Reisenotizen (1) – Tramuntana-Gebirge

Die Vierzigjährige wirft bewundernde Blick auf den Photographen, der die Avenida hinaufwandert. Eigentlich ist es gar keine Avenida, sondern ein Weg im Gebirge. Gut gangbar aber, denn ich bin kein Bergsteiger. Am Wegesrand Schluchten und das Gestrüpp der Macchia. Buschland, so sagt man. So auf dem Weg beim Spazieren entstehen die schönen Gedichte, die wie hingestreut wirken, und weshalb sollten nicht auch Frauen bewundernd auf Männer, Straßen und Blumen blicken? Die neuen Prüden des neo-evangelikalen Zeitalters werden das nicht begreifen: das Schauen etwas mit Lust, Eros, Freude und Ereignis zu tun hat. Sinnlichkeit und Reflexion. Das Fehlen des Eros, ihr Haß auf die Lust und aufs Ästhetische: und wenn man sie ansieht bleibt zu bemerken: es sind häßliche Menschen, Wiedertäufer im Geiste, die auf einem linken Ticket reisen, um ihren autoritären Charakter zu kaschieren.

Es geht in die höheren Regionen. Der Weg windet sich unter Pinien und Nadelholz. Flirren der Hitze. Um 12 Uhr, zur Stunde des hohen Mittags am Mittelmeer, ein ganz anderes, ein heißeres Europa taucht aus der Geschichte heraus, wenn der Schatten des Wanderers am kürzesten fällt, am Fels, im Gestrüpp. Es schrillt die Flöte des Pan, und der Schrecken fährt in die taumelnden Glieder. Cola-Schild, Ansichtskarten und ein Orangenkorb. Keine Blumen am Wegesrand, sondern Strauch und Stein. Zwei attraktive Frauenbeine mit passendem Gesicht, ein Bewunderer photographischer Szenen und des Ensembles aus Frau, Landschaft, Fels und Technik. Ein Reigen an Metaphern.