Prosa in Bildern, Politik als Poesie – Teju Cole, Blinder Fleck

Der blinde Fleck dient als Metapher für die Paradoxie des Gesichtssinns. Er ist die Stelle des Auges, wo der Sehnerv austritt, er ermöglicht das Sehen. Doch zugleich nimmt das Auge genau an diesem Punkt nichts wahr. Aus einer partiellen Blindheit erst entsteht die Sicht, und normalerweise wird dieser Ausfall des Gesichtsfeldes nicht wahrgenommen, denn das Gehirn gleicht die fehlenden Bildteile aus. Der blinde Fleck steht aber als Buchtitel auch für eine partielle Erblindung die Teju Cole 2011 ereilte. Glücklicherweise nur vorübergehend. Aus dieser Situation heraus entstand auch dieses Buch.

Die Form dieser Prosa zu bestimmen, ist nicht ganz einfach. Rund 158 Texte stehen neben 158 Fotografien. Das Buch ist aber nur bedingt als eine literarische Fiktion zu lesen, obwohl es manche literarischen Momente enthält. Eine kleine Bemerkung auf der Impressum-Seite jedoch weist darauf hin, daß es sich um ein nicht-fiktionales Werk handelt – anders als Coles Erstlingswerk Jeder Tag gehört dem Dieb, darin sich ebenfalls Fotos finden. Doch das dokumentarische Erzählen dort versteht sich bewusst als Fiktion. Erlebnisse und Alltag in Lagos werden ins Erzählen einer Geschichte eingekleidet. Das ist in Blinder Flick nicht der Fall, allein schon durch die unmittelbare Parallelführung von Bild und Text. Fotos von verschiedenen Orten dieser Erde garantieren den Bezug zur Wirklichkeit, aber es gibt keine kontinuierliche Geschichte. Über den Texten steht der jeweilige Name der Stadt oder der Region. Die Bilder stammen von unterschiedlichsten Gegenden der Welt, aus allen fünf Kontinenten.

Cole ist ein Reisender, und er hält mit der Kamera fest, was er an den verschiedenen Orten sieht. Meist sind es unscheinbare Details, Straßenszenen, Häuserwände, Hotelzimmer, Landschaften im Panorama wie das Wadi Qadischa im Libanon: Der Vordergrund zeigt einen Rohbau mit einem schmalen Betonklotz und zwei Ölfässern, weiter entfernt stehen die Häuser des Ortes, in der Ferne breitet sich die grüne Hügellandschaft aus. Im Zusammenspiel von Fotografie und Text geht es nicht zuletzt auch um das, was – metaphorisch gedacht – im blinden Fleck der Fotografie nicht gesehen wird und was insofern die Phantasie des Dichters als Prosa ergänzt. Zum Foto von Wadi Qadischa schreibt er:

„‚Ein Bild sagt mehr als tausend Worte‘ ist ein Kategorienfehler. Es würde auch niemand behaupten, ein Lied sage mehr als tausend Tänze. Bestimmte Lieder können ohne weiteres für sich stehen, andere ebenso gute, gewinnen, wenn ein Tänzer sich auf sie zubewegt.“

An dieses Sichtbare docken auch Coles Texte an, nehmen es zum Anlaß; und sie legen eine weitere Bedeutungsschicht neben der Fotografie frei, die uns das Sichtbare dann in der Interpretation zeigt. Wie es der Titel des Buchs nahelegt, geht es ebenso um das Sehen und um das, was – metaphorisch gedacht – im blinden Fleck der Fotografie nicht gesehen wird und was insofern die Phantasie des Dichters als Prosa ergänzt. Das ist eine spannende Form von Literarisierung: Das Bild von Dingen und Szenen und das sich daran festhakende Bewußtsein. Wenn Cole diese Photographien mit seinen Geschichten auflädt, fühlt sich der Leser an manchen Passagen aus Roland Barthes Die helle Kammer erinnert, nämlich jenes „punctum“, was auch kleines Loch oder Schnitt bedeuten kann und genau jene Stelle anzeigt, die den Betrachter, also in diesem Falle Barthes, besticht: ein herausgegriffener Moment, dem Zufall einerseits geschuldet, aber doch in einer irgendwie gearteten Kompositionsleistung von einem Photographen eingefangen. Ähnlich geschieht diese Sichtung bei Cole.

