Besser Barmbek, Berne. Uwe Kopf „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“

„Ihr wollt ein Liebeslied, ihr kriegt ein liebes Lied!“, nölte Ende der 90er Jahre der Hamburg-Eppendorfer Jan Delay mit öliger Stimme ins Mikrophon, und dieser erste und einzige Roman von Uwe Kopf – der Autor starb am 9. Januar 2017 mit 59 Jahren an Krebs – ist genau solch ein Liebeslied. Freilich ein trauriges Liebeslied am Ende, trotz eines witzigen Tons, in dem die Geschichte von Tom, wegen seiner langen Haare von den Frauen auch Schmusejesus genannt, uns erzählt wird. Vom Stil her läßt der Roman an Max Goldt und Sven Regener denken, nur melancholischer im Drive und mit einem tieftraurigen Ende. Uwe Kopf, der Purist und Stilist, hätte solche Formeln verabscheut, aber manchmal zeigen Signalwörter gut die Tendenz an, die ein Buch trägt.

Kopfs Roman beginnt Ende der 90er Jahre mit dem Selbstmord des Protagonisten Tom – ein Bilanzselbstmord, wie die Polizei lakonisch vermerkt – und führt uns sodann rückblickend ins Leben einer gescheiterten oder aber vielleicht doch einer glücklichen Existenz, die das Leben eines Taugenichts zu einer hohen Kunst des Entzugs wie auch der Intensität auffuhr: Ein 40jähriger Mann, der nichts auf die Reihe bekommt, weder in der Arbeit noch in der Liebe, der es aber versteht, die Zeit sinnvoll zu gestalten oder eben rumzubringen – je nach Blickwinkel. Denn der Protagonist ist an den Fragen des Lebens und an den Menschen interessiert. Für Mutter und Bruder jedoch ist er oft eine Gestalt, die sein Leben zum Fenster herauswirft. Zu dieser Story einer am Ende doch verpfuschten Biographie gesellt sich zudem einiger Hamburger Lokalkolorit der 70er, 80er und 90er Jahre.

Weshalb solche Szenen aus dem Alltäglichen die Leser interessieren sollen? Weil Uwe Kopf uns diesen Tom zugleich hinreichend komisch genug und doch ausreichend tragisch schildert:

„Meinetwegen, lieber Stumpfsinn als Heuchelei. Ich will anderen Leuten gegenüber nicht so tun, als wäre da was bei mir. Ich versuche, den Tag rumzukriegen.“

Milieugeschichten ohne Sentimentalität, oft mit einem Augenzwinkern, ohne dabei die Tragik ins Belustigende gleiten zu lassen oder seine Figur vorzuführen. Tom ist nicht bloß ein armer Wicht, sondern er ist auf seine sehr spezielle Weise Tom. Mit einer Wucht Eigensinn. Ein Rumlungerer, einer ohne viel Antrieb, der lieber bei der Post jobbt und Briefe austrägt, als daß er sich den Tücken des Lebens stellt. Diese von Kopf erzählte Geschichte wirkt wegen des lakonischen, aber dabei doch genauen Stils. Da wird Alltag erzählt, wird berichtet von der Welt deutscher Kleinbürger, von jungen Leuten, die diesem Milieu entstammen und die aus ihrem Mief einerseits raus sind, aber ihn zugleich nicht verraten wollen und ihne zudem auch gar nicht hinter sich lassen können. Ein Bildungsroman allerdings ist das nicht. Sondern es reiht sich die Zeit dahin. Zunächst nichts Besonderes, wie es scheint, Hamburgs Nordosten:

„Der Stadtteil Berne verschandelte damals den Hamburger Osten, dort im Ghetto war Tom aufgewachsen unter Rockern und Kartoffelsalatdieben, Totschlägern und Stumpfsinnigen, für die’s so natürlich war wie atmen, ihre Frauen zu schlagen oder anders zu demütigen.“

