„Let there be rock …“: Tocotronic in Concert

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Es gibt Rezensenten, die schreiben witzig, bildhaft, lebendig, mit Esprit, überbordend, sich verausgabend und phantasievoll – so auch der Verfasser dieser Blog-Kolumnen. Eine besondere Kunst ist es allerdings, in dieser Art und auf diese Weise ebenfalls Konzertkritiken, spezieller noch Besprechungen über Veranstaltungen populärer Musik zu produzieren. Mir selber gelingt das nicht: eigentlich kann ich so etwas nur in monotoner Reihung schreiben und das aufzählen, was der Fall ist: Die Band kommt auf die Bühne, sie begrüßt das Publikum, sagt nach dem zweiten oder dritten Song, daß jene Stadt, wo die Band gerade spielt – sei es Leipzig, Berlin, Wuppertal oder Hamburg –, die tollste Stadt mit dem wildesten und besten Publikum sei. Die Band musiziert, das Publikum tobt oder applaudiert enthusiastisch, manchmal auch andächtig. Dann spielt die Band das nächste Stück, das Publikum gerät in Ekstase. Am Schluß des Abend werden drei oder vier Stücke Zugabe rausgehauen.

Ich besuch selten Veranstaltungen, auf denen populärer Musik dargeboten wird. Es ist mir dort in der Regel zu voll, Menschen harren dicht und müffelnd vor mir. „Dicht“ kann man als Teekesselchen nehmen, und zwar im Sinne von „zu nah dran“ und als „unter dem Einfluß schädlicher Betäubungsmittel stehend“.

Fein mag es sein und es erweitert den Horizont des Musikwissens, wenn vor der Hauptband, um derentwillen der Blogbetreiber im Grunde das Konzert besuchte, eine Vorband auftritt. Manch angenehme Überraschung kann sich da von Zeit zu Zeit verbergen. Aber ich halte es dennoch für eine undankbare Aufgabe, als Vorband aufzutreten. Zumal ich selber als Zuschauer und Zuhörer sehr schnell ungeduldig werde. Auf diesem Konzert nun war zumindest die Vorband nicht so schlecht, daß ich anfing, mit den Füssen zu scharren. Aber sie war trotzdem nicht so gut, daß ich mir deren Namen merkte. Ich weiß nur noch, daß eine Frau mit kräftigen Oberarmen, auf einem dieser Oberarme war ein schmales Tattoo graviert, und ein junger Mann mit einem Jünglingsgesicht auftraten. Sie betastete einen Synthesizer, er beschlug ein Schlagzeug. Kurz kam auch Rick McPhail zu einem Gitarrenauftritt herüber. Aber die beste Vorgruppe gleicht mein Begehr nicht aus: ich will Tocotronic hören, keine Vorgruppe, ich habe mich auf deren Musik eingestellt, lasse die Stücke innerlich in mir anklingen, denke mir aus, welche Lieder aus welchen Alben sie spielen könnten. Kommt „Pure Vernunft“, bringen sie „Neue Zonen“ oder welche Stücke überhaupt von diesem neuen, tollen, wunderbaren, gut gemachten Album? Man sinniert in Vorfreude und möchte eigentlich nichts anderes als unendlich lange Tocotronic lauschen, schwelgen, reflektieren über die Brüche und Risse, die Kontinuität. Und den Wandel einer Band innerhalb einer oder zwei Stunden im Kurzdurchflug dargeboten zu bekommen. Nein, ich halte von dem Prinzip Vorgruppe nichts. Das ist, als spielte man vor dem „Rheingold“ plötzlich und unerwartet eine Klaviersonate von Brahms.

