Zum 80. Geburtstag Ernst Tugendhats

Neben Jürgen Habermas gehört Ernst Tugendhat sicherlich zu den letzten lebenden großen Männern der deutschen Philosophie. Zu seinem 80. Geburtstag schrieb der Philosoph Martin Seel einen Artikel in der „Zeit“ 10/2010 (Link nicht gefunden), der zudem für die, welche nicht von der Philosophie her kommen, einen guten Überblick zum Wirken Tugendhats verschafft.

Das große Verdienst Tugendhats ist es, den Begriff der Wahrheit bei Heidegger, sein Aletheia-Konzept im Sinne von Unverborgenheit aus einem eher raunenden Bezirk, der der normalen Kommunikation schwer zugänglich ist, befreit zu haben: Tugendhat schloß Heidegger, Husserl sowie Wittgenstein zusammen, um eine Form von sprachanalytischer Philosophie zu betreiben, die viele Studenten in den Bann zog, wie es Martin Seel schreibt, die es ansonsten mit der analytischen Philosophie nicht so sehr hatten. Nun: mich traf die Wucht nicht so heftig, das muß ich zugeben. Auch Tugendhats Lektüre von Heidegger und von Hegel, wie er es in „Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung“ betrieb, haben mich nicht überzeugt. Ich habe Teile dieses Buches eher aus Pflichtgefühl heraus gelesen. Sicherlich ist diese Lesart, welche Tugendhat dort ansetzte, in einer Philosophie legitim, welche den Dualismus von Subjekt/Objekt überwinden möchte.

Aber viel weniger will ich über das Problem der Wahrheit bei Tugendhat schreiben, da ich mich mit den Büchern, die in diesem Umkreis stehen, viel zu wenig beschäftigt habe, sondern ein ganz anderes Buch erwähnen und streifen: nämlich seine „Vorlesungen über Ethik“, die ich damals einerseits genial fand, andererseits aber blieb beim Lesen ein schwierig zu erklärendes Unbehagen zurück. Fast wie von Geisterhand ging es in dem Buch voran, daß diese Buch ein ganz großer Wurf ist, merkte man sofort, und die Lösung des Problems, wie Moralphilosophie zu konzipieren sei, lag auf der Hand. Dennoch blieben am Ende der Lektüre Zweifel und Skepsis.

Sicherlich hängt diese Skepsis gegenüber Ethik für jemanden, der von der Kritischen Theorie herkommt, auch damit zusammen, daß – lassen Sie es mich etwas vergröbert ausdrücken – Moralphilosophie immer auch ein Stück Ideologie darstellt. Um es hier auf einen kurzen Punkt zu bringen: in einer Warengesellschaft, in der sich die Beziehungen der Subjekte untereinander als verdinglichte erweisen, kann Ethik lediglich Reparaturleistungen und Feinjustierungen erbringen, die das Grundübel jedoch nicht beseitigen können. Auf diese Aspekte der Ideologiekritik geht Tugendhat in der ersten Vorlesungen ein.

„Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, daß wir sowohl im zwischenmenschlichen Bereich wie im Politischen dauernd moralisch urteilen.“ (Vorlesungen, S. 11)

Genauso hängt die Frage nach sozialer Gerechtigkeit für Tugendhat an moralischen Kategorien.

Tugendhats weist dabei der Ideologiekritik einen Fehlschluß nach, wenn sie ökonomisch argumentiert; seine Kritik an ihr lautet so: „Man kann nämlich ein moralisches Urteil nie durch bloße Feststellung seiner sozioökonomischen Bedingungen normativ in Frage stellen. Ein moralisches Urteil kann nur normativ (und d.h. moralisch) in Frage gestellt werden.“ (S. 16)

Von der Seite der Logik sowie der Argumentation her ist das sicher korrekt: moralische Urteile verweisen wiederum auf moralische, ästhetische Urteile werden durch andere ästhetische Urteile widerlegt und nicht durch moralische. Aber im Rahmen von Ebenenhierarchien und Bedingungsverhältnissen ist das Argument dennoch schief. Ökonomische und gesellschaftliche Kategorien wie etwa der Begriff des Subjekts lassen sich sehr wohl als Bedingungen der Möglichkeit von moralischen Diskursen fassen. Allerdings zeigt sich schon an solchen Sätzen von Tugendhat die Sprengkraft und das Spannungsfeld, das die Lektüre dieses Buches bietet.

Diese „Vorlesungen über Ethik“, die aber tatsächlich gar keine sind – Tugendhat wählte diese Form aus Gründen der Darstellung, mithin traf er eine ästhetische Entscheidung – lesen sich ausgesprochen gut. Insofern sind sie auch für die Leser geeignet, die sich nicht akademisch, sondern interessehalber mit der Philosophie beschäftigen. Ich lege dieses Buch jedem ans Herz, der eine gute Einführung in die Ethik haben möchte. Das heißt natürlich nicht, es handele sich hierbei um ein Buch für Laien. Ganz im Gegenteil, die einfache Form täuscht über die Komplexität, die darin steckt, hinweg.

