„Kann man die Zeit erzählen …?“ Thomas Mann zum 140. Geburtstag

Ich verspeise jene Erdbeere gegen den Abend eines heißen Sommertages hin, bekleidet mit einer weißen Leinenhose und einem hellblauen Hemd, dessen obere Knöpfe geöffnet sind, an einem Strand des Atlantiks harrend, nahe der Grenze zu Spanien. Ich betrachte das Meer, lausche dem regelmäßigen, heute ruhigen Gang der Wellen, die über Muscheln und Strand rollen, Gischt, die sich schäumend bildet, die auf den Partikeln Sand sich ablagert und wieder verflüchtigt. Das Meer ist die Zeit als Fluß und Stillstand in einem Moment und zugleich, wenn ich das graublaue Element in seinem Gang betrachte und darin versinke. Zeitstrom und Stille, nur das flüchtige Rauschen bleibt als Echo. Ein Fließen in Ewigkeiten oder zumindest doch solang andauernd, wie wir dieses Spiel betrachten und genießen, wiederholt sich der Schlag der Wellen unermüdlich gegen die Erde. Träge, schläfernd im Rhythmus, wenn das Meer es sanft meint. Seltsam ruhig, fast als ströme das Wasser gegen das Land, diesen Abend, und es zieht der Mond an anderem Ort und treibt Wellen. Lunare Konstellation. Ich führe die Erdbeere, die ich am Schaft halte, in den Mund, zwischen Zunge und Zähnen, mit der Zunge kurz über das Fruchtfleisch gleitend. Ich mache es wie in jener legendären Szene in Viscontis „Der Tod in Venedig“, die ich nachzustellen versuche. Blutrote Frucht. Vergeblich natürlich, weil mir der elegante beige Anzug sowie der Panamahut des Komponisten, der in der Novelle ein Schriftsteller ist, fehlen und ich nicht in einem Strandkorb speise. Zudem ist die Frau, die ich aus dem Augenwinkel betrachte, nicht knabenhaft,sondern  ihre Brüste sind üppig, so wie ich es mag. Nachdem ich die Erdbeere von ihrem Stiel löste und herzhaft zubiß, Süße, Säure und den Saft ihres Fleisches im Gaumen spürend, spülte ich mit einem Schluck Rosé-Champagner nach. Die Frau tat ihr Übriges und es dunkelte bereits vom Land her, während das Meer in einem trüben Dunst schimmerte. Das sah ich selten.

Unzählige Bilder der Romanwelten Manns blieben in meinem Gedächtnis haften und stoßen immer einmal wieder zu verschiedensten Anlässen aus dem Gedächtnis hervor, machen sich breit – teils zu den passenden, teils zu unpassenden Gelegenheiten auftauchend. Der Strandspaziergang aus dem „Zauberberg“ – naturgemäß. Wie auch das Schneegestöber nahe des Davoser Sanatoriums, wo die Macht des Nichts und die des bedingungslosen Lebens derart dicht beieinander lagen. Die Welt der Gegensätze: Organisches und Anorganisches, Todessucht und Lebensgeist, wie es sich in jenem dunkeln Ton jenes Liedes „Der Lindenbaum“ als stille Stimme ins Gemüt senkt. Hierin ruht das Wesen der Kunst: Imagination, die sich an ein Objekt wie jenen Baum heftet, sich darin manifestiert, fetischhaft fast, Anlaß zum Poetisieren von Welt liefert, und doch treibt es den Text darüber hinaus: Über die Welt und über das Subjekt. Das Subjekt der Erzählung entsinnlichen. Attraktion und Repulsion ziehen im ästhetisch gestimmten Subjekt wie der Mond das Meer. Dieses Subjekt gilt es auszubeuten. Es gilt nur, diese eine Szenen fruchtbar zu machen, die als Geisterschrift, noch unsichtbar im Kopfe schwirrt, und in eine lesbare und am Ende des Prozesses doch wieder unlesbare Schrift zu bringen. Wie, ins Bild fügend, jene Schlußsätze des „Zauberbergs“ es meistern, wenn ein letzter Blick auf den Protagonisten dieser Geschichte fällt, der einerseits zwar Objekt des Erzählers, jenes raunenden Beschwörers war, und sich dennoch, das muß selbst der Erzähler zugestehen, zum Subjekt sich steigerte.