Eigentlich wollte ich gar nicht auf dieses Konzert, denn Lärm, Enge, Menschen in Vielzahl sind mein Fall nicht, aber dann ging ich doch. Ich bereute es nicht eine Sekunde. Ja: am 14.4. spielten Tocotronic zum Abschluß ihrer Tournee „20 Jahre Tocotronic“ und um ihr neues Album vorzustellen in der Columbiahalle auf. Der Umzug nach Berlin tat Tocotronic musikalisch sichtlich gut, was wir an ihrem neuen Album „Wie wir leben wollen“ hören. Berlin bietet diese Weite des Blickes, das Subtile, das Raue, das sich mit der Klarheit bindet: die Klarheit einer Struktur. Berlin schafft Veränderungen im Stil, in der Performanz, die in anderen Städten nicht möglich wären, die Enge Hamburgs haben Tocotronic mit dieser wunderbaren neuen Platte endgültig überwunden.

Und dann war es soweit: Die Band betrat die Bühne, die Band spielte auf, die Zuschauerinnen und die Zuschauer applaudierten, tosen, tobten, es war viel junges Publikum anwesend, aber auch manche(r) in meinem Alter. Diese Wesen, die Ende der 40er sind und es nie glauben wollen, treibt die Wehmut ins Konzert. Wie wir leben wollen? Nein, so wie einst in den wilden 80ern, den wilden 90ern – wir, die wir nicht unbedingt oder zumindest nicht so schnell erwachsen werden mochten –: das geht in solchem Exzeß nicht mehr. Das wilde Leben glättete sich. Tocotronic-Stücke erinnern mich an die gerauchten Zigaretten, die Lieder von Tocotronic wecken die Erinnerung an eine durchzechte, wunderschöne Nacht, mit der einen, der einzigen Frau. Dein blondes Haar im Fahrtwind. Der Geruch deiner Haut. Deine zärtliche Geste. Derrida und Foucault. Auch dies war Tocotronic. Und jenes verformte Wittgensteinzitat vom Reden und vom Schweigen – herrlich in den Zusammenhang einer Nacht in irgendeiner Bar gebracht. Liebe ist Konstrukt, Liebe ist Text. Hinausgeschrien von Dirk von Lowtzow. Unsere Philosophie, in der wir uns so unendlich wichtig nahmen, weil wir sie auch als Habitus benutzten und uns im Distanzmodus überstülpten. Zweierdistanz, während meine Finger halb-schüchtern den Saum deiner weißen Unterhose hochschoben, um dann weiter in deine Möse zu gleiten: „Herrgott nochmal, nur noch eine Stunde, nur noch ein Tag, let there be rock, verflixt nochmal.“ Das alles schoß in den Kopf in den kurzen Momenten im Dauerblitz der Stroboskope, diese Blitze, die in den Zuschauerraum stießen. Und die Erinnerungsfetzen, die mit den Lichtern sich überblendeten zum Bild.

Laut und klar der Sound. Tocotronic spielte einige Stücke der neuen Platte, aber auch viel Altes wurde dargeboten. „Freiburg“: sicher, sicher: das darf nicht fehlen: „Ich weiß nicht warum ich euch so hasse: Tanztheater dieser Welt.“ Oder „Meine Freundin und ihr Freund“ die erste Single-Ausspielung von Tocotronic. Die Band bot eine überraschende, aber doch gute Auswahl aus ihren 10 Alben.

Natürlich, immer wieder, schöne Liebeslieder: „Ich will für Dich nüchtern bleiben.“ Zu den Musikstücken lief im Hintergrund eine Video- und Bildershow. Zeichnungen, Filme, Bilder, die auf eine Leinwand projiziert wurden, untermalten die Lieder. Besonders herausragend dabei die Illustrationen. Es hätten statt der Photographien oder der Filmsequenzen am besten als Bildhintergrund den ganzen Abend über die Zeichnungen, Bilder, Skizzen von Grafik-Designern eingeblendet werden müssen. – oder noch besser – wie ich es einmal auf einer Lesung erlebte, hätte eine Illustratorin das Konzert im Live-Modus kommentierend mitzeichnen müssen, und diese Skizzen projizierte dann, im Akt ihres Entstehens, ein Apparat auf jene Leinwand. Zu Tocotronic und ihrer Musik würde es sicherlich und allemal gut passen, zumal der Schlagwerker Arne Zank immerhin in Hamburg an der Fachhochschule für Gestaltung Grafik-Design studierte.