Freilich gab es in Hamburg schlimmere Bezirke, der Hamburger dichtete gerne: „Billstedt und Horn schuf Gott im Zorn“, das Revier 93 ist gut bekannt, und schließlich hatte Hamburg in den 70er Jahren, als eine der wenigen deutschen Städte, ein eigenes Rockerdezernat. Aber das sind Hamburgensien. Wer wissen will, wie es in diesen Gegenden Hamburgs in den 70er war, der schaue Hark Bohms Film Nordsee ist Mordsee. Kopf führt uns in die Niederungen. Nicht Bohème-Leben in der Schanze, verkrachte Künstlerexistenz im Karo-Viertel oder andere Szenen aus den Feuchtgebieten deutscher Mittelstandsjugend, wie sie gerne in die neuer Literatur ihren Eingang findet, sondern brachial Berne oder eben Barmek. Aber mit jenem Einschlag Seltsamkeit. Denn auch das ist interessant, wenn wir mal – wie gegenwärtig modern – uns der Chose von der Genderseite nähern:

„Mutter und Oma hatten ihn [Tom] zu einem Frauenmann ausgebildet, ganz ohne Absicht wohl; ein Muttersohn im Sinne von Muttersöhnchen war er nie gewesen, aber Frauen waren ihm näher, besonders als Gesprächspartner, denn zu viele Männer reden nur von sich selbst oder sagen gar nichts, weil ihr Gehirn schon beinahe abgestorben ist oder eine einzige Idee herrscht und das ganze Gehirn ausfüllt.“

Treffend bemerkt. Erotisch verhält sich Tom restringiert:

„Tom wusste, die drei Frauen, mit denen er in seinem Leben zusammen war, verliebten sich in seine Jesus-Art und bedauerten auf Dauer wohl, dass er nicht wenigstens ab und zu mal was Schmutziges dachte und tat.“

Und so rollte Kopf diese Geschichte eines seltsamen, eines liebenswerten, eines eigenwilligen Menschen rückblickend, als Rahmenhandlung konzipiert auf. Tom ist nicht Experte für Kunst oder Literatur, sondern für Horrorfilme, und zwar vor allem solche der üblen Sorte und das aus Leidenschaft und nicht, weil es kultig ist. Es werden gut kleinbürgerlich und zugleich in einer Art Punkmanier die Biersorten ausgewalzt: Astra gegen Holsten in den 70ern und weshalb grundsätzlich Jever getrunken werden muß. Böse werden Biere wie Warsteiner verhöhnt. Deshalb wird es zum Ende der Story auch seltsam, wenn Tom an die Weißweintrinkerin Eva gerät – seine letzte Liebe, Ärztin und aus einer Welt, die nicht die Sphäre des Protagonisten ist. Das Leben beschreitet manchmal seltsame Wege, insbesondere, wenn zwei Menschen sich ineinander verlieben. Sogar vom Bier läßt Tom ab und trinkt, man höre und staune: Prosecco.

In jener Bierzeit noch, mit Rumlungern, erfand Tom, wie er behauptet, das Verb jevern, was einen wohligen Zustand mit Alkohol bezeichnet, in dem sich wabernder Bierdunst angenehm in Kopf und Körper verbreitete. Zum Beispiel wenn Tom draußen auf seiner Parkbank hockt und ein oder zwei oder drei Biere zu sich nimmt. Allein, mit seinem Kumpel oder mit seinem Bruder Sören, denn man unschwer als eine Art Alter Ego des Autors ausmachen kann. Auch Sören arbeitet, wie Uwe Kopf, für ein bekanntes Hamburger Stadtmagazin als Musikredakteur, auch Sören ist an wilder Literatur und an ausgefallener oder zumindest doch besonderer Musik interessiert und besitzt eine zynische, ausgebuffte, witzige, aber in keinem Falle unsympathische Art. Man könnte von diesem Punkt her die Frage auszuwalzen, wieweit die neuere deutsche Literatur einen Biographiefimmel hat und der Autor selbst samt Leben zum Roman Anlaß gibt und ob wir es auch im Falle Kopfs mit einer Knausgardisierung der Literatur zu tun haben. Ich will das aber nicht, ich möchte diese Geschichte als Fiktion nehmen. Vielleicht als eine reale Fiktion. Vor allem, weil sie mit Understatement und mit Leichtigkeit doch erzählt und vor allem fiktionalisiert ist. Und weil der biographische Anspruch nur einen sekundären Aspekt abgibt – anders als bei Melles letztem Buch „Die Welt im Rücken“ oder bei Knausgards Lebensreihung.

