Die andere Seite Warschaus

Ein Text aus Warschau ließe sich mit einem Gang durch die Kunst beginnen – etwa indem ich einige Gedanken über das Muzeum Narodowe (Nationalmuseum) verliere oder ein paar Zeilen über die Moderne Kunst Polens in der Nationalen Kunstgalerie Zachęta schreibe. Das ergäbe eine behagliche Reise zum Guten, Wahren und natürlich zum Schönen. Alles ist erleuchtet und ästhetisch illuminiert. Das käme dem Residenzler im Grandhotel Abgrund entgegen. Weit gefehlt. Ja, Kunst gibt es in Warschau reichlich, insbesondere im (teils noch) verfallenen Stadtteil Praga rechts von der Weichsel, der sein Image als kulturell aufstrebendes Viertel pflegt. Und auch die Deutschen als Kulturnation hinterließen in Warschau bleibenden Eindruck,weshalb die Altstadt gleich nach dem Zweiten Weltkrieg in mühevoller Arbeit und anhand alter Stiche und Gemälde rekonstruiert werden mußte. Und ebenso das Pawiak-Gefängnis zeugte von den kulturellen Leistungen der Deutschen. Heute kann man an der Stelle, wo sich dieses Gefängnis befand – es wurde von den Deutschen 1944 in feiger Voraussicht zerstört –, ein kleines Museum mit Exponaten und mit Hintergrundinformationen über das Morden von Gestapo und SD sowie über den polnischen Widerstand besichtigen.

Unabdingbar ist es ebenfalls, daß siebzig Jahre nach dem Warschauer Ghetto samt dem Jüdischen Widerstand gegen die Faschisten im April/Mai 1943 ein Museum im Bau ist, daß sich mit dem Jüdischen Leben in Polen befaßt. Das Museum der Geschichte der polnischen Juden wurde von den Finnischen Architekten Ilmari Lahdelma und Rainer Mahlamäki gestaltet, die sich gegen Daniel Libeskind durchsetzten. Es liegt gleich hinter dem Denkmal der Helden des Ghettos, also jenem Ort, an dem Willy Brandt das einzig richtige tat und was ihm die Altnazis in der CDU und auch ansonsten große Teile der Bevölkerung in der BRD samt der Springerpresse auf ewig übelnahm. Noch der widerliche Konrad Adenauer nannte Willy Brandt in denunziatorischer Absicht mit seinem ursprünglichen Namen Herbert Frahm. Als ob es sich Brandt ausgesucht hätte, einen anderen Namen annehmen zu müssen. Und es zeigte sich das wahre Gesicht des angeblich so israelfreundlichen Philosemiten Axel Springer in den Reaktionen seiner Zeitungen. Ach, diese Vergangenheit. Denn irgendwann muß doch mal Schluß sein mit der Vergangenheit und dem ewigen Darinherumbohren. Mag sein, mag nicht sein. Aber damit dieser Satz vom Schlußstrich überhaupt eine Sinn ergibt, hätte mit der Auseinandersetzung erst einmal begonnen werden müssen, und zwar nicht dreißig Jahre später – von der juristischen Seite einmal ganz zu schweigen. Daß ein Bundespräsident wie Roman Herzog den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto und den Warschauer Aufstand nicht hat auseinanderhalten können, ist bezeichnend für die Prioritäten in der Deutschen Geschichte. Manchmal tut es bereits gut, wenn ein Ruck nur durch den Kopf geht, um die Hohlphrasenproduktion abzubremsen. Zudem: es sind noch genug Kasernen der Bundeswehr nach den Generälen der Wehrmacht benannt, die an den Massenmorden in Polen und auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR beteiligt war.

Man kann manches gegen die SPD der 60er, 70er Jahre und gegen Willy Brandt vorbringen, aber dieser Geste war eindringlich und die einzig richtige: „Unter der Last der jüngsten Geschichte tat ich, was Menschen tun, wenn die Worte versagen.“ Und der hatte es von seiner Biographie her am wenigsten nötig, an jenem Mahnmal niederzuknien.

Wieweit vermögen Eingedenken und historische Erinnerung stattfinden, wenn in einer Stadt wie Warschau kaum noch ein Stein auf dem anderen steht? Es ist das Dilemma: Warschau ist eine Stadt aus Blut – es gab an unzähligen Orten Stätten für Massenexekutionen, eine halbe Million Warschauer, darunter 350 000 Juden wurden ermordet. Doch nichts ist mehr sichtbar, was zugleich gut und richtig ist. Wieweit taugen Symbolisierungen und Denkmäler, wenn sich darin ein Verhalten zum Ritual ohne Reflexion verwandelt? Die Stadt ist durchzogen von Erinnerungslinien und Spuren, aber es sind keine mythologischen Traumpfade, sondern reale Geschichte geschah an den verschiedenen Orten dieser Stadt. Erinnerung ist ein komplizierter Vorgang, und es ist in diesem Prozeß eine Form von Architektur gefragt, die einerseits nichts verkitscht oder mit einem hohlen Pathos versieht, damit man sich eben nicht mehr erinnern muß, und die andererseits über das Moment des Ausdrucks Geschichte nicht gleichgültig werden läßt. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas von Peter Eisenman in Berlin oder das Jüdische Museum von Daniel Libeskind sind dafür gelungene Bespiele. Ebenso die Grenzsteine, welche an verschiedenen Positionen in Warschau, die Grenze des Ghettos markieren.

Nachtrag: Fast alle Vernichtungslager, in denen die Deutschen Roma und Sinti, Homosexuelle, Juden, politisch Mißliebige, Zeugen Jehovas ermordeten, befanden sich auf polnischem Gebiet: Belzec, Treblinka, Majdanek, Sobibor, Chelmno, Auschwitz-Birkenau.

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