Aber zugleich wirkt bei Mann ein ungehemmter Ästhetizismus, der sich dem Gegensatz von Kultur und Zivilisation zuschrieb, dem Dionysischen und dem Apollinischen, Thantos und Eros verbunden. Doch dabei neigte es sich in den Texten Manns mehr und mehr – im Gang der Zeit, in Manns Blick auf die Geschichte nach dem Ersten Weltkrieg – dieser apollinischen Konstruktion zu. Es sind nicht mehr die Betrachtungen eines Unpolitischen. Zivilisierung von Trieb und Regung sowie die kulturelle, fast könnte man schreiben aufklärerische Einhegung eines Begehrens folgt auf den ästhetischen oder ästhetizistischen Konservatismus. Irrungen Wirrungen bleiben jedoch, wenn die schönen wunderbaren Augen und die Gesichtszüge der Clawdia Chauchat denen des Přibislav Hippes zu sehr ähneln. Literatur bannt den Blick, zähmt das Begehren und weckt es zugleich in gewandelter, gewendeter Form. Wobei wir nicht vergessen wollen, daß Hippe ein anderer Ausdruck für Sense ist. Da durchdringen sich die Ebenen und Bezüge, und diesen Eros kann man bis hin zum Todestrieb steigern, der sich in jener schönen Russin manifestiert. Liebe – da ist manchmal eben doch „Tristan und Isolde“. Aber aus diesen unterschiedlichen Prinzipien erwächst zugleich ein Kampf der Kulturen. All diese Komplexe – von den individualpsychologischen Dispositionen, von Liebesleid und Sinneslust, vom Prinzip der Form und des Fleisches, bis hin zur allgemeinen Tendenz jener Zeit – umfaßt der Text Manns – zwischen Goethe, Wagner, Schopenhauer, Nietzsche, Dostojewski und Tolstoi sich schreibend und eine andere Welt in Literatur imaginierend. Szenario des realistischen Romans und ein sich aufsteigernder Trieb. Bei keinem Schriftsteller scheint mir der Begriff des Werkes derart sinnvoll gebraucht, wie bei Thomas Mann. Komplex gebaute Prosa, ein letztes Mal bäumt sich die Kunst des Erzählens in der Weise des großen bürgerlichen Romans auf: Daß von der Welt sinnvoll sich noch in komplexen Rahmungen, halbwegs linear und in einer Geschichte erzählen ließe. Der Trug und der Riß, der sich durch diese Welt zieht, zeigt sich jedoch bereits in seinem ersten großen Roman, den „Buddenbrooks“

