In the Year Sixty Nine: Bed In, Kunst und Happening: Yoko Ono und John Lennon

Die Tonspur zum Sonntag

Ev’rybody’s talking about
Revolution, evolution, masturbation
Flagellation, regulation, integrations
Meditations, United Nations
Congratulations

All we are saying is give peace a chance
All we are saying is give peace a chance

Ich finde, was die geschichtlichen Bezüge anbelangt, das Jahr 1969 deutlich interessanter und spannender als die rundungshaftere, harmonischer anmutende Zahl 1968, die teils als Chiffre fürs politische Ereignis sowie als „Geschichtszeichen“ für eine gewisse Hoffnung und für den Aufbruch stand: eine Revolution vielleicht, ein Traum, daß Gesellschaft veränderbar sei. Diese Vorliebe für die Zahl 1969 mag ästhetische Gründe haben, aber eben auch erkenntniskritische. Denn das Jahr 69 zeigt bereits deutlich die ersten großen Risse und Brüche und doch irgendwie noch webte und schwang da dieses Hoffen, während zugleich die sozialen Bewegungen in den westlichen Metropolen auf ihre Art wußten, daß die Sache gelaufen war.

Ho-Ho-Ho-Chi-Minh: Aber unter dem Pflaster, da lag kein Strand. Es waren Steine, und es begann zugleich, Habermasscher Reformismus, Abspiel und Austanztango Kritischer Theorie, denn die Arbeiter, die Angestellten und das Bewußtsein hatten alles, wonach ihnen war: im September 1969 begann die sozial-liberale Koalition. Uns Kinder prägte es. Auf gute Weise teils, im herrlichsten SPD-Kindergarten Hamburgs dann 71, wo man Kinder mit Liebe und nicht mit Schlägen und mit Schreien betreute. Der wohl wichtigste und tiefste Einschnitt für einen gesellschaftlichen Wandel – wenn auch „nur“ von sozialdemokratischer Observanz. Aber immerhin. Mehr Demokratie wagen! Der Zugang zu den Universitäten für ein Milieu, das bisher dort nichts zu suchen hatte, wurde aufgetan – sicherlich auch aus pragmatischen Gründen, weil deutlich mehr gut ausgebildete Menschen benötigt wurden. Das Milieu der Angestellten nämlich, Arbeiterkinder allerdings waren immer noch proportional wenige vertreten. Man versäumte bei dieser Öffnung freilich nur, die Hochschulen derart auszustatten, daß sie dem Ansturm gewachsen gewesen wären. So entstanden jene Massen- und Beton-Universitäten, an denen es in den 1980er und 1990er Jahren egal war, ob man ab- oder abwesend sich verhielt und an denen es gute Noten gab, egal ob man leistete oder versagte.

1969 war das Jahr von Woodstock und in Altamont kam die vermeintliche Utopie zum Ende, wie es pop-lehrbuchhaft so schön hieß, als die Hells Angels beim Konzert der Rolling Stones einen Neger erstachen. Aber diese Differenz zweier Festivals ist nur eine Illusion. In Woodstock, im Pop, ist Altamont immer schon angelegt. Irrungen, Wirrungen. 1969 zeigte die Risse. Die Reise zum Mond. Utopie nach Ins-Außen, als Reise, in den Weltenraum. Enterprise. Noch in der Grundschule spielten wir dies, als die neue Aula eröffnet wurde, als Kinder, auf der Bühne nach: die Klassenfahrt zum Mond hieß das Stück. Ich war zum Glück nur der Tagesschau-Sprecher, der aus einem Fernsehkasten links von der Bühne auf das Publikum glotze und nachdem die alte Titelmelodie der „Macht um acht“ tönte, verkündete, daß eine Schulklasse zum Mond geflogen sei. Ich brauchte zum Glück mit den widerlichen Kindern nicht mitzureisen, sondern durfte deren Landung verkünden. Leider kamen sie auch wieder zurück, nicht ging schief und ich mußte am nächsten Tag wieder mit ihrem naseweisen Geschwätz im Klassenraum dasitzen. Die blonde Klassenlehrerin hatte ganz zu recht mich als Außenposition des Sprechers von Ereignissen, die zu Nachrichten wurden, gewählt. Distanz als Lebensmodus schon als Kind. Ich schätze die Ferne. „Die größte Kraft ist deine Phantasie“. Deren Reisen lagen in der Ferne. Unter dem Pflaster. Journalist, wie ich immer dachte, wurde ich nicht. Besser war es.

1969 gab es für die Kritische Theorie mit dem Tod Adornos im Hochgebirge im August den Einschnitt. Einer der Gründe für den frühen Herztod war sicherlich auch das Tittenattentat im Frankfurter Hörsaal. Bruch der bürgerlichen Welt. „Oui, au dessous de pavèe est la plage.“ Adorno, gewiß nicht prüde, schockierte dieser Anblick und was sich da im Januar zutrug.