Seine Bildlektüren leben von diesen Bezügen – Assoziationen aus der Kindheit, wie etwa bei einem Foto aus Lagos, wo sich Cole daran erinnert, wie ihn seine Mutter zwang, ein Blatt Papier fehlerfrei vollzuschreiben, nachdem das ungehorsame Kind auf dem Blatt immer wieder falsch geschriebene Wörter durchstrich. Auch leben diese punktierten, pointierten Text-Bild-Szenen von der Weise, wie Cole Alltagsszenen mit aktueller Politik verknüpft.

„Mit der Schweiz verbinde ich behagliche Ruhe. Es gab zwar mal Krieg, aber das war in der Söldnerzeit, das ist lange her. Heute ist die Schweiz neutral, gesetzt, sicher. Aber ich musste an die neuen schweizerischen Waffen denken und die vielen Orte und Körper, die dem millionenschweren jährlichen Schweizer Waffenabsatz zum Opfer fallen.“

Dazu sehen wir als Foto auf einer weißen Wand über einer Blechtür für technische Anlagen die schwarze Silhouette eines laufenden Cowboys aufgesprüht.

Die Prosastücke sind meist kurz, nicht einmal eine Seite, sie fallen vom Stil her unterschiedlich aus: Anspielungen auf Dichtung, Politisches, Erlebnisse, die sich mit der Photographie verbinden, Alltägliches wie etwa ein Frühlingstag in den USA, in dem Ort Tivoli: da sehen wir frische, zarte Knospen, die Ästen entsprießen im Licht der Sonne:

„Selbst in Amerika ist das Frühjahr japanisch. Es sind nicht nur die Blätter, die wachsen. Die Schatten wachsen auch. Alles wächst. Was im Licht liegt und was das Licht malt. Die Welt mehrt sich, alles wuchert wie Nervenfortsätze.“

Tagebuchnotizen mit lyrischem Einschlag, Beobachtungen, die Unverbundenes verbinden. Wir lesen von Verweise auf die Kunstgeschichte, Coles Sorgen ums Augenlicht.

„Im Frühjahr 2011, kurz vor meinem sechsunddreißigsten Geburtstag, wurde bei mir nach einer vorübergehenden Erblindung eine papilläre Vaskulitis diagnostiziert, und ich musste mich einem Eingriff unterziehen, bei dem einige beschädigte Blutgefäße mit dem Laser verätzt wurden. Danach war das Fotografieren anders. Das Sehen war anders.“

Häufig klingen politische Themen an, aber ebenso griechische Mythen wie die vom (geblendeten) Ödipus – was naheliegend ist, aber bei Cole nicht outriert und banal-bedeutungsschwer wiegt. Ebenso christliche Motive – etwa wenn ein klaffender Riß in einer Kunststofffolie vorm Fenster der Wohnung zu den Wundmalen Jesu und dem ungläubigen Thomas führt und von dort weiter zu einem Gemälde Caravaggios im Schloß Sanssouci, das diese Szene abbildet. Das sind ganz und gar herrliche Verbindungen, weshalb es eine Freude ist, solche Prosa-Miniaturen zu lesen. Der Bezug zwischen Bild und Text ist von lockeren Anspielungen getragen. Das ist gerade für einen photographischen Flaneuer, wie es der Betrieber dieses Blogs ist, eine feine Sache und das schult auch den eigenen Blick – nicht nur fürs Schreiben, sondern auch wenn ich schlendere und auf Motive ziele. Unsere Augen sind es, die ordnen, so Cole. Dies gilt insbesondere für den literarischen Flaneuer, der sich die Szenen des Alltags besieht. Man kann in diesem Kontext von sehen, flanieren, photographieren, und insbesondere, was das Politische wie das Ästhetische betrifft, das ja ebenfalls im Politischen steckt, den Bezug zu Walter Benjamins Passagenwerk und seinen Baudelaire-Essays noch nennen. Der Strom von Bildern und Impressionen, der uns ereilt und das der Photograph in Licht bannt. Und Cole fügt dem Sichtbaren der Fotografie jenes Unsichtbare des Gedankens hinzu, der erst das Bild zu einem Bild macht.

„Aristoteles hat gesagt, die Seele denke nie ohne Bilder. Und Giordano Bruno sprach im Rückgriff auf ihn vom Denken als spekulativem Umgang mit von der Seele entworfenen Bildern.“

Doch was sind solche Bilder ohne Sprache, einfach nur als Bilder? Sätze drücken Sachverhalte aus, auch solche poetischer, imaginierter, fiktiver oder fiktionaler Natur. Was sagen (oder zeigen) uns Bilder? Akte der Interpretation, Akte des Beschreibens? In Coles Buch kommt man ins philosophische Nachdenken über das Verhältnis dieser beiden Medien, freilich ohne daß diese Sache irgendwie schulmeisterlich wirkte.