Neben Franz Kafka und Samuel Beckett gehören die Romane und Erzählungen Thomas Manns zum anregendsten, zum besten, zum ausgefeiltesten, was die deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhundert uns zu bieten hat – sofern denn solche Superlative erlaubt sind. (Doch ja – sie sind erlaubt: Großes muß, darf und soll sogar groß genannt werden.) Wer lesen und zwischen den Zeilen suchen und stöbern möchte, der findet in Thomas Manns herrlicher, rhythmischer, schwungvoller Prosa Sentenzen, die eine Szene auf den Punkt hin verdichten und Preziosen der Sprache, wunderbare Bilder sowie das Spiel der Leitmotive. Ästhetisch am tiefsten und kompositorisch am komplexesten gefügt im „Doktor Faustus“, „Roman einer Endzeit“; wie Hans Mayer dieses Buch nannte, wo Künstlerexistenz, Katastrophisches und Gesellschaftskritik, Tendenzen der Moderne und eine Welt des Mittelalters, des Abgelebten und doch fortwährend Wesenden, teuflisch gar und lutherische Dürerwelt, im Künstler- und Gesellschaftsroman zusammenspielen. Subjektivität ist das Prinzip des objektiven Geistes: Eine an die Kunst verlorene, einsame kalte Seele, ein tief liebender Geist, froststarr im Kunstpalast aus spiegelndem Eis und klirrende Kälte: jener Adrian Leverkühn. In Genie und Wahn, während ein Teufel die Feder führt, schafft dieser Künstler in Rausch und in der Strenge der Komposition: Das Werk. Diese Konstruktion weist auf die Selbstreferenzialität von Literatur. Werk im Werk. Auch im Sinne einer modernen Ästhetik, die dem geschlossenen Werk mittlerweile skeptisch und ablehnend gegenübersteht und dieses aus kunstimmanenten Gründen mißtrauisch beäugt, löst sich der Werkbegriff einerseits und bleibt doch um der Form willen gewahrt. Aporien der Kunst, die Manns Text spiegelt. Das reizt zugleich zur Parodie des Überkommenen. (Der Hinweis auf die Ästhetik Adornos und die Gespräche mit Adorno, die Mann inspirierten, sei nur am Rande gegeben.) Doch anders als der postmoderne Roman möchte Manns Prosa keineswegs Literaturtheorie versinnlichen und in erzählerische Bilder transformieren oder gar poetisieren. Sondern es geht Mann immer noch um eine Weise des Erzählens, die in der klassischen Form des Romans sich abspielt.

Unter der Glasmenagerie der Literatur verbergen sich die Gestalten und die Figuren einer aussterbenden, ausgestorbenen gesellschaftlichen Schicht: Künstler und Bürger. Jenen beiden gab Thomas Mann in der Literatur einen Platz, und seine Prosa spannte die großen Bögen. Das ist heute kaum noch üblich und möglich. Es reicht meist nur für die Impressionen des Winzigen oder der Befindlichkeiten junger Mittelstandsmenschen in ihren besten Jahren, die sich am Ende jedoch als ihre schlechtesten erweisen werden. All dieses Kleinklein existiert bei Thomas Mann nicht. Es geht dieser Literatur ums ganze, nicht um Befindlichkeiten, die gerade modisch en vogue sind, sich zwar gegenwärtig gut verkaufen, morgen jedoch der Schnee von gestern sind. Autoren wie Karl Ove Knausgård sind die schrecklichen Vertreter einer – ich nenne es mal noch „Literatur“ – Art des Schreibens, der sowohl die Möglichkeit des Erzählens wie auch die des phantastischen Fabulierens abhanden gekommen ist. Schreiben als Protokollsatz der Nichtigkeiten. Es mag sich damals an der See jene Erdbeere der Zunge, den Zähnen, dem Mund genähert haben, es mögen die Brüste üppig gewesen sein und es mag einen Abend am Atlantik gegeben haben. Literatur ist dies jedoch keineswegs. Sondern allenfalls eine Skizze.