Ich mag jene Daten, die einen Einschnitt geben, wo im Vorblick keiner genau weiß, in welche Richtung diese Reise geht. Die Hoffnungen waren in diesem Jahr zumindest angefressen. Objektlose Innerlichkeit, und in der Prosa Abschied von Revolte, während vorher in jenem Kursbuch 15 vom November 1968 noch großmundig der Tod der Literatur verkündet wurde, tat sich ein neues Feld der Literatur auf: Selbstsicht und Neue Subjektivität als Literatur. Zwischen Geschwätz, Unspannendem und eben einer genial-neuen Sprache von Thomas Bernhard und Peter Handke. Aber es gab eben auch jenen unsäglichen, selbstbespiegelnden Blick nach innen. Jenes om-om, über das schon Hegel spottete.

Am letzten Freitag (5.7.2019) sendete Arte eine gelungene und spannende Dokumentation zu John Lennon und Yoko Ono sowie zu der Platte „Imagine“ samt dem gleichnamigen Song. Die Platte erschien 1971. 1969 bahnte sich die Trennung der Beatles an – eine Trennung, nebenbei, die das beste war, was einem Freigeist wie John Lennon passieren konnte. Ebenso, daß er bereits 1966 jene herrliche Frau aus Japan traf – Künstlerin in New York. Beide harmonisierten, sie schwangen auf einer Linie, sie ergänzten sich künstlerisch, erotisch, sie taten das, was die Jenaer Romantiker vielleicht Symphilosophieren genannt hatten, vor allem aber liebten sie einander. Von der Arbeit und dem Leben von John und Yoko berichtet dieser Film. Ich war eigentlich nie ein großer Fan der beiden und hatte mich auch nicht besonders viel mit ihnen beschäftigt, was bei mir vor allem daran lag, daß Kunst und Pop meines Erachtens nur bedingt Seit an Seit schreiten sollten. Für eine hermetische Kunst ist im Pop kein Platz, Pop bietet einer hermetischen und in sich konstruierten Kunst, die nicht auf bloßen Konsum schielt und auf Gefälligkeit geeicht ist, keinen Raum.

Bei diesem Spiel zweier Geister kommt einem vielleicht jenes Bed In von Yoko und John aus dem Jahr 1969 in den Sinn. Als Plastic Ono Band, ein leicht kitschig angehauchter Song zum Frieden, wir kennen Adornos Vorbehalte und jenes Adorno-Video, wo er sich zu dieser Art von Protestmusik äußerte und in dieser Analyse, in der er die fungible Beliebigkeit zeigte, auch wenn sie der vermeintlich guten Sache diente, lag er richtig.

Dennoch haben solche Aktionen nicht nur einen künstlerischen oder popmusikalischen Wert – eben als Happening, also als eine Kunstform, die ganz im Nachklang zu jenen klassischen Avantgarden wie dem Surrealismus und dem russischen Konstruktivismus ins Leben reicht und dort wirken will –, sondern ebenso als Form des politischen Protests, der – auch qua prominenter Personen – Öffentlichkeit erzeugt. In den Pop herabgesunkene Avantgarde gleichsam. Als politischer Protest und als Werbemaßnahme fürs neue Album gleichermaßen. Sofern man sich der, eben auch fatalen, Dialektik solcher Aktionen bewußt ist, können sie – zumindest situativ – funktionieren.

1969, in einer Hotelsuite in Montreal – auf dem Höhepunkt des Vietnam-Krieges, als die Weltmacht USA ein kleines Land bombardierte, fast auslöschte und schwerste Kriegsverbrechen an der Bevölkerung Vietnams und auch an der Kambodschas beging. Als es mit Napalm Feuer vom Himmel regnete und mit Agent Orange ganze Landstriche entlaubt wurden: die chemischen Waffen. In Den Haag, vor einem UN-Kriegsverbrechertribunal haben Leute wie Lyndon B. Johnson, Richard Nixon, Henry Kissinger, William Westmoreland und wie all die anderen hießen, die Dörfer und Menschen auslöschten, nie gestanden. Dagegen nehmen sich Leute wie Karadžić und Slobodan Milošević fast wie Waisenknaben aus – auch wenn man Verbrechen nicht aufrechnen darf, packt einen da die böse, kalte Wut, wie sehr mit unterschiedlichem Maßstab gemessen wird.

