‘, in der Malerei einen falsch verstandenen Nazarenismus zu vergöttern, in der Poesie, Musik nachzuahmen, und im allgemeinen, sich nach dem ‚Naiven‘ zu sehnen: Brandes hat diesen Symptomen den Begriff der Romantik abdestilliert. Heute scheinen zwei Dinge modern zu sein: die Analyse des Lebens und die Flucht aus dem Leben. Gering ist die Freude an Handlung, am Zusammenspiel der äußeren und inneren Lebensmächte, am Wilhelm-Meisterlichen Lebenlernen und am Shakespearischen Weltlauf. Man treibt Anatomie des eigenen Seelenlebens, oder man träumt. Reflexion oder Phantasie, Spiegelbild oder Traumbild. Modern sind alte Möbel und junge Nervositäten. Modern ist das psychologische Graswachsenhören und das Plätschern in der reinphantastischen Wunderwelt.“
(H. v. Hofmannsthal, Gabriele D‘Annunzio)

Nun ist freilich das Fühlen einer der schlechtesten Ratgeber, wenn es um den Blick auf die Epoche geht. Das Fühlen sollten wir dem Tastsinn und der Haut oder den Liebenden überlassen, dem spielenden Kind, das in dieser Zeit die Unendlichkeit spürt, oder den ihre Kinder oder ihre Hauskatzen liebenden Eltern. Das Fühlen sollte dort seinen Platz haben, wo es angebracht ist, schließlich wollen wir die rationale Analyse ja auch nicht mitten beim Liebesakt und bei all der wunderbaren Zärtlichkeit dabeihaben: „Du, Süßer, die Codierung von Intimität nach Luhmann fällt in einem funktional differenzierten System sehr viel diffiziler aus als in einem solchen, das sich stratifikatorisch organisiert! Wußtest du das?“, so sprach die Frau, während ihre Finger und hernach grifffest ihre feine Hand an der versteiften Auswölbung entlangglitten, sämige Schaumspritzer gebärend.

Allerdings erfordert der Blick auf die Epoche ein gewisses Gespür und einen Sinn fürs Phänomen, der sich nicht allein aus reflektorischer Tätigkeit oder aus reiner Rationalität gewinnen läßt. Doch wissen wir zugleich, daß die legendäre Eule der Minverva ihren Flug erst bei der einbrechenden Dämmerung und wenn eine Gestalt des Lebens alt und grau geworden ist, beginnt. Herauszustellen bleiben diese beiden Aspekte: Analyse des Lebens und die Flucht vor dem Leben: der Weltenraum der Außenwelt als gigantischer Weltinnenraum, in dem sich Symbolisches, Metaphern und vor allem Metonymien ablagern, zu Bildern und verrätselten Zeichensätzen oder gar zu den Symptomen formen. Das, was Adorno den „Rätselcharakter der Kunst“ nennt, findet in dieser Moderne seinen Ausgang, drängt ins Werk und prägt es fortan. Die luzide Sublimierung der Idee im Werk und der klassische Bildungsroman zumindest haben von nun an ausgedient, oder der Autor versieht ihn mit negativen Vorzeichen.

In einem zweiten Teil meiner Wien-Serie zeige ich einen kleinen Gang durch die Leopoldstadt im zweiten Bezirk, hinüber über den Donaukanal in die Innere Stadt (vulgo: erster Gemeindebezirk), ausgehend vom dritten Bezirk zum Praterstern, wo eine reizende Berlinerin, die, am Fahrkartenautomaten lagernd, sich gerade anschickte, zunächst ihre Wochenkarte loszuwerden, um dann mit dem Zug zurück nach Berlin zu reisen, mir eben jene Wochenkarte verkaufte. Der langsame (oder auch der behutsame) Weg sei das Ziel, man spüre die Zeit des Reisens anders, wenn die Reisende die Strecke mit der Bahn fahrend statt mit einem Flugzeug zurücklege, so sagte sie. [Ich vermute allerdings, sie hatte schlicht Flugangst.] Wir unterhielten uns kurz über die verschiedenen Arten des Reisens, über den Modus der Distanz und des Ankommens sowie über die damit verbundenen Verhaltens- und Denkweisen. Dann mußte sie weiter, mußte ich weiter. Ach, Fräulein, sein sie munter, es ist ein altes Stück, mit der Bahn fahrn se runter, mit der Bahn geht’s auch wieder zurück. Sofern man eine Fahrkarte besitzt.