Genauso aber finden sich lyrische Reflexionen, schließlich ist Cole Dichter, oder fast schon Profan-Komisches in den Texten. Neben dem Bild unter der Überschrift „Wannsee“ heißt es:

„Ich schrieb ihr ‚Das Haus ist angenehm, aber wenige hundert Meter weiter hat Kleist sich erschossen.‘ Sie schrieb zurück: ‚Überall hat sich wenige Meter weiter jemand erschossen.‘“

Das Sarkastisch-Komische weist jedoch auf eine tiefere Schicht in diesem Buch, nämlich das Thema der Gewalt, das diese Foto-Essays immer wieder umkreisen: der IS in Syrien, Massaker in Indonesien, Rassismus in den USA, weltweiter Waffenhandel. In diesem Sinne ist Coles Buch politisch, ohne politisch eingreifend zu sein. Wir sehen eine Fotografie mit weißen Motorjachten auf dem tiefblauen Mittelmeer: Cole assoziiert dazu die blutige Ilias Homers und denkt dabei an ein Meer des Todes – in dem Menschen ertrinken. Solche Deutung ist einerseits pathetisch, doch weist sie auf unterschiedliche Ebenen von Kontext, die einen Ort ausmachten und wie sich Schichten von Bedeutung in einer Fotografie ineinander falten. Cole weiß aber zugleich um das Defizit des Fotos im Feld des Politischen:

„Fotografie taugt nicht zur Darstellung politischer Details oder politischer Tragweite. Die Politik ist eine Frage des Diskurses, und des diskursiven Kompromisses. Die Fotografie kann Gewalt und ihre Folgen zeigen, sie kann lächelnde Gesichter zeigen oder romantische Gefühle. Die Fotografie taugt ganz gut zur Metapher und zur Evokation. Politik aber ist anderswo, schwer in einen Rahmen zu pressen. Allenfalls kann ein fotojournalistisches Motiv etwas vom politischen Theater zeigen. Dabei wird möglicherweise unterschlagen, was an der Politik politisch ist. Leider fasst die Öffentlichkeit solches Bilder oft als politisches Faktum auf.“

Deutlich skeptischer übrigens als Cole sieht Susan Sontag die politischen Möglichkeiten der Fotografie. In ihrem Essayband Über Fotografie – der korrekt eigentlich Gegen Fotografie heißen müßte – schreibt sie:

„Das Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet.“

Dieser Skepsis – erst in ihrem Text Die Leiden anderer betrachten modifiziert Sontag ihre Sicht – versucht Cole eine Form von Fotografie gegenzusetzen, der dem Blick des Rezipienten Raum läßt.

Coles Texte sind Denk-Bilder. Meist gelingt ihm diese Faltung von Fotografie und Gedanke, und es entstehen spannende Wechselspiele. Aber das funktioniert nicht immer. Manche Bezüge bleiben beliebig. Wenn auf einer der Fotografien ein VW-Bus vor der Pfarrkirche St. Sebald in Nürnberg parkt und daneben ragt an der Mauer ein in Stein gemeißelt Jesus am Kreuz, so mag diese Szene vielfältige Bezüge eröffnen. Eine im Grunde zufällige und in gewissem Sinne auch surreale Anordnung. Im Text verkoppelt Cole diese Szene zur Bedeutungsschwere: das Autos als unser ständiger Begleiter – mehrfach spielen Autos in den Fotos eine Rolle –, das Kreuz als Sterbebegleiter, der VW als Kraft-durch-Freude-Auto. Doch ich als Leser sehe nicht recht, wie und weshalb es zusammengehört. Was dann auch noch der Abgasskandal sowie der daraus resultierende Fall von VW-Aktien mit einer Kreuzigungsszene zu tun haben, erschließt sich nicht. Der Bezug wirkt bemüht, die Prosa hier überdeterminert. Leider finden Bild und Text in Coles Buch nicht immer zusammen.