„Für die Ausrottungsstrategen von Vietnam sollen Westdeutschland und West-Berlin kein sicheres Hinterland mehr sein. Sie müssen wissen, dass ihre Verbrechen am vietnamesischen Volk ihnen neue, erbitterte Feinde geschaffen haben, dass es für sie keinen Platz mehr geben wird in der Welt, an der sie vor den Angriffen revolutionärer Guerilla-Einheiten sicher sein können.“

Daß die RAF 1972 das Hauptquartier des V. US-Korps in Frankfurt am Main und das Hauptquartier der US-Armee Europa in Heidelberg angriff und damit den Krieg der USA in die Metropolen des Westens trug, scheint mir zumindest in gewissen Punkten nachvollziehbar zu sein, wenn nicht sogar richtig, auch wenn es für den Druck der Öffentlichkeit auf die USA eher kontraproduktiv wirkte. Aber ich würde bei diesen Angriffen sagen: nicht um eine kommunikative Situation ging es oder darum, die Öffentlichkeit qua der Schreckensbilder in den Zeitungen und im Fernsehen auf die eigene Seite zu ziehen, sondern es kam darauf an, es jener Macht mit der gleiche Münze zurückzugeben. Es ist Krieg. Die Toten im Westen beweinte man. Politik kommt aus dem Gewehrlauf und aus den Boeing B-52 Stratofortress-Bombern, die von der Airbase in Guam starteten und ein armes Land mit Terror, Brand und Leid überzogen. Ohne Rechtsgrundlage. Einfach so. Diese Strategie des militärisch-industriellen Komplexes spiegelte die RAF.

Anders John Lennon und Yoko Ono. Kunst, die wirken sollte, Pop, der sich verstärkte, um politisch zu mobilisieren und neben den Pressephotos aus Vietnam die Stimmung zum Kippen zu bringen. Vielleicht waren sie genauso ein Verstärker wie jene Bomben in Heidelberg drei Jahre später.

Im Bett zu bleiben, wie Oblomow, dazu noch mit einer schönen Frau zu liegen, zu schmiegen und zu singen, ist das verkehrteste nicht.

Wir verabschiedeten diese Art von Liebe in den 1980er Jahren und setzten auf eine gewisse intellektuelle und musikalische Härte. Liebe 1982. Als Kühle aus dem Innenraum elektrischer Gitarren. Mit Carl Schmitts Antiliberalismus, Adornos Ästhetik und Foucaults fröhlichem Positivismus. Zeiten wechseln. Denken hinter Masken. The Weeping Song. Dennoch bleibt dieser Lennon-Ono-Song unnachahmlich gut, schön und wahr. Radau machen.

Über Pop-Musik – mit einem Abschweif zum Echo

Jugendkultur samt Pop sind ein ganz  spezielles Ding. Mit der herkömmlichen Moralisierung und der Kritik der Lage, was geht und was nicht geht, kommt man bei ihren Ausdrucksformen nur bedingt weiter. (Ähnliches gilt übrigens auch für die Satire: Früher, in den 1980ern hat die Titanic sehr viel derbere Dinge sich geleistet als heute die eher harmlos-frivole Sonneborn-Rede in Brüssel, wo er sich über die Frau von Marcon belustigte und dem Grafen Lambsdorff einen Fallschirmeinsatz über Syrien anriet. Was ja nicht einmal verkehrt ist, denn wer, nach dem Motto „Hannemann, geh du voran!“ vom Krieg trötet, sollte mit gutem Beispiel Schule machen und selber hingehen, aber nicht andere hinschicken. Manche ereiferten sich über diese doch eher humorvolle Rede, die übrigens vor vielleicht einmal 10 Abgeordneten, stattfand, was ich, nebenbei, skandalöser finde als Sonneborns Rede. Aber das mag Ansichtssache sein. Ja, auch so eine Provokation. Bei den alten Titanic-Beiträgen würde heute mancher vermutlich in Ohnmacht fallen, insbesondere ehemalige Titanicjakobiner wie Leo Fischer.)

Provokant ist mittlerweile vieles und in einer Gesellschaft der Animositäten sind die Gemüter gegenwärtig gereizter als je zuvor. Beim Pop hingegen ist die Provo-Pose endemisch und gehört dazu, es ist eines der Prinzipien von Pop-Musik: um bei den 1950ern anzufangen, von Chuck Berry über Elvis the Pelvis, hin zu Doors, The Stooges, kulminierend im Punk und andernorts in Rap und Hip-Hop. Ich schreibe das nicht wertend, sondern als Beschreibung eines Phänomens der Jugendkultur. Das man sicherlich in vielfacher Hinsicht, auch mit Adornos Hinweis zur Kulturindustrie, kritisieren kann. Pop-Musik ist nur bedingt subversiv. Die kalkuliert eingesetzte Provokation wird in der Regel sehr schnell vom Warensystem absorbiert.

Wir haben uns damals in den frühen und mittleren 80er mit den wildesten Dingen geschmückt: vom Tampon bis hin zu NS-Parteiabzeichen für Kraft durch Freude. Die Erregung gab es auch damals schon. Aber wie sonst konnte man seine linksliberalen Lehrer, die von 68 her den Marsch durch die Institutionen wirkungsvoll angetreten und nun im gut bezahlten, verbeamteten Establishment angekommen sind, denn noch provozieren als mit solchen Symbolen? Die klügeren der Lehrer lächelten und verstanden solche Gesten, denn sie wußten noch um den Geist der Opposition, und ob jemand echter Nazi war oder nicht, erkannte man recht schnell. Im Gegensatz jedoch zu posierenden Rappern wie Kollegah, Farid Bang oder Bushido war es bei uns keine auf Profit kalkulierte Show, um die eigene Community bei der Stange zu halten. Ebensowenig bei den „Sex Pistols“, wenn sie  „Belsen was a gas“ sangen:

„Belsen was a gas I heard the other day
In the open graves where the jews all lay
Life is fun and I wish you were here
They wrote on postcards to those held dear“

Womit wir beim Echo-Musikpreis sind. Lustiger Nebenfakt: der Musikjournalist Jens Balzer, der einmal ein guter und böse-witziger Schreiber war, inzwischen aber immer häufiger reichlich verschnarchtes Moralin verschreibt, saß mit in der Echo-Jury. Die politisch-korrekte Erregung fiel ihm erst hinterher ein, als sich dann andere erregten. Protest, der nichts kostet, denn in einer Jury wäre es deutlich wirkungsvoller gewesen, seinen Unwillen kundzutun. Und statt in einem „Zeit“-Interview mit Sven Regener zu plaudern und gleiche Ansichten sich gegenseitig zu bestätigen, hätte Jens Balzer gut getan, investigativ über die Interna in einer Pop-Jury zu schreiben. Aber Protest ist immer nur dann gut und bequem zu haben, sofern er nichts kostet. Nett vom sicheren Sessel aus. Nicht anders als im Falle Weinsteins, wo seit Jahrzehnten arrivierte Schauspielerinnen erst dann ihren Mund aufbekommen, wenn der Wind sich dreht und es opportun ist.

Insofern wäre beim neuen Echo-Skandal die Frage viel interessanter, warum überhaupt und aus was für Motiven soetwas wie von Kollegah oder Farid Bang in dieser Weise gesungen oder in Bildern kommuniziert wird. Wenn man denn schon analysiert. Ich fürchte mit dem moralischen und fuchtelnden Zeigefinger kommt man da nicht viel weiter. Wir haben über genau diese Leute damals zu den Punk-Zeiten Anfang, Mitte der 80er herzlich gelacht und wußten: Wirkung erreicht, sofern die Aufregung sich einstellte. Eigentlich müßte man im Sinne einer paradoxen Intervention auf diese Zeilen der beiden Rapper reagieren. Das könnte vielleicht effektiver sein. Dieser Echo-Diskurs, im wahrsten Sinne des Wortes, hat freilich nur zur Verstärkung dieser Angelegenheit geführt. Hätte man die Sache einfach auslaufen lassen, wäre das morgen bereits vergessen. Was allemal besser wäre.

Ja, auch ich denke, es gibt Grenzen der Inszenierung und dieser Satz zum Auschwitzinsassen ist nicht nur bloß genzdebil. Aber: Man muß solche provokanten Sätze und Gesten vor dem Hintergrund dieser Musik nehmen. Klar kann man diesen sogenannten Gangsterrap arrivierter Kleinbürger soziologisch und politisch kritisieren. Das tat man bereits in den 1990er Jahren, wenn es z.B. um den Sexismus ging, wenn da auf MTV die wackelnden Weiberärsche, die prallen Brüste und die Bling-Bling-Goldketten samt fetten Autos zu sehen waren, mit denen sich die männlichen Helden umgaben. Aber diese Attribute sind zugleich auch Zeichen des Pop und das sagt etwas Gesellschaftliches. Diese Ketten, die trainierten Oberarme, die Autos, Ärsche und Titten stehen für etwas, sie symbolisieren. Das ist der eine – gesellschaftliche – Aspekt. Der zweite hängt mit dem Verkauf solcher Zeichen zusammen, um Gewinn zu generieren. Das Wort Musikindustrie trifft es da ganz gut. Was sich als vermeintliche Subversion aus dem Ghetto gibt, ist lange schon von der Industrie eingekauft, teils auch vom Reißbrett designt, um des Effektes willen, und die Bands wissen das und affirmieren das auch: denn es ist der Fetisch Geld, um den der ganze Tanz sich dreht. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden in der Tat zum Tanzen gebracht: aus dem Geist der Pop-Musik heraus spielt man ihnen ihre eigene Melodie vor. Aber es ist die der narkotisierenden Wiederholung, die sich als Emotion geriert. Ähnliches gilt auch für die sich politisch gebende Pop-Musik. No One Here Gets Out Alive!

Doch ist das, was solche wie Farid Bang oder Kollegah machen, nur die Spitze des Eisberges, denn viel interessanter ist das, was auf der Straße abgeht, in der tatsächlichen Szene, die eigentlich nur noch den Spezialisten, den hartgesottenen Fans bekannt ist. Nicht anders als bei jeder anderen Jugendkulturen auch, etwa beim Punk. Damals Anfang der 80er gehörten mit ZK und dann schon etwas populärer mit der Opelgang-Platte solche wie die Toten Hosen dazu. Irgendwann dann sind sie oben angekommen und der Protest wurde zur Pose und zur Posse. Von Text und Musik her unterscheiden sich die Toten Hosen in nichts von Frei.Wild – zumindest wenn man es formal nimmt.