Im Laufe des Rückfluges am Montag erinnerte ich mich ein Stück weit an die Frau, doch ihr Gesicht habe ich bereits wieder vergessen. All die Gesichter. Bei den Damenbeauty-Salons in Wien, auch das ist modern, weiß ich nie genau: Handelt es sich hier nun um die Innung der Friseure oder doch um ein Bordell?
 
 
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Grinzinger Gaumenseligkeit

„Es muß ein Stück vom Himmel sein“ sangen Lee Harvey, nein, falsch, ich verwechselte: Lilian Harvey und Willy Fritsch 1931 in dem Film „Der Kongreß tanzt“: Wiener Seligkeit und Gemüt unterm gemeinen Volk, unerkannt jaust und singt der russische Zar in einer Heurigenwirtschaft in Grinzing oder Nußdorf bei Wien. Ein Jahrhundert und einige Jahrzehnte später verstand der in den Medien als Kannibale von Rothenburg bezeichnete Mann diese Textzeile ein wenig anders und er begehrte nach delikateren Teilen: Es muß ein Stück vom Pimmel sein. Der Phallogozentrismus in dekonstruktionspraktisch-kulinarischer Absicht. Aber durch so etwas, die Wiener Schrammel-Musi, durch Fußball und Gaucho-Tänze läßt sich der immer weltabgewandter agierende Substanz-Metaphysiker und der Existenz-Kritiker nicht aufhalten und aus der Fassung bringen. Der Stoiker des Blickes photographiert die Szenen der Stadt. Unsere Kälte, euer Ruin.

Von solchen eigentümlichen Eß- und Filmkitschgedanken weg, hin zu den Photographien: einen Eindruck von meinem ersten Wien-Spaziergang gibt es auf Proteus Image zu sehen. Leider sind eine Vielzahl an Photographien verschüttet gegangen bzw. beschädigt, weil ich das tat, wovon ich jeder Photographin, jedem Photographen immer abgeraten habe; nämlich Bilder der vollen Speicherkarte auf ein anderes Medium zu ziehen und dann diese Karte in der Kamera zu formatieren und darauf neue Bilder zu speichern. Mit Speicherkarten muß man wie mit Filmen umgehen. Ist die Karte voll, wird eine neue verwendet. Am besten man besitzt mehrere Sätze von 8 oder besser noch 4 GB Kapazität. Sie werden erst auf dem heimischen Rechner gezogen und dann, wenn alles importiert und zweifach datengesichert ist, kann die Karte gelöscht werden. Klingt zwangsneurotisch, hat sich aber als Sicherheit bewährt. So geht kein Bild verloren.

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Edit/Nachtrag:

Ich habe vergessen, das wunderbare Video einzubetten, mit den Untertiteln in einer mir nicht bekannten, vermutlich asiatischen Sprache, die dann wieder ins Deutsche übersetzt wird.

Vienna Calling – Rückkopplungen und Rückreise

Gut erholt trifft der Blogbetreiber aus einer der Filialen des Grandhotels Abgrund – nämlich: Wien, Loge der Dekadenz samt des verblaßten Glanzes – wieder in Berlin ein. Vom vorgestrigen Tage bekam ich in Wien wenig mit. Etwas Geschrei und Gejohle und das war es dann. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. In vier Jahren werden dieselben Debatten aufkeimen.

