100 Jahre „Titanic“

Das Team von „Aisthesis“ sagt danke und nochmals danke für alle diese wunderbaren, wertvollen Stunden insbesondere durch die 80er Jahre hindurch. Seit dem September 1980 war der Gang zum Zeitungsbüdchen zum Beginn des Monats eine Freude, in der Erwartung: Was wird es diesmal? Vielen Dank für die Heiterkeit, den Ernst, den politischen Kampf (des Geistes) gegen die bleierne Zeit der Bonner Republik: der schrecklichen Schmidt- und Kohljahre. Ob nun die „Briefe an die Leser“, Hans Mentz‘ Humorkritik oder Sondermann Ende der 80er, jener unkorrekter Humor, der heute aufgrund umfassender und überwachend-strafender Kontrolle völlig undenkbar ist: es machte immer Freude. Diese Freiheit zwischen Blödelei im Sinne Dada (was sich noch beim frühen Otto Walkes widerspiegelte, für den einige der Titanic-Autoren schrieben) – der Sinn des Unsinns – und politisch-ätzender Satire auf die ätzenden Verhältnisse, welche zuweilen, und genau richtig plaziert, auch unter die Linie des Gürtels schlug. Das, genau das war‘s und paßte zu jener Zeit. Ein Linkssein, welches sich nicht dogmatisch verstand, das über sich selber lachten konnte, wenn es zu gravitätisch wurde, ohne aber dabei die Stoßrichtung zu verlachen. Heute kaum noch möglich und im Bereich der Vorstellungen.

Ja, und so war es damals an jenem Abend des 14. April 1912: gegen 23:40 traf sich eine Abspaltung von Pardonredakteuren irgendwo im Frankfurter Westend, die Eiswürfel klingelten im Glas, und sie gossen und schenken  über das Eis alkoholhaltige Getränke. Es wurde eine lange Nacht Die ausführliche Würdigung jener Vorgänge schrieb in an dieser Stelle.

That‘s it, das vergessen wir nimmer.

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Zeichnungen von F.C. Waechter, aus: Männer auf verlornem Posten

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Wenn es am Eigenen ermangelt und die Kreativität zu versiegen droht, dann greift der Mensch gerne auf das zurück, was andere einst fertigten. So mache es auch ich und zeige deshalb eine nettes Bild von der „Titanic“.

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Copyright: Titanic

Ach ja, dies geisterte vor einigen Tagen durch den Blätterwald: Frau von der Leyen will Hartz IV abschaffen, indem sie den Begriff tilgt. Eine gute Idee warf sie da in den Raum. Auch Aisthesis beteiligt sich gerne an sinnvollen, menschlichen Projekten, tut Gutes, spricht darüber und schafft deshalb sogar den Hunger in der Welt ab. Es gibt also ab heute per Ordre weltweit keinen Hunger mehr. Wir bitten deshalb darum, diesen Begriff aus dem Sprachschatz, aus dem Bewußtsein, aus allen Wörterbüchern zu streichen: Konstruktion von Realität mittels Sprache.

Und was sehe ich heute morgen, auf der Straße am Zeitungsgeschäft vorbeigehend: Eine schöne Schlagzeile der Bild-„Zeitung“, daß die Hartz-Abzocker zunehmend dreister werden. Immer einmal wieder muß ja Bewußtsein geschürt werden vom Kampfblatt der Arbeiterklasse. Aber wie Hartmut es auf „Kritik und Kunst“ sehr treffend formuliert: Eigentlich trifft der Begriff „Hartz IV“ die Sache ganz genau, wird doch dieses Projekt geziert mit dem guten Namen eines Ganoven. Sowieso steht auf „Kritik und Kunst“ eine sehr gute Analyse, die ich meinen Lesern anempfehlen möchte, falls sie dort nicht sowieso schon gelesen haben.

„Die schärfsten Kritiker der Elche …“

30 Jahre „Titanic“

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Da feiert diese wunderbare Satirezeitschrift, welche ich allerdings seit den 90ern ein wenig aus den Augen verloren habe, heute ihren 30. Geburtstag und kein Schwein guckt so richtig hin. Denn am ersten November 1979 erschien die erste Ausgabe. Für junge Männer ist das 30. Jahr ein besonderer Geburtstag, da man sagt, sie würden, wenn sie denn wollten, erst dann so richtig erwachsen. (Es gibt allerdings Frauen, die dies entschieden bestreiten würden.) Andererseits ist dieser 1. November aber gar keine echte Geburtstagsfeier: Denn das, was „Titanic“ einst ausmachte, gab es lediglich in den 80er Jahren: eine spezielle, eine einmalige Konstellation besonderer Geister, die aus der Zeitschrift „Pardon“ erwuchs, sich abspaltete, linke Satire, die nicht muffig war, sondern auch die eigenen Reihen nicht aussparte (soviel zum linken Humor, Herr Fleischhauer): ob latzhosentragende Körneresser (ökologische Bewegung, um es auch höflicher auszudrücken, die in einer Kleidung herumlief, daß es einem grauste) oder ganz allgemein die Fälle linker Grenzdebilität und des Sektierertums: es agierte hier eine neue undogmatische Linke, welche unter dem Namen der „Neuen Frankfurter Schule“ firmierte: die Helden meiner frühen 80er Jugend mit ihrer Sprachkritik, ihrem beißenden, ätzenden Spott, gegen Rechts sowieso – aber die eigenen Reihen eben nicht ausnehmend –, ihre zeichnerische und sprachliche Lakonie: so verschiedene Köpfe wie Hans Traxler, Robert Gernhardt, Bernd Pfarr, F. K. Waechter, Peter Knorr, Clodwig Poth, Eckhard Henscheid, Bernd Eilert, F. W. Bernstein. Später schrieb dann Max Goldt seine Kolumnen und viele andere kamen hinzu und bereicherten die Hefte. Der Platz reicht nicht aus, um sie alle aufzuzählen und zu nennen.