Aber genauso gibt es heute noch kleine, so gut wie unbekannte Bands, die aus dem Geist der Rebellion oder einfach aus Freude an Musik und einer Subkultur ihre Sache machen. Von wenigen gehört nur, die Sache spielt sich auf lokaler Ebene ab. Von solchen subtilen, aber auch von den arrivierten Szenarien der populären Musik, die uns als Ausdruck von Jugendkultur spätestens nach dem Ende des zweiten Weltkriegs begleitet, schreibt Diedrich Diederichsen in seinem lesenswerten Buch „Über Pop-Musik“. Auf eine kluge und dialektische Weise vertieft er sich in diese Phänomene. Ich rate unbedingt zu Diederichsens Buch. Nach der Lektüre sieht man manches vielleicht unter einer anderen Optik. Und es sichtet dieses Buch, obwohl Diederichsen ein Freund des der populären Musik ist, durchaus kritisch dieses Phänomen Pop. Adornos Ausführungen zur Kulturindustrie werden einerseits ernst genommen und nicht in der üblichen undialektischen und simplen Art als Kulturpessimismus der alten Onkels denunziert, aber doch erkennt Diederichsen auch den ästhetischen Eigenwert von Pop an: Von dem rebellischen Geist bis hin zum Ausdrucksmedium einer Jugend, die viel Zeit hat, sich mit sich selbst und mit der Welt zu beschäftigen. Was nicht selbstverständlich ist, zum ersten Mal eigentlich in der Geschichte der Menschheit.

Der Geist der Rebellion aus dem Kinderzimmer, wie Diedrichsen schreibt, und eine Industrie, die weiß, daß dieser Geist, in Flaschen gefüllt, sich gut verkauft. Und Jugendliche, die dem entrinnen wollen, indem sie weiter auf ihre Abschottung setzen. Tocotronic widmen diesem Protestregress mit ihrem Roten Album vor zwei Jahren eine ganze Schallplatte.

Provokation also als ein Mittel, um die Ressource Aufmerksamkeit, die den nötigen Abverkauf generiert. In dieser Weise kreist die Spirale. Und darin sind auch solche wie Kollegah, Bushido, Farin Bang zu verorten. Deren Antisemitismus ist nur der Ausdruck eines sowieso in der Gesellschaft gestreuten Vorbehalts gegen Juden. In der arabischen Communitiy insbesondere. Aber eben nicht nur dort. Man sagt, es hätten auch die Deutschen in der Vergangenheit erhebliche Problem mit dem Juden gehabt.

Was den politischen Protest im Pop betrifft, sein gesellschaftliches Moment und das Auslaufen des Pop als Subversionsmodell, da kann man ergänzend noch von Georg Seeßlen das gerade erschienene Buch Is this the End? Pop zwischen Befreiung und Unterdrückung lesen. Hier trifft sich, wie auch bei Diedrichsen, Popkritik mit Kunst- und Gesellschaftskritik. Während jededoch Diedrichsen das System Pop immanent analysiert, streift Seeßlen eher die politische Zone. Aber davon mehr ein andermal.

Aufblitzendes Erinnern jener Momente: „Über Pop-Musik“ [Treffende Sätze (4)]

„Was ist tatsächlich die zentrale ästhetische Erfahrung bei einem Stück Pop-Musik? Machen wir ein paar Selbstversuche.

[…]

Adorno verwies (…) darauf, dass wir beim Anhören technisch aufgezeichneter Musik uns selbst wiedersehen, dass sich die Erinnerung an das letzte Hören dieser konkreten Aufnahme stets vor die Rezeption der Musik schieben wird. Wer technisch aufgezeichnete Musik hört, hört keine Musik mehr, sondern hört sein eigenes früheres Hören. Das eigene Hören wiederhören: Das ist Pop-Musik. Wenn das Wissen um diese Möglichkeit die Produktion leitete – dann war ein Pop-Musik-Effekt beabsichtigt. (…) Adorno weist aber auch darauf hin, dass die von der Musik ausgelöste persönliche Erinnerung die Schallplatte zu einem Fotoalbum macht, nicht zu dem Album aus Glanzstücken des Künstlers, wie der Begriff, der in der Nachkriegszeit für Langspielformate tatsächlich üblich wird, suggeriert, sondern eben für einmalige Momente aus dem Leben der Rezipienten, die in der technischen Fixierung der Aufnahme ein fixierendes Abbild eines Hörererlebnisses finden. Auf diesem Umstand geht die Pop-Musik als Erste ein.“
(D. Diederichsen, Über Pop-Musik)

Was mir an diesem Buch gelungen und gekonnt erscheint, ist der Umstand, daß Diederichsen nicht gegen Adorno, wie es so bequem und vorausschaubar ist, sondern mit Adorno das umfassende Phänomen „Pop-Musik“ herausstellt. Namentlich die, welche keine zwei Zeilen Adorno gelesen, geschweige denn verstanden haben, fühlen sich bemüht, ihn zu kritisieren. (Bei Hegel ist es dasselbe.) Simpel bis töricht ist es, Adorno vorzuhalten, daß er die Pop-Musik bzw. die von den zuständigen Instanzen industriell und standardisiert gefertigten Produkte wie Film, Werbung, Musik als Bewußtseins-Tranquillanzien kritisiert. Denn genau das sind diese Produkte – ganz unabhängig von den ihnen nachträglich implementierten Subtexten samt Subversion des Bestehenden. Es folgt in dieser Vulgär-Adorno-Kritik der ewiggleiche Salms: Adorno habe keine Ahnung vom Kino, er verstünde nichts von der Wirkung der Musik.