Viel geht es in diesem Roman um Musik. Man könnte sagen, sie bildet einen Unterstrom zum Buch. Vor allem aber kehrt die Musik in Anekdoten wieder. Immer mal werden zu Ereignissen oder Jahreszahlen Stücke des Pop eingestreut: „Heike, er war ihr im Urlaub mit seinen Eltern begegnet, 1971 war das, Danyel Gerard sang Butterfly …“. Man muß beim Lesen, bei den jeweiligen Passagen immer bestimmte Stücke mit dazuhören. Das reicht von Sinatras My Way bis zum Lied der Schlümpfe von Vader Abraham, und der Sommerhit 1970 war, daran erinnert uns Uwe Kopf, In the Summertime von Mungo Jerry. Ich kenne das Lied, aus meiner Kindheit. Solche Reminiszenz triggert auf angenehme Art, und so erzeugt Kopf über solche Titel Stimmungen. Wir wissen, wie bestimmte Songs, auch Groteskes und solches aus dem Reiche der Seltsamkeit, im Ohr kleben blieben: Jener Sound von Abba, der uns ans erste Knutschen erinnern. Synästhesien auf basalem Niveau. Der Ästhetizismus in Berne geht anders als im Hause Hofmannsthal oder Rilke. Heute sowieso. Ich schreibe das ganz phänomenologisch, ohne Wertung. Beide Seiten haben etwas für sich, obgleich ich bei Rilke – zumindest in Teilen – bereits das Kunstgewerbliche bemerke, was dann später im System Pop als Gefühlsschiene ausgefahren wird. Andere Anordnung aber.

Solche Phänomenologie des Alltäglichen aus dem Geist des Pop, auch des furchtbar ruinösen aus Suff und Alk sowie einer gehörigen Portion Irrgang, imaginiert Kopfs Roman – nur eben nicht mit Rilke. Beim Selbstmord Toms aus Liebeskummer, seine Freundin Eva verließ ihn wegen seiner unerträglichen Eifersucht, hört Tom als letzte Lieder in seinem Leben I want You von Elvis Costello und Into My Arms von Nick Cave. Popmusik begleitet unser Leben, teils auch als Kitsch, als Trauminstanz, und Pop begleitet bis zum Ende auch das Leben von Tom. Und wer, wie der Bruder Musikredakteur ist, der hört den Sound intensiv. Soundtracks des Lebens.

Zweiter Subtext dieses Romans ist der Tod, der Freitod, der Tod eines geliebten Menschen und wie es dazu kommt, ohne daß einer vorher was ahnte. Wie eine Frau es mit einem liebenswerten Menschen nicht mehr aushält, weil das Kopfkino von Tom viel zu sehr feuert und aufgestachelt ist. Nachstellungen verträgt am Ende keine Frau, kein Mensch gut, zumal wenn sie freiheitsliebend sind. Kopf erzählt von diesen Dingen in unsentimentalen Ton. Er schont Sören nicht, er schont den Bruder nicht und setzt diesem einzig liebenswerten Bruder doch ein wunderbares Denkmal, das dazu zufällig noch im schönen Hamburg spielt. Das Leben geht manchmal krumme Wege. Über den Musikredakteur Sören sagt Tom:

„Mein Bruder hat mal behauptet, er könne eine Frau sogar lieben, obwohl sie nicht weiß, wer Elvis und die Beatles sind, aber eine Frau, die sich für die Musik von Bryan Adams oder Toto begeistert, könnte er niemals lieben, auch wenn sie sonst nur Vorzüge hätte (…) ich stehe bereits im Wohnzimmer vor einer Wohnlandschaft, darüber hängt ein Poster der Rockgruppe Asia, und nun höre ich zu meinem Entsetzen, dass der Song I Wanna Know What Love Is von Foreigner aus der Stereoanlage kommt, und Asia und Foreigner sind schlimmer noch als Bryan Adams und Toto.“

