Das Ende der Kunst oder die Kunst des Endens? – Wozu Kunst (6)

„Jene Tendenz, die durch Entkunstung die Kunstwerke unmöglich machen möchte, ist nicht mit dem Appell zu sistieren, Kunst müsse es geben: das steht nirgends geschrieben.
(Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Besser Scheitern, schöner scheitern? Für eine Ästhetik des Scheiterns auf Kosten der Kunst? Die Pose oder die Posse der Kritik als Aporie? Der Topos vom Ende der Kunst oder aber: von der Kunst des Endens – er ist alt! Er durchkreuzt und durchzieht die Diskurse seit es die ästhetische Moderne gibt, also seit Kunst als autonome Sphäre, als ausdifferenzierter Bereich ins Spiel kam. Das geschah vor rund 250 Jahren, und in der Malerei im Grunde schon sehr viel früher. Aber bereits jene „Querelle des Anciens et des Modernes“ sowie die Ästhetik des Geschmacks, die sich in den Französischen Salons entwickelte, um ein ausgeklügeltes und raffiniertes System zur Beurteilung von Kunst zu entwickeln, trugen diesen Streit in sich aus. Und in einer ganz anderen Richtung hin, im Sinne einer Politik der Kunst tat sich im Jahre 1968 im legendären Kursbuch 15 in der BRD jene Rede vom Tod der Literatur auf. Es schrieb Hans Magnus Enzensberger:

„Für literarische Kunstwerke lässt sich eine wesentliche gesellschaftliche Funktion in unserer Lage nicht angeben. Wer Literatur als Kunst macht, ist damit nicht widerlegt, er kann aber auch nicht mehr gerechtfertigt werden. Wenn die intelligentesten Köpfe zwischen zwanzig und dreißig mehr auf ein Agitationsmodell geben als auf einen experimentellen Text; wenn sie lieber Faktographien benutzen als Schelmenromane; wenn sie darauf pfeifen, Belletristik zu machen und zu kaufen: Das sind freilich gute Zeichen.“

Zugleich aber kann man hinsichtlich dieses Slogans vom Tod der Literatur mit dem Germanisten Ralf Schnell von einem Mythos sprechen, denn, so Schnell, nirgendwo gab es ein Plädoyer dafür, die Literatur abzuschaffen, nirgendwo wurde das Hinscheiden diagnostiziert. Aber es wurden entscheidende Argumente für eine Funktionsänderung sowohl der Literatur wie auch der Dichter geliefert. (Nachzulesen in: Ralf Schnell: Die Literatur der Bundesrepublik)

Ästhetik heißt immer auch Aisthesis – jenes sinnlich Wahrnehmbare, das uns umgibt und das vermittels des Kunstwerkes in die Gestaltung gelangt. Aber jene Phänomene, jene Dinge, das, was uns umgibt, ist bereits vorstrukturiert und in die Diskurse gepackt.

Man kann sich mit Zitaten augmentieren. Sicherlich. Jenes von Adorno bringt einen ganz bestimmten Aspekt auf den Begriff: Daß es nicht notwendig Kunst geben müsse. Genauso ist ihr Ende denkbar. Ich lasse die Leerstellen, die diesem Zitat von Adorno eingeschrieben sind, auch und gerade im Hinblick auf jene bürgerliche Gesellschaft, die der Kunst zu sehr bedürfte und sich ihrer zugleich als Stachel entledigte, so stehen, wie sie da sind. Diese Leerstellen harren der Lektüre.

Diese Überlegungen zum Ende der Kunst sind eine nicht ganz so kurze Entgegnung auf einen Kommentar der Schriftstellerin Aléa Torik, den sie hier zu meinem letzten Text schrieb. Sie knüpfen an jene Überlegungen an, denen ich den Titel „Wozu Kunst“ gab.

Nein, liebe Aléa, ich fordere nicht das große Epos, davon schrieb ich nirgends. Denn diese Zeiten sind aus den bekannten und genannten Gründen vorbei: Wer einen Bildungsroman im Sinne von Goethes „Wilhelm Meister“ schriebe oder als Karikatur desselben, wie sie Flaubert mit der „Éducation sentimentale“ unternahm, verfiele dem Epigonentum – selbst die Ironie oder die Spiegel- und Potenzierungebene innerhalb eines solche Textes ist mittlerweile eingeplant und berechenbar. Obwohl: es entstünde vielleicht und dennoch gerade aus diesem Zusammenspiel, aus diesem Pastiche ein guter Text. Was allein in solchem Schreiben zählen mag, das sind die handwerklichen Qualitäten. Die Epoche der bürgerlichen Kunst, der bürgerlichen Literatur, der avancierten ästhetischen Form ist vorbei, die Kategorie des Neuen bekam einen anderen Stellenwert, sie schöpfte sich – auch geschichtsphilosophisch – aus.