Wenige aber vermögen es, so wie Diederichsen, Adorno strukturell zu lesen und eben nicht die persönlichen Idiosynkrasien, die eigenen Fehllektüren oder aber den eingeschränkten Horizont der Gefühlsechtheit oder der geschwätzten Wahrhaftigkeit zum Maßstab unerheblicher und langweiliger Bewertung auszuwuchten. Hohlformen des Meinens. Daß jedoch Adorno in seiner Kritik an den Mechanismen der Kulturindustrie immer noch so sehr das derangierte Bewußtsein derer aufregt, die von ihm keine zwei Zeilen gelesen haben, und zum Zornesausbruch samt Ressentiment und Regression treibt – insbesondere von Menschen, die sich als irgendwie „links“ sichten – zeigt die Wunde an, die immer noch schwärt und auf die Adornos Kritik wies. Diederichsen hingegen macht das, was das Wesen der immanenten Kritik ist und nimmt Adorno beim Wort, liest aus dem Text das Mehr heraus. Im Grunde ist die Folie für Diederichsens Arbeit Adornos Kritik der Kulturindustrie, die Standardisierung von Kunst, von Musik in die Fabrikform. Bei gleichzeitigem Kontingenzüberschuß durch den Assoziationshorizont noch nicht vollständig präformierter Rezipienten. Im Grunde hängt die Angelegenheit an einem Begriff von erweiterter Erfahrung, den Adorno zwar mittels seiner Philosophie der 60er Jahre bereitstellt, den er aber nicht auf die Produkte der Kulturindustrie auszudehnen bereit ist. (Was durchaus verständlich ist.)

Im Pop vermischen sich verschiedene Aspekte: die Standardisierung von Gefühlen vermittels eingeschliffener Tonfolgen und approbierter Akkorde, das Immergleiche des Klangteppichs, der auf eine ganz bestimmte Wirkung ausgerichtet ist, eine warenförmige Teenager- und Jugendkultur, die von Musikzeitschriften, Phono-Firmen und Musikproduzenten am Reißbrett entworfen wurde, und die Rebellion gegen solche Vorgaben sowie die Umpolung all dessen (Stichwort Camp) samt ureigenen (berechtigten) Regungen von Subjektivität, von Kindheit, Jugend, Erinnerung, die sich niemand austreiben lassen möchte: ob Amorbach, Vorstadtruine, suburban home oder Hochhaussiedlung: es sind die Horizonte der Erfahrung, die sich in spezifischer Weise so oder anders aufladen lassen mit all den Geschichten und den gelebten Momenten. Zeit, die vergeht, Zeit, die verstrichen ist, unwiederbringlich, das versteckte Gebüsch unten am Fluß, das es heute nicht mehr gibt und dazu diese Musik im Ohr oder im Walkman. It’s not a trick, it’s a Zonie: hinreichend gewölbt obenrum, selbst liegend noch und geistvolle Feuchte, die Hände, die sacht unter die Bluse jener Frau aus Ostberlin gleiten wollten. Seminarnachbearbeitungsszenarien. Schöne Fremde, mit Eichendorff und Pop gedacht. Finger, die sich langsam nach unten tasten oder streicheln. Szenen, zu denen ein bestimmter Sound im Ohr nachklingt. „Gib mir endlich einen Abend, einen kriminellen Abend …“ Nach zwei Flaschen Derrida und einigen Seiten Rioja: Semesterbeginn, wir begegneten uns auf dem Flur des Seminars wieder, kannten uns bereits damals aus dem Anfängerseminar, das ich als Tutor begleitete. Wir waren jung. Und an all diese Momente knüpft sich die Musik. Insofern ist Pop-Musik eine aisthetische Angelegenheit, deren Gehalt sich nicht unbedingt nach der (ästhetischen) Binnenqualität des Stückes bemißt.