Wohl gesagt, das spiegelt gut den Geist der 80er Jahre wider, über den wir uns alle einig sind. Und da ist auch dieser unverwechselbare Kopf-Ton. Kopf trifft die Scheußlichkeiten dieser Musik, indem er das en passante für eine Liebesszene aufspießt. Auch wenn Kopf in solchen Passagen ins Retro greift, bleibt es schade daß sich durch den Tod des Autors – freilich und leider nicht bloß im Barthesschen Sinne – diese Art von Literatur nicht weiter entfalten konnte. Wir sind solcher Stoff, aus dem die Legenden gewebt sind und sei es auch, daß wir bloß als kleine Lichter irgendwo in Hamburg-Barmbek oder -Berne abglimmen. Wenn man es aber gewitzt betreibt, taugen auch wir, die alltäglich Unalltäglichen, zu einer Geschichte. Sven Regner hat das mit Herr Lehmann vorgemacht und Uwe Kopf führte dieses Projekt mit eigenen Mitteln weiter. Die Literatur ist das Medium, das uns fiktionalisiert. Selbst da, wo wir ganz real sind.

Uwe Kopf: Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe, Hoffmann und Campe 2017, 320 Seiten, 22,00 EUR, ISBN 978-3-455-00057-3

Jene Hamburger Jahre. Zum Tod Uwe Kopfs

Heute vor einem Jahr verstarb der Kolumnist, Musikkritiker und Romanautor Uwe Kopf. Wer in den 80er Jahren in Hamburg lebte, sich für Musik interessierte und das einschlägig bekannte Stadt-Magazin „Szene Hamburg“ las, wird ihn kennen. „Tempo“-Leser vermutlich ebenfalls. Alle anderen haben im Leben etwas versäumt. Knapp nach Kopfs Tod erschien sein erster und letzter Roman mit dem schönen und rätselhaften Titel „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“. Kopf konnte ihn gerade noch vollenden und das vollständige Rohmanuskript abgeben. So kamen wir in den Genuß eines herrlichen Buches. Doch dazu später mehr, in einer separaten Kritik nächste Woche, zunächst ein paar persönliche Worte zu Uwe Kopf.

Als ich in den 80er Jahren Popmusik-Kritiken zu lesen begann, eher widerwillig, stieß ich schnell auf den Namen Kopf. Ihn oder genauer seine Texte zeichnete ein klarer und böse-bissiger Ton aus, treffend in mehrfachem Sinne. Ironisch, wortwitzig. Er konnte vernichten und spotten, doch er konnte genauso loben und den Sinn einer Platte herausstellen. Und manchmal eben auch den Unsinn solcher Musik. Nicht bloß aus einem vagen Gefühl heraus geschahen Verriß oder Preisung, sondern sprachlich versiert sezierte Kopf eine Platte oder ein Konzert.

Selbst wenn ich als Leser Kopfs Urteil nicht teilte, goutierte ich doch seinen Ton und den Witz seines Arguments. Allein um des Schreibtons willen las ich diese herrlichen Glossen. Kopf schrieb für das Stadtmagazin Szene-Hamburg, das wir alle damals kauften. „Szene“ war deutlich pfiffiger als das etwas zu betulich-alternative „Oxmox“, das eher für den Jahrgang einer älteren Schwester oder jung gebliebener Eltern gemacht war und qualitativ deutlich besser als das viel zu grelle und popperhafte „Prinz“, das zudem von Ahnungs- und Witzlosen beschrieben wurde.

Später im Studium entdeckte ich diese Art des Kopf-Schreibens auch bei Karl Kraus, freilich um einige Drehungen subtiler. Aber hier, beim Pop und bei Kopf paßte es, Oberfläche und Tiefe waren gut austariert. Sätze wie „Lieber Aids haben, als so auszusehen wie Jimmy Somerville“ (Sänger von Bronski Beat) trafen damals meinen Geist von Zeit und bösem Witz – zumal ich diese Band nicht mochte. Und auch, daß Kopf gerne Weiberärschen nachsah, befriedigte und stieß auf Wohlwollen. Warum verschweigen, was in den meisten Köpfen von Menschen vorgeht? Keiner ahnte damals, daß ein neues viktorianisches Zeitalter bevorstand. Diesmal im Zeichen einer tugendterroristischen Gender-Linken, linke Ideale von Liberalität und Freiheit verratend.

