My Table

Dedicated to Tracey Emin

 

Nachdem bei WordPress in der Rubrik „Suchen“ beinahe jeden Tag – und gestern gar in sieben Varianten – nach Tracey Emin und dem Environment „My bed“ recherchiert wurde, heute jedoch keiner nach ihr suchte, bin ich es leid. Kein Begriff wurde bei mir so häufig gesucht wie Tracey Emin. Weder Adorno noch Beckett oder Kafka, Derrida, Fotografie, von erotisch konnotierten Begriffen ganz zu schweigen. Dabei habe ich nie einen längeren Text über Emin geschrieben, ich erwähnte lediglich in einem Beitrag ihr Environment „My bed“ kurz nur und schrieb einige Zeilen dazu. Ich weiß nicht, warum mit dem Begriff „Tracey Emin“ ausgerechnet mein Blog jeden Tag gesucht und gefunden wird. Nun fühle ich mich hierdurch zwar nicht belästigt oder gestört, weil die Einträge keine Geräusche machen und auch keine lange Lesezeit benötigen, die in der kostbaren Ökonomie der Zeit verschwendet werden müßte. Dennoch bin ich befremdet.

Um der Angelegenheit aber einen neuen Dreh zu geben, ändere ich die Bedingungen: Denn heute stelle ich mich selber aus, setzte meine Wohnung bzw. einen Teil derselben als Kunstwerk und mache den Anfang mit der Serie „One of my Tables“:

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Er ist dies ein Environment, welches jedoch in der Reflexion durchaus als gebrochen erscheint, da das Medium „Environment“ wiederum durch ein Medium dargestellt wird, nämlich vermittels der Photographie, dem klassischen Verfahren der Repräsentation. Der Charakter dieser Photographien ist jedoch fragil. Eine Ortsbestimmung eigentlich nicht möglich. Was ist konstruiert, was real? Der Zeuge, der bestätigen könnte, daß dies meine Wohnung sei, müßte gleichfalls überprüft werden, ob er ein echter oder nicht vielmehr ein fingierter Zeuge ist. Der Zeuge ist ein unzuverlässiger Chronist. Niemand zeugt für den Zeugen, wie es bei Celan heißt. Es gibt keine Metaebene, welche die Diskurse noch vereinen, überordnend erklären, bestätigen und zusammenhalten könnte. Mit Wolfgang Welsch gesprochen ist die Vernunft transversal geworden. Mit Lyotard gedacht, befindet sie sich in einem unaufhebbaren Widerstreit.

Die Photographie als Medium der Wahrheit und der Repräsentation trägt in sich bereits das Mal ihrer eigenen Dekonstruktion. Wenn wir eine Photographie lesen, so werden wir in der Regel mehr offene Stellen als Klarheiten entdecken. Nicht erst seit Photoshop, nicht erst seit der Frage, ob jener spanische Republikaner, der gerade erschossen wird, wirklich ein Republikaner ist, der gerade erschossen wurde. Wie tief diese Dinge hinsichtlich des Urteils und der Urteilskraft reichen, zeigt etwa Derrida in seinem Text „Gesetzeskraft“, wo in einer fulminanten Lektüre die Begriffe von Recht und Gerechtigkeit dekonstruiert werden. (Daß diese Aspekte und Aporien des Rechts bereits in der Rechtstheorie verhandelt wurden, spricht nicht gegen den Text Derridas. Ich hoffe sehr, daß ich mich diesem Text Derridas noch einmal im Rahmen meiner Benjamin-Lektüre widmen kann.)

Nein, es ist natürlich nicht fein, seine eigenen Werke zu zeigen und die Lektüre sogleich mitzuliefern. Aber verstehen Sie, liebe Leserinnen und Leser, diesen Schritt bitte als einen Akt tiefer philosophischer Verzweiflung über die Wiederkehr des Gleichen. Warum ausgerechnet ich? Weshalb diese über Monate jeden Tag anhaltende Suchanfrage? Warum gerade Tracey Emin, die nicht einmal eine schöne Frau, wenngleich eine interessante Künstlerin ist. Will man mich auf den Weg zur Pop-Kunst bringen, will man, daß ich in die Tücken der populären Kultur abtauche? Genügt Euch die zuweilen gegebene „Tonspur zum Sonntag“ als Reminiszenz an den Pop nicht? Fragen eben, die sich stellen und die von der Struktur her an jene (verzweifelten?) Fragen am Schluß von Kafkas „Prozess“ gemahnen.

Lieber Leser, der Du in Ausdauer Tracey Emin suchst: Du wirst sie in der Form, wie Du sie haben möchtest, hier nicht finden. Und so kann man, fast schon biblisch, sagen: Sie ist nicht da, sie ist aufgestanden. So wie Hegel sich seinerzeit über die Kreuzfahrer belustigte, die die Gebeine und Reliquien des Christus suchten.

„Aber im Grabe liegt wahrhaft der eigentliche Punkt der Umkehrung [griech. auch: metanoia (zu lesen etwa als Buße), Hinweis Bersarin], im Grabe ist es, wo alle Eitelkeit des Sinnlichen untergeht. Am Heiligen Grabe vergeht alle Eitelkeit der Meinung, da wird es Ernst überhaupt. Im Negativen des Dieses, des Sinnlichen ist es, daß die Umkehrung geschieht und sich die Worte bewähren: ‚Du läßt nicht zu, daß Dein Heiliger verwese‘. Im Grabe sollte die Christenheit das Letzte ihrer Wahrheit nicht finden. An diesem Grabe ist der Christenheit noch einmal geantwortet worden, was den Jüngern, als sie dort den Leib des Herrn suchten: ‚Was suchet ihr den Lebendigen unter den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.‘“

Es ist dieses Zitat aus dem Lukas-Evangelium ein Satz, der mich bereits im Religionsunterricht der Oberschule im Denken fasziniert hat, so daß die – freilich jugendliche – Reflexion über jenes einsetzte, was ich später dann mit dem Begriff der Utopie verband.

„Das Prinzip eurer Religion habt ihr nicht im Sinnlichen, im Grabe bei den Toten zu suchen, sondern im lebendigen Geist bei euch selbst. Die ungeheure Idee der Verknüpfung des Endlichen und Unendlichen haben wir zum Geistlosen werden sehen, daß das Unendliche als Dieses in einem ganz vereinzelten äußerlichen Dinge gesucht worden ist.“ (Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, S. 471 f., Frankfurt/M 1986, Werke 12)

Ja, auf solch verschlungenen Wegen kann man von Tracey Emins ungemachtem Bett zur Religion gelangen.