Das heißt nicht, ich betonte es, daß keine Bücher mehr geschrieben werden können. Im Gegenteil. Allerdings: Was die Kunst betrifft, so ist das frühe 21. Jhd – in gewandelter Weise freilich – dem Mittelalter wieder sehr nahe: Künstlerin und Künstler sind reine Handwerker, sie beherrschen im Rückgriff auf Tradition, Konstruktion und Form ihr Handwerk, sie lernen das in Schreibschulen oder in der stillen Kammer; selbst der Aspekt der ästhetischen Form erweist sich für den gelehrigen Scholasten lediglich als Wiederholbares und gerät damit ebenfalls handwerklich. Kunst ist Kunstgewerbe. „Unsere postmoderne Moderne“ halt.

Das große Epos mag sich als Fragment, als vielfältig erzählte aufgeschlüsselte Geschichte als Umschrift niederschlagen.

Diese Liste der Literatur, die Aléa Torik nannte, ließe sich sicherlich ergänzen: David Forster Wallace, Navid Kermani, Don DeLilo, Roberto Bolaño, um nur einige Schrifsteller zu nennen, die in den letzten zehn Jahren Romane von über 800 Seiten schrieben. Und noch viele Namen mehr lassen sich aufzählen, die nicht mehr jedem (auch mir nicht) geläufig sind. Und es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit und vielfach um Texte, die gelungen sind, komplex erzählt, gut erzählt, klug konstruiert, in der Sprache exakt, auf Tradition rekurrierend und dennoch nicht imitierend, manche Geschichten sind sogar schön zu nennen, weil sie anrühren oder in äußerster Reflexion ein Geschehen, eine Situation, ein Innenleben, eine Szenerie, einen Aspekt des Lebens pointieren und verdichten. Das eben, was man von Literatur erwartet. Und solche Texte werden auch weiterhin geschrieben werden. Darum geht es mir aber gar nicht so sehr. Denn es kann erzählt werden, solange es Menschen in bestimmten Situationen, Subjekte mit ihren Innenräumen, Innenwelten, Außenwelten gibt, über die zu berichten ist. [Und auf einen weiteren Aspekt, der mit Gesellschaft zusammenhängt, wies Alterbolschewik hin. Das sind Überlegungen, die ich für ganz zentral halte.]

Zu erzählen und zu schreiben gibt es immer etwas, solange wahrgenommen, gedacht, gelebt wird – was man so Leben nennt.

Trotzdem: etwas stimmt nicht. Etwas fehlt.

Ich fange mal im vollständig subjektiven (Text-)Gefüge an: Vielleicht ist es – unter anderem – auch dieser Umstand, der sämtliche Kunst auf einen Nenner reduziert: es schreiben und malen und filmen und photographieren zu viele. Jede und jeder in Berlin ist eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller. Keine Party, wo nicht mindestens 20 Menschen hocken, die Kunstprojekte machen und die an Fördergelder heranwollen. Ich sage mittlerweile auf Partys: „Ich bin Verkäufer“ oder „Ich arbeite als Angestellter“, und damit bin ich dort ein Außenseiter und falle auf. „Machst Du denn keine Kunst?“ „Nein!“ [Ich mache sie auch nicht, insofern lüge ich nicht.] Meist nutzen dieses „Nein“ die Künstlerinnen und Künstler dazu, mich mit ihren Dingen vollzuschwatzen. Sie wundern sich, wenn ich ihnen dann im Rahmen einer kritischen ästhetischen Theorie antworte. Daß Künstlerin und Künstler ihr Tun legitimieren, damit sie in dem, was sie machen, nicht ganz und gar sinnlos dastehen, ist verständlich.