Ja, all diese Tonspuren und Tonträger: die Kassette, die der junge Mann der Geliebten mit 15 oder 16 Jahren aufgenommen hatte, um das Mädchen, das vielleicht schon eine junge Frau war, mit seinem Innersten, den Gefühlswirrungen oder einfach nur den persönlichen Präferenzen bekanntzumachen. Die gemeinsam gehörte Musik vor dem Kassetten-Rekorder oder später neben dem Plattenspieler weist auf mehr als nur das Musik-Hören. Es ist eine Art von Performanz. Oder Performance. Wer weiß schon? Pop-Musik verschränkt die Dimensionen: zwischen Kunst, Philosophie, dem einen Sound, der einen Nacht, treidelnd: unten am Fluß, die Nacht hindurch in der ungeheuren Wärme der letzten Apriltage, sich im Sand wälzend. Früher schon und 1990, 1991, 1992, 1993 und so geht es immer weiter.

Pop-Musik, das bedeutet in seiner aisthetischen Variante: die Einmaligkeit in der Wiederholungsspur und im Immergleichen wahrzunehmen und jenen Moment als Erfahrung von Differenz (d.h. als Unterscheidung und Distinktion) zugleich wieder in das Musikstück zu implementieren. So entsteht, systemtheoretisch formuliert, Anschlußkommunikation – Re-entry eben. Und in seiner ästhetischen Variante verbindet sich dieser Rezeptionsakt mit der gelungenen Struktur eines Stückes: daß es sich in diesem einen Musikstück um etwas Besonders handelt, das den Rang eines Kunstwerkes einnimmt, und zwar nicht aus subjektiver Disposition oder der Willkür des Rezipienten, sondern aufgrund der objektiven Verfaßtheit, aufgrund der spezifischen Gemachtheit des ästhetischen Objekts. Winterreise. Our Darkness.

Pop-Musik: das ist das „… Portrait eines einmaligen kontingenten Moments unseres Lebens …“ (D. Diederichsen), der sich in diesem einen Musikstück verdichtet. Anspruch und Abbruch. Damals hinterm Mond.

Dennoch: Auch die Rebellion als Geist und Gestus des Pop ist von der Kulturindustrie mittlerweile (oder von Anfang an?) planmäßig als Rebellenpose ins System integriert. Auch die Rebellion ist verkaufsfördernd und damit gezähmt. Es gibt kein Draußen. „Wir kriegen sie alle!“, so schrieb in den 70ern der Computerkünstler Horst Herold.

On Populare Culture. Aus E mach U: samt einem Blick auf Diederichsen und Heidegger

Diesen Satz möchte ich denn doch nachreichen, um das gestern Ausgeführte in die richtige Wendung zu bringen:

„‚Leichte‘ Kunst als solche, Zerstreuung, ist keine Verfallsform. Wer sie als Verrat am Ideal reinen Ausdrucks beklagt, hegt Illusionen über die Gesellschaft. Die Reinheit der bürgerlichen Kunst, die sich als Reich der Freiheit im Gegensatz zur materiellen Praxis hypostasierte, war von Anbeginn mit dem Ausschluß der Unterklasse erkauft, deren Sache, der richtigen Allgemeinheit, die Kunst gerade durch die Freiheit von den Zwecken der falschen Allgemeinheit die Treue hält. Ernste Kunst hat jenen sich verweigert, denen Not und Druck des Daseins den Ernst zum Hohn macht und die froh sein müssen, wenn sie die Zeit, die sie nicht am Triebrad stehen, dazu benutzen können, sich treiben zu lassen. Leichte Kunst hat die autonome als Schatten begleitet. Sie ist das gesellschaftlich schlechte Gewissen der ernsten. Was diese auf Grund ihrer gesellschaftlichen Voraussetzungen an Wahrheit verfehlen mußte, gibt jener den Schein sachlichen Rechts. Die Spaltung selbst ist die Wahrheit: sie spricht zumindest die Negativität der Kultur aus, zu der die Sphären sich addieren.“
(Th. W. Adorno/M. Horkheimer, Dialektik der Aufklärung)

mrs-miniver Neben dieses Zitat möchte ich eines aus Diedrich Diederichsens Buch „Über Pop-Musik“ stellen, so wie man überhaupt das Buch von Diederichsen, das mit gelehrigen, klugen, assoziativen und anregenden Thesen und Überlegungen aufwartet und mit profundem (Musik-)Wissen glänzt, im Grunde parallel mit einigen Texten von Adorno lesen müßte – insbesondere dem Kapitel über die Kulturindustrie als auch den zentralen, noch vor der „Dialektik der Aufklärung“ geschriebenen Text „Über den Fetischcharakter der Musik und die Regression des Hörens“, der sich mit Walter Benjamins These von der zerstreuten Rezeption als progressivem Moment einer neuen Kunst, insbesondere des Films, sowie dem Verlust der Aura auseinandersetzt. Ich habe diesen instruktiven Text Adornos bereits an dieser Stelle einmal schon besprochen.