Thomas Manns Prosa greift ins Weite aus, ohne weitschweifig zu geraten. Sie reizt die Phantasie und das bedeutet: die Imaginations- wie auch die Interpretationswelten. Rückblicke immerzu. Bilder also, die in der Erinnerung an die Texte Manns durch den Kopf geistern. Die Erdbeere, die freilich dem Film entstammt. Die Zeichen und Anzeichen eines langsam sich ankündigenden Todes. Pure Feingeistigkeit, die sich zunehmend in nervöse Überspanntheit und in Abschiede wandelt. Der feine und der schmutzige Russentisch im „Zauberberg“ und die sinnlos plappernde, alles verwechselnde Frau Stöhr. (Namen sind bei Mann häufig aufgeladen.) Allein jene Szene aus dem „Zauberberg“ steht als kraftvolles, ausdrucksstarkes Bild für sich: die großartige geschwollene, mit pathetischen Gesten begleitete Rede des Mynheer Peeperkorns, jene Karikatur eines vitalistisch-nietzscheianischen Kraftmenschen, eine Persönlichkeit ohne Person, der mit Ausdruck und Willen für die Präsenz eines Körpers, für Körperlichkeit überhaupt einsteht, erweist sich zugleich als Gedröhne und Dampfplauderei: alles Gesagte, jeglicher Inhalt von Peeperkorns Sprechen bleibt hohl und leer, denn diese Rede hält er in der Nähe eines Wasserfalls, so daß seine Zuhörer außer ein paar Satzfetzen sogut wie nichts verstehen und nur die Ehrfurcht gebietende Sprache des Körpers als Show und Simulation von Gehalt verbleibt als Impression. (Gerhard Hauptmann fühlte sich nicht sonders geschmeichelt, als er diese Beschreibung las.) Thomas Mann schildert diese Rede bis hin zu Karikatur. Immer wieder gelingt es dieser Literatur, Bilder und Szenen zuzuspitzen. Parodie. Der Blick des Ironikers Mann. Eine Welt der Gegensätze.

Doch dieses Moment, wie etwa das Motiv des Lindenbaums und des Strandes, das Mann als Bild festhält und das sich zwischen den Bezirken bewegt – in der Zeit entfaltet und sich als Text der Literatur forttreibt –, transzendiert die Gegensätze: Tonio Kröger und Hans Hansen, Künstlertum und Bürgertum. So wie es sich in dem genialen Dilettanten Hans Castorp verkörpert, zwischen den Prinzipien Naphta und Settembrini schwankend, der am Schluß des Textes in die Fabulierkunst des Erzählers zurückgenommen wird. Im großen Krieg der Materialschlachten wohl nicht überlebend, und doch in der Literatur nachlebend-unsterblich. Wie alle diese erzählten Augenblicke, wie an einem Sommerabend am Atlantikstrand. Es ist das Erzählen selbst, jene raunende Beschwörung des Imperfekts, des Es-war-einmal. Aber damit eben, weil der Moment erzählt wird, ist er immer noch und bleibt Gegenwart. Poetik des Datums, die sich in einen Text einschreibt, wie eine Erdbeere und diese unendliche Brandung des Atlantiks, die irgendwann in der Nacht dann losbrach und mit der Flut, als der Sturm kam, und die Wellen über die Buhnen und die Bunker schlugen. Fiktives.

Am 6. Juni 1875 wurde Thomas Mann in der Hansestadt Lübeck geboren. Er setzte dieser Stadt mit seinen „Buddenbrooks“ eine Art von literarischem Denkmal, über das seinerzeit nicht alle Lübecker Bürger begeistert waren. In heutigen Zeiten gäbe es vermutlich Prozesse wegen Persönlichkeitsrechtsverletzungen. Thomas Mann jedoch wagte es, in großen Bögen und in Virtuosität zu erzählen. Fabula docet et delectat. Bei Mann trat das Belehrende zugunsten von Form und Geschichte weitgehend zurück. Abwesend jedoch war es nicht.

„Die Zeit ist das Element der Erzählung, wie sie das Element des Lebens ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern im Raum. Sie ist auch das Element der Musik, als welche die Zeit mißt und gliedert, sie kurzweilig und kostbar auf einmal macht; …“ (Thomas Mann, Der Zauberberg)

Das kalte Eisen

„Unsere Schuld ist es nicht, wenn wir in der Blutarbeit des Krieges auch die des Henkers verrichten müssen. Dem Soldaten ist das kalte Eisen in die Hand gegeben. Er soll es führen ohne Scheu; er soll dem Feind das Bajonett zwischen die Rippen rennen; er soll sein Gewehr auf ihre Schädel schmettern; das ist seine heilige Pflicht, das ist sein Gottesdienst.“
(Pfarrer Schettler, zum Krieg im Krieg gegen die Zivilbevölkerung während des Ersten Weltkrieges, zitiert nach: Gerhard Roth, Eine Reise in das Innere Wiens)