Wie ich lese, starb das letzte der „Ramones“-Mitglieder – Tommy Ramone nämlich. Nun ist es vorbei. Wie alles. Ebenso starben der Künstler On Kawara, der die Zeit in Zeichen, Reflexion und Imagination verwandelte, sowie der Schauspieler Gert Voss, exakt während ich in Wien mich aufhielt. Einen Tag zuvor fragte mich eine Freundin: „Was macht eigentlich Gert Voss?“ Gute Frage. Thomas Bernhard schrieb ein ganzes Theaterstück über jene drei Schauspieler: „Ritter, Dene, Voss:

 VOSS: Wir können nicht denken, wenn wir an Menschen und ihre Bedürfnisse gebunden sind.
(Th. Bernhard, Ritter, Dene, Voss)

Nie mehr zum Doktor Frege zu gehen. „Ich gehe zu keinem Doktor Frege mehr hin.“ Krankheit zum Tode. Denken, Gehen, sich in den Büchern bewegen, sie wie die Nahrung in einem Wirtshaus aufnehmen. Nahe am Wahnsinn. Die Ekstase der Existenz als Text. Der Geistesmensch als jene tragikomische Gestalt, eine Art kranker Don Quichotte, der sich im Bewußtseinsinnenraum verrennt, an den Projekten immer wieder scheiternd, lustvoll und in Qual zugleich, immer nahe am Steinhof wohnend, hausend, denkend– jener Irrenanstalt bei Wien.

Heimgekehrt: Um mehrere Kilo schwerer von Wein und Wurst, Schnitzel und Gemischtem Satz oder Grünem Veltliner komme ich nach Hause. (Ich wüßte es genauer, wenn ich mich wöge.) Und naturgemäß auch das da: Frittatensuppe.

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WIRT
Frittatensuppe sagten Sie
BRUSCON
Selbstverständlich
Das einzige
das hier gegessen werden kann
ist Frittatensuppe
Aber nicht zu fett
immer diese Riesenfettaugen in der Suppe
selbst in der Frittatensuppe
feiert die Provinz ihre Triumphe
(Th. Bernhard, Der Theatermacher)

Der Transitraum, Wartesäle und Aufenthaltsbereich des Menschen der (Post-)Moderne. Hektisch die Finger am Handy, am Smartphone, auf dem Tablett-PC oder am Laptop. Manchmal auch schlafend und ruhend. Wie in einem Marthaler-Stück. Eine eigentümliche Bewegungslosigkeit herrscht manchmal an den Nicht-Orten, die lediglich Durchgangsstationen bilden.

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Wien – Berlin: die aufkommende Moderne zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Jahrhundertwende. Berggasse: die dritte narzißstische Kränkung fürs Subjekt: daß das Ich im eigenen Hause nicht mehr der Herr sei. Ich besah das Wartezimmer von Freuds Praxis, das Behandlungszimmer, Freuds Arbeitszimmer, in dem eines der bedeutendsten Werke der Jahrhundertwende entstand: „Die Traumdeutung“. Aber es lassen mich diese Dinge, die Stuhl-Objekte, die Bilder, die Sofas kalt. Nichts besitzt eine Aura. Es ist alles simuliert. Ein Museum eben. Das einzige, was mich bewegte, waren die Gemälde im „Kunsthistorischen Museum“. Die Kaffeehäuser: Karl Kraus und Peter Altenberg. Aber ich bin aus dem Alter heraus, stundenlang im Kaffeehaus zu sitzen: ich kann mich dort nicht konzentrieren, mag weder schreiben noch lesen, weil ich von den Menschen, von ihrem Treiben, von der Unruhe abgelenkt bin, und wir sind in einer fremden Stadt sowieso nur Touristen; da hat es etwas Albernes, den Wiener Schmäh und die Wiener Kaffeehaus-Tradition nachzuahmen oder irgendwie schriftstellerisch-philosophisch zu simulieren. Neun Tage sind zudem eine viel zu kurze Zeit, um in irgend einer Weise in einer Stadt als Bewohner und Lebewesen anzukommen. Der Mensch bleibt Tourist, solange er reist und sich von seinem Zuhause, seinem Wohnort fortbewegt. Die meisten tun so, als gehörten sie dazu, wenn sie einen oder zwei Monate irgendwo leben.