Während Tocotronic ihre Stücke dem Publikum präsentiert, wirkte da im Hinterkopf von mir eine kurze Hoffnung: ob die Band diese beiden Stück wohl spielen wird, die mir so wichtig sind: „Nach Bahrenfeld im Bus“ und „Let there be Rock“? Ach, und es riefen sogar einige im Publikum lauthals nach dem Bahrenfeld-Stück. Wie schön, daß auch die heute jungen Menschen diesen einen Augenblick, als gedehnten Lebensmoment in die Musik gebracht, immer noch hören wollen. (Um wenigstens hin und wieder die Selbstaffektion zu betreiben und auf meinen eigenen Text zu verweisen, wo ich Bahrenfeld darbiete, sei Leserinnen und Lesern dieser Link nahegelegt.)

„Nach Bahrenfeld im Bus“ ist ein Existential trunkenheitsfeiner Verlassenheit, so denke ich mir als Konzertexkurs: Wie wir leben wollen. Zu diesem Lebensgefühl, das nur zu einer ganz bestimmten Zeit überhaupt möglich ist, spielt, schimmert, klingt dieser wundervolle Sound der 90er Jahre, scheppert die Gitarre über eine Minute lang, haut und schlägt den Takt, zusammen mit dem Schlagzeug, langsam auftakelnd: und dann diese Zeilen: „Halt mich fest, ich glaub ich brauch das jetzt. Kauf mir ein Bier. Ich trink es dann bei mir …“ Reduzierter läßt sich eine Nacht, ein letzter gemeinsamer Abend in einer Stadt, wo sich zwei Menschen trennen, nicht auf den Text-Punkt bringen und zu einer Klang-Text-Collage verdichten. Sieben Textzeilen, die in fast fünf Minuten Klang gebetet sind.

When the music plays: und wie ich auch wünschte und hoffte, doch diese beiden Lieder kamen partout nicht. Die Band verausgabte sich, rockte über Stunden und irgendwann ist, wie mit allen feinen Dingen, Schluß. Nach zwei oder drei Zugaben war das Konzert zu Ende, es wurde eine Hintergrundmusik gespielt, und zwar von Ingrid Caven „Die großen weißen Vögel“. Die Besucher verließen die Halle, was ich nicht verstand, denn dieses Lied wählte Tocotronic klug, gut und mit Bedacht, weil es zum Konzert paßte. Doch eine Gruppe Unentwegter und Eingefleischter verharrte vor der Bühne und beharrte auf Musik, applaudierte, stampfe, klatschte formschön-laut, dröhnte, rief zum Dunkel der Bühne hin. Unentwegt. Bis Gestalten sich im finsteren Bühnenhintergrund zeigten, winziges Lichtglimmen und die Band noch einmal auftrat, spielte und in den Saal schrie und wir: wir schrien, schrien und sangen mit: Let there be rock!

http://www.tocotronic.de/videothek/let-there-be-rock/

Many thanks, Tocotronic, für diesen wunderbaren Abend, für phantastische 20 Jahre Musik, die ich vom Anfang bis heute begleiten durfte, vor allem aber für dieses große Album „Wie wir leben wollen“. Was die Texte zur Musik anbelangt, so sind nur wenige Bands zwanzig Jahre lang auf der Höhe ihrer Zeit und haben das Frühlingserwachen und die Formen von Jugend auf den Musik- und Textpunkt gebracht.

Und alles was wir hassen
Seit dem ersten Tag
Wird uns niemals verlassen
Weil man es eigentlich ja mag

Ornament und Versprechen. Teilzeit- und Freizeiterotiker – plüschophil

Am 29.1. gab es im Lido ein Konzert der besten deutschsprachigen Band, nämlich von Tocotronic. Ich konnte leider aus verschiedenen Gründen nicht auf dieser Veranstaltung weilen. Wie der dort anwesende Jens Balzer berichtete, war es ein ausgesprochen gelungenes Konzert. 20 Jahre Tocotronic: dies gilt es zu feiern, denn  jedes Album ergab eine (angenehme) Überraschung, immer ein Stück weiter ging es auf dem Weg.