Es ließen sich zum heutigen Tage ebenso andere Texte oder Reden zitieren. Vielleicht jener legendäre Schluß aus Thomas Manns „Zauberberg“: Hans Castorp in die Schlacht ziehend, in den Feldern, in der Ebene. Oder aber Karl Kraus‘ Gedicht von den Raben aus „Die letzten Tage der Menschheit“ – jenem Theatrum mundi. Absurde, grausame Apokalypse: Kriegsgewinnler und geistig Versehrte, Verblödete und Verblendete, die auf den Phrasensound anspringen, gestern wie heute, in ihrem deformierten Denken. Aber lassen wir zum heutigen Tage ruhig einen Pfaffen sprechen: es ist sehr passend, denn die Pfaffen tönen gerne und segnen die Fahnen, solange sie nicht selber oder ihre Söhne und Enkel in die Schlachten ziehen müssen. „Hannemann, geh du voran …!“ wie wir seit den „Sieben Schwaben“ und einem Song von Peter Alexander wissen.

Das Lied vom Lindenbaum, das Hans Castorp so sehr berührte – dieses Lied aus der Sphäre des Todes und der Liebe zu einem ganz Anderen – es klingt in der Schlacht und durch den Schlamm der Gräben robbend auf Castorps Lippen nach. Singend, summend. Im Verlauf eines komplexen Bildungsprozesses, wie ihn Wilhelm Meister noch als Selbstausbildung eines autonom sich aufsteigernden Subjekts auffassen konnte, steht bei Thomas Mann das Flachland: Die Schlachtfelder Flanderns oder der Champagne, und so wird am Ende des „Zauberberges“ die Autonomie zur Hohlform, was sie freilich bereits am Anfang des Romans war: Castorp bildete sich nicht selber aus, wie es noch das Goethesche Autonomie-Ideal jener klassischen Epoche vorsah, sondern er wurde, im Text fast zur Parodie verzehrt, ausgebildet – hin und hergerissen zwischen den Mächten und den Positionen. Ein Protagonist, mit dem man so oder auch anders umspringen konnte und der dennoch ein seltsames Eigenleben bewahrte, sei es im Schneegestöber, beim Strandspaziergang, wenn das Wesen der Zeit in den Erfahrungsraum rückt, oder wenn es um die Liebe zur schönen Russin ging. Insofern ist der „Zauberberg“ sicherlich der Roman, welcher – neben Prousts „Recherche“ und Musils „Mann ohne Eigenschaften“ das Vorspiel zum Ersten Weltkrieg literarisch pointierte.

„Lebe wohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind. Deine Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; wie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte; (…)

Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten sind schlecht; das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch genug wetten, daß du davonkommst.“

Kleine Nachlese zur Frankfurter Buchmesse

 
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Wenn ich die Wahl habe, nach Davos zu fahren oder Thomas Manns „Der Zauberberg“ zu lesen, dann lese ich den „Zauberberg“. Eine Fahrt nach Davos ist beschwerlich, die Umstände sind meist mißlich, der Zug überfüllt, das Flugzeug hat Verspätung, vom Flughafen aus muß der Transfer nach Davos organisiert sein. Und selbst falls all diese Verwerfungen nicht eintreten, so gibt es dennoch zu viele andere Widrigkeiten. Wenn ich jedoch den „Zauberberg“ lese, bin ich nicht nur reisend in Davos, sondern zugleich in einer ganz andren Welt, die einerseits durchaus Davos ist und es zugleich doch nicht ist. In jener Welt dort drüben, über den Wipfeln – im Text. Im Schneegestöber und auf einem eiskalten Spaziergang. Durchs Gebirg. Keine Wirklichkeit mag die Verschlingungen, Verwindungen, Verstrickungen, Vielschichtigkeiten, die Bezüge, die Assonanzen, die Assoziationen, die Eindrücke so eindringlich und mit solcher Intensität in eine Anordnung zu bringen, wie ein Text, wie die Literatur. Metaphern, die die Imago anheizen und solche, die die Wirklichkeit neu strukturieren und begehbar machen. Gute Literatur schafft einen Raum des Imaginären sowie des Begehrens. Die Wirklichkeit ist um der Kunst willen geschaffen und nicht umgekehrt.