Kopfs Verrisse waren legendär und böse. Manchmal auch liebevoll-böse, wenn er über Wolfgang Broschs Krachscheibe „Sic Transit Gloria Mundi“ immer vom Bröschchen sprach. Wer Wolfgang Brosch kannte, wie er cool im Plattenladen „Michele“ hinter der Kasse hockte, mit langen Haaren und hartem Blick, wird erdenken können, daß Kopf hier teils treffend, teils aber auch mit liebevollem Ton die Sache gut auf den Begriff brachte: Das Szene-In-Gebrummel vom Brosch und von vielen anderen – das, was heute vermutlich als toxische Männlichkeit gelabelt würde – war eine Form von Versteckspiel und gehörte zum guten Ton in der Hamburger Düsterszene (und nicht nur dort) mit dazu.

Während des Studiums im Sommer, die DDR gab es noch, aber die 80er näherten sich ihrem Ende, was sich auch musikalisch bemerkbar machte, ein neuer Klang hielt Einzug, hockten die ultrahübsche dunkelhaarige, schwarzkittelige Catrin und der brave Bersarin oft auf dem Campus am Rasenrand, nach einer Vorlesung zur Französischen Philosophie im 20 Jahrhundert etwa. Während wir von den Kopf-Kritiken schwärmten und über den bösen Ton lachten, während sie manchmal etwas zu freizügig dasaß und ich meinen Blick der jungen Jahre versuchte, möglichst unschuldig und unverfänglich in der Gegend schweifen zu lassen statt auf Schambehaarung und ihr zartes, weißes Fleisch der Oberschenkel oder die schönen herausflupschenden Brüste zu sehen, denn immerhin nannte C. mich, meist leicht spöttisch, „Herr Geist“, während ich dies mit einem koketten „Frau Körper“ erwiderte: so mußte ich beim verstohlenen Schauen schließlich meinem Ruf als Geist und als Ästhetiker zugleich gerecht werden.

Das war nicht ganz einfach, wenn man einerseits über Sartre und die Metaphysik sprach und andererseits auf eine sehr erotische und knappe Unterhose schaute, während manche Frau in der Kunstgeschichte noch Frotteehöschen trug, was heute wiederum cool wäre. Soviel nur: es war eine wunderbare Zeit der Freiheit. Es wurde geraucht, getrunken, böse gewitzelt, geglotzt und gesehnt und wohl auch viel  gevögelt und gefummelt vor allem. Also ganz anders als die Prüderie der heute so korrekten Studenten, die sogar, wie vom System gefordert, richtig gendern und brav, wie es sein soll, in der abgezirkelten Raucherzone rauchen und die dafür plädieren, alles, was die zarten Schneeflöckchen nur leicht verstören könnte, von Wand und Tafel zu entfernen – und sei es bloß ein Gedicht.

Soviel nur als kleines Vorspiel zu Uwe Kopf. Irgendwann verlor ich seine Kolumnen aus den Augen, ich glaube, er schrieb nicht mehr für die „Szene“, und ich beschäftigte mich, was die Ästhetik betraf, nicht so sehr mit Musik, sondern mit anderen Medien. Und auch „Tempo“ interessierte mich als altklugjungen Adorniten und Hegelianer nicht sonders. Doch gedacht habe ich immer wieder an diese Art von Schreibe, diesen Stil, vor allem wollte da einer nicht auf Jungderrrida machen oder Plattenkritik à la Lacan fabrizieren, sondern Kopf erzählte uns von der Musik. Ich vermißte Kopf und ich vermisse diesen Stil Kopfs bei den meisten Kritikern des etablierten Feuilletons. Ich vermißte ihn eigentlich immerzu.

Ein wenig fand ich diesen gewitzten Ton und den Spott beim frühen Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“, vor 12 Jahren, aber dort wurde es irgendwann abgestanden und schal und auch das politisch Korrekte, die Sauberkeitserziehung dieser Generation der Überangepaßten war meine Sache nicht. Also das Gegenteil von all dem, wofür Uwe Kopfs Schreiben stand. Sowieso war Kopf in seiner Bosheit noch viel böser, in seiner Schärfe schärfer, in seiner Apodiktik apodiktischer und es kam bei ihm immer auch dieser Ton von Schwermut mit hinzu – ein vielleicht nicht ganz und gar treffendes Wort, aber ich finde kein anderes.