Schaum und Stoff
Werden zerbrechen
Was Körperpanzer
Falsch versprechen
Europas Mauern
Werden fallen
An die Anemonen
Und Korallen
Wiederholte
Differenzen
Für Asyle
Ohne Grenzen
Wir haben
Weiche Ziele
Süßliche Exile
Ornamente
Und Verbrechen:
Schaum und Stoff
Werden uns rächen
Stahl und Eisen
Werden kippen
Staub zersplittert
Marmorklippen
Wir haben
Weiche Ziele
Wir sind
Plüschophile



Wir haben
Leichte Waffen
Um Gespinste
Zu erschaffen
Mit den Pilzen
Und den Sporen
Spione
In den Rohren
Wir ordnen
Neue Zonen
Wo die Soft Boys
Wohnen

Neue Zonen

Dieses Stück ist nicht nur Musik, es ist Lyrik, und zwar gelungene. Diese Lyrik zieht Begriffe derart auseinander, daß sich aus diesen Wörtern dann ein ganz anderen Zusammenhang erzeugt. Schaum und Stoff. Und es entstehen Assonanzen, Verbindungen, Synthesen, die ein Anderes eröffnen, ohne es auszumalen, und es ist dieses Andere zugleich die Welt der Sporen und Pilze, der Anemonen und Korallen. Kalt, unbestimmt, anders. Digital ist besser, so heißt ihr erstes Album, und daraus gibt es jetze Freiburg – ein Stück das auch in einer weniger angerockten Version sogar noch gut ist:

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Und das war genau unser Leben: neben der Philosophie, der Kunst, der Photographie: damals, egal ob nach Bahrenfeld, nach Neukölln, nach Westend im Bus. Es gab diese jene solchen Tage – vollgesogen mit der Melancholie einer Nacht, die irgendwann dann zuende ging. Halb fünf Uhr morgens und die Dämmerung des Tages bricht an. Es ist dies eines der schönsten Lieder, wenn man noch jung ist. Ach, ich wäre gerne auf dem Konzert gewesen.

„Halt mich fest, ich glaub‘, ich brauch das jetzt. Kauf mir ein Bier, ich trinke es dann bei mir!“
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Ratio et oratio: „Verschwör Dich gegen Dich …“ – Tocotronics neue (Sc)Hallplatte „Wie wir leben wollen“

Und dieses Prinzip der Sich-gegen-sich-selbst-Verschwörung, so meine ich, um auf die reine Subjektivität des Meinens und Dafürhaltens sich zu kaprizieren [ein immer wieder beliebtes Procedere], ist nicht die schlechteste Weise der Auseinandersetzung und der Diskurserzeugung. Denken entsteht erst in der Alienation, in der Negation (manchmal auch der doppelten) und nicht im om-om der Innenruhe. Die reine Identität als das Sich-selbst-gleich-sein des Subjekts mit sich selbst bleibt reine Leere. „Von zwei Dingen zu sagen, sie seien identisch, ist Unsinn, und von Einem zu sagen, es sei identisch mit sich selbst, sagt gar nichts.“ (Wittgenstein, Tractatus 5.5303) Was ist das Ich? Läßt es sich überhaupt als Objekt unter Objekten behandeln? „Fragen der Philosophie“, um hier einen Musiktitel der Band F.S.K. zu zitieren. Nach Schopenhauers Willensmetaphysik geht die Erkenntnis des Selbst, das sich eben nicht als bloßes Objekt unter Objekten fassen kann, lediglich über den Leib – Individuum ist das Subjekt einzig durch seine besondere Beziehung auf den Leib. Allerdings pausiert in Schopenhauers Konzept des sich selbst anschauenden Willens der vorstellende Verstand zugunsten eines kontemplativen Zusammenfließens von Subjekt und Objekt . Die kalte Ratio setzt aus, schaltet sich ab.