Aber zurück zum Allgemeinen, zum ästhetischen Diskurs: Es geht nicht um das radikal Neue, das gleichsam als Sprung aus der Reihe heraus funktioniert; dieses Neue ereignet sich sowieso sehr selten, im Grunde gar nicht, denn eines fußt auf dem anderen – kein Impressionismus ohne Courbet und Delacroix – und es laufen Bewegungen in der Kunst meist parallel, so daß das Neue eher ein Diskurseffekt ist, der sich dann, wie in Picassos „Les Demoiselles d’Avignon“ oder in Kafkas „Prozess“, zwar in einzelnen Werken manifestiert, aber darin nicht gebunden bleibt. Die Versuche abstrakt zu malen, geschahen unabhängig voneinander an verschiedenen Orten: egal ob František Kupka, Delauny oder Kandinsky. Der innere Monolog als eine Weise Literatur zu schreiben oder die Auflösung von Raum und Zeit im Kubismus läßt sich nicht <i>an einen</i> Namen knüpfen. Trotzdem entstand vor knapp über 100 Jahren etwas in der Malerei, das seinesgleichen suchte. Der Begriff des Neuen greift hier gut. Gleiches gilt für die Literatur. Diese Epoche halte ich für eine der produktivsten. In der Bildenden Kunst potenzierte sich diese Entwicklung dann noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 90er Jahre hinein. Und dann war Schluß. Allenfalls mag sich eine gewisse Weise der Innovation zeigen, indem sich Kunstgattungen durchdringen und neue Formen erschaffen, so daß Kunst als Interferenzphänomen sich erweist.

Was das Klagen betrifft, so scheinen mir Positionen wie die meine eher die Ausnahme im Betrieb zu sein. Die wenigsten klagen, sondern machen weiter. Was ich wesentlich kritisiere: Kunst verkam und verkommt zum Sedativum oder zum Erlebnispark: allüberall (auf den Tannenspitzen) diese Ausrufe: Wie sinnlich, wie taktil, wie haptisch! Nun sagen manche: das war schon immer so! Aber ja. Das war es, nur haben wir seit zehn, zwanzig Jahren einen Sprung innerhalb der Generierung von symbolischem Kapital gemacht, der seinesgleichen sucht.

Die These vom Ende der Kunst ist alt, das ist wahr. Aber es ändern sich deren Ausprägungen. Ich kritisiere nicht im Sinne Hegels, daß die Kunst als eine Weise des Wissens in anderen Bereichen nun aufgehoben sei. Daß also im Sinne teleologischer Entwicklung vom sinnlichen Scheinen hin zum Begriff Kunst nicht mehr nötig sei, um eine Weise der Repräsentation zu bilden. Denn Kunst verband sich immer schon mit Repräsentationsmodellen. Aber es fand in der gesellschaftlichen Entwicklung eine Art Transsubstantiation zuungunsten der Kunst statt. Werke entleerten sich, ihr Gehalt motivierte sich nicht mehr ästhetisch oder im Bezirk ästhetischer Theorie. Auch kritisiere ich nicht auf die konservative Weise, daß alles unter der Sonne schon einmal da war (was nicht einmal stimmt).

Kunst verkommt heute zu einer Produktion von Ideen, jede(r) hat Ideen, jede(r) dünkt sich kreativ, Kunst erschöpft sich im Akt des Schaffens um dieses Aktes willen, und das ist dann nichts als eine Selbstlegitimation. Kunst ist eher Handwerk denn Avantgarde, es gibt nicht einmal mehr den Plural davon: die Avantgarden: es ist jede(r) eine Künstlerin, ein Künstler, mittlerweile. Der Satz Warhols ist – sogar in einem pädagogischen Sinne – wahr geworden. Und sich selbst zu erfinden und zu gestalten ist ebenso das Projekt des Künstlers wie auch des Arbeitnehmers, um sich an seinem Platz adäquat zu positionieren. Das Survival of the Fittest-Festival bedient sich mittlerweile der ästhetischen Kategorien, man kann im Crossfit-Bootcamp seinen Körper in jeglicher Form ästhetisieren, kapitalisieren und rekapitalisieren, und diese Dinge geschehen ganz und gar freiwillig. Wir transformierten uns, wie es Deleuze in seinem Text „Postskriptum über die Kontrollgesellschaft“ im Anschluß an die Befunde Foucaults schreibt, von einer Disziplinar- zu einer Kontrollgesellschaft, indem das Subjekt die Zwänge derart verinnerlicht, daß sie den Aspekt des Kreativen annehmen und sich auf eine perverse Weise camouflieren. „Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen …“ Oder mit Rilke, torsohaft fragmentiert: „Da ist keine Stelle, die dich nicht ansieht!“ Und wir erwidern den Blick gerne. Kunst scheint mir mittlerweile nicht so weit von diesen Erfindungs- und zugleich Kontrolldiskursen entfernt. Selbst der Widerstand, selbst ein solcher Text ist eingeplant.

Es sind dies zunächst Thesen, die einer Unterfütterung harren, und diese Arbeit macht sich nicht nebenbei, mein Blog zeigt aber womöglich ein wenig von dieser Tätigkeit sowie vom Gang der Reflexion, und insofern ist Kritik ebenso komplex und schwierig wie das Erschaffen von Literatur.