Aber im Fluß der Lektüre schadet es nicht, denn solche Passagen, wo die Anordnung brüchig wirkt, sind selten, zumal die gelungenen Fotografien immer auch für sich selbst stehen. Cole ist ein hervorragender Fotograf. Er schafft mit seiner analogen Kamera kleine Meisterwerke. Die Bilder sind auskomponiert, sie sind schön, obwohl sie oft hässliche oder banale Dinge zeigen, die Kamera zoomt meist nahe an den Gegenstand. Wir sehen ein Detail oder eine Straßenszene, jedoch auf keiner der Fotografien existiert ein Bild des Autors – kein „Selfie“.

Der Leser kann sich meist ein eigenes Bild machen, es gibt kaum aufdringlichen Foto-Botschaften, die belehren wollen. Der Leser blättert, schaut und wartet gespannt, was Cole aus dieser Fotografie herausliest. In diesem Sinne muß man das Buch langsam lesen, sich ins Bild vertiefen, dann den Text nehmen und beides im Zusammenspiel wie auch im Verbund mit den eigenen Bildeindrücken auf sich wirken lassen. Schön vor allem, daß in der Literatur die Fotografie endlich ihren Stellenwert erhält. Diese Kombination macht das Buch lesens- und betrachtenswert. Vielleicht ist Teju Coles Blinder Fleck gar ein Stundenbuch – der oft religiöse Kontext zumindest legt es nahe. Eine Übung in Langsamkeit in hektischer Epoche: Bilder und Texte wieder mit dem nötigen Maß an Zeit aufzunehmen, um die Sinne zu schulen, um eigene Gedanken schweifen zu lassen.

Das Wort Phantasie kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet „Erscheinung“, aber auch „Einbildung“ und „Vor-Augen-Stellen“. Eine Fotografie zeigt uns etwas, sie bringt etwas zum Erscheinen, aber erst die Interpreten des Betrachters und, in Coles Fall, die des Erzählers vermag es, sie mit einer besonderen Bedeutung aufzuladen und ein Bild erst zum sprechen zu bringen.

Teju Cole, Blinder Fleck, Hanser Berlin 2018, 352 Seiten, 38,00 EUR, ISBN 978-3-446-25850-1

 

Schöne Fremde – Teju Coles Reisebericht „Jeder Tag gehört dem Dieb“

Cole_24772_MR1.indd„Hic sunt leones“ schwang sich als Schrift früher auf Landkarten, darunter die kunstvolle Radierung eines Löwen, um die weißen Flecken der Welt zu markieren. Eine solche terra incognita ist für die meisten Nigeria. Wer keinen Grund hat, dorthin zu fliegen, wird es nicht tun. Um so besser, daß es Teju Coles wunderbaren Bericht aus Lagos gibt: „Jeder Tag gehört dem Dieb“. Nun ist jedoch diese Reise, die Cole oder genauer gesagt der Ich-Erzähler unternimmt, keine gewöhnliche, sondern er begibt sich für einige Zeit in sein Geburtsland und in seine Heimat zurück. Inzwischen lebt Cole in den USA und wurde durch seinen Roman „Open City“  bekannt. „Jeder Tag gehört dem Dieb“ erschien zuerst 2007 in Nigeria und wurde erst 2015 ins Deutsche übersetzt. Es ist Coles erstes Buch.

Wer lange fort war, sieht die Welt, in der er aufwuchs und wo Teile der Familien immer noch leben, mit anderen Augen: Fremder zwar, aber in irgend einer Weise dazugehörig – zumindest zu einem geringen Teil, weil die Kultur einer Region, die Mentalität einer Stadt sich nie ganz herauswachsen – mag man auch Jahrzehnte auswärts gelebt haben. Ebenso daß der Erzähler die Sprache spricht und insbesondere seine Hautfarbe, wenngleich etwas heller als die anderer Schwarzer, tragen dazu bei, daß er nicht sofort als Fremder wahrgenommen wird. Auch das ein Thema, denn die meisten in der BRD lesen das Buch unter der Optik eines Weißen, mitten unter Weißen. Hier aber sind wir in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent und begleiten einen Erzähler dabei, wie er flink und geschmeidig, aber doch auf Leib und Leben achtend, durch Lagos sich bewegt. Eine Stadt mit „non-linearem Wesen“, wuchernd, chaotisch strukturiert. Ein Behemoth, so nennt Cole sie.