Die Welt ist ein Bild, um der ästhetischen Produktion Gestalt und Form zu geben, und nur als solches gerechtfertigt. Die Rechtfertigungslehre kann im Zeitalter der Immanenz nur eine ästhetische sein. Die Welt überlebt und hält sich in Rückhalt einzig im ästhetischen Schein.
 
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„Die von der Kulturindustrie Überlisteten und nach ihren Waren Dürstenden befinden sich diesseits der Kunst: darum nehmen sie ihre Inadäquanz an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebensprozeß – nicht dessen eigene Unwahrheit – unverschleierter wahr als die, welche noch daran sich erinnern, was einmal ein Kunstwerk war. Sie drängen auf Entkunstung der Kunst. Die Leidenschaft zum Antasten, dazu, kein Werk sein zu lassen, was es ist, ein jegliches herzurichten, seine Distanz vom Betrachter zu verkleinern, ist unmißverständliches Symptom jener Tendenz. Die beschämende Differenz zwischen der Kunst und dem Leben, das sie leben und in dem sie nicht gestört werden wollen, weil sie den Ekel sonst nicht ertrügen, soll verschwinden; das ist die subjektive Basis für die Einreihung der Kunst unter die Konsumgüter durch die vested interests. Wird sie trotz allem nicht einfach konsumierbar, so kann das Verhältnis zu ihr wenigstens sich anlehnen an das zu den eigentlichen Konsumgütern. Erleichtert wird das dadurch, daß deren Gebrauchswert im Zeitalter der Überproduktion seinerseits fragwürdig wurde und dem sekundären Genuß von Prestige, Mit-dabei-Sein, schließlich des Warencharakters selbst weicht: Parodie ästhetischen Scheins.“
(Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Aber es gelten diese Sätze ebenso in anderen Zusammenhängen. Ja, Kritik ist dunkel und negativ. „Aber wo bleibt denn das Positive, Herr Adorno?“ so wurde er gefragt. Und mit einem Zitat von Kästner antwortete er „Ja – wo bleibt es denn?“

Ach, und zur Nachlese verlinke ich zudem auf Don Alphonso. Herrlich geschrieben, böse, bissig, auf den Punkt gebracht dort in seinem FAZ-Blog, das gesamte Gewese um die digitalen Welten samt dem e-commerce.

Wie immer bei Don Alphonso finden sich Texte mit Substanz, subtil. Daß solche von  Denkfauleritis befallenen Schnellschußschreiber wie Sascha Lobo bei Rowohlt und in anderen Ranz-Medien Platz finden, zeigt im Grunde wie heruntergewanzt dieser ganze Betrieb ist. Oder um es mit Helene Hegemann im Jugend(stil)slang zu schreiben: Heruntergerockt. „Fettklößchen“, wie eine Novelle von Guy de Maupassant heißt: der Ranz schwimmt immer oben. Ob es sich bei der digitalen Inszenierungs-Bohème jedoch so verhält wie mit dem Eifelturm, über den Maupassant schrieb, daß er sich jeden Tag dort oben auf der Plattform aufhielte, weil diese der einzige Ort in Paris sei, an dem er dieses scheußliche Objekt nicht sehen müsse, bleibt eine Überlegung wert.
 
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