Allenfalls könnte ich in einem der vielen, meist in altmodischem Interieur gehaltenen oder gediegen auf alt gemachten Kaffeehäusern die Menschen beobachten – vielleicht in der Weise, wie Thomas Bernhard es über seinem Freund Paul Wittgenstein in dem Text „Wittgensteins Neffe“ beschreibt:

„Im Sommer hatten wir unseren Stammplatz auf der Terrasse des Sacher und existierten die meiste Zeit aus nichts anderem als aus unseren Bezichtigungen. Gleich was vor uns auftauchte, es wurde bezichtigt. Stundenlang saßen wir auf der Sacherterrasse und bezichtigten. Wir saßen bei einer Schale Kaffee und bezichtigten die ganze Welt und bezichtigten sie in Grund und Boden. Wir setzten uns auf die Sacherterrasse und setzten unseren eingespielten Bezichtigungsmechanismus in Bewegung hinter dem Arsch der Oper, wie Paul sich ausdrückte, denn sitzt man vor dem Sacher auf der Terrasse und schaut geradeaus, schaut man genau auf die Hinterseite der Oper. Er hatte seine Freude an solchen Definitionen wie dem Arsch der Oper, wohl wissend, daß er damit nichts anderes als das Hinterteil seines wie nichts auf der Welt geliebten Hauses am Ring bezeichnete, aus welchem er so viele Jahrzehnte mehr oder weniger alles, das er zum Existieren brauchte, bezog.“
(Th. Bernhard, Wittgensteins Neffe).

 Demnächst mehr zu Wien, in Wort und Bild – auf diesem Blog.

Reise in die andere Epoche – Tage in Wien

„In Österreich mußt Du entweder katholisch
oder nationalsozialistisch sein
alles andere wird nicht geduldet
alles andere wird vernichtet
und zwar hundertprozentig katholisch
und hundertprozentig nationalsozialistisch“
(Thomas Bernhard, Heldenplatz)

 Die Stadt ist mit dichten Lagen Geschichte bedeckt, überzogen von der Patina, und abgestrahlter Glanz legt sich wie Pollenstaub auf den Monumenten und Gebäuden nieder. Kirchenkuppeln, Kirchturmspitzen und Paläste in hellem Stein. Strahlwerk und Triebkraft. Barock wirkt als gesellschaftlicher Kitt, und zugleich spiegelt sich darin die Strahlkraft der Vanitasmotive, die ich so sehr liebe: die Spiegel, die Hunde, die Schädel, die Meßwerkzeuge. Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Unter dem Stephansdom, Unterleib: die Gräber: Knochen, Särge Fetzen von Gewändern. In der Kapuzinergruft: die Särge: Staub und Knochen, das, was vom Hause Habsburg blieb: der Modergeruch, zwischen Stein und Gebälk. Salbungsvolle Reden der Übriggebliebenen und die Überreste der Geschichte. Es wispern die untergründigen Geister, es höhnt die Stimme von Karl Kraus den ewigen Lügnern hart ins Ohr. Die letzten Tage der Menschheit. Der heilige Trinker Roth: verstorben im Exil in Paris. Überhaupt ist diese Stadt mit Geschichte, mit Geschichten, mit Leben und Tod durchzogen, durchsetzt, durchseucht. Berggasse: Das alle freizulegen, was sich im Subjekt an Verdrehtem und Sperrigem, an Kultur und Gesellschaft sedimentiert und wie Muschelkalk als Kokon sich ums Metall und um den Stein der Begräbnisstätten schichtete. Jenes kollektive Unterbewußte sowie die andere Struktur, die unser Streben unbewußt bestimmt oder manchmal auch konterkariert. Thanatos und Eros in Verschränkung. Geschichtsträchtige Pfade, wie man so sagt, und insbesondere im Angesicht eines schalen Jubiläums vor 100 Jahren. Aber es ist dies die Geschichte der Mächtigen, derer, die oben und im Licht stehen. Wir freilich wissen es im stummen Sinne des Ästhetizismus, nach der Sprache ringend und haspelnd in den Gossen, aus den Goschen gespien, seewärts fahrend und die nervösen Sinne, die erhabensten aller Hysteriker sprechen schnell und gewiß:

Manche freilich müssen drunten sterben
wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
andere wohnen bei dem Steuer droben,
kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen mit immer schweren Gliedern
bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
anderen sind die Stühle gerichtet
bei den Sibyllen, den Königinnen,
und da sitzen sie wie zu Hause,
leichten Hauptes und leichter Hände.

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
in die anderen Leben hinüber,
und die leichten sind an die schweren
wie an Luft und Erde gebunden.

 Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
noch weghalten von der erschrockenen Seele
stummes Niederfallen ferner Sterne.

 Viele Geschicke weben neben dem meinen,
durcheinander spielt sie all das Dasein,
und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
schlanke Flamme oder schmale Leier.

(Hugo von Hofmannsthal, Manche freilich …)

 Die Fragen eines lesenden Arbeiters, erstickt im Ruderschlag, Adornos Lektüre der Sirenen-Episode aus der Odyssee bleibt nach wie vor aktuell. Die ästhetizistische Verstrickung wandelt sich später, einige Jahre nachdem Hofmannsthal dieses Gedicht schrieb, zur Armut, die bekanntlich ein großer Glanz aus Innen ist, wie Rilke in Hohlpathos und kunstgewerblich insinuierte. Die freudlose Gasse. Wiener Kreis. Wien webt in unseren süßen Träumen todestrunken die Schleier, Reiseschleier, Reisefieber, Wien ist die Stadt der Melancholie, des Schimpft, der Literatur (vor hundertundzehn Jahren), die Stadt der Mehlspeisen und Weine, des Zitterspiels, natürlich!, der Schrammelmusik, Loos und Wittgenstein, Ornament und Verbrechen und in der Nacht der Schrei: Harriiieee. Donauwärts, die Wellen, slawisch verspült. Ostwärts verweht, Galizien und die Bukowina. Eine untergegangene Welt, wo Bücher und Menschen wohnten, wie der Dichter Paul Celan in seiner Bremer Rede sprach. Der Vielvölkerstaat. Alles das aber gibt es nicht mehr. Oder vielmehr: das existiert nun in anderer Weise. Wien ist eine Stadt wie jede andere. Und genau dahin reise ich für über eine Woche. Ich war noch nie dort.

Wien: das ist der Zuckerguß, von den Torten bis zu den überzuckerten Gebäuden. Das protestantische Wien: es ist verschüttet, denn Wien wurde im Zuge der Gegenreformation mit dem „Blendwerk des Barock“ überzogen und rekatholisiert, wie Gerhard Roth es schreibt.

Ich weiß nicht, was mich in dieser Stadt erwartet, und dennoch schwirren im Kopfe Vorerwartungen, weil Wien durch bestimmte Bilder und Szenen geprägt ist. Man müßte den Inhalt des Bewußtseins, gleichsam phänomenologisch im Sinne einer Epoché oder der Tabula rasa, leerfegen und in die Stadt reisen, als hätte man keine einzige Geschichte mehr im Kopf, kein Bild und kein Klischee, denn so wie das ewige Paris-Gefasel oder Berlin-Gefasel uns den Sinn verstellt, beschädigt auch der Wien-Text das Denken. Ich betriebe die phänomenologische Reduktion. Den Kopf freizubekommen, um für die Photographie Platz zu schaffen, wäre sicherlich ebenfalls ein spannendes Projekt. Doch es geht nicht ohne den Text. Wenn wir freilich bedenken, daß auch Bilder eine Form des Textes sind, dann ist es gut wie es ist. Schreiben, flanieren, sehen. Wahrnehmen. Aber diese Diktionen gehen mir bereits gegen den Strich: wenn die ästhetischen Imperative des Immergleichen formuliert werden. Denn sofern alle offen in der Wahrnehmung und für die Dinge sein wollen oder es zumindest im Phrasensound vorgeben, dann möchte ich das lieber nicht und die Zerlegung einer Stadt ist schließlich kein Creativ-writing-Kursus mit Wohlfühlfaktor, sondern harte Arbeit.