Es gibt in den „Vorlesungen“ einen guten Überblick zu den verschiedensten Positionen der Ethik von Aristoteles über Hume, Adam Smith (hier insbesondere „The Theory of Moral Sentiments“), Kant, Hegel, die Mitleidsethik via Schopenhauer, Diskursethik, Neoaristotelismus und sogar den ein wenig in Vergessenheit geratene Erich Fromm behandelt Tugendhat. Man erfährt hier als Laie en passant ganz gut wie diese Dinge funktionieren.

Wesentlich geht dieses Buch der Frage nach, wie in einer postkonventionellen Gesellschaft, in der nicht mehr auf einen starken Vernunftbegriff, wie ihn Kant noch für seine Begründung in Anspruch nehmen konnte, rekurriert werden kann, Moralphilosophie überhaupt noch möglich ist und in welcher Weise sich eine Begründung für sie finden läßt. Traditionelle und religiöse Möglichkeiten, d. h. eine transzendente Dimension, Moral zu begründen, befinden sich aus Gründen der gesellschaftlichen Entwicklung und grundsätzlich veränderter Bedingungen in einer Schieflage und funktionieren nicht mehr. Eine absolute Begründung, wie noch Kant, aber auch die Diskursethik Apelscher Prägung sie betrieb, ist schwierig geworden, insbesondere wenn man in den Blick nimmt, daß Ethik nicht mehr für eine begrenzte Anzahl von Mitgliedern einer Gesellschaft gilt, die sich mehr oder weniger im Nahbereich einer relativ homogenen Kultur aufhalten.

„Die meisten früheren Ethiken – z. B. die Kantische – haben nur solche Normen ins Auge gefaßt, die im intersubjektiven Leben zwischen gleichzeitig lebenden und in räumlich-zeitlicher Nähe sich befindenden Erwachsenen eine Rolle spielen, und man fühlt sich auf einmal orientierungslos, wenn man etwa mit den Problemen der Abtreibung, der Armut auf der Welt, der nachfolgenden Generation oder der Gentechnologie konfrontiert wird.“ (S. 12 f.)

Trotzdem soll und muß es eine plausible Begründung geben, wenn wir denn noch Moralphilosophie betreiben wollen. Dies ist, in aller Kürze, die Ausgangssituation, die Tugendhat konstatiert und der sich Moralphilosophie auf ihre Weise zu stellen hat. Und so bedeutsam auch Ideologiekritik und Gesellschaftstheorie sein mögen, um das einer Gesellschaft inhärierende Falsche aufzuzeigen, am Ende müssen sie bei Tugendhat doch hinter eine starke (und plausible) Theorie der Moral, die den Ansprüchen einer postkonventionellen Gesellschaft genügen will, zurücktreten.

„Ich glaube, daß man zu dem Schluß kommen muß, daß eine kritische Gesellschaftstheorie, so wichtig sie ist, nicht an die Stelle einer Ethik treten kann, sondern eine Moral voraussetzen muß. . Ideologiekritische Reflexionen können moralische Prinzipien in dritter Person in Frage stellen, eine solche Kritik kann aber nur einen normativen Sinn gewinnen, wenn moralische Prinzipien ihrerseits – in ‚erster Person‘ – vorausgesetzt werden. Woher sollen wir diese aber nehmen, wenn sie nicht empirisch sein können undwir uns nicht den Rekurs auf eine apriorische Reflexion, geschweige denn auf eine religiöse Tradition erlauben dürfen?“ (S. 18)

(Interessant nebenbei ist dieses Konzept Tugendhats auch deshalb, weil religiöse Aspekte zunehmend Deutungshoheiten erhalten: vom Scharia-Gedanken des Islam bis hin zur katholischen Lehre.)

Die Ergebnisse, zu denen Tugendhat gelangt, möchte ich natürlich nicht verraten, es soll dieses Buch schließlich gelesen werden. Zudem erforderte eine solche Darstellung der Thesen sowie ihre kritische Sichtung sicher einen eigenen Essay, der den Umfang dessen sprengt, was man auf einem Blog gerade noch machen kann. Die Argumentationsschritte und die Konstruktionen, die Tugendhat vornimmt, sind jedoch ausgesprochen instruktiv, und ich muß gestehen, daß dies die erste Ethik war, die mich zwar nicht restlos überzeugte, es aber vermochte, mir Moralphilosophie um ein gutes Stück näherzubringen. In diesem Ansatz von Tugendhat liegt etwas geborgen, was es fruchtbar zu machen gilt.

So möchte ich es zum Abschluß nicht versäumen, Ernst Tugendhat zu seinem 80. Geburtstag alles erdenklich Gute und Gesundheit zu wünschen, damit noch viele spannende Buchprojekte entstehen können.

Ernst Tugendhat, Vorlesungen über Ethik, Frankfurt/M 1993 (Suhrkamp Verlag)