Welttag der Philosophie

Heute ist Welttag der Philosophie und ich habe dazu eigentlich nur einen einzigen Rat: Lest die Texte der Philosophinnen und Philosophen und nicht die Sekundärtexte dazu, lest diese Texte gründlich! Begreift, daß Philosophie Arbeit ist und daß man dabei kein Wissen schwarz auf weiß nach Hause trägt, mit dem man dann irgendwo glänzen kann. Manchmal machen solche Texte erhebliche Mühe, oft erschüttern sie überkommene Denk-Gewißheiten und Meinungen, und vielleicht bemerkt manche Leserin, mancher Leser in diesem Prozeß dann: philosophische Texte dienen nicht der Referenzrahmenbestätigung und sie sind auch keine Munition, die sich dazu mißbrauchen läßt, die eigenen Thesen, die man eh schon vorher im Kopfe trug, abzusichern. Philosophische Texte sind keine Bunker. Denn wenn man diese Texte, auch die der vermeintlichen Geistesheroen und jener „heiligen“ Autoren, die man dabei besonders lieb gewonnen hat, gründlich liest, wird man oftmals bemerken: diese Texte führen ein Eigenleben und je öfter ich solche Texte lese, desto mehr kann ich das als Leser bemerken, stoße auf neue Adern, Wege und Argumente.

Ob Philosophie solche Welttage tatsächlich benötigt, sei dahingestellt, aber ich will die symbolische Dimension solcher „Feierlichkeiten“ nicht gering schätzen. Besser als hohe Würdigungsreden freilich, die meist auf Phrasen hinauslaufen, was man sich landläufig so von der Philosophie vorstellt – dies oder eben auch das, glauben, meinen, annahmen –, ist es, an diesem Tag sich einen ausgewählten Text vorzunehmen: Das XII. Buch der Metaphysik des Aristoteles, Platons „Phaidros“, Leibnizens „Monadologie“, Hegels „Vorrede“ zur „Phänomenologie des Geistes“, Marxens Feuerbachthesen und dazu vielleicht die ersten Seiten seiner „Deutschen Ideologie“, Kierkegaards „Diapsalmata“ aus „Entweder-Oder“, Husserls „Philosophie als strenge Wissenschaft“ oder auch etwas ganz anderes. Philosophie bedeutet, unter anderem, (aber eben nicht nur), einen Text gründlich zu lesen. Und Philosophie heißt ebenfalls, das Gelesene zu hinterfragen und es nicht per se als geltend zu setzen, nur weil es der „Meister“  sagt. Philosophie ist kein Ismus.  Philosophie sollte nicht das Nachbeten von Texten und Werken sein, und vielleicht entdecken wir durch intensive Lektüre noch andere Pfade und Wege im Text als das, was bisher in Lehrbüchern und in Sekundärtexten als Auslegung festgeschrieben wurde. Philosophie sollte sich insofern kritisch zum „Meister“ stellen – etwas, das ja gerade Hegel auch fordert und in diesem Sinne wird der Hegelianer seinem „Meister“ in diesem Sinne nicht gerecht und ist geradezu kein „Hegelianer“.

Für jene Menschen, die noch jung und noch Studenten sind – aber eigentlich gilt das auch für ältere und für alle Leserinnen und Leser , sei zudem geraten: Bildet Banden, bildet Lesekreise, lest gemeinsam, diskutiert, debattiert, streitet und vergeßt bei all diesem Disput eines nicht: im Zentrum steht der Text und nicht das persönliche Ego. Texte wollen verstanden werden. Sie auszulegen und zu verstehen, bedeutet nicht, irgendeinen heiligen und irgendwie geheimen verborgen Sinn dort herauszulesen, den ein Autor dort hineingeschmuggelt hat. Sondern die meisten Texte beschäftigen sich mit einer Frage oder einem Problem. Manchmal muß man ein wenig schauen und forschen, was eigentlich die Frage und was das Problem ist, das der Text angeht. Oft hängen diese Frage bzw. dieses Problem mit der Darstellungsart und der Sprache des Textes zusammen. Es gibt Inhalte und es gibt eine Form, in der sich Inhalte präsentieren. Zum philosophischen Text gehören also auch dessen argumentativer Aufbau und dessen rhetorische Struktur. Was wie in Kierkegaards „Entweder-Oder“ locker als Literatur und als ästhetizistisches Happening anmutet, das dann vom Ethiker „gekappert“ wird, ist nicht bloß ein Dreischritt vom Sinnlichen übers Moralische in den Glauben: sondern es handelt sich um Philosophieren in einer spezifischen Form und wie so oft bestimmen Frage und Problem die Darstellung.

Wer einen Blick für unterschiedliche Textformen schärfen will, lese Platons Staat, Aristoteles‘ Metaphysik, Spinozas Ethik, Wittgensteins „Tractatus“, Heideggers „Beiträge zur Philosophie“ oder Adornos Ästhetische Theorie. All diese Fragen von Darstellung, Argument, Stil, Rhetorik, Inhalt wollen beim Lesen mitbedacht werden. In diesem Sinne ist das Lesen von Texten eine mühevolle Arbeit. Aber eben nicht nur.

Wer da lange genug gelesen hat, wird irgendwann auch bemerken: Text ist Sex! Nur eben nicht zum Anfassen. Aber zum Begreifen.