Dennoch beträufeln diese Bilder beständig das Denken: Das Kunsthistorische Museum vor allem, und wer erinnerte sich nicht an seine Lektüre von Bernhards „Alte Meister“: Grandios die Heidegger-Beschimpfung und Bezichtigung darin sowie die Intensität der Kunst als Reflexionsraum, und dennoch vermag, so die Erkenntnis des Protagonisten Reger, kein Kunstwerk den einzig geliebten Menschen zu ersetzen. Was für eine Suada und was für ein Textstrom über Kunst und Leben, den Reger da entfesselt. Im Text Bernhards.

Wien bietet Potential und wenn ich bei „Wien“ einen Buchstabendreher setze, habe ich zudem „Wein“. Ich werde vielleicht doch hier und demnächst die „Chronik meines Alkoholismus“ aufschreiben: Der Blogtrinker. Doch dies ist ein anderes Thema, dazu komme ich ein andermal. [Wunderbarer Götz Widmann! Aber alles steht, wie jegliches im Leben, hart auf der Grenze.]

3-596-11407-1Was zur Einführung in diese Stadt lesen? Es kam mir sofort Gerhard Roth in den Sinn (nicht der Hirnforscher, sondern der österreichische Schriftsteller). Aus dem Zyklus „Archive des Schweigens“ las ich „Eine Reise in das Innere von Wien“: sehr genau beobachtet Roth das, was abseits der ausgetretenen Pfade läuft: im Stephansdom oder im Narrenturm, in der „Hitlervilla“, vulgo, dem Männerwohnheim Meldemannstraße, in welchem Hitler von 1910 bis 1913 wohnte. Die österreichische Geschichte mit ihren Verstrickungen und dem Hang jeglicher Geschichte, aus der Perspektive der Herrschenden und der Mächtigen zu schreiben, liest Roth aus dem Heeresgeschichtlichen Museum heraus. Wie auch beim Stephansdom und an anderen Orten buchstabiert er einen anderen Blick auf die Geschichte Wiens aus. Das, was nicht im Baedeker oder in DuMonts Kunstreiseführer geschrieben steht, die lediglich in satten Farben schönmalen und die Kunstgeschichte zum Glanz der Herrschaften illuminieren lassen. Weiterhin sei „Die Stadt. Entdeckungen im Inneren von Wien“ empfohlen. Roth schreibt Geschichte und Geschichten, aus denen die Leser um ein Stück gebildeter, wissender, wahrnehmender heraustreten, nachdem sie diese Texte gelesen haben. Roth beschreibt und beobachtet essayistisch, er ist zudem einer jener klassischen Flaneure, der mit dem Photoapparat durch die Stadt streift, um das Abgelegene ins Bild zu bringen.

In diesem Sinne möchte ich mich für einige Tage von meinen Leserinnen und Lesern verabschieden. Ich weiß nicht, ob ich in Wien zum Schreiben kommen werde oder einige Photographien hier im Blog einstellen kann. Das wird sich zeigen. Ihnen bis dahin eine gute Zeit. Spätestens am 14. Juli, quatorze juillet, geht es weiter. On verra. [Und heute? Heute ist ein ganz besonderer Tag. Es wird ein Picknickkorb gepackt und eine Flasche Riesling-Sekt lagert im Kühlschrank.]

Ich kann nicht anders, noch einmal der geliebte Georg Kreisler: „Wie schön wäre mein Wien ohne Wiener“: „Und wer durch dies Paradies muß//Findet später als Legat//Statt des Antisemitismus//Nur ein Antiquariat!“ Was für ein rattenscharfer Text! „In Grinzig endlich Ruh und’s Burgtheater zu!“