Weiterhin wäre es im Sinne einer (Pop-)Ästhetik (sofern dieser Begriff keine Contradictio in adiecto bedeutet) womöglich tricky, Diederichsens Buch mit Heideggers Kunstwerkaufsatz gegenzulesen: Heidegger – einerseits als eine Wahrheits- andererseits als eine Rezeptionsästhetik gedacht – goes Pop: „Werksein heißt: eine Welt aufstellen.“ Die Bestimmung der Kunst als „Ins-Werk-Setzen der Wahrheit“. Vermutlich eignete einer solchen Lektüre eine gewisse Gewalttat. Aber sie wäre dennoch interessant. Das, was gegensätzlich ist oder erst einmal im Widerspruch steht, zusammenzudenken und beides dennoch in seiner Unterschiedenheit, in seiner Heterogenität bestehen zu lassen: sein zu lassen und ineinander zu lesen und auf den Begriff zu bringen, weshalb mich beide Pole dennoch gleichermaßen interessieren. Das gilt sogar für die Texte von Heidegger und Adorno. Doch nun zu Diederichsen und Adorno. Es ist eine sehr treffende Passage, weil sie das Wesen der Kunst sehr gut bezeichnet und zugleich ihr Verlöschen anzeigt:

„1910 sitzt der kleine Theodor W. Adorno beim vierhändigen Klavierspiel mit Mutter oder Tante und ist glücklich. Proust konstruierte 500 km weiter westlich ein zeitgemäßes Subjekt rund um den – im Grunde äußerst musikalischen – Moment der wiedererkennenden Erinnerung. Er rekonstruiert in großräumiger Genauigkeit die Fülle und den architektonischen Reichtum dieses Subjekts als verfügendes Selbst. Und er durchschreitet die Gesellschaft, die es möglich gemacht hat, deren Verfall aber erst es erlaubte, seine Entstehung als Erinnerung aus dem Zeitfluss herauszunehmen und in kompositorischer Makroform zu präparieren. Komponieren ließe sich allein das schon Untergegangene, dasjenige mithin, dessen Fruchtbarkeit einem in deren Zeit, etwa die Kindheit des Autors, nicht als historische Form erscheint, sondern als produktive Natur. Die Recherche war erst nach dem Untergang möglich, sie ist 1922 zwar das avancierteste Kunstwerk, aber sie spricht von einer vergangenen Welt. Der junge Musiker Adorno hingegen erarbeitet sich das Glück seiner Kindheit nicht nur expressiv, sondern auch in Echtzeit. Er ist nicht nur glücklich, er bringt die Musik, die ihn glücklich macht, selber hervor.

Im Umgang mit geregelt-gebrauchten Zeichen entdeckt er das Unbekannte, weiß sich das also Gefährliche wie das Verheißungsvolle zu erobern. In dieser Nähe zwischen dem Zeichen, dem beherrschten, gekannten, kontrollierten Zeichen und dem Unkontrollierbaren, dem Abenteuer, der Freiheit liegt dieses große Glück, von dem große bürgerliche Kunst immer wieder handelt.“
(D. Diederichsen, Über Pop-Musik, S. 194)

Bei Adorno finden wir diese Momente des erfüllten Glücks, das herzustellen in der Praxis ebenfalls die Aufgabe der Philosophie wäre – und sei es nur als ästhetisches Moment, als eine Weise von Erfahrung, indem ein ästhetisches Subjekt sich konstituierte – in den „Meditationen zur Metaphysik“, in seinem Text über Amorbach oder in dem Aphorismus „Sur l’eau“ in den „Minima Moralia“. Philosophie bedeutet – neben der immanenten Kritik und der Analyse – ebenso, die verschüttete Kindheit freizulegen und deren Glücksmomente als Nicht-Regressives sich wieder anzueignen; den Erfahrungsgehalt der Kindheit, die Erfahrungswelt des Kindes wieder zu mobilisieren, ohne auf die Stufe des Kindes zu regredieren. (Was übrigens ebenso an die drei Verwandlungen des Geistes, am Ende hin zum Kinde, in Nietzsches „Zarathustra“ erinnert.)

Darin, in dieser welterschließenden Verhaltensweise, im Begriff einer unverstellten Erfahrung, die auf den Begriff oder eben ins Werk zu setzen ist, mag sich Philosophie mit der gelungenen Variante des Pop decken, der zumindest in der Geste auf ein ganz Anderes verweist, was nicht von dieser Welt ist. Denn auch das Phänomen des Pop ist schließlich eines, das aufs Ganze geht und in dem es eben nicht nur darum geht, als Experte eine bestimmte Musik zu hören. An solche Musik knüpft sich nämlich ein ganzes Bündel an Nebenaspekte, die am Ende als gar nicht so „neben“ sich erweisen. Trotz des völlig durchkommerzialisieren Charakters der Musik. (Was aber in den Events der Bildenden Kunst oder in anderen Gattungen nicht viel anders ist.) Doch kann solcher Begriff von einer erweiterten (ästhetischen und auch aisthetischen) Erfahrung immer nur eine Art Korrektiv bilden, niemals aber ist ihm bereits die Fülle und die Erfüllung eingeschrieben. In der warenförmig organisierten Gesellschaft, in der verwalteten Welt existiert kein Draußen. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“, wie Adorno nicht nur bezüglich des Wohnens schreibt.