„Des Schlosses Wände waren gebildet vom treibenden Schnee und Fenster und Türen von den schneidenden Winden, da waren über hundert Säle, alle wie der Schnee sie zusammentrieb, der größte erstreckte sich mehrere Meilen lang, alle beleuchtet von dem starken Nordlicht, und sie waren leer, eisig, kalt und glänzend. […] leer, groß und kalt war es in den Sälen der Schneekönigin. Die Nordlichter flammten so deutlich, daß man zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren unendlichen Schneesaale war ein zugefrorener See, der war in tausend Stücke gesprungen, aber jedes Stück glich dem andern so, daß es ein ganzes Kunstwerk war; und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war, und dann sagte sie, daß sie im Spiegel des Verstandes sitze, und daß dieser der einzige und der beste in der Welt sei.
Der kleine Kay war ganz blau vor Kälte, ja fast schwarz, aber er merkte es nicht, denn sie hatte ihm das Frösteln weggeküßt, …“
Hans Christian Andersen, Die Schneekönigin

Ratio et oratio: Insofern man eine Hierarchie der Künste aufstellen möchte, ist es nach Schopenhauer die Musik, welche auf der Skala ganz oben steht; sie ist metaphernloses Ausdrucksmedium und in der Konstruktion durchgebildet in einem: „Sie steht ganz abgesondert von allen anderen. Wir erkennen in ihr nicht die Nachbildung, Wiederholung irgendeiner Idee der Wesen und der Welt …“ Sie wirkt und webt „als eine ganz allgemeine Sprache, deren Deutlichkeit sogar die der anschaulichen Welt selbst übertrifft; …“ (Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Drittes Buch)

Gestern erschien die neue Tocotronic-Platte. Das mag im trüben, kalten Januar, jenem Monat der Schneekönigin samt ihres eisigen Spiegels des Verstandes, der ein jedes Ding und jede Regung in einer Weise der Kälte und der Klarheit widerspiegelt, einen Bruchteil von Wärme erzeugen. Es handelt sich dabei freilich um die Wärme der Reflexion. „Wie wir leben wollen“ ist ein programmatischer Titel und die Sprache der Platte mannigfaltig philosophisch angereichert:

„Man sagt
Die Revolution
Werde zuletzt den Tod
Abschaffen
Abschaffen
Abschaffen“

Das nomadische Denken trägt diese Platte: die Aporie des endlichen Subjekts, aber auch die Unendlichkeit einer Utopie, welche bereits die Romantik in den unendliche Text brachte, freilich dort im frühen 19. Jhd. nicht mit dem Pathos des Revolutionären als Modus angereichert. Tocotronic spielt diese Zeilen musikalisch in einer Weise, die man sphärisch nennen kann; sanft-symphonisch entfaltend, nicht hart gerockt mit Gitarrenriffs, die klare Kante und unverzerrt sind, wie auf den früheren Platten. Mir fiel bei dieser Passage sofort „Ton Steine Scherben“ ein, und ich überlegte mir, wie diese Band diesen Text instrumentiert hätte. Wahrscheinlich härter, fordernder; nicht wie ein (indirektes) Zitat von Adorno, sondern es käme bei „Ton Steine Scherben“ eher ein Politrock-Sound in Brechtscher Direktheit heraus, (der – in die Klammer gesprochen – ja nicht nur zu verachten ist). Sanft spielen „Ton Steine Scherben“ nur dort, wo auch der Text zunächst auf Samtpfötchen daherkommt: „Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei,/du warst hier und wir war’n frei/ und die Morgensonne schien.“