30 Jahre also hat sich das ultimative Satiremagazin gehalten. Soll ich nun eine objektive Würdigung schreiben? (Ins Detail gehen kann ich hier nicht einmal, weil sämtliche Titanic-Hefte von damals auf dem Dachboden bei meiner Mutter lagern. Ich schreibe also aus der puren Erinnerung heraus, ungedeckt ohne Recherche)

Nein, eine objektive Würdigung wäre viel zu banal, ich kann eigentlich nur Persönliches berichten aus jenen linken bewegten wilden 80er Jahren: mein erstes Titanic-Heft, im September im großen BRD-Wahljahr 1980 mit dem Titelslogan „Wenn ihr dieses Heft nicht kauft, wählen wir diesen Mann“. Neugierig griff ich zu, las mich hinein, kaufte das nächste und das nächste und das wiedernächste Heft, undsoweiter undsofort. Lachte über den Papstbesuch in den 80ern in Berlin, der polnische katholische Schwachmat mit seinen Schafen, in der reaktionären Reihe mit Thatcher und Reagan.

Und das Bild von Jesus am Kreuz: „Ich war eine Weißblechdose“. Damals war es empörend, es gab Aufregungen von Kirchenseite, die heute kaum vorstellbar sind, außer vielleicht noch an den Stellen, wo der Islam karrrikiert wird, was allerdings im vorauseilenden Gehorsam und eben aus Sicherheitsgründen selten geschieht.

Hart an der Grenze des Satirischen auch die Bildunterschrift zu jenem Pressefoto der Gladbecker Geiselgangster mit der blonden Silke Bischoff im August 1988: „Abba ist wieder da“. Allerdings: Sehr viel widerwärtiger war in diesem Geschehen die Rolle der Medien, was so weit ging, daß der Redakteur einer Kölner Zeitung zu den Geiselnehmern ins Auto stieg. Insofern griff Titanic das auf, was geradezu augenfällig auf der Straße lag.

Auch die Abschiedsgedichte waren nicht zu verachten, etwa zum Tode Freddie Mercurys, in hessischer Mundart gehalten (Ich zitiere aus der Erinnerung):

„Ich frag den Freddie noch wie geht‘s
da sagt der Freddie ‚Ich hab Aids‘“

Geschmacklos, aber auf diesen Reim, tja, darauf muß man erst mal kommen. Insofern können wir an dieser Stelle nur ein Lob des Reimzwanges vorbringen. Denn wo sonst finden, wie beim großen Benn, der Fetisch und der Teetisch zusammen?

Die großen Highlights, wie etwa den Bestechungsversuch des Weltfußballverbandes mit deutschen Kuckucksuhren, um an die WM 2006 zu gelangen, die Buntstiftwette bei Gottschalk oder das legendäre Bild von Zonengabis erster Banane sowie die Titulierung und bildnerische Darstellung Kohls als „Birne“ dürfen als bekannt gelten.

Ja, und zahlreich waren die Klagen gegen Titanic: von der A-Prominenz wie etwa Markwort und Engholm bis hin zur B-Prominenz des kläglichen Benjamin von Stuckrad-Barre, der katholischen Kirche, welche acht Mal scheiterte, oder Gerhard Zwerenz, der neben Luise Rinser und Fritz Jott Raddatz ein häufiger „Gast“ war in jenen „Briefen an die Leser“, die eine Chronologie des laufenden (sprachlichen) Schwachsinns jener 80er-BRD darstellten. Sprachlich brilliante kurze, polemische, überspitzte Briefe an Personen des öffentlichen Lebens; Briefe, die den fabrizierten Unsinn entlarvten, der zuweilen in der Sprache und in Haltungen produziert wird. (Wobei ich sagen muß, daß ich Fritz J. Raddatz‘ Art zu schreiben ansonsten sehr schätze: ach, gäbe es nur mehr Feuilletonisten von seinem Format.) Aber auch die Rubriken „Kolibri“ und darauf folgend „Sondermann“ waren jedesmal Höhepunkten des tiefsten Unernstes und des Nonsens. Schon gar nicht zu vergessen „Hans Mentz’‘“ Humorkritik. Ich will in meinem Lob gar nicht weiter mit dem Aufzählen fortfahren und die großartigen Zeichner und Texter im Detail loben, ob nun den genialen Eckard Henscheid oder Robert Gernhardt. (Ach, und viele der alten Crew sind ja bereits verstorben.)

So hat mir die Titanic jene wunderbaren Jahre mit ihrem Humor versüßt. Satire, die in alle Richtungen austeilte, die sich auch fürs Banale nicht zu fein war. (Und wer von den 80er Jahren so gar nicht genug bekommen kann, der schaut den Film „23“.) Alles Gute zum Geburtstag, liebe „Titanic“, es war eine schöne Zeit, die schönste Zeit eigentlich.

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