Cole bzw. der Erzähler blickt auf diese Stadt, weil er sie als Teil seines Lebens ergründen oder zumindest doch erfahren will, und mit seinen Augen sehen wir, was er sieht, wie jener Erzähler betrachtet und registriert. Wie es ihm in der fremden Heimat ergeht. In diesem Sinne ist das Buch ein Flaneur-Roman. Daß es überhaupt ein Roman sein könnte, entnimmt man nicht dem Ton dieser Geschichten, die wie ein essayistischer Reisebericht gehalten sind, sondern einem Hinweis auf der Impressumsseite in Kleindruck – literarischer Trick und Spiel mit der Fiktion, Schutz, Haftungsausschluß, wie auch immer: „Jeder Tage gehört dem Dieb ist ein fiktionales Werk. Sämtliche Namen, Figuren, Schauplätze und Handlungen sind Erfindungen des Autors oder werden fiktiv verwendet.“ Den Text unterbrechen allerdings Photographien. Insofern suggeriert dies den schönen Effekt der Dokumentation. Wobei es schade ist, daß die Photos nicht auf schönerem Papier und größer gedruckt sind. Ich hätte mir parallel zu diesem Buch einen Bildband von Cole gewünscht, der die Sicht des Photographierenden intensiviert, das was sich nicht in Sprache übersetzen läßt. Gerade in den Photos erfahre ich neben den Beschreibungen zentrale Aspekte wie Straßen, Kleidung und den Rhythmus des Lebens.

Die „Ekstase der Ankunft“, die der Erzähler empfindet – die meisten kennen sie, wenn wir reisen. Der Geruch des Südens, nach Meer oder fremder Landschaft auf einem Flughafen. Aber die Ernüchterung kommt schnell: „innerhalb von fünfundvierzig Minuten bin ich mit drei eindeutigen Fällen von behördlicher Korruption konfrontiert.“ Daheim sein und doch ein Fremder, denn der Blick auf Menschen und Leben ist nach den Jahren in den USA ein anderer. Cole schildert die Grundprobleme Nigerias, die sich in Lagos wie unter einem Brennglas bündeln. Da wirkt zunächst noch das Vergangene nach, das nach Faulkner, den Cole zitiert, nicht tot ist, es ist nicht einmal vergangen: Kolonialismus und Sklavenhandel:

„Einst war New Orleans der größte Umschlagplatz für menschliche Fracht in die Neue Welt. 1850 gab es fünfundzwanzig Sklavenmärkte in der Stadt. Das ist nur deshalb ein Geheimnis, weil niemand etwas davon wissen will. (…) dieser Teil der Geschichte ist heute buchstäblich versunken und war es schon lange vor der letzten großen Flut – er wurde versenkt in Trinkgelagen, Jazz und Mardi Gras. High times, die beste Medizin gegen Geschichte.“

Aber es ist schlicht zu simpel, allein den Kolonialismus für alle Übel verantwortlich zu machen, zumal Nigeria seit 1960 von Großbritannien unabhängig ist. Reich ist Nigeria zwar durch Ölvorkommen, aber das erwirtschaftete Geld wandert in die Kassen von Konzernen und in die Taschen von Kleptokraten.

Da ist vor allem die Korruption und die Neben-Ökonomie, die dem Erzähler an allen Ecken und Enden der Stadt begegnet. Sie fängt schon bei den Reisevorbereitungen im Konsulat in New York an, wo Bearbeitungsgebühren erhoben werden, die niemals für den Staat bestimmt sind. Und in Lagos sind es die Polizisten und die Soldaten, die sich ihr Zubrot verdient, in dem sie vermeintliche Übertretungen ahnden. Oder Händler, die betrügen und Straßenbanden, die rauben. Denn die Löhne reichen zum Leben nicht aus. Auch die Bevölkerung sowie deren Einstellung tragen ihren Teil an der Misere des Landes:

„dass niemand irgendetwas im Griff hat und niemand für irgendetwas verantwortlich ist. Das Leben in Nigeria, insbesondere in Lagos, erfordert unablässige Wachsamkeit.“

„Früher war die Regierung das Problem, doch wer heute in Lagos vor die Tür tritt, begegnet der Tyrannei in Gestalt seiner Mitbürger, deren Ethik durch jahrelanges Leid und ein Leben am Rande der Verzweiflung erodiert worden ist.“

Ein weiteres Problem ist die Magie und der Aberglaube: „Nichts hat natürliche Ursachen. Der Glaube an Magie und an die Kräfte des Bösen ist weit verbreitet. Und als wäre dieser Animismus nicht genug, breiten sich neuerdings die evangelikalen Christen im Lande aus, vor allem im Süden.“ Nicht daß ein alter Mann starb, weil er krank war, sondern weil er das Opfer schwarzer Magie wurde. Fanatische Religionen als Geißel. Evangelikale Kirchen sind „eines der größten Wirtschaftsunternehmen Nigerias geworden, an jeder Straßenecke schießen neue Ableger und Gemeinden wie Pilze aus dem Boden. Diese Christen sind militant und predigen eine durchschlagkräftige Mischung aus Furcht vor der Hölle und Liebe zum finanziellen Erfolg.“