Nein, ich kannte Uwe Kopf nicht persönlich und wäre auch nicht auf die Idee gekommen, ihn irgendwo anzusprechen oder anzuschreiben. Irgendwann, es gibt diese Zeit, wo man bemerkt älter zu werden und das zeigt sich daran, daß der Modus des Erinnerns zunehmend aktiviert wird, statt des Modus Leben: das Leben also einfach als Leben zu nehmen, so wie damals auf dem Campus mit C. oder mit anderen schönen Menschen, irgendwann also googelte ich Uwe Kopf, sah daß er eine Kolumne für die B.Z. schrieb. Erst 2016 stieß ich bei meinem Facebookfreund Sven Heuchert (Dunkels Gesetz, Rezension von mir hier bei AISTHESIS.) auf einen gewissen Uwe Kopf und dachte mir, vom Textton  und auch von dem seltsamen Bild her, obwohl sich Uwe Kopf mit Bildern bedeckt hielt, in der „Szene“ fand ich damals nie (oder nur ein einziges Mal) eines von ihm, daß dies doch wohl jener Kopf aus meiner Hamburger Zeit sein müsse.

Er war es dann auch, wie ich bemerkte und was man unschwer an seiner Art zu kommentieren und zu schreiben herauslesen konnte. Artig bedankte ich mich bei ihm auf Svens Profil – auch mit einer Anekdote: Denn meine Kopftextversessenheit war damals so groß, daß ich Ende der achtziger Jahre ein Buch mir in der Auslage griff, worauf der Titel stand „Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden“ von Uwe Kopf und zudem von einem Georg Heinzen, den ich nicht kannte. Ein eigentlich hellsichtiges Buch, vom Titel her, das ein Zeitgeistphänomen, welches im Grunde erst Mitte der 90er bis weit in die 00er Jahre zu einer Marotte von Männern und auch von Frauen sich auswuchs, hier bereits in den endenden 80er zart andeutete. Als ich das Buch dann, von der Heinrich Heine Buchhandlung zu Hause angekommen, aufschlug und mir nochmal das Cover betrachtete, stand da aber als Autorenname nur Uwe Koch. Das Buch war trotzdem gut. Blindheit aus Einsicht.

Was fehlt mir? Ein Buch mit Kopfs besten Kritiken und Artikeln. Manchmal läßt sich gerade aus solch flüchtigen Phänomenen wie Popmusik samt ihrer Kritik so etwas wie der Geist einer bestimmten Epoche ablesen. Jene schweren und zugleich so unendlich leichten 80er Jahre, wo manche dachten, die Welt ginge wegen Atomkraft, Waldsterben, Atomraketen unter. Sie tat es nicht, sie machte weiter. Trotz Tschernobyl. Ich denke mittlerweile, die Welt steht als Mittelpunkt immer gleich nah zum Untergang. Egal von welcher Position aus man schaut. Allerdings hat das Atom einen Umschlag der Quantität in eine neue Qualität bewirkt. Günter Anders erkannte dies in seinem Buch „Die Antiquiertheit des Menschen“ früh und sprach von der promethischen Scham. Vielleicht aber deutete jener Buchtitel „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera, der dann 1988 auch verfilmt wurde, jene Zeit der 80er Jahre gut an und liefert vom Titel her eine passenden Slogan, um diese Zeit in einer Redewendung zu zeichnen.

Kopfs Kritiken und Texte gehörten für mich zu diesen wunderbaren, wilden, schönen und manchmal auch liebestraurigen Jahren. Womit ich im nächsten Zug bei Uwe Kopfs zartem, schönen, frechen und melancholischen Hamburg-Roman angelangt bin: „Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe“. Uwe Kopf hätte, als strenger Redakteur aus den beiden letzten Sätzen alle acht Adjektive gestrichen und auch sonst manches hier im Text gestrichen, verbessert, kritisiert. Nun lebt er aber nicht mehr, ich schalte und walte also relativ frei, und so gebe ich in schöner Erinnerung an Uwe Kopf noch einmal jenes „Regelwerk“ mit auf den Weg, das Kopf als Textredakteur seinen Tempo-Schreibern ans Herz zwang.

Bildquelle: B.Z., Photo: Friederike John
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