Plattenkritiken merkten diese Text/Ton-Schere insbesondere bei dieser neuen Tocotronic-Platte an: die Melodie konterkariert das Geschriebene, das Gesungene. Wo die Musik gefällig, fast einlullend strömt, da tritt der Text lakonisch oder hart-sachlich auf, konstatierend wie eine Sentenz von Foucault oder Adorno, die ubiquitäre Verdinglichung umschreibend, von der die Subjekte nicht einmal mehr etwas bemerken, weil sie, in den Kreativbranchen arbeitend, work-hard-play-hard-marktoptimiert und als Subjekte der Kreativarbeitswelt hinreichend konditioniert sind. Wo die Platte ihren kritischen Befund anbringt, da trifft sie die Situation recht genau. Da wo sie, in Deleuzeianischer Manier die Vereinigung von Wespe und Orchidee feiert oder die Utopie des Disparaten preist, dort gerät es heikel. Das funktioniert (als Text) nur bedingt. Wobei andererseits jene 99 Thesen „Wie wir leben wollen“ jegliche Bestimmung zugleich wieder durchstreichen, denn diese Thesen instrumentieren die Disparität des Paritätischen. Diese Thesen arbeiten ähnlich wie die Begegnung von Nähmaschine und Regenschirm auf dem Operationstisch. Individuum est ineffabile läßt sich als Konsequenz festhalten. Zum großen Fest eines nichtdialektisch konzipierten Nichtidentitären und zum Pathos, wie im Rhizom-Text von Deleuze/Guattari, transformiert es sich nicht mehr. Kritik, Denken sowie die Ästhetik in ihrer musikalisch-textuellen Ausprägung bleiben als Weise von Widerstand gegen Welt übrig. Diese Kritik tritt im neuen Album anders auf als bisher, und das hat wesentlich mit der Musik selbst zu tun.

Sehr viel Hall steckt in diesem Album; der trockenen, harte Gitarrensound, den Rick McPhil spielt, wurde weitgehend herausgefiltert und wattig überlagert, so heißt es. „Entkörperlichte Musik und körperliche Texte“ kommentierte Dirk von Lowtzow dieses Verfahren in einem Interview in der Berliner Zeitung.

Zugegeben eher intuitiv gedacht, scheint mir dies neue Platte nach einem ersten Hören – unter anderem – eine (gelungene) Aufsteigerung von „Let there be rock“ zu sein, rockig entfaltete Motive der späten 90er wandeln sich zur wuchtigen Soundcloud postabgeklärter Twilight-Jünglinge und -Mädchen, deren Ambitionen durchaus auch philosophisch zu nennen sind. Zugleich entwickelt diese Musik das, was bereits auf „Schall und Wahn“ im Vordergrund stand, weiter. Texte, Text-Körper eben, in einer kaum noch hart-gitarrenrock auftretenden Musik eingeschrieben, laden sich zunehmend mit gesellschaftskritischer Bedeutung auf, und die Paarung von Musik und Text erinnert, wie in dem Stück „Vulgäre Verse“ teils sogar ans Chanson oder an das, was sich heute statt Liedermacher singer-songwriter nennt.

Diese Systemkritik bei Tocotronic gab es zwar von Beginn an in ihrer Musik, aber als Kritik an Verhältnissen und Subjektdiskursen wird sie nun subtiler, metaphernreicher, musikalisch seichter oder besser: verschlungener, aber eben auch: textlich böser. Wenngleich ich nicht jede sprachliche Wendung teile und man mit böser Zunge ebenso behaupten kann, daß hier Gesellschaftskritik und Philosophie gleichermaßen in den Text hineingepreßt werden, entwickelt sich die Musik dieser Ausnahmeband immer weiter und weiter; aus dem sowieso Guten wird ein immer Besseres. Und ich drehe das Musikabspielgerät laut auf, stülpe mir die Kopfhörer über den Ohren, lasse mich inmitten des Eispalastes in dieser Wolke von Musik treiben.

„Vulgäre Verse
Aus dem
Vulgären Leben
Um Kopf und Kragen
Muss ich mich reden
In Vulgären Versen
Aus dem
Vulgären Leben“

Eine feine, mehrbödige Referenz, die eben nicht bloß lamentiert, sondern das Unvereinbare zusammenstellt. Die Synthesis des Unverbundenen, ohne in den Formen der Einheit zu arbeiten. Mit Witz, Ironie und doppeltem Boden gepaart.

Tocotronic ist eine der besten deutschsprachigen Bands.