Cole beobachtet jedoch nicht aus der Perspektive einseitig-absurder Critical Whiteness, deren Critical, meist „Jenseits von Afrika“, eher an selbstgefälliges Moralisieren erinnert, sondern er schreibt unter doppelter Optik: der Perspektive des Schwarzen, der einmal in diesem Land geboren war und in seine Heimat zurückkehrt, aber inzwischen mit dem Blick des Westlers, von seiner anderen Heimat her, auf Nigeria schaut und Mängel wahrnimmt, die nur bedingt mit der Herrschaft der Weißen zusammenhängen. Das Verhältnis von Sein und Bewußtsein zeigt sich auch hier. Koloniale Strukturen sowie christliche Religion und eine bestimmte Mentalität samt autochthonem Aberglaube bilden eine unheilvolle Melange. Cole nimmt sie wahr und benennt sie in pointierten Sätzen, ohne die Menschen zu denunzieren. Gerade dieser perspektivische Blick macht das Buch für Europäer interessant und lesenswert. Wir schauen mit Coles Augen, die ja durchaus auch die unsren sind. Wir sehen, wie er mit Entsetzen den Verfall beschreibt. Aber wir spüren ebenso, durch Coles Sprache, wie faszinierend und anregend diese Stadt Lagos sein kann. Ohne diese Fremde sogleich sozialromantisch als schöne Fremde zu verklären. Es mischt diese Prosa differenziert, und es läßt sich der Beobachter trotz so viel Trostlosem doch nie entmutigen:

„Und dennoch. Dieser Ort übt eine elementare Anziehungskraft auf mich aus. Seine Faszinationskraft ist unendlich. Die Leute reden ununterbrochen, angetrieben von einem Realitätsempfinden, das mir fremd ist. Sie haben wunderbare Lösungen für unangenehme Probleme parat; ich erkenne darin eine Vornehmheit des Geistes, wie sie selten ist auf diesem Planeten. Doch ich sehe auch viel Leid.“

„Während dieser ziellosen Spaziergänge komme ich wirklich in der Stadt an. Die Tage vergehen. Und gegen eine Erwartung schwelge ich nicht in meiner Kindheit. Ich suche meine alte Schule nicht auf, ich forsche nicht nach alten Freunden.“

Am Ende aber steigt der Reisende von Malaria oder einer anderen Krankheit geschüttelt in den Flieger, der ihn zurück in die USA bringt. Was bleibt von Lagos? Die Kunst des Flanierens? Nein, das Buch erschöpft sich nicht in purem Ästhetizismus, der verklärt, oder in zweckfreiem Schlendern. Es mischt genau richtig die Temperamente und Töne.

„Keine zwei Straßen verlaufen parallel. Wenn ich meinen Orientierungssinn verliere, wird mir mulmig zumute. Die fehlende Kenntnis meines Standorts setzt mich Gefahren aus, und immer besteht das Risiko, mit Feindseligkeit konfrontiert zu werden. Andererseits muß ich meine Sicherheiten aufgeben, damit ich die Stadt in ihrer reinen Erscheinung erleben und mich treiben lassen kann, ohne zu wissen, was mich hinter der nächsten Straßenecke erwartet.“

„Jeder Tag gehört dem Dieb“ endet mit einer wunderbaren Flanier- und Wahrnehmungsszene, die noch einmal ein ganz anderes Lagos einfängt: Das der Toten, das der Ruhe, das von Menschen, die Menschen sind. Man mag diese Würde, die Cole zu sehen vermeint, als Sozialkitsch abtun. Aber es zeigt doch, wie intensiv man eine Stadt in ihrer Vielschichtigkeit wahrnehmen kann. Für alle Reisenden, die ihren Blick schulen möchten und die lernen wollen, wie man aufschreibt und Eindrücke notiert, ist dieses Buch eine feine und unprätentiöse Anleitung zum Betrachten der Fremde. Und für die, die mehr über ein fernes Land wissen möchten, ein guter Einstieg.

Teju Cole: Jeder Tag gehört dem Dieb, Hanser Verlag Berlin, 176 S., 18,90 EUR